Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon

will man mit den Stücken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung

gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen

Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der

ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war

eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts

bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn

er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten

behangenen Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem

Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Spielers zu Hilfe

kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stücke des

Shakespeares ohne alle Szenen verständlicher, als sie es hernach mit

denselben gewesen sind.[1]

Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekümmern hat;

wenn die Verzierung, auch wo sie nötig scheinet, ohne besondere Nachteil

seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten

Theater gelegen haben, daß uns die französischen Dichter keine rührendere

Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst.

Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine

schönere, geräumlichere Bühne; keine Zuschauer werden mehr darauf

geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt

und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie

denn, die wärmern Stücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt

sich der Herr von Voltaire, daß seine "Semiramis" ein solches Stück ist?

Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne

ich nichts Kälteres, als seine "Semiramis".

----Fußnote

[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78.

79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting.

--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain

of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared

either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with

tapestry; so that for the place originally represented, and all the

successive changes, in which the poets of those times freely indulged

themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or

to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and

judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would

insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards

were with them.

----Fußnote

Einundachtzigstes Stück

Den 9. Februar 1768

Will ich denn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sei, ein

wirklich rührendes tragisches Werk zu machen? daß der volatile Geist der

Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich würde mich schämen,

wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen

Bouhours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Teil, hätte nun gleich die

wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der

Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten

habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose.

Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles

unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Engländer als

witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige

Engländer: der Praß von dem Volke aber ist keines von beidem.--

Was will ich denn? Ich will bloß sagen, was die Franzosen gar wohl haben

könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch

nicht haben?--Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen

müssen, wenn er es hätte treffen wollen.

Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu

haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas

bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völkern haben; aber es ist keine

Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit.

Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man

wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner

Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter

noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach

und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem

Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und

sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines

Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht

wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich

schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine

Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte

unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er

ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem

träumerischen Besitze zu behaupten.

Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille

ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der

Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand

angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar

auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch

rührender sein könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für

unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte

sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden

als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre

Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und höre,

was sie antworten!

Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet

und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat.

Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt; Corneille aber durch

seine Muster und Lehren zugleich.

Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei

Pedanten, einen Hédelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten,

was sie wollten) als Orakelsprüche angenommen, von allen nachherigen

Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stück vor Stück zu

beweisen,--nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug

hervorbringen können.

Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie

kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und

schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so

sucht er, bei einer nach der andern, quelque modération, quelque favorable

interprétation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine

jede,--und warum? pour n'être pas obligés de condamner beaucoup de poèmes

que nous avons vû réussir sur nos théâtres; um nicht viele Gedichte

verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beifall gefunden. Eine schöne

Ursache!

Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon

berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen.

1. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen.--

Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht

immer nötig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne

Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der

große Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten

Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl

schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit

meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen

Nichtswürdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille:

und die Franzosen glaubten es ihm nach.

2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen;

beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille

sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es

eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen

bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner

"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun

es ihm nach.

3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die

Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen

anhängig, gereiniget werden.--Corneille weiß davon gar nichts und bildet

sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragödie erwecke unser

Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die

Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete

Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht

nicht sprechen: genug, daß es nicht die Aristotelische ist; und daß, da

Corneille seinen Tragödien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig

seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren,

von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mußten

Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht

allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre

Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des

Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacier beide

Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung

wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten

Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur

einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich

daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit noch eher

die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragödie", sagt er,

"ist, zufolge jener, noch so ziemlich glücklich, Mitleid und Furcht zu

erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die

doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die übrigen

Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als

Liebesintrigen enthält, wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es

einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, daß ihr

Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher

französische Tragödien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht

ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche

die unglücklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht

setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend,

ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade

erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus

verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es

erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr

unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, daß es keine

Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr

gute Köpfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen

geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr

Corneille und Racine, ihr Crébillon und Voltaire von dem wenig oder gar

nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum

Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit

den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene

desto öfterer. Denn nur weiter--

----Fußnote

[1] (Poét. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragédie peut réussir

assez dans la première partie, c'est-à-dire, qu'elle peut exciter et

purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement à la

dernière, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres

passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour,

si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-là seule, et par là il

est aisé de voir qu'elle ne fait que peu de fruit.

----Fußnote

Zweiundachtzigstes Stück

Den 12. Februar 1768

4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein

Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sei

gräßlich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt

mehr Unwillen und Haß gegen den, welcher das Leiden verursacht, als

Mitleid für den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht

die eigentliche Wirkung der Tragödie sein soll, würde, wenn sie nicht

sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich

hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen,

weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm

gefallen hätte, wenn er es allein mit wegnehmen können. Aber", kömmt

Corneille hintennach; denn mit einem Aber muß er nachkommen--"aber, wenn

diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der

Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid für sich, als Widerwillen gegen

den erweckt, der ihn leiden läßt: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille,

"halte ich dafür, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den

tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."[1]

--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag

hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu

verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat.

Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt

Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich.

Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine

bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhört. Aristoteles

sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber

sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche

findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes selbst: Corneille aber

setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht.

Er sieht nicht, oder will nicht sehen, daß jenes Gräßliche ganz etwas

anders ist als dieser Unwille; daß, wenn auch dieser ganz wegfällt, jenes

doch noch in seinem vollen Maße vorhanden sein kann: genug, daß vors

erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stücken

gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des

Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich

einzubilden, es habe dem Aristoteles bloß an dergleichen Stücken gefehlt,

um seine Lehre darnach näher einzuschränken und verschiedene Manieren

daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglück des ganz

rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. En voici,

sagt er, deux ou trois manières que peut-être Aristote n'a su prévoir,

parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les théâtres de son temps.

Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst?

Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind

sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch

einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und

so, daß der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der

'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unerträglich würde

gewesen sein, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, und in

dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleopatra

und Phokas aber triumphieret hätten. Das Unglück der erstern erweckt ein

Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben,

nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß sich irgendein

glücklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das

mag Corneille sonst jemanden weismachen, daß Aristoteles diese Manier

nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht

gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener

der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war es möglich, daß Corneille

dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache

zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar

nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht

unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches

gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu

sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt

Corneille, "daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl

eines andern umkömmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen

allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den

Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix

seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist es nicht aus wütendem Eifer

gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswürdig machen würde,

sondern bloß aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn

in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in

Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und

mißbilliget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Unwille nicht das

Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, und verhindert auch

nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stücks, nicht

völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper,

denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum

sollte es also dem Aristoteles an einem Stücke von ähnlicher Einrichtung

gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille?

Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie

Felix, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr und machen sie noch

obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im

geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche

liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in

dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so

unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder

schwach sein, mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der

Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann,

die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Helden hätten diesen

gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich:

und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen,

die ihn bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeuget haben

sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?--Das nämliche

würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille

nicht selbst näher anzugeben vergessen hätte.

5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz

Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid

noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bei.

Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht

allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster

desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht

zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern

ähnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den

zwar proportionierten, aber doch noch immer unglücklichen Folgen

derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gründet

sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von

der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte,

und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die

Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und

daß der Bösewicht, wenn es möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen

könne, auch notwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie

Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und

bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu

helfen. Ja, Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter als den

ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdrücklich, falls man den Held aus

der mittlere Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als

schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut

sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler

begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglück stürzet, das uns mit

Mitleid und Wehmut erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu sein, weil es

die natürliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche

der lasterhaften Personen in der Tragödie sagt, ist das nicht, was

Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloß zu

Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloß zur

Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen

lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der

Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch

sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Bösewichter keinen

Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "daß man den Tod des Narciß im

Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon

deswegen ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die

Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße

Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern

Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch

besser sein würde, wenn es die nämliche Wirkung ohne sie hätte. Je

simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie

hat, desto vollkommener ist sie.

----Fußnote

[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulté d'exposer sur la

scène des hommes très vertueux.

[2] Réflexions cr. T. I. Sect. XV.

