Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Mark Twains
Humoristische Schriften
Neue Folge 2. Band
Querkopf Wilson
Roman
von
Mark Twain
Autorisiert
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1905
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart
Erstes Kapitel.
Im Staate Missouri, auf dem rechten Ufer des Mississippi, liegt die
Stadt, welche der Schauplatz dieser Geschichte ist. Sie heißt Dawson,
und man muß von St. Louis bis dahin noch sechs Stunden mit dem
Dampfboot stromabwärts fahren.
Der Ort bestand im Jahre 1830 aus einer Anzahl freundlicher ein- oder
zweistöckiger, weißgetünchter Häuser, die über und über mit einem
Gewirre von Schlingrosen, Jelängerjelieber und vielfarbigen Winden
bedeckt waren. Zu jeder dieser hübschen Heimstätten gehörte auch
ein Vorgärtchen mit weiß angestrichenem Staketenzaun. Dort blühten
Goldlack, Stockrosen, Federnelken, Balsaminen und andere altmodische
Blumen in üppiger Fülle, während auf den Fensterbrettern Holzkästen
mit Moosrosen prangten und Geranien in Blumentöpfen ihr feuriges Rot
mit der zarteren Farbe der Schlingrosen mischten, die an der Mauer in
die Höhe kletterten. Wenn draußen auf dem Blumenbrett neben Kästen
und Töpfen noch Raum war, so lag -- falls die Sonne schien -- sicher
eine Katze da. Lang ausgestreckt, schlief sie in wohligem Behagen mit
einer Pfote an der Nase und wärmte sich den weichen Pelz. Dies war der
offenkundigste Beweis und ein unfehlbares Zeichen, daß in dem Hause
Glück und Zufriedenheit wohnten; natürlich mußte die Katze aber gut
gefüttert, wohl versorgt und in Ehren gehalten sein. Eine Familie, die
sich keine Katze hält, kann in vollkommener Gemütlichkeit leben, aber
welches Mittel hat sie, es vor der Welt kund zu thun?
Auf beiden Seiten war der gepflasterte Bürgersteig in der ganzen
Länge der Straßen am äußeren Rand mit Akazien eingefaßt, deren
Stämme eine hölzerne Schutzvorrichtung hatten. Die Bäume spendeten
im Sommer Schatten und im Frühling süßen Duft, wenn sie ihre reichen
Blütensträuße aufthaten. Das Geschäftsleben der Stadt beschränkte
sich ganz auf die Hauptstraße, die etwas vom Fluß entfernt, mit
diesem in gleicher Richtung lief. In jedem ihrer Häuserviertel ragten
zwei oder drei mehrstöckige, steinerne Warenhäuser hoch über die aus
Holz gebauten, dazwischen liegenden Kaufläden empor. Erhob sich ein
Windstoß, so wurden die schwingenden Aushängeschilder längs der ganzen
Straße knarrend hin- und herbewegt. Die blau und weiß gestreifte
schräge Stange mit dem Becken, war das Abzeichen der Barbierläden in
Dawson, und an einer Ecke stand hoch aufgerichtet ein unangestrichener
Pfahl, der von oben bis unten mit allerlei Blechwaren, Töpfen, Tiegeln
und Pfannen bekränzt war, die im Winde laut klapperten, um anzuzeigen,
daß hier der erste Klempner der Stadt sein Geschäft betrieb.
Das klare Wasser des Stromes bespülte die vordersten Häuser des
Ortes, welcher sich dann einen Abhang hinaufzog und sich immer weiter
zerstreute. Die letzten Gebäude reichten bis an den Fuß der steil
emporragenden Berge, die bis zum Gipfel dicht bewaldet waren und die
Stadt im Halbkreis umgaben.
Viele Dampfboote kamen etwa jede Stunde stromaufwärts und -abwärts
vorbeigefahren. Die Schiffe der kleinen Cairo- und der kleinen
Memphislinie legten immer an, aber die großen Dampfer von New-Orleans
hielten nur gelegentlich, um Grüße zu tauschen oder Passagiere und
Frachtgüter aufzunehmen. Ebenso machten es die zahlreichen Fahrzeuge,
die von rechts und links aus den Nebenflüssen kamen -- aus dem
Illinois, dem Missouri, dem oberen Mississippi, dem Ohio, dem
Monongahela, dem Tennessee, dem Roten Fluß, dem Weißen Fluß und wie
sie alle heißen. Diese Dampfer waren nach den verschiedensten Orten
unterwegs und versorgten mit ihrer Ladung sämtliche Gemeinwesen am
Ufer des Mississippi. Durch ein neunfach wechselndes Klima, von den
nördlichen Fällen bei St. Anthony, bis in das glühend heiße New-Orleans
hinunter, brachten sie allen Anwohnern, was zu ihrer Notdurft und jeder
nur erdenklichen Bequemlichkeit erforderlich war.
Die Bewohner von Dawson hielten sich Sklaven, welche die einträgliche
Schweinezucht besorgen und das fruchtbare Getreideland ringsum bebauen
mußten. Es war eine ruhige, wohlhäbige und zufriedene Stadt, vor
fünfzig Jahren erbaut und in zwar langsamem, aber stetigem Wachstum
begriffen. Ihr angesehenster Bürger, York Leicester Driscoll, zählte
etwa vierzig Jahre und war Richter am Bezirksgericht. Stolz auf seine
vornehme, altvirginische Abkunft, strebte er stets, es seinen Vorfahren
gleich zu thun, nicht nur in betreff der Gastlichkeit, sondern auch
durch sein etwas förmliches, würdevolles Wesen. Er war freigebig
und gerecht, auch genoß er die größte Hochachtung und Liebe seiner
Mitbürger. Sein ganzes Trachten ging dahin, ein Edelmann zu sein ohne
Furcht und Tadel. Das war seine einzige Religion, der er unverbrüchlich
treu blieb. Von Haus aus wohlhabend, vermehrte er seinen Besitz noch
mit der Zeit, und es fehlte ihm und seiner Frau nur _eines_, um ganz
glücklich zu sein: sie hatten keine Kinder. Je mehr Jahre dahinflossen,
um so sehnlicher wünschten sie einen solchen Schatz ihr eigen zu
nennen, aber der Segen blieb aus und ihr Verlangen ward nicht erfüllt.
Im Hause dieses Ehepaares lebte noch Frau Rahel Pratt, Herrn Driscolls
verwitwete Schwester, gleichfalls kinderlos und tief bekümmert darüber.
Die Frauen waren gute einfache Menschen, die ihre Pflicht thaten
und ihren Lohn in einem ruhigen Gewissen und der Anerkennung ihrer
Gemeindegenossen fanden. Sie gehörten zur presbyterianischen Kirche,
während der Richter ein Freidenker war.
Ein anderer Abkömmling aus einer der ersten Familien von Alt-Virginien
war Pembroke Howard, der Rechtsanwalt, etwa vierzigjährig und
unverheiratet, ein wackerer, stattlicher Herr, der streng auf Ehre und
Ansehen hielt und in aller Höflichkeit bereit war, jeden, der an irgend
etwas, das er gesagt oder gethan hatte, den geringsten Anstoß nahm,
vor seine Klinge zu fordern oder ihm mit jeder beliebigen Schieß- oder
Hiebwaffe Genugthuung zu geben. Er stand bei aller Welt in Gunst und
war der beste Freund des Richters.
