der Graf noch die Königin sind von dem Dichter mit der Stärke geschildert,
daß sie durch die Aktion nicht noch weit stärker werden könnten. Essex
spricht so stolz nicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung,
in jeder Gebärde, in jeder Miene noch stolzer zeigen könnte. Es ist sogar
dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte, als durch das
übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt
sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese
Rolle muß also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen
Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht völlig so; aber doch kann sie
auch schwerlich ganz verunglücken. Elisabeth ist so zärtlich als stolz;
ich glaube ganz gern, daß ein weibliches Herz beides zugleich sein kann;
aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen könne, das begreife
ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht
viel Zärtlichkeit, und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen
es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen
den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich
geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt,
so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrückt, zwar
empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so
lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen
als die Natur? Ist sie von einem majestätischen Wuchse, tönt ihre Stimme
voller und männlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell
und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen;
aber wie steht es mit den zärtlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger
imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein
bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in
ihrer Bewegung mehr Anstand und Würde, als Kraft und Geist: so wird sie
den zärtlichen Stellen die völligste Genüge leisten; aber auch den
stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiß nicht; sie wird sie
noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zürnende Liebhaberin in
ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren
General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich
meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich
täuschend zu zeigen vermögend wären, dürften noch seltner sein, als die
Elisabeths selber; und wir können und müssen uns begnügen, wenn eine
Hälfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird.
Madame Löwen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene
allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zärtliche
Frau, als die stolze Monarchin sehen und hören lassen. Ihre Bildung, ihre
Stimme, ihre bescheidene Aktion ließen es nicht anders erwarten; und mich
dünkt, unser Vergnügen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig
eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als daß nicht
die Königin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte:
so, glaube ich, ist es zuträglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und
der Königin, als von der Liebhaberin und der Zärtlichkeit verloren geht.
Es ist nicht bloß eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch
weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu
machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein würde, wenn ihr
diese Rolle auch gar nicht gelungen wäre. Ich weiß einem Künstler, er sei
von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu
machen; und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln
Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern
frei und laut über sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und
wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht
versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht
wert, daß wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal,
daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch
so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und
Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede
uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von
dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.
Ich wollte sagen, daß sich Gründe anführen lassen, warum es besser ist,
wenn die Aktrice mehr die zärtliche als die stolze Elisabeth ausdrückt.
Stolz muß sie sein, das ist ausgemacht: und daß sie es ist, das hören
wir. Die Frage ist nur, ob sie zärtlicher als stolz, oder stolzer als
zärtlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu wählen
hätte, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte
Königin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der rächerischen
Majestät, auszudrücken vermöchte, oder die, welche die eifersüchtige
Liebhaberin, mit allen kränkenden Empfindungen der verschmähten Liebe,
mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller
Beängstigung über seine Hartnäckigkeit, mit allem Jammer über seinen
Verlust, angemessener wäre? Und ich sage: diese.
Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des nämlichen Charakters
vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so
muß sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die
Zärtlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muß
bei der Königin die Zärtlichkeit den Stolz überwiegen. Wenn der Graf sich
eine höhere Miene gibt, als ihm zukommt, so muß die Königin etwas weniger
zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer
in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist,
herabblicken lassen, würde die ekelste Einförmigkeit sein. Man muß nicht
glauben können, daß Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle wäre, ebenso
wie Essex handeln würde. Der Ausgang weiset es, daß sie nachgebender ist
als er; sie muß also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren
als er. Wer sich durch äußere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger
Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muß. Wir wissen
darum doch, daß Elisabeth die Königin ist, wenn sie gleich Essex das
königlichere Ansehen gibt.
Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, daß die Personen in
ihren Gesinnungen steigen, als daß sie fallen. Es ist schicklicher, daß
ein zärtlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als daß ein stolzer
von der Zärtlichkeit sich fortreißen läßt. Jener scheint sich zu erheben;
dieser zu sinken. Eine ernsthafte Königin, mit gerunzelter Stirne, mit
einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der
Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen könnte, wenn die zu
verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Bedürfnissen ihrer
Leidenschaft seufzet, ist fast, fast lächerlich. Eine Geliebte hingegen,
die ihre Eifersucht erinnert, daß sie Königin ist, erhebt sich über sich
selbst, und ihre Schwachheit wird fürchterlich.
Sechsundzwanzigstes Stück
Den 28. Julius 1767
Den einunddreißigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel
der Madame Gottsched, "Die Hausfranzösin, oder die Mamsell" aufgeführet.
Dieses Stück ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter
Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fünften Bande der "Schaubühne"
beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da
mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es
noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen.
"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber
"Die Hausfranzösin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts:
denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch
obendarein schmutzig, ekel, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir
unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will
hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.--
Den zweiunddreißigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die
"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt.
Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der
alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die
Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem
Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den
Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst
bemerkte. Da er einsahe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf
eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes
Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er
nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch,
besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche
bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und
anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern
Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umständlich darüber aus, was
überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung
mit Ruhm arbeiten wolle.
"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden,
sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es
gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu
den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich
selbst sind, so verschieden muß auch die dazugehörige Musik sein.
Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der
Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen
eine jede Abteilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonie sich
auf den ersten Aufzug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die
zwischen den Aufzügen vorkommen, müssen teils mit dem Schlusse des
vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden
Aufzuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des
letzten Aufzuges gemäß sein muß."
"Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich
gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen
und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten.
Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald
diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen
ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die
'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, daß sich
keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die
Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufällen
begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das
Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmut,
die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Unglücksfällen im
Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter
sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus',
'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaïre' erfordern hingegen schon eine etwas
veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen
Stücken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veränderung der
Affekten zeigen."
"Ebenso müssen die Komödiensymphonien überhaupt frei, fließend und
zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem
eigentümlichen Inhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie
bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die
Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komödien 'Der Falke' und 'Die
beiderseitige Unbeständigkeit' würden ganz andere Symphonien erfordern
als 'Der verlorne Sohn'. So würden sich auch nicht die Symphonien, die
sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl
schicken möchten, zum 'Unentschlüssigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken.
Jene müssen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber
verdrießlicher und ernsthafter."
"Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich
aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem
ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Sätzen
bestehen, so wie es der Komponist für gut findet.--Die Symphonien
zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des
vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten
sollen, werden am natürlichsten zwei Sätze haben können. Im ersten kann
man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende
sehen. Doch ist solches nur allein nötig, wenn die Affekten einander
allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen,
wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der
Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden
können.--Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlusse des Schauspiels
auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto
nachdrücklicher zu machen. Was ist lächerlicher, als wenn der Held auf
eine unglückliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine
lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als
wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine
traurige und bewegliche Symphonie darauf?"--
"Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten
bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nötig, damit die Zuhörer
desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht
verlieren möchten, wenn sie immer einerlei Instrumente hören sollten. Es
ist aber beinahe eine Notwendigkeit, daß die Anfangssymphonie sehr stark
und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die
Veränderung der Instrumenten muß also vornehmlich in den Zwischensymphonien
erscheinen. Man muß aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten
zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken
kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige
Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher
erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei
aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veränderung der
Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man
diesen Übelstand vermeidet."
Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie
in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den
Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich
die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und
Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie
weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten
imstande sei. Die mehresten müssen es von ihren Kunstverwandten erst
hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste
Aufmerksamkeit darauf wenden.
Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was
geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der
Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankömmt, ist noch einzig das Werk
des Genies. Denn ob es schon Tonkünstler gibt und gegeben, die bis zur
Bewunderung darin glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an
einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsätze
aus ihren Beispielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beispiele
werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto
eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wenn
nicht ein großer Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkünstler in
dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. In der Vokalmusik
hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwächste und
schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der
Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hilfe weg, und sie sagt gar
nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der
Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird
unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken
können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichsten ausdrücken;
wir werden diese öfterer hören, wir werden sie miteinander öfterer
vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein
haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen.
Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde,
begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers
Theaters hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in
einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer
bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser
Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind.
Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne
Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Aufführung der "Semiramis"
wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgeführt.
----Fußnote
[1] Stück 67.
----Fußnote
Siebenundzwanzigstes Stück
Den 31. Julius 1767
Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu
machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner
ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten
beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüche, in
unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und
diese sind ebenso ununterrichtend für den Liebhaber, als ekelhaft für den
Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloß nach den Absichten,
die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er
sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen.
Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Sätzen. Der erste Satz ist ein
Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Flöten; der Grundbaß ist durch
Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und
stürmisch; der Zuhörer soll vermuten, daß er ein Schauspiel ungefähr
dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein;
Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran;
und der zweite Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und
konzertierenden Fagotten, beschäftigst sich also mit dunkeln und
mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen
Tonwendungen mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als
gewöhnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit;
wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr
vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in
dem ersten, außer daß die Hoboen, Flöten und Fagotte miteinander einige
besondere kleinere Sätze haben.
Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz;
dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der
sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu
billigen. Ich würde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik
soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das
Unerwartete, das Überraschende mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang
nicht gern voraus verraten; und die Musik würde ihn verraten, wenn sie
die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es
ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch
sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht
bestimmter, als ihn ungefähr der Titel angibt. Man darf dem Zuhörer wohl
das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege,
auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen
bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus
dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern,
der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestärkt. Denn gesetzt, daß
die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen,
einander ganz entgegen wären, so würden notwendig auch die beiden Sätze
von ebenso widriger Beschaffenheit sein müssen. Nun begreife ich sehr
wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr
entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widerspiele, ohne unangenehme
Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach;
er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder
hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch
der Musikus? Es sei, daß er es in einem Stücke, von der erforderlichen
Länge, ebensowohl tun könne; aber in zwei besondern, voneinander gänzlich
abgesetzten Stücken muß der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das
Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich
sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche
Übergang aus einem Äußersten in das andere, aus der Finsternis in das
Licht, aus der Kälte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir
in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider
eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider
einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in
Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge
unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle
diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergötzend. Die
Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren;
hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch,
warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die
plötzlichsten Übergänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm.
In der Tat ist diese Motivierung der plötzlichen Übergänge einer der
größten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie
ziehet; ja vielleicht der allergrößte. Denn es ist bei weitem nicht so
notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der
Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude
einzuschränken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer
sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende
Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewähren können, zu
verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben,
welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Übereinstimmung des
Mannigfaltigen bemerke. Nun aber würde, bei dem doppelten Satze zwischen
den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir
würden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in
eine ganz entgegengesetzte überspringen müssen: und das ist für die Musik
so gut, als erführen wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine üble
Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir
nun einsehen, daß er uns nicht hätte beleidigen sollen. Man glaube aber
nicht, daß sonach alle Symphonien verwerflich sein müßten, weil alle aus
mehrern Sätzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren
jeder etwas anders ausdrückt als der andere. Sie drücken etwas anders
aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie drücken das
nämliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren
verschiednen Sätzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften
ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muß nur
eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß ebendieselbe
Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den
Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei
Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertönen lassen und in
uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser
Beschaffenheit; das Ungestüme des ersten Satzes zerfließt in das Klagende
des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen
Würde erhebet. Ein Tonkünstler, der sich in seinen Symphonien mehr
erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden
einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren
läßt, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel
Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann überraschen, kann betäuben,
kann kitzeln, nur rühren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen
und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muß ebensowohl
Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu
belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und
jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines
dauerhaften Eindruckes fähig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem
festen Marmor, an dem sich die Hand des Künstlers verewigen kann.
Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der
"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat;
Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante
mesto, bloß mit gedämpften Violinen und Bratsche.
In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als daß er nicht
den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro
assai aus dem G-dur mit Waldhörnern, durch Flöten und Hoboen, auch den
Grundbaß mitspielende Fagotte verstärkt, drückt den durch Zweifel und
Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz
dieses treulosen und herrschsüchtigen Ministers aus.
In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der
ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese
Erscheinung auf die Anwesenden machen läßt. Aber der Tonkünstler hat
sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter
unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der nämlichen
Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur daß E-Hörner mit G-Hörnern
verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und träges Erstaunen,
sondern die wahre wilde Bestürzung, welche eine dergleichen Erscheinung
unter dem Volke verursachen muß.
Die Beängstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid;
wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen.
Bedauern und Mitleid läßt also auch die Musik ertönen; in einem Larghetto
aus dem A-moll, mit gedämpften Violinen und Bratsche und einer
konzertierenden Hoboe.
Endlich folget auch auf den fünften Akt nur ein einziger Satz, ein
Adagio, aus dem E-dur, nächst den Violinen und der Bratsche, mit Hörnern,
mit verstärkenden Hoboen und Flöten und mit Fagotten, die mit dem
Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels
angemessene und ins Erhabene gezogene Betrübnis, mit einiger Rücksicht,
wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit
ihre warnende Stimme gegen die Großen der Erde ebenso würdig als
mächtig erhebt.
Die Absichten eines Tonkünstlers merken, heißt ihm zugestehen, daß er sie
erreicht hat. Sein Werk soll kein Rätsel sein, dessen Deutung ebenso
mühsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm
vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob wächst mit
seiner Verständlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto
verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm für mich, daß ich recht gehört habe;
aber für den Hrn. Agricola ist es ein so viel größerer, daß in dieser
seiner Komposition niemand etwas anders gehört hat als ich.
Achtundzwanzigstes Stück
Den 4. August 1767
Den dreiunddreißigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine"
wiederholt, und den Beschluß machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus
dem Französischen des Marivaux.
