Demea. Ich schweige schon."

So soll es ohne Zweifel heißen, und nicht: stirbt ohnmöglich bald.

Für viele von unsern Schauspielern ist es nötig, auch solche

Druckfehler anzumerken.

----Fußnote

Dreiundsiebzigstes Stück

Den 12. Januar 1768

Die Schlußrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone.

"Wenn euch nur das gefällt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um

nichts mehr bekümmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der

Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise

künftig zu bequemen versprechen.--Aber wie kömmt es, dürfte man fragen,

daß die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Brüdern" bei

der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der

beständige Rückfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie

komisch: aber bei diesem hätte es auch bleiben müssen.--Ich verspare das

Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stücks.

"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluß machte,

ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt.

Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miß

Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2]

wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom

Marivaux, in einem Akte.

Oder, wie es wörtlicher und besser heißen würde: "Die unvermutete

Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den

Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen

vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen

Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen

Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern

schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, daß es

fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen möchte sie ihn doch noch

lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben,

die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser

kömmt; aber zum Glücke ist es ein so schöner liebenswürdiger Mann, daß

sie gar bald ihre Verstellung vergißt und in aller Geschwindigkeit mit

ihm einig wird. Man gebe dem Stücke einen andern Titel, und alle Leser

und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen

Knoten, den man in zehn Szenen so mühsam geschürzt hat, in einer einzigen

nicht zu lösen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler

in dem Titel selbst angekündiget, und durch diese Ankündigung

gewissermaßen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen

Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden können? Er

sahe ja in der Wirklichkeit einer Komödie so ähnlich: und sollte er denn

eben deswegen um so unschicklicher zur Komödie sein?--Nach der Strenge,

allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre

Komödien nennet, findet man in der Komödie wahren Begebenheiten nicht

sehr gleich; und darauf käme es doch eigentlich an.

Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus?

Nicht völlig. Der Ausgang ist, daß Jungfer Argante den Erast und nicht

den Dorante heiratet, und dieser ist hinlänglich vorbereitet. Denn ihre

Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterläunisch; sie liebt ihn, weil

sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie

ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es kömmt; hat sie

ihn lange nicht gesehen, so kömmt er ihr liebenswürdig genug vor; sieht

sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stoßen ihr dann

und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so

unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz

von ihm abzubringen, als daß Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein

solches Gesicht ist? Daß sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet,

daß es vielmehr sehr unerwartet sein würde, wenn sie bei jenem bliebe.

Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete

Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von

der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu

bekümmern, in der er einen Teil seiner Personen läßt. Und so ist es hier:

Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt

sich ihm.

Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das

Trauerspiel des Herrn Weiße "Richard der Dritte" aufgeführt: zum

Beschlusse "Herzog Michel".

Dieses Stück ist ohnstreitig eines von unsern beträchtlichsten

Originalen; reich an großen Schönheiten, die genugsam zeigen, daß, die

Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht

über die Kräfte des Dichters gewesen wäre, wenn er sich diese Kräfte nur

selbst hätte zutrauen wollen.

Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf

die Bühne gebracht: aber Herr Weiße erinnerte sich dessen nicht eher, als

bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der

Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden,

daß ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht wäre es ein

Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen."

Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem

Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm

ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen.

Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt,

welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der

fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen!

Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein. Haben wir Genie, so muß

uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura

ist: er sehe fleißig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen

Fällen auf eine Fläche projektieret; aber er borge nichts daraus.

Ich wüßte auch wirklich in dem ganzen Stücke des Shakespeares keine

einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weiße so hätte

brauchen können, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim

Shakespeare, sind nach den großen Maßen des historischen Schauspiels

zugeschnitten, und dieses verhält sich zu der Tragödie französischen

Geschmacks ungefähr wie ein weitläuftiges Freskogemälde gegen ein

Miniaturbildchen für einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen,

als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe,

die man sodann als ein eigenes Ganze ausführen muß? Ebenso würden aus

einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen

ganze Aufzüge werden müssen. Denn wenn man den Ärmel aus dem Kleide eines

Riesen für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder

einen Ärmel, sondern einen ganzen Rock daraus machen.

Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des

Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke

nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst

verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, daß ein Goldkorn so

künstlich kann getrieben sein, daß der Wert der Form den Wert der Materie

bei weitem übersteiget.