Ferner erwähnen wir den Oberst Cecil Burleigh Essex, auch einen
furchtbar vornehmen Herrn aus den Südstaaten, aber mit ihm haben wir
weiter nichts zu schaffen.
Percy Northumberland Driscoll, ein um fünf Jahre jüngerer Bruder
des Richters, war verheiratet. Seiner Ehe entsproßten auch mehrere
Kinder, die aber leider von Masern, Kroup und Scharlachfieber befallen
wurden und dadurch dem Doktor Gelegenheit gaben, seine wirksamen,
vorsintflutlichen Arzneimittel anzuwenden. Da wurden die Wiegen wieder
leer. Uebrigens war der Bruder des Richters ein wohlhabender Mann, auch
ein kluger Kopf in spekulativen Geschäften, und sein Besitzstand wuchs.
Am ersten Februar 1830 wurden in seinem Hause zwei Knäblein geboren,
eins gehörte ihm und das andere einer seiner Sklavinnen, der
zwanzigjährigen Roxana, meist Roxy genannt. Diese stand schon am selben
Tage wieder auf und hatte alle Hände voll zu thun, denn sie mußte beide
Neugeborenen versorgen.
Frau Percy Driscoll starb, ehe noch eine Woche um war, und die Pflege
und Wartung der Kleinen wurde ausschließlich Roxy anvertraut. Sie
konnte dabei ganz nach eigenem Gutdünken verfahren, denn Herr Driscoll
vertiefte sich bald wieder in seine Geschäftsangelegenheiten und ließ
sie thun, was sie wollte.
Im Laufe desselben Monats Februar hatte sich auch ein neuer Einwohner
in Dawson niedergelassen. Dies war David Wilson, ein junger Mann von
schottischer Abstammung, der aus seiner Geburtsstadt im Staate New-York
nach jener abgelegenen Gegend gewandert kam, um sein Glück zu suchen.
Er hatte eine höhere Bildungsanstalt durchgemacht und dann noch mehrere
Jahre auf einer der Rechtsschulen Neuenglands studiert. Fünfundzwanzig
Jahre alt, nicht hübsch, mit sandfarbenem Haar und einem Gesicht
voll Sommersprossen, machte er doch einen angenehmen Eindruck. Seine
klugen blauen Augen schauten offen und freimütig drein und sie konnten
zuweilen recht schalkhaft zwinkern.
Seine Laufbahn in Dawson wäre gewiß gleich beim Anbeginn vom Glück
begünstigt gewesen, hätte er nicht schon am ersten Tage eine unselige
Bemerkung gemacht, welche die Leute gegen ihn einnahm. Er befand sich
eben im Gespräch mit mehreren Bürgern, deren Bekanntschaft er gemacht
hatte, als ein unsichtbarer Hund ein so widerwärtiges Gekläff, Geknurre
und Geheul begann, daß man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Da
sagte der junge Wilson vor sich hin, wie jemand, der laut zu denken
pflegt:
»Wenn mir doch die Hälfte von dem Hund gehörte!«
»Weshalb denn?« fragte einer.
»Damit ich den Teil, der mein wäre, umbringen könnte.«
Die Leute sahen ihm neugierig forschend und ängstlich ins Gesicht,
aber sein Ausdruck verriet ihnen nichts -- sie fanden keine Erklärung
darin. Einer nach dem andern schlich beiseite, als ob es ihm unheimlich
würde in Wilsons Nähe. Unter sich kamen sie dann wieder zusammen und
besprachen den Vorfall mit einander.
»Der scheint mir ein Narr zu sein,« sagte einer.
»Er _ist_ ein Narr, verlaßt euch drauf,« meinte ein anderer.
»Wie einfältig, zu sagen, er wollte, daß ihm der Hund zur Hälfte
gehörte,« fiel der dritte ein. »Was glaubt er denn, der Tropf, daß aus
dem Rest des Tieres wird, wenn er seinen Anteil umbringt? Meint er
etwa, es wird am Leben bleiben?«
»Natürlich muß er das gedacht haben, sonst wäre er der größte
Schafskopf. Hätte er vorausgesehen, daß wenn er seine Hälfte umbrächte,
der andere Teil auch stürbe, so müßte er auch wissen, daß man ihn dafür
ganz ebenso verantwortlich machen würde, als ob er die fremde Hälfte
statt seiner eigenen tot geschlagen hätte. -- Nun -- habe ich recht
oder unrecht?«
»Versteht sich, ganz recht,« erscholl es einstimmig und dann bestätigte
jeder einzelne, was er von ihm hielt.
»Meiner Ansicht nach ist der Mensch nicht bei Sinnen,« sprach der erste.
»Jedenfalls hat er einen Knacks,« ließ sich der zweite hören.
Nummer drei sagte: »Ein rechter Einfaltspinsel!«
»Freilich,« bestätigte Nummer vier, »das Muster von einem Hansnarren.«
»Ich halte ihn für einen echten Dämelack,« äußerte Numero fünf. »Wer
anderer Meinung ist, dem bleibt es unbenommen, aber, das ist meine
Auffassung.«
»Ganz einverstanden, werte Herren,« versicherte Numero sechs. »Ein
Esel, wie er im Buche steht. Ja, ich glaube, es ist nicht zu viel
behauptet, wenn ich sage, daß er der größte Querkopf ist, den ich im
Leben gesehen habe. Ja, ja, -- ein Querkopf, wie es keinen zweiten
giebt -- und dabei bleibt’s.«
So war denn Wilsons Urteil gesprochen. Die Geschichte flog wie ein
Lauffeuer durch die Stadt, sie war in aller Munde. Ehe noch eine Woche
verging, hatte er seinen Taufnamen verloren und hieß statt dessen nur
noch der ›Querkopf‹. Mit der Zeit wurde er allgemein geschätzt und
beliebt, aber der Spitzname hatte sich schon so fest eingenistet, daß
er ihn nicht wieder los wurde. Er war nun einmal von Anfang an für
einen Narren erklärt worden und der Spruch ließ sich weder drehen
noch wenden. Zwar hatte die Bezeichnung bald keine feindselige oder
unfreundliche Bedeutung mehr, aber sie haftete ihm dauernd an, volle
zwanzig Jahre lang.
Zweites Kapitel.
Mit der kleinen Summe Geldes, die Wilson bei seiner Ankunft besaß,
kaufte er eins der letzten Häuschen am äußersten Westende der Stadt.
Von dem Driscollschen Wohnhaus trennte ihn nur ein großer, mit Gras
bewachsener Hof, den ein Lattenzaun in zwei Hälften teilte. Sein
Geschäftsbureau mietete er unten in der Stadt und hing ein Blechschild
heraus, auf dem zu lesen stand:
_David Wilson,
Rechtsanwalt und Notar._
Ausfertigung von gerichtlichen Urkunden, Kostenanschlägen
u. s. w.
Aber jene erste unglückselige Bemerkung hinderte sein Fortkommen als
Advokat gänzlich. Es stellten sich keine Klienten ein. So nahm er denn
das Schild nach einer Weile wieder herunter und hing es mit veränderter
Inschrift an seinem eigenen Hause auf. Er bot jetzt dem Publikum seine
bescheidenen Dienste als Landmesser, Buchhalter und Rechnungsführer
an. Gelegentlich bekam er auch Arbeit: ein Feld zu vermessen oder die
Bücher eines Kaufmanns in Ordnung zu bringen. Mit echt schottischer
Geduld und Ausdauer nahm er sich vor, seinem ungünstigen Ruf zum
Trotze es doch noch einmal zu einer Anwaltspraxis zu bringen. Der arme
Mensch konnte freilich nicht voraussehen, welche jahrelange Mühsal ihn
das kosten würde.
