ROLL. Friede sei mit dir, Johann. (Sie küssen sich.)

Roll und Clopris verneigen sich tief, alle verbeugen sich.

Roll und Clopris ab.

JOHANN. Offenbar ist es heute und offenkundig allen geworden: Der Herr

hat Wohlgefallen an seiner Stadt Münster! Die sie antasten wollten, er

hat sie mit dem Hauche seines Mundes verbrannt. Und schon erweist er uns

neue Gnade. (Er deutet auf Hille.)

KNIPPERDOLLING. Erlaube, Johann, daß ich dir in die Rede falle, bevor du

beginnst –

JOHANN. Knipperdolling, bist du ein Knecht, daß du die Worte so

unterwürfig setzest?

KNIPPERDOLLING (noch immer unglücklich und gekränkt): Du warst heute

unwillig über mich, Johann.

JOHANN. Unwillig?

KNIPPERDOLLING. Zweimal hast du mich heute vor dem Volk zurechtgewiesen.

JOHANN (streckt Knipperdolling die Hand hin, lächelnd, herzlich):

Verzeihe mir, Bruder Knipperdolling. Wiege meine Worte nicht, wie man

Gold wiegt. Gibt es in Münster einen Menschen, der unvollkommen ist, so

bin gewiß ich es. Du bist mein Vater an Jahren, sei nachsichtig und

vergib mir.

KNIPPERDOLLING. Ihr habt gesehen, daß Johann sich vor mir verneigte. Das

ist zuviel. Knipperdolling ist einer solchen Ehre unwürdig. So wollen

wir nicht mehr daran denken. – Und nun, Johann, als dein oberster

Hauptmann rede ich zu dir. Deine Hauptleute haben am Abend einen

Kriegsrat gehalten. Wir haben alles wohl erwogen, berechnet und bedacht.

Das aber ist unser Schluß, Johann: Überfalle das bischöfliche Lager und

nimm es im Sturm! (Bewegung.) Nie war die Gelegenheit so günstig, in all

den sechs Monaten nicht, seit der Bischof Münster belagert.

JOHANN (mit einem seltsamen Lächeln): Es könnte wohl sein,

Knipperdolling, daß Gott beschlossen hat, uns das Lager des Bischofs in

die Hand zu geben!

KNIPPERDOLLING. Johann! Vor der Schanze beim Lamberti-Tor sind achtzig

bischöfliche Landsknechte eingetroffen und haben die Waffen abgegeben.

Sie schreien: Es lebe Münster! Es lebe König Johann!

GERT TOM KLOSTER. Die Knechte im Lager glauben nicht mehr an den Sieg

des Bischofs.

DUSENTSCHUR. Sage, des Satans! Sage, der Hölle!

REDECKER. Sie weigern sich, noch länger gegen Münster zu kämpfen. Sie

erklären die Sache des Bischofs für ungerecht und halten dafür, daß die

Sache Münsters die Sache der Gerechtigkeit ist.

DUSENTSCHUR. Sage, die Sache des Heils, sage, die Sache des lebendigen,

strahlenden Gottes!

JOHANN. Sagte ich nicht: der Morgenwind hat sich erhoben?

GERT TOM KLOSTER. Das Gleiche berichten die Späher, die wir ins Lager

geschickt haben. Das Lager ist in hellem Aufruhr und in Auflösung.

REDECKER. Der Bischof fürchtet, du könntest über das Lager herfallen und

ihn gefangen nehmen. So wie wir seinerzeit über die Versammlung in

Telgte herfielen. Er hat alles zur Flucht vorbereitet.

DUSENTSCHUR. Greife ihn, Johann. Strecke deine Hand aus. Gott hat ihn in

deine Hand gegeben!

JOHANN (lächelnd): Ich werde ihn greifen! Gott hat die Stunde des

Bischofs schon angesetzt.

KNIPPERDOLLING. Die Lehnsleute und Junker haben den Bischof im Stich

gelassen und sind abgeritten. Das Meißner Lager hat sich verlaufen. Die

Geschützmeister haben die Feldschlangen und Haubitzen zurückbringen

lassen. Johann! Gib Befehl und ich lasse die Tore öffnen. Das Lager ist

in deiner Hand.