Ich für mein Teil bedauere es also wirklich, daß unserm Dichter

Shakespeares Richard so spät beigefallen. Er hätte ihn können gekannt

haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er hätte

ihn können genutzt haben, ohne daß eine einzige übergetragene Gedanke

davon gezeugt hätte.

Wäre mir indes eben das begegnet, so würde ich Shakespeares Werk

wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle

die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen

nicht vermögend gewesen wäre.--Aber woher weiß ich, daß Herr Weiße dieses

nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben?

Kann es nicht ebenso wohl sein, daß er das, was ich für dergleichen

Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß

er mehr recht hat, als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers

größtenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner

Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich

von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie

auch schon sich selbst beantwortet zu haben.

Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu

hören: denn er hat es gern, daß man über sein Werk urteilet; schal oder

gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles gilt ihm

gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm lieber,

als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in

seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was fängt er mit dieser an?

Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so

etwas Außerordentliches halten: und doch muß er die Achseln über sie

zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz

möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes

Lob auf sich sitzen lassen.--

Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.--

Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--höchstens nur bei einem oder dem

andern Mitsprecher. Ich weiß nicht, wo ich es jüngst gedruckt lesen

mußte, daß ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner übrigen

Lustspiele gelobt hätte.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der

frühern? Ich gönne es Ihnen, mein Herr, daß man niemals Ihre ältern Werke

so möge tadeln können. Der Himmel bewahre Sie vor dem tückischen Lobe:

daß Ihr letztes immer Ihr bestes ist!--

----Fußnote

[1] S. den 11. Abend.

[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend.

[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusätzen zu

seiner Theorie der Poesie", S. 45.

----Fußnote

Vierundsiebzigstes Stück

Den 15. Januar 1768

Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worüber ich

mir die Erklärung des Dichters wünschte.

Aristoteles würde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem

Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur

auch mit seinen Gründen zu werden wüßte.

Die Tragödie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus

folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch

ein völliger Bösewicht sein müsse. Denn weder mit des einen noch mit des

andern Unglücke lasse sich jener Zweck erreichen.

Räume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragödie, die

ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht

mehr, was eine Tragödie ist.

Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiße geschildert hat, ist

unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne

getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe,

daran zweifle ich.

Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das

soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind

ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers

Mitleids gemacht hat.

Aber Schrecken?--Sollte dieser Bösewicht, der die Kluft, die sich

zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefüllet, mit

Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten sein müssen; sollte

dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine

Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Maße erwecken?

Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über

unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern

Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns

bei Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden,

überfällt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes

Teil empfinden lassen.

Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels,

daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn

ihre Personen irgendein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben

öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber

zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den

freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der gräßlichen Idee

wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis

fähig sei.

Bei den Franzosen führt Crébillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich

fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht

sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der

Tragödie rechnet.

Und dieses--hätte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort,

welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er,

soll die Tragödie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr,

das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine plötzliche,

überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Überraschende,

welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von

welchen sich hier die Einführung des Wortes "Schrecken", anstatt des

Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht

Aristoteles meine.--Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen:

man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif.

"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet:

und die Furcht einen unsersgleichen. Der Bösewicht ist weder dieses noch

jenes: folglich kann auch sein Unglück weder das erste noch das andere

erregen."[1]

Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Übersetzer

Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem

Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen.

"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "über die Erklärung des

Schreckens nicht vereinigen können; und in der Tat enthält sie in jeder

Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert

und sie allzusehr einschränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz

'unsersgleichen' nur bloß die Ähnlichkeit der Menschheit verstanden hat,

weil nämlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind,

gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer Würde und ihrem Range

ein unendlicher Abstand befände: so war dieser Zusatz überflüssig; denn

er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur

tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich

hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft

und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt

ohnstreitig aus einem Gefühl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist

ihm unterworfen, und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses

Gefühls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl

möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich zu leugnen:

allein dieses würde allemal eine Verleugnung seiner natürlichen

Empfindungen, und also eine bloße Prahlerei aus verderbten Grundsätzen,

und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die

wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall

zustößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen

bloß den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes überhaupt macht

uns traurig, und die plötzliche traurige Empfindung, die wir sodann

haben, ist das Schrecken."

Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider

den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht,

wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsersgleichen

setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bei der plötzlichen

Erblickung eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein

mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen.

Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der

Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde.

