HILLE (erhebt sich. Ihr Gesicht leuchtet.)

DR. MELCHIOR. Das ist ja Hille Feiken, die Hofbäuerin aus Hasselburg im

Friesischen?

HILLE (befangen): Ihr kennt mich, Herr?

DR. MELCHIOR. Ich sollte dich nicht kennen? Habe ich doch zwei Jahre in

der Bibliothek des Grafen von Hasselburg gearbeitet. Du hattest den

großen Hof am See. Fünfzig Stück Vieh, der reichste Hof in Hasselburg.

Hast du den Hof verlassen?

HILLE. Ich habe den Hof nicht mehr.

DR. MELCHIOR. Nicht mehr? Was hast du damit getan?

HILLE. Ich habe ihn den Armen gegeben.

JOHANN VON RAESFELD (betrachtet Hille Feiken argwöhnisch und streng):

Was trieb dich zu den Täufern nach Münster?

HILLE FEIKEN. Die Not meines Herzens, Herr. Es kam ein Ruf aus der

Finsternis und befahl mir, nach Münster zu gehen. So tat ich es.

BISCHOF. Du hast Münster verlassen und bist ins Lager gekommen. Was

bewegte dich dazu?

HILLE FEIKEN. Ich wollte zu dir, Bischof.

BISCHOF. So sprich, meine Tochter, was willst du von mir?

JOHANN VON RAESFELD. Gehörst du zur Sekte der Täufer? Hast du die zweite

Taufe angenommen?

HILLE FEIKEN. Ich gehöre zur Brüderschaft der Täufer. Ich bin als

Katholikin geboren, aber ich ging zu den Täufern, denn ihre Lehre ist

die reine Lehre Christi.

JOHANN VON RAESFELD. Du kennst die Gesetze gegen die Täufer?

HILLE FEIKEN. Ich fürchte keine weltliche Obrigkeit. Aber mit dir will

ich nicht sprechen, ich will mit dem Bischof sprechen. Und mit ihm ganz

allein. Verführerisch. Sende deine Diener hinweg, Bischof, damit ich mit

dir allein sprechen kann. Ich will dir die Stadt Bethulia in die Hand

geben, so daß du nicht einen Mann verlierst.

BISCHOF. Du sagst Stadt Bethulia? Seit wann nennt ihr Münster Bethulia?

Bisher nannten die Täufer sie Zion und Neues Jerusalem. Aber Bethulia?

HILLE FEIKEN. Wir nennen sie auch zuweilen Bethulia, weil sie belagert

ist, wie Bethulia, die Stadt Judiths, belagert war.

Johann von Raesfeld flüstert argwöhnisch mit Dr. Melchior.

BISCHOF. Sprich getrost, als ob wir allein wären. Niemand wird dich

unterbrechen.

HILLE FEIKEN. Deine Magd bittet dich nochmals, Bischof, allein mit dir

sprechen zu dürfen. Denn Gott hat mir befohlen, nur dir allein das zu

sagen, was ich sagen muß.

BISCHOF. Zieht Euch zurück, Ihr Herren.

JOHANN VON RAESFELD. Wir ziehen uns zurück, aber wir werden den Saal

nicht verlassen.

BISCHOF. Und nun sprich, Hille Feiken.

HILLE FEIKEN (überwindet sich nach einigem Zögern): Höre deine Magd an,

Bischof. Wirst du tun, was ich dir sage, so wird dir Gott den Sieg

geben. Denn Gott ist erzürnt über unsere Sünden und hat durch seine

Propheten verkünden lassen, er wolle das Volk strafen um seiner Sünde

willen.

BISCHOF. Beginnt die Einkehr in Münster?

HILLE FEIKEN (geht immer näher): Die Furcht ist über sie gekommen. Dazu

leiden sie Hunger und müssen vor Durst verschmachten. Sie haben ihr Vieh

geschlachtet und sie wissen, daß sie umkommen müssen, weil sie voller

Sünde sind. Und weil ich das weiß, Bischof, bin ich von ihnen geflohen,

und der Herr hat mich zu dir gesandt, daß ich dir solches anzeige. Sie

stockt.

BISCHOF. Sprich getrost, so sonderbar deine Rede auch klingt.

