Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach
Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht.
Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam
einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück oder ihre
Pflichten bloß darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um
durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu genießen,
diese desto williger und mutiger zu beobachten.
Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral
(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam
von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der
Vernunft, stürmischen Ausbrüchen den Schein vorbedächtlicher
Entschließungen geben zu wollen scheinen.
Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen
gemäßigten und feierlichen. Denn dort muß das Raisonnement in Affekt
entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskühlen.
Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen
Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stürmisch heraus, als
das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als
das übrige. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder
in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und daß wir sie in
jenen ebenso unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie
überlegten nie, daß die Stickerei von dem Grunde abstechen muß, und Gold
auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist.
Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn
sie deren dabei machen sollen, noch was für welche. Sie machen
gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende.
Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln
scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie
umgibt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des
Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die
Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand
der Ruhe, um die innere Ruhe auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft
nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß
fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrechten
Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer
feierlichen Stille, als ob er sich nicht stören wollte, sich selbst zu
hören. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die
Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu
befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmählich
das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben,
während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch
in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urplötzlich
in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen
ausdrückenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande
des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte,
mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen
sein will.
Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein;
nur mit dem Unterschiede, daß der Teil der Aktion, welcher dort der
feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der
feurige sein muß. Nämlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte
Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften
Empfindungen einen höhern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird
sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen,
dazu beitragen lassen; die Hände werden in voller Bewegung sein; nur der
Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge
wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern
herausarbeiten möchte.
Viertes Stück
Den 12. Mai 1767
Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in
ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet?
Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln,
welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgeschrieben hatten, wissen
wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händesprache zu
einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner
darin zu leisten imstande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreifen
lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein
unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermögen,
Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte
Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, daß sie nicht
bloß eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes
fähig werden.
Ich bescheide mich gern, daß man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit
dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bei
weitem so geschwätzig nicht, als die Hände des Pantomimens. Bei diesem
vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den
Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natürliche
Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben
verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände
nicht bloß natürliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle
Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler gänzlich enthalten.
Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber
ebensowenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts
damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den
gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch
ein so großer Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich
das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald
mit der linken Hand die Hälfte einer krieplichten Achte, abwärts vom
Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich
wegrudern, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen
Tanzmeistergrazie zu tun geübt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern
zu können.
Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand
in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit
allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres
Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es
ihnen nur zur Übung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um
den Armen die Biegungen des Reizes geläufig zu machen; nicht aber in der
Meinung, daß das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung
solcher schönen Linien, immer nach der nämlichen Direktion, bestehe.
Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen
Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse;
und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und
endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Sprüchelchen aufsagen, wenn
der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher
man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam
vom Rocken spinnet.
Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muß
bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man
nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal
Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von
malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren
Gebrauch, in Beispielen zu erläutern. Itzt würde mich dieses zu weit
führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine
Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat,
und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind
dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist
ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umständen der handelnden Personen
gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd,
er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem
weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhörer nicht bemerkt
oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung
sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das
Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein
können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen.
Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie
mir es itzt beifällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit
einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt,
Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den
Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein
alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrüglichkeit unsrer
Hoffnungen zu Gemüte führen.
"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!"
Sein Sohn ist ein feuriger Jüngling, und in der Jugend ist man vorzüglich
geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen.
"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft."
Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler
nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Jüngling nicht ganz
niederschlagen und fähret fort:
"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft."
Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als
schönen Bewegung des Armes begleiten, würde weit schlimmer sein, als sie
ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die,
welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt.
Die Zeile,
"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft"
muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterlichen Warnung, an und gegen den
Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne
leichtgläubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung
veranlaßt. Die Zeile hingegen,
"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft"
erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene
Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich notwendig
gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evander diesen Satz aus
eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sei, von dem er gelte.
Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der
moralischen Stellen wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin findet,
hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe
nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie
angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloß
gelingt, sondern der es macht!
Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig
eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals
gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein
falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den
verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit
einer Präzision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste
Erklärung, den vol1ständigsten Kommentar erhält. Sie verbindet damit
nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr glücklichen
Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube
die Liebeserklärung, welche sie dem Olint tut, noch zu hören:
"--Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen;
Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen.
Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir--
Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir;
Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute,
War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite.
Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin,
Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin.
Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen,
Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen,
Verbrechern gleichgestellt, unglücklich und ein Christ,
Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist:
Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!"
Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst
beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher
Überströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit
ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie
überraschend brach sie auf einmal ab und veränderte auf einmal Stimme und
Blick und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die
dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde
geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen
Tone der Verwirrung, kam endlich
"Ich liebe dich, Olint,--"
heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe
sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß
sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein
zärtliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewöhnt sonst
in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die
Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere
Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimütigkeit wieder da. Sie
fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze
des Affekts fort:
"--Und stolz auf meine Liebe,
Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann,
Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an."
Denn die Liebe äußert sich nun als großmütige Freundschaft: und die
Freundschaft spricht ebenso dreist, als schüchtern die Liebe.
