WENZEL. Mehr noch. Sie sagte –

DIVARA. Was sagte sie?

WENZEL. Es ist wohl besser, daß ich es verschweige.

DIVARA. Sprich offen, du kannst alles sagen.

WENZEL. Sie glaubt, Ihr seid der Satan selbst, aus der Tiefe der Hölle

gestiegen, um die Menschheit zu verderben.

DIVARA (bleich): Rufe die Wache! Führt ihn hinaus!

WENZEL (stürzt ihr zu Füßen): Verzeiht mir! Ich war unbedacht.

DIVARA (bereut ihre Heftigkeit): Es ist schwer, ruhig zu bleiben, hört

man solch schändliche Beschimpfungen. Ich war heftig, vergib mir. Der

Prophet Mathys lehrt: Bevor du deinem Beleidiger antwortest, beuge das

Haupt und denke an den Erlöser am Kreuz. (Sie pflegt Wenzel wieder,

indem sie vor ihm kniet.) Das Becken, Barbara.

WENZEL. Sähe meine Mutter, wie freundlich Ihr zu mir seid, sie würde

anders von Euch denken. Sie würde Euch lieben, sie hat ein mildes Herz.

Oh, welche Lügen man doch über euch Täufer verbreitet im Lande! Aber ich

werde meiner Mutter Botschaft senden. Und ich bin überzeugt, daß sie

sofort nach Münster kommen wird.

DIVARA. Sie soll willkommen sein. Ist deine Mutter reich? Besitzt sie

Schlösser, Güter?

WENZEL. Keine Schlösser, o nein. Aber eine schöne Burg und zehn Dörfer.

Dazu Wälder und große Fischteiche.

DIVARA. So schreibe ihr, sie möge die Burg und die Dörfer, die Wälder

und Fischteiche den Armen geben. Alle Rentenbriefe und Schuldscheine

möge sie zerreißen und Gold und Geschmeide mit hierher bringen für die

Brüder.

WENZEL (hat mit offenem Mund zugehört): Ist das euer Gesetz?

DIVARA. Wir fordern von unsern Brüdern und Schwestern Gut und Blut. Du

erinnerst dich wohl, was Christus zu dem reichen Jüngling sagte? Man

kann nicht Gott dienen und dem Mammon. Und jetzt verstehst du

vielleicht, weshalb Fürsten und Pfaffen uns verfolgen?

WENZEL. Oh, jetzt fange ich an, es zu begreifen. Nun fürchte ich aber

fast, daß meine Mutter nicht nach Münster kommen wird.

DIVARA (ärgerlich): Wie kleinmütig du bist! Vielleicht verfolgt Gott mit

deiner Gefangenschaft die Absicht, deine Mutter und die Deinen der

reinen Lehre zuzuführen? Wer kennt seine Absichten?

WENZEL (nachdenklich): Wer glauben könnte wie Ihr, Divara!

DIVARA. Wirf die Hoffart ab und sei demütig. Reinige deine Gedanken und

sei gütig und freundlich gegen jedermann. Diene deinen Mitmenschen.

Trägt jemand eine schwere Last, so hilf ihm tragen, hat jemand Kummer,

so tröste ihn. Hungert ein Tier, gib ihm Nahrung. Dies ist der Anfang.

Auch ich war einst ungläubig und wähnte, es genüge, die Messe zu

besuchen und das Kreuz zu schlagen, während doch Wandel und Leben in

Christi Geboten allein der reine Glaube ist. Aber Gott war gnädig und

erweckte mich.

WENZEL. Wie geschah das?

DIVARA. Ich wuchs in einem Dorf an der holländischen Grenze auf. In

einer Nacht kam ein Prediger zu uns, ein Täufer aus Harlem. Es war Jan

Mathys.

WENZEL. Jan Mathys! Oh, ich hörte seinen Namen.

DIVARA (fast verletzt, strahlend): Es wäre merkwürdig, hättest du seinen

Namen nicht gehört! – Er predigte und taufte in einer Scheune. Ich

lauschte im geheimen und ich fühlte, daß er allein die Wahrheit lehrte.

Am Morgen kamen Reiter des Bischofs aus Cleve und durchforschten den

ganzen Hof nach dem Propheten. Mathys stand kaum drei Schritte neben

ihnen in der Scheune. Aber die Reiter sahen ihn nicht.