Dieses kleine Stück ist hier Ware für den Platz und macht daher allezeit
viel Vergnügen. Jürge kömmt aus der Stadt zurück, wo er einen reichen
Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glück
ändert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben,
erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind für seinen Hans und für
seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende
Bote kömmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden,
hat Bankerott gemacht, Jürge ist wieder nichts wie Jürge, Hans bekommt
den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluß würde traurig genug sein,
wenn das Glück mehr nehmen könnte, als es gegeben hat; gesund und
vergnügt waren sie, gesund und vergnügt bleiben sie.
Diese Fabel hätte jeder erfinden können; aber wenige würden sie so
unterhaltend zu machen gewußt haben, als Marivaux. Die drolligste Laune,
der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen
kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine
ganz eigene Würze. Die Übersetzung ist von Krügern, der das französische
Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu übertragen gewußt
hat. Es ist nur schade, daß verschiedene Stellen höchst fehlerhaft und
verstümmelt abgedruckt werden. Einige müßten notwendig in der Vorstellung
berichtiget und ergänzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene.
"Jürge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev
niks, as Gullen un Dahlers.
Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief
Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken?
Jürge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die.
Lise. Woto denn, Hans Narr?
Jürge. För düssen Jungen, de mie mienen Bündel op dee Reise bed in
unse Dörp dragen hed, un ik bün ganß licht und sacht hergahn.
Lise. Büst du to Foote hergahn?
Jürge. Ja. Wielt't veel kummoder is.
Lise. Da hest du een Maark.
Jürge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat.
Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig.
Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak
dragen hed?
Jürge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven.
Valentin. Sollen die fünf Schilling für mich, Herr Jürge?
Jürge. Ja, mien Fründ!
Valentin. Fünf Schilling? ein reicher Erbe! fünf Schillinge? ein
Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele?
Jürge. O! et kumt mie even darop nich an, jy dörft't man seggen.
Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so."
Wie ist das? Jürge ist zu Fuße gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert
fünf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fünf
Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen
Schilling hinschmeißen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb
ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem
Hanfe finden. Jürge war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche:
und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging
vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, ließ
er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür gibt er dem
Jungen die fünf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das
hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er erzählt ihr nur, wie
geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden.[1]
Den vierunddreißigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der
Zerstreute" des Regnard aufgeführt.
Ich glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses
Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte Distrait durch
"Träumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der
Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das
Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen,
nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das
ist genug.
Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er
fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreißig Jahr darauf, als
ihn die Komödianten wieder versuchten, fand er einen so viel größern.
Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht
unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche
Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm
es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Possenspiel,
das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes
Publikum dachte:
--non satis est risu diducere rictum
Auditoris--
und dieses:
--et est quaedam tamen hic quoque virtus.
Außer der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlässig
ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den
Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyère völlig entworfen.
Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Züge teils in Handlung zu
bringen, teils erzählen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufügte,
will nicht viel sagen.
Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere
Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto
mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf für die Komödie sein. Warum
nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglück; und
kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden,
als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern
abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei,
der lasse sich durch Spöttereien ebensowenig bessern als ein Hinkender.
Aber ist es denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist,
dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich
mehr natürliche Verwahrlosung als üble Angewohnheit sein? Ich kann es
nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir
es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir
wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch
unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht,
was er, seinen itzigen sinnlichen Eindrücken zufolge, denken sollte.
Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht außer Tätigkeit
gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts tätig. Aber so gut
sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natürlicher
Beruf, bei den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu sein;
es kostet Mühe, sie dieses Berufs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich
sein, ihr ihn wieder geläufig zu machen?
Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben,
daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über verbesserliche
Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel
und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit
auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit
seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so
bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch
neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher
entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. "Molière",
sagt er z.E., "macht uns über den Misanthropen zu lachen, und doch ist
der Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molière beweiset sich also
als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften verächtlich macht."
Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, er bleibt, wer er ist,
und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der
Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste.
Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen über ihn, aber verachten wir ihn
darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie
schätzen sollen; ja ohne sie würden wir nicht einmal über seine
Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften,
nichtswürdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich sein wird? Widrig,
ekel, häßlich wird sie sein; nicht lächerlich.
----Fußnote
[1]
Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons
que de grosses pièces.
Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec
tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire?
Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je.
Claudine. Pourquoi donc, Nicodème?
Blaise. Pour ce garçon qui apporte mon paquet depis la voiture
jusqu'à cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et à mon
aise.
Claudine. T'es venu dans la voiture?
Blaise. Oui, parce que cela est plus commode.
Claudine. T'a baillé un écu?
Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un écu, ce
m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ça.
Claudine. Et tu dépenses cinq sols en porteurs de paquets?
Blaise. Oui, par manière de recréation.
Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise?
Blaise. Oui, mon ami. etc.
----Fußnote
Neunundzwanzigstes Stück
Den 7. August 1767
Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen;
nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch
weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerlichen Unarten
finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der
Übung unserer Fähigkeit, das Lächerliche zu bemerken; es unter allen
Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen
mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln
des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß
der "Geizige" des Molière nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard
nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumt, daß das Lachen diese Toren
gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die
Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen
kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem
Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt,
ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben
andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu
kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; ersprießlich, sich
wider alle Eindrücke des Beispiels zu verwahren. Ein Präservativ ist auch
eine schätzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kräftigers,
wirksamers, als das Lächerliche.--
"Das Rätsel oder Was den Damen am meisten gefällt", ein Lustspiel in
einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß.
Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzählungen und Märchen geschrieben
hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben
entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen
Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plaît aux dames" gab den Stoff
zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzügen, welches
unter dem Titel "La fée Urgèle", von den italienischen Komödianten zu
Paris, im Dezember 1765 aufgeführet ward. Herr Löwen scheinet nicht
sowohl dieses Stück, als die Erzählung des Voltaire selbst vor Augen
gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsäule mit auf den
Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die
primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, daß dieses oder
jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so
ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Löwen wegen der
Einrichtung seines Stücks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem
Hexenmärchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Löwen selbst gibt
sein Rätsel für nichts anders, als für eine kleine Plaisanterie, die auf
dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und
Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es wäre bloßer
Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar
nicht original, aber doch gut getroffen. Nur dünkt mich, daß ein
Waffenträger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der
irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen
will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gründet und ritterliche
Abenteuer als rühmliche Handlungen eines vernünftigen und tapfern Mannes
annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien
muß man nicht zergliedern wollen.
Den fünfunddreißigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in
Gegenwart Sr. Königl. Majestät von Dänemark, die "Rodogune" des Peter
Corneille aufgeführt.
Corneille bekannte, daß er sich auf dieses Trauerspiel das meiste
einbilde, daß er es weit über seinen "Cinna" und "Cid" setze, daß seine
übrige Stücke wenig Vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint
anzutreffen wären; ein glücklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke
Verse, ein gründliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt
zu Akt immer wachsendes Interesse.--
Es ist billig, daß wir uns bei dem Meisterstücke dieses großen Mannes
verweilen.
Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzählt Appianus Alexandrinus
gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit
dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte
als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Königes Phraates, mit
dessen Schwester Rodogune er sich vermählte. Inzwischen bemächtigte sich
Diodotus, der den vorigen Königen gedienet hatte, des syrischen Thrones
und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen
Namen er als Vormund anfangs die Regierung führte. Bald aber schaffte er
den jungen König aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab
sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Königs,
das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu
Rhodus, wo er sich aufhielt, hörte, kam er nach Syrien zurück, überwand
mit vieler Mühe den Tryphon und ließ ihn hinrichten. Hierauf wandte er
seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders.
Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch
wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus
zum Treffen, in welchem dieser den kürzern zog und sich aus Verzweiflung
selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret
war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Haß gegen die Rodogune
umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruß über diese Heirat, sich
mit dem nämlichen Antiochus, seinem Bruder, vermählet hatte. Sie hatte
von dem Demetrius zwei Söhne, wovon sie den ältesten, mit Namen Seleukus,
der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhändig mit einem
Pfeile erschoß; es sei nun, weil sie besorgte, er möchte den Tod seines
Vaters an ihr rächen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemütsart dazu
veranlaßte. Der jüngste Sohn hieß Antiochus; er folgte seinem Bruder in
der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, daß sie den
Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken mußte."
In dieser Erzählung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es würde
Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen
"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus
zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was
ihn aber vorzüglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die
usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu
können glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, daß
sonach sein Stück nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heißen sollte.
Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daß die Zuhörer diese
Königin von Syrien mit jener berühmten letzten Königin von Ägypten
gleichen Namens verwechseln dürften, wollte er lieber von der zweiten,
als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt
er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt
hatte, daß die Alten selbst es nicht für notwendig gehalten, ein Stück
eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl
nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil
hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles
eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man
itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen
würde." Diese Bemerkung ist an und für sich sehr richtig; die Alten
hielten den Titel für ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht,
daß er den Inhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von dem
andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand
hinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß Sophokles das
Stück, welches er "Die Trachinerinnen" überschrieb, würde haben
"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden
Titel zu geben, aber ihm einen verführerischen Titel zu geben, einen
Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen
möchte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des
Corneille ging hiernächst zu weit; wer die ägyptische Kleopatra kennet,
weiß auch, daß Syrien nicht Ägypten ist, weiß, daß mehr Könige und
Königinnen einerlei Namen geführt haben: wer aber jene nicht kennt, kann
sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens hätte Corneille in dem
Stück selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfältig vermeiden sollen;
die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der
deutsche Übersetzer tat daher sehr wohl, daß er sich über diese kleine
Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muß
seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl
manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen!
Dreißigstes Stück
Den 11. August 1767
Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschießt den einen
von ihren Söhnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel
folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde
nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die einzige Eifersucht ein wütendes
Eheweib zu einer ebenso wütenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin
an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und
die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes
Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht
allein besitzen konnte. Demetrius muß nicht leben, weil er für Kleopatra
nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt
auch ein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An diese hatte die Mutter
in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Söhne
gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher
Eifer doch, wenn er unter Eltern wählen müßte, ohnfehlbar sich für den
zuerst beleidigten Teil erklären würde. Sie fand es aber so nicht; der
Sohn ward König, und der König sahe in der Kleopatra nicht die Mutter,
sondern die Königsmörderin. Sie hatte alles von ihm zu fürchten; und von
dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem
Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Söhnen übrig; sie fing an,
alles zu hassen, was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die
Selbsterhaltung stärkte diesen Haß; die Mutter war fertiger als der Sohn,
die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten
Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem
Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sie ihn nur an dem
begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich
nicht morde, daß sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des
ältere Sohnes wäre auch das Schicksal des jüngern geworden; aber dieser
war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu
trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen rächet
das andere; und es kömmt bloß auf die Umstände an, auf welcher Seite wir
mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen.
Dieser dreifache Mord würde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang,
ihr Mittel und ihr Ende in der nämlichen Leidenschaft der nämlichen
Person hätte. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragödie? Für das
Genie fehlt ihr nichts: für den Stümper alles. Da ist keine Liebe, da
ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer
Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Dieser natürliche Gang
reizet das Genie; und den Stümper schrecket er ab. Das Genie können nur
Begebenheiten beschäftigen, die ineinander gegründet sind, nur Ketten von
Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurückzuführen, jene gegen diese
abzuwägen, überall das Ungefähr auszuschließen, alles, was geschieht, so
geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist
seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnützen
Schätze des Gedächtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der
Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegründete, sondern nur
auf das Ähnliche oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die
dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei Begebenheiten
auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als daß sie zugleich
geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu
flechten und zu verwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem
andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestürzt werden; das
kann er, der Witz; und nur das. Aus der beständigen Durchkreuzung solcher
Fäden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in
der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von
dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, grün oder gelb ist; der
beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet;
ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz für Kinder.
Nun urteile man, ob der große Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie
oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser
Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand
in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung.
Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus
Eifersucht? dachte Corneille: das wäre ja eine ganz gemeine Frau; nein,
meine Kleopatra muß eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern
verloren hätte, aber durchaus nicht den Thron; daß ihr Mann Rodogunen
liebt, muß sie nicht so sehr schmerzen, als daß Rodogune Königin sein
soll, wie sie; das ist weit erhabner.--
Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatürlicher. Denn einmal ist der
Stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres Laster, als die
Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatürlicher, als
der Stolz eines Mannes. Die Natur rüstete das weibliche Geschlecht zur
Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht
erwecken; nur seine Reize sollen es mächtig machen; nur durch Liebkosungen
soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen
kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloß des Herrschens wegen, gefällt,
bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere
Glückseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuß
ganzen Völkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal,
auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet
eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das
minder Natürliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist,
die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle
Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um
sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr
tugendhaft und liebenswürdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea
begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zärtlichen, eifersüchtigen Frau
will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu
heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus überlegtem
Ehrgeize Freveltaten verübet, empört sich das ganze Herz; und alle Kunst
des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an,
wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesättiget
haben, so danken wir dem Himmel, daß sich die Natur nur alle tausend
Jahre einmal so verirret, und ärgern uns über den Dichter, der uns
dergleichen Mißgeschöpfe für Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns
ersprießlich sein könnte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter
funfzig Frauen, die ihre Männer vom Throne gestürzet und ermordet haben,
ist kaum eine, von der man nicht beweisen könnte, daß nur beleidigte
Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus bloßem Regierungsneide, aus
bloßem Stolze das Zepter selbst zu führen, welches ein liebreicher
Ehemann führte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele,
nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen,
haben diese Regierung hernach mit allem männlichen Stolze verwaltet: das
ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, mürrischen, treulosen Gatten
alles, was die Unterwürfigkeit Kränkendes hat, zu sehr erfahren, als daß
ihnen nachher ihre mit der äußersten Gefahr erlangte Unabhängigkeit nicht
um so viel schätzbarer hätte sein sollen. Aber sicherlich hat keine das
bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von
sich sagen läßt; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der größte
Bösewicht weiß sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst
zu überreden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster
sei, oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge.
Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters, als Lasters, rühmet;
und der Dichter ist äußerst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glänzendes
und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen läßt, als ob
seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse, gehen könnten.
Dergleichen mißgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden,
sind indes bei keinem Dichter häufiger, als bei Corneillen, und es könnte
leicht sein, daß sich zum Teil sein Beiname des Großen mit darauf gründe.
Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines
fähig sein sollte, und wirklich auch keines fähig ist: das Laster. Den
Ungeheuern, den Gigantischen hätte man ihn nennen sollen; aber nicht den
Großen. Denn nichts ist groß, was nicht wahr ist.
Einunddreißigstes Stück
Den 14. August 1767
In der Geschichte rächet sich Kleopatra bloß an ihrem Gemahle; an
Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht rächen. Bei dem Dichter ist
jene Rache längst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloß erzählt,
und alle Handlung des Stücks geht auf Rodogunen. Corneille will seine
Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muß sich noch gar
nicht gerächet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen
rächet. Einer Eifersüchtigen ist es allerdings natürlich, daß sie gegen
ihre Nebenbuhlerin noch unversöhnlicher ist, als gegen ihren treulosen
Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder
gar nicht eifersüchtig; sie ist bloß ehrgeizig; und die Rache einer
Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersüchtigen ähnlich sein. Beide
Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als daß ihre Wirkungen die
nämlichen sein könnten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut,
und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als daß die Rache des
Ehrgeizigen ohne Maß und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck
verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht,
kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kälter und
überlegender zu werden anfängt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach
dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer
ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergißt er es auch wohl, daß er
ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fürchten hat, den verachtet er; und
wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht
hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes
Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gänzliche Verderben
seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie
versöhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret, die
nämliche Beleidigung zu sein, und immer wächset, je länger sie dauert:
so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen, die sie spat oder früh,
immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der
Kleopatra beim Corneille; und die Mißhelligkeit, in der diese Rache also
mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend
sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre und
Unabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seele betrachten,
die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tückischer Groll; ihre
hämische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu
befürchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem
geringsten Funken von Edelmute, vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem
sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die
unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so
klein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben. Endlich muß
diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in
der ganzen Kleopatra nichts übrig, als ein häßliches, abscheuliches Weib,
das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet.
Aber nicht genug, daß Kleopatra sich an Rodogunen rächet: der Dichter
will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie fängt er
dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist
das Ding viel zu natürlich: denn was ist natürlicher, als seine Feindin
hinzurichten? Ginge es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberin in ihr
hingerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtet würde?
Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogune mit dem Demetrius noch
nicht völlig vermählet gewesen; laßt uns erdichten, daß nach seinem Tode
sich die beiden Söhne in die Braut des Vaters verliebt haben; laßt uns
erdichten, daß die beiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der
Thron gehöret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten,
welcher von ihnen der älteste sei; laßt uns erdichten, daß sich endlich
die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr
nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen für den ältesten
zu erklären und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse
Bedingung eingehen wolle; laßt uns erdichten, daß diese Bedingung der Tod
der Rodogune sei. Nun hätten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen
sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte
umbringen will, der soll regieren.
Schön; aber könnten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Könnten
wir die guten Prinzen nicht noch in größere Verlegenheit setzen? Wir
wollen versuchen. Laßt uns also weiter erdichten, daß Rodogune den
Anschlag der Kleopatra erfährt; laßt uns weiter erdichten, daß sie zwar
einen von den Prinzen vorzüglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat,
auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, daß sie
fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch
den, welchem der Thron heimfallen dürfte, zu ihrem Gemahle zu wählen, daß
sie allein den wählen wolle, welcher sich ihr am würdigsten erzeigen
werde; Rodogune muß gerächet sein wollen; muß an der Mutter der Prinzen
gerächet sein wollen; Rodogune muß ihnen erklären: wer mich von euch
haben will, der ermorde seine Mutter!
Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut
angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen!
Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine
Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine
Mutter! Es versteht sich, daß es sehr tugendhafte Prinzen sein müssen,
die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt für den Teufel
von Mama, und ebensoviel Zärtlichkeit für eine liebäugelnde Furie von
Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist
die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, daß
es gar nicht möglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und
schlägt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder
der andere geht hin und schlägt die Mutter tot, um die Prinzessin zu
haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die
Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus
werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das
Mädchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie
beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere
totschlagen; so stehen sie beide hübsch und sperren das Maul auf, und
wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schönheit davon.
Freilich wird das Stück dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen,
daß die Weiber darin ärger als rasende Männer, und die Männer weibischer
als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist
dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegenteil ist so gewöhnlich,
so abgedroschen!--
Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet, dergleichen
Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich möchte es auch
schwerlich jemals versuchen. Aber das weiß ich, daß es einem sehr sauer
wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen.
Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur
in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit hätte sich
Corneille immer ersparen können. "Vielleicht", sagt er, "dürfte man
zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, daß sie
unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es
hier gemacht habe, wo nach der Erzählung im ersten Akte, welche die
Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht das
geringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte. Doch",
fährt er fort, "Mich dünkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte
beibehalten, so sind alle vorläufige Umstände, alle Einleitungen zu
diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wüßte ich mich keiner
Regel dawider zu erinnern, und die Ausübung der Alten ist völlig auf
meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles
mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein
haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen
ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm
eigentümliche Mittel gelanget, so daß wenigstens eine davon notwendig
ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muß. Oder man werfe nur
die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster
einer vollkommenen Tragödie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, daß
sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloß auf das
Vorgeben gründet, daß Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare,
auf welchem sie geopfert werden sollte, entrückt und ein Reh an ihrer
Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des
Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die
Episoden, sowohl der Knoten als die Auflösung, gänzlich erdichtet sind,
und aus der Historie nichts als die Namen haben."
Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständen nach Gutdünken
verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und
Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte
nachrechnet, daß Rodogune so jung nicht könne gewesen sein; sie habe den
Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens
zwanzig Jahre haben müßten, noch in ihrer Kindheit gewesen wären. Was
geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht
geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und
nicht viel älter, als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit
seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die
Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür verifizieren wollte!
Zweiunddreißigstes Stück
Den 18. August 1767
Mit den Beispielen der Alten hätte Corneille noch weiter zurückgehen
können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödie in Griechenland wirklich
zur Erneuerung des Andenkens großer und sonderbarer Begebenheiten
erfunden worden; daß ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die
Fußtapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken
auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis ließ sich um die
historische Richtigkeit ganz unbekümmert.[1] Es ist wahr, er zog sich
darüber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, daß
Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst
verstanden: so läßt sich den Folgerungen, die man aus seiner Mißbilligung
ziehen könnte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich
unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des
Nutzens, ihrer noch nicht würdig erzeigen konnte. Thespis ersann,
erdichtete, ließ die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte:
aber er wußte seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch
lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne
die geringste Vermutung von dem Nützlichen zu haben. Er eiferte wider ein
Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu führen, leicht von übeln
Folgen sein könnte.