Er hatte natürlich großen Ueberfluß an müßiger Zeit, aber das lastete
nicht schwer auf ihm; denn für jede neue Erfindung auf geistigem Gebiet
interessierte er sich eifrig und stellte sofort die darauf bezüglichen
Versuche bei sich daheim an. Zu seinen besonderen Liebhabereien gehörte
es, die Linien der menschlichen Hand zu entziffern. Er hatte auch noch
ein anderes Steckenpferd, das er anscheinend nur zur Unterhaltung
betrieb, denn den eigentlichen Zweck desselben wollte er niemand
erklären, auch gab er ihm keinen Namen. Seine Liebhabereien -- das
hatte er bald herausgefunden -- trugen nur noch mehr dazu bei, ihn in
den Ruf eines Querkopfs zu bringen, und so hütete er sich wohl, zu
viel davon laut werden zu lassen. Das Steckenpferd ohne Namen war eine
Sammlung von Abdrücken der Fingerspitzen verschiedener Leute. In seiner
Rocktasche führte Wilson immer einen flachen Kasten bei sich, welcher
innen Falze hatte, in denen fünf Zoll breite Glasplättchen steckten.
Auf jedem der Gläser war unten ein Stück weißes Papier aufgeklebt.
Nun bat er irgend jemand, sich mit der Hand durchs Haar zu fahren,
(wodurch sich etwas von dessen natürlicher Fettigkeit den Fingern
mitteilte) und zuerst den Daumen, dann jede einzelne Fingerspitze der
Reihe nach auf einem Glasplättchen abzudrücken. Auf dem Zettel unter
den fünf schwachen Fettflecken, die so entstanden, verzeichnete er
genau Namen, Jahr und Datum, z. B.: John Smith, rechte Hand -- nahm
dann den Abdruck von Smiths linker Hand auf einer andern Glasplatte
und notierte auch dies pünktlich auf dem weißen Zettel. Beide Gläser
kamen nun wieder in den Kasten und wurden Wilsons Sammlung einverleibt.
Er nannte sie seine ›Protokolle‹ und war oft stundenlang, ja bis tief
in die Nacht hinein beschäftigt, sie mit der größten Genauigkeit zu
prüfen und zu untersuchen. Ob er aber irgend etwas darin entdeckte,
und was das möglicherweise sein konnte, verriet er niemand. Manchmal
zeichnete er auch eins der so gewonnenen, zarten, verschlungenen Muster
des obersten Fingergliedes auf Papier und machte dann eine riesige
Vergrößerung davon mit Hilfe des Storchschnabels, so daß er das Gewebe
der geschweiften Linien ganz ohne Mühe nach Belieben betrachten konnte.
An einem drückend heißen Nachmittag -- es war der erste Juli 1830
-- saß er in seinem Studierzimmer, das, nach Westen gelegen, auf
eine Anzahl leerer Baustellen hinausging. Neben ihm lag ein Stoß
Rechnungsbücher, die er in Ordnung bringen sollte. Ein Gespräch, das
draußen geführt wurde, störte ihn bei der Arbeit. Die beiden Personen
mußten nicht dicht beisammen sein, denn sie schrieen einander laut zu.
»Sag’ mal, Roxy, was macht dein Kleiner, gedeiht er gut?« tönte es von
fern her.
»Das will ich meinen, und du, Jasper, bist du auch auf dem Strumpf?«
schrie es in nächster Nähe.
»Na, es macht sich, kann nicht klagen. Bald komm ich zu dir, Roxy, ich
will dich freien.«
»Untersteh’ dich, du abscheulicher Schmutzfink! Hahaha! Das fehlte mir
noch, mich mit so ’nem schwarzen Nigger abzugeben wie du einer bist.
Der alten Tante Cooper ihre Nancy hat dir wohl den Laufpaß gegeben?«
Roxys sorgloses Gelächter schallte wieder hell durch die Luft.
»Bist eifersüchtig, Roxy! Wahrhaftig ja -- hahaha! Hab’s erraten, du
Dirne!«
»Oho, was du dir nicht einbild’st! -- Gieb nur acht, daß dein Dünkel
nicht nach innen schlägt, sonst bringt er dich noch um. Wenn du mir
gehören thätest, verkaufte ich dich lieber heut wie morgen flußabwärts
-- du treibst’s zu bunt. Wart’ nur, ich sag’ deinem Herrn, er soll’s
thun, sobald ich ihn seh’.«
So ging dies leere müßige Geschwätz noch endlos fort, denn die beiden
fanden ihr Wortgefecht sehr unterhaltend und witzig und waren stolz auf
die schlagfertigen Antworten, die sie gaben.
Wilson trat ans Fenster, um das Paar näher zu betrachten. Bis das
Geplapper aufgehört hatte, konnte er doch nicht arbeiten.
Drüben auf dem Bauplatz in der glühenden Sonne saß Jasper, ein junger
kohlschwarzer Neger von prächtigem Wuchs, auf einem Schiebkarren. Statt
seinem Geschäft nachzugehen, ruhte er erst ein Stündchen aus, um zum
Beginn der Arbeit Kräfte zu sammeln. Vor Wilsons Veranda aber stand
Roxy neben dem nach Landessitte geflochtenen Kinderwagen, worin ihre
beiden Pflegebefohlenen, jeder an einem Ende, einander gegenüber saßen.
Nach Roxys Redeweise zu urteilen, hätte man sie für eine Schwarze
halten sollen, aber da irrte man sich gewaltig. Was etwa farbig an ihr
war -- höchstens der sechzehnte Teil -- das sah man nicht. Ihre hohe
Gestalt, ihre stolze Miene und Haltung machten einen majestätischen
Eindruck; in jeder Bewegung, jeder Gebärde prägte sich edle Anmut und
Würde aus. Sie war sehr weiß und zart, die Wangen rosig angehaucht
von Kraft und Gesundheit, auch hatte sie ein wohlgeformtes, kluges,
anziehendes Gesicht, charakterfeste ausdrucksvolle Züge, braune,
feuchtschimmernde Augen und schönes braunes Haar, dessen üppige Fülle
sie jedoch unter einem buntkarrierten Tuch verbarg, das sie turbanartig
um den Kopf gebunden trug. Ihr Benehmen unter ihresgleichen war frei
und ungezwungen, doch dabei etwas herrisch und von oben herab; aber
natürlich war sie in Gegenwart weißer Leute die Demut und Fügsamkeit
selbst.
