Rivière du Frény, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne
brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß
ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard
schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite
nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Plagiarius
gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir es ihm wohl noch dazu danken,
daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu
mißbrauchen; er bemächtigte sich, bloß zu unserm Besten, der Materialien,
von denen er voraussahe, daß sie verhunzt werden würden. Wir hätten nur
einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch
hätte er die Tat eingestehen und dem armen Du Frény einen Teil der damit
erworbnen Ehre lassen müssen.
Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete
Philosoph" wiederholst; und den Beschluß machte "Der Liebhaber als
Schriftsteller und Bedienter".
Der Verfasser dieses kleinen artigen Stückes heißt Cerou; er studierte
die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen
gab. Es fällt ungemein wohl aus.
Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter",
vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgeführt.
Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf
dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es
ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Molière nicht hätte
schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit
besser sein können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten
gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer
kalten Erzählung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet
worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters
deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darin der erste von
seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel
nicht, und Quinault hätte es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten
Verliebten" können bewenden lassen.
"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem
funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit außerordentlichen Beifall
fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des
guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der
Personen entspringet und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brueys gab
ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es
gegenwärtig aufgeführet wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz
vortrefflich.
Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist"
vorgestellt.
Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschämten Freigeistes", weil man
ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift
führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß
derjenige beschämt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht
einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an
diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der für Wahrheit
und Irrtum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann sind alles
Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stücks erfüllen
müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß die Vorstellung alles
Beifalls würdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und
besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen
Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über
die Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze
Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen.
Den Beschluß dieses Abends machte das Schäferspiel des Hrn. Pfeffels:
"Der Schatz".
Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein
anders, "Der Eremit", nicht unrühmlich bekannt gemacht. In den "Schatz"
hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere
Schäferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändelnde Liebe ist.
Sein Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch
die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes
Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes
werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines
Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele,
auf rührende Stücke könnte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber
wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen
übergehen.
----Fußnote
[1] "Journal Étranger", Décembre 1761.
----Fußnote
Funfzehntes Stück
Den 19. Junius 1767
Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaïre" des
Herrn von Voltaire aufgeführt.
"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire,
"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stück entstanden.
Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen
Tragödien nicht genug Liebe wäre. Er antwortete ihnen, daß seiner Meinung
nach die Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe
sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten,
so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward
in achtzehn Tagen vollendet und fand großen Beifall. Man nennt es zu
Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des
Polyeukts, vorgestellet worden."
Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch
lange das Lieblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch,
nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit
besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien
zugänglichen Sitz einer unumschränkten Gebieterin verwandelt; ein
verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als
ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion
streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das
gern fromm sein möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein
Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst rächet;
wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen,
durch was ließe es sich denn bestechen?
Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaïre diktiert: sagt ein Kunstrichter
artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur
eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist
"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire läßt seine
verliebte Zaïre ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken;
aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemälde aller der
kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele
einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet,
aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich
bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und
Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den
Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache,
denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das
behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will,
als was sie bei der spröden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter
verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den Geheimnissen
der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das
Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat
er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit
unter dem Dichter geblieben.
Von der Eifersucht läßt sich ohngefähr eben das sagen. Der eifersüchtige
Orosman spielt gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespeare eine sehr
kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman
gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der
den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich hätte
gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu
eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosman
einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines
Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht
mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das
vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei; da können wir alles
lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden.
Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen,
immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das
ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese
Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsätzlich
vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Übersetzung von Shakespeare.
Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr
darum. Die Kunstrichter haben viel Böses davon gesagt. Ich hätte große
Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern
zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin
bemerkt haben: sondern weil ich glaube, daß man von diesen Fehlern kein
solches Aufheben hätte machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein
jeder anderer, als Herr Wieland, würde in der Eil' noch öftrer verstoßen
und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr überhüpft haben; aber
was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er
uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man
unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die
es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es
sie liefert, so beleidigen, daß wir notwendig eine bessere Übersetzung
haben müßten.
Doch wieder zur "Zaïre". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die
Pariser Bühne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und
auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Übersetzer war
Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten
Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in
dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines
Stücks an den Engländer Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden.
Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehmen, als er es
ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem
skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben
geschrieben hat!
Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine
Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist
so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige
Gewohnheit bestand darin, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden
mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Übrige des
Stücks; und notwendig mußten diese Verse eine Vergleichung enthalten.
Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe,
Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen,
bis sie einschlafen. Der Übersetzer der "Zaïre" ist der erste, der es
gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten
Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es
empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen und der Poet
sich überall verbergen müsse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen."
Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das
ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, daß die
Engländer, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch länger her,
die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein paar
gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als
Vergleichungen enthielten, daß sie notwendig Vergleichungen enthalten
müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von
Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die
tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die
Nase sagen können. Zweitens ist es nicht an dem, daß Hill in seiner
Übersetzung der "Zaïre" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar
beinahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Übersetzung seines
Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer.
Gleichwohl muß es so sein. Denn so gewiß sie in reimfreien Versen ist, so
gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen.
Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter
allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson
und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heißen, ihre
Aufzüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfe, die gleichfalls
keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Hätte er aber auch
wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch
drittens das nicht wahr, daß sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von
dem es Voltaire sein läßt. Noch bis diese Stunde erscheinen in England
ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit
gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem
einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach der Übersetzung
der "Zaïre", gemacht, sich der alten Mode gänzlich entäußert. Und was ist
es denn nun, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind,
können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nämlich,
nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit
schicklicher aus dem Stücke selbst abgenommen würde, als daß es die
Pfeife oder der Schlüssel gibt.
