Vierter Akt

Domplatz in Münster.

Auf den Stufen des Doms steht eine Art Thron mit kostbaren Kissen

und Teppichen. Links und rechts davon einige kleine Sessel ohne

Lehnen.

Volk ist versammelt. Gesellen, Kriegsknechte. Dirnen. Man erkennt

schon stark die Not. Bleiche Gesichter und zerlumpte Kleidung;

unzufriedene, freche Mienen.

ERSTER GESELLE (ängstlich): Heute wird Johann strenges Gericht halten!

ZWEITER GESELLE. Mit glühenden Zangen soll er unter die Unzufriedenen

fahren.

DRITTER GESELLE (laut und unbekümmert): Den Magen soll er ihnen füllen.

Es ist kein Kunststück, dem Hungrigen das Maul zu stopfen, indem man ihm

den Kopf abschlägt. Die Weiber und Kinder fressen Stroh. Johann und sein

Hof aber essen noch aus vollen Schüsseln.

ERSTER GESELLE. Sei auf der Hut! Überall hat Johann seine Späher!

DRITTER GESELLE (etwas leiser): Das ärgste ist, Freund, daß das Pulver

knapp wird.

ERSTER GESELLE. Du redest dich noch an den Galgen.

ZWEITER GESELLE (böse): Alle Kleinmütigen sollte man dem Bischof ins

Lager schicken! Wer den Glauben nicht mehr hat, soll sich aus der Stadt

scheren.

DRITTER GESELLE. Was sagst du? Ich habe den Glauben nicht mehr?

Fanfaren.

ERSTER GESELLE. Keinen Streit, Freunde! – Der König! – Wie mit Kalk

angestrichen sieht er aus!

König Johann erscheint mit seinem Hof. Er trägt eine Krone aus

Gold, mit Steinen besetzt. Goldene Ketten, daran eine Weltkugel

und ein goldenes Kreuz. Ein Zepter aus Gold, mit Steinen besetzt.

Reichgewirkten Mantel.

Vor ihm her geht Tilbeck mit einem weißen Stab.

Zwei Pagen folgen Johann, einer trägt sein Schwert, der zweite

die Bibel.

Es folgen Knipperdolling, Rottmann, Krechting, Gert tom Kloster,

Redecker, Dusentschur und alle Räte, prächtig gekleidet. An den

Ärmeln das Wappen des neuen Königreichs: Die Weltkugel mit Kreuz

und Schwertern. Dusentschur trägt eine Art ärmliche Kutte.

Dann folgt eine Gruppe mit geschmückten Frauen, Divara an der

Spitze. Ihr Kammerherr ist Wenzel von der Langenstraaten.

Es folgt der Scharfrichter in rotem Mantel.

Zuletzt die Leibwache des Königs, die das Volk zurückdrängt.

EINIGE STIMMEN (ohne besondere Begeisterung): Es lebe König Johann!

ROTTMANN (wirft strenge, ermahnende Blicke).

EINE GRUPPE ALTER WEIBER. Willkommen, König Johann!

JOHANN (steht vor seinem Thron. Er sieht erschöpft und bleich aus. Er

erhebt segnend die Arme): Gnade und Friede über alle, die Gott fürchten

und seinem Willen gehorchen.

DAS VOLK (sich neigend): Friede sei mit dir, König Johann.

Johann und sein Gefolge nehmen Platz.

TILBECK (erhebt sich): Bürger des neuen Zion! Höret, ihr Völker. Der

Gerichtstag ist eröffnet. Fleht zu Gott, daß er den König und den

königlichen Rat erfülle mit seinem Geiste der Weisheit und

Gerechtigkeit.

KNIPPERDOLLING (erhebt sich).

EINIGE STIMMEN. Es lebe Knipperdolling!

Rottmann und Tilbeck werfen zornige Blicke.

KNIPPERDOLLING. Johann, die Abgesandten der freien Reichsstädte, die als

Unterhändler aus dem bischöflichen Lager gekommen sind, warten auf

deinen endgültigen Bescheid. Sie bitten, ihre Sache nochmals vortragen

zu dürfen.

JOHANN. Die Herren mögen sprechen.

TILBECK. Ihr Freunde, König Johann bittet euch!

Die Deputation besteht aus drei Männern in Ratstracht.

JOHANN KRECHTING, (der Sprecher der Deputation, tritt vor): Johann!

Unsere Zeit läuft ab. Laß uns hören, was du beschlossen hast.

JOHANN (finster): Ich ändere meinen Sinn nicht in jeder Stunde wie ein

Weib, das schwanger geht.