Fünftes Stück
Den 15. Mai 1767
Es ist unstreitig, daß die Schauspielerin durch diese meisterhafte
Absetzung der Worte
"Ich liebe dich, Olint,--"
der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in
dem nämlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste
Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen
Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den
Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den
Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen
sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer sein, als so
ein Vorwurf? Freilich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses
Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern
übel aussehen.
Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes,
widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch
der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die
schöne Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte
Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer
aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von
Weibe, als mit himmelbrütenden Schwärmern sympathisieren. Nur gegen das
Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns ebenso
gleichgültig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt
sie von einem Äußersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt,
so fügt sie hinzu:
"Wirst du mein Herz verschmähn? Du schweigst?--Entschließe dich; Und wenn
du zweifeln kannst--so zittre!--
So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der
Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll
vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen?
--O wenn es der Schauspielerin eingefallen wäre, für diese ungezogene
weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte
zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget
zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint
verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das
ist so unartig als lächerlich.
Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den
Schranken des Woh1standes und der Mäßigung zu erhalten? Er fährt fort,
Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu
lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr statt.
Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun könnte,
wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so
ganz hinreißen ließe, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die
äußerste Wut nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit
den gewaltsamsten Gebärden ausdrückte.
Wenn Shakespeare nicht ein ebenso großer Schauspieler in der Ausübung
gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch
wenigstens ebenso gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der
Kunst des andern gehöret. Ja vielleicht hatte er über die Kunst des
erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu
hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die
Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle
Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beifalle gelegen ist. "Ich
bitte euch", läßt er ihn unter andern zu den Komödianten sagen, "sprecht
die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muß nur eben darüber
hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von
unsern Schauspielern tun: seht, so wäre mir es ebenso lieb gewesen, wenn
der Stadtschreier meine Verse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer
Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles hübsch artig; denn
mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem
Wirbelwinde der Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung
beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt."
Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich
so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche
es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am
unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein könne, als es die
Umstände erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, daß
in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig
Verstand zeige. Überhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem
Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist
es wohl unstreitig, daß der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber
das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle
Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem
Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der
Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu sehen wünschen,
wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem
Verstande anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein,
dessen Mäßigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem
Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß bloß jene Heftigkeit der
Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden,
warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet
hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es
gibt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig
würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten
edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren
beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Äußerung der heftigen
Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein
könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch
noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen und ihm
das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen.
Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Künsten
und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit
ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie
ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten
Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde
eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr
alle das Ausdrückende, welches ihm eigentümlich ist, ohne das
Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den
permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzu lang darin verweilen;
nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten
und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des
Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu
der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar
eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich
machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die
Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfälscht
überliefern soll.
Es könnte leicht sein, daß sich unsere Schauspieler bei der Mäßigung, zu
der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in
Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden dürften.--Aber welches
Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein großer Liebhaber des Lärmenden
und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten
Händen zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von
diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem
Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rafft sich, gegen
das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal
die Stimme und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn
seiner Rede diese höhere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten
widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was
tut das ihm? Genug, daß er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam
auf ihn zu sein, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschen.
Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug,
teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen,
für die Tat.
Ich getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem
Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht sein müssen, Fehler zu
bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste
nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir
ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten
lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die
Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet.
Den Beschluß des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit",
ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französischen des Le Grand.
Es ist eines von den drei kleinen Stücken, welche Le Grand unter
dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die
französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits
einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die lächerlichen Verliebten",
behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der
dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind
sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie es sich mehr
für eine satirische Erzählung, als auf die Bühne schickt. Der Sieg der
Zeit über Schönheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung
eines sechzigjährigen Gecks und einer ebenso alten Närrin, daß die
Zeit nur über ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar
lächerlich; aber diesen Geck und diese Närrin selbst zu sehen, ist
ekelhafter, als lächerlich.
Sechstes Stück
Den 19. Mai 1767
Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem großen
Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem
Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen
Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige
Miene des Scherzes zu geben. Womit könnte ich diese Blätter besser
auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie.
Sie bedürfen keines Kommentars. Ich wünsche nur, daß manches darin nicht
in den Wind gesagt sei!
Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der
Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden
Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte.
Prolog
(Gesprochen von Madame Löwen)
Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel
Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel:
Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen,
Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen;
Wenn bald die süße Trän', indem das Herz erweicht,
In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht,
Bald die bestürmte Seel', in jeder Nerv' erschüttert,
Im Leiden Wollust fühlt und mit Vergnügen zittert!
O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt,
Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners wälzt,
Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket,
Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket,
Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt,
Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert?
Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde,
Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde;
Weiht sie, die Lehrerin der Könige zu sein,
Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein;
Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Tränen zu ergötzen,
Das stumpfeste Gefühl der Menschenliebe wetzen;
Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun
Die Bosheit bändigen und an den Seelen baun;
Wohltätig für den Staat, den Wütenden, den Wilden
Zum Menschen, Bürger, Freund und Patrioten bilden.
Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit
Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit;
Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter,
Und Macht wird oft der Schutz erhabner Bösewichter.
Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat,
Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat!
Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen,
Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen,
Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit
Für eines Solons Geist den Geist der Drückung leiht!
Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen,
Das Schwert der Majestät aus ihren Händen drehen:
Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls
Der Redlichkeit, den Fuß der Freiheit auf den Hals.
Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten,
Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten!
Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann,
Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann,
Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken?
Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken.
Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?--
Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geißel trägt,
Die unerschrockne Kunst, die allen Mißgestalten
Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten;
Die das Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt,
Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind;
Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erblödet,
Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet;
Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeiz nüchtern macht,
Den Heuchler züchtiget und Toren klüger lacht;
Sie, die zum Unterricht die Toten läßt erscheinen,
Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen.
Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier;
In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier.
Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Tränen flossen,
Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen;
Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint
Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint:
Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet und gescheuet
Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet.
Lang hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn:
In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen!
Hier, in dem Schoß der Ruh', im Schutze weiser Gönner,
Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner;
Hier reifet--ja ich wünsch', ich hoff', ich weissag' es!--
Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles,
Der Gräciens Kothurn Germanien erneute:
Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der eure.
O seid desselben wert! Bleibt eurer Güte gleich,
Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch!
Epilog
(Gesprochen von Madame Hensel)
Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ!
So lieblos hasset der, dem Irrtum nützlich ist,
Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache,
Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache.
Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt,
Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt.
So konnt' er sein Gespinst von Lügen mit den Blitzen
Der Majestät, mit Gift, mit Meuchelmord beschützen.
Wo Überzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut:
Die Wahrheit überführt, der Irrtum fodert Blut.
Verfolgen muß man die und mit dem Schwert bekehren,
Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren.
Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach
Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Mörder nach
Und muß mit seinem Schwert den, welchen Träumer hassen,
Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit würgen lassen.
Abscheulichs Meisterstück der Herrschsucht und der List,
Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist!
O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen,
In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen,
Dich, die ihr Blutpanier oft über Leichen trug,
Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch!
Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme
Laut für die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme
Ein schuldlos Opfer ward und für die Wahrheit sank:
Habt Dank für dies Gefühl, für jede Träne Dank!
Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes:
Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes!
Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind,
Zwar schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind.
Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Tränen,
Die sonst kein Vorwurf trifft, als daß sie anders wähnen!
Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu,
Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei;
Der für die Wahrheit glüht und, nie durch Furcht gezügelt,
Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt.
Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert:
O wohl uns! hätten wir, was Cronegk schön gelehrt,
Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben,
Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben!
Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist;
Er war, und--o verzeiht die Trän'!--und starb, ein Christ.
Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten,
Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten.
Versaget, hat euch itzt Sophronia gerührt,
Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt,
Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre,
Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zähre.
Uns aber, edle Freund', ermuntre Gütigkeit;
Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht.
Verzeihung mutiget zu edelerm Erkühnen,
Und feiner Tadel lehrt das höchste Lob verdienen.
Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
In welcher tausend Quins für einen Garrick sind;
Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen,
Und--doch nur euch gebührt zu richten, uns zu schweigen.
Siebentes Stück
Den 22. Mai 1767
Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner höchsten Würde, indem er es
als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es gibt Dinge in dem
sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren
Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich und in sich
selbst zu veränderlich sind, als daß sie wert oder fähig wären, unter der
eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere,
gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren
Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren
Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz
entgehen oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich
will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des
Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf außerordentliche
Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen
und das Herz in Tumult setzen, die Tragödie einzuschränken. Das Genie
lacht über alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch
unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Vorwurf entweder
diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet und die
eigentlichen Gegenstände desselben nur insofern behandelt, als sie sich
entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche
verbreiten.
Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil
der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von
dem Hrn. von Cronegk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff
aus den unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge genommen ist, die Toleranz
predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den
Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese
Kreuzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der
Päpste waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten
Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig
gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die
wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben,
zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das
rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten?
Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat,
das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und
Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein
Anlaß dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr
natürlich und dringend finden sollte.
Übrigens stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bei, welches der
Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich
bereden lassen, daß er mit mir über den poetischen Wert des kritisierten
Stückes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen
gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern
durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen
bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken
lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen.
Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu
verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die
lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit
schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er
entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre
erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den
Verfassern der "Bibliothek der schönen Wissenschaften" gekrönet, aber
wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die
damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die
ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so
bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein
Hinkender.
Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von
der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt:
"Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
In welcher tausend Quins für einen Garrick sind."
Quin, habe ich darwider erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler
gewesen.--Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die
Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson,
gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil für seine
Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil für sich:
man weiß, daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er
besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten gewußt; daß
er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer größten Vollkommenheit
gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das
Mißverständnis liegt bloß darin, daß man annimmt, der Dichter habe diesem
allgemeinen und außerordentlichen Schauspieler einen schlechten, und für
schlecht durchgängig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier
einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht;
einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm
zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich
spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu
Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte
ein guter Schauspieler heißen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der
Proteus in seiner Kunst zu sein, für den das einstimmige Gerücht schon
längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel,
den König im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komödie
waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick
anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick
der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken,
sondern er war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu
erschrecken? Gewiß und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so
würden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der
andere hingegen, der König, schien wohl auch etwas gerührt zu sein, aber
als ein guter Akteur gab er sich doch alle mögliche Mühe, es zu
verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch
einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein
Aufhebens macht!"