"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen,[3]

"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande,

und aus der Unlust über dessen Unglück zusammengesetzt ist. Die

Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den

einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden,

denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese

Erscheinung werden! Man ändre nur in dem bedauerten Unglück die einzige

Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere

Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die über die Urne ihres

Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält das

Unglück für geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei

den Schmerzen des Philoktets fühlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber

von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte

auszustehen hat, ist gegenwärtig und überfällt ihn vor unsern Augen.

Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das große Geheimnis sich plötzlich

entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersüchtigen Mithridates

sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fürchtet, da

sie ihren sonst zärtlichen Othello so drohend mit ihr reden höret: was

empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen,

mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden,

allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen einerlei.

Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die

Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen wir alle Arten von Leiden mit

der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden

nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht,

Rachbegier, und überhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar

den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können?--Man sieht

hieraus, wie gar ungeschickt der größte Teil der Kunstrichter die

tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken

und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Für

wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch

ziehet? Gewiß nicht für sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung

man so sehr wünschet, und für die betrogne Königin, die ihn für den

Mörder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust über das

gegenwärtige Übel eines andern Mitleiden nennen: so müssen wir nicht nur

das Schrecken, sondern alle übrige Leidenschaften, die uns von einem

andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."--

----Fußnote

[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst".

[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35.

[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter

Teil, S. 4.

----Fußnote

Fünfundsiebzigstes Stück

Den 19. Januar 1768

Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß uns dünkt,

ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich

die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht

unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten

Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu

danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch

Aristoteles im ganzen ungefähr empfunden haben: wenigstens ist es

unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie

könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust

über das gegenwärtige Übel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich

zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem

andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen.

Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte

Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht

hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von

Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht

ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines

andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus

unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt;

es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhängst

sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der

bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese

Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.

Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen

neuen Kommentar über seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den

Dacierschen weit hinter sich läßt, dem rate ich, vor allen Dingen die

Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird

Aufschlüsse für die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten

vermutet; besonders muß er die Bücher der "Rhetorik" und "Moral"

studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die

Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten,

längst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von

seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabei fehlten

ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht

fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke

desselben nicht.

Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem

tragischen Mitleid beifüget, findet sich in dem fünften und achten

Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer,

sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner

seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon

gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie

einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, hätten

noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nämlich,

warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht,

warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften

beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchte

wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte:

warum z.E. die Tragödie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als

Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe?

Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem

Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der

Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der

Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines

von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne

auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief

herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch

der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht

begreife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifelnde

noch der Übermütige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erkläret

daher auch das Fürchterliche und das Mitleidswürdige, eines durch das

andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem

andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken

würde:[1] und alles das finden wir mitleidswürdig, was wir fürchten

würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der

Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht

verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen:

seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld,

sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn

wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne.

Diese Möglichkeit aber finde sich alsdenn und könne zu einer großen

Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache,

als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken

und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und

gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und

handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne

schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal

gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein

uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam

zur Reife bringe.

So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre

Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem

Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier

eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sei, welche

bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr,

erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern

weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig

einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere

Furcht erwecken kann.

Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich

hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er

hatte funfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung

würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen

Kodex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner

Arbeit fleißiger zu Rate gezogen hätte. Allein dieses scheinet er

höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu

haben. In den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am

Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn

verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und

ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie

gedacht hatte.

Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht und sie als die

vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die

abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra

aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur

Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht

erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an,

damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des

Aristoteles leiden möge? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles können wir

uns hier leicht vergleichen.[3] Wir dürfen nur annehmen, er habe eben

nicht behaupten wollen, daß beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als

Mitleid, nötig wären, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken,

die er zu dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner

Meinung sei auch eines zureichend.--Wir können diese Erklärung", fährt

er fort, "aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen,

welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den

Trauerspielen mißbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes

schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine

Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die

Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft

sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege

bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht

gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und daß er

ihnen seinen Beifall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von

beiden wirkten."

----Fußnote

[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron

gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiß nicht, was dem

Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598)

eingekommen ist, dieses zu übersetzen: Denique ut simpliciter loquar,

formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt,

vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muß schlechtweg heißen:

quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt.

[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la

scène, sagt er in seiner Abhandlung über das Drama. Sein erstes Stück

"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches

gerade die funfzig Jahr ausmacht, so daß es gewiß ist, daß er bei den

Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stücke ein Auge haben

konnte und hatte.