REDECKER. Laß die Hörner blasen, Johann!

DUSENTSCHUR. Befiehl, Johann – und ich stürze mich, nackend, wie Gott

mich erschaffen hat, den Heiden entgegen.

ROTTMANN. Was die Hauptleute vorschlagen, dünkt mich gut und

aussichtsvoll, Johann.

JOHANN (schüttelt den Kopf, mit dem gleichen seltsamen Lächeln): Noch

ist die Zeit nicht gekommen, ihr Freunde.

KNIPPERDOLLING, REDECKER, GERT TOM KLOSTER, ROTTMANN (zeigen ihre

Enttäuschung). Johann, überlege! Versäume die Gelegenheit nicht. Fall

ihn an!

JOHANN. Euer Plan, Freunde, ist ein Plan, wie Menschen in ihrer Einfalt

ihn ersinnen. Gott aber, der über uns thront, hat in seiner Weisheit

längst einen Plan ersonnen – da wir nicht einmal daran dachten. Und was

sollte ein Plan von Menschen gegen seinen Plan, sagt es selbst? Ihr

Brüder – verstehe ich Gottes Absicht recht, so ist es sein Wille, uns

das Lager des Bischofs in die Hand zu geben – aber auf seine Weise! Und

so zwar, daß es allen Völkern des Erdballs offenbar werde, daß Gott sein

Volk über die Tyrannen stellt. Solch ein Zeichen will Gott der Herr

allen Ungläubigen geben, daß sie zittern und erbleichen.

TILBECK. Hört es, Brüder!

KNIPPERDOLLING. Wir verstehn dich nicht, Johann.

JOHANN. Ihr werdet verstehen! (Er wendet sich zu Hille Feiken.)

Schwester Hille, erhebe dich!

HILLE (steht auf und kniet nieder): Ich bin Hille Feiken, Gottes

unwürdige Magd.

JOHANN. Knie nicht, Hille. Nur vor Gott sollst du knien. (Hille steht

auf.) Ihr kennt Hille Feiken, die aus Ostfriesland zu uns kam. Sie gab

all ihr Hab und Gut, Haus und Vieh den Armen. Gott hat sie erhöht für

ihren Glauben. Sie ist es, Schwester Hille, die Er auserwählt hat, dem

Erdball sein Zeichen zu geben!

ALLE (verneigen sich voller Achtung vor Hille).

JOHANN. Zittere nicht, Hille. Berichte den Brüdern, wie Gott dich

erleuchtete.

HILLE (beginnt sehr leise und unsicher): Ich bin eine arme unwürdige

Magd des Herrn! Ich bin voller Sünden. Ich bin Witwe, mein Mann ist vor

drei Jahren gestorben. Ich suche, da ich sündig bin, den Weg zu Gott,

und kam am Charfreitag nach Münster. In den letzten Wochen aber ...

JOHANN. Sprich getrost, Hille. Du sprichst vor Brüdern, die dich lieben.

HILLE (verliert die Unsicherheit, wird immer überzeugter, bis sie

endlich in einem fast überirdischen Glanz erstrahlt): In den letzten

Nächten, da erschien ein silberner Glanz in meinen Träumen. Zuerst

achtete ich seiner nicht, da ich töricht bin. Aber der Glanz wurde

stärker in jeder Nacht und so betete ich zu Gott, mich zu erleuchten. Da

kam der Glanz wieder in einer Nacht und siehe da, ich sah, daß ein

himmlischer Bote bei mir weilte.

ALLE (sind bewegt und erregt).

JOHANN. Stört sie nicht!

HILLE. In der nächsten Nacht erschien der himmlische Bote wieder und

hielt die Heilige Schrift in der Hand. Er schlug das Buch auf und da

ging ein Blitzen und Gleißen aus dem Buch, daß es mich blendete. Ich

kniete im Traume und fragte: Soll ich im Buche lesen? Der himmlische

Bote sagte: Du sollst das Buch öffnen und da, wo dein Auge hinfällt,

sollst du lesen. – Ich erwachte zeitig, reinigte mich und betete. Dann

nahm ich die Heilige Schrift zur Hand und schlug sie auf und las, wo

mein Blick hinfiel. Da stand geschrieben: Gib mir einen Mut, daß ich

mich nicht entsetze vor ihm und vor seiner Macht, sondern daß ich ihn

stürzen möge. Das wird deines Namens Ehre sein, daß ihn ein Weib

darniedergelegt hat.

