Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich
schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso
verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von
Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bei dem Opfer
gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwören? In
den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter?
Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er
hat sich für seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth
verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit
eins zu entscheiden; und diesen tollkühnen Aegisth läßt er sich an dem
Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwert
werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen
Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und hält ihn
für seinen Freund. Warum hätte Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht
nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war
geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen
einkommen konnte, den ersten zu rächen.
"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfährt, daß ihr Sohn
ermordet sei, will dem Mörder das Herz aus dem Leibe reißen und es mit
ihren Zähnen zerfleischen.[3] Das heißt, sich wie eine Kannibalin und
nicht wie eine betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall
beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französische Merope
delikater ist, als daß sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz,
beißen sollte: so dünkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut
Kannibalin, als die italienische.--
----Fußnote
[1] Atto III. Sc. I.
----Quando
Saran da poi sopiti alquanto, e queti
Gli animi, l'arte del regnar mi giovi.
Per mute oblique vie n'andranno a Stige
L'alme più audaci, e generose. A i vizi
I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie
Il freno allargherò. Lunga clemenza
Con pompa di pietà farò, che splenda
Su i delinquenti; a i gran delitti invito,
Onde restino i buoni esposti, e paghi
Renda gl' iniqui la licenza; ed onde
Poi fra se distruggendosi, in crudeli
Gare private il lor furor si stempri.
Udrai sovente risonar gli editti.
E raddopiar le leggi, che al sovrano
Giovan servate, e transgredite. Udrai
Correr minaccia ognor di guerra esterna;
Ond' io n'andrò su l'atterrita plebe
Sempre crescendo i pesi, e peregrine
Milizie introdurrò.--
[2]
Si ce fils, tant pleuré, dans Messène est produit,
De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit.
Crois-moi, ces préjugés de sang et de naissance
Revivront dans les coeurs, y prendront sa défense.
Le souvenir du père, et cent rois pour aïeux,
Cet honneur prétendu d'être issu de nos Dieux;
Les cris, le désespoir d'une mère éplorée.
Détruiront ma puissance encor mal assurée.
[3]
Quel scelerato in mio poter vorrei
Per trarne prima, s'ebbe parte in questo
Assassinio il tiranno; io voglio poi
Con una scure spalancargli il petto,
Voglio strappargli il cor, vogho co' denti
Lacerarlo, e sbranarlo--
----Fußnote
Siebenundvierzigstes Stück
Den 9. Oktober 1767
Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, daß man den Menschen mehr nach
seinen Taten, als nach seinen Reden richten muß; daß ein rasches Wort, in
der Hitze der Leidenschaft ausgestoßen, für seinen moralischen Charakter
wenig, eine überlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich
wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewißheit, in welcher sie von
dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer überläßt, die immer
das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie unglücklich ihr
abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid über alle Unglückliche
erstrecket: ist das schöne Ideal einer Mutter. Merope, die in dem
Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit
erfährt, von ihrem Schmerze betäubt dahinsinkt, und plötzlich, sobald sie
den Mörder in ihrer Gewalt höret, wieder aufspringt und tobet und wütet
und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und
wirklich vollziehen würde, wenn er sich eben unter ihren Händen befände:
ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in
welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schönheit und
Rührung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt,
Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die
Henkerin sein, nicht töten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre
Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich
wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken;
eine Mutter, wie es jede Bärin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle
wem da will; mir sage er es nur nicht, daß sie ihm gefällt, wenn ich ihn
nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll.
Vielleicht dürfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des
Stoffes machen; vielleicht dürfte er sagen, Merope müsse ja wohl den
Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de théâtre,
den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser
ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde
sich wiederum irren und die willkürlichen Abweichungen des Maffei
abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß
Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert
nicht, daß sie es mit aller Überlegung tun muß. Und so scheinet sie es
auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel
des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kömmt
und sagt der Königin weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte
sie gehört, daß ein Fremder angelangt sei, der sich rühme, ihn umgebracht
zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie
ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller
Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung
geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war
sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienser
zitterten für den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu dürfen. Sie
zitterten für Meropen selbst, die durch die gutartigste Übereilung Gefahr
lief, die Mörderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber
machen mich bloß für den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so
ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den
Streich. Möchte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen,
so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie
so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache
in der ersten Hitze mit dem Mörder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie
ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und
verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze
zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz
zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der
Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Rüstung bei ihm
findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Sohnes, an
dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen,
Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich müßte
mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgepfiffen worden.
Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die
veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des
Stoffes ist, habe ich schon berührt. Denn nach der Fabel des Hyginus
hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts
geheiratet; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripides diesen
Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe,
mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren
bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] hätten sie auch vor
funfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Denkungsart der
alten griechischen Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer
Männer überwanden und sie zu ihren zweiten Männern annahmen, wenn sie
sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen könne.
Ich erinnere mich etwas Ähnliches in dem griechischen Roman des
Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine
Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf
eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle
verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand.
Genug, daß das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt,
hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner "Merope" zu rechtfertigen,
wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten
Szenen einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; und ich sehe
mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch
weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter hätten werden
können.
Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei
gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es einen
bessern geben könne, daß dieser bessere eben der sei, der schon vor
Alters befahren worden, so begnügte er sich, auf jenem ein paar
Sandsteine aus dem Gleise zu räumen, über die er meinet, daß sein
Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von
ihm beibehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von
ungefähr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige
Merkmale in den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sei?
Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdrücklichen
Vorsatze, sich zu rächen, nach Messene und gab sich selbst für den Mörder
des Aegisth aus: nur daß er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei
aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an der
es ihm der Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar
oben dem Maffei einige Gründe zu allen den Veränderungen, die er mit dem
Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich
bin weit entfernt, die Gründe für wichtig und die Veränderungen für
glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den
er aus den Fußtapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden.
Daß sich Aegisth nicht kennet, daß er von ungefähr nach Messene kommt und
per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrückt) für den Mörder des
Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr
verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwächt auch
das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wußte es der Zuschauer von dem
Aegisth selbst, daß er Aegisth sei, und je gewisser er es wußte, daß
Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte notwendig
das Schrecken sein, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid,
welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter
Zeit verhindert würde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir
es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein
könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick
versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhöret. Das Schlimmste dabei
ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den
Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gründe sind, aus welchen es
Merope selbst vermuten sollte, und daß wir ihn, besonders bei Voltairen,
nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuverlässiger kennen, als
sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gründen entweder
ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen
wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen
Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr
rühren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, daß sie nicht
besser darauf merket und sich von weit seichtern Gründen hinreißen läßt.
Beides aber taugt nicht.
----Fußnote
[1] Acte II. Sc. 1.
--Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas.
L'exil où son enfance a langui condamnée
Lui serait moins affreux que ce lâche hyménée.
Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang,
Il n'en croyait ici que les droits de son sang;
Mais si par les malheurs son âme était instruite,
Sur ses vrais intérêts s'il réglait sa conduite,
De ses tristes amis s'il consultait la voix,
Et la nécessité souveraine des loix,
Il verrait que jamais sa malheureuse mère
Ne lui donna d'amour une marque plus chère.
Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures vérités
Que m'arrachent mon zèle et vos calamités.
Mer. Quoi! Vous me demandez que l'intérêt surmonte
Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte!
Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs!
Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs;
Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui résiste;
Il est sans héritier, et vous aimez Egiste.--.
----Fußnote
Achtundvierzigstes Stück
Den 13. Oktober 1767
Es ist wahr, unsere Überraschung ist größer, wenn wir es nicht eher mit
völliger Gewißheit erfahren, daß Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope
selbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen einer Überraschung! Und was
braucht der Dichter uns zu überraschen? Er überrasche seine Personen,
soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn
wir, was sie ganz unvermutet treffen muß, auch noch so lange
vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und stärker
sein, je länger und zuverlässiger wir es vorausgesehen haben.
Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunstrichter für
mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stücken", sagt Diderot,[1]
"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den
einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des
Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen?
Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen
man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben
muß. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es
wissen; für diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne daß
sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in
Bewegung, so werden wir Zuschauer den nämlichen Bewegungen schon auch
nachgeben, sie schon auch empfinden müssen.--Weit gefehlt, daß ich mit
den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben,
glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen.
Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich
mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten
Szene verraten würde und aus diesem Umstande selbst das allerstärkeste
Interesse entspränge.--Für den Zuschauer muß alles klar sein. Er ist der
Vertraute einer jeden Person; er weiß alles, was vorgeht, alles was
vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers
tun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll.