Dem Ansehen nach war Roxy wirklich so weiß, wie man nur irgend sein
konnte, aber ihr eines farbiges Sechzehntel schlug alle anderen
fünfzehn Sechzehntel aus dem Felde und machte sie zur Negerin,
zur verkäuflichen Sklavin. An ihrem Kinde war sogar nur ein
Zweiunddreißigstel farbig, aber es galt dennoch nach Gesetz und Sitte
für einen Neger und Sklaven. Es hatte blaue Augen und blonde Locken,
wie sein kleiner weißer Altersgenosse; aber selbst der Vater des weißen
Knaben, der sich nur wenig um die Kinder bekümmerte, konnte sie an
der Kleidung unterscheiden: der kleine Weiße trug ein feines, reich
mit Falbeln besetztes Musselinkleidchen und ein Korallenhalsband,
während der andere keinerlei Schmuck besaß und nur ein grobes leinenes
Hemd anhatte, das ihm kaum bis zu den Knieen reichte. Der weiße
Knabe hieß Thomas ~à~ Becket Driscoll, der andere Valet de Chambre,
ohne Vatersnamen -- den durfte kein Sklave führen. Roxana hatte die
Benennung irgendwo aufgeschnappt; der Klang gefiel ihr, und da sie
glaubte, es sei ein Rufname, beglückte sie ihren Liebling damit.
Natürlich wurde er bald in ›Schamber‹ abgekürzt.
Wilson hatte Roxy schon öfters gesehen, und als sich das Wortgeplänkel
zu Ende neigte, trat er vors Haus, um ein paar Abdrücke zu sammeln.
Sobald Jasper ihn gewahrte, gab er seinen Müßiggang auf und ging eifrig
an die Arbeit, während Wilson die Kinder in Augenschein nahm.
»Wie alt sind sie, Roxy?« fragte er.
»Beide gleich alt, -- gerade fünf Monat. Am ersten Februar geboren.«
»Ein paar nette Kerlchen. Einer so hübsch wie der andere.«
Roxy lachte vor Vergnügen übers ganze Gesicht und zeigte ihre weißen
Zähne.
»Schönen Dank, Massa Wilson, wie gut von Ihnen, das zu sagen, denn
einer ist ja bloß ein Neger, wissen Sie. Der niedlichste kleine Neger
von der Welt, sag’ ich immer, aber natürlich nur, weil es meiner ist.«
»Wie unterscheidest du sie denn, Roxy, wenn sie keine Kleider anhaben?«
Sie brach in ein ungeheures Gelächter aus.
»O, ich kenne sie schon von einander; aber Massa Percy -- da wett’ ich
drauf -- der könnte sie nicht unterscheiden -- um keinen Preis, nein,
nein.«
Wilson plauderte noch ein Weilchen fort, dann nahm er einen Abdruck von
Roxys Fingerspitzen für seine Sammlung -- rechte Hand und linke Hand
-- auf zwei Glasplättchen, schrieb Namen und Datum auf den Zettel und
machte es mit den Händchen der Kleinen ebenso.
Zwei Monate später, am dritten September, ließ er sich die Abdrücke des
Dreiblatts noch einmal geben. Bei Kindern pflegte er in kürzeren Pausen
die Aufnahmen vorzunehmen, bei älteren Leuten in Pausen von einigen
Jahren.
Tags darauf -- das heißt am vierten September -- fand ein Ereignis
statt, das einen tiefen Eindruck auf Roxana machte. Herr Driscoll
vermißte abermals eine kleine Summe Geldes -- womit angedeutet werden
soll, daß das nichts Neues war, sondern sich schon mehrmals wiederholt
hatte; es geschah bereits zum vierten Mal.
Driscoll verlor endlich die Geduld. Er war kein hartherziger Mann;
Sklaven und andere Tiere behandelte er stets mit Milde, gegen irrende
Brüder von seiner eigenen Rasse zeigte er sogar große Nachsicht. Aber
Unredlichkeit verabscheute er, und offenbar war ein Dieb im Hause. Es
konnte nur einer seiner Neger sein. Da galt es scharfe Maßregeln zu
ergreifen. Er rief die Dienerschaft zusammen, welche außer Roxy noch
aus drei Personen, einem Mann, einer Frau und einem zwölfjährigen
Knaben bestand; verwandtschaftliche Beziehung hatten sie nicht zu
einander.
»Ich habe euch alle schon mehrmals gewarnt, aber es ist umsonst
gewesen. Diesmal will ich Ernst machen. Der Dieb wird verkauft. Wer von
euch ist der Schuldige?«
Es schauderte ihnen bei dieser Drohung; hier waren sie gut aufgehoben,
jeder Wechsel brachte höchst wahrscheinlich eine Verschlechterung. Alle
leugneten standhaft. Niemand hatte etwas gestohlen -- wenigstens kein
Geld -- vielleicht ein Stückchen Zucker oder Kuchen, einen Löffel
Honig oder dergleichen, worauf es Massa Percy nicht weiter ankam --
aber kein Geld -- auch nicht einen Cent. Sie beteuerten es mit großer
Zungengeläufigkeit, allein Herr Driscoll ließ sich nicht rühren. »Nenne
den Dieb!« war alles, was er jedem mit strenger Stimme erwiderte.
Thatsächlich waren alle schuldig, außer Roxana, die zwar argwöhnte,
daß die andern den Diebstahl begangen hatten, es aber nicht gewiß
wußte. Ihr graute, wenn sie bedachte, wie nahe daran sie selbst gewesen
war, das Geld zu nehmen; nur der Bußtag in der Methodistenkirche der
Farbigen vor vierzehn Tagen hatte sie noch im letzten Augenblick davor
behütet. Gerade am Tage nach diesem Gottesdienst, während sie noch
ihrer Sündenvergebung eingedenk und stolz auf ihre Seelenreinheit war,
hatte ihr Herr ein paar Dollars offen auf seinem Pult herumliegen
lassen, und als sie mit dem Staubtuch dorthin kam, geriet sie in
schwere Versuchung. Eine Weile sah sie das Geld mit steigendem Groll
von der Seite an.
»O, der dumme Bußtag,« rief sie dann, »hätte man ihn doch bis morgen
verschoben!«
Um dem Versucher nicht zu erliegen, deckte sie ein Buch darüber und der
Mammon fiel einem der anderen Sklaven zu. Sie brachte dies Opfer, weil
sie noch zu sehr unter dem Eindruck der religiösen Handlung stand. Als
Beispiel für spätere Fälle sollte es durchaus nicht gelten; in ein bis
zwei Wochen war sie wieder weltklug und nahm es weniger streng mit der
Frömmigkeit, und wenn das nächste Mal ein paar Dollars so verlassen
dalagen, würde sie sich gern ihrer erbarmen.
War sie denn schlecht von Natur oder überhaupt schlimmer als ihre Rasse
im allgemeinen? Keineswegs. Die Farbigen befanden sich im Kampf ums
Dasein in großem Nachteil gegenüber den weißen Brüdern und hielten es
daher nicht für Sünde, ihre Bedrücker gelegentlich etwas auszuplündern
-- versteht sich nur in kleinem Maßstab; sie stahlen gewöhnlich nur
unbedeutende Dinge. Eßwaren entwendeten sie aus der Speisekammer, so
oft sie nur konnten, einen messingnen Fingerhut, eine Scheibe Wachs,
einen Sack voll Schmirgel, ein Papier mit Nähnadeln, einen silbernen
Löffel, einen Dollarschein, Bänder, allerlei Putz oder andere ziemlich
wertlose Gegenstände, hielten sie für gute Beute. Sie fanden durchaus
kein Unrecht darin, sich dergleichen anzueignen und gingen ohne die
geringsten Gewissensbisse mit dem geraubten Gut in der Tasche zur
Kirche, um dort voll aufrichtiger Frömmigkeit so laut zu singen und
zu beten, wie sie nur konnten. Jede Räucherkammer auf dem Lande mußte
fest verschlossen und verriegelt sein, denn selbst der farbige Diakonus
verschmähte es nicht, einen Schinken mitzunehmen, wenn die Vorsehung
ihm im Traume oder auf andere Weise kundthat, wo ein solcher leckerer
Gegenstand einsam am Nagel hing und nach einem Freunde schmachtete.