----Fußnote
[1] From English Plays, Zara's French author fir'd,
Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd,
From rack'd Othello's rage, he rais'd his style
And snatch'd the brand, that lights this tragic pile.
[2] Le plus sage de vos écrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie wäre das
wohl recht zu übersetzen? Sage heißt: weise; aber der weiseste unter den
englischen Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich
besinne mich, daß die Franzosen auch ein Mädchen sage nennen, dem man
keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat.
Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passen. Und nach diesem könnte man ja
wohl geradezu übersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern,
der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt."
----Fußnote
Sechzehntes Stück
Den 23. Junius 1767
Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr
unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und
übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien
und gebärdeten sie sich als Besessene; und das übrige tönten sie in einer
steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den
Komödianten verriet. Als er daher seine Übersetzung der "Zaïre" aufführen
zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaïre einem jungen
Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urteilte
so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl und Stimme und Figur und
Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie
braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar
Stunden überreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf
sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es
ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, daß
nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge
leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des
Komödianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten
Jahre ward ein Meisterstück. Es ist merkwürdig, daß auch die französische
Schauspielerin, welche die Zaïre zuerst spielte, eine Anfängerin war. Die
junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch berühmt, und
selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht
kläglich bedauerte.
Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der
kein Komödiant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er
spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken,
öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als
irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen
Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten.
"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist
dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in
der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der französische Hof
hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat
weiter nichts Besonders dabei gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit
aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein
Unterschied, als daß die eine über die andere ebensoweit erhaben ist, als
es Talente, welche vorzügliche Seelenkräfte erfodern, über bloß
körperliche Fertigkeiten sind?"
Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaïre" übersetzt; sehr genau und
sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher
Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser? Mit der
einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen,
wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, läßt
ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns über das Schicksal des
Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne
Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt
also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller
Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den
Text setzen.[1]
Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem
welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist
er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er
sich den tödlichen Stoß beigebracht, so lassen wir den Vorhang
niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack
dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mehrern
Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich
ein Trauerspiel wie ein Epigramm schließen soll? Immer mit der Spitze des
Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns
gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die
Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es
auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so
unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache
einer Sache, die nicht ist. Wir hätten kalt Blut genug, den Dichter bis
ans Ende zu hören, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir
würden recht gern die letzten Befehle des großmütigen Sultans vernehmen;
recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber
wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiß ich
kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es wäre
begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten.
Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen.
Bei keiner Nation hat die "Zaïre" einen schärfern Kunstrichter gefunden,
als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des
berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel
daran auszusetzen, daß er es für etwas Kleines hielt, eine bessere zu
machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung
der Zaïre das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan
über seine Liebe sieget und die christliche Zaïre mit aller der Pracht in
ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der
alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen?
Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser,
daß er uns kalt läßt; er interessiere uns und mache mit den kleinen
mechanischen Regeln, was er will. Die Duime können wohl tadeln, aber den
Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich
darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf
den Ungrund der Kritik geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in
vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten,
deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das
Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der
Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der
sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er,
"kömmt, Zaïren in die Moschee abzuholen; Zaïre weigert sich, ohne die
geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und
Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl
seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum
dringt er nicht in Zaïren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er
ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter
Duim! wenn sich Zaïre deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die
andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in
die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts
ist ebenso abgeschmackt: Orosman kömmt wieder zu Zaïren; Zaïre geht
abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosman, der gute
Schlucker (dien goeden hals), tröstet sich desfalls in einer Monologe.
Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewißheit mußte doch bis zum
fünften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare
hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärkern.
Die letzterwähnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler,
der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem
bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner
zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemütsbewegung in die andere
übergehen, und diesen Übergang durch das stumme Spiel so natürlich zu
machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern
durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit
fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Großmut,
willig und geneigt, Zaïren zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen
sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein
Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue,
und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich
genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch
da Zaïre auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu
haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der äußerste Unwille.
Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit
zur Erbitterung über. Alles was Rémond de Sainte-Albine in seinem
"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf
eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das
Vorbild des Kunstrichters gewesen sein.
----Fußnote
[1]
Questo mortale orror che per le vene
Tutte mi scorre, omai non è dolore,
Che basti ad appagarti, anima bella.
Feroce cor, cor dispietato, e misero,
Paga la pena del delitto orrendo.
Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete
Tinte del sangue di si cara donna.
Voi--voi--dov'è quel ferro? Un' altra volta
In mezzo al petto--Oimè, dov'è quel ferro?
L'acuta punta--
Tenebre, e notte
Si fanno intorno--
Perchè non posso--
Non posso spargere
Il sangue tutto?
Sì, sì, lo spargo tutto, anima mia,
Dove sei?--più non posso--oh Dio! non posso--
Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio!
[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745.
[3] "Le Comédien", Partie II, chap. X. p. 209.
----Fußnote
Siebzehntes Stück
Den 26. Junius 1767
Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom
Gresset, aufgeführet.
Dieses Stück kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider
den Selbstmord konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen
sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die
Engländer dürften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er
geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht,
zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine
Reue könnte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem
französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für
eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre.
Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu
sein. Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und
finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem
dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu
haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein
französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etikette, welche
der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun
erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist,
als der gesundesten einer, so läßt ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich
es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen glücklicher Eifer usw."
Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse
aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das
erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter
seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich
Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu tun, was der
Dichter hätte tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht
das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm
wenigstens den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten
dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann würde ich mich gegen
Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen.
Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart!
Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von
seinen stärksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das
Gefühl der Fühllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze
Gemütsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit
größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch
die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper gibt, und
seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt. Welcher
fortreißende Ton der Überzeugung!--
Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Aufzuge, nach dem
Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man
errät gleich, daß ein Narr oder eine Närrin darin vorkommen muß, der es
hauptsächlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener
Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die
Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der
Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den
Pflegesohn eines gewissen bürgerlichen Lisanders, aber es findet sich,
daß Lisander sein wahrer Vater ist. Nun wäre weiter an die Heirat nicht
zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfälle zu dem
bürgerlichen Stande herablassen müssen. In der Tat ist er von ebenso
guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche
Ausschweifungen aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen
Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung
gelingt und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der
Hauptton desselben rührender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der
Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre
Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen
Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch
zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irreführen. Und dieser tut
es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen
Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr
zum Vorteile des Stücks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast
allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt.
Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der
Trommel" gespielt.
Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her.
Addison hat nur eine Tragödie und nur eine Komödie gemacht. Die
dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf
weiß sich überall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden
Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung,
wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen.
Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der französischen
Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addisons, und diese
Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden.
Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet!
Destouches, der in England persönlichen Umgang mit Addison gehabt hatte,
zog das Lustspiel desselben über einen noch französischern Leisten. Wir
spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und
natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich
mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche
Übersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und
manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet.
Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete
Philosoph", vom Destouches, wiederholt.
Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend
(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde.
Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch
gefällt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus
dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre
allgemeine Schönheiten sein müssen, und die Fehler vielleicht nur
willkürliche Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen
kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des
Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Übliche aus den Augen gesetzt:
immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stücke
ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl,
so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloß erdichtete Namen
dafür. Regnard hat es gewiß so gut als ein anderer gewußt, daß um Athen
keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des
Demokrits, keinen König hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht
wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden
Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen
Dichters, und nicht die historische Wahrheit.
Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des
Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das
abgeschmackte Geschwätz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt,
weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern
weil es Unsinn in jedes andern Munde sein würde, der Dichter möchte ihn
genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bei der guten
Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist
gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen
soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er
ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein
zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung
mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit
der Mademoiselle Beauval und La Thorillière diese Szenen zuerst spielten,
hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern
fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen, aber da sie durch
die Überlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so kömmt
es niemanden ein, etwas daran zu ändern, und ich will mich wohl hüten, zu
sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden
sollte. Der beste, drolligste und ausgeführteste Charakter ist der
Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller
boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts
weniger als episodisch, sondern zur Auflösung des Knoten ebenso
schicklich als unentbehrlich ist.[1]
----Fußnote
[1] "Histoire du Théâtre Français", T. XIV. p. 164.
----Fußnote
Achtzehntes Stück
Den 30. Junius 1767
Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel
des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgeführt.
Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für die Theater in Paris
gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte
1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele
beläuft sich auf einige dreißig, wovon mehr als zwei Dritteile den
Harlekin haben, weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter
diese gehören auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst,
ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder
hervorgesucht wurden, und desto größern erhielten.
Seine Stücke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und
Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen
der nämliche schimmernde und öfters allzu gesuchte Witz; in allen die
nämliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die
nämliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von
einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner
Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und
doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende
einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben.
Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof.
Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben
alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen,
dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im
Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber
den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stücke,
in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bei ihr
Hänschen, und war ganz weiß, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich,
ein großer Triumph für den guten Geschmack!
Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der
deutschen Übersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot,
Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder
an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht
auch unter seinem? "Er ist ein ausländisches Geschöpf", sagt man. Was tut
das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer wären! "Er trägt
sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt":--so braucht er nicht erst
lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das nämliche Individuum
alle Tage in einem andern Stücke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als
kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht
Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", übermorgen in den
"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen,
vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend
Varietäten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in
Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei
Hauptzüge hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir
ekler, in unsere Vergnügungen wähliger und gegen kahle Vernünfteleien
nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener
sind--sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit
etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene,
besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam?
Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri
eingeflochten werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des
Stücks schicken oder nicht?
Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der
wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gründlichkeit, verteidiget.
Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Möser über das Groteske-Komische
allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren
Stimme habe ich schon. Es wird darin beiläufig von einem gewissen
Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dermaleins der
Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man
denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr
Möser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja
nicht einmal gedacht zu haben erinnern.
Außer dem Harlekin kömmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein
anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige führet. Beide wurden sehr
wohl gespielt; und unser Theater hat überhaupt an den Herren Hensel und
Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser
verlangen kann.
Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die
"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgeführet.
Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern
französischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der
"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die
Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses
Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf
seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Taten seiner Vorfahren
den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und
von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen
nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den
Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern.
Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es
gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren!
Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger
ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit
gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der
mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre?
sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten!--Ich mag mich in
Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von
der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Teil der Achtung und
Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais
gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische
Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit
fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein
genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was
nicht geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies,
von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man
äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten
Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze
getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für andere, die gar keine
Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?)
durch ihre bloße Teilnehmung aufhelfen möge:--und sehe und höre um sich.
"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloß der Wucherer Albinus, "daß unsere
Bürger wichtigere Dinge zu tun haben!"
------Eu!
Rem poteris servare tuam!--
Wichtigere? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freilich
unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Künsten in Verbindung
stehet. Aber,
--haec animos aerugo er cura peculî
Cum semel imbuerit--
Doch ist vergesse mich. Wie gehört das alles zur "Zelmire"?
Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte
oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum
Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward
Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu
Braunschweig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland
und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so glücklich und berühmt,
als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit hätte machen können, wenn er
auch ein Beaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Genie, das
diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei würden sein
gewissestes Los sein!
Das erste Trauerspiel des Du Belloy heißt "Titus"; und "Zelmire" war sein
zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal
gespielt. Aber "Zelmire" fand desto größern; es ward vierzehnmal
hintereinander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran
satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung.