WENZEL. Wieso aber sahen sie ihn denn nicht?

DIVARA. Gott hatte ihnen die Augen verschlossen und sie geblendet! – Ich

verließ meine Eltern und folgte Mathys nach Münster.

WENZEL. Oh, wie seltsam ist das alles! Aber – man erzählte mir im Lager

– Jan Mathys sei im Kampfe gefallen?

DIVARA. Er fiel in der Woche nach Pfingsten. Siehst du diese Ampel dort?

Sie brennt zu seinem Gedächtnis. Eine Erleuchtung war über ihn gekommen.

Eines Abends sagte er: Liebe Brüder, der Herr hat mich berufen zu hoher

Tat. Morgen werde ich in das Lager der Heiden gehen und sie mit dem

Schwerte schlagen. Er wählte zwölf Streiter und zog zum Tore hinaus. Ich

stand mit den anderen auf dem Wall und wir sahen ihn kämpfen. Hunderte

fielen über Mathys und seine Streiter her. Mathys stand wie ein Turm,

aber zuletzt schlugen sie auch ihn nieder.

WENZEL. Und du lächelst?

DIVARA. Was ist der Tod? Gott hat Mathys zu sich gerufen in die

Herrlichkeit, um seinen Glauben zu belohnen. Er benutzte die Deinigen

als sein Werkzeug.

HILLE FEIKEN (tritt ein. Eine bäuerisch aussehende, junge, hübsche Frau.

Etwas üppig, große Augen. Bescheiden, fast demütig. Etwa 30 Jahre alt.

Sie verbeugt sich.)

Divara beachtet sie nicht.

WENZEL (erhebt sich, nach einer Pause): Sagt nicht: die Meinigen! Ich

gehöre nicht mehr zu ihnen. Bittet den König für mich, Divara, daß ich

bei euch in Münster bleiben darf. Ich will die Taufe nehmen.

DIVARA (zu den Mägden): Führt Wenzel in die Kammer und speist ihn.

Wenzel ab.

HILLE FEIKEN (tritt näher). Guten Abend, Divara!

DIVARA. Guten Abend, Hille.

HILLE FEIKEN. Der König ist noch nicht hier? Ich glaubte seine Stimme zu

hören.

DIVARA (mit einem Anflug von Eifersucht): Dann hast du feinere Ohren als

ich, Hille. Johann ist im Rate, du wirst dich noch etwas gedulden

müssen, bis du ihn siehst.

HILLE (demütig): Ich bin nicht ungeduldig.

DIVARA. Setze dich, Hille. (Pause.) Du bist also entschlossen, den Gang

zu tun?

HILLE (senkt das Haupt): Es hat mich wiederum Kleinmut befallen, Divara.

(Sie zittert unter Divaras Blick.) Ich bin eine Unwürdige, ich weiß es.

Zürne mir nicht, Divara. Ich habe Angst, Johann entgegenzutreten.

DIVARA (betrachtet sie argwöhnisch, lacht): Angst? Wie sollte ein Mensch

Angst vor Johann haben?

HILLE. Und doch ist mein Herz beklommen in seiner Gegenwart.

DIVARA. Vielleicht ist es nicht jedem gegeben, in Johanns Nähe zu leben?

Oft scheint er zu träumen, dann wieder ist er wie ein Besessener. Er ist

gut und sanft wie ein Kind, und doch hat er Hanna, die ihm die Treue

brach, mit eigener Hand mit dem Schwerte gerichtet. Vielleicht ist es

gut, daß du Angst vor ihm hast, Hille.

HILLE. Es ist eigentlich nicht Angst, Divara, aber ich fürchte seine

Augen. Sie blenden oft wie die eines Wolfes im Finstern. Ich kann seinen

Blick von gestern abend nicht mehr vergessen! Gott soll mir gnädig sein.

DIVARA (voller Staunen): Hast du Johann gestern abend gesehen?

HILLE. Ja, gestern abend sprach er mit mir. Er besuchte mich.

DIVARA (erregt): Er besuchte dich?

HILLE. Er rief zum Garten hinein: Hille. Da kam ich heraus. Was hast du,

Divara –?

DIVARA. Ich bin so töricht. (Schmeichelt.) Verzeihe. Sage mit alles.

Also er besuchte dich. Ging er in die Stube?