Hätten aber auch hundert Schinken dagehangen, der Diakonus würde
nur einen genommen haben -- das heißt, nicht zwei auf einmal. In
kalten Nächten pflegte ein mitleidiger schwarzer Gauner den Hennen,
die auf einem Baum Nachtruhe hielten, ein gewärmtes Brett unter die
erstarrten Klauen zu schieben. Schläfrig setzte sich dann ein Huhn
mit dankbarem Glucksen auf das behagliche Plätzchen, der Gauner aber
steckte den Vogel unbekümmert in seinen Sack und verzehrte ihn später
mit Vergnügen. Er war fest überzeugt, daß er dem weißen Manne, der ihm
täglich ein unschätzbares Gut -- seine Freiheit -- raubte, ruhig diese
Kleinigkeit entwenden dürfe, ohne damit eine Sünde zu begehen, die Gott
ihm am Tage des Gerichts zurechnen werde.
»Nenne den Dieb!«
Driscoll hatte es schon zum vierten Mal mit rauher Stimme gerufen.
Jetzt fügte er eine schreckliche Drohung hinzu:
»Ich gebe euch noch _eine_ Minute Zeit« -- er zog seine Uhr heraus.
»Wenn ihr nach Ablauf derselben nicht gesteht, verkaufe ich euch alle
vier -- aber nicht hier am Ort, sondern nach Süden -- _flußabwärts_.«
Das hieß so viel als zur Hölle verdammt werden, kein Missouri-Neger
zweifelte daran. Roxy konnte sich kaum aufrecht halten, sie wurde
leichenblaß; die andern fielen auf die Kniee wie vom Blitz getroffen,
Thränen stürzten aus ihren Augen, sie hoben flehend die Hände empor,
und alle drei riefen wie aus einem Munde:
»Ich hab’s gethan!«
»Ich hab’s gethan!«
»Ich hab’s gethan!« -- »Gnade, Massa, Gnade! -- Herrgott erbarme dich
über uns arme Neger!«
Driscoll steckte seine Uhr ein. »Nun gut,« sagte er, »ich will euch
hier verkaufen, obwohl ihr es nicht verdient. Von Rechts wegen sollte
ich euch den Fluß hinunter schicken.«
Die Schuldigen warfen sich in überschwenglichem Dankgefühl vor ihm
auf den Boden, küßten ihm die Füße und versicherten, sie würden
seine Güte nun und nimmermehr vergessen und ihr Leben lang für ihn
beten. Sie meinten das ganz aufrichtig, denn, hatte er nicht wie ein
Gott seine mächtige Hand ausgereckt und die Pforten der Hölle vor
ihnen verschlossen? -- Er selbst wußte, daß er eine edle, hochherzige
That vollbracht hatte und war innerlich stolz auf seine Großmut. Am
Abend schrieb er den Vorfall in sein Tagebuch, damit sein Sohn ihn in
späteren Jahren lesen könnte und durch sein Beispiel angetrieben würde,
ebenfalls Güte und Menschlichkeit walten zu lassen.
Drittes Kapitel.
Nachdem sich Percy Driscoll seinem Hausgesinde so gnädig erwiesen,
schlief er den Schlaf des Gerechten. Roxy dagegen konnte die ganze
Nacht über vor Grauen und Entsetzen kein Auge zuthun. Der Gedanke, daß
man ihren Knaben, wenn er groß wurde, flußabwärts verkaufen könne,
machte sie fast wahnsinnig. Verlor sie auch auf Augenblicke das klare
Bewußtsein und schlummerte ein, so sprang sie doch gleich wieder auf
die Füße und stürzte zu ihrem Kinde, um zu sehen, ob es noch in der
Wiege sei. Sie riß es heraus, drückte es an ihr Herz, gab ihm tausend
Liebesnamen und bedeckte es mit heißen Küssen. »Sie sollen’s nicht
thun, nein, nein! -- Eher bringt dich deine Mammy um!« rief sie unter
Schluchzen und Stöhnen.
Als sie es wieder zurück ins Bettchen legte, warf sich das andere Kind
im Schlaf unruhig umher. Sie trat zu ihm und betrachtete es lange.
»Warum sollst du alles Glück haben und mein armer Kleiner nichts?«
sagte sie. »Was kann er dafür? Weshalb ist Gott dir so gut, und für
ihn sorgt er nicht? Dich kann kein Mensch flußabwärts verkaufen. O,
wie hasse ich deinen Pappy -- er hat kein Gefühl, kein Herz für die
Neger. Ich könnte ihn töten vor Abscheu.« Sie überlegte eine Weile und
brach dann wieder in wildes Schluchzen aus. »Nein, nein, ’nen anderen
Weg giebt’s nicht. Es muß sein. Lieber mein Kind umbringen, als immer
fürchten zu müssen, daß es mir entrissen und verkauft würde. Bring’ ich
Massa Percy um, so schicken sie meinen Kleinen doch einmal den Fluß
hinunter. Es hilft nichts, deine arme Mammy muß es thun, um dich zu
retten, Herzblatt --« sie drückte den Knaben an die Brust und erstickte
ihn fast mit ihren Liebkosungen. »Mammy muß dich töten -- ob ich’s wohl
kann? -- Aber weine nur nicht -- Mammy verläßt dich nicht -- sie geht
mit dir und bringt sich auch um. Komm nur, Herzblatt, komm mit deiner
Mammy; wir springen zusammen ins Wasser, dann ist alle Not dieser Welt
vorbei -- im Jenseits drüben verkauft man arme Neger nicht flußabwärts.«
Sie redete dem Kinde beschwichtigend zu und eilte nach der Thür;
plötzlich stand sie still; dort hing ihr neues Sonntagskleid -- ein
elendes Kattunfähnchen mit auffallendem Muster und schreiend bunten
Farben bedruckt. Sie betrachtete es mit sehnsüchtigem Verlangen.
»Ich hab’s noch nie angehabt,« sagte sie, »und ’s ist doch so
wunderschön!« Da kam ihr ein guter Gedanke, sie nickte beifällig.
»Nein, in dem alten schlechten Zeug hier sollen sie mich nicht
’rausfischen, wenn alle Welt mich angafft.« Sie legte das Kind hin,
wechselte ihre Kleidung und betrachtete sich im Spiegel. Erstaunt
über ihre eigene Schönheit, beschloß sie, sich zum letzten Gang
noch vollends zu schmücken. Sie nahm das Kopftuch ab und ordnete
ihr reiches glänzendes Haar, »wie die Weißen es thun,« wand auch
ein paar recht grellfarbene Bänder hinein und steckte hie und da
eine abscheuliche gemachte Blume an; zuletzt warf sie sich noch ein
bauschiges feuerrotes Ding, ›eine Wolke‹, wie man es damals nannte,
über die Schultern -- dann war sie bereit, ins Grab zu steigen. Wieder
nahm sie den Kleinen auf den Arm; als ihr aber sein kurzes grobes Hemd
in die Augen fiel, quälte sie der Abstand zwischen seiner schäbigen
Bettelkleidung und der glänzenden Pracht ihres eigenen Aufputzes; ihr
Mutterherz ward gerührt und sie schämte sich.