BERNHARD KRECHTING (erhebt sich): So laß meinen Bruder erneut reden,

Johann!

JOHANN KRECHTING. Du kennst mich, Johann. Und da ist mein lieber Bruder

Bernhard – einer deiner Räte und Berater. Du darfst mir ruhig vertrauen.

JOHANN. Ich mißtraue dir nicht, Johann Krechting.

JOHANN KRECHTING. Wir waren über zwei Wochen im Lager des Bischofs,

Johann, und haben uns alles genau besehen. Es ist nicht mehr wie im

vorigen Herbst, da du deinen großen Sieg über die Bischöflichen

davongetragen hast. Seit dem Kreistag zu Koblenz und dem Reichstag zu

Worms stehen katholische und evangelische Fürsten und die freien

Reichsstädte gegen Münster. In Summa: das ganze Reich ist gegen dich,

Johann! Täglich strömten Reisige, Geschütze, Waffen und Pulver in das

Lager des Bischofs. Das Lager wimmelt heute von Kriegsvolk wie ein

Jahrmarkt. Dazu Geschütz, Feldschlangen, Kartaunen und Feuermörser. Sie

stehen dicht um Münster, wie ein großer Rachen.

Das Volk wird unruhig.

JOHANN. Das wissen wir wohl und ist uns nichts Neues.

DUSENTSCHUR (springt auf, lacht): Will der Bischof Gott mit Kartaunen

und Mörsern beschießen?

JOHANN KRECHTING. Der Bischof hat den Sturm auf die Stadt beschlossen.

Wir aber, die wir als eure Freunde nach Münster kamen, möchten euch

ermahnen –

JOHANN (unruhig, ohne starke Überzeugung): Hat der Herr nicht die Heere

der Heiden vernichtet mit Roß und Wagen? (Schwacher Beifall.)

JOHANN KRECHTING. Der Bischof ist stark geworden, ihr Herren! Das ist

es, was wir euch melden wollten. Auch Münster ist mächtig, wir wissen

es. Ihr habt fleißig gebaut und geschanzt. Aber wir haben ja Augen im

Kopfe und sehen, was ein Mensch sehen kann.

TILBECK (erhebt sich): Wir haben euch nichts verborgen, ihr Herren, oder

verheimlicht! Was habt ihr gesehen?

JOHANN KRECHTING (schlicht): Freund Tilbeck, wir haben gesehen, daß der

Hunger eingezogen ist in die Stadt Münster. (Die Räte sind unruhig.)

EINIGE STIMMEN (halblaut, wie ein Krächzen): Wahr!

JOHANN (erhebt sich rasch. Er gewinnt seine Sicherheit zurück.) Seid

meine Gäste, ihr Herren und Freunde. Ich will euch zum Mahle laden, gebt

mir die Ehre. Heute abend, wenn die Sonne untergeht, will ich dem Volke

von Münster ein Mahl geben auf dem Domplatz hier. Dreitausend Gedecke

und ich und Divara und mein Hof werden das Volk bewirten. Mit eigenen

Augen sollt ihr sehen, Freunde, ob noch Speise und Trank genug ist in

der Stadt.

ROTTMANN (als Sprecher des Königs, erhebt sich): Ihr habt vernommen, was

König Johann sagte.

Lauter Beifall des Volkes.

STIMMEN: Johann!

KNIPPERDOLLING (erhebt sich): Ich möchte raten, Johann Krechting zu Ende

zu hören.

JOHANN. Willst du die Tore Münsters den Heiden öffnen, Knipperdolling?

KNIPPERDOLLING. Habe ich das gesagt? Ich riet nur, man soll Krechting zu

Ende sprechen lassen.

Unterdrückter Beifall.

JOHANN KRECHTING. Es fand vor drei Tagen ein großer Rat im Feldlager des

Bischofs statt. Alle Gesandten der Fürsten und Bischöfe waren zugegen.

Die Katholiken waren für den sofortigen Sturm auf Münster. Die

Evangelischen aber und freien Städte befürchten, der Bischof möchte die

Stadt Münster zu hart anpacken, wenn er sie nimmt. Er möchte am Ende die

Religionsfreiheit aufheben und Münster wieder zu einer rein katholischen

Stadt machen.

TILBECK. Der Fuchs ist schlau, aber sein Gestank verrät ihn!

JOHANN KRECHTING. Die evangelischen Fürsten und freien Städte bestanden

mit all ihrer Macht darauf, daß noch ein letzter Versuch des Vergleiches

und Ausgleiches gemacht werden sollte, bevor der blutige Kampf anhebt.

