Leute wie du und deines Schlages sind wohl quitt mit dieser Welt -- so
denke ich mir -- hat doch unser bester Ausschuß nur mehr bedingt mit ihr
zu schaffen. Das Verwirrende auf Erden ist nur die gemeinsame Benennung,
wo so Grundverschiedenes sich ein und derselben Gattung unterschieben
darf: Kobolde, Larven, Trolle und Lemuren, Halb- und Viertelmenschen,
Vampyre, Schemen, Puppen und Wechselbälge, die alle unter demselben
Namen gehen wie der wirkliche Mensch und unfehlbar Unglück und
Verwirrung stiften werden, weil die Finsternis ihrer Halbheit oder ihrer
Unvernunft sich stets als das stärkere Element in der Familie wie im
Staate erweist. Im Staat wie in der Familie.
Warum sage ich das?
Ja, glaubt man etwa an diesem rückständigen Krieg hätten noch unsere
_Menschen teil_? Glaubt man, _sie_ wären so wenig guten Willens gewesen,
daß sie sich nicht kinderleicht verständigt hätten? O kinderleicht!
Kinderleicht. -- Aber nicht so die Ab- und Unterarten, all die vom rein
Menschlichen so unheimlich weit abgerückten Halb- und Viertelsleute, an
denen sich jene ganz spezifischen nationalen Auswüchse und nationalen
Unzulänglichkeiten kristallisieren, welche die führendsten Völker,
soferne man sie _nur_ unter dem Gesichtspunkt ihrer Mängel betrachtet,
höchst wert erscheinen lassen, daß sie zugrunde gehen. Nur da liegt aber
die wahre Lehre dieses Krieges, nur da die wahre Sicherung gegen seine
Wiederkehr, daß für die Tage des aufgehobenen Burgfriedens der
allmächtige Kampf einsetze um die eigne Läuterung. Aus dem Haß heraus zu
hassen, lassen wir das den lächerlichen Lissauern aller Länder. Was ich
sagen wollte: es fällt mir natürlich gar nicht ein, daß ich die
Engländer hasse, ich habe sie sehr gern.
Eine Eisenbahnepisode in Yorkshire hat sich mir eingeprägt. Ich fuhr mit
zwei typischen Anglosachsen in ideal praktischen Sportanzügen, die sich
intensiv über Fischfang unterhielten. Beide wunderschön, dachte ich,
aber ebenso borniert. Jeder gerade nur so viel im Kopfe, als man fürs
Angelwerfen braucht. Echt englisch. Und damit trat ich ans Fenster, an
dem sie sich gegenüber saßen, denn meine Station war gekommen. Ich hatte
auch schon den Wagenschlag aufgestoßen, da blieb der Zug in voller
Fahrt, ich aber, schon halb hinausgebeugt, wäre rettungslos
hinausgeflogen, hätten mich da nicht von beiden Seiten -- mit jener
Flinkheit, die vielen Fischen das Leben kosten mochte, je zwei Arme
gefaßt und in den Wagen zurückgerissen. Da saß ich nun wieder auf meinem
Platz und hatte meine Lehre weg und konnte mich fragen, was jetzt wohl
aus mir wäre ohne die Geistesgegenwart der beiden bornierten Herrn,
welche da ohne eine Miene zu verziehen aus ihren kurzen Pfeifen
weiterrauchten und ihr Gespräch über Fischfang wieder aufgenommen hatten
. . . »Echt englisch«.
Aber weißt du, was mir neulich jemand sagte, der meine Briefe an dich
gelesen hatte: »Ja, wozu schreiben Sie denn das alles? Es ist ja nur,
was alle vernünftigen Leute _denken_?« Welch deprimierende Bemerkung,
nicht wahr! und wie bezeichnend für unsere »Vernünftigen«! Unermüdlich
wird indessen das _Unvernünftige_ in die Welt hinausgerufen, denn wie
regsam sind doch die anderen: die Zersetzer, de Zerstörer, unsere
Kobolde, Larven und Trolle, und wie geschlossen marschieren sie! Ist
denn kein Korpsgeist in den Guten, daß sie mutlos zurückstehen und
geschehen lassen? Es sind ihrer doch Viele, warum sind sie so still?
Heute vor drei Jahren war mein letzter Abschied von Paris. Ich darf
nicht daran denken. Und welche Ironie, mein Gott: es war auf der Place
de la Concorde in einer blauen Pariser Nacht. »Gestehen Sie,« sagte mir
ein französischer Freund, indem er mit einer Geste die Stadt vom Louvre
bis zu den sanft ansteigenden Champs Elysées umschrieb, »gestehen Sie,
daß es nichts Ähnliches gibt.«
»Kennen Sie den Spessart?« fragte ich.