Ich fürchte sehr, Solon dürfte auch die Erdichtungen des großen Corneille
nichts als leidige Lügen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen?
Machen sie in der Geschichte, die er damit überladet, das Geringste
wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal für sich selbst wahrscheinlich.
Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der
Erdichtungskraft; und er hätte doch wohl wissen sollen, daß nicht das bloße
Erdichten, sondern das zweckmäßige Erdichten, einen schöpfrischen Geist
beweise.
Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet;
eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich
vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm
weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist ebenso gräßlich als
außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen
nähern Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut
also der Poet?
So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die
Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kürze der größere Mangel seines
Stückes scheinen.
Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein,
eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene
unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen müssen.
Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu
gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen;
wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen,
so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen,
die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird
er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen:
daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf
wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt,
bekennen müssen, wir würden ihn, in dem nämlichen Grade der Leidenschaft,
bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; daß uns nichts
dabei befremdet, als die unmerkliche Annäherung eines Zieles, von dem
unsere Vorstellungen zurückbeben, und an dem wir uns endlich, voll des
innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreißt, und
voll Schrecken über das Bewußtsein befinden, auch uns könne ein ähnlicher
Strom dahinreißen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Geblüte noch so
weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlägt der Dichter diesen
Weg ein, sagt ihm sein Genie, daß er darauf nicht schimpflich ermatten
werde: so ist mit eins auch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden;
es bekümmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällen fünf
Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alle den Stoff nicht
fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer
mehr und mehr vergrößert, wenn er einmal der verborgnen Organisation
desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet.
Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter
nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage
ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstößig
sein, daß er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden
vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern dürfe, wenn er sich
nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid
zu erregen. Denn er weiß so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und
dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervorzubringen, nicht
sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug häufen zu
können glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den
außerordentlichsten, gräßlichsten Unglücksfällen und Freveltaten nehmen
zu müssen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra,
eine Mörderin ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgesagt, so sieht er, um
eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die
Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen, und sie mit Dingen
auszufüllen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen
selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien,
knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman
zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer
Häcksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das
Drahtgerippe von Akten und Szenen, läßt erzählen und erzählen, läßt rasen
und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter
oder saurer ankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel,
--wird gedruckt und aufgeführt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder
ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glück will.
Denn et habent sua fata libelli.
Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den großen Corneille zu machen?
Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen
Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist
seine "Rodogune", nun länger als hundert Jahr, als das größte Meisterstück
des größten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit
von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjährige Bewunderung
wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre
Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen
Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn
auf ein Meteor herabzusetzen?
O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal ein ehrlicher Hurone in
der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war;
und vor langer Weile studierte er die französischen Poeten; diesem
Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu
Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der
hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute
des sechzehnten Säculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls
vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein
Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn,
weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer
armen verlaßnen Enkelin dieses großen Dichters an, ließ sie unter seinen
Augen erziehen, lehrte sie hübsche Verse machen, sammelte Almosen für
sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen großen einträglichen Kommentar über
die Werke ihres Großvaters usw.) aber gleichwohl erklärte er die "Rodogune"
für ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern,
wie ein so großer Mann, als der große Corneille, solch widersinniges
Zeug habe schreiben können.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist
ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach
bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den
Ausländern über die Fehler eines Franzosen die Augen eröffnet. Diesem
ganz gewiß betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem
Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muß er es doch haben. Denn
daß ein Deutscher selbst dächte, von selbst die Kühnheit hätte, an der
Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das
einbilden?
Ich rede von diesen meinen Vorgängern mehr bei der nächsten Wiederholung
der "Rodogune". Meine Leser wünschen aus der Stelle zu kommen; und ich
mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Übersetzung, nach welcher
dieses Stück aufgeführet worden. Es war nicht die alte Wolfenbüttelsche
vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch
ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die
beste von dieser Art nicht schämen, und ist voller starken, glücklichen
Stellen. Der Verfasser aber, weiß ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack,
als daß er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte.
Corneillen gut zu übersetzen, muß man bessere Verse machen können, als er
selbst.
----Fußnote
[1] Diogenes Laërtius, Lib. I. § 59.
----Fußnote
Dreiunddreißigstes Stück
Den 21. August 1767
Den sechsunddreißigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel
des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Königl.
Majestät von Dänemark, aufgeführet.
Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestätiget, daß
Soliman II. sich in eine europäische Sklavin verliebt habe, die ihn so
zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewußt, daß er, wider alle
Gewohnheit seines Reichs, sich förmlich mit ihr verbinden und sie zur
Kaiserin erklären müssen. Genug, daß Marmontel hierauf eine von seinen
moralischen Erzählungen gegründet, in der er aber jene Sklavin, die eine
Italienerin soll gewesen sein, zu einer Französin macht; ohne Zweifel,
weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, daß irgendeine andere Schöne,
als eine französische, einen so seltnen Sieg über einen Großtürken
erhalten können.
Ich weiß nicht, was ich eigentlich zu der Erzählung des Marmontel sagen
soll; nicht, daß sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen
Kenntnissen der großen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Lächerlichen,
ausgeführet und mit der Eleganz und Anmut geschrieben wäre, welche diesem
Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst.
Aber es soll eine moralische Erzählung sein, und ich kann nur nicht finden,
wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schlüpfrig, so
anstößig, als eine Erzählung des La Fontaine oder Grécourt: aber ist sie
darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist?
Ein Sultan, der in dem Schoße der Wollüste gähnet, dem sie der alltägliche
und durch nichts erschwerte Genuß unschmackhaft und ekel gemacht hat, der
seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder
gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit,
die raffinierteste Zärtlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschöpft:
dieser kranke Wollüstling ist der leidende Held in der Erzählung. Ich
sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Süßigkeiten den Magen
verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas
verfällt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken würde, auf faule
Eier, auf Rattenschwänze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die
edelste, bescheidenste Schönheit, mit dem schmachtendsten Auge, groß und
blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den
Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestätischer in ihrer Form,
blendender von Kolorit, blühende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer
Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Töne, eine wahre Muse, nur
verführerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein
weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur
Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig
Schönheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses
Ding, als es den Sultan erblickt, fällt mit der plumpesten Schmeichelei,
wie mit der Türe ins Haus: Grâces au ciel, voici une figure humaine!
--(Eine Schmeichelei, die nicht bloß dieser Sultan, auch mancher deutscher
Fürst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch
plumper, zu hören bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut
wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich
enthält, zu fühlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das übrige
--Vous êtes beaucoup mieux, qu'il n'appartient à un Turc: vous avez
même quelque chose d'un Français--En vérité ces Turcs sont plaisants--Je
me charge d'apprendre à vivre à ce Turc--Je ne désespère pas d'en faire
quelque jour un Français.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und
schilt, es droht und spottet, es liebäugelt und mault, bis der Sultan,
nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu
haben, auch Reichsgesetze abändern und Geistlichkeit und Pöbel wider sich
aufzubringen Gefahr laufen muß, wenn er anders mit ihr ebenso glücklich
sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem
Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Mühe!
