ALLE. Friede sei mit dir, Johann!
Alle ab. Johann bleibt allein.
Johann steht in der Mitte des Raumes, in tiefes Nachdenken
versunken. Sein Blick brennt. Eine Magd steckt einige Kerzen an.
WENZEL (tritt scheu ein): Divara schickt mich zu Euch.
JOHANN (ohne aufzublicken): Wer spricht hier?
WENZEL. Divara schickt mich zu Euch. Ich bin Wenzel von der
Langenstraaten, bischöflicher Fähnrich, heute in Gefangenschaft geraten.
(Wirft sich in die Knie.) Ich bitte um die Gnade, in Münster bleiben zu
dürfen. Bin dir, Johann, mit Leib und Seele ergeben.
JOHANN (blickt ihn an): Du zitterst?
WENZEL. Ich habe Furcht vor dir.
JOHANN (lächelt): Stehe auf. Bald wird die Zeit vorüber sein, da ein
Mensch vor dem anderen Furcht hat. Vor Gott allein sollst du zittern.
Zittere, wenn die Sonne aufgeht, denn der Herr ist im Licht. Wenn der
Wind säuselt, so zittere, denn der Herr ist im Winde. Niemals aber
zittere vor dem gebrechlichen Menschen. – Bleibe in Münster. Bemühe
dich. Diene auf den Wällen und sage Knipperdolling, daß er dir einen
Platz anweisen möge. Jetzt gehe!
Wenzel ab.
JOHANN (steht wie vorhin, tief in Gedanken versunken. Seine Augen
brennen.)
DIVARA (tritt ein, sie betrachtet Johann eine Weile): Du bist unruhig,
Johann?
JOHANN (regt sich nicht von der Stelle, leise): Ich höre viele Stimmen
in mir.
DIVARA. Du solltest schlafen. Johann. Zwei Nächte und zwei Tage bist du
ohne Schlaf. Und heute war ein heißer Tag.
JOHANN. Schlaf? Wer könnte jetzt schlafen? – Ein neuer Tag ist
angebrochen, ich fühle es, Divara. Oft habe ich gezweifelt, ob es recht
sei, mit dem Schwerte für das Evangelium zu kämpfen. Die ersten Täufer
berührten kein Schwert, wie die ersten Christen es nicht berührten.
DIVARA. Du weißt, Johann, daß Gott Mathys das Schwert in die Hand gab
und ihm befahl, die Ungläubigen mit dem Schwerte zu bekämpfen.
JOHANN. Wohl weiß ich es. Wer aber kennt Gottes Beschlüsse? Ich höre
eine Stimme, die sagt, daß ein neuer Tag heraufkommt. Gott hat mir durch
Hille Feiken ein Zeichen gegeben. Ich höre eine Stimme, die sagt: Wirf
das Schwert weg, Johann. Nimm einen grünen Zweig in die Hand und gehe
damit den Feinden entgegen. Sie werden vor dir niederfallen und du wirst
sie besiegen. Ich will meine Feinde mit dem Geiste schlagen, spricht die
Stimme, und nicht mit dem Schwert. (Er taumelt vor Erschöpfung.)
DIVARA. Du bist müde, Johann, ruhe. Lege deinen Kopf in meinen Schoß,
wie du es oft getan hast. Schlafe und die Zweifel werden dich nicht
quälen. Das Lamm Gottes hat genug geblutet, du weißt es. Deshalb lehrte
Mathys die Vernichtung der Ungläubigen.
JOHANN (legt den Kopf in Divaras Schoß. Augenblicklich fällt er, halb
kniend, halb liegend, in Schlaf.)
DIVARA (starrt vor sich hin voller Gram und Sehnsucht): Mathys! Mathys!
JOHANN. Riefst du?
DIVARA. Nein. Ich sagte nichts. Schlafe, Johann. (Nach einer Weile.)
Mathys! Mathys!
JOHANN (fährt auf, unruhig): Ich höre singen.
DIVARA. Es sind die Frauen, die Hille Feiken schmücken. Sie singen dazu.
Schlafe jetzt, Johann.
JOHANN (erhebt sich): Ich will nicht schlafen. Nur ein Tier schläft in
solcher Nacht. – Lies, Divara, wie jeden Abend. Lies die Offenbarungen.
DIVARA (nimmt die Bibel und liest).
Und hörete eine Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, eine Hütte
Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden ein
Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Der Tod wird nicht
mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn
das Erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhle saß, sprach: Siehe, ich
mache alles neu ...
JOHANN, (der erschüttert zugehört hat, hebt die Hand): Genug. Gute
Nacht, Divara. (Divara geht.)
JOHANN (erhebt sich): Siehe, ich mache alles neu ... (Lächelt verzückt.)
Abwischen wirst du alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht
mehr sein – noch Leid – (Er streckt die Arme zum Himmel.) Noch Geschrei
... Ja, komm, komm, Herr Jesu Christ! (Er stürzt in die Knie.) Ich bin
dein Knecht, Herr. Elend und unwürdig. Erleuchte mich! Gib mir die
Kraft, dein Volk durch die Wüste zu führen! – Ja, mache sie neu, diese
Welt. Mache alles neu ... Mein Herz ist froh – du, du, großer Gott, du
wirst es tun ...
In einer ekstatischen Verzerrung, die Arme erhoben, erstarrt er.
Der Vorhang fällt.