Sechster Brief

Wieder habe ich ausgesetzt. Es fehlte mir der Mut, weiter zu schreiben.

-- Während der Erdteil sich mit alten Leuten zu füllen scheint, weil sie

die zahlreicheren geworden sind, und die Söhne die vom Tode Erlesenen

sind, _ihre_ Herzen es sind, die erkalten, inmitten des Feuers, des

Wahnsinns, des Taumels der Völker, gebricht der Mut, so winzige Dinge

weiter zu erzählen. Ich glaube, wir sprachen einmal davon, als du noch

lebtest.

Aber die Hauptsache ist doch der Posten, so sagtest du, gleichviel

welcher, und auch wenn es nur ein unbestallter und selbstgeschaffener

wäre, und der Uniformierte sei letzten Endes nur ein sinnfälliges Abbild

desjenigen Soldatentums, dem keiner entlaufen darf. So bedarf es denn

keiner Entschuldigung, vielmehr _obliegen_ mir diese Briefe, auch wenn

sie nur die eines freiwilligen Grenzwächters sind, dessen Dienste

unbegehrt, dessen verzweifelte Zeichen stets unverstanden blieben.

So höre denn, wie es weiterging.

Als ich vor dem Hotel Bellevue ausstieg, war es Mitternacht, und von der

Fahrt in der überhitzten Kohlenluft und dem Auswendiglernen erschöpft,

nahm ich das erste beste Staatszimmer; zu Kriegspreisen. Auch zog noch,

trotz der späten Stunde, ein aufrechter Pikkolo mit gedeckten Schüsseln

schwungvoll auf, und es waren nur mehr so abgelegene und unbeschwerte

Bilder wie die des Marquis von Carabas und des gestiefelten Katers, an

welchen ich festhielt.

Nicht so der stellvertretende Herr.

Allzu zeitig hing er schon am Telephon und gab mir seine Besorgnisse

kund. Infolge eines neuen Erlasses, daß jeder Vortrag, welcher sich mit

dem Kriege befaßte, acht Tage vor dem Termin eingereicht werden müsse,

hielt jetzt das Generalkommando mit der Genehmigung zurück.

»O! Das Generalkommando wird gar nichts gegen meinen Vortrag einzuwenden

haben,« sagte ich, den Ellenbogen bequem aufgestützt, in das Rohr

hinein.

»Aber nein! Aber keinesfalls! Diese Versicherung habe ich auch auf das

ausdrücklichste gegeben, und ich habe kräftig vorgebaut,« klang es

lebhaft, fast aufgeregt zurück.

Nun, dachte ich, da ist jemand, der ja auf das Zustandekommen meiner

Rede zu brennen scheint. Da kann ich mir den Luxus der stets so

kleidsamen Gelassenheit erlauben.

»Hallo!«

»Ja?« sagte ich.

»Ah -- ich dachte, wir seien unterbrochen.« Und er fragte, um welche

Zeit er die Ehre haben würde, von mir empfangen zu werden.

»Um fünf Uhr.«

Er bat mich mittlerweile, den Saal des Künstlerhauses anzusehen und dort

meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brächte mich in wenigen Minuten

hin.

Ich nahm die Elektrische. -- Wie eine Sächsin mitten unter Sachsen fuhr

ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstraße. Das

Künstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Fräulein zum

Saal geleitete, weiß ich nicht mehr, meine Wünsche aber, welche der

stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich

durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung

des Pultes in nächster Nähe der Türe. Sanft, aber bestimmt verordnete

ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft

sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die

routinierte Rednerin. Guten Tag.

Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie

eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brühlsche

Terrasse, umfinstert und naß, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe

zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag

probeweise noch einmal her, die Stelle über die Journalisten mit

besonderer Betonung.

»So können wir gar nicht verstehen,« rief ich mit aufgespanntem Schirme

und mit meiner Kette spielend den triefenden Bäumen und den umnebelten

Ufern zu, »so können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch

schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum

sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum

sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der würdigen

Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich

ihre Amtsbrüder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der

Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf

seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen

verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den >Matin< einzuschreiten, der

schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung

unterdrückt. Aber in jedem Lande,« fuhr ich mit erhobener Stimme fort,

»gibt es Erscheinungen, die dem >Matin< nacheifern, ohne ihn zu

erreichen; es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der Lüge

leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts

notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse

entstünde.«

Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war

jetzt. Heute abend würde man nicht umhin können, mir hier zuzurufen. Der

großen Mehrheit würde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen.

Ärgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fühlten. Aber

was wollten sie machen?

Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen

war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es

galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon

dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.

Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende

Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das

Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurück und

machte ihm Sorgen. Sie würde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein

langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm

weg, und da ich nicht wußte, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie höflich

in Schutz. Warum aber gab er sich die Mühe, den Mann der weiten Welt vor

mir zu spielen? und daß er Vettern in Paris besaß, wie gleichgültig war

das! Zugleich erschrak ich doch, daß so hart vor Torschluß ein so

deutliches Gefühl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er

in bedeutsamem Tone ein, daß die gesamte Dresdener und sogar ein Teil

der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen würde. Jetzt war ich ganz

Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem

Kreise beschließen. Wollte ich das?

Aber ganz gewiß wollte ich das.

Als er mich verließ, war es höchste Zeit, mich umzuziehen. Die

Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefällig, wie sorgfältig sie war!

Sie erzählte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber plötzlich

sagte sie: »O es ist spät!« Da faßte mich ein großes Entsetzen. Ich

eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines.

Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mühselig vor, und indes

der Zeiger über die achte Stunde immer weiter hinaus rückte, zog er mich

gemach durch die Dunkelheit.

Doch grelles Licht ergoß sich über die Treppe des Künstlerhauses, und

blendende Flächen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisförmig über

den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und

verspätet die Stufen hinauf. Durch eine zufällig sich öffnende Tür sah

ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.

Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte

nur ich. Befrackt -- und unruhig, und doch beglückt, eilte mein Ritter

durch die Gänge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den

Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir

vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich

stets gewußt, -- ohne zu wissen, -- daß es so kommen würde. Im

Künstlerzimmer wartete auch schon ein älterer Herr, um mir in aller Form

das Honorar zu überreichen. Ich unterschrieb -- schob es in meinen Muff,

und mein Ritter --, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war

ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen

Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.

Es sei Zeit, sagte er zurücktretend.

Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und öffnete die Türe des

Saales. --

Doch unwillkürlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon.

Denn angesichts dieser versammelten Menschen überkam mich, zwischen Türe

und Pult, mir selber unerwartet -- statt Befangenheit, das größte

Sicherheitsgefühl meines Lebens. Es verließ mich auch dann nicht, als

ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar:

ein Mädchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr

in Uniform, einer, dessen weiße Haare hervorstachen, zwei andere in

mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den

vorderen Reihen ältere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter.

Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralität.

Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob

herrschten, sagte ich, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich

die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man

redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen,

und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses

Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Pietät für die Gefallenen.

Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem

Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur

besiegelten.

»Sie verstehen gar nichts!« schrie einer.

Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend,

gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken

anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit

einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir

müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen

Berührungen verteidigen . . .

»Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher

als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften

Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbürgers hat schon durch eifriges

Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen

Schiffbruch erlitten.«

Es waren die zwei Sätze, die Ariel mir geschenkt hatte.

Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphäre zu heben. Ich suchte

die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir,

oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem

Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es

mißfällt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam

schon die vorletzte Seite und dann wars überstanden.

So können wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen

Blick in das Heft zu werfen, daß die Völker sich allesamt ihre

hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der

würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der

Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Regierungen hat man davon

gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter

des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun eines Monarchen

verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den »Matin« einzuschreiten, der,

schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Mäßigung

unterdrückt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem

»Matin« nacheifern . . .

»Infamie!« schrie ein Getroffener auf

Der Mann mit den weißen Haaren war vom Stuhle gesprungen. »Eine

unerhörte Gemeinheit!« rief er laut durch den Saal, und ihn quer

durchschreitend, ging er empört zur Türe. Ein dritter hatte sich von

seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine

Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen bärtigen Kopf, von Haß

entstellt, und sah ihn so deutlich, daß mich eine Ruhe, eine Genugtuung,

eine Kühle überkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht,

und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte

ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Hätte man nur zehntausend

hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben,

dachte ich geradeaus starrend, hätte man nur zehntausend von diesen

Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die

urteilslose Masse mißbrauchen, in allen unseren Ländern den gesunden

Kreislauf im Blute unserer Völker unterbanden, und wo immer diese

überzugreifen und nach Ergänzung strebten, hintanhielten und endlich

zurückwarfen, weiß der Teufel auf wie lange, hätte man sie nur

rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen von allen Ufern

des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen

Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses

Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger

Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen

geschlagener Jünglinge, und gute friedliche Völker, die sich liebten, ja

die sich liebten, sie, die sich liebten, hätten nie daran gedacht, sich

Leid zuzufügen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel,

indem Ihr sie erzähltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so daß sie gleich

alle als »Repressalien« entstanden! Ja, hätte man zehntausend

hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und

gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all

diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch

lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Güte

vergiftet habt, die Ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von einem Ende

zum anderen überzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem

Kriege, deren Knochen, wie die der Schächer, hätten zerbrochen werden

sollen, bevor wir zuließen, was jetzt geschieht! --

Aufgewühlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, während der Mann

seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitüden zusammengesetzt und im

wüstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von großer Geläufigkeit

und schloß sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch

hinabsteigen in die Gräber, um mich von den Verstümmelungen und

ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu überzeugen; für eine

so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schönen, ursprünglich für

mich gedachten Applaus für sich selber ein.

Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und

bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter

wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium stürzte und mit

gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung für meinen

Vortrag weit von sich zu weisen. Hätte er geahnt . . . und er berief

sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O

wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war

Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener

Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter über mich, auf daß es

entscheide, ob ich zu Ende reden dürfe oder nicht.

Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber

sofort von wütenden »Nein« niedergeschrien, und was jetzt entstand,

darüber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah

ich recht? -- ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fäuste gegen

mich?

Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und

ihrer so bestimmten Prophezeiungen über die unausbleiblichen Folgen

meines Tuns, stürzte ich von allen Höhen angesichts des Sturmes, den ich

heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir -- nie ernsthaft

natürlich, aber in Momenten der Müdigkeit und zur Kurzweil -- hatte ich

mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern würde, und ich

wie Brutus vor der Türe zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache

unendlich fördern und den großen internationalen Generalstreik gegen

jegliche Hetze sogleich und überall beschleunigen würde. Ja, sogar der

Möglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken

vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel

von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was

ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch für den

Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wüste Skandalszene, als deren

Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten

Majorität, oder falls es eine Minorität war, machte sie jedenfalls den

größeren Spektakel, so daß sie einer Majorität gleichkam. Kurz

entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne

einen Gruß (hätte ihn doch gerade der mit den geballten Fäusten für sich

nehmen können!) verließ ich das Podium und war fort.

Doch kaum hatte ich das Künstlerzimmer betreten, als es von der anderen

Seite gestürmt und die gegenüberliegenden Türen aufgestoßen wurden. Vom

Saal her tönte noch ein so wilder Lärm, daß ich angesichts dieser

fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen,

unwillkürlich zurücktrat.

Es war jedoch die Schar derer, welche meine Äußerungen billigten und

sich nun in Sympathiekundgebungen überboten und sich entrüsteten und

wollten, daß ich meine Meinung über Dresden nicht nach den Erfahrungen

dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie

durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so

merkwürdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine

Worte zu bereuen, daß ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet;

aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder

auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu

nähern suchte? Während er mich so umringt und nach allen Seiten danken

sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. »Ich

habe Sie gewarnt,« sagte er verbindlich.

»Nein -- _ich_ habe _Sie_ gewarnt!« gab ich mit meiner schrillsten

Kopfstimme zur Kenntnis. »Sie werden sich erinnern . . .«

»Ich habe Sie gewarnt! Dreimal!« unterbrach ich ihn so weit vernehmlich,

und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte,

diesmal zu behalten, daß er es vorzog zu entschwinden.

Aber die Entrüstung über ihn, wie meine Partei sie äußerte, brachte ich

nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. --

Hier war einer, der es für Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der

Presse, was immer er im stillen über sie dachte, offen zu verderben.

Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei

dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich hätte

präsidieren sollen (himmlisch!), würde es ohnehin schwer auf ihn

niederhageln. Sollte ich ihm grollen, daß er schnell seinen Schirm

aufriß? Sah er denn wie ein Desperado aus? -- Langsam von Begriffen, zog

ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich

jetzt über die kleine Schar, die zu mir hielt.

Für den Rückzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen

geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und wir gingen zu Fuß. Sie

boten mir ihren Schutz, ihre Häuser, ihre Gastfreundschaft, -- aber ich

hatte nur den Wunsch, möglichst schnell von Dresden fortzukommen.

»Wollen Sie mir beim Packen helfen?« fragte ich sie und nahm mein

unbekanntes Quartett zu mir hinauf.

Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich

ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch

allein zu sein, wurde mit einem Male übermächtig. Und als sie mich

verließen und ich die Türe hinter ihnen schloß, gedachte ich die wenigen

Stunden bis zum trüben Morgen zu verschlafen.

Doch kaum hatte ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, da

warf sich ein Frost über mich her und schüttelte mich, daß meine Zähne

immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich

beseligende Trauer wie ein Mantel über mich hin; und jetzt erst war ich

mir bewußt, was dieser Abend mir selber bedeute: -- Ein Stein, der mich

fast erdrückte, war von meinem Gewissen fortgewälzt, und ich hatte mir

eine Lichtung inmitten des Gestrüpps und einen Weg erfochten. Dies und

noch etwas anderes.

Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er,

seiner selbst kaum mehr bewußt, nicht mehr weiß, daß er Augen hat und

ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Händen weiß und gleichsam ohne

Füße wandelt. Und nie ist er doch so restlos er _selbst_, -- wer erklärt

das? -- als wenn eine Idee ihn allem Persönlichen so weit entreißt, daß

er -- nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr -- dennoch

höchstem Gefühl des Seins teilhaft wird, während er doch in solchen

Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlöre.

Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die

Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung

entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. -- Doch von Berlin

erzähle ich dir ein anderes Mal.

Briefe einer Deutsch-Französin · 第 11 / 21 题