»Nein, Schätzchen, so spielt dir deine Mammy nicht mit. Dich sollen die
Engel grad so schön finden wie deine Mammy. Ich will nicht, daß sie
sich die Hand vor die Augen halten und zu David und Goliath und den
anderen Propheten sagen: ›Das Kind da im grauen Hemd paßt nicht in den
Himmelsgarten.‹«
Rasch hatte sie das kleine Geschöpf nackt ausgezogen, und legte ihm
jetzt ein schneeweißes langes Tragkleidchen mit hellblauen Schleifen
und zierlichen Puffen und Falbeln an, das Thomas ~à~ Becket gehörte.
»Da -- jetzt bist du im Staat.« Sie stellte das Kind aufrecht in den
Armstuhl und trat ein paar Schritte zurück, es zu betrachten. Erstaunt
riß sie die Augen auf, klatschte bewundernd in die Hände und rief: »Na,
das hätt’ ich mir nicht träumen lassen -- du bist ja allerliebst. Massa
Tommy ist kein bischen schöner -- auch nicht ein Linschen!«
Nun eilte sie an die Wiege des andern Kindes, warf einen vergleichenden
Blick zu dem ihrigen hinüber und schaute dann wieder den Erben des
Hauses an. Ein seltsames Licht dämmerte in ihren Augen auf, sie schien
in Gedanken verloren, als wäre sie sich selbst entrückt. Endlich kam
sie wieder zu sich. »Gestern wusch ich alle beide in der Wanne,«
murmelte sie, »und da kam der Pappy und fragte mich, welches seins
wäre.«
Wie im Traum ging sie hin und her; sie entkleidete Thomas ~à~ Becket
und zog ihm das kurze, grobe Hemdchen an. Mit seinem Korallenhalsband
schmückte sie ihr eigenes Kind, legte dann die Knaben dicht neben
einander und betrachtete beide.
»Was doch Kleider ausmachen,« rief sie nach langem Schweigen. »Meiner
Seel’ -- kaum weiß ich selbst, wer welcher ist -- wie soll’s sein Pappy
’rausfinden?«
Nun bettete sie ihren Kleinen in Tommys reiche Wiege.
»Du bist jetzt Massa Tom und sollst’s bleiben,« sagte sie mit
klopfendem Herzen. »Ich muß mich recht üben, dich so zu nennen, damit
ich mich nicht verschnappe; denn, wenn es heraus käm’, ging’s uns
beiden schlecht. Da -- jetzt lieg’ still und sei nicht mehr bös’, Massa
Tom -- Gott sei Lob und Dank, du bist ja gerettet -- jetzt kann niemand
mehr Mammys süßes kleines Herzblatt flußabwärts verkaufen.«
Den Erben des Hauses legte sie darauf in ihres Kindes roh aus
Tannenholz gezimmerte Wiege und betrachtete den kleinen Schläfer mit
unruhigen Blicken.
»Du thust mir leid, armes Ding, gewiß und wahrhaftig -- aber was soll
ich thun -- ich kann’s nicht ändern. Dein Pappy hätt’ ihn mal verkaufen
können an irgend jemand -- dann wär’ er sicher den Fluß hinunter
gekommen -- nein, nein, das _ertrag’_ ich nicht, es kann nicht sein --
es ist unmöglich!«
Sie warf sich auf ihr Lager und wälzte sich lange ruhelos umher.
Plötzlich richtete sie sich auf, ein tröstlicher Gedanke schoß ihr
durch das wirre Hirn.
»’S ist keine Sünde -- die _weißen_ Menschen haben’s auch gethan.
Gottlob, ’s ist keine Sünde. Wie ist mir denn, wo hab’ ich’s nur
gehört? -- Ja, und sogar die aller allerobersten im Rang -- die Könige!«
In tiefes Sinnen versunken, war sie bemüht, sich die Einzelheiten einer
Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die sie irgendwo einmal vernommen
hatte.
»Jetzt fällt mir’s ein,« rief sie endlich. »Der alte schwarze Pastor
hat’s erzählt, der damals von Illinois kam und in der Negerkirche
predigte. Was sagte er doch? -- Kein Mensch kann sich selbst erlösen --
der Glaube thut’s nicht -- die Werke thun’s nicht -- man bringt’s nicht
zuwege! ’S ist freie Gnade, und die kommt nur von Gott. Der Herr kann
sie geben, wem er will, dem Frommen, dem Sünder -- ganz nach Gefallen.
Er wählt, wie’s ihm gerade paßt: den einen stößt er von seinem Platz
und setzt einen andern an die Stelle. Einen läßt er ewig im höllischen
Feuer brennen, und den andern macht er selig sein Lebtag und immerdar.
Der Pastor sagte, so sei’s auch in England geschehen vor grauer Zeit.
Die Königin hat ihr Büblein allein ’rumliegen lassen und ist in
Gesellschaft gegangen; da kommt eine Negerin, die fast weiß ist, in
die Kammer hinein, zieht dem Königskind die Kleider von ihrem Kleinen
an, und ihrem Kleinen die Kleider vom Königskind. Sie läßt ihr Büblein
in der Kammer und trägt das Königskind in die Negerhütte. Kein Mensch
hat’s je ’rausgefunden. Ihr Kleiner ist mit der Zeit König geworden und
hat das Königskind flußabwärts verkauft, als er mal Geld brauchte. So
war’s, -- so hat’s der Pastor selbst erzählt, und ’s ist keine Sünde,
weil’s die weißen Menschen auch gethan haben. Ja freilich -- gethan
haben sie’s -- und sogar im Königshaus. O, wie froh bin ich, daß mir
die Geschichte wieder eingefallen ist.«
Leichten Herzens und voll Zuversicht stand sie auf, ging von einer
Wiege zur andern und brachte den Rest der Nacht damit zu, sich zu
›üben‹, wie sie es nannte. Sie streichelte ihr eigenes Kind und sagte
bittend: »Lieg’ still, Massa Tom,« dann gab sie dem wirklichen Tom
einen Klaps und fuhr ihn streng an: »Willst du gleich still liegen,
Schamber, sonst setzt’s was!«
Zu ihrer Verwunderung dauerte es gar nicht lange, bis sie das
ehrfurchtsvolle Benehmen, das sie sonst ihrem jungen Herrn gegenüber in
jeder Miene, jedem Wort kundgethan, auf den unberufenen Eindringling
übertragen konnte, während sie den unglücklichen Erben des alten Hauses
Driscoll nur noch in kurzem, befehlendem Ton anredete, wie es ihr
mütterliches Vorrecht war.
Manchmal setzte sie ihre Uebung auch eine Weile aus, um zu überlegen,
ob sie mit Sicherheit auf das Gelingen ihres Planes rechnen dürfe.
