Es stellt sich doch jedesmal als eine Illusion heraus, wenn man das
Patent auf einen Gedanken oder einen Einfall zu haben glaubte. Was uns
durch den Sinn fährt, hängt schon so sehr in der Luft, daß immer schon
ein paar Leute zuvor darauf verfielen.
Der Frühling umhing noch nicht dies welkgewordene Laub, als ich über die
Grenze fuhr, froh zu einem unbelagerten Himmel aufzusehen. Denn in den
kriegführenden Ländern ist wirklich wie ein Netz über uns ausgespannt,
das uns die Sonne und die Luft vergittert.
Doch keiner verlasse seine Heimat, der sich von seinem einseitigen
Standpunkt als wie von einem Schilderhäuschen nach drei Seiten hin
beschützen ließ. Die fremde Presse darf seiner Bangigkeit nichts
hinzufügen: er darf nichts entdecken. Nur der Undüpierte wage den
Anstieg. Wen es schon gleich zu Anfang umblies, der hüte sich, daß er
ein anderes Mal nicht vornüber stürze und sich die Hirnschale
einschlage.
Da meine Trauer überall dieselbe ist, durfte ich es riskieren, daß ich
die Schweiz nach allen Richtungen befuhr. Ostern, der erste Frühlingstag
war gekommen. Sein sanft geschwellter Hauch erhob sich über Genf, und
der entschleierte Berg leuchtete wissend und bleich am Ende des Tales.
Ich hielt eine Blume, eine frühe, duftende, vom besonnten Hügel
Champels, und stand über die Brücke gebeugt, vor mir die Spiegelung des
Sees. Aber wir, die noch in Sonne, Wind und Regen über der Erde
wandelten, waren ja nur Leidtragende mehr, jede Wiederkehr des Frühlings
würde sich uns auftun wie mit Grabesschwärze; wir blieben die gepreßten
und umflorten Zeugen seines Überschwangs und seiner Glorie, die für uns
durchsetzt blieb von Klängen des Grams um die gemordete Hoffnung. Ostern
nur ein Allerseelen mehr für uns, die wir um das veränderte und
zerklüftete Antlitz dieses Erdteils wissen, der zum weiten Todesacker
verwandelt, so übervölkert ist von den Schatten der Geopferten, o, und
von dem Spuk namenloser Qualen so untröstlich umweht! Der Frühling.
Fürwahr! Auf Jahrzehnte hin griff ich da seiner Wiederkehr allzu
verwegen zuvor, und vor dem Ansturm von Melancholie rettete sich das
Bewußtsein nicht.
Gewiß ist ja das Leben um so _Vieles_ trennender als wie der Tod, daß er
geradezu den Prüfstein der wahren Zusammengehörigkeiten bildet, welche
das krause Leben mit solcher Vorliebe verdrängt. Käme ein Marsbewohner,
vor seiner Fremdheit bangte uns nicht. Warum dies Grauen vor dem so nah
verwandten Geisterreich? Von ihm befleckt, wie die Wellen von der
besonnten Luft, verrinnen doch unsere Tage. Und doch, wo immer wir dem
Lockruf, den es entsendet, zu innig lauschen, entsetzen wir uns; wovor?
Als ich wieder emporsah, waren die Ufer und der Himmel entschwunden, und
Laternenschein herrschte im Dunkel der angebrochenen Nacht. Vor den
flimmernden Schaufenstern gingen Menschen aufrechten Ganges hin und her;
eine Buchhandlung lag hart am erleuchteten Quai. Ich eilte auf sie zu,
mischte mich unter die Kunden, griff nach den Büchern und blätterte
darin. Aber mit welcher Öde, mein Gott! faßte ihre Wirklichkeit an: »Der
Krieg, La guerre, La guerra, The war!« wußte man nicht im voraus, was
sie widereinander brachten?
Ein einziges trug noch die Jahrzahl 1914 und stammte aus der
unwiederbringlich verlorenen, der großen paradiesischen Zeit. Es hieß:
»L'Enigme Allemande« von Georges Bourdon, und ich stieß da gleich auf
folgenden Satz:
»Si demain, dans une crise de criminel délire nos deux peuples se
heurtaient, ce n'est pas en Allemagne seulement qu'il en faudrait
chercher les raisons profondes et les responsabilités.«
Dieses Buch kaufte ich alsbald und verschlang es noch in derselben
Nacht.
»Détestons d'abord,« las ich da, »ces hommes redoutables qui dans leurs
mains ingénues et avides portent la menace d'affreux malheurs; ensuite
plaignons-les. Plaignons-les d'être à ce point fermés à tous les vastes
espoirs qui composent la noblesse de l'homme . . . Tristes et coléreux
pangermanistes, frères irrités et injustes de tous les déclamateurs
coléreux et tristes, dont les fureurs en toutes les langues, répondent
aux nôtres, que vous avez bien tort de tenir pour vos ennemis;
pangermanistes de la Sprée et du Main, qui pardessus les frontières
recevez le souffle fraternel du _panslavisme russe_, de _l'irredentisme
italien_, de _l'impérialisme anglais_, du _nationalisme français_, que
voulez vous? . . .
Les Allemands se rient du pangermaniste. A ses extravagances ils
haussent les épaules. Ils le trouvent comique et s'esclaflent à la
nouvelle, que les Français puissent lui accorder crédit. Si comique et
si haissable que soit le pangermaniste, les Français n'ont pas
tout-à-fait tort de prêter l'oreille à ses vociférations. Le
pangermaniste a sur la molle opinion allemande la sorte d'action que
possède toujours dans l'indécision des foules, l'homme qui s'agite, qui
crie, qui fouette, qui infatigablement, répète les mêmes appels,
infatigablement va éveiller au fond des âmes incertaines et troubles les
égoismes, les instincts, les passions, les appétits, les vanités, les
fanatismes, les barbaries . . . c'est un parti de furieux, où
s'exaltent, comme dans l'ardeur d'un creuset, tout l'égoisme, tout
l'orgueil, toute l'âpreté, toute la cupidité d'un peuple qui, longtemps
malheureux et pauvre, ne s'est pas encore habitué à sa force, à sa
grandeur, à une richesse trop neuve. Toute l'Allemagne laborieuse et
raisonnable le renie; mais pourquoi faut-il qu'elle mette dans son
reniement des intermittences, et qu'en certains jours il lui arrive de
le reconnaître, de parler son langage? . . . Patrie de Luther, n'est ce
donc pas dans sa langue, que le rude réformateur, ayant dépouillé la
robe augustine, terrassé le pape et controversé avec le diable,
s'écriait: »L'humaine raison est quelque chose de surnaturel, un soleil
et une divinité placés dans notre existence pour tout dominer?« . . .
Da stand es ja längst und ich hatte geglaubt, dir etwas Neues
geschrieben zu haben.