So mußte der Bischof sich also beugen, so hart es ihn ankam. Dies aber

ist, was der Bischof und seine Verbündeten euch zum Vergleich

vorschlagen: (Laut und deutlich.) Allen Bürgern und Kriegsknechten

Münsters bietet der Bischof freien Abzug, so sie die Waffen abgeben. Dir

aber, Johann, und deinen Räten sichern er und die evangelischen Fürsten

bei ihrem Eide ein billiges und mildes Gericht zu. (Dusentschur erhebt

sich und lacht schrill.) Und nun überlege, Johann, denke noch einmal

nach! Denke noch einmal recht sorgfältig nach. Die Sonne steht im

Mittag. Unsere Frist läuft ab.

JOHANN (erhebt sich rasch): Nehmt unseren Dank und unsere Achtung,

Johann Krechting und ihr Freunde. Eure Absicht ist gut. Aber was wir

beschlossen haben, das bleibt beschlossen.

Kehrt in das Lager zurück, Freunde, und berichtet dem Bischof, wir

fürchten nicht Geschütze und Kriegsvolk. Wir brauchen auch die

Fürsprache der evangelischen Gesandten nicht! Möge der himmlische Vater

ihnen und dem Bischof gnädig sein! Auf unserer Seite streitet Gott und

das Recht, auf eurer Seite streiten Lüge und Tyrannei. Wir sind willens,

zum Schutze des Wortes Gottes alles auf uns zu nehmen und wollen lieber

bis zum letzten Mann untergehen, als Gottes auserwählte Stadt übergeben.

Sagt dem Bischof, und wenn nur fünf Brüder in der Stadt zurückbleiben

sollten, so bin ich gesonnen, die Stadt mit den fünf Brüdern gegen ihn

zu halten! (Er setzt sich.)

Begeisterter Beifall des Volkes.

STIMMEN. Johann! Johann!

DUSENTSCHUR (rasend): Der Bischof soll sich hüten, daß ich nicht ins

Lager komme und ihm die Zunge aus dem Maul reiße.

REDECKER. Der Herr wird aufstehen wie ein Riese!

ROTTMANN. Das himmlische Feuer wird euch verbrennen, ehe das Wort Gottes

sich von euch mit Füßen treten läßt.

JOHANN KRECHTING. Eines noch, ihr Freunde: Komme ich ohne eure Zusage,

so wird der Bischof augenblicklich mit der Beschießung der Stadt

anheben.

JOHANN. Antworte ihm, er soll seine Geschütze getrost abfeuern. Ich

werde die Kugeln mit den Ärmeln meines Mantels auffangen!

Beifall.

JOHANN KRECHTING (enttäuscht und erschüttert): Lebt wohl, ihr Freunde!

GERT TOM KLOSTER. Eher wird Gott seine Stadt Münster zum Himmel

emporziehen, bevor er zugibt, daß die Heiden sie mit ihren Schritten

beflecken.

BERNHARD KRECHTING (erhebt sich und eilt zu seinem Bruder): Lebe wohl,

Bruder!

JOHANN KRECHTING. Lebe wohl, Bruder! Sollten wir uns in diesem Leben

nicht mehr sehen – (Sie küssen sich. Johann Krechting weiß, daß er den

Bruder nicht wiedersehen wird. In tiefster Trauer löst er sich von ihm

los.)

Deputation geht ab.

JOHANN (mit lauter Stimme): Ist jemand hier, der mit unserer Antwort an

den Bischof nicht einverstanden ist? Er lasse sich vernehmen!

Stille.

JOHANN. Es gibt keinen Judas am Worte Gottes in Münster.

DER DRITTE GESELLE (gleichsam gegen seinen eigenen Willen): Ich möchte

etwas dagegen vorbringen, Johann!

ERSTER UND ZWEITER GESELLE (zerren ihn vergebens zurück):

Unglückseliger! (Sie machen sich davon.)

JOHANN. Wer bist du? Was willst du?

DER DRITTE GESELLE (tritt vor den Thron, schwankt hin und her, plötzlich

von Furcht ergriffen): Die Weiber und Kinder hungern. Wir haben nicht

genug Pulver, Johann.

JOHANN. Woher weißt du, Vorwitziger, daß wir überhaupt Pulver brauchen

werden?

DER DRITTE GESELLE (wirft sich zu Boden): Gnade, Johann!

JOHANN. Führt ihn fort. Werft seinen Leichnam den Hunden vor!

Der Geselle wird abgeführt.

JOHANN. Meine Hand wird streng und schnell nach jenen fahren, die zu

zweifeln und zu zagen beginnen!

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 14 / 38 题