Sterblichen, mag wohl sein, daß sie von jeher weit über ihr eigenes
Interesse hinaus Herz für Menschen und Dinge hatte.
Der Freund, der am treuesten mit ihr im Leben ausgehalten, der sie erst
vor kurzer Zeit verlassen hat, war ihr guter, alter Budang, ihr
allererster Freund. Er, dem die Jungfer Concordia die beiden wilden
Kreaturen anempfohlen, hat seine Ratsmädel nie aus den Augen verloren.
Uns Kindern war es immer ein wahres Fest, wenn der alte Herr
Medizinalrat, den sie früher auf Weimars Gassen »Budang« nannten, zu der
Gomel heraufkam. »Das weiß der liebe Gott,« sagte das Gomelchen, als
ich, wie oft, bei ihr saß, und die Thür sich sachte aufthat, und ein
weißlockiger Kopf hereinschaute, ein prächtiger Kopf mit lebendigen
Augen, die Locken wie aus Silber und wie Wölkchen aufgeplustert; »das
weiß der liebe Gott, gerade so, wie er mit seinem blonden Ruschelkopf in
der Wünschengasse bei uns hereinschaute, ob die Luft auch rein und der
Vater fort sei, so schaut der Alte auch jetzt durch den Thürspalt. Da
red' mir einer davon, daß die Menschen sich ändern!«
Der Alte aber blieb mit dem Kopf zwischen der Thüre stecken und
deklamierte eine Stelle aus Shakespeare, die mit der augenblicklichen
Situation in keinerlei Verbindung stand, den Monolog des Hamlet. Er
sprach ihn englisch und das mit solcher Weihe und Hingebung, daß es
einem wunderlich zu Mute wurde. Während er noch mitten darin war, trat
er ein und ging dabei im Zimmer auf und nieder, der feste, kleine,
zierliche Mann, der so sauber und frisch aussah wie aus dem Ei geschält.
Er sah und hörte nicht, bis er seinen Monolog zu Ende gebracht hatte.
Darauf blieb er vor dem Gomelchen stehen und sagte: »Das ist groß! Das
ist göttlich! -- Siehst Du, Röse, weshalb bist Du so träg' gewesen und
hast nichts gelernt. Nun hast Du nichts davon verstanden. Meine Schuld
ist es nicht; aber was für ein Leben hättest Du führen können, wär'
etwas mehr in Deinen Kopf hineingegangen. Hier« -- damit wies er auf
mich, »die Kinder lernen doch hoffentlich, was Du nicht zu stande hast
bringen können?«
Das Gomelchen strich der Enkelin zärtlich über den Kopf, sah ihren
strengen Freund befangen lächelnd an und sagte: »Soviel ich weiß, sollen
sie es auch nicht besonders weit gebracht haben. Die hier hat ihre
Schularbeiten meistens bei mir gemacht und hat erschrecklich dabei
gestöhnt.«
»Bei Dir?« fragte der Medizinalrat frappiert, setzte sich nieder,
stemmte beide kleinen Hände auf die Kniee: »Da mögt Ihr etwas Schönes
miteinander zu stande gebracht haben! ... Röse, die Kinder hier im Haus
hast Du trotz der Erzieherin auf dem Gewissen,« sagte er. »Ich habe es
mir immer gedacht, daß es bei den Enkeln wieder durchbrechen müßte. Ich
würde Dich geheiratet haben, aber ich hatte Respekt vor Euch!«
»Geh, schwätz nicht!« sagte das Gomelchen lächelnd, »wir hätten Dich gar
nicht genommen.«
»Übrigens,« fuhr der Medizinalrat fort, »ich komme eigentlich heute, um
Dir etwas zu sagen: Gestern bist Du vor mir hergegangen und hast Dich
erschrecklich krumm gehalten, hast einen ordentlichen Buckel gemacht.