----Fußnote

Dreiundachtzigstes Stück

Den 16. Februar 1768

6. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft,

welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie

sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so

viel als tugendhaft heißen soll: so wird es mit den meisten alten und

neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte,

wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht

bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für

seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Güte, welche Aristoteles

fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen;

es muß eine andere Art von Güte sein, die sich mit dem moralisch Bösen

ebensowohl verträgt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet

Aristoteles schlechterdings eine moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte

Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten

zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche

Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proäresis ist, durch welche

allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder bösen

Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in

einen weitläuftigen Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den

Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen

Kunstrichters einleuchtend genug führen. Ich verspare ihn daher auf eine

andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankömmt, zu

zeigen, was für einen unglücklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des

richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: daß Aristoteles

unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter

irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der

eingeführten Person entweder eigentümlich zukomme oder ihr schicklich

beigeleget werden könne: le caractère brillant et élevé d'une habitude

vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable à la

personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist

äußerst böse: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er

sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt

vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind

mit einer gewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat,

daß man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie

entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Lügner'

zu sagen. Das Lügen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein

Dorant bringt seine Lügen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so

vieler Lebhaftigkeit vor, daß diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl

läßt und die Zuschauer gestehen müssen, daß die Gabe, so zu lügen, ein

Laster sei, dessen kein Dummkopf fähig ist."--Wahrlich, einen

verderblichern Einfall hätte Corneille nicht haben können! Befolget ihn

in der Ausführung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Täuschung, um

allen sittlichen Nutzen der Tragödie getan! Denn die Tugend, die immer

bescheiden und einfältig ist, wird durch jenen glänzenden Charakter eitel

und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis überzogen, der uns

überall blendet, wir mögen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus

welchem wir wollen. Torheit, bloß durch die unglücklichen Folgen von dem

Laster abschrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselben

verbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt, daß sie

ebensooft glücklich als unglücklich fallen. Dieses bezieht sich auf die

Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir

sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht

mit jenem trügerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem

Laster untergelegt wird, macht, daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo

keine sind; macht, daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte.

Zwar hat schon Dacier dieser Erklärung widersprochen, aber aus

untriftigern Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche er mit dem

Pater Le Bossu dafür annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den

poetischen Vollkommenheiten des Stücks ebenso nachteilig werden kann. Er

meinet nämlich, "die Sitten sollen gut sein", heiße nichts mehr als, sie

sollen gut ausgedrückt sein, qu'elles soient bien marquées. Das ist

allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller

Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wenn es die

französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man "gut ausdrücken" für

stark ausdrücken genommen hätte. Man hat den Ausdruck überladen, man hat

Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte

Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe

von Lastern und Tugenden geworden sind.--

Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die

Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen.

Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl

nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat

ihn nicht gesehen oder gelesen? Krüger hat indes das wenigste Verdienst

darum; denn er ist ganz aus einer Erzählung in den Bremischen Beiträgen

genommen. Die vielen guten satirischen Züge, die er enthält, gehören

jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehört nichts,

als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Bühne an Krügern viel

verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten"

beweisen. Wo er aber rührend und edel sein will, ist er frostig und

affektiert. Hr. Löwen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man

jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermißt. Dieses war der erste

dramatische Versuch, welchen Krüger wagte, als er noch auf dem Grauen

Kloster in Berlin studierte.

Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das

Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und

zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt.

"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stücken, welche der Hr. von

Voltaire für sein Haustheater gemacht hat. Dafür war es nun auch gut

genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht

zu Paris; soviel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine

schlechtern Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Marins und

Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiß selbst nicht. Denn ich

wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke

und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Feierkleide sehen.

Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber verschiedne

Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem

allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf

Verkennungen und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht

ekel; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das

Fremde der Sitten und die elende Übersetzung das mot pour rire nur nicht

meistens so unverständlich machte.

Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney"

wiederholt. Den Beschluß machte "Der sehende Blinde".

Dieses kleine Stück ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat

Titel und Intrige und alles einem alten Stücke des De Brosse abgeborgt.

Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in

die er verliebt ist, als er Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er

verläßt seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der

aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die

Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben

macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt

einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte

Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu überzeugen,

ihnen schreiben läßt, daß er sein Gesicht verloren habe. Die List

gelingt; er kömmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der

um den Betrug weiß, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die

Entwicklung läßt sich erraten; da der Offizier an der Unbeständigkeit der

Witwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu

heiraten, und der Tochter gibt er die nämliche Erlaubnis, sich mit ihrem

Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des

Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe

versichert, daß ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, daß sie ihn

aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem

Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre

Zärtlichkeit durch Gebärden. Das ist der Inhalt des alten Stückes vom De

Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stücke des Le Grand. Nur

daß in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fünf

Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel

geworden, und was sonst dergleichen kleine Veränderungen mehr sind. Es

mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefällt sehr. Die

Übersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir

haben; sie ist wenigstens sehr fließend und hat viele drollige Zeilen.

----Fußnote

[1] S. den 17. Abend.

[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226.

----Fußnote

Vierundachtzigstes Stück

Den 19. Februar 1768

Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der

Hausvater" des Hrn. Diderot aufgeführt.

Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt,

--wenigstens hat es mit Müh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem

Pariser Theater erscheinen dürfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr

lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch

hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und

Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das

Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von

Zeit zu Zeit angemerkt habe.

Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natürlichen Sohne", in den

beigefügten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat

Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits

verschiedne Jahre vorher ließ er es sich merken, daß er die hohen

Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute täuschen

und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche,

in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in

welchem der persiflierende Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch

das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Höhnerei

zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit

seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen

wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im

Ernste wiederholen will.

Dieses Buch heißt "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt

durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber

doch hat er es geschrieben und muß es geschrieben haben, wenn er nicht

ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger

Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es

geschrieben zu haben.

Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch

kennen. Ich will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen,

als es hier in meinen Kram dienet.--

Ein Kaiser--was weiß ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen

magischen Ringe gewisse Kleinode so viel häßliches Zeug schwatzen lassen,

daß seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hören wollte. Sie hätte

lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigstens

nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf

des Sultans Majestät und ein paar witzige Köpfe einzuschränken. Diese

waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied

der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und

ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen

unterhält sich die Favoritin einsmals, und das Gespräch fällt auf den

elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert

als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten

seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hören, und er wohl

voraussieht, daß die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme

seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in

allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater

an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile.

"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim.

"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre

schönsten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir

nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen könnten. Unser Theater ward

für das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafür

gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es

verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es

ist das klare Altertum!"

"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans

gesehen und gleichfalls den Faden des Stücks sehr richtig geführet, den

Dialog sehr zierlich und das Anständige sehr wohl beobachtet gefunden."

"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem

Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genähret, und

dem größten Teile unsrer Neuern!"

"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker über die Klinge

springen lassen, sind doch bei weitem so verächtlich nicht, als Sie

vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer,

keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was

bekümmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es sind

wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten

Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle

nicht gelesen habe, welche es machen, daß ich die Stücke des Aboulcazem,

des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre!

Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und

haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?"

"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in

verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich

schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das müssen wir aus den Werken

lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die

gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger

gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt

man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner

Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens

alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt

worden. Sonst ließe sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung,

ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken

haben könne; welches doch wider alle Erfahrung ist."

"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als

daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zunutze machen können, die

bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein müssen, als die Alten:

oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefällt, daß sie auf den

Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig müssen weiter

sehen können, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre,

ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in

Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit

und Poesie nicht ebensowohl überlegen sein?"

"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist groß, und Riccaric

kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. Er mag Ihnen sagen,

warum unsere Tragödien schlechter sind, als der Alten ihre; aber daß sie

es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich

will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "daß Sie die Alten nicht

gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse beworben, als

daß Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie

gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre

Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstößig sind, weil sich

die Umstände geändert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff

nicht immer edel, wohlgewählt und interessant ist? ob sich die Handlung

nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem

Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten

gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit

Episoden überladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel

Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hören Sie alles, was von

dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti

ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern Sie sich der Höhle des

unglücklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und

sagen Sie mir, ob das Geringste vorkömmt, was Sie in der Täuschung stören

könnte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stück, welches die nämliche

Prüfung aushalten, welches auf den nämlichen Grad der Vollkommenheit

Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben."

"Beim Brahma!" rief der Sultan und gähnte; "Madame hat uns da eine

vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!"

