153. Der Gramme’sche Ringinduktor.

[Abbildung: Fig. 199.]

^Gramme^ ersetzte die Siemens’sche Spule durch einen ^ringförmigen

Induktionsapparat^, den #Gramme’schen Ring#. Dieser besteht ^aus einem^

#Ring# von weichem Eisen, der die Gestalt eines hohlen Cylinders hat; er

ist mit isoliertem #Kupferdrahte# bewickelt, und zwar geht der Draht an

der äußeren Fläche des Ringes längs einer Cylinderkante, kehrt auf der

zugehörigen inneren Kante zurück, geht dann wieder längs der äußeren

Kante, dann längs der inneren Kante zurück u. s. f. bis der ganze Ring

bewickelt ist. Die Drahtwindungen sind in #Gruppen# abgeteilt, etwa 12

wie in der Figur, und das Ende jeder Gruppe ist mit dem Anfange der

nächsten verbunden. Von jeder Verbindungsstelle führt ein ^Drahtstück^

in der Richtung des Radius gegen die Achse des Ringes zum #Kollektor#;

dieser besteht aus Kupferstäben, die auf einem cylindrischen Holzstück

parallel zu dessen Achse isoliert eingelassen sind. Auf diesen

Kupferstreifen schleifen zwei #Kupferdrahtbürsten#, durch Federn

angedrückt, die eine oben, die andere unten. Rechts und links vom Ringe

stehen #die Pole eines kräftigen Elektromagnetes#, der durch den Strom

des Ringes selbst gespeist wird; dann erregt sich auch diese Maschine

selbst durch den remanenten Magnetismus und wirkt nach dem dynamischen

Prinzip.

Die Induktionsströme kommen auf folgende Weise zustande. Die Kraftlinien

gehen vom Nordpol in den nächstliegenden Teil des Ringes, durchlaufen

den Eisenkörper des Rings, ^ohne ihn unterwegs zu verlassen^, und

treten auf der gegenüberliegenden Seite in den Südpol über. Diejenigen

Gruppen, welche eben dem Südpol zugekehrt sind, stellen eine Drahtspule

vor, die nur am oberen und unteren Ende mit den Schleiffedern in

Verbindung steht. In jeder Windung wird also ein Strom von gleicher

Richtung induziert, und zwar immer nur auf der äußeren Seite des Ringes,

da nur dort Kraftlinien durchschnitten werden; der auf der Innenseite

des Ringes laufende Teil jeder Drahtwindung ist inaktiv. Die Gesamtheit

der Windungen dieser Ringhälfte liefert also einen Strom, der seine +

~E~ etwa nach der oberen, seine - ~E~ nach der unteren Schleiffeder

schickt. In den Windungen der anderen Ringhälfte entsteht ein Strom von

entgegengesetzter Richtung, da die Kraftlinien von der entgegengesetzten

Seite her durchschnitten werden. Da aber die Windungen dieser Seite auch

nach entgegengesetzter Richtung laufen (was sich auf der einen Seite

nach aufwärts windet, windet sich auf der andern Seite nach abwärts), so

liefert auch diese Seite + ~E~ zur oberen, - ~E~ zur unteren

Schleiffeder.

[Abbildung: Fig. 200.]

^Beide Hälften sind anzusehen als zwei Elemente, deren positive Pole zur

oberen, deren negative Pole zur unteren Schleiffeder führen, die also

auf Quantität verbunden sind^.

Da bei der Drehung die gegenseitige Stellung der Windungen stets

dieselbe bleibt, indem für jede Windung, die aus ihrer Stellung rückt,

die folgende nachrückt, und für jede Gruppe, die von der rechten Seite

oben auf die linke übertritt, auch unten eine Gruppe von der linken auf

die rechte Seite tritt, ^so ist der Strom fast gleichmäßig, nie

unterbrochen und verändert seine Stärke nicht^, wenn man gleich rasch

weiter dreht.

Wenn der Gramme’sche Ring rasch gedreht wird, so müssen seine

Eisenteile, wenn sie an den Elektromagnetpolen vorübergehen, rasch

Magnetismus annehmen und wieder verlieren; es ist aber dazu doch einige

Zeit erforderlich; deshalb hat der sich drehende Ring seine Pole nicht

gerade den Magnetpolen gegenüber, sondern im Sinne der Drehung erst

etwas später, also links etwas weiter unten, rechts etwas weiter oben.

Damit verschieben sich auch die Stellen, in denen die Induktionsströme

ihre Richtung wechseln, etwas im Sinne der Drehung. Diese Stellen nennt

man auch die neutralen Punkte. Es werden deshalb die Schleiffedern im

Sinne der Drehung etwas verschoben, möglichst genau an die neutralen

Punkte. Daß wirklich Kraft verwendet werden muß, um die Maschine zu

treiben, erkennt man leicht an dem folgenden Versuche. Verbindet man die

Pole der Maschine nicht miteinander, so geht das Umdrehen der Maschine

^verhältnismäßig leicht^; denn weil der Strom nicht geschlossen ist,

erregt sich die Maschine nicht, die Elektromagnete bleiben schwach

magnetisch, und es ist beim Umdrehen nur die ^Reibung^ zu überwinden.

Sobald man aber die Pole verbindet, fühlt man, daß nun ^viel mehr Kraft^

nötig ist; denn nun erregt sich die Maschine, #es wird ein elektrischer

Strom produziert, und gerade dazu wird die Kraft verwendet#.

