und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen
Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzählt;
und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte
man, daß es ein ebenso glücklicher Stoff auch für das Theater sein müsse.
Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich
auf jedes feinere Gefühl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter
der Matrone, der in der Erzählung ein nicht unangenehmes höhnisches
Lächeln über die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem
Drama ekel und häßlich. Wir finden hier die Überredungen, deren sich der
Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und
siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein
empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst
ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre
Schwäche dünkt uns die Schwäche des ganzen Geschlechts zu sein; wir
fassen also keinen besondern Haß gegen sie; was sie tut, glauben wir,
würde ungefähr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den
lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir
ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu müssen;
oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die
Vermutung, daß er wohl auch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzählers
sei, der sein Märchen gern mit einer recht giftigen Spitze schließen
wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir
dort nur hören, daß es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen;
woran wir dort noch zweifeln können, davon überzeugt uns unser eigener
Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der bloßen Möglichkeit ergötzte uns
das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre
Schwärze; der Einfall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des
Einfalls empört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Bühne den
Rücken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem
besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset,
debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere
cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen,
je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verführung angewendet; denn wir
verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein
vorzüglich leichtsinniges, lüderliches Weibsstück insbesondere.--Kurz,
die Petronische Fabel glücklich auf das Theater zu bringen, müßte sie
den nämlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; müßte die
Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklärung
hierüber anderwärts!
Den siebenunddreißigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden
"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt.
Den achtunddreißigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope"
des Herrn von Voltaire aufgeführt.
Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des
Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania,
der Marquise du Châtelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift
davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des
Théâtre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafür
einzuflößen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemäß zu
stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern
mußte er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr
geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire über ein Trauerspiel, über
eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden,
ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darüber zurückschrieb,
welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur
Warnung, jederzeit dem Stücke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin
für eines von den vollkommensten Trauerspielen, für ein wahres Muster
erklärt, und wir können uns nunmehr ganz zufrieden geben, daß das Stück
des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses
ist nun nicht länger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt.
So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein mußte, so schien er
sich doch mit der Vorstellung nicht übereilen zu wollen, welche erst im
Jahre 1743 erfolgte. Er genoß von seiner staatsklugen Verzögerung auch
alle die Früchte, die er sich nur immer davon versprechen konnte.
"Merope" fand den außerordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte
dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt
hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem großen Corneille sehr
vorzüglich; sein Stuhl auf dem Theater ward beständig freigelassen, wenn
der Zulauf auch noch so groß war, und wenn er kam, so stand jedermann
auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Geblüte
gewürdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause
angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß
ihm die Gäste ihre Höflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch
ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu
kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende
war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und lärmte, bis der
Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen
mußte. Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet hätte,
ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefälligkeit des
Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dichter aussieht? Nicht wie andere
Menschen? Und wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht
hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die
Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich,
erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber
vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern
der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde
in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel
liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so
groß, so überschwenglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es
sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz
denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in
der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der
Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig
Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homers wissen,
ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller
Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im
Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung
dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der
blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so
entzücket. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser
Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu
erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein,
man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so
neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde
für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu
kennen, sein müßte (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten,
dem besten Murmeltiere voraus, welches der Pöbel gesehen zu haben ebenso
begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der
französischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser
Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie
zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden könne,
so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein
neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormußte,
und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von
Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger
gestanden. Wie manches Armesündergesichte muß daruntergewesen sein! Der
Posse ging endlich so weit, daß sich die Ernsthaftern von der Nation
selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell
ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug,
das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus
nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver
und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Übe1stand
lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlaßt haben.
Siebenunddreißigstes Stück
Den 4. September 1767
Ich habe gesagt, daß Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei
veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene
ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehören dem
Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz
andere "Merope" geschrieben haben.
Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, müssen wir
zuvörderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische
Verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen
einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel
gegründet hat.
Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stückes
folgendergestalt zusammen. "Daß, einige Zeit nach der Eroberung von
Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in
Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete
durch das Los zugefallen; daß die Gemahlin dieses Kresphonts Merope
geheißen; daß Kresphont, weil er dem Volke sich allzugünstig erwiesen,
von den Mächtigern des Staats, mitsamt seinen Söhnen, umgebracht worden,
den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bei einem Anverwandten seiner
Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er
erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des väterlichen
Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern
gerächet habe: dieses erzählet Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit
seinen zwei Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus
dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß
dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; daß der dritte
Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher
umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet
Apollodorus. Daß Merope selbst den geflüchteten Sohn unbekannterweise
töten wollen; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener
daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den
Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; daß der nun erkannte Sohn
bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses
meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes führet."
Es wäre zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere
Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis
wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner
Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn
erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Mörder ihres
Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom
Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stück,[1] wenn er sich
auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope
die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer
befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen
könne. Aristoteles erwähnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des
Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen
"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes
als das Werk dieses Dichters gemeiner haben.
Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser
weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste
Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des
sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet,
daß, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen
Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstücke so gewöhnte
Volk ganz außerordentlich sei betroffen, gerührt und entzückt worden."
--Hübsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden
Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt
und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine
Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein paar Worte zu
sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben.
Die Sache verhält sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem
vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich für
Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten,
sagt er, müssen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter
gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tötet,
so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der Tat sonst weiter
einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des
Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt verbunden ist. Und so ist
es auch bei gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen
Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muß den Bruder,
ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter töten oder
töten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise mißhandeln oder
mißhandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und
Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollführt oder nicht
vollführt werden muß, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten,
welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die
erste: wenn die Tat wissentlich, mit völliger Kenntnis der Person, gegen
welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird.
Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird.
Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes,
unternommen und vollzogen wird und der Täter die Person, an der er
sie vollzogen, zu spät kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend
unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein
verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen
vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die
Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anführet: so
haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die
Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung
tragischer Fabeln zu sein erkläre.
Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel
sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses
beides beieinander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und
gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation
allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, glücklich ab.
Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichter offenbar?
Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit
gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem
ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den
geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede
dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie
mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne
das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und
welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der
Klytämnestra durch den Orest der Inhalt des Stückes sein sollte, so zeige
sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu
bearbeiten, nämlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der
zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun
überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung
als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht
statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den
Orest geschehen müsse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu gräßlich
sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytämnestra dadurch abermals
gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich
bleibe ihm nichts als die dritte Klasse übrig.
Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht
bloß in einzeln Fällen, nach Maßgebung der Umstände, sondern überhaupt.
Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bei ihm recht,
nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf
der einen Seite eine Blöße von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf
einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit
hat, anstatt nach jener in diese zu stoßen: so ist es ja doch um die
Untrüglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr
als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die
Übereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn der Dichter allgemein
bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf:
wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem
ersten oder zweiten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der
Klytämnestra müßte eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn
Orestes hat sie wissentlich und vorsätzlich vollzogen: der Dichter aber
kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte
doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die
ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders
einschlagen, als den zweiten? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß
sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein
bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen
stattfinden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem
andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben:
so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloß
erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytämnestra wäre
von dieser letztern Art, und es hätte dem Dichter freigestanden, sie
vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige
Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen,
um eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier
sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so
geschähe es bloß aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den
also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt
eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen
erteilet, sind ja die, welche sich unglücklich schließen? Und das ist ja
eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also
gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr.
----Fußnote
[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann,
weil es bei den alten Dichtern nicht gebräuchlich und auch nicht erlaubt
war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), würde sich an der
angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden,
welches Josua Barnes nicht mitgenommen hätte und ein neuer Herausgeber
des Dichters nutzen könnte.
----Fußnote
Achtunddreißigstes Stück
Den 8. September 1767
Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge
leistet. Unsern deutschen Übersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1]
hat sie ebensowenig befriediget. Er trägt seine Gründe dagegen vor, die
zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch
sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche
zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht
zu retten sei. "Ich überlasse", schließt er, "einer tiefern Einsicht,
diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklärung
finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß unser Philosoph dieses
Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen Vorsicht durchgedacht habe."
Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines
offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig.
Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das
größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich
verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal und
glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen
Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem
Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten
können, was ihm diesen Widerspruch gewissermaßen unvermeidlich machen
müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst
würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß
am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeübterm Leser, der ich ihn
zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge
den Faden seiner Gedanken zurück, ponderiere ein jedes Wort und sage mir
immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber daß er hier
etwas behaupten sollte, wovon er auf der nächsten Seite gerade das
Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's
auch.
Doch ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr
Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich
desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer größern
Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen.
Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute
Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere
Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist
es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen
und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft
und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung
einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine
Verknüpfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung
ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie
die Güte eines jeden Ganzen auf der Güte seiner einzeln Teile und deren
Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger
vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede für
sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger
entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der
tragischen Handlung statthaben können, unter drei Hauptstücke: des
Glückswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou];
und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern
versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles
zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches
widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der
Glückswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte
Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo],
unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie
machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schöner und
interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit
und Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine
tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muß jedes
Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein;
denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung
des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht
jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht
erreichen, sie in einem höhern Grade erreichen helfen, andere aber ihr
mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem
Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstücke gebrachten Teile
der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet,
welches der beste Glückswechsel, welches die beste Erkennung, welches die
beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern,
daß derjenige Glückswechsel der beste, das ist der fähigste, Schrecken
und Mitleid zu erwecken und zu befördern, sei, welcher aus dem Bessern in
das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, daß diejenige
Behandlung des Leidens die beste in dem nämlichen Verstande sei, wenn die
Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen,
aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen
soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt.
Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die
Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der
Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von
diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die
möglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des
andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit
des Ganzen? Wenn der Glückswechsel und das, was Aristoteles unter dem
Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind,
warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen?
Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Teile von entgegengesetzten
Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie
nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sei?
Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die
Erkennung dessen hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche
Tat verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der
Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben,
welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern
mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der
Glückswechsel kann sich mitten in dem Stücke ereignen, und wenn er schon
bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so
ist z.E. der Glückswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des
vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos])
hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schließet. Gleichfalls
kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und
in dem nämlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so
daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie
in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem
vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist,
erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswechsel mit
der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben
Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat
die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch den ersteren haben
könnte, wenn nämlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche
erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu
schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben
beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht ebensowohl mit dem
Untergange der Mutter, als des Tyrannen schließen? Warum sollte es einem
Dichter nicht freistellen können, um unser Mitleiden gegen eine so
zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit
selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht
erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen,
gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde
eine solche Merope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden
Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem
Kunstrichter so widersprechend findet?