Ein französischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen
die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: "Uns wäre",
sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die
Jahrbücher der Welt sind an berüchtigten Verbrechen ja so reich; und die
Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen
wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem
sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist,
befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde,
ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, daß 'Zaïre', 'Alzire',
'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung wären. Die Namen der
beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist
historisch. Es hat wirklich Kreuzzüge gegeben, in welchen sich Christen
und Türken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und
würgten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die
glücklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europäischen und
amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei und der wahren Religion
äußern müssen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die
Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der
Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophische Gemälde, das
jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden."
----Fußnote
[1] "Journal Encyclopédique", Juillet 1762.
----Fußnote
Neunzehntes Stück
Den 3. Julius 1767
Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es
ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben
suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine
Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn
zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des
forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen
Gesetzgeber aufwerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt
mit einem bescheidenen "Uns wäre lieber gewesen" an und geht zu so
allgemein verbindenden Aussprüchen fort, daß man glauben sollte, dieses
Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter
folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack
nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert.
Nun hat es Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische
Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern habe; nicht weiter, als
sie einer wohleingerichteten Fabel ähnlich ist, mit der er seine
Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil
sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie
schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten könnte. Findet
er diese Schicklichkeit von ohngefähr an einem wahren Falle, so ist ihm
der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbücher erst lange darum
nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was
geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß etwas geschehen kann, nur
daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine
gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zu
halten, von der wir nie etwas gehört haben? Was ist das erste, was
uns eine Historie glaubwürdig macht? Ist es nicht ihre innere
Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit
von gar keinen Zeugnissen und Überlieferungen bestätiget wird, oder von
solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne
Grund angenommen, daß es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das
Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist die Geschichte, aber nicht
das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder
jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem
gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die
Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der
Geschichte; und es heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man
sie zu einem bloßen Panegyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den
Nationa1stolz zu nähren mißbraucht.
Die zweite Erinnerung des nämlichen französischen Kunstrichters gegen die
"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als
ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufälle sei, die in den engen Raum
von vierundzwanzig Stunden zusammengepreßt, aller Illusion unfähig
würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über die andere! ein
Theaterstreich über den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man
nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drängen, können
schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles überrascht, wird
uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. "Warum muß sich z.E.
der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine
Verbrechen zu offenbaren? Fällt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die
Gemütsänderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den
Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines
Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu
empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt.
Welch geringfügige Ursachen gibt hiernächst der Dichter nicht manchmal
den wichtigsten Dingen! So muß Polydor, wenn er aus der Schlacht kömmt
und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Rücken
zukehren, und der Dichter muß uns sorgfältig diesen kleinen Umstand
einschärfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das
Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die
folgende Szene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen
Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen
Eindruck machende Szene fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit
natürlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal
flüchtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen
Wink gegeben hätte? Freilich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die
ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er
seinen Rücken dahin oder dorthin kehret, gründen müssen. Mit dem Billett
des Azor hat es die nämliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten
Akte gleich mit, so wie er es hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann
entlarvet, und das Stück hatte ein Ende."
Die Übersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht
lieber eine körnichte, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte,
geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Übersetzungen werden
kaum ein halbes Dutzend sein, die erträglich sind. Und daß man mich ja
nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich
aufhören, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen
dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der größte
Versifikateur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch
weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen
Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich,
daß öfters, was dort nur Lückenbüßerei oder Tautologie war, hier zu
förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabei meistens so
niedrig und die Konstruktion so verworfen, daß der Schauspieler allen
seinen Adel nötig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand
brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu
erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden!
Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß
zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso wäßrig korrekte, ebenso
grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen
poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird
unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der
Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen
Übersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch
der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen kadensierten
Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der
Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter
erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton
der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wünschte
ich unserm prosaischen Übersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich
der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, daß das Silbenmaß
überhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am
wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier kömmt es bloß darauf an,
unter zwei Übeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand und Nachdruck
der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte
war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der
das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstärkung
des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es
etwas mehr, und wir können der griechischen ungleich näher kommen, die
durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin
ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben
nichts als den Wert der überstandenen Schwierigkeit für sich; und
freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert.
Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit
aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Bösewichte von großem
Verstande so natürlich zu sein scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird
ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Ränken unerschöpflich;
er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner
Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur
noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von
seiten des Schauspielers das getreueste Gedächtnis, die fertigste Stimme,
die freieste, nachlässigste Aktion unumgänglich nötig. Hr. Borchers hat
überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurteil
für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen ebenso gern übet, als in
jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner
unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die
nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich
in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu
lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Beruf zum
Theater ist.
Zwanzigstes Stück
Den 7. Julius 1767
Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie"
aufgeführet.
Dieses vortreffliche Stück der Graffigny mußte der Gottschedin zum
Übersetzen in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von
sich selbst ablegt, "daß sie die Ehre, welche man durch Übersetzung oder
auch Verfertigung theatralischer Stücke erwerben könne, allezeit nur für
sehr mittelmäßig gehalten habe", läßt sich leicht vermuten, daß sie,
diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige Mühe
werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, daß sie einige lustige Stücke des Destouches eben nicht verdorben
hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine
Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen;
aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre
eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese
verkennt und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle
die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will,
die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem
Méricourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines
Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Méricourt geht;
er verweigert sich dem großmütigen Anerbieten und will sich ihm aus
Uneigennützigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er.
"Warum wollen Sie sich Ihres Vermögens berauben? Genießen Sie Ihrer Güter
selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai,
je vous rendrai tous heureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen
Alten antworten. "Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich
machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlässige
Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte
spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere
glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloß
eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das
andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß
auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das
nämliche zweimal spräche, als ob beide Sätze wahre tautologische Sätze,
vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O
des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst
fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die
Gottschedin jene acht Worte übersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner
Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich
gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber
der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses
Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses
Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle
Bedenklichkeiten der Überlegung geben und eine warme Empfindung in eine
frostige Schlußrede verwandeln.
Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefähr auf diesen
Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren
gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in
die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt
in vielen Stellen der häßliche Ton des Zeremoniells; verabredete
Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der gerührten Natur
auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie:
"Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau
Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das
ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem
Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem
"Gnädiger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon
père! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein respektuöses Kind!
Wenn ich Dorsainville wäre, ich hätte es ebenso gern gar nicht wieder
gefunden, als mit dieser Anrede.
Madame Löwen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Würde
und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres
verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem
Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen.
Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde.
Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus
ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr
Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber
es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswürdiger Fehler. Die
Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der
mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich möchte nicht alles machen,
was ich vortrefflich machen könnte.
Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung
von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in
so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum
Schlusse des Stücks vom Méricourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, daß
er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag
ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen
Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf
einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des
Méricourt? Ein gefährliches, ein böses Land!
Tot linguae, quot membra viro!
Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des
Herrn Weiße aufgeführet.
"Amalia" wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters
gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgeführtere Charaktere
und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine übrige komische
Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame
Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit
aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr
unwahrscheinlich finden würden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt
zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen
Stücke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafür kann es aber auch nicht
fehlen, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen
veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzten Akts, in
welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn kroquierte Pinselstriche zu
lindern und mit dem übrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl
raten möchte. Ich weiß nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich
mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich
will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit
bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu
brüskieren. Ich will die Vermutung ungeäußert lassen, daß es vielleicht
gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu
treiben; daß ein wahrer Manley die Sache wohl hätte feiner anfangen
können; daß man über einen schnellen Strom nicht in gerader Linie
schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß--Wie gesagt, ich will diese
Vermutungen ungeäußert lassen; denn es könnte leicht bei einem solchen
Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nämlich die Gegenstände
sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau,
bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand
halten werde. Ich will bloß bekennen, daß ich für mein Teil nicht Herz
genug gehabt hätte, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich würde mich,
vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefürchtet
haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch
einer mehr als Crébillonschen Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich
zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich
nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da
sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manley, oder Amalia, wußte
ja, daß Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden
sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm
gänzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es
nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften
Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit
sei? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich,
aber doch unsträflicher geworden sein; er würde, ohne sie in ihren
eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe
wäre ungleich verführerischer und das Bestehen in derselben ungleich
entscheidender für ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man würde zugleich
einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben;
anstatt daß man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun
können, wenn sie unglücklicherweise in ihrer Verführung glücklich
gewesen wäre.
Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der
Finanzpachter". Es besteht ungefähr aus ein Dutzend Szenen von der
äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer sein, in einen so engen Bezirk
mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die
Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein
Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als er.
Den fünfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire"
des Du Belloy wiederholt.
Einundzwanzigstes Stück
Den 10. Julius 1767
Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die
Mütterschule" des Nivelle de la Chaussée aufgeführet.
Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parteiische Zärtlichkeit
gegen einen nichtswürdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kränkung
erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bei ihm ist
es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes,
gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle
Welt und Erfahrung läßt: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten
kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner
Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in
den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem
Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. In jener Schule gibt es eine
Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu
lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es müßte für
Kenner ein Vergnügen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander
besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit;
das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem.
Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine"
des Herrn von Voltaire gespielt.
Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre
1749 zuerst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man
dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken
soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte
verrät, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung
dabei, und die Alten haben ihren Komödien selten andere, als
nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den
Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter
gehöret des Plautus "Miles gloriosus". Wie kömmt es, daß man noch nicht
angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann.
Plautus nannte sein Stück bloß Gloriosus; so wie er ein anderes
"Truculentus" überschrieb. Miles muß der Zusatz eines Grammatikers sein.
Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber
seine Prahlereien beziehen sich nicht bloß auf seinen Stand und seine
kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso großsprecherisch;
er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und
liebenswürdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen;
aber sobald man Miles hinzufügt, wird das gloriosus nur auf das erstere
eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte,
eine Stelle des Cicero[1] verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst
mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt:
ALAZON Graece huic nomen est Comoediae
Id nos latine GLORIOSUM dicimus--
und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben
das Stück des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines großsprecherischen
Soldaten kam in mehrern Stücken vor. Cicero kann ebensowohl auf den
Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beiläufig. Ich erinnere
mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt schon einmal
geäußert zu haben. Es könnte sein, daß die Sache so unbedeutend nicht
wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie
gemacht; und bloß des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine
gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für
Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken
sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück
genannt hätten. Der ist längst dagewesen! ruft man. Der auch schon!
Dieser würde vom Molière, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet?
Das kömmt aus den schönen Titeln. Was für ein Eigentumsrecht erhält ein
Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon
hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich
ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich
darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache
z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem
Molièreschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie
heißen. Genug, daß Molière den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat
unrecht, daß er funfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die
unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüts nicht auch unendliche
Benennungen hat.
Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr:
"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stück nicht
zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die
Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die
Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet
der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In
der nämlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte "Das
besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch
beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, daß zu
einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes
erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die
Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den
Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar
Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück
gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussée sind auch
ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein,
etwas weit Besseres zu machen.
"Nanine" gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr
viel lächerliche Szenen, und nur insofern, als die lächerlichen Szenen
mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet
wissen. Eine ganz ernsthafte Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht
einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer.