HILLE. Ich sagte: Wenn die Stube deiner Magd nicht zu gering ist.

DIVARA. Und so trat er ein?

HILLE. Ja. Und er sagte: Hille. Wie ist es mit der Erleuchtung? Ich

sagte ihm: Jede Nacht träume ich denselben Traum, daß ich ins Lager

gehen soll.

DIVARA. Und dann, was sagte er dann?

HILLE. Er sagte dann – (lacht töricht) –, wenn du es vollbringst und du

kommst zurück ans Stadttor, so sollst du meine Gemahlin vor Gott dem

Herrn werden.

Divara springt auf.

DIVARA. Und was antwortetest du?

HILLE. Des Herrn Wille geschehe! – Weshalb tust du mir weh, Divara?

DIVARA. Ich habe dir nicht wehe tun wollen, Hille. Verzeihe mir, Hille.

HILLE. Ich verzeihe dir gern, Divara.

DIVARA. Schwöre mir, daß du mir nichts verheimlichst!

HILLE. Ich schwöre es dir.

DIVARA. Was sagte er noch?

HILLE. Er sagte noch: Wenn du es vollbringst, so will ich dich zur

Königin über Zion setzen.

Divara ist maßlos erstaunt und tief verletzt. Sie erhebt sich,

starrt. Pause.

DIVARA. Das sagte er also.

HILLE (wiederum töricht lachend, ihr Gesicht strahlt vor Freude): Ja,

das sagte er.

DIVARA (tritt in den Raum. Denkt lange nach, mit einem bösen, listigen

Gesichtsausdruck): Aber höre, Hille, wenn du ins Lager gehst, so werden

sie dich fangen und der Bischof wird dich aufs Rad flechten lassen!

HILLE (zittert): Gott sei mir gnädig und barmherzig!

DIVARA. Wenn ich dich betrachte, Hille, du bist ja nur eine Bäuerin. Ich

kann nimmermehr glauben, daß Gott dich auserwählt hat.

HILLE (beleidigt, erhebt sich): Wie grausam du bist, Divara! (Trotzig.)

Aber, höre Divara – vielleicht habe ich doch den Mut, trotzdem ich nur

eine Bäuerin bin, wie du sagst. (Da Divara lächelt.) Ja, ich habe den

Mut, Divara, und Gott wird mich beschützen und nicht in die Hände des

Bischofs fallen lassen!

DIVARA. Johann! Nun werden wir es ja sehen, Hille!

HILLE (flüstert): Gott gebe mir Kraft. (Sie zieht sich zur Wand links

zurück.)

JOHANN (erscheint am Geländer des erhöhten Raumes. Er ist gekleidet wie

im vorigen Akt. Alle Spuren des Kampfes sind verschwunden. Er sieht aus

wie ein Zimmergeselle, der sich nach der Tagesarbeit gewaschen hat. Er

ist zuversichtlich, seine Augen leuchten. Er beugt sich über das

Geländer.)

JOHANN. Hille Feiken!

HILLE FEIKEN (mit tiefer Verbeugung): Hier bin ich, König Johann.

JOHANN (blickt Hille an): Du bist entschlossen, den Gang zu tun,

Schwester Hille?

HILLE FEIKEN (betrachtet Johann lange): Ich bin entschlossen, Johann.

JOHANN. So halte dich bereit. Es wird in dieser Nacht noch geschehen

müssen. (Er entfernt sich wieder.)

DIVARA (triumphierend): Nun kannst du nicht mehr zurück, Hille. Du hast

Johann dein Wort gegeben.

HILLE (verwirrt und erschreckt): In dieser Nacht noch? Jetzt?

(Ekstatisch.) Ja, ich bin entschlossen, es zu tun. Ich werde noch heute

nacht ins Lager des Bischofs gehen.

ROTTMANN (erscheint an der Treppe): Ein Läufer!

Johann und sein Rat (fast wie im ersten Akt) kommen die Treppe

herab in den unteren Raum. Einige Diener mit brennenden Leuchtern

folgen ihnen.

EIN LÄUFER (erscheint).