Ich merke wohl, was das Mißverständnis veranlasset haben kann. Man hat
sich einen Glückswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne
Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne
Glückswechsel denken können. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das
andere sein; nicht zu erwähnen, daß auch nicht beides eben die nämliche
Person treffen muß, und wenn es die nämliche Person trifft, daß eben
nicht beides sich zu der nämlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf
das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne
dieses zu überlegen, hat man nur an solche Fälle und Fabeln gedacht, in
welchen beide Teile entweder zusammenfließen, oder der eine den andern
notwendig ausschließt. Daß es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist
der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten
Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen
seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der
andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich
selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine
Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit sein; jener von
einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er
gesagt, daß jede Fabel diese Teile alle notwendig haben müsse? Genug für
ihn, daß es Fabeln gibt, die sie alle haben können. Wenn eure Fabel aus
der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten
Glückswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so
untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren
würdet, und wählet. Das ist es alles!
----Fußnote
[1] Herrn Curtius, S. 214.
----Fußnote
Neununddreißigstes Stück
Den 11. September 1767
Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen
haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden
haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern
Falle so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu
erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er
ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muß erst untersucht
werden, wo er das größere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber,
nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er
davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln
Teile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bei dem
Pater Tournemine auch nur ein bloßer Jesuiterkniff, um uns mit guter Art
zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel, von einem so großen
Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstück werden müssen.
Doch Tournemine und Tournemine--Ich fürchte, meine Leser werden fragen:
"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn
viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen,
weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1].
Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire
selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stücke
des Euripides die nämlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß
Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten,
daß die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste
Augenblick der ganzen griechischen Bühne sei. Auch er sagt, daß Aristoteles
diesem coup de théâtre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch
versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripides für das rührendste
von allen Stücken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun
gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus
welchem er die Situation der Merope anführt, nicht einmal den Titel namhaft;
er sagt weder, wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sei;
geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripides
erkläre.
Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der
Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen
griechischen Bühne sei! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten!
Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen
Bühne! Sollte man hieraus nicht schließen: Aristoteles gehe mit Fleiß
alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch,
vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die
er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten
Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher
den Ausspruch für diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es
nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum
Beispiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel
von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beispiele in der "Iphigenia",
wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter
erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu
vergehen.
Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und
wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters
gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drei Beispiele
von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter
gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente.
Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht
ausschließt; und obschon in der "Iphigenia" die glückliche Erkennung auf
die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich
sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche
Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der
Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten
von allen tragischen Dichtern verdiente?
Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich;
ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den
wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" übrig sind, nicht
schließen. Sie enthalten nichts als Sittensprüche und moralische
Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und
werfen nicht das geringste Licht auf die Ökonomie des Stückes.[3] Aus
dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttin des
Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die
Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder
hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schließen,
daß die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei ältern Söhne entweder
einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz
vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des jüngern
Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brüder
zu rächen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die größte Schwierigkeit aber
macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des
jüngern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stück
"Kresphontes" heißen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber
hieß nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, daß
jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der
Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts
sicher zu bleiben. Der Vater muß längst tot sein, wenn sich der Sohn des
väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein
Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin
vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind über diese
Schwierigkeit hinwegzusetzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn
gleichfalls Kresphont geheißen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit?
aus welchem Grunde?
Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich
Maffei schmeichelte: so können wir den Plan des Kresphontes ziemlich
genau wissen. Er glaubte ihn nämlich bei dem Hyginus, in der
hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er hält
die Fabeln des Hyginus überhaupt größtenteils für nichts, als für die
Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius
gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem
verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich
neue zu erdichten. Der Rat ist nicht übel und zu befolgen. Auch hat ihn
mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er
ihn gegeben. Herr Weiße hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube
geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur
möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinste
Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen.
Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien
zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder
unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragödienschreiber selbst
ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation
gemacht, scheinet selbst die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche
betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter
nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte,
ausdrücklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzählt er
z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach
dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des
Euripides.
----Fußnote
[1] "Lettres familières".
[2] Aristote, dans sa Poétique immortelle, ne balance pas à dire que la
reconnaissance de Mérope et de son fils était le moment le plus
intéressant de toute la scène Grecque. Il donnait à ce coup de Théâtre la
préférence sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si
sensible, frémissaient de crainte que le vieillard, qui devait arrêter le
bras de Mérope, n'arrivât pas asseztôt. Cette pièce, qu'on jouait de son
temps, et dont il nous reste très peu de fragments, lui paraissait la
plus touchante de toutes les tragédies d'Euripide etc. Lettre à
Mr. Maffei.
[3] Dasjenige, welches Dacier anführet ("Poétique d'Aristote", Chap. XV.
Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem
Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nützen solle".
[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poét. d'Arist. Une Mère, qui
va tuer son fils, comme Mérope va tuer Cresphonte etc.
[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184
d'Igino, la quale a mio credere altro non è, che l'Argomento di quella
Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa.
Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci già in quell'
Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le più di quelle
Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di ciò col
confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto
in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi è stato
caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal
sentimento. Una miniera è pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse
stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a
lor fantasia: io la scoprirò loro di buona voglia, perchè rendano col
loro ingegno alla nostra età ciò, che dal tempo invidioso le fu rapito.
Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto più di considerazione
quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non è stato
creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle
favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole
costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso
convertendole, le avean ridotte.
----Fußnote
Vierzigstes Stück
Den 15. September 1767
Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über derhundertundvierund-
Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus
Dem "Kresphont" Desselben Könne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Daß
Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So
Daß, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Könnte,
Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizität Weit Näher Käme, Als
Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzählung Des Hyginus, Die
Ich Oben Nur Verkürzt Angeführt, Ist Nach Allen Ihren Umständen Folgende.
Kresphontes war König von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope
drei Söhne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem
er, nebst seinen beiden ältesten Söhnen, das Leben verlor. Polyphontes
bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche
während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn,
namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit
bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward
Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen und versprach
also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde.
Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine
Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging
nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, daß er den Telephontes
umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung.
Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu
bewirten, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephontes ward also in das
Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indes kam der alte
Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen
Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, daß
Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne daß man wisse, wo er hingekommen.
Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der
angekommene Fremde rühme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und hätte ihn
im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin
nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der
Freveltat verhindert hätte. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche
Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt.
Polyphontes dünkte sich aller seiner Wünsche gewähret und wollte den
Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber
alle um den Altar versammelt waren, führte Telephontes den Streich, mit
dem er das Opfertier fällen zu wollen sich stellte, auf den König; der
Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen
Reiches.[1]
Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische
Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren
Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus
genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fußtapfen des
Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Überzeugung
ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer bloßen
Divination über den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in
seiner "Merope" wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von
verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging
und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin gerührt hatte,
in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte.
Die Mutter nämlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem
Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den
Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern und mit
Ausschließung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und
tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht
also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die
Umstände von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswärtiger
Erziehung treffen mußte. Merope mußte nicht die Gemahlin des Polyphonts
sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so
frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes
überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und
dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche
nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befreien. Der Sohn mußte
nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines väterlichen Hauses, in aller
Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntnis seines Standes
und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die mütterliche Liebe erkaltet
natürlicherweise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des
Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand
geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er mußte nicht in der
ausdrücklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß
nicht von Meropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er
sich selbst dafür ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von
Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so
ist ihre Verlegenheit bei der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr
rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel
genug.
Und diesen Veränderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan
ungefähr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fünfzehn Jahre, und
doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das
Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugetan und rechnet
auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu
beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er trägt ihr
seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope
weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch
Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht
verhelfen können. Eben dringt er am schärfsten in sie, als ein Jüngling
vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde
ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Jüngling, hatte nichts getan,
als sein eignes Leben gegen einen Räuber verteidiget; sein Ansehen verrät
so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die
noch außerdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl
mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der
König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten
Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode
ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes
Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält,
heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder
aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der
Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen
wäre? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene
Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu
begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestärket, den man bei dem
Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn Aegisth dem
Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls,
den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen,
wenn er erwachsen, und es Zeit sein würde, ihm seinen Stand zu entdecken.
Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an
eine Säule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstoßen. Der
Jüngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfährt
der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort
sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt
der König dazu, und der Jüngling wird befreiet. So nahe Merope der
Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück,
als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung triumphiert.
Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn
vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in
dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den
Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als
ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und
den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Aegisth erwacht
und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem
vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und würde ihn leicht
durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie
der Alte nicht auch hiervon zurückgehalten hätte. Mit frühem Morgen soll
ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare,
aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat
Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den
Tempel, dränget sich durch das Volk, und--das übrige wie bei dem Hyginus.
----Fußnote
[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzählung genommen,
sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste
Verbindung unter sich haben. Sie fängt an mit dem Schicksale des Pentheus
und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar
nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen
können; es wäre denn, daß sie sich bloß in derjenigen Ausgabe, welche ich
vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befände. Diese
Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat.
Genug, daß hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses
excepit, aus sein muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel,
von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehöret, welches mir das
Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so daß, beides miteinander verbunden,
ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu
der 184. machen wollen, folgendermaßen zusammenlegen wurde. Es versteht
sich, daß in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso
Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnötige Wiederholung, mitsamt dem
darauffolgenden ejus, welches auch so schon überflüssig ist, wegfallen
müßte. Merope.
[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum
interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem
infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem
in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat,
aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem
aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem.
Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis
interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in
hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem
obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad
Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope
credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum
cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex
cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit,
occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum
Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso
simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum
adeptus est.
----Fußnote
Einundvierzigstes Stück
Den 18. September 1767
Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen
Theater überhaupt aussahe, desto größer war der Beifall und das
Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde.
Cedite Romani scriptores, cedite Graii,
Nescio quid majus nascitur Oedipode:
schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon
gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast
kein anderes Stück gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue
Tragödie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbühnen fanden sich
darüber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in
sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreißig Ausgaben, in und
außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie
ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man
hatte vor, sie mit allen diesen Übersetzungen zugleich drucken zu lassen.
Ins Französische war sie bereits zweimal übersetzt, als der Herr von
Voltaire sich nochmals darübermachen wollte, um sie auch wirklich auf die
französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine
eigentliche Übersetzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in
dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope"
vorsetzte, umständlich angibt.
Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und
bürgerlich, und der Geschmack des französischen Parterrs viel zu fein,
viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es
wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen der Kunst sehen;
und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze
Schreiben ist mit der äußersten Politesse abgefaßt; Maffei hat nirgends
gefehlt; alle seine Nachlässigkeiten und Mängel werden auf die Rechnung
seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten,
aber leider nur Schönheiten für Italien. Gewiß, man kann nicht höflicher
kritisieren! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird
sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet.
Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß;
und der Franzose will ebenso groß, als liebenswürdig scheinen.
Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire?
Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei
ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte.
Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist
schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und übrigens so
unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich
Lindelle: wer einen französischen Januskopf sehen will, der vorne auf die
einschmeichelndste Weise lächelt und hinten die hämischsten Grimassen
schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen
geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet
Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht
schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener hätte freimütiger, und
dieser gerechter sein müssen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten
sollte, daß der nämliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden
Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen
vergeben habe.
Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er
einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug
gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze
Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zärtlichste Interesse
aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm
beliebt, daß die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben
wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände
zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die
Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr
hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über den
Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem
Theater mehr hören will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu
jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine
Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt,
zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der
Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, daß ein
junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Eltern hält und in dem
Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord
verübt, demohngeachtet nicht soll für einen Räuber gehalten werden
dürfen, weil es voraussieht, daß er der Held des Stückes werden müsse,
[2] wenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen
kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee
sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich,
hat in diesen und ähnlichen Fällen unrecht; aber warum muß Voltaire auch
in andern Fällen, wo es gewiß nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als
dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische
Höflichkeit gegen Ausländer darin besteht, daß man ihnen auch in solchen
Stücken recht gibt, wo sie sich schämen müßten, recht zu haben, so weiß
ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanständiger sein
kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffei
seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen,
denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in
den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die
Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist:
dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwätz kann
durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen
kultivierten Völkern entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall
der nämliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern
hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gähnet und
darüber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu
dem Marquis, "in Ihrer Tragödie jene schöne und rührende Vergleichung
des Virgils:
Qualis populea moerens Philomela sub umbra
Amissos queritur foetus--
übersetzen und anbringen dürfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen
wollte, so würde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben
nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen müssen; ich
meine unser Publikum. Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der
Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bei
kritischen Vorfällen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen
Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein König, kein Minister
poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses
Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte
nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein
Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muß
Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen
wollen, weil er nicht Freimütigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus
zu sagen, daß er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen
Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, daß ausführliche
Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem
Trauerspiele finden können, hätte er anmerken sollen, daß jenes
Virgilische von dem Maffei äußerst gemißbrauchet worden. Bei dem Virgil
vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem
Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovon
es das Bild sein soll, triumphieret, und müßte nach der Gesinnung des
Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf
das Ganze noch größern Einfluß habende Fehler scheuet sich Voltaire
nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener überhaupt, als einem einzeln
Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfeinsten
Lebensart, wenn er den Maffei damit tröstet, daß es seine ganze Nation
nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehler seiner Nation
wären; daß aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler wären,
weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und für sich gut oder
schlecht sei, sondern was die Nation dafür wolle gelten lassen. "Wie
hätte ich es wagen dürfen", fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber
auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis
fort, "bloße Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie
getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den
Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugänge zu einem schönen
Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem
Palaste befinden. Wir müssen uns also schon nach dem Geschmacke eines
Volks richten, welches sich an Meisterstücken sattgesehen hat und also
äußerst verwöhnt ist." Was heißt dieses anders, als: "Mein Herr Marquis,
Ihr Stück hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnütze Szenen. Aber
es sei fern von mir, daß ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte!
Behüte der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiß zu leben; ich werde
niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben
Sie diese kalten, langweiligen, unnützen Szenen mit Vorbedacht, mit allem
Fleiße gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich
wünschte, daß ich auch so wohlfeil davonkommen könnte; aber leider ist
meine Nation so weit, so weit, daß ich noch viel weiter sein muß, um
meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr
einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr
übersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen;
denn sonst,
Desinit in piscem mulier formosa superne:
aus der Höflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses französische
Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der
Persiflage dummer Stolz.
----Fußnote
[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que
depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela
semblerait trop petit sur notre théâtre.
[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un héros pour un voleur,
quoique la circonstance où il se trouve autorise cette méprise.
----Fußnote
Zweiundvierzigstes Stück
Den 22. September 1767
Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire
als Eigentümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an
seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen
Nation überhaupt zur Last zu legen, daß, sage ich, diese, und noch
mehrere, und noch größere, sich in der "Merope" des Maffei befinden.
Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit
vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der berühmtesten
Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen
für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie erfodert wird, wenig oder
nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und
Altertümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das
tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben
und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche
Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als
zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen
Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so
müßte er der außerordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragödie
überhaupt ist ein sehr geringfügiges Ding. Was indes ein Gelehrter von
gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr für eine Erholung als für
eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete
auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als glücklich;
seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder
nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert;
sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Literator und der
Versifikateur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und
der Dichter.
Als Versifikateur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr
nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemälde, die in
seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten, aber in dem Munde
seiner Personen unerträglich sind und in die lächerlichsten
Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, daß
Aegisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich
beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Verteidigung; daß er
aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet,
alle, selbst die allerkleinsten Phänomena malet, die den Fall eines
schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem
Geräusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie
sich die Flut wieder über ihn zuschließt:[1] das würde man auch nicht
einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche,
verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein
Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er
in seiner Erzählung so kindisch genau sein könnte.
Als Literator hat er zu viel Achtung für die Simplizität der alten
griechischen Sitten und für das Kostüm bezeugt, mit welchem wir sie bei
dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas,
ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostüme näher gebracht
werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich als
zuträglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schöne Stellen aus
den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer
Art von Werken er sie entlehnt und in was für eine Art von Werken er sie
überträgt. Nestor ist in der Epopee ein gesprächiger freundlicher Alte;
aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ekler
Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen
wollen: so würde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht
haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die
kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes übrig sind, zu nutzen und
seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt hätte, daß
sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen
sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher
pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprüche, womit man
seine Lücken füllet, so sind es andere.
Demohngeachtet möchten sich wiederum Stellen finden, wo man wünschen
dürfte, daß sich der Literator weniger vergessen hätte. Z.E. Nachdem die
Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal
gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Ismene voller
Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie
jemals auf einer Bühne erdichtet worden!"