Hingegen findet er den Übergang von dem Rührenden zum Lächerlichen und
von dem Lächerlichen zum Rührenden sehr natürlich. Das menschliche Leben
ist nichts als eine beständige Kette solcher Übergänge, und die Komödie
soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewöhnlicher",
sagt er, "als daß in dem nämlichen Hause der zornige Vater poltert, die
verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält und jeder
Anverwandte bei der nämlichen Szene etwas anders empfindet? Man
verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan äußerst
bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben
Viertelstunde über ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr
ehrwürdige Matrone saß bei einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank
lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in
Tränen zerfließen, sie rang die Hände und rief: 'O Gott, laß mir, laß mir
dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen!'
Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern geheiratet hatte,
näher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Ärmel und fragte: 'Madame, auch
die Schwiegersöhne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese
Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame,
daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und
lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast
erstickt."
"Homer", sagt er an einem andern Orte, "läßt sogar die Götter, indem sie
das Schicksal der Welt entscheiden, über den possierlichen Anstand des
Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem
Andromacha die heißesten Tränen vergießt. Es trifft sich wohl, daß mitten
unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer
Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine
ungefähre Posse, trotz aller Beängstigung, trotz alles Mitleids das
unbändigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem
Regimente, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat
darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein
Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmöglich
dienen!' Diese Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und
metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komödie das Lachen auf rührende
Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht
Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung
streiten zu wollen."
Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die
Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komödie für eine ebenso
fehlerhafte als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als
er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein
"Hausvater" vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen,
wenn wir es für möglich erkennen sollen.
----Fußnote
[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33.
----Fußnote
Zweiundzwanzigstes Stück
Den 14. Julius 1767
Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat
Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert
beschlossen.
Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert
derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind
wahre Familiengemälde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder
Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Mühmchen aus seiner
eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, daß es
an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und daß nur die Augen ein
wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere
Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über
viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere
Virtuosen an eine allzu flache Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich,
aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand
nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die
Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns
bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Außenlinien uns gleich
an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten
herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig
und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von
dem Seinigen geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der
schmutzigen Nachlässigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb
ihren vier Pfählen herumträumen. Sie müssen nichts von der engen Sphäre
kümmerlicher Umstände verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten
will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das
Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz
geben, damit glänzen zu wollen.
"Ich weiß gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das für
ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr
Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine
geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstände machen!
Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar
großes Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und
ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und
er muß ja wohl."
"Ganz gewiß!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern.
Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Andrienne! Welche
Schneidersfrau trägt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, daß
die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie
nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen
vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafür sagen!
Mich in einer Andrienne zu denken; das allein könnte mich krank machen.
Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es
auch die neueste Tracht sein. Wie können wir es sonst wahrscheinlich
finden, daß sie darüber krank geworden?"
"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr
unanständig, daß die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib
gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie
soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die
Einheit der Zeit! Das Kleid mußte fertig sein; die Stephan sollte es noch
anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid
fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele
vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier
ward meine Kunstrichterin unterbrochen.
Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der
"Melanide" des de la Chaussée "Der Mann nach der Uhr, oder der
ordentliche Mann" gespielet.
Der Verfasser dieses Stücks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an
drolligen Einfällen; nur schade, daß ein jeder, sobald er den Titel hört,
alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder
vielmehr provinzial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden,
in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten
schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des
Winkels, in dem er geboren worden, für die eigentlichen Sitten des
gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu
erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort grünen Kohl ißt?
Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß
jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der
Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das nämliche; außer daß
das erste ohngefähr die Karikatur von dem andern ist.
Den dreißigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von
Essex", vom Thomas Corneille, auf geführt. Dieses Trauerspiel ist fast
das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des
jüngern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird
auf den deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den
französischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher
bereits Calprenède die nämliche Geschichte bearbeitet hatte.
"Es ist gewiß", schreibt Corneille, "daß der Graf von Essex bei der
Königin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr
stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr
auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verständnisses mit dem Grafen
von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwählet hatten.
Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando
der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf,
ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um
Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die
Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich
sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des
Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königin dem Grafen zum
Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines
Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich
dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dieser Ring eine Erfindung
des Calprenède ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das
geringste davon gelesen."
Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu
nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, daß er ihn für
eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist
neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bedächtlichsten,
skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre
Werke aufgenommen.
Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut
redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die
gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste
war diese, daß dieses Übel aus einer betrübten Reue wegen des Grafen von
Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz außerordentliche Achtung für
das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine
Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne
Tränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung
mit neuer Zärtlichkeit belebte und ihre Betrübnis noch mehr vergällte.
Die Gräfin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wünschte die
Königin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung
sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königin in ihr Zimmer kam,
sagte ihr die Gräfin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen
worden, gewünscht, die Königin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die
Art, die Ihro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr
nämlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit
der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bei einem
etwanigen Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen
Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person,
durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sei
er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände geraten. Sie habe
ihrem Gemahl die Sache erzählt (er war einer von den unversöhnlichsten
Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Königin
zu geben noch dem Grafen zurückzusenden. Wie die Gräfin der Königin ihr
Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth,
die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene
Ungerechtigkeit einsahe, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen
Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es
nimmermehr!' Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem
Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise
noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein
Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein
Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen,
auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst
der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab."
Dreiundzwanzigstes Stück
Den 17. Julius 1767
Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise
kritisiert. Ich möchte nicht gegen ihn behaupten, daß "Essex" ein
vorzüglich gutes Stück sei; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele
von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden,
teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den
richtigsten und würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen.
Es gehört mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein
sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem
"Essex" auf dieses sein Streitroß und tummelte es gewaltig herum. Schade
nur, daß alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert
sind, den er erregt.
Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt;
und zum Glücke für den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender.
"Itzt", sagt er, "kennen wir die Königin Elisabeth und den Grafen Essex
besser; itzt würden einem Dichter dergleichen grobe Verstoßungen wider
die historische Wahrheit schärfer aufgemutzet werden".