--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst,
und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht
hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, sooft es ihm
beliebt!--Meine Gedanken mögen so paradox scheinen, als sie wollen:
soviel weiß ich gewiß, daß für eine Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem
Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich
ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das
Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis
eine kurze Überraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns
stürzen können, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht hätte!--Wer in
einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch
nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn
ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewitter über
meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darüber
verweilet?--Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen;
wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten,
daß der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein
undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu
ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte
entübrigen können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer
werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu
dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang
von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine
kurze Überraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die
Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle
der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so
große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person
vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder
Hoffnung erfüllet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann
sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker interessieren, als die
Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn
er Licht genug hat und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders sein
würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum
erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie
wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann."
Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, für welchen von beiden
Planen sich Diderot erklären würde: ob für den alten des Euripides, wo
die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er
sich selbst; oder für den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings
angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Rätsel ist und dadurch
das ganze Stück "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht,
die weiter nichts als eine kurze Überraschung hervorbringen.
Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken über die
Entbehrlichkeit und Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und
plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für
ebenso neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer
Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie
abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger
nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört
weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was
ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilektion für dieses Gegenteil
hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch
den besten Stücken der Alten abgesehen hatten.
Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiß, daß er fast
immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen
wollte. Ja, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die
Verteidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so
sehr mißfallen. "Nicht genug", sagt Hédelin, "daß er meistenteils alles,
was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen
Hauptpersonen den Zuhörern geradezu erzählen läßt, um ihnen auf diese
Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters
einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und
durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch
geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die
Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von
weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der
Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen
sollen, gänzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stückes
vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Überraschung
beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte
so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit
höhern Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergötzung einer kindischen
Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine
Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel
wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich
die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was
geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich
müßte den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstößig sein, als
nur dieses, daß er uns die nötige Kenntnis des Vergangnen und des
Zukünftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht;
daß er ein höheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen
Anteil nimmt, dazu gebrauchet und daß er dieses höhere Wesen sich
geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung
mit der erzählenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann
bloß hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das
Nützliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns
verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der
Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn
das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, daß wir sie
durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht?
Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? In den
Lehrbüchern sondre man sie so genau voneinander ab, als möglich: aber
wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und
ebendemselben Werke zusammenfließen läßt, so vergesse man das Lehrbuch
und untersuche bloß, ob es diese höhere Absichten erreicht hat. Was geht
mich es an, ob so ein Stück des Euripides weder ganz Erzählung, noch ganz
Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser
Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten
eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heißen. Weil der Maulesel
weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten
lasttragenden Tieren?--
----Fußnote
[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die
Übers.
[2] "Prâtique du Théâtre", Liv. III. chap. 1.
----Fußnote
Neunundvierzigstes Stück
Den 16. Oktober 1767
Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu
sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus
beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die
dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese
in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der
im Grunde ebenso regelmäßig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es
nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stücken eine
Schönheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben.
Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel
Ärgernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen
verständlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs,
vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der
Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind
beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr
weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht
alles den nämlichen Gang, den nämlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß
die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner sein würden, wenn wir
aus den Prologen nicht wüßten, daß der Ion, welchen Kreusa will vergiften
lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; daß die Kreusa, welche Ion von dem
Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Ion ist;
wenn wir nicht wüßten, daß an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum
Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten
einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die trefflichsten
Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu
vorbereitet genug sein: ohne daß ihr sagen könntet, sie brächen auf
einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten
nicht, sondern sie entständen; man wolle euch nicht auf einmal etwas
entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem
Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm
doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu
machen ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der
Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat.
Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heißt sehr
viel annehmen--daß Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel
Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel
mehr, wie er bei dieser großen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke,
dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her und
betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es
so gut, als wir, daß z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen könne; daß
er, ohne denselben, ein Stück sei, welches die Ungewißheit und Erwartung
des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit
und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst
in dem fünften Akte, daß Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es für ihn
nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten
Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des
Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte rächen will, sondern bloß
die Meuchelmörderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid
herkommen? Die bloße Vermutung, die sich etwa aus übereintreffenden
Umständen hätte ziehen lassen, daß Ion und Kreusa einander wohl näher
angehen könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen
sein. Diese Vermutung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer
diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war,
daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben
konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie ihm auf die
einzige mögliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise,
was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine
Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie sein soll; und wenn ihr noch
unwillig seid, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge
euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stücken, wo das Wesen der Form
aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads
"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem
alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin
ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und
ich werde euch nie beneiden!
Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen
Dichtern nennet, so sahe er nicht bloß darauf, daß die meisten seiner
Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele
den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststück wäre ihm ja wohl bald
abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden und keine von
seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen ließe, würde
sich ebenso tragisch dünken dürfen, als Euripides. Aristoteles hatte
unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen
Charakter erteilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu
gehörte, vermöge der er nämlich den Zuschauern alle das Unglück, welches
seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer
auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese
Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen.
--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher
dürfte der Meinung sein, daß der Dichter dieser Freundschaft des
Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schönen
Sittensprüchen, den er so verschwendrisch in seinen Stücken ausstreuet.
Ich denke, daß er ihr weit mehr schuldig war; er hätte, ohne sie, ebenso
spruchreich sein können; aber vielleicht würde er, ohne sie, nicht so
tragisch geworden sein. Schöne Sentenzen und Moralen sind überhaupt
gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten
hören; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den
Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein;
in allen die ebensten und kürzesten Wege der Natur ausforschen und lieben;
jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem
Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was
ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so
einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!--
Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, daß es gut sein würde, wenn
er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns
mit der Überzeugung, daß der liebenswürdige unglückliche Jüngling, den
Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Mörder ihres
Aegisth hinrichten will, der nämliche Aegisth sei, sofort könne aussetzen
lassen. Aber der Jüngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand
da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn könnten kennen lernen.
Was tut also der Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen,
Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte
Narbas zuruft?--Oh, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen
Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er läßt, sobald der
unbekannte Jüngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen,
schönen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth"
setzen; und so weiter über jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir
es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei
diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan hätte, so dürften
wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht
es lang und breit! Freilich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person,
über deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben,
auf die Frage:
--Narbas vous est connu?
Le nom d'Egiste au moins jusqu'à vous est venu?
Quel était votre état, votre rang, votre père?
antwortet:
Mon père est un vieillard accablé de misère;
Policlète est son nom; mais Egiste, Narbas,
Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas.
Freilich ist es sehr sonderbar, daß wir von diesem Aegisth, der nicht
Aegisth heißt, auch keinen andern Namen hören; daß, da er der Königin
antwortet, sein Vater heiße Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heiße
so und so. Denn einen Namen muß er doch haben; und den hätte der Herr von
Voltaire ja wohl schon mit erfinden können, da er so viel erfunden hat!
Leser, die den Rummel einer Tragödie nicht recht gut verstehen, können
leicht darüber irre werden. Sie lesen, daß hier ein Bursche gebracht
wird, der auf der Landstraße einen Mord begangen hat; dieser Bursche,
sehen sie, heißt Aegisth, aber er sagt, er heiße nicht so, und sagt doch
auch nicht, wie er heiße: oh, mit dem Burschen, schließen sie, ist es
nicht richtig; das ist ein abgefeimter Straßenräuber, so jung er ist, so
unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken
in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, daß es für die erfahrnen
Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte
Jüngling ist, als gar nicht. Nur daß man mir nicht sage, daß diese Art sie
davon zu unterrichten, im geringsten künstlicher und feiner sei, als ein
Prolog im Geschmacke des Euripides!--
Funfzigstes Stück
Den 20. Oktober 1767
Bei dem Maffei hat der Jüngling seine zwei Namen, wie es sich gehört;
Aegisth heißt er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn
der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur
unter jenem eingeführt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stücks
als kein geringes Verdienst an, daß dieses Verzeichnis den wahren Stand
des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den
Überraschungen noch größere Liebhaber, als die Franzosen.--
Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an
diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei
und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung
nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine
lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beiläufiger
Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie
die doch wohl sein müssen, die sich mit Komödienschreiben abgeben;
anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von
Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser
artigen Sächelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte,
trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen
über das, was in einer Tragödie sein sollte und nicht sein sollte;
mitunter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen?
Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angeführt!--Doch im
Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr sein,
wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre
Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie
vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur
besser vertragen wollten.
Über die "Merope" indes muß ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich
wollte eigentlich nur erweisen, daß die "Merope" des Voltaire im Grunde
nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich
erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern
ebendieselbe Verwicklung und Auflösung machen, daß zwei oder mehrere
Stücke für ebendieselben Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire
mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit
ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier für weiter nichts,
als für den Übersetzer und Nachahmer desselben zu erklären. Maffei hat
die "Merope" des Euripides nicht bloß wieder hergestellet; er hat eine
eigene "Merope" gemacht: denn er ging völlig von dem Plane des Euripides
ab; und in dem Vorsatze, ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem
das ganze Interesse bloß aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe,
schuf er die ganze Fabel um; gut oder übel, das ist hier die Frage nicht;
genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze
so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, daß Merope mit dem Polyphont
nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus
welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermählung
dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Merope
sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von
seinem vermeintlichen Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall,
der den Aegisth als einen Mörder nach Messene bringt; er entlehnte von
ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten
wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe,
wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den
Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Händen
sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte,
Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht
auch die ganze Auflösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei
welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung
verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und
vielleicht, daß er, bloß darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die
Verbindung mit Meropen fallen ließ, um dieses Opfer desto natürlicher
anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach.
Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom
Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt daß, beim Maffei,
Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhen in
Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der
unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beim Maffei,
Aegisth von einem Räuber auf der Straße angefallen wird, läßt er ihn in
einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten überfallen werden, die es
ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Herakliden, den Gott des
Tempels für die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt daß beim Maffei
Aegisth durch einen Ring in Verdacht gerät, läßt Voltaire diesen Verdacht
durch eine Rüstung entstehen usw. Aber alle diese Veränderungen betreffen
die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind
und auf die Ökonomie des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch
wollte ich sie Voltairen noch gern als Äußerungen seines schöpferischen
Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen
vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will
mich an dem mitte1sten von den angeführten Beispielen erklären. Maffei
läßt seinen Aegisth von einem Räuber angefallen werden, der den
Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern
einer Brücke über die Pamise; Aegisth erlegt den Räuber und wirft den
Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden
würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein
Räuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den
Beutel nehmen will, ist für mein feines, edles Parterr ein viel zu
niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht,
der dem Aegisth als einem Anhänger der Herakliden zu Leibe will. Und
warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto
größer, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem
ältrern gemacht wird, kann hernach für den Narbas genommen werden. Recht
gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen
von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er trägt den
toten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der
leeren Landstraße in den nahen Fluß; das ist ganz begreiflich: aber aus
dem Tempel in den Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in
diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch
nicht. Das Wie ließe sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis
Aegisth trägt den Körper in den Fluß, weil er sonst verfolgt und erkannt
zu werden fürchtet; weil er glaubt, wenn der Körper beiseite geschafft
sei, daß sodann nichts seine Tat verraten könne; daß diese sodann,
mitsamt dem Körper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens
Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite hätte nicht entkommen
müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben davongetragen zu haben?
Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten
beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn
andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was
hilft es dem Mörder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier
ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hätte er
sparen und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu
kommen. Freilich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser
geworfen werden; es war Voltairen ebenso nötig als dem Maffei, daß Merope
nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden
konnte; nur daß, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er
bei jenem bloß dem Dichter zu Gefallen tun muß. Denn Voltaire korrigierte
die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache
brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Bedürfnis abhängt.
Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht
hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nämlich, durch welche er
den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Mörder ihres
Sohnes zu rächen, unterdrückt und dafür die Erkennung von seiten des
Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich
den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz
vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der
vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das
Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte geteilet werden können. Denn daß
Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggeführet wird und die Vertiefung
sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht
ein Haar besser, als die übereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem
Maffei rettet, und über die Voltaire seinen Lindelle so spotten läßt.
Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natürlicher; wenn der Dichter
nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht
gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen
gegeneinander vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire die Erkennung
überhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht hätte dehnen
müssen, um fünf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal
über cette longue carrière de cinq actes qui est prodigieusement
difficile à remplir sans épisodes--Und nun für diesesmal genug von
der "Merope"!