HILLE FEIKEN, (ihr Gesicht leuchtet, ihr Auge ist verzückt): Und deine

Magd wird hinausgehen und Gott anbeten. Der wird mir offenbaren, wann er

ihnen ihren Lohn geben will für ihre Sünde. So will ich dann kommen und

dir’s anzeigen – und dich mitten durch Jerusalem führen – daß du alles

Volk Israels habest wie Schafe, die keine Hirten haben und wird nicht

ein Hund dich dürfen anbellen ... (Sie ist nun ganz nahe.)

BISCHOF (ist unruhig): Deine Rede wird wirrer und wirrer.

HILLE FEIKEN (mit einem verführerischen Lächeln): Denn deine Weisheit

ist hochberühmt in aller Welt und jedermann weiß, daß du der gewaltigste

Fürst bist im ganzen Königreich.

BISCHOF (hebt die Hand): Ich verstehe das Weib nicht mehr. Sie redet im

Fieber.

JOHANN VON RAESFELD (tritt vor): Aber ich verstehe sie. (Packt Hille

rasch an.) Was willst du mit dem Sack? Was hast du in dem Sack?

HILLE (verwirrt und erschrocken): Ich habe nichts in dem Sack. Glaubt

mir! Ich habe ein Stück Brot in dem Sack. Aber nicht mit dir will ich

sprechen. Nur mit dem Bischof.

JOHANN VON RAESFELD (nimmt ihr den Sack ab und nimmt ein Stück Brot

heraus): Weshalb Brot?

HILLE FEIKEN. Wenn mich hungern sollte!

JOHANN VON RAESFELD (greift in ihren Ärmel und zieht einen Dolch

heraus): Und was hast du hier?

Erstaunen. Der Bischof sinkt zurück.

JOHANN VON RAESFELD. Was hast du hier?

HILLE FEIKEN (tut naiv erstaunt): Ei, weshalb seht Ihr mich mit so bösen

Augen an, Herr? Ich bin eine einfache Bäuerin und ohne Arg.

JOHANN VON RAESFELD. Weshalb hast du diesen Dolch mit dir?

HILLE (unsicher): Um das Brot zu schneiden, nahm ich ein Messer mit mir.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst! Jetzt lügst du!

HILLE. Ich nahm das Messer mit mir, ich dachte, eure Knechte könnten

sich an mir versündigen wollen.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst! Du lügst! Soll ich es dir sagen?

HILLE FEIKEN (zitternd): Ich bin Witwe und ich habe geschworen, daß kein

Mann mich mehr antasten soll. Aus diesem Grunde habe ich den Dolch

mitgenommen.

JOHANN VON RAESFELD. Du lügst!

DR. MELCHIOR. Gib der Wahrheit die Ehre, Hille Feiken. Du warst immer

eine gottesfürchtige Frau, die alle schätzten.

JOHANN VON RAESFELD. Knechte! Nehmt sie! Streckt sie, bis sie bekennt!

HILLE FEIKEN (zitternd): Ich bekenne! Ich bekenne alles!

JOHANN VON RAESFELD. Nun überkommt dich die Angst, seht an!

HILLE FEIKEN. Ich bekenne um der Wahrheit und der Ehre Gottes willen.

BISCHOF. Was ist das? Sprich, meine Tochter, ich verstehe nichts mehr.

HILLE FEIKEN. Der dort fragte, wozu ich den Sack und den Dolch

mitgebracht habe? Ich habe Lügen vorgebracht. – Gott hat mir befohlen,

ins Lager zu gehen, zu dir, Bischof –

JOHANN VON RAESFELD. Der Satan hat es dir befohlen.

BISCHOF. Laßt sie sprechen!

HILLE FEIKEN. So wie Judith ins Lager des Holofernes ging. – (Sie sieht

alle an.) Der Sack, Bischof – in diesem Sack, Bischof, wollte ich dein

Haupt an die Tore Münsters bringen, so wie Judith das Haupt des

Holofernes an die Tore von Bethulia zurückgebracht hat.

Schweigen. Schrecken und Bestürzung in den Mienen. Der Bischof

hat sich bleich erhoben.

HILLE (senkt das Haupt): Gott hat mich nicht für würdig befunden. Er hat

seine Hand von mir genommen.

Stille.

BISCHOF (ruhig): Übergebt sie dem Profosen!

Hille Feiken wird abgeführt. Sie sträubt sich nicht, ist in ihr

Schicksal ergeben.

