ALLE. Friede sei mir dir, Johann! (Sie verbeugen sich tief. Das
Zeremoniell der Täufer ist so, wie wenn Bauern höfisches Zeremoniell
nachahmten, würdig und schlicht.)
JOHANN (betrachtet den martialisch aussehenden Gefangenen. Mit einem
Lächeln zu den Genossen): Heute nacht träumte ich, ein Wolf kam in meine
Stube. Ich wollte auf ihn losgehen, um ihn zu erwürgen, da erschien eine
weiße Taube und setzte sich auf meine Hand. – Hier ist er ja, der Wolf.
(Er geht zu Meinhard und betrachtet ihn wieder. Meinhard ist betreten
und verwirrt.) Gott möge dir gnädig sein, du Ärmster der Armen! Mit
diesem Antlitz wirst du nie die Schwelle des Paradieses überschreiten!
MEINHARD (weicht zurück).
JOHANN (betrachtet Wenzel): Führt den Knaben da zu den Frauen. Er soll
Schüsseln fegen und Teller waschen. (Wenzel wird abgeführt, wieder
betrachtet er Meinhard.)
MEINHARD (hat seine Fassung wiedergefunden. Herausfordernd): Bist du
Johann Bokelson!
JOHANN. Dies ist mein Name.
MEINHARD. Der Schneidergeselle aus Leyden?
JOHANN. Das Schneiderhandwerk ist mein Gewerbe.
MEINHARD. Also bist du es. Man sagt, du seist der Sohn einer Hure.
(Bewegung.)
JOHANN (betrachtet Meinhard voller Verachtung). Gott vergebe meiner
armen Mutter ihre Sünden. Sie war nur ein schwaches Weib.
MEINHARD. So also sieht er aus, der Verführer des Münsterlandes – der
Antichrist! Ein Schneider König der Christenheit! (Lacht laut auf.)
DUSENTSCHUR. Tod dir! Ich habe ihn gesalbt zum König über Zion auf
Befehl des allmächtigen Gottes!
JOHANN (besänftigt Dusentschur durch eine Bewegung): Löst ihm die
Fesseln! (Es geschieht.)
MURREN. STIMMEN: Johann! Was tust du?
KNIPPERDOLLING. Laß ihn fester binden, Johann! Laß ihn zusammenschnüren,
daß ihm die Adern platzen.
JOHANN (erstickt das Murren mit einem Blick. Plötzlich, ganz
unvermittelt, verwandelt sich Johann. Er tritt zurück und mißt den
Gefangenen mit flammenden Blicken.) Kennst du die letzte Verordnung des
Bischofs über die Täufer?
MEINHARD. Wer sollte alle bischöflichen Verordnungen kennen? Seine Räte
haben nichts anderes zu tun, als mit den Federn zu kratzen.
TILBECK. Man soll sie greifen wie Vögel in der Luft, soll sie mit Hunden
jagen wie die Hasen ...
ROTTMANN. Wenn ein Täufer widerruft, so soll man ihn köpfen. Widerruft
er nicht, so soll man ihn verbrennen!
JOHANN (mit flammenden Augen): Was der Bischof Franz kann, das kann
Johann auch. Widerrufe und ich köpfe dich. Widerrufe nicht, und ich will
dich verbrennen. (Lachen.)
MEINHARD. Habe ich die Kirchen geplündert, Johann?
JOHANN. Ich kann dir die Zunge ausschneiden, so wie es der Bischof getan
hat an meinen Boten, die in seine Hände fielen und nicht sprechen
wollten.
MEINHARD. Habe ich die heiligen Sakramente der Taufe und Ehe geschändet?
Was redest du da? Habe ich die heidnische Vielweiberei eingeführt? Habe
ich mich aufgelehnt gegen Obrigkeit und Gesetz?
JOHANN. Hoffärtiger! Ich kann deinen Kopf auf eine Stange stecken auf
dem Wall, daß man ihn weithin sieht. So wie es der Bischof getan hat in
der verflossenen Woche an meinem Bruder Dietrich Dettner, den seine
Wachen anhielten.
MEINHARD. Habe ich die göttliche Ordnung von Herrn und Knecht umgeworfen
und den Knecht dem Herrn gleichgesetzt? Habe ich Arm und Reich
gleichgemacht? Auch dein Kopf, Johann, wird bald auf einer Stange
getragen werden! Dein Ende wird noch viel schrecklicher sein, Johann,
das prophezeie ich dir!