----Fußnote
[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si è levato quell' errore, comunissimo
alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per
conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi
messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto.
----Fußnote
Einundfunfzigstes Stück
Den 23. Oktober 1767
Den neununddreißigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der
verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1]
Chevrier sagt,[2] daß Destouches sein Stück aus einem Lustspiele des
Campistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen "Jaloux
désabusé" geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten
Philosophen" haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig
bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgendeinem deutschen Theater wäre
gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte
also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem
Vorgeben des Chevrier sei.
Die Fabel des Campistronschen Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das
ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und um dieses nicht
herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber
die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um
ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf
alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschiedne junge
Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich
um ihre Schwägerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt;
der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den
vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die
Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner
Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann
sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem
Ungrunde seiner Eifersucht überzeugt wird.
Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen"
Ähnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus
dem zweiten Akte des Campistronschen Stücks, zwischen Dorante, so heißt
der Eifersüchtige, und Dubois, seinem Sekretär. Diese wird gleich zeigen,
was Chevrier gemeiner hat.
"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn?
Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige
Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat
mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird,
mich zu martern, zu peinigen--
Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker?
Dorante. Meine Frau.
Dubois. Ihre Frau, mein Herr?
Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur
Verzweiflung.
Dubois. Hassen Sie sie denn?
Dorante. Wollte Gott! So wäre ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und
liebe sie so sehr--Verwünschte Qual!
Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig?
Dorante. Bis zur Raserei.
Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von
jeher über alles, was Eifersucht heißt,--
Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran!
Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinreißen zu
lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich über die
Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und
ich stimmte nicht bloß ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton.
Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was für albernes Zeug habe ich nicht
gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfui, wie schmeckt das
nach dem kleinstädtischen Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht
allen Willen läßt, ist ein Bär! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch
andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins Tollhaus. So sprach
ich, und mich hätte man da sollen ins Tollhaus schicken.--
Dubois. Aber warum sprachen Sie so?
Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es ließe
noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie
verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Mädchen
vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben;
die soll in meiner Denkungsart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt
nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen
sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich
schöner, täglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte
je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie--
Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden!
Dorante. Denn ich bin so eifersüchtig!--Daß ich mich schäme, es auch
nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und
verdächtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe
ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause
zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmeicheleien,
die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere
erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre
himmlischen Augen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst
reizend, höchst anbetungswürdig; und immer schließt sich ihr
verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein
glücklicher, was für ein beneidenswürdiger Mann ich bin.
Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu.
Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter!
Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest
du erst sehen und hören! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen
Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall
jagt den andern, eine boshafte Spötterei die andere, ein kitzelndes
Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit
Liebäugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich
erwidert, daß--daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du
glauben, Dubois? ich muß es wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand
küssen.
Dubois. Das ist arg!
Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was würde die Welt
dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn ich meinen
Verdruß auslassen wollte? Die Kinder auf der Straße würden mit
Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein
Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw."
Diese Situation muß es sein, in welcher Chevrier das Ähnliche mit dem
"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des
Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich
ehedem über diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schämt sich
auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil
er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand für
den einzigen erklärt hatte, der einem freien und weisen Manne anständig
sei. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Scham sie nicht beide
in mancherlei ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die,
in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau
verlangt, ihm die überlästigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber
ihn bedeutet, daß das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen
müsse, fast die nämliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich
Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, daß er sich auf
Meliten keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige,
wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten
und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefähr auf gleiche Weise, als
hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel
viel zu klug und vorsichtig sei, als daß er sich zu so einer Torheit, wie
das Heiraten, sollte haben verleiten lassen.
Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stücke
notwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir
ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch
nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche
Situationen geraten; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk,
die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen und
ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die
Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück
Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der
Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und
Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Ähnliche Situationen
geben also ähnliche Tragödien, aber nicht ähnliche Komödien. Hingegen
geben ähnliche Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den
Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen.
Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines
Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbänden aus der
Königlichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu
dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stück betreffende Anekdote. Der
Dichter nämlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen
Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der
Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis früher ausgeplaudert, als
ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten
Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es
seinem Sohne nicht glauben?--so dürfte die vermeinte Nachahmung des
Campistron um so eher wegfallen.
----Fußnote
[1] S. den 5. und 7. Abend
[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135.
----Fußnote