HILLE (auf der Treppe): Gott hat mich um meiner Sünden willen nicht für

würdig befunden. Du, Bischof, hast die Gewalt! Ich zürne dir nicht, denn

Christus hat befohlen, unsere Feinde zu lieben. Wenn du einst eingehen

wirst in das ewige Reich, so wird Hille Feiken für dich beten, Bischof,

denn auch du bist ein sündiger Mensch. Und solltest du in die Verdammnis

kommen, so wird Hille Feiken zu dir in die Verdammnis hinabsteigen, um

dir die Lippen zu netzen ... Weshalb schweigst du, Bischof? Wir sehen

uns wieder. Du weißt es.

JOHANN VON RAESFELD. Führt sie hinaus!

Hille wird abgeführt.

Stille.

Alle gehen, bis auf den Bischof, Dr. Melchior und Johann von

Raesfeld.

Der Bischof sitzt regungslos.

BISCHOF (hart): Man soll einen Pfahl vor den Wällen von Münster

aufrichten. Darauf setze man ihren Kopf. Heute Nacht – damit sie ihn am

Morgen sehen sollen. – Unsre Langmut ist zu Ende. Wir lassen unser nicht

länger spotten ...

Stille.

BISCHOF (erhebt sich. Er erscheint sehr müde): Mit wem kämpfe ich hier,

ihr Herren? (Er blickt niemand mehr an.)

JOHANN VON RAESFELD. Mit dem Satan! Dem leibhaftigen Satan!

BISCHOF. So wollen wir unsere Anstrengungen verdoppeln! Laßt ein

Rundschreiben ergehen an all unsere Klöster, Stifte, Kapellen, Kirchen,

Abteien. Alles was Silber oder Gold ist oder edles Gestein trägt:

Monstranzen, Kelche, Kessel, Kreuze, Ringe, alles soll unverzüglich

ausgeliefert, eingeschmolzen und verkauft werden.

DR. MELCHIOR. Euer fürstliche Gnaden, es wird Unruhe geben im Lande.

BISCHOF. So werden wir Graf Schaumburg mit seinen Reitern hinschicken!

Wir werden fortan unerbittlich sein. Sind die Sendschreiben an die

evangelischen Fürsten und freien Städte vorbereitet?

DR. MELCHIOR. Sie liegen bereit.

BISCHOF. Vernichtet sie. Entwerft neue. Wir haben dringlich geschrieben

– wir müssen schreiben wie sengendes Eisen! Das Jüngste Gericht steht am

Himmel! (Er geht einige Schritte, bleibt stehen.) Besser noch, Freund

Raesfeld: wir werden uns persönlich zu den Fürsten begeben. Bereitet

alles zur Reise vor. Wie Bettler werden wir vor allen Residenzen

anhalten. Wir werden bemüht sein, einen Landtag zusammenzurufen. Niemand

sieht, ihr Herren, daß die rote Hölle in Münster aus der Erde schlägt.

Was soll geschehen, wenn Johann triumphiert? Die Welt wird sich in ein

Meer von Blut verwandeln, in dem die Kirche und die Christenheit und

alle Ordnung versinken. (Geht zu den Stufen.)

JOHANN VON RAESFELD. Wollen Euer fürstliche Gnaden das neueste von

Münster sehen? So belieben Euer fürstliche Gnaden durch das Fenster zu

blicken. Die Turmspitze von St. Ägidi ist verschwunden! Die Täufer

tragen die Spitzen der Türme ab. Sie sagen: was hoch ist, soll

erniedrigt werden.

BISCHOF (blickt auf): Ihr Herren! Mein Leben war sündhaft, aber doch

glaube ich, soviel Gutes gewirkt zu haben, um der Ruhe im Grabe gewiß zu

sein. (Mit feierlicher Stimme.) Aber, ihr Herren: Ich soll ruhelos sein

im Grabe bis zum jüngsten Tage – so ich diesen Platz verlasse, bevor

Münster gefallen ist! (Er ist oben an der Treppe angelangt. Seine Augen

funkeln.) Ich will Münster dem Satan aus den Klauen reißen und sollte

ich lebendigen Leibes dabei verbrennen! So wahr mir Gott helfe! (Er

geht. Die beiden verneigen sich tief.)

DR. MELCHIOR (schlägt das Kreuz): So habe ich unseren fürstlichen Herrn

noch nie gesehen.

JOHANN VON RAESFELD (mit einem bösen Lachen): Nun soll er sich wohl in

acht nehmen, der König Johann!

Vorhang.

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 13 / 38 题