Thu das nicht. Ich denke noch, wer ist denn die Alte da? Wo bist Du denn
gewesen? Was hast Du denn gedacht? So nachlässige Haltung macht
frühzeitig alt; ich habe es von jeher nicht leiden können, wenn Du Dich
schlecht hieltest. Kummer braucht unsereins nicht mehr niederzudrücken,
Gott Lob,« sagte er heiter. »Wir wissen aus Erfahrung, daß auf die ganze
Geschichte hier kein Verlaß ist; es kommt und geht und kommt und geht
ohne Ende, und damit basta! Wer das oft mit angesehen, wie wir, den läßt
es ruhig.«
»Bleib mir vom Hals, Du alter Philosoph, das ist ja Dein Ernst nicht --
Du machst doch sonst keine Redensarten. So lang' man ein Herz im Leibe
hat, so lang' bleibt alles neu, als geschähe es zum ersten Male, das ist
meine Meinung,« sagte das Gomelchen freundlich und behaglich. »Mir war
es damals zu unserer jungen Zeit wohl und ich finde mich auch in der
neuen Zeit zurecht. Eins ist schade jetzt für die Jungen; die Leute,
dächt ich, machten mehr Wesens aus allen Dingen als früher, das junge
Volk thut mir leid; oder kommt mir's nur so vor, daß sie es so nicht
mehr haben, wie wir es hatten? Herr, mein Gott, wenn ich an unsere
lustigen Tage denke, wie wir Dich in Mädchenkleider gesteckt haben, wie
wir miteinander Schlitten gefahren sind; wie kein Tag verging, an dem
wir nicht etwas ausheckten -- und sag doch selbst, ist da irgend etwas
geschehen, an das wir nicht mit aller Ruhe und Freude zurückdenken
könnten? -- Doch gewiß nicht! Und wenn ich mir vorstelle, einen einzigen
unserer Streiche, die wir miteinander verübten, ließe sich hier ein
Mädel aus der höheren Töchterschule zu Schulden kommen, ich glaube, die
alten Jungfern, die ihnen die Weisheit einfüllen und ihre Wege
überwachen, schickten auf den Stadtkirchturm, um Sturm läuten zu lassen;
der Direktor beriefe ein Ehrengericht, und das Mädel würde gebrandmarkt
fürs Leben; warum? Weil sie rittlings auf der Käsehütsche den
Bibliotheksberg heruntergerutscht ist. Siehst Du, Budang, ich habe ein
warmes Herz für alle Welt; aber es giebt keine irdische Strafe, die ich
einem Lehrer nicht gönnte. Und sie sind schlimmer geworden seit unserer
Zeit. Wohin es noch kommen wird, ich weiß es nicht! Die Kinder heute
werden vor lauter Weisheit und Furcht dumm und blöde.«
»Da hast Du recht, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Seitdem die Welt
steht, hat sich eine tüchtige Portion von Bosheit und Dummheit
abgelagert. Es giebt schreckliche Dinge in der Geschichte,
Christenverfolgungen, Judenverfolgungen, Hexenprozesse, Autodafés; aber
schlimmer war das nicht, als was die Leute heutzutage mit Erziehung und
Bildung bei Mann und Weib anrichten.«
»Du bist ein lieber, guter Mensch!« rief das Gomelchen ganz bewegt und
klopfte dem alten Freund auf die Schulter. »Siehst Du, das ist mir aus
der Seele gesprochen. Herr Gott, kommt denn nicht einmal ein
vernünftiger Mensch, der dem Unwesen ein Ende macht!«
»Nun,« sagte der Medizinalrat, »vielleicht einmal aus Deiner
Verwandtschaft und Nachkommenschaft, wer kann's wissen.«
»Na, mir sollte das recht sein, wenn ordentlich aufgeräumt würde. Das
ist's ja, die Leute jetzt wissen es gar nicht, wie schlecht es um sie
steht; denn wer kann vergleichen? Hier sitzen so ein paar Alte, die es
noch können. Und sag einmal selbst, was sind denn das für vertrocknete
Ehrenmännchen und junge alte Jüngferchen jetzt? Jeder unschuldige
Backfisch hat die ernstesten Ideen über seine Versorgung und arbeitet
auf seinen Lebensabend hin -- weißt Du, Budang, das gefällt mir nicht,
das dauert mich.« Frau Gomelchens Stimme wurde ganz bewegt.
»Laß das, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Du sollst nicht immer gleich
oben hinaus und nirgends an sein. Was meinst Du denn, wenn die Kinder
alle freigelassen und, wie Du es Dir früher auszumalen liebtest, alle
Lehrer gehangen oder verbannt würden, so versichere ich Dich, solche
Schwesterpärchen, wie Ihr wart, würden doch nicht zu Dutzenden
umherlaufen. Ja, ja,« sagte er und schaute die Enkelin mit seinen
lebendigen Augen an: »Euer Gomelchen ist eine große Rarität -- Gott
behüt' sie.«
Oft lang unterhielten sich die beiden von verflossenen Zeiten, lachten
über Personen, die einst ihr Wesen in Weimar getrieben, nun aber längst
zu Staub zerfallen waren. Was für sonderbare, liebenswerte, närrische
und vortreffliche Leute tauchten da aus der Vergessenheit auf und kamen
auf ein paar Augenblicke wieder zu einem Schimmer von Leben und Wirkung.
