Wieder habe ich ausgesetzt. Es fehlte mir der Mut, weiter zu schreiben.
-- Während der Erdteil sich mit alten Leuten zu füllen scheint, weil sie
die zahlreicheren geworden sind, und die Söhne die vom Tode Erlesenen
sind, _ihre_ Herzen es sind, die erkalten, inmitten des Feuers, des
Wahnsinns, des Taumels der Völker, gebricht der Mut, so winzige Dinge
weiter zu erzählen. Ich glaube, wir sprachen einmal davon, als du noch
lebtest.
Aber die Hauptsache ist doch der Posten, so sagtest du, gleichviel
welcher, und auch wenn es nur ein unbestallter und selbstgeschaffener
wäre, und der Uniformierte sei letzten Endes nur ein sinnfälliges Abbild
desjenigen Soldatentums, dem keiner entlaufen darf. So bedarf es denn
keiner Entschuldigung, vielmehr _obliegen_ mir diese Briefe, auch wenn
sie nur die eines freiwilligen Grenzwächters sind, dessen Dienste
unbegehrt, dessen verzweifelte Zeichen stets unverstanden blieben.
So höre denn, wie es weiterging.
Als ich vor dem Hotel Bellevue ausstieg, war es Mitternacht, und von der
Fahrt in der überhitzten Kohlenluft und dem Auswendiglernen erschöpft,
nahm ich das erste beste Staatszimmer; zu Kriegspreisen. Auch zog noch,
trotz der späten Stunde, ein aufrechter Pikkolo mit gedeckten Schüsseln
schwungvoll auf, und es waren nur mehr so abgelegene und unbeschwerte
Bilder wie die des Marquis von Carabas und des gestiefelten Katers, an
welchen ich festhielt.
Nicht so der stellvertretende Herr.
Allzu zeitig hing er schon am Telephon und gab mir seine Besorgnisse
kund. Infolge eines neuen Erlasses, daß jeder Vortrag, welcher sich mit
dem Kriege befaßte, acht Tage vor dem Termin eingereicht werden müsse,
hielt jetzt das Generalkommando mit der Genehmigung zurück.
»O! Das Generalkommando wird gar nichts gegen meinen Vortrag einzuwenden
haben,« sagte ich, den Ellenbogen bequem aufgestützt, in das Rohr
hinein.
»Aber nein! Aber keinesfalls! Diese Versicherung habe ich auch auf das
ausdrücklichste gegeben, und ich habe kräftig vorgebaut,« klang es
lebhaft, fast aufgeregt zurück.
Nun, dachte ich, da ist jemand, der ja auf das Zustandekommen meiner
Rede zu brennen scheint. Da kann ich mir den Luxus der stets so
kleidsamen Gelassenheit erlauben.
»Hallo!«
»Ja?« sagte ich.
»Ah -- ich dachte, wir seien unterbrochen.« Und er fragte, um welche
Zeit er die Ehre haben würde, von mir empfangen zu werden.
»Um fünf Uhr.«
Er bat mich mittlerweile, den Saal des Künstlerhauses anzusehen und dort
meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brächte mich in wenigen Minuten
hin.
Ich nahm die Elektrische. -- Wie eine Sächsin mitten unter Sachsen fuhr
ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstraße. Das
Künstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Fräulein zum
Saal geleitete, weiß ich nicht mehr, meine Wünsche aber, welche der
stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich
durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung
des Pultes in nächster Nähe der Türe. Sanft, aber bestimmt verordnete
ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft
sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die
routinierte Rednerin. Guten Tag.
Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie
eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brühlsche
Terrasse, umfinstert und naß, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe
zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag
probeweise noch einmal her, die Stelle über die Journalisten mit
besonderer Betonung.
»So können wir gar nicht verstehen,« rief ich mit aufgespanntem Schirme
und mit meiner Kette spielend den triefenden Bäumen und den umnebelten
Ufern zu, »so können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch
schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum
sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum
sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der würdigen
Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich
ihre Amtsbrüder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der
Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf
seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen
verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den >Matin< einzuschreiten, der
schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung
unterdrückt. Aber in jedem Lande,« fuhr ich mit erhobener Stimme fort,
»gibt es Erscheinungen, die dem >Matin< nacheifern, ohne ihn zu
erreichen; es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der Lüge
leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts
notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse
entstünde.«
Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war
jetzt. Heute abend würde man nicht umhin können, mir hier zuzurufen. Der
großen Mehrheit würde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen.
Ärgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fühlten. Aber
was wollten sie machen?
Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen
war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es
galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon
dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.
Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende
Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das
Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurück und
machte ihm Sorgen. Sie würde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein
langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm
weg, und da ich nicht wußte, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie höflich
in Schutz. Warum aber gab er sich die Mühe, den Mann der weiten Welt vor
mir zu spielen? und daß er Vettern in Paris besaß, wie gleichgültig war
das! Zugleich erschrak ich doch, daß so hart vor Torschluß ein so
deutliches Gefühl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er
in bedeutsamem Tone ein, daß die gesamte Dresdener und sogar ein Teil
der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen würde. Jetzt war ich ganz
Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem
Kreise beschließen. Wollte ich das?
Aber ganz gewiß wollte ich das.
Als er mich verließ, war es höchste Zeit, mich umzuziehen. Die
Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefällig, wie sorgfältig sie war!
Sie erzählte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber plötzlich
sagte sie: »O es ist spät!« Da faßte mich ein großes Entsetzen. Ich
eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines.
Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mühselig vor, und indes
der Zeiger über die achte Stunde immer weiter hinaus rückte, zog er mich
gemach durch die Dunkelheit.
Doch grelles Licht ergoß sich über die Treppe des Künstlerhauses, und
blendende Flächen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisförmig über
den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und
verspätet die Stufen hinauf. Durch eine zufällig sich öffnende Tür sah
ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.
Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte
nur ich. Befrackt -- und unruhig, und doch beglückt, eilte mein Ritter
durch die Gänge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den
Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir
vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich
stets gewußt, -- ohne zu wissen, -- daß es so kommen würde. Im
Künstlerzimmer wartete auch schon ein älterer Herr, um mir in aller Form
das Honorar zu überreichen. Ich unterschrieb -- schob es in meinen Muff,
und mein Ritter --, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war
ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen
Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.
Es sei Zeit, sagte er zurücktretend.
Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und öffnete die Türe des
Saales. --
Doch unwillkürlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon.
Denn angesichts dieser versammelten Menschen überkam mich, zwischen Türe
und Pult, mir selber unerwartet -- statt Befangenheit, das größte
Sicherheitsgefühl meines Lebens. Es verließ mich auch dann nicht, als
ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar:
ein Mädchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr
in Uniform, einer, dessen weiße Haare hervorstachen, zwei andere in
mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den
vorderen Reihen ältere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter.
Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralität.
Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob
herrschten, sagte ich, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich
die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man
redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen,
und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses
Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Pietät für die Gefallenen.
Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem
Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur
besiegelten.
»Sie verstehen gar nichts!« schrie einer.
Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend,
gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken
anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit
einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir
müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen
Berührungen verteidigen . . .
»Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher
als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften
Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbürgers hat schon durch eifriges
Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen
Schiffbruch erlitten.«
Es waren die zwei Sätze, die Ariel mir geschenkt hatte.
Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphäre zu heben. Ich suchte
die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir,
oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem
Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es
mißfällt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam
schon die vorletzte Seite und dann wars überstanden.
So können wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen
Blick in das Heft zu werfen, daß die Völker sich allesamt ihre
hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der
würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der
Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Regierungen hat man davon
gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter
des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun eines Monarchen
verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den »Matin« einzuschreiten, der,
schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Mäßigung
unterdrückt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem
»Matin« nacheifern . . .
»Infamie!« schrie ein Getroffener auf
Der Mann mit den weißen Haaren war vom Stuhle gesprungen. »Eine
unerhörte Gemeinheit!« rief er laut durch den Saal, und ihn quer
durchschreitend, ging er empört zur Türe. Ein dritter hatte sich von
seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine
Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen bärtigen Kopf, von Haß
entstellt, und sah ihn so deutlich, daß mich eine Ruhe, eine Genugtuung,
eine Kühle überkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht,
und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte
ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Hätte man nur zehntausend
hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben,
dachte ich geradeaus starrend, hätte man nur zehntausend von diesen
Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die
urteilslose Masse mißbrauchen, in allen unseren Ländern den gesunden
Kreislauf im Blute unserer Völker unterbanden, und wo immer diese
überzugreifen und nach Ergänzung strebten, hintanhielten und endlich
zurückwarfen, weiß der Teufel auf wie lange, hätte man sie nur
rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen von allen Ufern
des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen
Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses
Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger
Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen
geschlagener Jünglinge, und gute friedliche Völker, die sich liebten, ja
die sich liebten, sie, die sich liebten, hätten nie daran gedacht, sich
Leid zuzufügen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel,
indem Ihr sie erzähltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so daß sie gleich
alle als »Repressalien« entstanden! Ja, hätte man zehntausend
hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und
gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all
diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch
lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Güte
vergiftet habt, die Ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von einem Ende
zum anderen überzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem
Kriege, deren Knochen, wie die der Schächer, hätten zerbrochen werden
sollen, bevor wir zuließen, was jetzt geschieht! --
Aufgewühlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, während der Mann
seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitüden zusammengesetzt und im
wüstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von großer Geläufigkeit
und schloß sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch
hinabsteigen in die Gräber, um mich von den Verstümmelungen und
ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu überzeugen; für eine
so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schönen, ursprünglich für
mich gedachten Applaus für sich selber ein.
Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und
bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter
wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium stürzte und mit
gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung für meinen
Vortrag weit von sich zu weisen. Hätte er geahnt . . . und er berief
sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O
wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war
Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener
Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter über mich, auf daß es
entscheide, ob ich zu Ende reden dürfe oder nicht.
Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber
sofort von wütenden »Nein« niedergeschrien, und was jetzt entstand,
darüber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah
ich recht? -- ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fäuste gegen
mich?
Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und
ihrer so bestimmten Prophezeiungen über die unausbleiblichen Folgen
meines Tuns, stürzte ich von allen Höhen angesichts des Sturmes, den ich
heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir -- nie ernsthaft
natürlich, aber in Momenten der Müdigkeit und zur Kurzweil -- hatte ich
mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern würde, und ich
wie Brutus vor der Türe zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache
unendlich fördern und den großen internationalen Generalstreik gegen
jegliche Hetze sogleich und überall beschleunigen würde. Ja, sogar der
Möglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken
vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel
von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was
ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch für den
Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wüste Skandalszene, als deren
Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten
Majorität, oder falls es eine Minorität war, machte sie jedenfalls den
größeren Spektakel, so daß sie einer Majorität gleichkam. Kurz
entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne
einen Gruß (hätte ihn doch gerade der mit den geballten Fäusten für sich
nehmen können!) verließ ich das Podium und war fort.
Doch kaum hatte ich das Künstlerzimmer betreten, als es von der anderen
Seite gestürmt und die gegenüberliegenden Türen aufgestoßen wurden. Vom
Saal her tönte noch ein so wilder Lärm, daß ich angesichts dieser
fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen,
unwillkürlich zurücktrat.
Es war jedoch die Schar derer, welche meine Äußerungen billigten und
sich nun in Sympathiekundgebungen überboten und sich entrüsteten und
wollten, daß ich meine Meinung über Dresden nicht nach den Erfahrungen
dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie
durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so
merkwürdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine
Worte zu bereuen, daß ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet;
aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder
auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu
nähern suchte? Während er mich so umringt und nach allen Seiten danken
sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. »Ich
habe Sie gewarnt,« sagte er verbindlich.
»Nein -- _ich_ habe _Sie_ gewarnt!« gab ich mit meiner schrillsten
Kopfstimme zur Kenntnis. »Sie werden sich erinnern . . .«
»Ich habe Sie gewarnt! Dreimal!« unterbrach ich ihn so weit vernehmlich,
und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte,
diesmal zu behalten, daß er es vorzog zu entschwinden.
Aber die Entrüstung über ihn, wie meine Partei sie äußerte, brachte ich
nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. --
Hier war einer, der es für Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der
Presse, was immer er im stillen über sie dachte, offen zu verderben.
Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei
dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich hätte
präsidieren sollen (himmlisch!), würde es ohnehin schwer auf ihn
niederhageln. Sollte ich ihm grollen, daß er schnell seinen Schirm
aufriß? Sah er denn wie ein Desperado aus? -- Langsam von Begriffen, zog
ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich
jetzt über die kleine Schar, die zu mir hielt.
Für den Rückzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen
geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und wir gingen zu Fuß. Sie
boten mir ihren Schutz, ihre Häuser, ihre Gastfreundschaft, -- aber ich
hatte nur den Wunsch, möglichst schnell von Dresden fortzukommen.
»Wollen Sie mir beim Packen helfen?« fragte ich sie und nahm mein
unbekanntes Quartett zu mir hinauf.
Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich
ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch
allein zu sein, wurde mit einem Male übermächtig. Und als sie mich
verließen und ich die Türe hinter ihnen schloß, gedachte ich die wenigen
Stunden bis zum trüben Morgen zu verschlafen.
Doch kaum hatte ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, da
warf sich ein Frost über mich her und schüttelte mich, daß meine Zähne
immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich
beseligende Trauer wie ein Mantel über mich hin; und jetzt erst war ich
mir bewußt, was dieser Abend mir selber bedeute: -- Ein Stein, der mich
fast erdrückte, war von meinem Gewissen fortgewälzt, und ich hatte mir
eine Lichtung inmitten des Gestrüpps und einen Weg erfochten. Dies und
noch etwas anderes.
Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er,
seiner selbst kaum mehr bewußt, nicht mehr weiß, daß er Augen hat und
ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Händen weiß und gleichsam ohne
Füße wandelt. Und nie ist er doch so restlos er _selbst_, -- wer erklärt
das? -- als wenn eine Idee ihn allem Persönlichen so weit entreißt, daß
er -- nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr -- dennoch
höchstem Gefühl des Seins teilhaft wird, während er doch in solchen
Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlöre.
Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die
Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung
entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. -- Doch von Berlin
erzähle ich dir ein anderes Mal.