58. Die Schmelzwärme.

Die Regel, daß ein Körper wärmer wird, wenn man ihm Wärme zuführt, gilt

nicht, wenn er seinen Aggregatszustand verändert, wenn er also aus dem

festen Zustand in den flüssigen übergeht, schmilzt, oder wenn er aus dem

flüssigen Zustand in den luftförmigen übergeht, verdampft. Wenn man

eine Schüssel voll Schnee oder Eis ins warme Zimmer bringt oder sogar

auf das Feuer stellt, so schmilzt es wohl, aber ein hineingestecktes

Thermometer zeigt beständig 0°, bis alles Eis geschmolzen ist. Alle

Wärme, die während des Schmelzens dem Schnee zugeführt wurde, hat nicht

dazu gedient, um den Schnee zu erwärmen, sondern nur, um ihn zu

schmelzen. #Die zum Schmelzen verwendete Wärmemenge nennt man die

Schmelzwärme des Wassers#, das ist die beim Schmelzen aufgenommene

Wärme, oder auch #latente oder gebundene Wärme# des Wassers, sofern sie

beim Schmelzen verschwunden ist, sich verborgen hat (latent), gebunden

oder verbraucht worden ist, eben um das Eis zu schmelzen. Die

Schwelzwärme beträgt bei Wasser 80 Kal. (genauer 79,25), bei Phosphor 5

Kal., Schwefel 9,4, Zinn 14,3, Blei 5,4, Zink 28,1, Silber 21,1,

Quecksilber 2,8 Kal.

Mischt man 1 _kg_ Wasser von 80° und 1 _kg_ Eis von 0°, so schmilzt das

Eis und man erhält 2 _kg_ Wasser von 0°; die ganze Wärme des Wassers von

80°, 80 Kal. sind verbraucht worden, um 1 _kg_ Eis zu schmelzen. Die

Schmelzwärme des Wassers spielt in der Natur eine große Rolle: sie

verzögert zu Ende des Winters die Erwärmung; denn es bedarf

beträchtlicher Mengen Sonnenwärme, um die großen Massen Schnee und Eis

abzuschmelzen. Ist ein Teich zugefroren und es tritt im Frühjahr Wärme

ein, so erwärmt sich die umliegende Erde ziemlich rasch, während die

Eisdecke des Teiches noch nicht geschmolzen ist. Eisberge schwimmen weit

in die gemäßigte Zone, Gletscher reichen tief ins Tal herab; die

Eiskeller erhalten sich im Sommer kühl, dem Kranken wird durch Eisbeutel

Kühlung verschafft.

#Wenn ein flüssiger Körper wieder fest wird, so gibt er seine latente

Wärme wieder her.# Wirft man ein Stück Blei, das viele Grade unter 0°

erkaltet ist, in Wasser von 0°, so überzieht es sich mit einer

Eiskruste, während seine Temperatur auf 0° steigt; das hiebei

gefrierende Wasser gibt seine latente Wärme her und erwärmt dadurch das

Blei. Wenn man in einem Zimmer, das mehrere Grade unter 0 kalt ist,

nasse Wäsche von 0° aufhängt, so gefriert die Wäsche und die Temperatur

der Zimmerluft steigt. Wasserreichtum eines Landes mildert demnach die

Strenge des Winters, denn für jedes _kg_ Wasser, das gefriert, werden 80

Kalorien frei, die der Luftwärme zu gute kommen.

#Wenn ein fester Körper sich im Wasser auflöst, so wird dadurch das

Wasser kälter#; denn der feste Körper, wie Salz, Zucker geht aus dem

festen in den flüssigen Aggregatszustand über und verbraucht dabei

Wärme. Umgekehrt muß man gerade aus diesem Wärmeverbrauch schließen, daß

sich das Salz hiebei wirklich in einen flüssigen Körper verwandelt, also

schmilzt. Manche Salze lösen sich in sehr großer Menge in Wasser auf; z.

B. 1 _kg_ salpetersaures ^Ammoniak^ in 1 _l_ Wasser; dabei sinkt die

Temperatur von +10° auf -15,5° ~C~.

#Kältemischung:# Wenn man Schnee oder feingestoßenes Eis mit Salz

vermischt, so geschieht folgendes: das Salz hat eine so große Begierde

sich in Wasser aufzulösen, daß es das Eis flüssig macht, um sich in ihm

aufzulösen; es bildet sich in dem Gemische viel Salzwasser. #Weil sowohl

Eis als Salz sich in flüssige Körper verwandeln, so verbrauchen sie

Wärme, weshalb das Gemisch kalt wird#; ^seine Temperatur sinkt bis^ -21°

(Robert Boyle). Wenn man in das Gemisch ein Gefäß mit Wasser stellt, so

gefriert das Wasser. Mittels solcher ^Kältemischung^ macht man

Gefrornes. Ebenso erhält man Kältemischungen, wenn man Schnee oder Eis

mit konzentrierter Schwefelsäure oder Salzsäure mischt. 1,3 _kg_

kristallisiertes Chlorcalcium mit 1 _kg_ Schnee gemischt, gibt sogar

-49°.

Ähnliche Kältemischungen sind: 1 _kg_ Schnee, 4 _kg_ Vitriolöl, 1 _l_

Wasser (-32,5°); 1 _kg_ Schnee, 0,625 _kg_ Salzsäure (-33°); 1 _kg_

Schnee, 0,4 _kg_ Kochsalz, 0,2 _kg_ Salmiak (-24°).

Aufgaben:

#80.# Wie viel Eis schmilzt, wenn man einen Eisenblock von 5 _kg_

Gewicht und 560° Temperatur in Eis packt?

#81.# Welche Wärmemenge ist erforderlich, um 12 _kg_ Eis von -10° zu

schmelzen und auch noch auf 15° ~C~ zu erwärmen?

#82.# 140 _g_ Holz wurden so verbrannt, daß die gesamte

Verbrennungswärme zum Schmelzen von Eis verwandt wurde. Wenn nun dadurch

6,3 _kg_ Eis geschmolzen wurden, wie groß ist die Verbrennungswärme von

1 _kg_ Holz?

#83.# 270 _g_ Blei von 85° haben 9 _g_ Eis von 0° zum Schmelzen

gebracht. Wie groß ist die sp. Wärme des Bleies?

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 60 / 340 题