106. Der Blitz.

#Der Blitz ist der Entladungsfunke der in der Gewitterwolke vorhandenen

Elektrizität.# Man unterscheidet dreierlei Arten von Blitzen, die

Strahlen-, Flächen- und Kugelblitze. Die #Strahlenblitze# verlaufen

entweder bloß in den Gewitterwolken, oder gehen auch zur Erde. Sie haben

eine gezackte Form, entstehen oft aus mehreren Teilen, spalten sich auch

wieder, beschreiben, wenn sie zur Erde gehen, einen der Hauptrichtung

nach geraden und in der Wolke einen vielfach gebrochenen Weg, der aber

nicht wieder rückwärts führt.

Durch den in der Wolke verlaufenden Blitz verteilt sich die in einem

Teile der Wolkenmasse entstehende und zu großer Spannung angewachsene

Elektrizität auf die anderen Teile (Ballen) der ganzen Wolkenmasse.

Durch den zur Erde gehenden Blitz gelangt sie zu der auf der Erde

influenzierten Elektrizität und gleicht sich mit ihr aus, während die

Influenzelektrizität zweiter Art, die auf der entgegengesetzten Seite

der Erde (bei den Antipoden) entsteht, schon wegen ihrer Verteilung auf

eine sehr große Fläche als nicht mehr vorhanden angesehen werden darf.

Die Blitze in der Wolke haben oft eine Länge von mehreren Kilometern;

der einschlagende Blitz hat nur eine Länge von einigen hundert Metern

(Abstand der Wolke vom Boden). Gleichwohl hat der in der Wolke

verlaufende Blitz keine höhere Spannung der Elektrizität; er fährt von

Ballen zu Ballen, durchdringt die Wolkenmassen, welche durch die

Wasserteile einen, wenn auch schlechten Leiter bilden, setzt sich also

aus mehreren Teilen zusammen, und durchläuft so mittels derselben

Spannung einen viel längeren Weg, als wenn er durch die Luft zur Erde

geht.

#Flächenblitze# verlaufen nur in den Wolken; man sieht einen Teil, eine

Fläche der Wolken, plötzlich in hellem, grell-weißem Lichte aufleuchten,

jedoch keinen Strahl. Näheres über ihre Entstehung und ihren Verlauf ist

nicht bekannt, doch ist ihre Anzahl verhältnismäßig groß, oft größer als

die der Strahlenblitze.

#Kugelblitze# sind sehr selten. Es sind Strahlenblitze, die zur Erde

gehen; wenn sie aber in die Nähe der Erde oder eines hohen Gegenstandes

gekommen sind, gehen sie langsam, so daß man ihren Weg mit dem Auge

verfolgen kann, erscheinen dann als eine glänzende Lichtkugel

(Feuerkugel), laufen als solche sogar noch durch den Blitzableiter,

einen Baum und ähnliches und verschwinden dann in der Erde. Das

^Wetterleuchten^ rührt von fernen Blitzen her und kann bis zu 400 bis

500 _km_ Entfernung wahrgenommen werden, oft als Wiederschein an sehr

hohen Wolken.

Ziemlich selten ist auch das #St. Elmsfeuer#. Steht das Gewitter gerade

über uns, so beobachtet man manchmal Lichtbüschel, flackernde, zuckende,

auch ziemlich ruhige Lichtstrahlen von gelblichem und rötlichem Lichte,

die an hervorragenden spitzigen Gegenständen, Blitzableiterspitzen,

Helm-, Lanzen-, Masten- und Kirchturmspitzen, den emporgehaltenen

Fingern, den Spitzen von Bäumen und Sträuchern zum Vorschein kommen. Es

ist dies das elektrische Büschellicht (oder Glimmlicht), das dadurch

entsteht, daß die Influenzelektrizität erster Art der Erde bei den

Spitzen von Leitern ausströmt, durch die Luft zur Wolke geht und dort

die entgegengesetzte Elektrizität neutralisiert. Es bewirkt so anstatt

der raschen Entladung durch den Blitz eine langsame und ungefährliche

Entladung durch Ausströmen.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 111 / 340 题