"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch

weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich

weiß, daß nur das Wahre gefällt und rühret. Ich weiß auch, daß die

Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer

Handlung bestehet, daß der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der

Handlung selbst gegenwärtig zu sein glaubt. Findet sich aber in den

Tragödien, die Sie uns so rühmen, nur das geringste, was diesem

ähnlich sähe?"

Fünfundachtzigstes Stück

Den 23. Februar 1768

"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und

verwickelt, daß es ein Wunder sein würde, wenn wirklich so viel Dinge in

so kurzer Zeit geschehen wären. Der Untergang oder die Erhaltung eines

Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das

geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Kömmt es auf eine

Verschwörung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie

beisammen; im dritten werden alle Maßregeln genommen, alle Hindernisse

gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit nächstem wird es

einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer

förmlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut geführt, interessant,

warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben,

der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige

zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen

Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen

geht."

"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stücke sind ein wenig

überladen; aber das ist ein notwendiges Übel; ohne Hilfe der Episoden

würden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen."

"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muß

man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein

sollte. Kann etwas Lächerlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es

wäre denn etwa dieses, daß man die Geigen ein lebhaftes Stück, eine

muntere Sonate spielen läßt, während daß die Zuhörer um den Prinzen

bekümmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen

Thron und sein Leben zu verlieren.

"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien

müßte man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen

gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die

Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort.

"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, daß,

wenn die Episoden uns aus der Täuschung herausbringen, der Dialog uns

wieder hereinsetzt. Ich wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere

tragische Dichter."

"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte,

das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend

Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu

verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn

unaufhörlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia

sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei

unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn

Sie wollen, einige Stellen daraus übersetzen; und Sie werden die bloße

Natur hören, die sich durch den Mund derselben ausdrückt. Ich möchte gar

zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt daß ihr euern

Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in

Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben.'"

"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge

unserer dramatischen Stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte

Selim, "daß Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen."

"Nein, gewiß nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte

für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich

durch ein Wunder. Weiß der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die

er von Szene zu Szene ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll:

geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstoße ab; die ganze Welt

fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. Hernach,

hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die

Prinzen und Könige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut

geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn

Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man

nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu einem hohen Grade der

Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast für

erwiesen, daß von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die

Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die

unvollkommenste geblieben ist."

Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische

Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir

einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe

mich darauf, eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde."

"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es käme

einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele

etwas gehört hätte; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle;

der ungefähr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen der

Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber

nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein

Freund, es äußern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der

Fürst, der mit seinem Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat,

daß er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, an

beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, allem Ansehen nach,

sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, daß Sie

von allem, was vorgeht, Zeuge sein können.' Er nimmt mein Anerbieten an,

und ich führe ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das

Theater sieht, welches er für den Palast des Sultans hält. Glauben Sie

wohl, daß trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemühte, die

Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könnte? Müssen Sie nicht

vielmehr gestehen, daß er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer

wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebärden, bei dem

seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend

andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen würden, gleich in der ersten

Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen würde, daß ich ihn

entweder zum Besten haben wollte, oder daß der Fürst mitsamt seinem Hofe

nicht wohl bei Sinnen sein müßten."

"Ich bekenne", sagte Selim, "daß mich dieser angenommene Fall verlegen

macht; aber könnte man Ihnen nicht zu bedenken geben, daß wir in das

Schauspiel gehen, mit der Überzeugung, der Nachahmung einer Handlung,

nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen."

"Und sollte denn diese Überzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die

Handlung auf die allernatürlichste Art vorzustellen?"--

Hier kömmt das Gespräch nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts

angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den

klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den

Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen

Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit

Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der

gerügten Mängel zu entfernen und den Weg der Natur und Täuschung besser

einzuschlagen bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es

klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der

Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum

er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: bloß

und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode

seiner Vorgänger verschrien haben, weil er empfand, daß in Befolgung der

nämlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein

elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein

Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots über seine

Stücke her.

Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natürlichen Sohne", manche

Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der

"Hausvater" ist. Zu viel Einförmigkeit in den Charakteren, das

Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog,

ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen:

alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche

Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heißt), die so

philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie

nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu

erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen,

daß die Einkleidung, welche Diderot den beigefügten Unterredungen gab,

daß der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß

verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen

wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß

andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem

blendenden Vortrage zu haben schienen.

