Die Gesetze der magnetelektrischen Induktion werden einfach und
anschaulich durch ^Betrachtung der magnetischen Kraftlinien und durch
Anwendung des dynamischen Prinzips^. Das dynamische Prinzip, eine
Erweiterung des Gesetzes von Lenz lautet: ^Die Richtung eines durch
eine Bewegung induzierten Stromes ist stets so, daß durch Rückwirkung
des induzierten Stromes auf den induzierenden Pol die Geschwindigkeit
der Bewegung verlangsamt würde^; #den Induktionsstrom erhält man als
Ersatz oder Äquivalent für den Aufwand derjenigen Kraft (Dynamis), durch
welche man das Verlangsamen verhindert#.
Wird ^ein Draht vor dem Pol eines Magnetes bewegt, so entsteht ein
Induktionsstrom nur dann, wenn der Draht magnetische Kraftlinien
durchschneidet^. Die Induktion ist am stärksten, wenn der Draht im
magnetischen Feld selbst liegt und bei der Bewegung die Kraftlinien
senkrecht durchschneidet.
[Abbildung: Fig. 193.]
Es sei in Fig. 193 ~AB~ ein Drahtstück, das im magnetischen Feld vor
einem Nordpol ~N~ vorbeigeführt wird, so daß es dessen Kraftlinien
durchschneidet, so wird in ihm, solange es sich dem Pole nähert, ein
Strom induziert, der den Pol (nach Örstedts Regel) abstößt, der also die
Richtung ~A′B′~ hat; wenn sich dann der Draht vom Pol entfernt (von
~A′′B′′~ nach ~A′′′B′′′~), so wird in ihm ein Strom induziert, der den
Pol anzieht, der also die Richtung ~B′′A′′~ hat. Während also ein
Drahtstück vor dem Nordpol vorbeigeführt wird und die aus dem Nordpol
ausstrahlenden Kraftlinien durchschneidet, hat der Induktionsstrom eine
während dieser Bewegung unveränderliche Richtung. Führt man den Draht
vor einem Südpol vorbei, so hat der Induktionsstrom die entgegengesetzte
Richtung.
Man nimmt nach Ampère an, daß im Magnete jedes Molekül Eisen von einem
Kreisstrom umflossen sei, welcher am Nordpol läuft entgegengesetzt dem
Zeiger der Uhr. Stellt man sich vor, daß auch jede Kraftlinie an jedem
Punkte von solchen Ampèreströmen umflossen sei, so ergibt sich die
einfache Regel:
#Wenn ein Drahtstück eine Kraftlinie durchschneidet, so hat der
Induktionsstrom dieselbe Richtung wie der Ampèrestrom an der zuerst
getroffenen Seite.#
[Abbildung: Fig. 194.]
Wenn ein Solenoid an einem Pol vorbei oder zwischen zwei
entgegengesetzten Polen durchbewegt wird, so müssen beim Annähern
Induktionsströme entstehen wie an gleichartigen Polen. Nach der vorher
aufgestellten Regel: die bei der Bewegung vorangehenden Teile der
Drahtwindungen durchschneiden die Kraftlinien und erhalten
Induktionsströme von derselben Richtung wie der Ampèrestrom an der
zuerst getroffenen Stelle. Diese Richtung behält der Induktionsstrom,
bis das Solenoid vor dem Pol oder zwischen den Polen angekommen ist.
Wird das Solenoid wieder von den Polen entfernt, indem man es etwa in
derselben oder in einer anderen Richtung bewegt, so entstehen nun
Induktionsströme von entgegengesetzter Richtung wie vorher, denn sie
müssen nun laufen wie auf ungleichnamigen Polen. Oder nach der vorher
aufgestellten Regel: man berücksichtige, daß, während das Solenoid
zwischen den Polen steht, alle oder doch fast alle Kraftlinien durch
sein Inneres laufen, besonders, wenn im Innern des Solenoides ein Kern
weiches Eisen (Feldmagnet) steckt; bei der Entfernung vom Pol
durchschneiden also die Drähte des Solenoides nur die hinteren Teile die
Kraftlinien und erhalten Induktionsströme. Das gibt dieselbe Richtung
der Induktionsströme; sie laufen wie auf entgegengesetzten Polen.
^Wenn ein^ #Drahtstück# ^an einem Pol vorbeigeführt wird, so entsteht in
ihm nur^ #ein einziger# ^Induktionsstrom; wenn ein^ #Solenoid# ^an einem
Pol vorbeigeführt wird, so entstehen in ihm^ #zwei Ströme# ^von
verschiedener Richtung, der eine beim Annähern, der andere beim
Entfernen^. Wenn man ein Solenoid vom Nordpol entfernt und zugleich
einem Südpol nähert, wenn also das Solenoid einen ^Polwechsel^ ausführt,
so entstehen, wie leicht zu sehen ist, zwei Ströme von gleicher
Richtung, welche sich zu einem einzigen Strom aneinander schließen.
Führt das Solenoid dann den entgegengesetzten Polwechsel aus, indem es
vom Südpol zum Nordpol geht, so entsteht ein Strom von entgegengesetzter
Richtung.
Die elektromotorische Kraft dieser Induktionsströme ist abhängig von der
Stärke des magnetischen Feldes und von der Geschwindigkeit der Bewegung;
#die elektromotorische Kraft ist um so größer, je mehr Kraftlinien in
einer Zeiteinheit durchschnitten werden#.