JOHANN. Es wird geschehen, wie Gott es beschlossen hat. – Ich kann auch
ein Gespenst aus dir machen, Hochmütiger. Wo ist Bruder Hänslein? –
Tritt vor, Bruder Hänslein.
HÄNSLEIN (tritt langsam, voller Furcht, in die Halle. Er ist ein
menschliches Gespenst, irrsinnig, die Augenränder zerfressen. Er trägt
nur ein schmutziges Hemd und ist zu einem Skelett abgemagert. Sein
Anblick ist so entsetzlich, daß Meinhard einen Schritt zurückweicht.)
JOHANN. Sieh ihn dir an, Meinhard. Der Bischof hat ihn zwei Jahre im
Turm gehalten zu Iburg. Als er noch ein Mensch war, hieß er Hänslein von
Langenmantel und war zuletzt Rektor der gelehrten Schule zu
Schmalkalden. (Zu Hänslein.) Habe keine Angst, Hänslein. Niemand wird
dir hier etwas zuleide tun. (Streichelt ihn.) Sage dem Herrn dein
Sprüchlein auf, Hänslein.
HÄNSLEIN (mit einem irren Lächeln, im Singsang, mit bebender dünner
Stimme):
Lag also in dem tiefen Turm,
Der war voll Ungeziefer und Wurm.
Der Würmer und Ungeziefer Hauf,
Die taten mir meinen Trinknapf auf.
Solchen Gestank ich auch annahm
Von der Fäulnis, die ich bekam,
Daß niemand konnt’ bei mir bleiben stehn.
Meine Augen, die konnten nimmer sehn
Er wird verwirrt und stottert:
Den Tag und nicht der Fackel Schein –
Ehre sei Gott in der Höhe!
JOHANN. Sei bedankt, Hänslein. Hast dein Sprüchlein gut aufgesagt. (Er
streichelt ihn, Hänslein ab.)
Pause.
JOHANN. Du kannst nun wählen, Meinhard.
MEINHARD. Mache jetzt ein Ende, Johann! Haue mich in Stücke, wenn du
willst. Hänge mich zwischen zwei Hunden auf. Aber mach’ ein Ende.
JOHANN (bleich, in großer Erregung): Wo sind unsere Brüder hingekommen?
Die Erde hat das Blut der Täufer in Scheffeln getrunken, die Flüsse
wurden rot von ihrem Blut. Unsere Brüder Denk und Hirt und Blaurock?
TILBECK. Erschlagen und ertränkt in Basel und Konstanz.
JOHANN. Und Münzer, den Gott erleuchtete?
ROTTMANN. Hingerichtet in Frankenhausen!
JOHANN. Und unsere Brüder Wagner, Bader, Hubmeyer, Groß, Sattler, Rink,
Hoffmann, die Gott zu seinen Propheten erwählt hatte?
DUSENTSCHUR. In Stücke gehauen, verbrannt zu Augsburg, Salzburg,
Klausen, Straßburg!
JOHANN. Der schwäbische Bund jagt sie wie Wild. In der Pfalz hat Ludwig
durch seinen Schergen Dietrich von Schönberg wohl vierhundert schinden
lassen. In Bayern läßt der Kurfürst sie in Scharen erschlagen. In Tirol
haben ihrer tausend den Flammentod erlitten.
ALLE. Wehe! Wehe! Himmlischer! Räche! Räche! Rott aus! Rott aus!
Vernichte! (Sie wollen sich auf Meinhard stürzen, Johann hält sie
zurück.)
JOHANN. Die Hölle hat sich aufgetan gegen die Brüderschaft und will sie
verschlingen. – Und weißt du, weshalb, Junker? Hoffärtiger? Ich will es
dir sagen! – Weil wir das Evangelium erfüllen mit der _Tat_ und
_Handlung_ und nicht mit dem Wort und der Lippe. Wie Papst, Luther und
Fürsten, evangelische und katholische es tun. – Höre aber, Junker
Meinhard! Gott läßt durch meinen Mund verkünden: Es ist genug! (Stille.)
Es ist genug und Gott will Frieden stiften auf Erden. – Hatte der Junker
ein Schwert? Gebt es ihm zurück!