Sechsundachtzigstes Stück

Den 26. Februar 1768

z.E. Diderot behauptete,[1] daß es in der menschlichen Natur aufs

höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gäbe, die großer

Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den

menschlichen Charakteren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten,

als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr

die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte

die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie

machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komödie der Charakter das

Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß

der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem

Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgängig die Umstände,

in welchen er sich am besten äußert, und verband diese Umstände

untereinander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vorteile,

die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese

Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit größerm Umfange, von weit

größerm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein

wenig übertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin

ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man

spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. Er

muß das, was er hört, notwendig auf sich anwenden."

Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es,

daß die Natur so arm an ursprünglichen Charakteren sei, daß sie die

komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molière sahe noch

genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil

von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in

welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so

merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuten läßt, daß der Misanthrop

schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben

sein, wann er länger gelebt hätte.[3] Palissot selbst ist nicht

unglücklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung

beizufügen: den dummen Mäzen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an

seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekünstelte Anschläge

immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den

Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den

Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler

ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten,

die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche

erweitern. Das ist noch Ernte genug für die wenigen Schnitter, die sich

daran wagen dürfen!

Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so

wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden

die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z.

E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen

Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder

leichtsinnig, leutselig oder stürmisch sein müssen? Wird es nicht bloß

dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte

heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich

die Grundlage der Intrige und die Moral des Stücks wiederum auf dem

Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das

Zufällige sein?

Zwar könnte Diderot hierauf antworten: Freilich muß die Person, welche

ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen

Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher sein soll, der mit den

Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs

beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es

mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder

stürmisch machen will: er muß notwendig ernsthaft und leutselig sein, und

jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschäfte erfodert.

Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich

einer andern Klippe genähert; nämlich der Klippe der vollkommnen

Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders tun, als

was sie nach Pflicht und Gewissen tun müßten; sie würden handeln, völlig

wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komödie? Können

dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den

wir davon hoffen dürfen, groß genug sein, daß es sich der Mühe verlohnt,

eine neue Gattung dafür festzusetzen und für diese eine eigene Dichtkunst

zu schreiben?

Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt

nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stücken steuert er ziemlich

gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich

durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den

Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei

Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Brüdern" des

Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Väter darin sind mit so gleicher

Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann,

die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Fällt

er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit

Erstaunen wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch für

einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und daß

der, den er für einen Narren gehalten hat, wohl gar der verständige Mann

sein könnte. Man sollte zu Anfange des fünften Aufzuges dieses Drama fast

sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen

worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stücks

umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr

weiß, für wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man für

den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man für keinen von

beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel

zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten."

Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem

nämlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen,

wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir

verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet

zu werden.

Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloß verschieden,

als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder

natürlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den

dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft

im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend

zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend

finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist

ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise hält, das ihm

Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung?

Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in

welchen man Väter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder völlig

entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater

aufweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der

nämliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich

sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen,

nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch untereinander

einförmiger sein, als es die sein können, welche Väter von verschiednen

Grundsätzen einführen. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in

ruhigen Gesellschaften bloß verschieden scheinen, sich von selbst

kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja

es ist natürlich, daß sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander

entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und

Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue

wird kalt wie Eis, um jenem soviel Übereilungen begehen zu lassen, als

ihm nur immer nützlich sein können.

----Fußnote

[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natürlichen Sohne", S. 321-322 d.

Übers.

[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II.

[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui

(à Molière) fournirons toujours assez de matière, et nous ne prenons

guère le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce

qu'il dit. Crois-tu qu'il ait épuisé dans ses Comédies tous les ridicules

des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt

caractères de gens, où il n'a pas touché? N'a-t-il pas, par exemple, ceux

qui se font les plus grandes amitiés du monde, et qui, le dos tourné,

font galanterie de se déchirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs

à outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les

louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur

fade qui fait mal au coeur à ceux qui les écoutent? N'a-t-il pas ces

lâches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune,

qui vous encensent dans la prospérité, et vous accablent dans la

disgrâce? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mécontents de la Cour, ces

suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour

services ne peuvent compter que des importunités, et qui veulent qu'on

les récompense d'avoir obsédé le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux

qui caressent également tout le monde, qui promènent leurs civilités à

droite, à gauche, et courent à tous ceux qu'ils voyent avec les mêmes

embrassades, et les mêmes protestations d'amitié?--Va, va, Marquis,

Molière aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il

a touché n'est que bagatelle au prix de ce qui reste.