Und welches sind denn diese Verstoßungen? Voltaire hat ausgerechnet, daß
die Königin damals, als sie dem Grafen den Prozeß machen ließ,
achtundsechzig Jahr alt war. "Es wäre also lächerlich", sagt er, "wenn
man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Anteil an dieser
Begebenheit könne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Lächerliches
in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so
lächerlich? "Nachdem das Urteil über den Essex abgegeben war", sagt Hume,
"fand sich die Königin in der äußersten Unruhe und in der grausamsten
Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre
eigene Sicherheit und Bekümmernis um das Leben ihres Lieblings stritten
unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande
mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte
den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie
fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf
erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des
Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er
selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders
keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicherweise tat diese Äußerung
von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königin, die der Graf sonach
lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als
sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer
alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen
genähret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete,
war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten.
Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus
Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen
Lauf."
Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre
geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der es so sehr
schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl
aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muß in diesem
Stücke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten
sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestät,
mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der lächerlichsten Galanterie.
Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen
Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die
Königin eine Venus, eine Diane, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl
war diese Göttin damals schon sechzig Jahr alt. Fünf Jahr darauf führte
Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die nämliche Sprache mit
ihr. Kurz, Corneille ist hinlänglich berechtiget gewesen, ihr alle die
verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zärtliche Weib mit der
stolzen Königin in einen so interessanten Streit bringet.
Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfälschet.
"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille
macht: er hat nie etwas Merkwürdiges getan." Aber wenn er es nicht war,
so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die
Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil läßt,
hielt er so sehr für sein Werk, daß er es durchaus nicht leiden wollte,
wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, es mit
dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er
kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten
zu beweisen, daß sie ihm allein zugehöre.
Corneille läßt den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom
Cecil, vom Cobhan, sehr verächtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht
gutheißen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so
gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so
großen Verdiensten, so unwürdig zu mißhandeln. "Aber hier kömmt es ja gar
nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Essex hielt;
und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und
gar keine einzuräumen.
Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen
gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freilich etwas
sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte
darum doch nicht ausrufen müssen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was für
Recht? unter was für Vorwande? wie wäre das möglich gewesen?" Denn
Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus
dem königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm
gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen,
die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige
Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste
sein, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken
nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger,
als was ihn Corneille voraussetzen läßt.
Indem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische
Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Über eine hat
sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn nämlich Voltaire die erstern
Lieblinge der Königin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert
Dudley und den Grafen von Leicester. Er wußte nicht, daß beide nur eine
Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den
Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen könnte.
Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der
Ohrfeige verfällt, die die Königin dem Essex gab. Es ist falsch, daß er
sie nach seiner unglücklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie
lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals den Zorn
der Königin durch die geringste Erniedrigung zu besänftigen gesucht, daß
er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art mündlich und schriftlich
seine Empfindlichkeit darüber ausließ. Er tat zu seiner Begnadigung auch
nicht wieder den ersten Schritt; die Königin mußte ihn tun.
Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von
Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des
Corneille hätte angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur
dieser gegen ihn annehmen.
Die ganze Tragödie des Corneille sei ein Roman: wenn er rührend ist, wird
er dadurch weniger rührend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat?
Weswegen wählt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere
aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche
ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu
zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede
nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden
sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der
gewöhnlichen Praxi der Dichter übereinstimmender auszudrücken: sind es
die bloßen Fakta, die Umstände der Zeit und des Ortes, oder sind es die
Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum
der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit wählet? Wenn es die
Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der
Dichter von der historischen Wahrheit abgehen könne? In allem, was die
Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm
heilig; diese zu verstärken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist
alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste
wesentliche Veränderung würde die Ursache aufheben, warum sie diese und
nicht andere Namen führen; und nichts ist anstößiger, als wovon wir uns
keine Ursache geben können.
----Fußnote
[1] "Le Château d'Otrante", Préf. p. XIV.
----Fußnote
Vierundzwanzigstes Stück
Den 21. Julius 1767
Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von
dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Königin dieses Namens
beilegt; wenn wir in ihr die Unentschlüssigkeit, die Widersprüche, die
Beängstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und
zärtliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei
diesen und jenen Umständen wirklich verfallen ist, sondern auch nur
verfallen zu können vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert
finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun
obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn
vor den Richterstuhl der Geschichte führen, um ihn da jedes Datum, jede
beiläufige Erwähnung, auch wohl solcher Personen, über welche die
Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heißt
ihn und seinen Beruf verkennen, heißt von dem, dem man diese Verkennung
nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren.
Zwar bei dem Herrn von Voltaire könnte es leicht weder Verkennung noch
Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und
ohnstreitig ein weit größerer, als der jüngere Corneille. Es wäre denn,
daß man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der
Kunst haben könnte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die
ganze Welt weiß, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften
hier und da ähnlich sieht, ist nichts als Laune; aus bloßer Laune spielt
er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den
Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf.
Sollte er umsonst wissen, daß Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als
sie den Grafen köpfen ließ? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt,
noch eifersüchtig! Die große Nase der Elisabeth dazu genommen, was für
lustige Einfälle muß das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfälle
in dem Kommentare über eine Tragödie; also da, wo sie nicht hingehören.
Der Dichter hätte recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr
Notenmacher, diese Schwänke gehören in Eure allgemeine Geschichte, nicht
unter meinen Text. Denn es ist falsch, daß meine Elisabeth achtundsechzig
Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke,
das Euch hinderte, sie nicht ungefähr mit dem Essex von gleichem Alter
anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie?
Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr
den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt
Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, daß die Erinnerung
bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen
hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine
wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja
meine Elisabeth; und seine eigene Augen überzeugen ihn, daß es nicht Eure
achtundsechzigjährige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras
mehr glauben, als seinen eignen Augen?"--
So ungefähr könnte sich auch der Dichter über die Rolle des Essex erklären.
