Dreizehnter Brief

Ich kann dir nur mehr stoßweise einiges sagen.

Es heißt, daß ich die Dinge viel zu tragisch nehme, und es ist wahr, daß

ich dazu neige. Von jeher und instinktiv habe ich mich jenen

verpflichtet gefühlt, welche durch Spott, Ulk und Gelächter oder auch

nur durch einen leichten Ton die latente Maßlosigkeit in mir

korrigierten. Nur hat sich leider Gottes herausgestellt, daß wir im

Gegenteil die Dinge viel zu leicht, nicht daß wir sie zu tragisch

nahmen. Wer hätte sich über die Presse zu sehr alterieren können?

»bringt sie Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus«, soll man über

diese Tatsache hinweg kommen? über die Gedankenlosigkeit der Menschen,

sich keine Gedanken zu machen? ist das die höhere Weisheit, ja? es gibt

verschiedene Nationen, aber nur eine Presse[5], schreibt Kraus. Aber in

der Presse wie überall gibt es anständige Menschen, habe ich gesagt.

Nach einer Sezession der Presse habe ich in Dresden gerufen. War das so

töricht? -- Dabei ist sie in Wirklichkeit längst vorhanden. Es gibt in

jeder großen Stadt Deutschlands eine Zeitung oder eine Zeitschrift,

welche durch all diese trostlosen Monate hindurch Maß, Humanität und

Anständigkeit der Gesinnung bewahrte und ihre Büros jeder Art von

Niedertracht hartnäckig geschlossen hielt. Die Macht freilich

kristallisierte sich um diese Blätter noch nicht zur Genüge.

[Fußnote 5: _Anmerkung_. Wie bezeichnend für ihren Durchschnitt ist das,

was Reiche aus der Zeit der Befreiungskriege überliefert hat. »Im ersten

Augenblick fand man Napoleons Unternehmen tollkühn und abenteuerlich.

Wie er aber dennoch Fortschritte machte und seine Macht mit jedem Tage

wuchs, wurden die Stimmen immer kleinlauter und besorglicher, wovon die

damaligen französischen Tagesblätter einen deutlichen, dabei komischen

Gradmesser abgaben. Sie lauteten:

»Der Unhold ist aus seiner Verbannung entronnen. Er ist von Elba

entwischt. --

»Der korsische Wolf ist bei Luz-Juan ans Land gestiegen.

»Der Tiger hat sich zu Gap gezeigt. Truppen sind auf allen Seiten gegen

ihn in Bewegung. Er endete damit, als elender Abenteurer in den Gebirgen

umherzuirren; entrinnen kann er nicht. --

»Das Ungeheuer ist wirklich, man weiß nicht durch welche Verräterei,

nach Grenoble entkommen.

»Der Tyrann hat in Lyon verweilt, Entsetzen lähmte alles bei seinem

Anblick.

»Der Usurpator hat es gewagt, sich der Hauptstadt bis auf sechzig

Stunden zu nähern.

»Bonaparte nähert sich mit starken Schritten, aber niemals wird er bis

Paris gelangen.

»Napoleon wird morgen unter den Mauern von Paris sein.

»Der Kaiser ist in Fontainebleau.]

* * * * *

Vergangenen Sommer wurde hier der »Parsifal« sehr oft, immer bei

dichtbesetztem Hause, aufgeführt. Aber mein Gott, wie schien er mir doch

von uns abgerückt, die Wellen weit hinabgeflossen, und am Rand des

Horizonts verblaut. Als im ersten Akt der tote Schwan regiegemäß auf

einer Bahre sänftiglich hereingetragen wurde, und Gurnemans mit

gewaltigem Pathos von Parsifals mutwilliger Leistung als von einer

ungeheuren Tat zu singen anfing, sah ich mich unwillkürlich um. Aber es

lachte niemand. Viel eher schien das Publikum der Rührung nahe und sich

des kaputten Vogels zu erbarmen . . . .