[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Übers.

----Fußnote

Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stück

Den 4. März 1768

Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz

richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit

seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens

verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbei.

So sagt er über den "Natürlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer

Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt das Stück so? Welchen Einfluß hat

die Geburt des Dorval? Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher

Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was kann

also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen

über das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwärmen? Welcher

vernünftige Mensch weiß denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches

Vorurteil ist?"

Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur

Verwickelung meiner Fabel nötig; ohne ihn würde es weit unwahrscheinlicher

gewesen sein, daß Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester

von keinem Bruder weiß; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen,

und ich hätte den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen können.

--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, wäre Palissot nicht ungefähr

widerlegt?

Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern

Einwurfe bloßgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer

hätte zusetzen können. Diesem nämlich: daß der Umstand der unehelichen

Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher

sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu

eigentümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung

seines Charakters viel zuviel Einfluß gehabt hat, als daß dieser

diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des

Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muß.--Die Gelegenheit

reizt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Reize von

der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen?

"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische

hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der

und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein

anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große

Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefähr eine so eigene

Physiognomie, daß ihr nur ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde

die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten.--Terenz scheinet mir

einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein

Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er

seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen

nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich

hält, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit

eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater

nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein

Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben."

Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter

wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als

den Menander. Menander war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen

nach, in seinem Stücke noch weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als

er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphäre, wegen der

verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen müssen.[2] Aber daß er von

Menandern herrührt, dieses allein schon hätte, mich wenigstens,

abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre

kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als

witzig gesagt: doch würde man es wohl überhaupt von einem Dichter gesagt

haben, der Charaktere zu schildern imstande wäre, wovon sich in der

größten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel

zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl ein solcher

Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und

wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der

Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches

denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt

haben, daß schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack

hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen,

aber fast unmerklich, getadelt habe.

Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz

zeigen will, "daß die Narren aus einer Übertreibung in die andere

entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fürchtet für

einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er tut? Er leihet

monatlich für fünf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je nötiger

der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiß die Namen

aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten,

dabei aber über harte Väter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr,

daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften

entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in

der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann

sich nicht schlechter quälen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter,

dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal

soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen

beiläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz vollkommen

gemäß.

Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu

lassen. Denn hier, dünkt mich, würde die beiläufige Anspielung dem

Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn

es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso

abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache hätte, sich zu

peinigen, als Fufidius, so teilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius

ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne

alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der

Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut,

was dieser aus Reu und Betrübnis tat: nur alsdenn wird uns jener

unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitleidswürdig wir

diesen finden.

Und allerdings ist jede große Betrübnis von der Art, wie die Betrübnis

dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst.

Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Jahre sich ein

Beispiel einer solchen Betrübnis finde: vielmehr handelt jede ungefähr

ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero

hatte auf die Natur der Betrübnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem

Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht

bloß von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kälterm Geblüte

fortsetzen zu müssen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes,

faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri,

quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt

humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad

moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros

vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed

etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est,

aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw.

Menedemus aber, so heißt der Selbstpeiniger bei dem Terenz, hält sich

nicht allein so hart aus Betrübnis; sondern, warum er sich auch jeden

geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich

dieses: um desto mehr für den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal

ein desto gemächlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein

so ungemächliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Väter

tun würden? Meint aber Diderot, daß das Eigene und Seltsame darin

bestehe, daß Menedemus selbst hackt, selbst gräbt, selbst ackert: so hat

er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten

gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit würde das freilich nicht so

leicht tun: denn die wenigsten würden es zu tun verstehen. Aber die

wohlhabensten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen

Arbeiten bekannter und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen.

Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des

Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentümlichen, wegen dieser ihm fast

nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so

ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler

gefallen? Denn was kann eigentümlicher sein, als der Charakter seines

Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein

zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? "Gleich nach meiner

Geburt", läßt er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort

verschleudert, der die Grenze zwischen Einöde und Gesellschaft heißen

kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die

mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern davon

erblicken. Dreißig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und

verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden,

noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht

hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern,

vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des

Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen

begegnen. Aber daß es ganze dreißig Jahre in der Welt herumirren könne,

ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne

irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht hätte:

das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder wenn es

möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden

Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten

Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Möglichkeit wirklich zu

machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder

einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das

menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst, ein

Bär geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter

Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will:

wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er unter Wesen, die, ehe er

sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn

anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht

glückliche, so sind es unglückliche Menschen! Menschen sind es doch

immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um

von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfließen: das Wasser

heiße, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean.

Gleichwohl soll diese dreißigjährige Einsamkeit unter den Menschen den

Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun

ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in

ihm erkennen?

Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er

sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung

werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen

Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der

tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein

komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte

Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie

füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen

den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so

allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so völlig individuell

sind, als diese; und solcher Art dürfte doch wohl der Charakter des

Dorval sein.

Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen.

Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, daß die Tragödie Individua, die

Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, daß die Personen der

Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen

müßten; dahingegen der Held der Tragödie nur der und der Mensch, nur

Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat

auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er

die ernsthafte Komödie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter

seines Dorval wäre so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so fällt

auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natürlichen Sohnes kann

aus einer so ungegründeten Einteilung keine Rechtfertigung zufließen.

----Fußnote

[1] Unterred., S. 292 d. Übers.

[2] Falls nämlich die 6. Zeile des Prologs

Duplex quae ex argumento facta est simplici,

von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen

ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Übersetzer des

Terenz, Colman, sie erklären. Terence only meant to say, that he had

doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one

mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very

properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been

implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon

Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius,

hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt

diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item

duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil

ich gar nicht einsehe, was von dem Stücke übrigbleibt, wenn man die

Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte

verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie

Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe

behandeln können; beide sind so genau hineingeflochten, daß ich mir weder

Verwicklung noch Auflösung ohne sie denken kann. Einer andern Erklärung,

durch welche sich Julius Scaliger lächerlich gemacht hat, will ich gar

nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom

Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit

haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu

verändern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermaßen berechtigten.

Einige haben gelesen:

Duplex quae ex Argumente facta est duplici.

Andere:

Simplex quae ex argumento facta est duplici.

Was bleibt noch übrig, als daß nun auch einer lieset:

Simplex quae ex argumento facta est simplici?

Und in allem Ernste: so möchte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle

im Zusammenhange, und überlege meine Gründe:

Ex integra Graeca integram comoediam

Hodie sum acturus Heautontimorumenon:

Simplex quae ex argumento facta est simplici.

[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern

am Theater vorgeworfen ward:

Multas contaminasse graecas, dum facit

Paucas latinas--

[4] Er schmelzte nämlich öfters zwei Stücke in eines und machte aus zwei

griechischen Komödien eine einzige lateinische. So setzte er seine

"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen

"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine

"Brüder" aus den "Brüdern" des nämlichen und einem Stücke des Diphilus.

Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des

"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit

nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm

getan hätten.

--Id esse factum hic non negat

Neque se pigere, et deinde factum iri autumat.

Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi

Licere id facere, quod illi fecerunt putat.

[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, daß ich es noch öfterer

tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stücke, und nicht auf das

gegenwärtige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei

griechischen Stücken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens

genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile

sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage:

Simplex quae ex argumento facta est simplici.

So einfach, will Terenz sagen, als das Stück des Menanders ist, ebenso

einfach ist auch mein Stück; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken

eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stücke

genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem lateinischen;

ich gebe also

Ex integra Graeca integram Comoediam.

Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben

fand, daß es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar

falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das

zweite integram schicken würde.--Und so glaube ich, daß sich meine

Vermutung und Auslegung wohl hören läßt! Nur wird man sich an die gleich

folgende Zeile stoßen:

Hamburgische Dramaturgie · 第 44 / 55 题