Con così strani avvenimenti uom' forse
Non vide mai favoleggiar le scene.
Maffei hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine
Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem
Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich würde
diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede
entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Messene zu einer Zeit
brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil
Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten
halten, wie er will; nur verlangt man, daß er sich immer gleichbleibet
und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein
andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß
vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen.
Überhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch
keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles
vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald
sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob
Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater
ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte
"Bühne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns
geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen
Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung
Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht
es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert.
Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach
seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von
selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist
ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so
viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude
des Harlekins, zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und
Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schließt er, "das Werk des Maffei
enthält einen schönen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stück. Alle Welt
kömmt in Paris darin überein, daß man die Vorstellung desselben nicht
würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen
Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen
Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragödie zu
übersetzen; er konnte leichter einen Übersetzer bezahlen, als sein Stück
verbessern."
So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch
selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stücken
wider den Maffei recht, und möchte er doch höflich oder grob sein, wenn
er sich begnügte, ihn bloß zu tadeln. Aber er will ihn unter die Füße
treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke.
Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche
Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter
aufschlagen zu können. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer
in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder
treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei
Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum
Teil gefühlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an
Lindellen den Maffei in allen Stücken zu verteidigen, in welchen er sich
zugleich mitverteidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit
sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des
Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire hätte mitteilen
wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei
zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum
die Eigentümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen,
ihm zu zeigen, warum die französische "Merope" ebensowenig in Italien, als
die italienische in Frankreich gefallen könne?--
----Fußnote
[1]
------In core
Pero mi venne di lanciar nel fiume
Il morto, o semivivio; e con fatica
(Ch' inutil' era per riuscire, e vana)
L' alzai da terra, e in terra rimaneva
Una pozza di sangue: a mezzo il ponte
Portailo in fretta, di vermiglia striscia
Sempre rigando il suol; quinci cadere
Col capo in giù il lasciai; piombò, e gran tonfo
S' udi nel profondarsi: in alto salse
Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse.
[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia
d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que'
sentimenti di essa, che son rimasti quà e là; avendone tradotti cinque
versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e
alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso
Stobeo.
----Fußnote
Dreiundvierzigstes Stück
Den 25. September 1767
So etwas läßt sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich
selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben könnten.
Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindelle fast in allen
Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump
gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth,
wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!"
und die Königin werde durch dieses Wort "alter Vater" so gerühret, daß
sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth könne
wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er höhnisch hinzu, "eine sehr
gegründete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, daß
ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", fährt er fort, "hat mit
diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler
verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stückes begangen
hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor
war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen
Polydor hätte die Königin gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Aegisth ihr
Sohn sei; und das Stück wäre ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar
weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit gröberer eingenommen."
Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen
Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die
Rede. Die Königin stutzt bloß bei dem Namen Polydor, der den Aegisth
gewarnet habe, ja keinen Fuß in das messenische Gebiete zu setzen. Sie
gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloß nähere Erklärung,
und ehe sie diese erhalten kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den
Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht
worden, billiget und rühmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen
verspricht, so muß wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen.
Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er
ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß notwendig bei ihr mehr gelten,
als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen
Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer
Rache gezaudert habe:
Che dubitar? misera, ed io da un nome
Trattener mi lasciai, quasi un tal nome
Altri aver non potesse--
und die folgenden Äußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in
der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die
allerzuverlässigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Ist denn das also
nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen,
daß ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal für sehr nötig halte.
Laßt es den Aegisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor heiße! Ob es
sein Vater oder sein Freund war, der so hieße und ihn vor Messene warnte,
das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Merope, ohne alle Widerrede,
das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da
sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das,
was sie aus der bloßen Übereinstimmung eines Namens schließen könnte.
Freilich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei
der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung
gründe, so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat
sie allen Grund, zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß sein.--Es
versteht sich, daß ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum
nicht für schön ausgebe; der Poet hätte unstreitig seine Anlage viel
feiner machen können. Sondern ich will nur sagen, daß auch so, wie er sie
gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und
daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Merope in ihrem
Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen
Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also
beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zweitenmale
ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden kömmt, sondern dieses,
daß sie zum zweitenmale durch einen glücklichen ungefähren Zufall daran
verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch
nicht eigentlich nach den Gründen der größern Wahrscheinlichkeit sich
bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den
Gründen der schwächern das Übergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm
nicht verzeihen, daß er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und
mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den
gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall einmal der Mutter
einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel
lieber glauben, je mehr uns die Überraschung gefällt. Aber daß er zum
zweiten Male die nämliche Übereilung auf die nämliche Weise verhindern
werde, das sieht dem Zufalle nicht ähnlich; ebendieselbe Überraschung
wiederholt, hört auf, Überraschung zu sein; ihre Einförmigkeit
beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar ebenso
abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiß, als
der Zufall.
Von den augenscheinlichen und vorsätzlichen Verfälschungen des Lindelle
will ich nur zwei anführen.--"Der vierte Akt", sagt er, "fängt mit einer
kalten und unnötigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der
Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie,
dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu
begeben, damit, wenn er eingeschlafen wäre, ihn die Königin mit aller
Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft auch wirklich ein, so wie er
es versprochen hat. O schön! und die Königin kömmt zum zweiten Male,
mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der
ausdrücklich deswegen schläft. Diese nämliche Situation, zweimal
wiederholt verrät die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des
jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt nichts lächerlicher
sein kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem
Schlafe beredet? Das lügt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an
und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königin so
ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles
sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt woanders hin; er solle
einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein.
Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königin in die Hände
zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und
Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schläft, nicht seinem
Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist, weil es Nacht ist,
weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können als
hier.[2]--Die zweite Lüge des Lindelle ist von eben dem Schlage.
"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres
Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er dafür verlange;
und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjüngen." Bittet sie, ihn zu
verjüngen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist
dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was
könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts.
Eines möchte ich mir wünschen, aber das stehet weder in deiner; noch in
irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner
Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert würde usw."[3] Heißt das:
Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Stärke und Jugend wieder? Ich
will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungemächlichkeiten
des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen
in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit
Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten
Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den
Mund legte, die Lindelle ihnen anlügt?--Anlügt! Lügen! Verdienen solche
Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle
wichtig genug war, darum zu lügen, soll das einem dritten nicht wichtig
genug sein, ihm zu sagen, daß er gelogen hat?--
----Fußnote
[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle
sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais
comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand
il sera endormi, la reine puisse le tuer tout à son aise, sondern auch
der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Mérope engage le jeune
Egiste à dormir sur la scène, afin de donner le temps à la reine de venir
l'y assassiner. Was aus dieser Übereinstimmung zu schließen ist, brauche
ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst
überein; und wenn zwei Lügner miteinander übereinstimmen, so ist es gewiß
abgeredete Karte.
[2]
Egi. Mà di tanto furor, di tanto affanno
Qual' ebbe mai cagion?--
Ism. Il tutto
Scoprirti io non ricuso; mà egli è d'uopo
Che qui t'arresti per brev' ora: urgente
Cura or mi chiama altrove.
Egi. Io volontieri
T'attendo quanto vuoi. Ism. Mà non partire
E non far sì, ch' io quà ritorni indarno.
Egi. Mia fè dò in pegno; e dove gir dovrei?--
[3]
Mer. Ma quale, ô mio fedel, qual potrò io
Darti già mai mercè, che i merti agguagli?
Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora
M'è, il vederti contenta, ampia mercede.
Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro
Sol mi saria ciò, ch' altri dar non puote;
Che scemato mi fosse il grave incarco
De gli anni, che mi stà su'l capo, e à terra
Il curva, e prime sì, che parmi un monte.--
----Fußnote
Vierundvierzigstes Stück
Den 29. September 1767
Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den
Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war.
Ich übergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fühlte,
daß der Wurf auf ihn zurückpralle.--Lindelle hatte gesagt, daß es sehr
schwache und unedle Merkmale wären, aus welchen Merope bei Maffei
schließe, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet:
"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel
künstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, daß ihr
Sohn der Mörder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu
bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem königlichen Ringe, über
den Boileau in seinen Satiren spottet, würde das auf unserm Theater sehr
klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt
des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn,
auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn
er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe und sich mit der
alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich
nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah
es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine
Rüstung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die
Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche
Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen,
an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder
erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freilich mitnehmen; und
der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, daß er unter den
blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht
hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth
schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die
Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte.
--Zweitens hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei aufgehalten,
der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische
das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch
ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus
Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des
Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr
gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, beträchtlich
ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande
eben hat Maffei den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese
Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?--
Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf
sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler
seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar
nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, daß er nicht der
Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde!
Lindelle wirft dem Maffei vor, daß er seine Szenen oft nicht verbinde,
daß er das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache
auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch
dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses?
Doch das ist die Sprache der französischen Kunstrichter überhaupt; die
muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen
will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein mögen; wollen
wir es Lindellen auf sein Wort glauben, daß sie bei den Dichtern seines
Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten
Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln
eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnet,
sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene
Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen,
als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln
der Kunst so leicht, so weit zu machen, daß er alle Freiheit behält, sich
zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer
und macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied
von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Überwindung,
ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es
bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast
aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem
die Bewunderer des französischen Theaters das lauteste Geschrei erheben:
so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit
einstimme.
1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich
anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den
Grundsätzen und Beispielen der Alten, ein Hédelin verlangen zu können
glaubte. Die Szene muß kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des
Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu
übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder
eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch
schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein
ausdrückliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und
wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei.
Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so
mußte er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das
muß Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, daß eigentlich
die Szene bald in dem Zimmer der Königin, bald in dem oder jenem Saale,
bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht
muß gedacht werden. Nur hätte er bei diesen Abwechselungen auch die
Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie müssen nicht
in dem nämlichen Akte, am wenigsten in der nämlichen Szene angebracht
werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen
Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abändern oder auch
nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der
Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter
einem Säulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das
Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Königin den Aegisth mit
eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen,
als daß, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth
wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschließen muß? Wie schließt er
sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen
Vorhang das, was Hédelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt
hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache
erwägt, warum Aegisth so plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so
augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach
reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die
ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der
siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um
einen toten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches
Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen,
die Türen dieses Tempels öffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal
mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in
denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Königlichen
Majestät Schloßkapelle, die gerade an den Saal stieß und mit ihm
Kommunikation hatte, damit Allerhöchstdieselben jederzeit trocknes Fußes
zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses
Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen;
wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und
ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat
schon vollbracht haben soll.
----Fußnote
[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit
zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des dänischen
Theaters, "beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes
rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich
damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau
beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der
Szenen nicht verändert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum
die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht
vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine
Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz
vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller
Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne
daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird;
kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten
kommen, um auf die Schaubühne zu treten: so würde der Verfasser des
Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist
ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu
setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden,
es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche
der Engländer die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern
verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgeführet hätte, als daß
er seinem Helden die Mühe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen
Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat."
