Elfter Brief

Es stellt sich doch jedesmal als eine Illusion heraus, wenn man das

Patent auf einen Gedanken oder einen Einfall zu haben glaubte. Was uns

durch den Sinn fährt, hängt schon so sehr in der Luft, daß immer schon

ein paar Leute zuvor darauf verfielen.

Der Frühling umhing noch nicht dies welkgewordene Laub, als ich über die

Grenze fuhr, froh zu einem unbelagerten Himmel aufzusehen. Denn in den

kriegführenden Ländern ist wirklich wie ein Netz über uns ausgespannt,

das uns die Sonne und die Luft vergittert.

Doch keiner verlasse seine Heimat, der sich von seinem einseitigen

Standpunkt als wie von einem Schilderhäuschen nach drei Seiten hin

beschützen ließ. Die fremde Presse darf seiner Bangigkeit nichts

hinzufügen: er darf nichts entdecken. Nur der Undüpierte wage den

Anstieg. Wen es schon gleich zu Anfang umblies, der hüte sich, daß er

ein anderes Mal nicht vornüber stürze und sich die Hirnschale

einschlage.

Da meine Trauer überall dieselbe ist, durfte ich es riskieren, daß ich

die Schweiz nach allen Richtungen befuhr. Ostern, der erste Frühlingstag

war gekommen. Sein sanft geschwellter Hauch erhob sich über Genf, und

der entschleierte Berg leuchtete wissend und bleich am Ende des Tales.

Ich hielt eine Blume, eine frühe, duftende, vom besonnten Hügel

Champels, und stand über die Brücke gebeugt, vor mir die Spiegelung des

Sees. Aber wir, die noch in Sonne, Wind und Regen über der Erde

wandelten, waren ja nur Leidtragende mehr, jede Wiederkehr des Frühlings

würde sich uns auftun wie mit Grabesschwärze; wir blieben die gepreßten

und umflorten Zeugen seines Überschwangs und seiner Glorie, die für uns

durchsetzt blieb von Klängen des Grams um die gemordete Hoffnung. Ostern

nur ein Allerseelen mehr für uns, die wir um das veränderte und

zerklüftete Antlitz dieses Erdteils wissen, der zum weiten Todesacker

verwandelt, so übervölkert ist von den Schatten der Geopferten, o, und

von dem Spuk namenloser Qualen so untröstlich umweht! Der Frühling.

Fürwahr! Auf Jahrzehnte hin griff ich da seiner Wiederkehr allzu

verwegen zuvor, und vor dem Ansturm von Melancholie rettete sich das

Bewußtsein nicht.

Gewiß ist ja das Leben um so _Vieles_ trennender als wie der Tod, daß er

geradezu den Prüfstein der wahren Zusammengehörigkeiten bildet, welche

das krause Leben mit solcher Vorliebe verdrängt. Käme ein Marsbewohner,

vor seiner Fremdheit bangte uns nicht. Warum dies Grauen vor dem so nah

verwandten Geisterreich? Von ihm befleckt, wie die Wellen von der

besonnten Luft, verrinnen doch unsere Tage. Und doch, wo immer wir dem

Lockruf, den es entsendet, zu innig lauschen, entsetzen wir uns; wovor?

Als ich wieder emporsah, waren die Ufer und der Himmel entschwunden, und

Laternenschein herrschte im Dunkel der angebrochenen Nacht. Vor den

flimmernden Schaufenstern gingen Menschen aufrechten Ganges hin und her;

eine Buchhandlung lag hart am erleuchteten Quai. Ich eilte auf sie zu,

mischte mich unter die Kunden, griff nach den Büchern und blätterte

darin. Aber mit welcher Öde, mein Gott! faßte ihre Wirklichkeit an: »Der

Krieg, La guerre, La guerra, The war!« wußte man nicht im voraus, was

sie widereinander brachten?

Ein einziges trug noch die Jahrzahl 1914 und stammte aus der

unwiederbringlich verlorenen, der großen paradiesischen Zeit. Es hieß:

»L'Enigme Allemande« von Georges Bourdon, und ich stieß da gleich auf

folgenden Satz:

»Si demain, dans une crise de criminel délire nos deux peuples se

heurtaient, ce n'est pas en Allemagne seulement qu'il en faudrait

chercher les raisons profondes et les responsabilités.«

Dieses Buch kaufte ich alsbald und verschlang es noch in derselben

Nacht.

»Détestons d'abord,« las ich da, »ces hommes redoutables qui dans leurs

mains ingénues et avides portent la menace d'affreux malheurs; ensuite

plaignons-les. Plaignons-les d'être à ce point fermés à tous les vastes

espoirs qui composent la noblesse de l'homme . . . Tristes et coléreux

pangermanistes, frères irrités et injustes de tous les déclamateurs

coléreux et tristes, dont les fureurs en toutes les langues, répondent

aux nôtres, que vous avez bien tort de tenir pour vos ennemis;

pangermanistes de la Sprée et du Main, qui pardessus les frontières

recevez le souffle fraternel du _panslavisme russe_, de _l'irredentisme

italien_, de _l'impérialisme anglais_, du _nationalisme français_, que

voulez vous? . . .

Les Allemands se rient du pangermaniste. A ses extravagances ils

haussent les épaules. Ils le trouvent comique et s'esclaflent à la

nouvelle, que les Français puissent lui accorder crédit. Si comique et

si haissable que soit le pangermaniste, les Français n'ont pas

tout-à-fait tort de prêter l'oreille à ses vociférations. Le

pangermaniste a sur la molle opinion allemande la sorte d'action que

possède toujours dans l'indécision des foules, l'homme qui s'agite, qui

crie, qui fouette, qui infatigablement, répète les mêmes appels,

infatigablement va éveiller au fond des âmes incertaines et troubles les

égoismes, les instincts, les passions, les appétits, les vanités, les

fanatismes, les barbaries . . . c'est un parti de furieux, où

s'exaltent, comme dans l'ardeur d'un creuset, tout l'égoisme, tout

l'orgueil, toute l'âpreté, toute la cupidité d'un peuple qui, longtemps

malheureux et pauvre, ne s'est pas encore habitué à sa force, à sa

grandeur, à une richesse trop neuve. Toute l'Allemagne laborieuse et

raisonnable le renie; mais pourquoi faut-il qu'elle mette dans son

reniement des intermittences, et qu'en certains jours il lui arrive de

le reconnaître, de parler son langage? . . . Patrie de Luther, n'est ce

donc pas dans sa langue, que le rude réformateur, ayant dépouillé la

robe augustine, terrassé le pape et controversé avec le diable,

s'écriait: »L'humaine raison est quelque chose de surnaturel, un soleil

et une divinité placés dans notre existence pour tout dominer?« . . .

Da stand es ja längst und ich hatte geglaubt, dir etwas Neues

geschrieben zu haben.

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 16 / 21 题