[3] Il est aisé de nous accommoder avec Aristote etc.

----Fußnote

Sechsundsiebzigstes Stück

Den 22. Januar 1768

Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier,

der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche

Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen

suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie

nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom

Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich

Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man

müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man

müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen

können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Übel eines andern unser Mitleid

erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner

Handlung in der Tragödie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine

Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen

Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu

erwecken fähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns

erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid.

Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen,

welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu

erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns selbst

errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit

bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der

Tragödie, wo wir alle das Übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern

anderen begegnen sehen.

Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die

Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von

ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer,

wenn sich Corneille durch dieses weder noch verführen lassen. Diese

disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren

läßt. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie

verneinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der

Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und

durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache

demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere

von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie

sei weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden

zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und

Schönheit lassen sich nicht bloß in Gedanken trennen, sondern sie sind

wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder

Himmel noch Hölle", wollen wir damit auch sagen: daß wir zufrieden sein

würden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und

keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht:

denn wer das eine glaubt, muß notwendig auch das andere glauben; Himmel

und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch

das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen;

wenn wir sagen, dieses Gemälde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung

noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemälde sich mit

einem von beiden begnügen könne?--Das ist so klar!

Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden

gibt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Übeln und Unglücksfällen

Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu

besorgen haben?

Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust über das

physikalische Übel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese

Unlust entstehet bloß aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie

unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus

dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte

Empfindung, welche wir Mitleid nennen.

Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig

aufgeben zu müssen.

Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere

empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene

Furcht dazukommt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es

ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte

Empfindung über das physikalische Übel eines geliebten Gegenstandes nur

allein durch die dazukommende Furcht für uns zu dem Grade erwächst, in

welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet?

Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht

nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloß als Affekt. Ohne

jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme.

Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie:

und nur den stärkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns

selbst verknüpft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er

zwar, daß das Unglück eines Bösewichts weder unser Mitleid noch unsere

Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der

Bösewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen

moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behält, um sein

Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas

Mitleidähnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden.

Aber, wie schon gesagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennt er nicht

Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muß", sagt er, "keinen Bösewicht aus

unglücklichen in glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das

untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben

sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch

muß es kein völliger Bösewicht sein, der aus glücklichen Umständen in

unglückliche verfällt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar

Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts

Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Übersetzungen dieses

Wortes Philanthropie. Sie geben nämlich das Adjektivum davon im

Lateinischen durch hominibus gratum; im Französischen durch ce que peut

faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnügen machen

kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des

Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon]

durch quod humanitatis sensu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter

dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts

Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern

das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz

der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem

Augenblicke des Leidens in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar

diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Bösewicht nur auf eine

gewisse Gattung der ihn treffenden Übel einschränken. "Solche Zufälle des

Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns

wirken, müssen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufällig,

oder wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer die

Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden

Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht

genug überlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches

den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist,

können wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm

zu leiden.

"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe über die Empfindungen",

"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen dränget. Sie haben alle

Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel

und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt

und ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sich durch

das Gewühl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Dächer hinan,

um die Züge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist

gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal

entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm verziehen

würde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick

vorher selbst zum Tode verurteilet haben würden? Wodurch wird itzt ein

Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die

Annäherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen

Übel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen und ihm

unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit

seinem Schicksale sein."

Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter

keinerlei Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit

welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unverlöschlich

fortglimmet und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und

Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen;

ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie

verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids

begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen

eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der

mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer

wahrscheinlichen Furcht für uns selbst, Affekt werden, zu

unterscheiden.

Siebenundsiebzigstes Stück

Den 26. Januar 1768

Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff

von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er notwendig mit der Furcht für

uns selbst verknüpft sein müsse: was war es nötig, der Furcht noch

insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid schloß sie schon in sich, und

es wäre genug gewesen, wenn er bloß gesagt hätte: die Tragödie soll durch

Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn

der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll,

noch dazu schwankend und ungewiß.

Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloß hätte lehren wollen, welche

Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den

Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich

wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer

Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche

Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gereiniget

werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere

gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch

außer dem Theater ohne Furcht für uns selbst sein kann; ob sie schon ein

notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch

umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingrediens der Furcht für

uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und

nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück als die

wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Übel für uns selbst

schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des

Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine

vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um

anzuzeigen, daß sie dieses tun könne und wirklich tue, fand es

Aristoteles für nötig, ihrer insbesondere zu gedenken.

Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische

Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloß

wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene

zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht

hatte. Diese indes abgerechnet, und die übrigen Merkmale ineinander

reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nämlich,

daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid

erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so

wie die Epopee und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung

einer mitleidswürdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich

vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form

ist daraus zu bestimmen.

An dem letztern dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich

keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu

versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas

Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so

läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache

ergründet, aber sie bei seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich

angegeben. "Die Tragödie", sagt er, "ist die Nachahmung einer

Handlung,--die nicht vermittelst der Erzählung, sondern vermittelst des

Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen

Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem

sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der

Erzählung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden?

Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre

Absicht zu erreichen: und die Erzählung kann sich nur auf die Art und

Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen.

Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet

hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzählung, welches die

dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Übersetzer bei dieser

Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber

nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlässigte

Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur

den Sinn des Philosophen liefern. Dacier übersetzt: d'une action--qui,

sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la

terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die

Erzählung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst)

uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der

vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was

Aristoteles sagen will, nur daß sie es nicht so sagen, wie er es sagt.

Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine

bloß vernachlässigte Wortfügung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles

bemerkte, daß das Mitleid notwendig ein vorhandenes Übel erfodere; daß

wir längst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Übel

entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden

können, als ein anwesendes; daß es folglich notwendig sei, die Handlung,

durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist,

nicht in der erzählenden Form, sondern als gegenwärtig, das ist, in der

dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, daß unser Mitleid durch

die Erzählung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch

die gegenwärtige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in

der Erklärung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu

setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist. Hätte er es

für möglich gehalten, daß unser Mitleid auch durch die Erzählung erreget

werden könne: so würde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen

sein, wenn er gesagt hätte, "nicht durch die Erzählung, sondern durch

Mitleid und Furcht". Da er aber überzeugt war, daß Mitleid und Furcht in

der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so

konnte er sich diesen Sprung, der Kürze wegen, erlauben.--Ich verweise

desfalls auf das nämliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner

Rhetorik.[1]

Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der

Tragödie gibt, und den er mit in die Erklärung derselben bringen zu

müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten,

darüber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, daß alle,

die sich dawider erklärt, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie

haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiß wußten,

welches seine wären. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und

bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen,

indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in

die nähere Erörterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch

nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei

Anmerkungen machen.

1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragödie solle uns, vermittelst

des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten

Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch

Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist

es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die

Tragödie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen.

Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt

Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges,

darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als

gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedächtlichern Pferde

hinten nachruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erst die Augen

recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles:

und das heißt nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das hätten sie

übersetzen müssen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten

Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das

vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragödie soll unser Mitleid und

unsere Furcht erregen, bloß um diese und dergleichen Leidenschaften,

nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt

aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und

dergleichen" und nicht bloß "dieser": um anzuzeigen, daß er unter dem

Mitleid nicht bloß das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt

alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloß die

Unlust über ein uns bevorstehendes Übel, sondern auch jede damit verwandte

Unlust, auch die Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein

vergangenes Übel, Betrübnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange

soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, unser

Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und

keine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur

Reinigung der andern Leidenschaften nützliche Lehren und Beispiele finden;

doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und

Komödie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung

überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragödie, die Nachahmung einer

mitleidswürdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle

Gattungen der Poesie; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß;

noch kläglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln.

Aber alle Gattungen können nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so

vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann,

worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist

ihre eigentliche Bestimmung.

----Fußnote

[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de

myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi,

ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous

schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei,

eleeinoterous einai.]

----Fußnote

Achtundsiebzigstes Stück

Den 29. Januar 1768

2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was für

Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der

Tragödie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natürlich, daß sie

sich auch mit der Reinigung selbst irren mußten. Aristoteles verspricht

am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften

durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst

weitläuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar

nichts von dieser Materie darin findet, so ist der größte Teil seiner

Ausleger auf die Gedanken geraten, daß sie nicht ganz auf uns gekommen

sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von

seiner Dichtkunst noch übrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu

finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz

unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nötig halten konnte.

Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung,

Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die

Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo

Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und

die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr

wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und

nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der

Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke",

sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns

die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht

erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben,

die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr

Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern,

ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die

Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber

dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch

welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch

und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die

Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei,

die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte

unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß

und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft

ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur

unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn

Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir,

nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften,

durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch

welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben,

in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein

solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person

durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht

ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in

welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles

will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem

einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt.

Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei

gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in

alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier

den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte

seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß

unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der

Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß

der Nutzen der Tragödie sehr gering sein würde, wenn er bloß hierauf

eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des

Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften

beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in

Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei,

die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm

in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand,

daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen

Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn

der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen.

Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden-

schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen

solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr

gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften

viel oder wenig beiträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacier allein

halten sollen: aber freilich hätte er sodann auch einen vollständigem

Begriff damit verbinden müssen. "Wie die Tragödie", sagt er, "Mitleid und

Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu

erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor Augen stellet, in

das unsersgleichen durch nicht vorsätzliche Fehler gefallen sind; und sie

reiniget sie, indem sie uns mit diesem nämlichen Unglücke bekannt macht

und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch allzusehr

davon gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie

bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufälle mutig zu ertragen, und

macht die Allerelendesten geneigt, sich für glücklich zu halten, indem

sie ihre Unglücksfälle mit weit größern vergleichen, die ihnen die

Tragödie vorstellet. Denn in welchen Umständen kann sich wohl ein Mensch

finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests

nicht erkennen müßte, daß alle Übel, die er zu erdulden, gegen die,

welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vergleichung gekommen?"

Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens

gemacht haben. Er fand sie fast mit den nämlichen Worten bei einem

Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes

einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid

neben sich duldet; daß folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu

erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübnis durch das

Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt,

gelten lassen. Nur fragen muß ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im

geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige?

Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des

Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid

und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht,

daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn,

nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muß

der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise

zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische

Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und

4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne und wirklich

reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch

diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Hälfte erläutert. Denn

wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der

Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß

jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet. Da

nämlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als

in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei

jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits

ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muß die Tragödie,

wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis

des Mitleids zu reinigen vermögend sein; welches auch von der Furcht zu

verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids,

die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch

desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht

allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich

ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein

jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in

Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht,

dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die

tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat

nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugroße Furcht mäßige: und

noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie

in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade

erhöhe; geschweige, daß er auch das übrige sollte gezeigt haben. Die nach

ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet;

aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragödie völlig außer

Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte überhaupt, aber

keinesweges der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z.E. daß sie

die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend

und Haß gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte

das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende

Kennzeichen der Tragödie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten.

----Fußnote

[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels",

hinter der Aristotelischen Dichtkunst".

----Fußnote

Neunundsiebzigstes Stück

Den 2. Februar 1768

Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt

ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemißbrauchten

Verstande, für die plötzliche Überraschung des Mitleids; noch in dem

eigentlichen Verstande des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein

ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er

auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn

wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten würdig fänden. Aber er ist so

ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so

völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich

glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben

sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu

fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie

auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn

trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir,

daß er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königin dieses

erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen:

"Dies ist etwas!"--

Ich habe mich nie enthalten können, bei mir nachzusprechen: nein, das ist

gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem er seine Krone

wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als

ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den

Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch über den Triumph

seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die

einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück

eines Bösewichts auszudrücken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod

selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte,

unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich:

aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische!

Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das

Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben,

nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; er

hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die

Königin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?--

Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es für eine fremde,

herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die

da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das

wünsche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile

gern dabei; und danke dem Dichter für eine so süße Qual.

Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß sein! Er

spricht von einem [Greek: miaron], von einem Gräßlichen, das sich bei dem

Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die

Königin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie

getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser

Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron

haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch

kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie

unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit

Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider

die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht,

ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heiße, wie er

wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte?

Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf

etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei:

so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange

aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den

wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und

Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes

machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig

erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, derenwegen wir die Befriedigung

nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen

Plane der Dinge suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers

sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers sein; sollte

uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse,

werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste

Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in

seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darüber

erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt

habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese

kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft

in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen

und fröhlichen Mut behalten sollen: so ist es höchst nötig, daß wir an

die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse

so wenig als möglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg,

wenn es sein könnte, aus allen Büchern mit ihnen!--

Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen

Eigenschaften hat, die sie haben müßten, falls er wirklich das sein

sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes

Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und

Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben und

hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese

oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie

vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn notwendig nur nach den

Regeln des Aristoteles beschäftiget und vergnügt werden?

Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Überhaupt:

wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt er doch ein dramatisches

Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte

er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden;

kühne Gesinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog; glückliche

Veranlassungen für den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den

mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der

Pantomime zu zeigen usw.

Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die

den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen.

Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung

unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der

Nachahmung.

Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen,

welche Größe und Kühnheit in uns erwecken.

Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in

Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan

wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er

ausgeführt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das

Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des

Zweckes, Vergnügen gewähret.

Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er

ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen über

ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so

viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist,

möchten wir es nicht gern, auch noch bloß vor langer Weile, vergossen

finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit;

nichts hören wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu

erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts

als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie

nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert

vor der Erreichung.

Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige

Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese

Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen

Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld

leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer

Besserung kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl.

Und sonach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese

Beschäftigung unserer Seelenkräfte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht

wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nämlich, daß wir also damit

zufrieden sein können.

Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben.

Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben,

die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben,

und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen;

besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und

Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn sie

weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine

leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu

erhalten wären. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in

Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit

einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Scheiterhaufen anzünden, um

eine Mücke zu verbrennen.

----Fußnote

[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9.

----Fußnote

Achtzigstes Stück

Den 5. Februar 1768

Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet,

Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf

einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung

desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen,

die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen,

ungefähr auch hervorbringen würde.

Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht

erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften

auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle

andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem

andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist.

Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man

sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß.

Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die

Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig,

wie kalt dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit,

wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so

starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie

den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu

haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt

sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu

verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode,

aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft

zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus

anderer Absicht.

Ich sage, wir, unser Volk, unsere Bühne: ich meine aber nicht bloß, uns

Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, daß wir noch kein

Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses

Bekenntnis mit einstimmen und große Verehrer des französischen Theaters

sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich

weiß wohl, was ich dabei denke. Ich denke nämlich dabei: daß nicht allein

wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit hundert Jahren ein

Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben

prahlen,--daß auch die Franzosen noch kein Theater haben.

Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die

französische Tragödie macht, sind so flach, so kalt!--Man höre einen

Franzosen selbst davon sprechen.

"Bei den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters", sagt der Herr von

Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte,

weil das Publikum von selbst keine höhere Ideen haben konnte, als ihm die

großen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond

hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nämlich, daß unsere Stücke nicht

Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid erwecken solle, aufs höchste

Zärtlichkeit errege, daß Rührung die Stelle der Erschütterung, und

Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen

nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit

dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters

getroffen. Man sage immerhin, daß Saint-Evremond der Verfasser der elenden

Komödie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die

Opern' genannt, ist: daß seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das

Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; daß er nichts

als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und

gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war

unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern

Stücken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem

Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles."

Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere

Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher

kam es, daß sie das nicht waren?

"Diese Kälte aber", fährt er fort, "diese einförmige Mattigkeit,

entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals

unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragödie in eine

Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des

'Cyrus' und der 'Clelie'. Was für Stücke sich hiervon noch etwa

ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements,

dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den

'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch

eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene

zurückhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und

diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen.

--Was ließ sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit

Zuschauern angefüllt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen

Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln,

täuschen? Welche große tragische Aktion ließ sich da aufführen? Welche

Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stücke

mußten aus langen Erzählungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche

als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glänzen, und ein

Stück, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel

alle theatralische Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der

Leidenschaften, alle die kräftigen Gemälde der menschlichen

Unglücksfälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele

dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu

zerreißen."

Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und

Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt

gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden.

Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hören: und

diese fodern, daß wir nichts als den Menschen hören sollen.

Aber die zweite Ursache?--Sollte es möglich sein, daß der Mangel eines

geräumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluß auf

das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische

Handlung Pomp und Zurüstungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht

vielmehr sein Stück so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine

völlige Wirkung hervorbrächte.

Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt

der Philosoph, "läßt sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch

aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches

letztere vorzüglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die

Fabel muß so eingerichtet sein, daß sie, auch ungesehen, den, der den

Verlauf ihrer Begebenheiten bloß anhört, zu Mitleid und Furcht über diese

Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhören

darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht

erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die

Vorstellung des Stücks übernommen."

Hamburgische Dramaturgie · 第 43 / 55 题