[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les
Acteurs paraissent ei disparaissent selon la nécessité du Sujet--ces
rideaux ne sont bons qu'à faire des couvertures pour berner ceux qui les
ont inventés, et ceux qui les approuvent. Pratique du Théâtre. Liv.
II. chap. 6.
----Fußnote
Fünfundvierzigstes Stück
Den 2. Oktober 1767
2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit
der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner
"Merope" vorgehen läßt, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel
Ungereimtheiten man sich dabei denken muß. Man nehme immer einen
völligen, natürlichen Tag; man gebe ihm immer die dreißig Stunden, auf
die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar
keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem
Zeitraume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es
ist freilich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein
Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man
es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht,
verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die
allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen?
Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch
soll uns, was bloß physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich
werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der
abwesende Aegisth können allein dabei in Betrachtung kommen; um die
Ansprüche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben
heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr
den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und fällt für ihn
aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Aegisth möge
nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwählte König könne es vors
erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und
bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben
des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben
des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat,
und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik.
Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so
zu mißhandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht
König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den
Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König und ist es geworden, ohne
sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag,
und vielleicht gibt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu
vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn
als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu
nötig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen?
Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden?
Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie
nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in
seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich für
verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer
funfzehn Jahr sonst so bedächtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun
selbst in die Hände liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne
alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer
ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß geheiratet
sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bei der
alten Königin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man
sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es
einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen könne,
wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also
dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer
wirklichen Eräugung ungefähr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als
auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und daß diese Zeit mit der, welche
auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen
Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet?
Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was
er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber
kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der
physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu
kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die
Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit
involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil diese
Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stücke
von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als
einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche
den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht
alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es
an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu
welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die
physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der
moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese
jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil
und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf.--Maffei nimmt doch
wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermählung, die Polyphont
der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch
ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget;
die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie
übereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem
Könige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil
er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt.
3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde öfters die Szenen nicht, und das
Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten
Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist
eine große Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit
der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie
ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich
ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragödie bei den Franzosen
seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was
dieser bloß für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher
Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der
Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen
Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden
ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwürdig sein, als
Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler
bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire
aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es
bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königin
kömmt, und die Königin mit der dritten Szene abgeht, mit was für Recht
kann Polyphont in dem Zimmer der Königin verweilen? Ist dieses Zimmer der
Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das
Bedürfnis des Dichters verrät sich in der vierten Szene gar zu deutlich,
in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen müssen, nur daß
wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet hätten.
4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar
nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch
schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt,
man muß auch aus der Verbindung einsehen, daß sie darum kommen müssen.
Es ist nicht genug, daß sie sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem
Folgenden sehen, daß sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist
das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Vorwand
und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten
Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königin zu versammeln, so
müßte man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch
hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist
sein Vorgeben ein schülerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten
besten Lügen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu tun,
was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht
wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern erteilen zu
lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer
Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, daß der
Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles
bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt
ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse
hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, und nicht etwa
seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königin nicht in den Tempel gefolgt
ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern
wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über
die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun
schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte.
Polyphont zitiert die Königin nochmals nach dem Tempel, Merope
selbst schreiet,
Courons tous vers le temple où m'attend mon outrage;
und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie,
Vous venez à l'autel entraîner la victime.
Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel
sein, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut
Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch
einmal wieder, und schickt auch die Königin noch einmal wieder.
Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten
und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen
sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der
dritte und vierte Akt schließen bloß, damit der vierte und fünfte wieder
anfangen können.
Sechsundvierzigstes Stück
Den 6. Oktober 1767
Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich
beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten
verstanden zu haben.
Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die
Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus
jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene
notwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu
gekommen wäre. Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen
haben mußten und diese Menge immer die nämliche blieb, welche sich weder
weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben
wegbleiben konnte, als man gewöhnlichermaßen der bloßen Neugierde wegen
zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen
und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und
ebendenselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich
denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, daß
sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren.
Denn sie ließen sich diesen Zwang einen Anlaß sein, die Handlung selbst
so zu simplifizieren, alles Überflüssige so sorgfältig von ihr abzusondern,
daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein
Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am
glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit
und des Ortes verlangte.
Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen
Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stücke
schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplizität kennenlernten,
betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener
Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung
unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und
verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur
immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch gänzlich
entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmöglich öfters
dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren
völligen Gehorsam aufzukündigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen.
Anstatt eines einzigen Ortes führten sie einen unbestimmten Ort ein,
unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden könne; genug, wenn
diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlägen und keiner
eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nämliche Verzierung
ungefähr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der
Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine
gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne
hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal
zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin
ereignen, ließen sie für einen Tag gelten.
Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich
auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre
das Brett, wo es am dünnsten ist.--Aber ich muß meinen Nachbar nur auch
da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den
astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da
pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die französischen
Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der
Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit,
die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei
diesen Elementen länger aufzuhalten.
Möchten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und
an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die
Schönheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen!
Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren
nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei öfters spricht
und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, über die
heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund
legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; das Volk
in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften und weibisch machen
können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der
Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen
unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen?
So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch
keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und
wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber
mitunter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von
dieser Art über die Zunge bringt. Z.E.
--Des Dieux quelquefois la longue patience
Fait sur nous à pas lents descendre la vengeance--
Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie
nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu
neuen Verbrechen aufmuntert: