Es ist zu früh.«

Meine Freundin erbot sich, für den Kontraktbruch aufzukommen, wenn ich

nur diesen Vortrag nicht hielt. Außerdem schiene ich krank. Der Arzt

würde nicht anstehen, mich für reiseunfähig zu erklären. Und wie schön

sei es hier in dem verschneiten gemütlichen Gasthaus. Nein, ich dürfe

nicht gehen; -- sie fuhren mich im Schlitten einen Paß empor. Dort sah

man in der Tat die Herrlichkeiten der Welt wie von der Zinne eines

Tempels; und man war ihr abgewandt, der wahnsinnig grinsenden

Todesfratze des Krieges; ferne den genarrten Menschen war man dem Leben

nah.

»Sie werden sich selbst nur schaden, ohne zu nützen,« redete mir hier

einer der Herren noch einmal zu. »Es ist zu spät.«

Doch wie hätte ich -- auf ihre Zustimmung hin -- ihrer Warnungen achten

dürfen? »Tausendmal recht« und »mit jedem Worte einverstanden,« waren

dies nicht ihre Worte gewesen? Was blieb da übrig, als daß ich den Berg

Tabor wieder herunterging, um dem gelben Winternebel entgegenzufahren,

welcher die Stadt mit ihren elektrischen Bahnen und ihren

Zeitungsplakaten umhing?

Dort hatte ich jetzt einige Not mit meinen Bekannten: sie taten sich

durch eine recht empfindliche Neugierde hervor und machten dabei ihr

Interesse für mich geltend, sowie ihre Erfahrungen, oder die Ratschläge,

die sie mir geben konnten. Doch wer immer den Vortrag hören wollte, der

hörte nur von den zwei ostpreußischen Offizieren und ihrer Begeisterung.

Der Eifer meiner Bekannten wuchs; sie meinten es gut, aber ich wußte es

besser. Endlich setzten sie über meinen Kopf hinweg eine Generalprobe

fest, bei der ich fehlte.

Ariel gegenüber beklagte ich mich über diese neue Art, mir zuzusetzen.

Die Warnungen der drei Eingeweihten, welche immer lauter in mir

nachklangen, je näher meine Abreise rückte, machten mir den Kopf

ohnedies schwer.

»_Einen_ Verschworenen müssen Sie aber noch haben,« meinte er. »Ohne ein

paar Vortragsstunden wird es nicht gehen.« Und er führte mich zu einer

Schauspielerin.

Sie erwartete uns. Erst gab sie uns Tee in einem Raum von japanischer

Leere und forderte mich dann unvermittelt auf, ihn mit Bewußtsein zu

durchschreiten. Dabei stellte sich heraus, daß ich eine so einfache,

stets so unbedenklich volltane Sache mit einem Male nicht mehr konnte;

Arme und Beine waren mir wie mit Brettern angeschnallt und ich trat über

die glatten Fliesen wie durch einen Bach. Als es dann ans Lesen ging,

unterbrach sie mich zu Anfang sehr oft, schärfte mir auch ein, den

Vortrag auswendig zu lernen, denn die Befangenheit spiele dem Neuling

gefährliche Streiche; so könnte es sein, daß im kritischen Augenblick

ein wilder Tanz unter den Buchstaben tobte und meine Augen machtlos

wären, sie zu unterscheiden. Auch korrigierte sie an meiner Sprechweise

und meiner Haltung.

Sie war, obwohl noch sehr jung, die erste Schauspielerin der Stadt. Ihr

hellenisches Gesicht war von einer seltenen Klarheit, und ihr Haar

schloß sich wie ein geflügelter Helm an ihre Schläfen. Langsam schien

sich aber, während ich las, dies helle Bild mit Mißmut, ja fast mit

Unwillen wie mit einem Gitter zu umziehen und zu entfernen. War es eine

zu offenkundige schauspielerische Unbegabtheit oder waren es meine

Worte, die sie verstimmten? -- sie ließ mich reden. »Kennen Sie

Dresden?« fragte sie, als ich zu Ende war. »Jedenfalls sind Sie doch auf

Widerspruch von seiten des Publikums gefaßt?«

»Aber nein!« sagte ich. »Warum denn?«

Da fing ich einen raschen Blick auf, den Ariel ihr zuwarf.

»Ausgezeichnet!« rief sie aus, als sei sie plötzlich im Bilde, und sie

behing mich nun mit den wertvollsten Ratschlägen, wie mit Geschmeide:

ich sollte mit meiner Kette spielen, während ich sprach, um mir einen

Halt zu geben, und vor allen Dingen durch ein selbstbewußtes, sicheres,

wenn nicht kommandierendes, wenn nicht gar impertinentes Auftreten jedem

Verdacht an mein blutiges Anfängertum vorbeugen. Im übrigen würde ich

meine Sache vortrefflich machen. Sie zweifle gar nicht daran.

»Und wenn es losgeht,« sagte Ariel . . .

»Wenn es losgeht,« fiel sie voll Eifer ein, »so treten Sie zwei Schritte

vor,« -- und sie nahm mir das Heft aus der Hand, und wie zu einer

tausendköpfigen Menge gewendet: »Ich bestehe auf meinem Recht, zu Ende

zu reden!« rief sie ihr schneidend und mit stolzer Miene entgegen.

Aber was sollte denn losgehen? Ich verließ sie ganz in Gedanken. »Es war

kein Erfolg,« wollte ich zu Ariel sagen. Aber da war er oben geblieben.

Als ich ein paar Tage später noch einmal zur Probe bei ihr erschien,

lobte sie meine Fortschritte und war noch einnehmender und

liebenswürdiger als zuletzt, und erst auf der Treppe befiel mich wieder

der Zweifel: War es nicht auf Ariels Tun zurückzuführen, daß sie mich

nicht entmutigte?

Meine Koffer waren gepackt --, ich stand zur Abreise bereit, als eine

Alarmdepesche des stellvertretenden Herrn eintraf, mit der Zumutung, ein

zweites Manuskript für alle Fälle mitzubringen, weil das Generalkommando

mein Thema vielleicht doch beanstanden würde. Jetzt noch zurücktreten?

-- Ich dachte nicht daran. Höchstens auf einen zweiten Titel für ein und

denselben Vortrag wollte ich mich unterwegs besinnen, kaufte auch

schnell ein Heft, um es zwischen München und Dresden mit einer

unleserlichen Schrift zu überziehen. Die übrige Zeit lernte ich

auswendig, als gelte es mein Leben.

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 10 / 21 题