Marmontel fängt seine Erzählung mit der Betrachtung an, daß große
Staatsveränderungen oft durch sehr geringfügige Kleinigkeiten veranlaßt
worden, und läßt den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst
schließen: Wie ist es möglich, daß eine kleine aufgestülpte Nase die
Gesetze eines Reiches umstoßen können? Man sollte also fast glauben, daß
er bloß diese Bemerkung, dieses anscheinende Mißverhältnis zwischen
Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehre
wäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst,
daß er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt.
"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche
ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen
wollen; ich wählte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als
die zwei Extrema der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontel muß
sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausarbeitung vergessen
haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten
Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich
bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Französin sagt, der
zurückhaltendste, nachgebendste, gefälligste, folgsamste, untertänigste
Mann, la meilleure pâte de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein
würde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in
dieser Erzählung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben
bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn er alle Blumen
durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen.
Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel,
ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern läßt oder
nicht; und also war die Erzählung des Marmontel darum nichts mehr und
nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat
Favart, und sehr glücklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus
ähnlichen Erzählungen bereichern wollen, die Favartsche Ausführung mit
dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu
abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veränderungen, die
dieser gelitten und zum Teil leiden müssen, lehrreich sein, und ihre
Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer bloßen
Spekulation wohl unentdeckt geblieben wäre, den noch kein Kritikus zur
Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der öfters mehr
Wahrheit, mehr Leben in ihr Stück bringen wird, als alle die mechanischen
Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren
Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der
Vollkommenheit eines Dramas machen möchten.
Ich will nur bei einer von diesen Veränderungen stehenbleiben. Aber ich
muß vorher das Urteil anführen, welches Franzosen selbst über das Stück
gefällt haben.[1] Anfangs äußern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des
Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den größten
Fürsten seines Jahrhunderts; die Türken haben keinen Kaiser, dessen
Andenken ihnen teurer wäre als dieses Solimans; seine Siege, seine
Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswürdig,
über die er siegte: aber welche kleine, jämmerliche Rolle läßt ihn
Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener
ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kühnsten,
schwärzesten Streiche fähig war, die den Sultan durch ihre Ränke und
falsche Zärtlichkeit so weit zu bringen wußte, daß er wider sein eigenes
Blut wütete, daß er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen
Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine
närrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf
voller Wind, doch das Herz mehr gut als böse. Sind dergleichen
Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein
Erzähler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese
Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn
er Fakta nach seinem Gutdünken verändern darf, darf er auch eine Lucretia
verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?"
Das heißt einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich möchte die
Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht übernehmen; ich habe mich
vielmehr schon dahin geäußert,[2] daß die Charaktere dem Dichter weit
heiliger sein müssen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau
beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von
selbst nicht viel anders ausfallen können; da hingegen allerlei Faktum
sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten läßt. Zweitens, weil
das Lehrreiche nicht in den bloßen Faktis, sondern in der Erkenntnis
bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umständen solche Fakta
hervorzubringen pflegen und hervorbringen müssen. Gleichwohl hat es
Marmontel gerade umgekehrt. Daß es einmal in dem Seraglio eine europäische
Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmäßigen Gemahlin des Kaisers zu
machen gewußt: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und
dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich
geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich
werden können, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche
von diesen Arten er wählen will; ob die, welche die Historie bestätiget,
oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner
Erzählung verbindet, das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er
sich, im Fall daß er andere Charaktere als die historischen, oder wohl
gar diesen völlig entgegengesetzte wählet, auch der historischen Namen
enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum
beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten.
Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren
und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir
bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als
etwas Zufälliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die
Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentümliches. Mit jenen
lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht
mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl
ins Licht stellen, aber nicht verändern; die geringste Veränderung
scheinet uns die Individualität aufzuheben und andere Personen
unterzuschieben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpieren
und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind.
----Fußnote
[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762.
[2] Oben im 23. Stück.
----Fußnote
Vierunddreißigstes Stück
Den 25. August 1767
Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen
Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt,
als in diesen freiwillig gewählten Charakteren selbst, es sei von seiten
der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu
verstoßen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen;
nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu
wissen, die jeder Schulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrat seines
Gedächtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen
Gefühl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es
gehört oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter
nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstößt also,
bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft,
so gröblich, daß wir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundern
können; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusammen und rufen:
"Aber, wie hat ein so großer Mann nicht wissen können!--Wie ist es
möglich, daß ihm nicht beifiel!--Überlegte er denn nicht?" Oh, laßt uns
ja schweigen; wir glauben ihn zu demütigen, und wir machen uns in seinen
Augen lächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloß,
daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider
nötig, wenn wir nicht vollkommne Dummköpfe bleiben wollten.
Marmontels Soliman hätte daher meinetwegen immer ein ganz anderer
Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein mögen, als
mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob
sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer
andern Welt gehören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer
andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in
dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer
andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten
abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den
Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das,
sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der
gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich
ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten
verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde,
so kann ich es zufrieden sein, daß man ihm auch jenes nicht für genossen
ausgehen läßt. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muß uns
nicht vorsätzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei
nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt.
Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen
haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter
ausbildet oder sich schaffet, Übereinstimmung und Absicht zu verlangen,
wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet
zu werden.
Übereinstimmung:--Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie
müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen
sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nachdem die Umstände auf sie
wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug sein können,
sie von Schwarz auf Weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er
verliebt ist, noch Türk und Despot sein. Dem Türken, der nur die sinnliche
Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements beifallen, die eine
verwöhnte europäische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser
liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts
Anzügliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu
überwinden haben und, wenn ich sie überwunden habe, durch neue
Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein König von Frankreich
denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese
Denkungsart einmal gibt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung;
er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu
genießen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine
dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt:
"Soliman war ein zu großer Mann, als daß er die kleinen Angelegenheiten
seines Seraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgeschäfte hätte treiben
sollen." Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgeschäfte
nicht auf den Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben
müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als
Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er
suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen läßt, freie Herzen, die sich aus
bloßer Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen ließen; er hätte
ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiß er, was er will? Die
zärtliche Elmire wird von einer wollüstigen Delia verdrängt, bis ihm eine
Unbesonnene den Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum
Sklaven machen muß, ehe er die zweideutige Gunst genießet, die bisher
immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein?
Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein
herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal
alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Roxelane, nach
diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht
Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe wert halten, ihr dieses Opfer
gebracht zu haben? Ich fürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen,
sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten
Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre
aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo
habe ich meine Augen gehabt!"