EINIGE. Johann!
KNIPPERDOLLING. Das kann ich nicht billigen, Johann.
JOHANN (sieht ihn verwundert an).
DUSENTSCHUR. Knipperdolling, ein Stern, ein Stern über Münster!
KNIPPERDOLLING. Ich habe geschworen, daß der Junker sterben muß, wenn
die Sterne aufsteigen.
JOHANN. So sei vorsichtiger mit deinen Eiden und warte, bis ich befehle,
Bruder Knipperdolling.
KNIPPERDOLLING. Wenn du ihn gehen läßt, Johann, so wird er wiederkommen,
so wahr ich lebe!
JOHANN. Laß Legionen wiederkommen – ich fürchte sie nicht! Mit der Hand
fege ich sie über die Wälle.
ALLE (begeistert): Johann, Johann!
JOHANN. Gehe, Meinhard. Gehe zum Bischof. Sage ihm: Nicht Johann von
Leyden führt das Schwert in Münster, sondern Gott der Allmächtige
selbst. Gott hat dem Bischof heute ein Zeichen gegeben, er möge wohl
darauf achten! Sage dem Bischof: Christus ist abermals auferstanden, um
sein reines Wort über die Erde zu verbreiten. Die Menschen sollen nicht
länger Wölfe sein, die sich zerfleischen. Die Hölle ist auf die Erde
gekommen und die Blutbrunst der Menschen ist heute furchtbarer als die
der wilden Tiere.
ALLE. Wahr, wahr. Johann! Oh wahr! Wehe! Wehe!
JOHANN. Aber Gottes Langmut hat ein Ende gefunden! – – Sage dem Bischof,
ich lasse ihm melden: Der Morgenwind hat sich erhoben! Bald wird der
Sturmwind blasen! Wehe, wehe, den Schläfern! Nicht Purpur, nicht Kronen
werden gezählt werden. Wie Daniel sagt, Gott ist mehr an seinem Volke
als an den Tyrannen gelegen. Die falschen Priester, die Gott mit der
Lippe und schönen Worten dienen, sie werden dahinfahren. Die Könige
werden ihre Kronen hinwerfen und die Bischöfe ihre Hüte. Aber es wird zu
spät sein! Sage ihm – ich, Johann von Leyden – ich bin der Bote, der
ausgesandt ist, dem Herrn den Weg zu bereiten.
ALLE. Johann! Johann!
JOHANN. Sage ihm das, Meinhard. So hat Gott es befohlen. Und kein Heer,
kein Geschütz wird mich aufhalten auf meiner Bahn. Ich werde ein Feuer
anzünden auf dieser Erde, das nicht mehr erlöschen wird. Siehe, schon
erhebt sich der Sohn Gottes von seinem Thron, um abermals
niederzusteigen auf diese Erde. Morgen wird er in seinem Glanze über die
Erde fahren und das tausendjährige Reich seiner Herrschaft errichten –
so wie er es verkündete.
ALLE (begeistert): Johann! Johann!
Stille.
JOHANN. Gehe jetzt. Ihr Gesellen bürgt mir für sein Leben! Gert geleite
ihn zum Tore.
KNIPPERDOLLING (aufgebracht): Johann, du wirst es bereuen.
JOHANN. Gott allein befiehlt, Knipperdolling.
MEINHARD (lacht): So habe ich mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen
Augen gesehen, Johann – daß du wahr und wahrhaftig vom Satan besessen
bist! – (Drohend.) Wir sehen uns wieder, ihr Herren! (Ab.)
KNIPPERDOLLING. Hörst du, Johann, hörst du? (Er verläßt entrüstet die
Halle.)
JOHANN (zu allen gewandt): Liebe Brüder und Schwestern! Haben wir nicht
einen starken Gott? Der hat uns geholfen! Seien wir fröhlich und guter
Dinge!
ALLE. Hosiannah! Hosiannah!
DUSENTSCHUR (in Verzückung): Heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und
alle Länder sind seiner Ehre voll.
DIE FRAUEN (im Hintergrund singen freudig und berauscht, während der
Vorhang fällt. Die Worte sind kaum verständlich. Wie ein Wehen ist der
Gesang.)
Singet dem Herren mit Schalle
Ihr Völker und alle Land ...