"Euer Essex im Rapin de Thoyras", könnte er sagen, "ist nur der Embryo
von dem meinigen. Was sich jener zu sein dünkte, ist meiner wirklich. Was
jener, unter glücklichem Umständen, für die Königin vielleicht getan
hätte, hat meiner getan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königin selbst
zugesteht; wollt Ihr meiner Königin nicht ebensoviel glauben, als dem
Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und großer, aber stolzer
und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so groß, noch so
unbiegsam: desto schlimmer für ihn. Genug für mich, daß er doch immer
noch groß und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe
seinen Namen zu lassen."
Kurz: die Tragödie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist
für die Tragödie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir
gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der
Geschichte mehrere Umstände zur Ausschmückung und Individualisierung
seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus
ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache!
Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr
bereit, das übrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben.
"Essex" ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl in Ansehung der Intrige als
des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu
machen; ihn mehr aus Verzweiflung, daß er der ihrige nicht sein kann, als
aus edelmütigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten
herabzulassen, auf das Schafott zu führen: das war der unglücklichste
Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl
haben mußte. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Übersetzung
ist er oft kriechend geworden. Aber überhaupt ist das Stück nicht ohne
Interesse und hat hier und da glückliche Verse, die aber im Französischen
glücklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von
Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des
Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und
mit einem großen blauen Bande über die Schulter darin erscheinen können.
Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das
macht Eindruck. Übrigens ist die Zahl der guten Tragödien bei allen
Nationen in der Welt so klein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind,
noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur
aufgestutzet werden."
Er bestätiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne
Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich
vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnügen erinnern
dürfte. Ich teile die vorzüglichsten also hier mit; in der festen
Überzeugung, daß die Kritik dem Genusse nicht schadet und daß diejenigen,
welche ein Stück am schärfesten zu beurteilen gelernt haben, immer
diejenigen sind, welche das Theater am fleißigsten besuchen.
"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige
Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muß man die Farben
in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat.
Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernünftige, tugendhafte
Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der
Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser
Charakter würde sehr schön sein, wenn er mehr Leben hätte, und wenn er
zur Verwickelung etwas beitrüge; aber hier vertritt sie bloß die Stelle
eines Freundes. Das ist für das Theater nicht hinlänglich.
Mich dünket, daß alles, was die Personen in dieser Tragödie sagen und
tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die
Handlung muß deutlich, der Knoten verständlich und jede Gesinnung plan
und natürlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was
will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen?
Ist er schuldig, oder ist er fälschlich angeklagt? Wenn ihn die Königin
für unschuldig hält, so muß sie sich seiner annehmen. Ist er aber
schuldig: so ist es sehr unvernünftig, die Vertraute sagen zu lassen,
daß er nimmermehr um Gnade bitten werde, daß er viel zu stolz dazu sei.
Dieser Stolz schickt sich sehr wohl für einen tugendhaften unschuldigen
Helden, aber für keinen Mann, der des Hochverrats überwiesen ist. Er
soll sich unterwerfen: sagt die Königin. Ist das wohl die eigentliche
Gesinnung, die sie haben muß, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun
unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth
darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als
mich selbst: sagt die Königin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen
gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen
Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten
nicht, daß ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und
unterdrücken, wie es durch das ganze Stück, obwohl ganz ohne
Grund, heißt.
Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug
werden, ob er ihn für schuldig oder für unschuldig hält. Er stellt der
Königin vor, daß der Anschein öfters betriege, daß man alles von der
Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe.
Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Königin. Was hatte er
dieses nötig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was
soll der Zuschauer glauben? Der weiß ebensowenig, woran er mit der
Verschwörung des Grafen, als woran er mit der Zärtlichkeit der Königin
gegen ihn ist.
Salisbury sagt der Königin, daß man die Unterschrift des Grafen
nachgemacht habe. Aber die Königin läßt sich im geringsten nicht
einfallen, einen so wichtigen Umstand näher zu untersuchen. Gleichwohl
war sie als Königin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht
einmal auf diese Eröffnung, die sie doch begierig hätte ergreifen müssen.
Sie erwidert bloß mit andern Worten, daß der Graf allzu stolz sei, und
daß sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten."
Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht
war?"
Fünfundzwanzigstes Stück
Den 24. Julius 1767
"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben,
als die Königin davon überzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er
kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht.
Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemäß? Soll er aus Liebe
zur Irton so widersinnig handeln: so hätte ihn der Dichter durch das
ganze Stück von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen müssen. Die
Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser
Heftigkeit sehen wir ihn nicht.
Der Stolz der Königin streitet unaufhörlich mit dem Stolze des Essex; ein
solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie
handeln läßt, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen,
bloßer Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um
Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muß vergessen, daß
Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie
verlangt, daß der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches
er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muß es vergessen,
und er vergißt es wirklich, um sich bloß mit den Gesinnungen des Stolzes
zu beschäftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist.
Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie
sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher
dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die für sich
selbst rührend ist.--Ein großer Mann, den man auf das Schafott führet,
wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch
ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefähr eben den Eindruck, den die
Wirklichkeit selbst machen würde."
So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch
diese allein können die schwächsten, verwirrtesten Stücke eine Art von
Glück machen; und ich weiß nicht, wie es kömmt, daß es immer solche
Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen.
Selten wird ein Meisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es
geschrieben ist; das Mittelmäßige fährt mit ihnen immer besser.
Vielleicht, weil sie in dem Mittelmäßigen mehr von dem ihrigen hinzutun
können; vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt,
auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmäßigen
alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt
daß in einem vollkommenem Stücke öfters eine jede Person ein Hauptakteur
sein müßte, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt,
zugleich auch die übrigen verderben hilft.