Ich leugne nicht, daß bei alle den Widersprüchen, die uns diesen Soliman
so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich sein könnte. Es
gibt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen.
Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen
Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende;
es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die
unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch
Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem
Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht.
--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe
erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie
von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten,
die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen
befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese
Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit
dem ebenso geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen
ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet.
Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen fängt das Genie an, zu
lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in größern Werken zu
Füllungen, zu Ruhepunkten unserer wärmern Teilnehmung: allein mit der
Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und
größere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder
zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten
und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht,
uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als
glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich
selbst im Glücke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwürfen, wo keine
unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung für uns statthat,
wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskräfte mit solchen
Gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen, und diese
Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein
falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was
wir verabscheuen sollten zu begehren.
Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem
Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von
manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten
sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich
erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgefeimte Buhlerin werden
uns mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben geschildert,
daß es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus
berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als
gefälligen Gattin überdrüssig zu sein, weil sie eine Elmire und keine
Roxelane ist.
Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die
angeführten französischen Kunstrichter recht, daß sie alle das Tadelhafte
des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet
ihnen sogar dabei noch mehr gesündiget zu haben, als jener. "Die
Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzählung
so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich
nötig; und diese ist in dem gegenwärtigen auf das äußerste verletzet. Der
große Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so
einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der
Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein
Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß.
Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man
sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels
gefallen; aber wenn die Überlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit
ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem
Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche;
sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte,
nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles
sagen können; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdrücken gesagt hätte.
Aber wer kann es aushalten, den großen Soliman von einer jungen
Landstreicherin so hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu
regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist
hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unerträglich."
----Fußnote
[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10.
----Fußnote
Fünfunddreißigstes Stück
Den 28. August 1767
Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein;
Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem
feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches
der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu gönnen,
als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung.
Beim Marmontel hingegen läßt sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben
und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer
Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist,
und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann
sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht
errät oder nicht besser erraten will.
Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der
Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er
einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen,
besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit
dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, daß seine Roxelane noch
unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat
er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewußt,
als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das?
Eben auf diese Veränderung wollte ich oben kommen; und mich dünkt, sie
ist so glücklich und vorteilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und
ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte.
Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines
närrisches, vermessenes Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan
Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack
durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen,
als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen
steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als
zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe
gestellt, als seine Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den
Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine
Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine
Erklärung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf
ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet
werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre
geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, große Seele, ganz den
Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun
auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muß dich wohl lieben! Nimm
all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sei mein Sultan, mein Held,
mein Gebieter! Ich würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen
müssen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget.
Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen
Liebhaber, der meinetwegen nicht erröten darf; sieh hier in Roxelanen
--nichts, als deine untertänige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf
einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso
vernünftiges als drollichtes Mädchen steht vor uns; Soliman höret auf,
uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe
würdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die
nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er
möchte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber möchte den Despoten
wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt,
eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so
bedenklichen Schritte zurückhalten wollen, möchte anstatt einer feurigen
Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind möchte durch
ihre Großmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige
Vermessenheiten so mühsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens,
und das Stück schließt sich zu unserer völligen Zufriedenheit.
Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung? Ist sie bloß
willkürlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung,
in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel
seiner Erzählung diesen vergnügendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem,
was dort eine Schönheit ist, hier ein Fehler?
Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben,
welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und
des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen
Erzählung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur
Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht
wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung,
die für sich ein wohlgeründetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht;
der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem
Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen
nehmen, durch welche er sie ausführen läßt, ist er unbekümmert, er hat
uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es
lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses
mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das
Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel
fließende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die
Leidenschaften, welche der Verlauf und die Glücksveränderungen seiner
Fabel anzufachen und zu unterhalten vermögend sind, oder auf das
Vergnügen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und
Charaktere gewähret; und beides erfordert eine gewisse Vollständigkeit
der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der
moralischen Erzählung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit
auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall
derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt.
Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Erzählung lehren wollte,
die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie müsse durch Nachsicht und
Gefälligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er
recht, so aufzuhören, wie er aufhört. Die unbändige Roxelane wird durch
nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans
Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir sie doch immer für
eine Närrin und ihn für nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht
Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so
wahrscheinlich sein, daß den Sultan seine blinde Gefälligkeit bald
gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die
Gefälligkeit über das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also eines
der wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit wert sei
oder nicht.
Allein, als Favart diese Erzählung auf das Theater bringen wollte, so
empfand er bald, daß durch die dramatische Form die Intuition des
moralischen Satzes größtenteils verloren gehe und daß, wenn sie auch
vollkommen erhalten werden könne, das daraus erwachsende Vergnügen doch
nicht so groß und lebhaft sei, daß man dabei ein anderes, welches dem
Drama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Vergnügen, welches
uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewähren.
Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch,
in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des
Dichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbst damit
betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das
Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer
Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen
Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt
ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden,
desto strenger verfährt unsere Überlegung; das häßliche Gesicht, das wir
so schön geschminkt sehen, wird für noch einmal so häßlich erklärt, als
es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu wählen, ob er von uns lieber
für einen Giftmischer oder für einen Blödsinnigen will gehalten sein. So
wäre es dem Favart, so wäre es seinen Charakteren des Solimans und der
Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere
nicht von Anfang ändern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu
verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu
sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun übrig, als was er tat. Nun
freuen wir uns, uns an nichts vergnügt zu haben, was wir nicht auch
hochachten könnten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere
Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama
weit stärker ist, als einer bloßen Erzählung, so interessieren uns auch
die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnügen uns
nicht, ihr Schicksal bloß für den gegenwärtigen Augenblick entschieden zu
sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls
zufriedengestellet wissen.
----Fußnote
[1]
Sultan, j'ai pénétré ton âme;
J'en ai démêlé les ressorts.
Elle est grande, elle est fière, et la gloire l'enflamme,
Tant de vertus excitent mes transports.
A ton tour, tu vas me connaître:
Je t'aime, Soliman; mais tu l'as mérité.
Reprends tes droits, reprends ma liberté;
Sois mon Sultan, mon Héros et mon Maître.
Tu me soupçonnerais d'injuste vanité.
Va, ne fais rien que ta loi n'autorise;
Il est des préjugés qu'on ne doit point trahir,
Et je veux un Amant, qui n'ait point à rougir:
Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise.
----Fußnote
Sechsunddreißigstes Stück
Den 1. September 1767
So unstreitig wir aber, ohne die glückliche Wendung, welche Favart am
Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Krönung nicht
anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den lächerlichen
Triumph einer "Serva Padrona" würden betrachtet haben; so gewiß, ohne
sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein kläglicher Pimpinello,
und die neue Kaiserin nichts als eine häßliche, verschmitzte Serbinette
gewesen wäre, von der wir vorausgesehen hätten, daß sie nun bald dem
armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde:
so leicht und natürlich dünkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir
müssen uns wundern, daß sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht
beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische
Erzählung in der dramatischen Form darüber verunglücken müssen.