Fünfter Brief

Meine Briefe an dich haben eine lange Unterbrechung erhalten, ich bin

inzwischen in Dresden gewesen und habe dort in einem eher spärlich und

zumeist mit Damen besetzten Saale einen Vortrag gehalten. Nichts wäre

also leichter gewesen, als ihn totzuschweigen. Aber die Journalisten

telegraphierten bis nach Istrien, in alle Grenzlande hinein und hinaus

zu den Neutralen, was ich gesagt hatte. So wissen es jetzt alle. Kein

Wunder, daß ich zufrieden bin.

Dennoch hätte ich nicht gedacht, daß ich eine Genugtuung darin finden

würde, von den meisten Zeitungen beschimpft zu werden. Überraschungen,

die man sich selber bereitet, sind nie ganz langweilig. Ich hatte mich

für bescheidener gehalten.

Aber lasse dir den ganzen Hergang erzählen, bevor ich ihn selbst in

allen seinen Zusammenhängen vergesse, _ihretwegen_ lasse sie dir

erzählen. Denn ich liebe nichts so sehr an den Dingen, als wenn sie den

Charakter der Fügung an sich tragen, der sie ihrer sonstigen

Unwichtigkeit enthebt, man kann nicht gleich sagen, wie weit.

Im vorigen Frühjahr, mitten im Frieden, also im goldenen Zeitalter noch,

forderte mich die Dresdener Literarische Gesellschaft zu einem Vortrag

für den kommenden Winter auf. Gezeichnet Major Nicolai. Eine solche

Einladung war mir neu. Aber der Januar 1915 lag ja in so weiter Ferne!

Ich sagte also provisorisch zu.

Sehr erfreut war die Antwort. Und welches Thema gedachte ich zu wählen?

Ich nannte Irland, aufs Geratewohl.

Irland war wie eine große, leere Urne, in die man viel hineinlegen

konnte, wenn es wirklich dazu kommen sollte. Im übrigen hatte es ja gute

Weile.

So kam der Sommer. Es kam der Krieg. Und jene Tage innerster Abkehr und

Zerfallenheit, da sich der einzelne einer Abgegrenztheit überwiesen sah,

unentrinnbar wie die des Sarges, da er sehen mußte, wie er dem

Untergange standhielt und ein imaginärer Halt noch der sicherste schien.

In jenen selben Tagen kam ein Brief, um mich an den vergessenen Vortrag

zu erinnern.

Blieb es bei Irland?

Nein.

In Anbetracht der Ereignisse sei ein anderes Thema gewiß vorzuziehen,

schrieb der Major Nicolai. Und hatte ich meine Wahl getroffen?

Aber ich hatte keine Ahnung und stellte eine Bedenkfrist, indessen

rückte der Major ins Feld. Es war ein anderer Herr, der sich eine Weile

später nach meinen Beschlüssen erkundigte. Dieser setzte nach Art der

neuen Besen gleich viel geschäftiger ein und bedeutete mir, daß zwar in

Anbetracht des Krieges die meisten Vorträge in diesem Winter ausfielen,

er aber . . . ich aber . . . _mein_ Vortrag aber . . . und es folgte

wieder die ergebenste Frage nach meinem Thema.

Ich hatte mich jetzt besonnen und schrieb zurück, daß es besser wäre,

wenn er unterbliebe; denn wenn ich spräche, so könnte ich nur von dem

Konflikt derjenigen reden, welche außerstande seien, sich in die

Tatsache des gegenwärtigen Krieges zu finden. Sonst hätte ich auf der

Welt nichts zu sagen, was von genügendem Interesse wäre.

Jetzt erst kam Tempo in die Unterhandlung.

Wie interessant! schrieb der stellvertretende Herr.

Allerdings müsse er mich darauf aufmerksam machen, daß nicht über

Politik geredet werden dürfe. In Dresden schon gar. Überhaupt die

Dresdener! . . . Jedoch . . . Jedoch der stellvertretende Herr wollte

nicht auf mich verzichten.

Über Politik wollte ich nicht sprechen, jedoch mein Thema eigne sich

nicht.

Ihm persönlich sage es außerordentlich zu, versicherte er.

Da wollte ich die Sache noch einmal berufen und verlangte mehr Geld.

In Kriegszeiten! erwiderte er bestürzt . . . Niemand, erhielte da ein

höheres Honorar. Wenn ich auf meiner Forderung bestünde, sähe er sich zu

seinem größten Bedauern gezwungen -- er hoffe, es würde nicht dazu

kommen -- einen Ersatz zu suchen.

