GEFANGENER BÜRGER (in ungewisser Freude): Oh, Herr, gnädigster Herr! –

JOHANN VON RAESFELD. Knechte! Nehmt ihn! Gerbt ihm tüchtig das Leder, da

er doch ein Schuster ist. Dann treibt ihn mit Peitschen zurück zu den

Toren Münsters.

GEFANGENER BÜRGER (auf den Knien): Johann wird mich in Stücke hauen

lassen.

JOHANN VON RAESFELD. Er erspart uns die Arbeit. Fort mit dem Haufen

Dreck.

Der Bürger schreit, wird von den Knechten die Treppe hinaufgestoßen.

Der Vorhang der Mitteltüre wird auseinandergenommen. Eine Schar

von Würdenträgern und Beamten, teils in weltlicher, teils in

geistlicher Tracht, tritt in den unteren Saal. Einige Marschälle

und Feldobersten, darunter Meinhard von Hamm. Ferner Graf

Seedorf.

Zuletzt erscheint der Bischof.

DER BISCHOF (ist etwa 60 Jahre alt. Sein Gesicht ist staubgrau und ohne

jedes Leben. Öffnet er aber die Augen, so funkeln sie. Seine

priesterliche Milde ist nur gespielt. Verschlagenheit und Härte brechen

zuweilen unvermittelt durch die Maske.)

BISCHOF (noch oben): Die Welt geht auf allen vieren, ihr Herren. Die

Welt ist aus dem Gleichgewicht geworfen und kann ihre Ruhe nicht

wiederfinden. Alles Menschliche neigt sich zu kläglichem Untergang und

wir sind fast ohne jegliche Hoffnung.

Franz von Frankreich brandschatzte Rom, der Türke zog gegen die

christlichen Völker, Hessen und Württemberg bedrohen den

österreichischen Ferdinand, Lübeck liegt im Krieg mit Holstein. In allen

Ländern stehen die Kriegshaufen, bereit, über die Grenze zu fallen. Dazu

Hungersnot, Pestilenz und englischer Schweiß in vielen Provinzen. Gott

züchtigt seine Völker mit mancherlei Geißeln. (Steigt herab in den

unteren Saal.)

In unserem Stift Münster hat der Satan selbst seine Feste aufgeschlagen,

mitten im Land, und das arme Volk verführt und geblendet.

Dies sind die Zeiten, ihr Herren, ohne Schlaf und ohne Trost.

Er wird zu seinem Ledersessel geleitet.

Gott ist unser Zeuge, liebe Freunde, daß wir nichts unversucht gelassen

haben, um unserem geprüften Lande die Ruhe wiederzugeben. Wir haben

keine Opfer gescheut. Siebzigtausend Goldgulden haben wir aus unserer

Schatulle bis heute bezahlt und dazu Gelder bei Freunden und Vettern

geliehen. Meldet es getrost meinem Vetter, dem Kurfürsten von Sachsen,

Graf Seedorf. Wir sind heute so arm, daß wir unsere Knechte und

Hauptleute nicht mehr bezahlen können. Unsere Freunde und Vettern, der

Erzbischof Hermann von Köln, Herzog Johann von Cleve, Landgraf Philipp

von Hessen, Herzog Ernst von Lüneburg, Herzog von Geldern, die Räte der

Städte Deventer, Campen und Zwolle haben uns mit Geschütz, Pulver,

Knechten und Darlehn unterstützt, so gut sie konnten.

Andere Freunde und Nachbarn freilich ließen uns im Stich, obwohl wir

Briefe über Briefe und Sendschreiben über Sendschreiben an sie

schickten. An unserm Eifer mangelte es nicht. Aber, leider muß ich es

bekennen, die Sache des Reiches und der Christenheit scheint ihnen nicht

so wichtig wie Hofhaltung und Hirschjagden. Nun ist unsere Not groß.

Aber wir verzagen nicht. Wir setzen unsere Hoffnung in den himmlischen

Schirmherrn und unsere Freunde. Sagt es Eurem erlauchten Herrn, dem

Kurfürsten, Graf Seedorf.

GRAF SEEDORF (verneigt sich).

DER BISCHOF (zu Meinhard von Hamm): Und nun, unser lieber Feldoberst

Meinhard von Hamm, da Ihr Euch mit eigenen Augen von dem Stand der Dinge

in Münster überzeugen konntet, wollt Ihr uns Euren Rat wissen lassen.

