Im Hause König Johanns. Abend.
Großes gotisches Gemach. Eine Treppe führt in der Mitte zu einem
erhöht liegenden Raume empor. Einige niedrige breite Polsterbänke
zu den beiden Seiten der Treppe und an den Wänden, eine Ampel und
ein paar Kerzen geben dem Raum einen alttestamentarischen,
feierlichen Anstrich. Links und rechts Türen. Das Gemach ist
ziemlich düster. Der erhöhte, in den Hintergrund führende Raum
matt erleuchtet.
DIVARA (bedient Wenzel von der Langenstraaten, der auf einer der
breiten, niedrigen Polsterbänke, rechts von der Treppe, sitzt. Er ist in
bequemer Kleidung und sieht gesund, frisch und blühend aus. Sie badet
ihm in einer Zinnschüssel Hände und Füße. Mägde reichen Zinnkannen und
Linnen, Essenzen usw. Zuweilen geht eine Magd durch das Zimmer, ein Bote
die Treppe hinauf usw. Man sieht, daß Johanns Hofhaltung umfangreich und
geregelt ist. Divara ist sorgfältig, kostbar aber schlicht gekleidet.)
DIVARA. Fühlst du dich jetzt wohler?
WENZEL. Ich fühle mich wie neugeboren und danke Euch von ganzem Herzen.
DIVARA. Du warst sehr erschöpft vom Kampfe und fast ohnmächtig.
WENZEL. Als ich den Wall bestieg, warfen sich die Zimmergesellen wie
Wölfe über mich und schlugen mich und den Feldobersten nieder. Ich war
mehr tot als lebendig. So rasch geschah es.
DIVARA. Du bist wohl noch wenig erfahren in den Waffen. (Lächelnd.) Wie
alt bist du?
WENZEL. Neunzehn Jahre.
DIVARA. Dann bist du gewiß noch nicht lange im bischöflichen Lager? Wie
ist dein Name?
WENZEL. Ich heiße Wenzel Graf von der Langenstraaten und bin ein Vetter
des bischöflichen Feldobersten Meinhard. Im Lager bin ich seit
Pfingsten.
DIVARA. So müßte ich dich eigentlich gnädiger Herr oder Erlaucht nennen,
Wenzel. Aber in der heiligen Stadt Zion gibt es nur Brüder und
Schwestern. Das hochmütige Herz der Menschen kann Titel und Erhöhungen
nicht ertragen. Gnädig ist nur Gott und erlaucht sind allein seine
Propheten. – Gib das Linnen, Barbara. (Sie trocknet ihm die Füße damit.)
WENZEL (erstaunt und fast belustigt, während er errötet): Was tut Ihr?
DIVARA. Man hat dir wohl von den Gebräuchen der Altväter erzählt, von
Abraham, Jakob? Dann weißt du auch, daß ihre Frauen den Gästen die Füße
badeten, wenn sie in ihr Haus traten. Wir eifern ihnen nach. Die
Propheten lehren, daß das eitle Herz der Frauen sich täglich und
stündlich demütigen muß, um nicht hoffärtig zu werden. Hoffart aber ist
die größte Sünde, die Gott nur schwer verzeiht. So sind die Frauen von
Münster auch gehalten, alle niedrigen Dienste, die das Leben erfordert,
abwechselnd zu verrichten, zur Übung der Demut. Wir dienen einer dem
andern.
WENZEL (belustigt): Verzeiht mir, ist die Frage erlaubt: behandelt ihr
alle Gefangenen mit gleicher Milde?
DIVARA. Wir sind heftig im Kampfe, ihr da draußen habt der Brüderschaft
zuviel Leids zugefügt. Fällt aber ein Feind in unsere Hand, so behandeln
wir ihn wie einen Bruder. Er mag bei uns leben und in die Brüderschaft
eintreten.
WENZEL. Wenn er sich aber weigert?
DIVARA. Nun, so muß er sterben. Dies ist das Gesetz.
WENZEL. Ah!
DIVARA. Fürchte nichts. Bis heute haben noch alle Gefangenen die Taufe
angenommen und sich zur reinen Lehre bekehrt.
EINE MAGD (tritt ein): Divara, Hille Feiken ist hier.
DIVARA (horcht auf): Hille Feiken? Was will sie?
DIE MAGD. Sie will den König sprechen.
DIVARA (erhebt sich, voller Spannung): Und was läßt sie Johann melden?
DIE MAGD. Sie ist gekommen, um dem König zu sagen: sie sei entschlossen,
den Gang zu tun.
DIVARA. Sagte sie das?
DIE MAGD. Sie sagte es mit diesen Worten.
DIVARA. So heiß sie eintreten. (Herrisch.) Melde es Johann!
WENZEL (hat sich voller Erstaunen und Schrecken erhoben): Seid Ihr
Divara, die Frau des Königs Johann? Und ich bin im Hause Johanns?
DIVARA. Ich bin Divara, ja.
WENZEL (schlägt das Kreuz).
DIVARA (lacht): Hast du Furcht vor mir?
WENZEL. Nein. Ich schlug das Kreuz nur aus Gewohnheit. Ich habe eine
alte Mutter. Wüßte sie, daß ich bei Euch bin!
DIVARA. Deine Mutter glaubt wohl, ich sei ein sehr gefährliches Weib?