ROTTMANN. Öffne deine Ohren, mein Sohn, und höre, was ich dir sage. Eine

Verordnung des Königs und des königlichen Rates. Der König und der Rat

haben beschlossen, einundzwanzig Apostel aus Münster zu senden in alle

Richtungen des Himmels. Die Apostel sollen den großen Sieg Münsters über

die Ungläubigen verkünden. Sie sollen die Brüder sammeln in allen Landen

und sie unverzüglich nach Gottes heiliger Stadt entbieten. (Er entrollt

ein Pergament.) Die Brüder Boentrub, Graes, Vinne, Schwering, Kueper,

Scheffer begeben sich nach Osnabrück und Lübeck.

TILBECK. Ich will sie sprechen, bevor sie gehen. Ich habe Freunde in

Lübeck, an die will ich sie verweisen.

ROTTMANN. Du hörtest, was Bruder Tilbeck sagte? Unser Bruder Heinrich

Roll wird sich nach Holland begeben, begleitet von den Brüdern Johann

Geel und van Campen.

ROLL (tritt vor, bescheiden, glücklich): Welche Verdienste habe ich,

Brüder, daß ihr mich abermals auszeichnet? Johann und dem hohen Rat

meinen Dank für die hohe Ehrung!

KRECHTING. Der Rat weiß wohl, wen er sendet!

ROTTMANN. Es ziehen nach Koesfeld im Westen die Brüder Grave, Essens,

Focke, Francker, Regenwart und Beckmann. Nach Osten begeben sich die

Brüder Stralen, Ummegrove, Alfen, Prünn. Die Brüder Clopris und

Burkmeyer gehen nach Köln. War nicht Bruder Clopris hier?

CLOPRIS (tritt vor, tanzt vor Freude): Freue dich, meine Seele und

jauchze! Hier ist der unwürdige Clopris, Brüder, hier bin ich! Ich werde

nach Köln gehen. Ich werde dem Erzbischof ein Netz auslegen, darin er

zappeln soll. Ihr sollt es erleben!

DUSENTSCHUR. Bruder Clopris, du wirst dem Bischof ein Lied vorsingen!

(Er singt mit schriller, rasender Stimme.)

Oh, Köllen, Köllen an dem Rhein,

Wann endlich willst wohl satt du werden

Des Bluts der Heiligen Gottes rein,

Die von dir getötet werden?

CLOPRIS. Des Bluts der Heiligen Gottes rein –! Ja, Dusentschur, ich will

es dem Bischof von Köln in die Ohren singen, daß ihm der Schlaf in

seinem seidenen Bett vergehen soll. (Will gehen.)

ROTTMANN. Warte noch ein Weilchen, Bruder Clopris. Die Apostel, so ist

befohlen, sollen weder Zehrung noch Geld mit sich nehmen, sie sollen

aufbrechen, so wie sie gehen und stehen. Gott der Herr wird für sie

Sorge tragen, so wie er für die Vögel in der Luft Sorge trägt. Sie

sollen in die Städte nicht in der Nacht einziehen wie Diebe und

heimlich, sondern am lichten Tage, wie es einem Streiter der

Gerechtigkeit geziemt. Der allmächtige Gott wird sie beschirmen. Gegeben

am Tage des großen Sieges, am 31. August, anno Domini 1534 durch Gott

und Johann den Gerechten und König im neuen Tempel. – Bote! (Gibt dem

Boten die Rolle.) Du wirst die Apostel finden. Sie mögen sich um

Mitternacht versammeln am Jüdefelder Tor. Ich werde sie aus der Stadt

entlassen. Und jetzt spute dich!

JOHANN. Vergiß nicht: Am lichten Tage sollen sie in die Städte einziehen

und überall offen predigen. So befehle ich es.

Bote ab.

DUSENTSCHUR. Johann, weshalb sendest du mich nicht hinaus? Sende mich

nach Rom! Zum Antichrist!

JOHANN. Befiehlt es Gott, so werde ich auch dich hinaussenden,

Dusentschur.

Clopris und Roll verabschieden sich.

DIVARA. Du willst uns schon wieder verlassen, Bruder Roll? Erst heute

abend bist du gekommen.

ROLL. Der Herr kennt keine Zeit, Divara. Ich muß gehen und ich bin

glücklich, Divara.

DIVARA. Gott beschütze dich, Bruder Roll. Hüte dich vor den

holländischen Spähern.

ROLL. Der Herr wird seine Hand über mich breiten, Divara, nichts

geschieht ohne seinen Willen.

JOHANN (umarmt Roll). Friede sei mit dir, Bruder Roll.

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 8 / 38 题