Aber da wurde ich nicht ohne Schrecken inne welche Strecke ich

mittlerweile gelaufen und wie entschlossen, wie erpicht ich schon war,

den Vortrag zu wagen.

Es sei ja nicht des Geldes wegen, schrieb ich postwendend, und vom

Moment an, wo keine Zurücksetzung vorläge . . . Kurz, ich nahm, wie man

sagt, meine Truppen etwas zurück.

Noch am selben Tage fuhr ich ins Gebirge.

Es verweilte dort die Sonne über einem noch unbeschneiten Berg, dessen

braune Hänge etwas von den Reflexen und dem warmen Hauch des Sommers

zurückhielten, und das Auge vergaß hier des Winters ganz und gar.

Sommerlich lockte da auch die beschienene Bank auf der Höhe, die ich

bestieg.

Tief unten, zu meiner Linken, lag jetzt im kalten Schatten das Dorf.

Also in Gottes Namen! dachte ich und zog ein kleines Heft und einen

Bleistift hervor.

Allein es war, als hätte ein unsichtbarer Regisseur auf diesen

Augenblick gepaßt, um ein Signal zu geben. Denn gleichzeitig und wie auf

ein Stichwort hin wurde da unten ein großes Scheunentor aufgestoßen, und

wie aus einer Kulisse brach ein Rudel zufriedener Schafe ins Freie

hervor, ergoß seine wolligen Massen schnell über die Straße, die Brücke

hin, und fing an, den sonnigen Berg zu erklettern.

Auf dieser Sommerstation arbeitete ich nun darauf los, apostrophierte

die einsame Landschaft und baute, so gut ich es wußte, langsam und

hartnäckig meine Worte auf. In dem altväterischen Gasthaus unten waren

zwei ostpreußische Offiziere mit schlecht verheilten Wunden zur Nachkur

angekommen. Der eine hatte Jaurès sprechen gehört, der andere hatte

selbst Vorträge halten müssen; beide wählte ich eines Abends zu meinem

Auditorium und las ihnen den meinen vor; sie fanden ihn unmöglich in

allen Punkten und sagten es unverblümt. Es gelang ihnen sogar unverweilt

eine Parodie desselben; die Gelegenheit schien einer Sonderbestellung

von Kaffee und Kuchen durchaus würdig, es wurde viel gelacht; ich nahm

an allem teil, aber in mir war das kalte Dorf. Denn los ließ ich jetzt

nimmer, fuhr am nächsten Morgen in die Stadt zurück und machte die ganze

Arbeit von vorn.

Die Zeit drängte, die Mühe war verzweifelt; ich ruderte darauf los, war

auch schon wieder über die Hälfte Weges gelangt, als der »tote Punkt«

sich auftat und das unbemannte Boot an einer Sandbank festfuhr. Meine

Kräfte genügten nicht, es wieder flott zu machen. Anfang und Ende lagen

wie zwei geborstene Stücke und schlossen sich nicht an, alle Energie war

vergebens. Es fehlte das Vermögen. Angestrengt und ausgelöscht zugleich

starrte ich vor mich hin, als sich die Türe öffnete und ein von

Begriffen schneller Freund, der mir lange kein Lebenszeichen gegeben

hatte, unvermutet, wie auf höherem Geheiß, wie der Engel vor Tobias,

unvermutet vor mir stand.

Ariel! rief ich aus, nahm nicht Zeit zu wissen, woher er des Weges sei,

noch wie es ihm ging, sondern bestürmte ihn alsbald, mir zu helfen. Er

war gleich orientiert, es bedurfte nicht vieler Erklärungen: wenn ich

nicht zu bewegen war, von der Expedition zu lassen, dann war mir nicht

anders zu helfen, als indem man mir half -- und er machte sich im

Augenblick daran, zu den paar kräftigen Rucken auszuholen, zu welchen

mir der Atem ausgegangen war. Hei! Wie lustig schaukelte jetzt das

gelichtete Boot die Wellen weiter.

Und war es im übrigen nicht durch seine Gesinnung verankert?

Schnell fuhr ich jetzt noch einmal in die Berge zurück und überraschte

die beiden Ostpreußen durch meine Wiederkehr. Diesmal war auch eine

Freundin zugegen. Es wiederholte sich jener Abend, nur daß nicht mehr

gelacht wurde.

»Ich bin ja mit jedem ihrer Worte einverstanden,« sagte der ältere

Offizier, »aber was glauben Sie, was Ihnen alles an den Kopf fliegen

wird, wenn Sie den Leuten das sagen?«

»Sie haben tausendmal recht!« sagte der andere, »aber Sie werden nichts

erreichen.

Es ist vergebens.

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 9 / 21 题