MEINHARD VON HAMM. Vor allen Dingen, Eure fürstliche Gnaden, scheint es

das Dringendste, das Lager zu beruhigen. Die Kriegsknechte sind

unzufrieden, da sie seit vier Wochen keinen Sold erhielten. Können wir

auch den Sold nicht ganz bezahlen, so sollte der Knecht doch einen Teil

erhalten.

JOHANN VON RAESFELD. Einen Galgen errichtet im Lager, Meinhard!

DER BISCHOF. Geld! Seht meine Hände. Selbst Siegelringe und Angebinde

hoher Freunde und Erbstücke sind längst dahin und verpfändet.

MEINHARD VON HAMM. Eure fürstliche Gnaden mögen mich ermächtigen,

fünftausend Bauern zum Schanzen aufzurufen. Gräben, Palisaden,

Wolfsgraben und Blockhäuser sollen Münster so fest umschließen wie ein

Ring den Finger. So nützen wir die Zeit, bis wir Kräfte zu einem neuen

Angriff gesammelt haben, beschäftigen die Kriegsknechte und erfüllen sie

mit Vertrauen und geben allen christlichen Fürsten einen Beweis unserer

Ausdauer und Zuversicht.

BISCHOF. Gut, Meinhard. Nehmt zehntausend Bauern.

JOHANN VON RAESFELD. Eure fürstliche Gnaden mögen eine neue Mahnung an

die Lehnsleute und Ritter und Städte des Stifts richten, mit allem, was

sie haben an Pferden, Reisigen, Waffen, Wagen sich im Lager einzufinden.

BISCHOF. Es soll eine letzte Mahnung sein. Wer ihr nicht nachkommt, dem

soll unsere Gnade entzogen werden für immer.

JOHANN VON RAESFELD (mit Schärfe): Eure fürstliche Gnaden mögen

befehlen, daß die Stadt Warendorf augenblicklich mit Krieg überzogen

wird.

BISCHOF. Die Stadt Warendorf?

JOHANN VON RAESFELD. Der Rat der Stadt Warendorf hat ein Bündnis mit

Münster geschlossen.

Erregung.

STIMMEN. Der Rat von Warendorf? Warendorf? Aufruhr!

DER BISCHOF (nach einer Pause, mit großer Ruhe, während seine Augen

funkeln): Nehmt zweihundert Reiter, Graf von Schaumburg, oder

dreihundert, wenn Ihr es für gut haltet! Nehmt Geschütz. Brecht

unverzüglich auf, fallt wie der Wolf über die Stadt Warendorf her, die

es gewagt hat, offen gegen uns aufzustehen. Straft die Schuldigen mit

dem Schwert. Die Stadt aber steckt an vier Ecken in Brand. Noch heute

soll Münster seinen Bundesgenossen in Flammen sehen!

Er gibt ein Zeichen und die Offiziere und Graf Seedorf entfernen

sich. Nur die nächste Umgebung des Bischofs bleibt zurück.

Während der Bischof den letzten Befehl gab, wurde Hille Feiken

von dem Offizier und zwei Knechten auf die Treppe in der Ecke

links geführt. Sie ist herausgeputzt, feierlich, trägt goldene

Ketten, eine weiße runde Kopfbedeckung. In der Hand trägt sie

einen Sack.

JOHANN VON RAESFELD. Wartet!

BISCHOF (hat Hille Feiken sofort gesehen und voller Verwunderung

betrachtet): Wer ist dieses Weib dort?

JOHANN VON RAESFELD. Eine Bürgerin aus Münster. Sie fiel den Wachen

heute morgen in die Hände.

DR. MELCHIOR. Sie will Aussagen machen. (Etwas leiser zum Bischof.) Sie

versprach, Euer fürstlichen Gnaden die Schlüssel der Stadt Münster in

die Hand zu spielen.

BISCHOF. Tritt näher, meine Tochter. Wer bist du?

HILLE (tritt mit dem Lächeln einer Nachtwandlerin näher. Kniet): Ich bin

eine unwürdige Magd des Herrn.

BISCHOF. Erhebe dich, meine Tochter. Was treibt dich zu mir? Was willst

du?

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 12 / 38 题