127. Wirkung zweier Stromteile aufeinander.

Der galvanische Strom bringt mannigfache Wirkungen hervor, die im

folgenden besprochen werden. Diese Wirkungen sind höchst eigentümlicher

Art, und es fehlt uns bei den meisten die Kenntnis, wie sie

hervorgebracht werden. Eine wesentliche Eigenschaft haben aber alle

gemeinsam: Wenn wir bei Betrachtung der Ohmschen Gesetze den Stromkreis

gleichsam in zwei Teile geteilt haben, den Teil, in welchem die positive

Elektrizität fließt, und den, in welchem die negative fließt, so können

wir nun diese Abteilung wieder fallen lassen; denn ^beide Teile

unterscheiden sich in ihren Wirkungen nicht voneinander^. Es ist ganz

gleichgültig, ob die positive Elektrizität von rechts oder die negative

von links durch den Draht läuft; teilt man dem Elemente mitsamt dem

ganzen Stromkreise etwa durch die Elektrisiermaschine eine gewisse Menge

positiver Elektrizität mit, so ist im ganzen Stromkreise keine negative

Elektrizität vorhanden, sondern nur ^ungleich verteilte^ positive

Elektrizität; die ^Stromstärke und Stromwirkung bleibt genau dieselbe^.

Nicht das Vorhandensein der freien Elektrizität verursacht die

Stromwirkung, sondern #das durch die ungleichmäßige Verteilung, das

Gefälle, hervorgebrachte Fließen der Elektrizität bringt die Wirkung

hervor#.

[Abbildung: Fig. 156.]

Man betrachtet den ganzen Stromkreis als einen einzigen Strom und

versteht unter ^„Richtung des Stromes“ diejenige Richtung, in welcher

die positive Elektrizität^ fließt.

Auch die ^Ausgleichstelle^ ist durch ^keinerlei besondere Wirkung^

ausgezeichnet.

^Ampères Gesetze^: #Zwei parallele und gleich gerichtete Ströme ziehen

sich an, zwei parallele und entgegengesetzt gerichtete Ströme stoßen

sich ab, zwei gekreuzte Ströme suchen sich so zu drehen, daß sie

parallel und gleichgerichtet sind.#

Zum Beweise bedient man sich des ^Ampère^schen ^Gestelles^, Fig. 156,

bei welchem der Strom einen leicht beweglichen Leiter durchfließt.

[Abbildung: Fig. 157.]

[Abbildung: Fig. 158.]

Betrachtet man bei gekreuzten Strömen die Stromteile bis zum

Kreuzungspunkte, Fig. 157, so ziehen sich ~BA~ und ~DA~ an, ebenso ~AE~

und ~AC~, während die Stromteile ~AB~ und ~AE~ sich abstoßen, ebenso

~DA~ und ~AC~. Man kann also auch sagen: Zwei sich kreuzende Stromteile

ziehen sich an, wenn sie beide zum Kreuzungspunkte hin- oder beide von

ihm weglaufen; zwei solche Ströme stoßen sich ab, wenn der eine zum

Kreuzungspunkte hin- der andere davon wegläuft.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung: es sei ~BAC~ (Fig. 158) ein

Strom und ~DE~ ein Stromteil, der so auf ihn zufließt, daß er ihn in ~A~

kreuzen würde, so ziehen sich ~BA~ und ~DE~ an mit einer Kraft, deren

Größe und Richtung in ~P~ gezeichnet ist, aber ~AC~ und ~DE~ stoßen sich

ab mit einer Kraft ~P′~. ~P~ und ~P′~ geben nach dem Satze vom

Kräfteparallelogramm eine Resultierende ~R~, welche den Leiter ~DE~ zu

bewegen sucht in einer Richtung, die der Stromrichtung ~BAC~

entgegengesetzt ist. Ist also etwa ~DE~ um ~D~ drehbar, so muß sich ~E~

(unserer Zeichnung gemäß) nach links drehen.

Man hat Apparate konstruiert, in denen ein Stromteil durch einen

kreuzenden Strom in kontinuierliche Drehung versetzt wird; doch fehlt

ihnen praktische Anwendung.

Die anziehende und abstoßende Wirkung zweier Stromteile nimmt mit der

Entfernung ab, wie das Quadrat der Entfernung zunimmt.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 133 / 340 题