Bei den Engländern hat jedes neue Stück seinen Prolog und Epilog, den
entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu
die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu
unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde
liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar
nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei
darin zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm
bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl über ihn als
über die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des
Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die
völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte,
darin erzählen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von
Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die
geschilderten Sitten und über die Kunst, mit der sie geschildert worden;
und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern
sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts
Ungewöhnliches, daß nach dem Blutigsten und Rührendsten die Satire ein so
lautes Gelächter aufschlägt und der Witz so mutwillig wird, daß es
scheinet, es sei die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des
Guten ein Gespötte zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider
diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert
hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bei uns neue Origina1stücke nicht
ganz ohne Einführung und Empfehlung vor das Publikum gebracht würden, so
versteht es sich von selbst, daß bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs
unserm deutschen Ernste angemessener sein müßte. Nach dem Lustspiele
könnte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei
den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt
mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu
welchen er sie verfertiget, zum Teil längst vergessen sind. Hamburg hätte
einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal
zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem
Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde.
----Fußnote
[1] Teil VI, S. 15.
----Fußnote
Achtes Stück
Den 26. Mai 1767
Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt.
Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgeführet.
Dieses Stück des Nivelle de la Chaussée ist bekannt. Es ist von der
rührenden Gattung, der man den spöttischen Beinamen der Weinerlichen
gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Tränen nahe bringt, wobei wir
nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser
Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele
Ströme von Tränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele
verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden.
Denn eben bringen sie es ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir
hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser
verstanden hätte.
"Melanide" ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht es
doch immer mit Vergnügen. Es hat sich selbst auf dem französischen
Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der
Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt,
entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der
zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen
Unbekannten, anstatt des de la Chaussée, um das beneiden, weswegen ich
wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wünschte.
Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine
italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des
Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer
Übersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüder meistenteils noch
weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa übersetzen,
erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas
anders. Allzu pünktliche Treue macht jede Übersetzung steif, weil
unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der
andern sein kann. Aber eine Übersetzung aus Versen macht sie zugleich
wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versifikateur, den nie
das Silbenmaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas
stärker oder schwächer, früher oder später, sagen ließe, als er es, frei
von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Übersetzer dieses
nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug
hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den
eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder
anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals
überliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben,
welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der
Grundsprache für sie machen.
Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer
neunjährigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den
Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und
ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen
verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit
dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von
der Welt das feinste, schnel1ste Gefühl, die sicherste, wärmste
Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wünschen,
doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. In ihrer Deklamation
akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel
intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu
können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere
Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und
gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das
Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder
Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist
durch das ganze Stück einförmig; in dem nämlichen Maße der Geschwindigkeit,
in welchem die ersten Takte gespielet worden, müssen sie alle, bis zu den
letzten, gespielet werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik notwendig,
weil ein Stück nur einerlei ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine
Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich sein würde. Mit
der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von
mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stück annehmen und die
Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen die Glieder, auch
alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären und aus der nämlichen
Anzahl von Silben des nämlichen Zeitmaßes bestünden, dennoch nie mit
einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht
auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dem
ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein
können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern
schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlupft; auf den
beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort,
und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser
Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine
künstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen,
so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden,
sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem
durchdrungenen Herzen und nicht bloß aus einem fertigen Gedächtnisse
fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde
Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des
Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und
Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und
Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen
damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich
unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen
entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die
Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die
Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu
vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente
auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget,
bloß dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben
imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich
urteile bloß so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in
welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in
dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort.
Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches
Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe",
aufgeführet. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt,
daß bereits zwei andere Stücke von ihm den Beifall des dortigen Publikums
erhalten hätten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwärtigen zu
urteilen, müssen sie nicht ganz schlecht sein.
Die Hauptzüge der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der
"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wünschte, daß Herr Heufeld,
ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den
"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert
hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines
Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stücken glücklicher
gewesen sein.
Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr
gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung
fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig
guten so weit voneinander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in
den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzügen nicht zwingen lassen.
Die Geschichte konnte sich auf der Bühne unmöglich so schließen, wie sie
sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber
der Julie mußte hier glücklich werden, und Herr Heufeld läßt ihn
glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerin. Aber hat Herr Heufeld auch
überlegt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist?
Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst
eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist
nichts als eine kleine verliebte Närrin, die manchmal artig genug
schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schöne Stelle im Rousseau
besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwähnet
habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein
schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen und wird zuletzt ein
Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals
erdichtet hat, weit übertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren
Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie
über ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke
nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie
gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf
der Zunge, und Torheit im Herzen hat?
Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft.
Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich
wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten
ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer sein
wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte
Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angeführte Kunstrichter, "den
Philosophen. Den Philosophen! Ich möchte wissen, was der junge Mensch in
der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst?
In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all-
gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt
und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er
abenteuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Tun und
Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Überlegung. Er setzet das
stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen
genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schülerin oder von
seinem Freunde an der Hand geführet zu werden."--Aber wie tief ist der
deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux!
----Fußnote
[1] Teil X, S. 255 u. f.
----Fußnote
Neuntes Stück
Den 29. Mai 1767
In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen
aufgeklärten Verstand zu zeigen und die tätige Rolle des rechtschaffenen
Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komödie ist weiter nichts, als
ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend
macht und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen
nicht durchgängig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze
Wirksamkeit läuft auf ein paar mächtige Torheiten heraus. Das Bürschchen
will sich schlagen und erstechen.
Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Siegmund nicht in
genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch
vorzubeugen, wenn er zu erwägen gibt: "daß ein Mensch seinesgleichen, in
einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle
Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten
könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann
sei, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter,
Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten."
Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den
Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem
Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben
beimißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der
Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch
sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die
Menschen sind, und können es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir
ihnen, bloß auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmöglich für sie
interessieren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die
geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble
Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und
allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deswegen, weil Julie,
ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund für den vortrefflichsten,
vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen
bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller
dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen
Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr,
in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große
Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den
kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das
meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die
größten. Wie traf es sich denn indes, daß vierundzwanzig Stunden Zeit
genug waren, dem Siegmund zu den zwei äußersten Narrheiten Gelegenheit zu
schaffen, die einem Menschen in seinen Umständen nur immer einfallen
können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser
antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so
natürlich herbeigeführet, noch so fein behandelt sein: so würden darum
die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre
üble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stürmischen Scheinweisen
nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln
könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den
allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken.
Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen
andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählet hatte,
wird beim Rousseau nur kaum berührt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine
ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas
wagt. Er läßt den Vater die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die
Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler
hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der
Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der
Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs
könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, daß,
wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut
zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, daß dieses unterlassen worden. Die
Pantomime muß nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in
solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber
das Auge muß es nicht wirklich sehen.
Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie
gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die
Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter
fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns,
denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte
übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen außerordentlichen Hebel
verzeihen; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da
keine Gründe bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung
ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlusse nur
noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche
Überraschung der unerwartetsten Begegnung erschüttert, und in einer Art
von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter,
verführerische Zärtlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau
kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er
sich entschließen, ihr sie abzunötigen, oder, wenn man will, abzustehlen.
Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß
sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe.
Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die
Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: hätte Herr Heufeld
die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloß das
Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewöhnliche
derselben vor dem Vorwurfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen
wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan hätte,
so würden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so
recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein
hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht
eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung tut.
Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausführte, die Aktion, mit der er
einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter
beschwor, wären es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu
begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei
Zergliederung des Planes, merklich wird.
Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des
Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen
Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er
ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der
Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn
ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam
und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten,
die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel
besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf
Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben,
zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine
Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen
gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber
keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden raten, sich dieser
Besondernheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider
Geschlechter gewöhnet, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des reizendern
nicht etwas Leeres empfinden sollten.
Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen
Destouches, das nämliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Bühne
gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Aufzügen daraus gemacht
und sind daher genötiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen
Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt "Die Mitgift" und wird vom
Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von
den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches
führt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im
Jahre 1745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzige
Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beifall, und ist
erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später,
als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht
der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mehrern mit so vieler
Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es
eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder
zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in
Benennung seiner Stücke; und meistenteils nahm er sie von dem aller-
unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den
Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling für seine Mühe bekam.
Zehntes Stück
Den 2. Juni 1767
Das Stück des fünften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das
unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches.
Wenn wir die Annales des französischen Theaters nachschlagen, so finden
wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers gerade den
allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch "Der
verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der
poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in
ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf
dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er
seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er
eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu
entfernen; und wenn er es tut, dünket man sich berechtiget, darüber zu
stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas
Schlechters zu finden, sobald man nicht das nämliche findet. Destouches
hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in
seinem "Verschwender" Muster eines feinern, höhern Komischen gegeben, als
man vom Molière, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war.
Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu
seiner eigentümlichen Sphäre; was bei dem Poeten vielleicht nichts als
zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende
Fähigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen
nicht zu können: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern
ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen,
ehe sie ihr voreiliges Urteil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß
das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molièrischen von einerlei Güte
sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin
zu spüren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den
behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern
mehrenteils von der hölzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und
mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sein
Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als lächerlich. Aber
demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen
Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein
verzärtelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus
Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen
Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten.
Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue
Agnese".
Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber
insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundin eines gewissen Bernard.
"Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst
in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf
fragte das liebe einfältige Mädchen: "Aber Mama, wer ist denn der
Bernard, der die Leute glücklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten,
faßte sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich
mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese." Nicht
lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute
Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnügen; Mama bekömmt Verdacht;
Mama beschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mama von dem
Töchterchen ebenso schöne Seufzer zu hören, als das Töchterchen jüngst
von Mama gehört hatte. Die Mutter ergrimmt, überfällt sie, tobt. "Nun,
was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Mädchen. "Sie haben sich
den h. Bernard gewählt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum
nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Märchen, mit welchen das
weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart
fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein
muß. Er sahe nichts Anstößiges darin, als die Namen der Heiligen, und
diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine
platonische Weise, eine Anhängerin der Lehre des Gabalis; und der h.
Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt
eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann
auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und
Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen
Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen näherzubringen
gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen
ist von der reizendsten, verehrungswürdigsten Unschuld; und durch das
Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Teil dem
deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veränderungen
selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber
Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß
er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten hätte.--Die Rolle der
Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine
vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung
verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles kömmt ihr hier zustatten;
und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles
von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten
zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht
weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf.
Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des
Hrn. von Voltaire aufgeführet.
Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die französische Bühne
gebracht, erhielt großen Beifall und macht in der Geschichte dieser Bühne
gewissermaßen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und
"Alzire", seinen "Brutus" und "Cäsar" geliefert hatte, ward er in der
Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten
Griechen in vielen Stücken weit überträfen. "Von uns Franzosen", sagt er,
"hätten die Griechen eine geschicktere Exposition und die große Kunst,
die Auftritte untereinander so zu verbinden, daß die Szene niemals leer
bleibt und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen
können. Von uns", sagt er, "hätten sie lernen können, wie Nebenbuhler und
Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der
Dichter mit einer Menge erhabner, glänzender Gedanken blenden und in
Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können"--O freilich;
was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar
ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demütig um
Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu dürfen. Er möchte vielleicht
einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzosen auf das Wesentliche des
Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären,
welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es,
dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein
einziges vermißte er bei seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke
derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die
Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewürdiget
hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von
dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das
stehende Volk drängt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders
beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu
dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren
notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß bloß
dieser Übe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem
freiern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel
gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine
"Semiramis". Eine Königin, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um
ihnen ihre Vermählung zu eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft
steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Mörder zu rächen;
diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder
herauszukommen: das alles war in der Tat für die Franzosen etwas ganz
Neues. Es macht so viel Lärmen auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp
und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter
glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und
ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern
so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben,
vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefähr spielen ließ. Bei der
ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich
hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen
erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser
Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frei;
und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so außerordentlichen
Stückes, war, ist nach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber
vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, "Semiramis"
in diesem Stücke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch häufig
bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte
entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu können.
Eilftes Stück
Den 5. Junius 1767
Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele
eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie
mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick
dabei zu verweilen.
"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire,
"daß man an Gespenster nicht mehr glaube und daß die Erscheinung der
Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch
sein könne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum hätte diese
Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt sein, sich nach dem
Altertume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen
außerordentliche Fügungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte
lächerlich sein, sie zu erneuern?"
Diese Ausrufungen, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor
allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In
Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gründe, aus ihr genommen, recht
gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht
tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts
entscheiden sollen; nur als eine Art von Überlieferung des Altertums,
gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des
Altertums gelten. Und sonach hätten wir es auch hier nur mit dem
Altertume zu tun.
Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen
Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn
wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgeführet finden, so wäre
es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozeß zu machen.
Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende
dramatische Dichter die nämliche Befugnis? Gewiß nicht.--Aber wenn er
seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdenn
nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er
erzählt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt
es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen,
nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz
andern und höhern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck,
sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch
die Täuschung rühren. Wenn es also wahr ist, daß wir itzt keine
Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Täuschung notwendig
verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisieren
können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn
er uns demohngeachtet solche unglaubliche Märchen ausstaffieret; alle
Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren.
Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und
Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des
Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust
wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beispiele für sich, wo das
Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten
Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich
zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung
wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das?
Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in
unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon
erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an
Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind
auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm
alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt
vorkommen muß? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine
Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich
fast ebensoviel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist
und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu
denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben
diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen
das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält
sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage
mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit
Grausen davon erzählen.
Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den
dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu
machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am
häufigsten, für die er vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf seine Kunst
an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den
Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu
geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben
glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will.
So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein.
Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie
mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von
Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es
macht ihn und seinen Geist des Ninus--lächerlich.
Shakespeares Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn
es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht,
in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnisvollen Nebenbegriffe,
wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu
denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum
Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der bloße verkleidete
Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich
machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgibt; alle Umstände
vielmehr, unter welchen er erscheinet, stören den Betrug und verraten
das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken
möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur
dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Stände des
Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische
Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß
Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können,
daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und große Gesellschaften gar
nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverlässig das auch; aber er
war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte
uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art
sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich
Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten
unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu sein;
und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion.
Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so
würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden
haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu
lassen. Alle müssen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und
Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der
Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun
richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie
auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser
vielfache Ausdruck des nämlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und
von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf
uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern
es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare
ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der
Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch
gehört. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale
eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüts wir an ihm entdecken,
desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung
in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das
Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der
Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns über, und die Wirkung ist
zu augenscheinlich und zu stark, als daß wir an der außerordentlichen
Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff
verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel.
Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht
mehr Umstände mit ihm, als man ohngefähr mit einem weit entfernt
geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt.
Zwölftes Stück
Den 9. Junius 1767
Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des
englischen und französischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist
nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es
interessiert uns für sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares
Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen
Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid.
Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen
Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire
betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare
als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer
denkt, dürfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der
Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem
Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir
also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte bloß damit
lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu
bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen
Gesetzen mache.
Ich will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter
seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung
irgendeiner großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen,
daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; daß
sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche
einzelne Maxime abzwecken; daß man unrecht tut, den letzten Sittenspruch,
den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so
anzusehen, als ob das Ganze bloß um seinetwillen da wäre.
Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst
hätte, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, daß man nämlich
daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die, außerordentliche
Lastertaten zu strafen, außerordentliche Wege wähle: so würde "Semiramis"
in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück sein. Besonders da diese
Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem
weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser außerordentlichen Wege
nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die
ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken.
Doch ich will mich bei dem Stücke nicht länger verweilen, um noch ein
Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle
Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Bühne ist geräumlich genug, die
Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in
verschiedenen Szenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem
besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als
möglich in einen.
Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete
Philosoph", vom Destouches, gespielet.
Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die französische Bühne und
fand so allgemeinen Beifall, daß es in Jahr und Tag sechsunddreißigmal
aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus
den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Destouches; sondern eine
in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Sie hat
wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte und unnatürliche
Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem
Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig französische
Stücke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser
ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das
schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigte
Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront
unverbesserlich. Ich kann es überhoben sein, von dem Stücke selbst zu
reden. Es ist zu bekannt und gehört unstreitig unter die Meisterstücke
der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen
sehen wird.
Das Stück des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus,
oder Die Schottländerin" des Hrn. von Voltaire.
Es ließe sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein
Verfasser schickte es als eine Übersetzung aus dem Englischen des Hume,
nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern
dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht
hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke"
des Goldoni etwas Ähnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni
das Urbild des Frélon gewesen zu sein. Was aber dort bloß ein bösartiger
Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frélon nannte,
damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den
Journalisten Fréron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden
schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich
versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Neckereien der
französischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen über die
Persönlichkeiten dieses Stücks weg und finden in dem Frélon nichts als
die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht
fremd ist. Wir haben unsere Frélons so gut, wie die Franzosen und
Engländer, nur daß sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere
Literatur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses
Charakters aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat das Stück doch,
noch außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein könnte
es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmütigkeit, und
die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden.
Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm auf den
Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein rühmte.
Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die
"Schottländerin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", übersetzt
und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem
Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen
Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verstoßen; z.E.
darin, daß er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Colman
mietet sie dafür bei einer ehrlichen Frau ein, die möblierte Zimmer hält,
und diese Frau ist weit anständiger die Freundin und Wohltäterin der
jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman
für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist
nicht bloß eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie,
von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer
Schutzgöttin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung
wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frélon stehet,
den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphäre von
Tätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso
eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Französischen der Lord
Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und
er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet.
Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen
durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere
sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige
Stücke weit vor, von welchen man "Die eifersüchtige Ehefrau" auf dem
Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die
sich ihrer erinnern, ungefähr urteilen können. "Der englische Kaufmann"
hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug
darin genähret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar.
Hiernächst hat er ihnen zuviel Ähnlichkeit mit andern Stücken, und den
besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, hätte nicht
den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine
gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw.
Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegründet; indes sind wir
Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und
verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und
ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal
übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit
Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen
sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst
entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre
besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley würden uns, ohne diesen
Ausbau des allzu wollüstigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren
Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem
so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die
geringste Veränderung, bei uns Glück gemacht, welches ich von keiner
einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte.
Auch die Italiener haben eine Übersetzung von der "Schottländerin", die
in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie
folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine
Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte,
Frélon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so
verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu
schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte
diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung
des Frélons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der
poetischen Gerechtigkeit.
Dreizehntes Stück
Den 12. Junius 1767
Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden.
Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler durch
einen epidemischen Zufall außerstand gesetzet, zu agieren; und man mußte
sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte "Die neue
Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante".
Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische
Dorfjunker", vom Destouches, aufgeführt.
Dieses Stück hat im Französischen drei Aufzüge, und in der Übersetzung
fünfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche
Schaubühne" des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen
zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Übersetzerin, war eine viel
zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres
Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch
für große Mühe, aus drei Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem
andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spaziergang im
Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der
Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie
ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was
hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Übersetzung
selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin
die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie
überall ebenso glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals
eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der
Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe
Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen
hören. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, läßt
Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen,
Mademoiselle; ich habe Sie für eine Virtuosin gehalten." "O pfui!"
erwidert Henriette; "wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches
Mädchen; daß Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", fällt ihr Masuren
ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Virtuosin,
sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, daß man das nicht zugleich
sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched
anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte
man, daß sie das tat. Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin
zu sein, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht
böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der
Person einer dummen Agnese, sagt, hätte die Frau Professorin immer, ohne
Maulspitzen, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde
Wort Virtuosin anstößig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern
Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und
verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht.
Den Beschluß dieses Abends machte "Die stumme Schönheit", von Schlegeln.
Schlegel hatte dieses kleine Stück für das neuerrichtete Kopenhagensche
Theater geschrieben, um auf demselben in einer dänischen Übersetzung
aufgeführet zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich
dänischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes
komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall
eine ebenso fließende als zierliche Versifikation, und es war ein Glück
für seine Nachfolger, daß er seine größern Komödien nicht auch in Versen
schrieb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so
würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider
sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komödie sehr
lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben
überstiegen hätte, desto unwiderleglicher würden seine Gründe geschienen
haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel,
wie unsägliche Mühe es koste, nur einen Teil derselben zu übersteigen,
und wie wenig das Vergnügen, welches aus diesen überstiegenen
Schwierigkeiten entstehet, für die Menge kleiner Schönheiten, die man
ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so
ekel, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Molière, nach seinem Tode,
in Verse bringen mußte; und noch itzt hören sie ein prosaisches Lustspiel
als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer
hingegen würde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die
Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger?
Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie
itzt schon wählen und ausmustern wollten?
Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme
Schöne, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin
hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels
stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts
spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei würde also
dieses sein, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken
müßte, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten ließe, die
bloß mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Ihr
Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu sein; sie
können so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren
kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben,
da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht
spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen.
Auch ihre Kleidung muß weder altvätrisch, noch schlumpicht sein; denn
Frau Praatgern sagt ausdrücklich:
"Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Laß doch sehn!
Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant.
Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?"
In dieser Musterung der Fr. Praatgern überhaupt hat der Dichter deutlich
genug bemerkt, wie er das Äußerliche seiner stummen Schöne zu sein wünsche.
Gleichfalls schön, nur nicht reizend.
"Laß sehn, wie trägst du dich?--Den Kopf nicht so zurücke!"
Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn
zurückhalten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Charlotten den
Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer
Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren
gerade die, welche der stummen Schönheit am meisten entsprechen; sie
zeigen die Schönheit in ihrem besten Vorteile, nur daß sie ihr das
Leben nehmen.
"Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke."
Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit großen schönen Augen zu
dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht
regen; ihre Blicke müssen langsam und stier sein; sie müssen uns mit
ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber
nichts sagen.
"Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich!
Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich."
Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische
Neige, einen dummen Knicks machen läßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt
sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau
Praatgern muß sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte
verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das
ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob
ich gleich nicht glaube, daß die Praatgern sonst eine Rolle für sie ist.
Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern
wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer
Tochter ist, durchaus nicht lassen.
Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miß Sara Sampson"
aufgeführet.
Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in
der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut
gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den
meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht
zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind;
wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie
gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der übermäßigen Länge eines
Stücks durch das bloße Weglassen nur übel abgeholfen, und ich begreife
nicht, wie man eine Szene verkürzen kann, ohne die ganze Folge des
Dialogs zu ändern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht
anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe wert dünket
und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf
ewig die Hand von ihnen abziehen.
Madame Henseln starb ungemein anständig; in der malerischsten Stellung;
und besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine
Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder
Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die
glücklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich,
äußerte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes,
ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward
und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden
Lichts; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit
in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf
meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal!
Vierzehntes Stück
Den 16. Junius 1767
Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunstrichter,
welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr
gründlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten
etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben.
Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät
geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen,
deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am
tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden
haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er
sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein
verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand,
und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.
"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man
verkennst die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedürfe, uns zu
bewegen und zu rühren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters,
des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen
überhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte
immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname,
die Geburt des Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige
Freunde und das verführerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen
Wohlstand und seine Ehre darüber zugrunde gerichtet, und nun im
Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er
ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist
er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt
wird, schmachtet in der äußersten Bedürfnis und kann ihren Kindern,
welche Brot verlangen, nichts als Tränen geben. Man zeige mir in der
Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte,
tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche
vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel
ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und
fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes
marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen;
was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu sein? Das Wunderbare,
wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare
genugsam in dem plötzlichen Übergange von der Ehre zur Schande, von der
Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in
dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gestürzet?"
Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und
Marmontels, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das
bürgerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen
werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche
Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit
Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als
schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel über sein
Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet
vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und
Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem
Stücke gemacht hat, welches er "Das Gemälde der Dürftigkeit" nennet, hat
schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen,
hätten wir es für unser Theater adoptieren sollen.
Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist
zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird
lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe
einer gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was
Voltaire bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer
alles ausführen, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige
Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte
man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich
sonst ganz gut."
Den zwölften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom
Regnard, aufgeführet.