Häufig benützt man nicht den ganzen Strom zur Erregung der

Elektromagnete, sondern nur einen Zweig desselben. Von der einen

Polklemme führt ein Draht zu den Windungen des Elektromagnetes und dann

zur anderen Polklemme; das ist der eine, innere Zweig, welcher den

Elektromagnet erregt. Von der einen Polklemme führt ein zweiter Draht

dorthin, wo man den Strom benützen will, und von da zurück zur anderen

Polklemme; das ist der äußere Zweig. Diese Verzweigung hat den Vorteil,

daß auch dann, wenn der äußere Kreis nicht geschlossen ist, oder wenn im

äußeren Kreise ein großer Widerstand vorhanden ist, doch der innere

Kreis geschlossen bleibt, und deshalb die Elektromagnete stets erregt

sind.

Einem umfangreichen Gramme’schen Ring kann man auch mehr Magnetpole

gegenüberstellen, muß dann auch entsprechend mehr Schleiffedern

anbringen und hat dann eine #mehrpolige# Maschine.

Man kann diese Maschine leicht den verschiedensten Zwecken anpassen.

Soll sie Ströme von hoher Spannung liefern, so bringt man im

Induktionsring viele Windungen an; da der Draht dabei ziemlich dünn

genommen werden muß, so erhöht sich der innere Widerstand. Will man

Ströme von niedriger Spannung, so genügen wenige Windungen im

Induktionsring; diese kann man dann aus dicken Drähten, dicken Stäben

anfertigen, so daß der innere Widerstand gering ist; ist dabei auch der

äußere Widerstand gering, so hat man große Stromstärke von niedriger

Spannung.

#Man mißt die Leistung einer Dynamomaschine nach Ampère-Volt.# Liefert

eine Maschine einen Strom von 1 Amp. Stärke, und ist dabei die

Potenzialdifferenz an den Polklemmen 1 Volt, so sagt man, sie liefert

ein #Ampère-Volt#, 1 ~A V~; sie ist imstande, die ganze

Elektrizitätsmenge, welche bei 1 ~A~ Stromstärke durch die eine

Polklemme hereinfließt, bei der andern Polklemme mit einer um 1 ~V~

höheren Spannung hinauszuliefern. Gibt eine andere Maschine einen Strom

von 5 ~A~ auch bei 1 ~V~, so ist, da sie eine 5 mal so große

Elektrizitätsmenge in ihrer Spannung erhöht, ihre Leistung 5 mal so

groß; ihre Leistung ist 5 ~A V~. Liefert eine 3. Maschine einen Strom

von 5 ~A~ bei 6 ~V~, so ist, da sie die Elektrizitätsmenge auf eine 6

mal so hohe Spannung bringt, oder 6 mal nacheinander die Spannung um 1

~V~ erhöht, ihre Leistung 6 mal so groß wie die der zweiten Maschine;

ihre Leistung ist demnach = 5 · 6 = 30 ~A V.~ Dies gibt den Satz: #Die

Leistung einer elektrischen Maschine wird gemessen durch das Produkt aus

Stromstärke (~A~) mal Potenzialdifferenz (~V~):#

#Leistung = Amp. Volt#.

Da bei einer Stromstärke von 1 ~Amp.~ in einer Sekunde eine

Elektrizitätsmenge von 1 ~Coulomb~ durchfließt und diese Menge in der

Spannung um 1 ~Volt~ erhöht wird, so ist die dazu erforderliche Arbeit 1

~Amp. Volt = 1 Watt~ = ¹/₉,₈₁ _kgm_. Umgekehrt muß auf eine elektrische

Maschine, welche Strom liefern soll, für jedes ~Amp. Volt~ pro Sekunde

eine Arbeit von 1 ~Watt~ = ¹/₉,₈₁ _kgm_ verwendet werden. Demgemäß

sollte eine elektrische Maschine für jede Pferdekraft einen Strom von

735 ~A V~ geben; in Wirklichkeit liefert sie ca. 600 ~A V~, die besten

liefern bis 700 ~A V~. Bedarf demnach eine Maschine 10 Pferdekräfte, so

liefert sie einen Strom von 10 · 600 = 6000 ~A V~; je nach ihrer

Einrichtung liefert sie einen Strom von niedriger Spannung (etwa 3 ~V~),

der aber dann eine große Stromstärke hat (2000 ~A~) #Quantitätsstrom#;

oder sie liefert einen Strom von hoher Spannung (100 ~V~, 500 ~V~), der

aber dann nur eine mäßige oder geringe Stromstärke besitzt (60 ~A~ bezw.

12 ~A~), #Spannungsstrom#.

Man hat an diesen Maschinen noch manche abgeänderte Konstruktionen

versucht, von denen die ^Siemens’sche Trommelmaschine^ und die

^Schuckert’sche Flachringmaschine^ genannt sein mögen, weil bei ihnen

die inaktiven Teile der Drahtwindungen möglichst vermieden sind. Man

konstruiert jetzt Dynamos von jeder gewünschten Stärke.

Aufgaben:

#107.# Eine Dynamomaschine gibt einen Strom von 60 ~Amp.~ ~à~ 80 ~V~.

Wie viel Pferdekräfte beansprucht sie, wenn 8% für innere Arbeit

verloren gehen?

#108.# Wie viel ~Amp.~ ~à~ 88 ~V~ kann eine Dynamomaschine liefern, wenn

sie 12 Pferdestärken verbraucht und 12% verloren gehen?

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 158 / 340 题