»Die Neger werden noch heute verkauft, weil sie das Geld gestohlen
haben -- dann kauft man andere, und die kennen die Kinder nicht -- das
trifft sich gut. Fahr’ ich sie draußen spazieren, so schmier’ ich ihnen
Syrup um den Mund -- da merkt’s gewiß niemand, daß sie verwechselt
sind. Ja, das thue ich, wenn’s keiner sieht, bis alle Gefahr vorbei
ist, und sollt’s ein Jahr dauern. Nur _einer_ könnt’s entdecken -- vor
dem fürcht’ ich mich -- das ist Herr Wilson -- sie nennen ihn Querkopf
und sagen, er ist ein Narr. Und dabei ist er so klug wie ich, klüger
als alle andern, außer vielleicht Richter Driscoll oder Pem Howard.
Meiner Treu -- der Mensch ängstigt mich mit seinen verflixten Gläsern;
ob er wohl ein Hexenmeister ist? -- Aber, ich weiß, was ich thu’, ich
geh’ zu ihm und sag’, er soll wieder Abdrücke nehmen von den Kindern
ihren Fingern, und wenn er dann nichts merkt, dann bringt’s kein
Mensch auf der Welt ’raus, daß ich sie vertauscht habe, und ich brauch’
nichts mehr zu fürchten -- rein gar nichts. Aber ein Hufeisen will ich
doch einstecken, dann hat der Zauber keine Macht.«
Die neuen Neger brauchte Roxy natürlich nicht zu fürchten, auch ihren
Herrn nicht, denn Driscoll war gerade mit einer Landspekulation vollauf
beschäftigt und hatte für nichts anderes Sinn. Er schaute die Kinder
an und sah sie doch kaum. Roxy brauchte nur die Kleinen zum Lachen zu
bringen, sobald sie ihn von weitem erblickte, dann verwandelte sich
Mund, Augen und Nase der verzerrten Gesichtchen in lauter Gaumen und
winzige Löcher; bis aber der Anfall vorüber war und sie wieder kleinen
menschlichen Geschöpfen glichen, war Driscoll längst fort.
In den nächsten Tagen wurde überdies das Gelingen der wichtigen
Landspekulation so zweifelhaft, daß Herr Percy sich mit seinem Bruder,
dem Richter, an Ort und Stelle begeben mußte, weil ein Erbstreit
entstanden war. Die Abwesenheit der beiden Herren dauerte sieben
Wochen. Noch vor ihrer Rückkehr hatte Roxy den beabsichtigten Besuch
bei Wilson gemacht und sie war nun ganz beruhigt. Wilson nahm die
Abdrücke und schrieb die Namen auf, dann setzte er das Datum darunter
-- es war der erste Oktober.
Nachdem er die Glasplatten sorgfältig verwahrt hatte, fuhr er fort,
sich mit Roxy zu unterhalten, der es sehr darauf anzukommen schien,
daß er sehen sollte, wie die Kinder im letzten Monat an Fülle und
Schönheit zugenommen hatten. Die Kleinen waren ganz sauber und rein
gewaschen, und er bewunderte sie höchlich, in der Meinung, Roxy damit
ein Vergnügen zu machen; sie aber zitterte und bebte im Innern, weil
sie jeden Augenblick fürchtete, er möchte vielleicht -- -- --
Ihre Angst war jedoch vergebens. Er entdeckte nichts, und sie kehrte
frohlockend heim. Von nun an verbannte sie alle Sorge auf immer aus
ihrem Gemüt.
Viertes Kapitel.
In ihrem weiteren Verlauf muß auch unsere Geschichte dem Tausch
Rechnung tragen, den Roxana vorgenommen hat. Wir können nicht umhin,
den wirklichen Erben ›Schamber‹ zu nennen, und dem kleinen Sklaven,
der ihm sein Geburtsrecht genommen hat, den Namen Thomas ~à~ Becket
beizulegen. Doch kürzen wir diesen zum täglichen Gebrauch in ›Tom‹ ab,
wie es seine Umgebung that.
Der kleine Tom war ein böses Kind, seit er den falschen Namen trug.
Er weinte ohne Ursache, bekam alle Augenblicke einen Anfall von
leidenschaftlichem Zorn, kreischte und brüllte aus Leibeskräften und
hielt dann plötzlich den Atem an. Wer kennt nicht diese üble Gewohnheit
des zahnenden Säuglings, der vor Unbehagen schreit, was seine Lunge
vermag, dann in Krämpfe verfällt und sich bei der Anstrengung, wieder
Luft zu bekommen, lautlos krümmt und windet. Seine Lippen werden
blau und der starre Mund steht offen, während am untern Rand des
roten Gaumens ein winziges Zähnchen zum Vorschein kommt. Hat dann die
entsetzliche Stille so lange gedauert, bis man überzeugt ist, daß dem
Kinde der Atem auf immer vergangen sei, so stürzt die Wärterin herzu
und spritzt ihm Wasser ins Gesicht. O Wunder! im Nu füllt sich die
Lunge wieder, ein Geschrei, Gekreisch oder Geheul trifft das lauschende
Ohr, und je nachdem der Zuhörer gestimmt ist, macht er seinen Gefühlen
mit einem derben Fluch oder mit eine ›Gott sei Dank‹ Luft.
Der kleine Tom kratzte jeden, der ihm zu nahe kam, mit den Nägeln oder
schlug ihn mit seiner Kinderklapper. Er schrie nach Wasser, bis man es
ihm gab, warf dann den Becher samt Inhalt zu Boden und schrie wieder.
Jede seiner Launen wurde befriedigt, mochten sie noch so beunruhigend
und lästig sein, auch durfte er alles essen, was er verlangte,
besonders Dinge, die ihm den Magen verdarben.
Als er alt genug wurde, um auf den Füßen zu stehen, die ersten Worte zu
lallen und seine Hände zu gebrauchen, war er eine noch ärgere Plage als
je zuvor. Von dem Moment an, da er die Augen aufthat, hatte Roxy keine
Ruhe mehr. Er verlangte nach allem und jedem, was er sah. »Hab’n,«
schrie er, und das galt als Befehl. Brachte man es ihm, so geriet er
in Zorn und wehrte es mit den Händen ab: »Nicht hab’n, nicht hab’n«;
nahm man es aber fort, so brüllte er wieder wie besessen: »Hab’n,
hab’n, hab’n!« und Roxy mußte in Windeseile herbeispringen, um es ihm
zurückzugeben, ehe er noch Zeit hatte, in Krämpfe zu geraten, wie er
beabsichtigte.
Sein liebstes Spielzeug war die Feuerzange, weil ihm sein ›Vater‹
verboten hatte, sie anzurühren, damit er nicht Fenster und Möbel
zerschlüge. Kaum hatte aber Roxy den Rücken gekehrt, so wackelte er
zu der Zange hin. »Mögen,« sagte er und schielte seitwärts, ob Roxy
ihn wohl sähe, »hab’n,« schrie er dann, abermals verstohlen um sich
blickend. »Mein is,« fuhr er fort und zuletzt: »Nehm’s!« -- da hatte
er die Beute. Dann ward die schwere Waffe erhoben -- ein Krach, ein
Gekreisch, und die Katze hinkte eilig auf drei Beinen davon. Roxy kam
meist noch gerade zur rechten Zeit, um zu sehen, wie die Lampe oder
eine Fensterscheibe in tausend Stücke ging.
Tom ward gestreichelt und liebkost, Schamber ging leer aus. Tom bekam
alle Leckerbissen, Schamber aß Maisbrei und sauere Milch, ohne Zucker.