»La haine,« schrieb ein Soldat aus dem Schützengraben an Romain Roland,

»la haine, ils en ont fait une vertu civique! -- Comme vous le dites,

quiconque ne hait pas est suspect . . . Imaginez, monsieur, la torture

de vivre dans une telle atmosphère! Devant tant de malheurs sans nom, il

devrait n'y avoir plus que des paroles de pitié -- tandis que ce ne sont

qu' exhortations à la haine, sanctifiant la vengeance et le meurtre

. . . Voilà les paroles qu'on a entendues depuis un an. Et c'est pour

cela que les vôtres ont fait tant de bien. Nous ne savons pas haïr, et

c'est là notre consolation . . . Puisque vous parlez aux deux pays,

dites-leur, monsieur, à ces pauvres Allemands, qui doivent gémir comme

nous de tant de maux, qu'il y a des hommes en France, qui n'ont pour eux

que de la commisération et que, tout en les combattant, nous les

paignons à cause de leurs souffrances pareilles aux nôtres. Nous ne

pouvons survivre à tant de tristesse qu'à force d'amour.«

* * * * *

Aber eine süddeutsche Zeitschrift spiegelt ein anderes Frankreich

wieder, ein ebenso gedankenloses wortkriegerisches Frankreich und ein

ebenso wesenloses wie das Deutschland, das sie erfunden haben.

»Die Völker erwarten reale Garantien, sie erwarten Land, Leute und

Besitz. Es ist ein Frevel, schreiben sie, die furchtbare Wahrheit des

Krieges mit sanftem Friedensgetön zu verflüchtigen. Unsere Toten sind

wirklich tot, unsere Krüppel haben ihre lebendigen Glieder auf dem

Schlachtfeld oder im Lazarett gelassen; unsere Witwen und Waisen

schreien nach ihrem leibhaftigen Schützer und Ernährer.«

Die süddeutsche Zeitschrift hat gut reden. Es ficht sie nicht an, sie,

die weit hinter der Front mit so viel Temperament dem Kriegsgott Blumen

streut, es ficht sie nicht an, daß es noch mehr und immer mehr der

Krüppel geben soll, die ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld

lassen, immer mehr der Witwen und Waisen, die nach ihrem Beschützer

schreien. Immer mehr; denn es sind ihrer noch nicht genug. Es sind der

Blinden, es sind der Jammergestalten noch nicht genug. Fragt sie, die

Soldaten aller Völker, ob ihnen diese Monatshefte nach dem Herzen reden?

Fragt sie doch, es kommt ja nur auf eine Rundfrage an; laßt sie doch

abstimmen, ob sie Land, Leute und Besitz oder ihre Ruhe ersehnen.

Land, Leute und Besitz in der Tat! Wer da besitzen wird, weiß man nur zu

wohl. Wo aber die Leute sein werden, wenn es so weiter geht? und wo das

Land, wo die Provinzen, wo der Küstenstrich -- mein Gott! wert unseren

Erdteil ihretwegen zu verspielen!

»Ihr Süddeutsche,« sagte mir kürzlich ein Berliner, »seid so debonnair,

und bei euch ist der Größenwahn noch Import. Aber wenn ihr ihn

hereinlaßt, dann gnad Gott! denn ihr seid dann die weitaus

widerwärtigsten von allen.«

Ist dies nicht in viel weiterem Sinne wahr? Der Pangermanismus paßt auf

das Volk der Denker wie die Faust aufs Auge. Ein arges Bild! Ist es da

nicht folgerichtig, daß von allen gleichwertigen Bestrebungen er es ist,

der sich am widerwärtigsten präsentiert? --

Ach! und Süddeutsche gar! ich sah mir neulich Bilder von Spitzweg an. O

wie deutsch! Was könnte deutscher sein? und was könnte, weil es so

deutsch ist, weniger mit diesem Krieg zu schaffen haben wie dieser

Spitzweg, der sich im Mannesalter nach Paris aufmachte, um erst durch

den Kontakt, die Verquickung mit französischer Kunst zu jenem echten

Spitzweg zu werden, welcher den Schalk, die Wonnen und das versteckte

Lachen der Natur beschlich, jenem spitzfindigen Spitzweg, der sich das

Spiel der Wolken und die Flöte Pans auf die Palette stahl.

Denn mit deutscher Wesensfülle ist es gar seltsam und kompliziert

bestellt. Ohne Pfropfreis und von alleine hat sich noch keiner zu ihr

vermocht.

* * * * *

Ich weiß nicht, warum mir vorhin bei dem erschossenen Schwan, über den

niemand lachte, der Tiergarten und seine Monumente einfiel, über welche

niemand weint. Daß die Berliner sich achselzuckend und mit ein paar

Witzen darüber hinwegsetzten, war doch unbedacht. Es hat sich dort

meines Wissens kein Komitee gebildet, um zu fordern, daß ein hohes

Gitter die Siegesallee mit allem, was sie Tag und Nacht vor aller Welt

ausbreitet, umziehe, und ihre Besichtigung keinem Zugereisten gestattet

werde. Haben die Alldeutschen sich denn noch nie Gedanken über den

Desaster dieser Trophäen gemacht?

* * * * *

Ich bin zu Ende. Der Rest ist Klage. Seelenkonflikte des einzelnen aber,

weiß man noch, was das ist? Selbst vor dir würde ich meine Zerrissenheit

nicht ausgetragen haben, fiele sie nicht ganz mit dem Elementarsten

zusammen: denn Blut ist alles, was in ihm webt, ist nicht des Staubes.

Darum wird seine Stimme von keiner Brandung übertönt. Von

Staatsangehörigkeit weiß das Unsterbliche nichts. --

Nie hatte ich mich so wenig mit den Franzosen befaßt wie in den letzten

Jahren. Mein Umgang mit ihnen war durch ihren Deutschenhaß getrübt, und

vollends ihre Zeitungen zu verfolgen besaß ich nicht mehr den Mut. Wozu,

dachte ich, sich ewig den Verdruß antun? Alles Vernünftige, hier wie

drüben, scheiterte ja doch, wenn nicht böswillig ihrerseits, so doch

ganz gewiß plumperdings bei uns. Glücklicherweise, -- so dachte ich auch

-- wird ja nichts so heiß gegessen, wie gekocht, und damit betäubte ich

meine Angst, und lebte so dahin. Als ich aber im Frühling vor dem Krieg

London verließ, fuhr ich nicht über Paris, nicht einmal das, obwohl es

mir von seinem linken Ufer aus betrachtet gerade das letzte Mal im

höchsten Grade merkwürdig erschien. Die meisten Deutschen sind ja, was

die Franzosen anbelangt, von einer Oberflächlichkeit, die sonst gar

nicht in ihrem Charakter liegt; dafür wird im gegebenen Fall die

Oberflächlichkeit mit entsprechender Gründlichkeit betrieben, und für

die meisten Deutschen resümiert sich Paris als eine Art von Monte Carlo

in Restaurants, Vergnügungsanstalten und Kokotten. Die »Femme honnête«

zum Beispiel, dieser in der Heimat der Jeanne d'Arc so entzückend

ausgeprägte und so intelligente Typ, blieb in Deutschland ebenso

unbeachtet wie die lautlos fast verzehrende Geistigkeit, der fast

puritanische Ernst und Eifer der Jeune École; vor lauter Moulins und

Folies übersah man die Sorbonne und spürte nicht die immer schärfer

werdende Höhenluft in der Gegend des Panthéons und merkte nicht, daß es

mit Paris kein Fertigwerden gibt, denn es ist unerschöpflich, und für

jede Morschheit, die ihm widerfährt, hält es sich durch neue Triebe,

blütenbeladene neue Äste schadlos. Aber so teuer die silberne und

immergrüne Stadt mir blieb, so hatte ich dennoch angefangen, sie zu

meiden, denn vorwiegend war ich deutsch, und es erbitterte mich, sogar

die Schulbücher mit Verleumdungen angefüllt zu finden, und daß man sogar

die Kinder in Haß und Lüge unterwies. Und ich wurde den Grimm nicht los,

den Geist und die Sprache meines Vaterlandes stetig zurückgedrängt und

an Boden verlieren zu sehen. Denn für den deutschen _Himmel_, ja für

_ihn_ ambitionierte ich die ganze Erde: die ganze Erde sollte er decken,

denn wessen Auge über ihn hinschweifte, wie möchte der ohne ihn leben?

Die Welt schien mir beraubt, wo sie nichts von ihm wußte, und gemein, wo

sie seiner entriet.

Aber dann kam dieser Krieg, und inmitten des Hasses, der ringsum wie

eine kalte Sintflut stieg, und der Wälle, mit denen sich plötzlich die

Menschen gegen ihr früheres Denken, Fühlen und Erinnern verschanzten,

stürzten mir alle Schranken zusammen. Welchen Halt konnte da gewesene

Kritik oder Verdrossenheit noch bieten? Wie Strohhalme war das alles von

einem Strom der Liebe, der Zugehörigkeit, des Eingedenkens überrauscht.

Die Franzosen waren jetzt nicht minder meine Brüder als die Deutschen,

denn sie waren mir nicht minder anverwandt, daß ich sie widereinander

heilig hielt, war meine Not, aber meine Heimat lag jetzt _zwischen_

ihnen! Mochte man in Polen immerzu vordringen und als Sühne für

Ostpreußen von Rußland an sich reißen so viel man wollte; gerne![6] Aber

je tiefer nach Frankreich hinein der Boden von den Schritten der als

Feinde vordringenden Deutschen erdröhnte, je fremder, je verbannter fing

ich an mich unter ihnen zu fühlen. Und wer vor mir die Franzosen

schmähte, dem fuhr ich ins Gesicht, eh ich es wußte; so ganz entglitt

ich mir! Wie der Zündstoff, der an die Flamme gerät. Nicht _er_ ist in

Frage. Oder wer geböte dem Sturm? daß nicht _ich_ es war, gab die

Berechtigung. Der Anprall wars, mit nichten, daß er mich zermalmte.

Gesetzt ein Krieg zwischen Christen und Juden wäre entbrannt, und ich

eine halbe Jüdin, so würde ich ohne weiteres als eine solche gelten --

und es würde niemand von mir verlangen, daß ich mich für eine

Vernichtung der Israeliten begeistere. Was aber einer halben Jüdin recht

wäre, ist einer halben Französin -- so dächte ich -- zum mindesten

billig. So dächte ich. Daher der Titel dieses Buches. Mein Blut hat die

Fanfare nur zu wohl vernommen. Ich preise die andern glücklich, aber ich

beneide sie nicht; sie dürfen unterscheiden zwischen Freund und Feind;

ich aber darf nicht betäuben und nicht abirren von einer Qual, die vor

Gott selbst ein solcher Jammer ist.

[Fußnote 6: Es ist ja so groß!]

Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gäbe, es beirrte mich

nicht; so stark ist der Ruf. Und dann ist ja der heutige Tag nicht so

geartet, daß ich ihn zum Richter über mich erhebe. Falls diese Briefe

mich überleben, wird man sie nicht wegen ihres Titels verhöhnen. Nur

indem ich heute in Deutschland auch die französische Fahne hochhielt,

gab ich außerdem die Gewähr, wie unverbrüchlich treu ich heute in

Frankreich zu der deutschen stünde.

Denn an zwei Fahnen hat dieser entsetzliche Krieg mich vereidet. Zwei

Fahnen, schwesterlich umflort, halten meine Hände umklammert. Ich wärs

zufrieden, trüge man sie beide -- wo immer ich sterben mag -- meinem

Sarge voran; auch die Tricolore! so heißgeliebt! --

Und du mein Deutschtum! Angebetetes! Und wolkenumhüllt -- als hätte es

die Gottheit unseren eigenen Blicken entrückt, unversöhnt, wie einst, da

sich der Tag der Griechen nicht erfüllte, eh nicht Orest und mit ihm

Pylades, der Gleichwertige, und gleich Gefährdete -- eines des andern

Retter -- an die finsteren Ufer hinverschlagen -- gemeinsam die Schwelle

des Tempels überschritten, in welchem die freudelose Iphigenie das Bild

der einheimischen Göttin in der Verbannung hegte.

Nicht eher, nicht anders wird sich der Tag erfüllen.

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 18 / 21 题