Und weiter las ich: Da sie nun ausgebetet hatte, stand sie auf. Und rief

ihrer Magd Abra und ging herunter ins Haus und legte den Sack ab und zog

ihre Witwenkleider aus. Und wusch sich und salbete sich mit köstlichem

Wasser und flocht ihr Haar ein und setzte eine Haube auf und zog ihre

schönen Kleider an.

ROTTMANN (erregt, leise): Judith von Bethulia, Manasses Witwe!

HILLE. Ich hatte das Buch der Judith aufgeschlagen, aber noch immer

verstand ich nicht, da ich töricht bin. An diesem Tage las ich das Buch

Judith wieder und wieder und fastete und betete und flehte Gott an, mich

zu erleuchten. – In dieser Nacht aber führte mich der Bote Gottes im

Traum auf den Wall von Münster und deutete gegen Osten und sagte: Siehe,

die Sonne kommt bald hervor. Und sowie sie hervorkommt, mußt du gehen,

wie Judith gegangen ist. Du bist die Judith des neuen Zion! Und der

himmlische Bote deutete gen Westen, da sah ich den Bischof sitzen. Er

trug ein rotes Gewand, starr von trockenem Blut, und eines Narren Kappe

auf dem Kopfe. Aus der Kappe aber sahen Hörner, wie bei einem Ochsen so

groß. – Siehst du, Hille, sprach die himmlische Stimme, das ist der neue

Holofernes. Und ich fragte: Was soll ich tun? Die himmlische Stimme

sagte: (laut, wie ein Befehl:) Tue, wie Judith mit Holofernes tat! Gehe

hinaus in das Lager und schlage dem Bischof den Kopf ab! Ich werde dich

behüten, wie ich Judith behütete.

Und ich antwortete: Dein Name sei gelobt! Ich Werde tun, wie du befohlen

hast! (Sie strahlt verzückt.)

ROTTMANN (in stiller Verzückung, kniet): Wunderbar sind deine Wege,

Unerforschlicher.

Alle erheben sich und neigen sich vor Hille.

TILBECK. Schwester! In Demut neigt sich der Knecht Tilbeck vor dir.

DUSENTSCHUR (krümmt sich): Was sind dagegen menschliche Pläne? (Er

lacht, er küßt den Saum von Hilles Rock.) Wollte ich mich nicht Gott

aufdrängen und nackt gegen die Heiden laufen? Dusentschur – Gott der

Herr hat dir gezeigt, wie närrisch du bist!

JOHANN. Dies ist also Gottes Plan, Knipperdolling. Verstehst du jetzt?

KNIPPERDOLLING. Ich bescheide mich in Demut, Johann.

JOHANN. Nun segne dich Gott, Schwester Hille, die der Herr auserwählt

hat. Gehe ans Werk!

HILLE (wie im Traum): Ich gehe ans Werk.

JOHANN. Die Frauen mögen sie schmücken, so wie Judith vor ihrem Gange

geschmückt wurde. Brüder Rottmann und Tilbeck, ihr gebt Schwester Hille

die geistliche Stärkung! Wenn die Sonne aufgeht, geleitet ihr Schwester

Hille aus dem Tor. Sobald aber die Wachen Hilles Rückkehr melden und sie

des Bischofs Haupt bringt – so laß dreimal die Hörner blasen,

Knipperdolling. Dies sei das Zeichen, daß wir die Tore öffnen und über

das Lager herfallen. – Dies ist Gottes Wille und Absicht.

ALLE (begeistert): Johann! Johann!

JOHANN (beugt das Knie vor Hille): Gott geleite dich, Schwester Hille!

HILLE (verzückt): Bete für mich, König Johann, daß mich die Kraft nicht

verläßt.

JOHANN. Ich werde im Geist bei dir sein.

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 9 / 38 题