Deshalb wurde Tom ein schwächliches Kind und Schamber ein kräftiger
Junge. Tom zeigte sich herrisch und widerspenstig, Schamber dagegen
sanft und fügsam.
Trotz ihres gesunden Menschenverstandes, ihrer praktischen Tüchtigkeit,
war Roxy als Mutter eine vollkommene Thörin und ganz vernarrt in
ihren Sohn -- ja, mehr als das: Durch die von ihr verübte Täuschung
hatte sie ihn zu ihrem Gebieter gemacht; sie sah sich genötigt,
dies Verhältnis äußerlich aufrecht zu erhalten und war fortwährend
eifrig bemüht, dies durch ihr Benehmen kund zu thun. So fleißig und
getreulich übte sie sich in der Unterthänigkeit, daß ihr deren Formen
sehr bald zur Gewohnheit wurden. Die Folgen blieben nicht aus: Was
anfänglich nur dazu dienen sollte, andere zu täuschen, führte mit der
Zeit zum Selbstbetrug; die geheuchelte Ehrfurcht wurde zur wirklichen
Ehrerbietung, die scheinbare Willfährigkeit zu völliger Unterjochung.
Der kleine, ursprünglich kaum merkbare Abstand zwischen der
vorgeblichen Sklavin und dem falschen Herrn, erweiterte sich allmählich
zu einem tiefen, klaffenden Schlund, an dessen Rande auf einer Seite
Roxy in ihrer Selbsttäuschung stand, und auf der andern ihr Sohn,
den sie nicht mehr als unberufenen Eindringling, sondern als ihren
anerkannten, rechtmäßigen Gebieter betrachtete. Sie liebte, fürchtete
und verehrte ihn zu gleicher Zeit und vergaß in der Abgötterei, die sie
mit ihm trieb, gänzlich, wer sie war und was er gewesen.
Der kleine Tom durfte Schamber schlagen, puffen und kratzen, so viel
ihm beliebte, er wurde doch nicht gescholten, und Schamber merkte bald,
daß es vorteilhafter für ihn war, wenn er die Mißhandlung schweigend
ertrug, statt sich zu wehren. Nur ein paarmal, als es ihm zu arg wurde,
hatte er sich dagegen empört und den Kampf aufgenommen, aber das
kam ihm im Hauptquartier sehr teuer zu stehen. Zwar nicht von Roxys
Seite, denn, wenn sie ihn auch scharf dafür anfuhr, daß er vergaß, wo
er hingehörte und was er seinem jungen Herrn schuldig war, so bekam
er doch zur Strafe von ihr höchstens eine Maulschelle. Nein, Percy
Driscoll selbst übernahm das Strafamt. Er machte Schamber klar, daß er
unter keinen Umständen das Recht habe, die Hand gegen seinen kleinen
Gebieter zu erheben.
Dreimal überschritt Schamber dies Verbot, und erhielt dafür dreimal von
dem Manne, der sein Vater war und es nicht wußte, eine so verständliche
Tracht Schläge, daß er sich fürderhin Toms grausame Behandlung in aller
Demut gefallen ließ und keine weiteren Versuche anstellte, sich ihr zu
entziehn.
* * * * *
Außerhalb des Hauses sah man die beiden Kinder während ihrer ganzen
Knabenzeit fortwährend beisammen. Schamber war sehr stark für sein
Alter, weil er grobe Kost erhielt und schwere Hausarbeit thun mußte;
auch stand er im Kampfe seinen Mann, denn er bekam reichliche Uebung.
Tom ließ sich von ihm gegen die weißen Knaben verteidigen, die er
nicht leiden konnte und vor denen er Angst hatte. Schamber diente
ihm als beständige Leibgarde; er mußte ihn zur Schule begleiten,
ihn abholen und in der Freistunde auf dem Spielplatz als sein
Beschützer auftreten. Er stand beim Faust- und Ringkampf zuletzt in so
gefürchtetem Ruf, daß Tom mit ihm hätte die Kleider wechseln und ›in
Frieden von dannen reiten‹ können, wie Sir Kay, der Ritter von Artus
Tafelrunde, in Lanzelots Rüstung.
In allen Spielen war er geschickt und wohlbewandert. Tom versah ihn
z. B. mit den nötigen Murmeln, aber, wenn Schamber gewann, nahm er
ihm alle Kugeln wieder fort. Schamber bekam Toms abgelegte Kleider;
mochten aber seine Stiefel und Handschuhe noch so löcherig, die Hosen
noch so dünn und durchgesessen sein, man sah ihn im Winter stets den
Schlitten heraufziehen, in dem Tom warm eingehüllt saß und sich fahren
ließ. Der kleine Diener kam natürlich nie auf den Schlitten. Auch
Schneemänner und Festungen baute er nach Toms Anweisung; er durfte ihm
als Zielscheibe dienen, wenn Tom Lust bekam, zu schneeballen, doch den
Wurf zu erwidern war ihm nicht gestattet. Er trug Tom die Schlittschuhe
nach dem Fluß, schnallte sie ihm an und trabte dann hinter ihm her auf
dem Eis, um zur Hand zu sein, sobald er gebraucht wurde; aber daß er
selbst einmal Schlittschuh laufen möchte, davon war keine Rede.
Im Sommer galt es als ein Hauptvergnügen für die Knaben in Dawson, den
Landleuten, die zu Markte fuhren, Aepfel, Pfirsiche und Melonen aus dem
Obstwagen zu stibitzen, hauptsächlich, weil sie dabei Gefahr liefen,
mit dem Peitschenstiel des Fuhrmanns eins um die Ohren zu bekommen. Tom
beteiligte sich stark an solchen Räubereien -- schickte jedoch seinen
Stellvertreter. Schamber besorgte das Stehlen und bekam zum Lohn dafür
die Pfirsichsteine, Apfelbutzen und Melonenschalen.
Beim Schwimmen nahm Tom zum Schutz Schamber immer mit in den Fluß
und behielt ihn in seiner Nähe. Hatte er genug, so schlüpfte er ans
Land und machte Knoten in Schambers Hemd, die er ins Wasser tauchte,
damit sie schwer wieder aufzuknüpfen wären. Nun zog er sich an und saß
lachend daneben, während der nackte Junge, vor Kälte klappernd, mit den
Zähnen an den festen Knoten zerrte.
Daß Tom seinem armen Gefährten so übel mitspielte, entstand teils aus
seiner natürlichen Bosheit, teils aus Haß und Mißgunst, weil Schamber
ihm sowohl an Mut und Körperkraft als an mancherlei Geschicklichkeit
weit überlegen war. Tom konnte nicht tauchen, ohne fürchterliches
Kopfweh zu bekommen, für Schamber war es eine Leichtigkeit und das
reine Vergnügen. Eines Tages sah ihm eine Schar weißer Knaben zu,
wie er, vom Heck eines Boots aus, Purzelbäume ins Wasser schoß; ihr
lautes Beifallsklatschen ärgerte Tom so sehr, daß er das Boot weiter
vorschob, während Schamber gerade in der Luft schwebte, so daß dieser
mit dem Kopf auf den Bretterboden schlug. Während er nun bewußtlos
dalag, benützten mehrere von Toms früheren Gegnern die längst ersehnte
Gelegenheit und prügelten den falschen Erben so unbarmherzig durch, daß
er sich später nur von Schamber gestützt mühsam nach Hause schleppen
konnte.