»Le Spessart? was ist das?«
»Es ist ein großer Wald. Die Straßen steigen und fallen dort, als sei
die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder
hinab, und kaum haben sie eine Höhe erreicht, so sausen sie wieder nach
unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg
senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist
es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blüht hier ein altes
Schlößchen, wie aus einem Märchen von Perrault. Die Schweden hatten es
an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der
Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlößchen stand. Gehen Sie
hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stück
Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie
dieses Schlößchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem
Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Städten
genug Straßen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu
bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da
Grabmäler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Würzburg -- o wie
verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider
noch, als wisse sie um ihr frühes Grab; ja in ihrer zarten,
hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose
Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gemäß verfuhr, daß die
Schönheit des eigenen Landes um so glücklicher erstrahlt, je gründlicher
die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrümmerung und einer
Verarmung so groß, daß sie eine Verwilderung war, mußte unser
verdrängter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysäische Gefilde
retten -- und im Affekt packte und schüttelte ich seinen Arm. Furchtbar
entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus
bereicherten wir die Welt; ein tolles, göttliches Volk,« rief ich aus,
»solche Rache zu üben!«
»Sie vergessen!« sagte er aufgebracht und machte sich los.
»O nein!« rief ich inbrünstig in die Nacht hinaus; »ich wollte, das Maß
unserer Großmut wäre voll.«
Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. »Eh bien non!« rief er
herüber. »Eh bien non! vous êtes par trop Allemande.« Es war mein
letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.
In England aber, besonders als ich von Irland zurückkam, fühlte ich mich
noch viel stärker zu ähnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie
finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der
Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!
»We do like her,« sagten meine dortigen Freunde von mir. »But she really
is too german.«
Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormärzlichen Siegesrausches
und der großen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon
sagte, hatte überall die einen über die Grenze gejagt, die andern
zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des
Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den
übervölkerten Städten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehörte dabei
auch, daß ich glaubte, binnen wenig Tagen würden alle von, dem Taumel
erwachen und der Krieg wieder rückgängig werden. Es war ja nicht anders
möglich.
Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten
einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache
gewiß: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wußte mans
schon und es war alles vorbei. Zurück zu den Menschen! Was tat ich noch
fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte
der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung
genügte, um mich meiner unüberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und
wie ein verlaufenes Tier, das überall umkehrt, so suchte ich wieder
meinen Ausgangspunkt, die verödeten und feierlichen Berge, das
vielstimmige Flüßchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im
Wasser schimmerte, wie Glück, wie Menschenglück. Aber laut aufschreiend
sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weißen gehetzt und feine
Franzosenköpfe zerschmettert, und stieß wilde Rufe der Wut, der Schande
und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst
überkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn?
Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen
Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen!
Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so
Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die
gutartigste sei, _darum_ stünden wir so hoch.
Bei jeder Schroffheit aber, jeder Härte, jeder Unmenschlichkeit, welche
der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von
Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort über die Untaten der
anderen. Über das, was in Ostpreußen zum Himmel schrie, war sie ganz
still. Was _an_ Deutschen verübt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren
vogelfrei. Was sie _verübten_, wurde mit flammendem Griffel vermerkt.
Nicht aus Haß allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein
Schmerzensgeheul der Enttäuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das
im höchsten Maße -- wenn auch uneingestandenerweise -- das Vertrauen der
Menschheit besaß, -- so vornean in allem, was zu ihrer Entsühnung und
Erleuchtung führte -- nun auch kopfüber in so vergangene Abgründe
stürzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man
schon verschüttet glaubte, zurücktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der
entsetzlichen Blutschuld. --
Denn wehe! es stand geschrieben, daß Europas künftiger Torwart diese
Erfahrung machen würde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends
wird ja die Sturzwelle so reißend zurückschlagen, ein so tiefer Abscheu
gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch
eingepferchten, durch trübe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten
Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des
Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.
Denn der so empörende Gedanke ist es gewesen, daß es wie eine niedrige
Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole
ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie
nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf
auf sich nahm.
Dies ist die Wahrheit. Für das Volk ist es die _ganze_ Wahrheit gewesen.
Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im
Auge, wider eine Welt.
Auf diesem Höhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren
Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des
Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzähne zu säen und es zu
verleumden. Und während es -- auf Rettung bedacht -- sein Blut nach
allen Himmelsrichtungen verströmt, lassen diese inneren Feinde (die
einzig Unabkömmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und
Vernichten zu reden. In der Not, welche die Männer an der Front
zusammenschweißte, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein
vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der »niederen« Leute
ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekämpft.