Erster Band

Erstes Stück

Den 1. Mai 1767

Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und

Sophronia" glücklich eröffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit

einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der

Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre

keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen ließe,

daß man eine viel bessere hätte treffen können.

"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein

unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings für unsere

Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das was

er, nach dem Urteile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leisten

können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische

Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem

sechsundzwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine

wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen?

Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine rührende

Erzählung in ein rührendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar

kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne

Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese

neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der

Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzählers

in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die

Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers

entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu

lassen, daß dieser sympathisieren muß, er mag wollen oder nicht: das ist

es, was dazu nötig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich

langweilig zu erklären, tut, und was der bloß witzige Kopf nachzumachen,

vergebens sich martert.

Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus

und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die

Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die

Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldenmütiger Diensteifer, der

die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche

der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die

Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe

so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden.

Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine

fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn

verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natürlich, so wahr und

menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch

zu machen, daß nichts darüber!

Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch

Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen

Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das

wundertätige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum

machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn

dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der

Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmöglich geben.

Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verrät sich

in mehrern Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem

mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der gröbste Fehler aber ist, daß er

eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als

jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm "ein

Sitz der falschen Götter", und den Priester selbst läßt er ausrufen:

"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe rüsten, Ihr Götter?

Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!"

Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostüm, vom Scheitel

bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche

Ungereimtheiten sagen!

Beim Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man

eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine

höhere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Täter.

Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber

Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr

verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es

wagen können, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des

Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so

ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmut. Beim Tasso läßt

ihn bloß die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder

mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloß um mit ihr zu sterben; kann er mit

ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer

Seite, an den nämlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nämlichen Feuer

verzehret zu werden, empfindet er bloß das Glück einer so süßen

Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe,

und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und

vertrauter sein möge, daß er Brust gegen Brust drücken und auf ihren

Lippen seinen Geist verhauchen dürfe.

Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz

geistigen Schwärmerin und einem hitzigen, begierigen Jünglinge ist beim

Cronegk völlig verloren. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit;

beide haben nichts als das Märtertum im Kopfe; und nicht genug, daß er,

daß sie für die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena

hätte nicht übel Lust dazu.

Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten,

einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann.

Die eine betrifft das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldenmütige

Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu

verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mehrern

sieht, höret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in

seinem "Kodrus" sehr versündiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum

freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Kodrus allein auszeichnen

sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art

dastehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm

im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht?

sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere

Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So

auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles hält

gemartert werden und sterben für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese

frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung

verlieren.

Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere.

Die Helden desselben sind mehrenteils Märtyrer. Nun leben wir zu einer

Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als

daß jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung

aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten in den Tod stürzet, den Titel

eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen

Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr,

als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische

Träne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die

Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Träne ist keine

von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der

Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die

lautersten und triftigsten Bewegungsgründe gebe! daß er ihn ja in die

unumgängliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich

der Gefahr bloßstellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen,

nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum

Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter

leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein ebenso nichtswürdiger

Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher

den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es

entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher

Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen

konnte; daß es noch Länder gibt, wo er der frommen Einfalt nichts

Befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig

für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu

werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle,

wenn er nicht bloß schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen,

hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in

Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu

schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt,

läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern;

nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart

zu bestärken.

Zweites Stück

Den 5. Mai 1767

Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend,

würde über die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So überzeugt wir

auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen, so wenig

können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem

Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen

entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in

der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das

Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgründe zu

jedem Entschlusse, zu jeder Änderung der geringsten Gedanken und

Meinungen, müssen, nach Maßgebung des einmal angenommenen Charakters,

genau gegeneinander abgewogen sein, und jene müssen nie mehr

hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen können.

Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail,

über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur

einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er

uns abgetäuschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Szene des dritten

Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der

Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätten bewegen können, aber

viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar

keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das

Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz

zuvor erfahren, daß ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine,

erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhern Macht in die

Reihe natürlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand

hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater

gehen dürfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des

Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Großmut und Ermahnungen bestürmet

und bis in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit

der Religion, an deren Bekennern er so viel Großes sieht, mehr vermuten,

als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermutung

unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte

geschehen müssen.

Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide

Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr

geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer

christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein

Stück, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist

ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren

Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille

Gelassenheit, die unveränderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Züge

sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch

Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung

einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben der Uneigennützigkeit,

mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen

und vollzogen zu sehen wünschen?

Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann,

wieviel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten

unwidersprechlich widerlegt, wäre also mein Rat:--man ließe alle

bisherige christliche Trauerspiele unaufgeführet. Dieser Rat, welcher aus

den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts

als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter,

weil er den schwächern Gemütern zustatten kömmt, die, ich weiß nicht

welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an

einer heiligern Stätte gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das

Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoß geben; und ich wünschte,

daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte.

Cronegk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges

gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazugefüget; eine Feder

--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der

Ergänzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als

sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am

besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim

Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der

uneigennützigsten Großmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt

gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei

Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu

rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den

Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen

Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fünften Akte!"

antwortete dieser. In Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse

Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres

Leben versprachen.--

Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So

mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich

schweige von der äußeren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters

erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hilfe dazu nötig ist, sind

bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die

Künstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande.

Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden sein, wenn unter

vier, fünf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet

haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Notnagel so

sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach

Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer

ein Garrick ist.

Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im

Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann

eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch

immer für den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle übrige

Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses,

daß er Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen

Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer

Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivia1ste von dieser Art in seinem

Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält.

Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem

"Kodrus" und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze

ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von

dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu

werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für

Ede1steine, und witzige Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen.

Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere

Wirkung auf mich. Die eine,

"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht."

Die andere,

"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht."

Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und

dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt,

wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Teils dachte

ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet

Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm

erwerben, und ein Sokrates würde sie gern besuchen. Teils fiel es mir

zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese

vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an

jenem Gemurmle den meisten Anteil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen

gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das

sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral

wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater

herabgestürmet zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem

Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert,

entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht

haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß

dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht

anders als so habe urteilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit

muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der

Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er annimmt, ein Mensch

könne das Böse, um des Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften

Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen

sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so

gräßlich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines

schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden für die höchste Schönheit des

Trauerspieles hält. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum

alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer

falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß

ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den

falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht

weil sie Priester, sondern weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf

ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes

gemißbraucht hätten.

Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen

läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie

als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien?

Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von

dem Schauspieler sprechen.

Drittes Stück

Den 8. Mai 1767

Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), daß wir auch die

gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein

anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso

unterhaltend finden sollen?

Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund

übergehet; man muß ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu

prahlen scheinen.

Es verstehst sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich

wohl gelernet sein wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten

Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer

Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskramungen des

Gedächtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage

der Sachen scheinen.

Ebenso ausgemacht ist es, daß kein falscher Akzent uns muß argwöhnen

lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den

richtigsten, sichersten Ton überzeugen, daß er den ganzen Sinn seiner

Worte durchdrungen habe.

Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei

beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch

von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man

einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtnis gepräget hat, lassen

sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern

Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele

muß ganz gegenwärtig sein; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein

auf ihre Reden richten, und nur alsdann--

Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch

keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das

streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man

sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht

ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen

äußern Merkmalen urteilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge

in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten,

oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse

Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen

wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere

Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und

ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir

glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche.

Gegenteils kann ein anderer so glücklich gebauet sein; er kann so

entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so

geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen

der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime

erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt sein, daß er uns in

denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, sondern nach irgendeinem

guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen

wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische

Nachäffung ist.

Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte,

dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug

nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln

bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch

deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der

Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen,

hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden) er zu

einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer

derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber

doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den

nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren

Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu

können glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die äußerste Wut des Zornes

ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht

verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen,

noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in

Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergröbsten Äußerungen

des Zornes einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat und

getreu nachzumachen weiß--den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den

rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der

Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne usw.--wenn er,

sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will,

gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl

von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da

auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht bloß von unserm

Willen abhangen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen,

seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein

scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es

sein sollte.

Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt habe ich mir zu

bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung

begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und

welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder

Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann.

Mich dünkt folgendes.

Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von

Sammlung der Seele und ruhiger Überlegung verlangt. Er will also mit

Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt sein.

Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindrücken,

welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist

kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine generalisierte Empfindung,

und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung

gesprochen sein.

Hamburgische Dramaturgie · 第 3 / 55 题