Die Zuhörerin, welche die guten Freunde oft bei ihren Unterhaltungen und
Erzählungen hatten, war immer ganz Teilnahme. Es schien ihr dann, als
sehne sich das Gomelchen nach der Vergangenheit. Das rührte und ergriff
sie so tief, daß sie nicht wußte, was sie der Guten Liebes anthun
sollte.
Einmal, nach einem Abend, als sie den Erinnerungen der beiden treuen
Kameraden gefolgt war, hatte sie einen wunderlichen, aber hübschen
Traum. Sie sah das Gomelchen in einem ihr wohlbekannten Zimmer. Die
Thüre, die in den Garten führte, stand mit beiden Flügeln weit offen.
Sommerluft, Sonne und ein weicher Reseda- und Levkoyenduft drangen ein.
Da mit einem Male kam ein wunderschönes, blondes Mädchen vom Garten in
das Zimmer gesprungen, ein Mädchen, ganz von Sommerluft und Sonne
durchwärmt, belebt und rosig übergossen. Das war das Ratsmädel, die
Röse, das Gomelchen, als es noch jung war! Und das schöne, glückliche
Mädchen lief auf die alte Frau zu, schloß sie in die Arme, drückte sie
an sich, dem ungestümen Geschöpf glitt der breiträndrige Hut vom Kopfe.
Das Gomelchen aber machte sich die Arme frei, hielt das Mädchen von sich
ab, nickte lächelnd mit dem Kopf, ganz in Nachdenken versunken, schaute
sie von oben bis unten an und rief mit einer ganz unbeschreiblich
zaubervollen Stimme, in der alle Wehmut eines lebensfreudigen,
sehnsüchtigen Herzens zitterte: »Ach, was waren das doch für herrliche
Zeiten!«
* * * * *
An einem Frühlingstage verlor das Gomelchen ihren alten, treuen Freund.
Sie empfing die Nachricht mit aller Ruhe. Seit Wochen schon hatte sie
seinen Töchtern bei der Pflege mit beigestanden und hatte gewußt, daß es
mit ihm zu Ende gehen mußte. Die Töchter erzählten, daß die alte Frau
oft stundenlang bis in die Nacht hinein am Bette des sterbenden Freundes
gesessen, daß sie lange, lange die Hand des Kranken in der ihrigen
gehalten, und daß auf beiden Gesichtern dann eine wunderschöne Ruhe
gelegen habe.
Noch bis zum letzten Tage, wenn es irgend anging, haben sie sich
wohlgelaunt unterhalten, verständnisvoll und wehmütig, wie es nur zwei
so gute, alte Freunde miteinander thun können.
Als er gestorben war, hat sie bis zu seinem Begräbnis sein Haus nicht
verlassen, hat seine Töchter getröstet und aufrecht erhalten, hat
überall nach dem Rechten gesehen und ist des Tags wieder und wieder in
das stille Zimmer getreten, in dem ihr treuer Freund lag, hat sich ihn
immer wieder angeschaut, und ihr Herz mag wohl einen ergreifenden
Abschied genommen haben.
Nach dem Begräbnis holte eine Enkelin sie aus dem Hause ihres guten
Freundes Budang ab.
Frau Gomel nahm von den Töchtern Abschied. Die wollten sie gar nicht
gehen lassen und waren ganz aufgelöst in Schmerz um ihren alten Vater,
der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Sie hätten die, die es so gut
mit ihnen meinte, gar zu gern bei sich behalten. »Ihr müßt nicht so
außer Euch sein,« sagte das Gomelchen. »Gönnt ihm seine Ruhe, wie Ihr
ihm sein Leben gönntet -- das eine wie das andere muß sein. Schaut Euch
die Welt mit seinen Augen an, dann habt Ihr ihn in Euch. -- Vergeßt auch
nicht, heute Abend hinunter in den Park zu gehen. Jetzt schlagen die
Amseln, da hat er es nie versäumt, hinzugehen, so lange er gesund war.
Geht nur -- das wird Euch wohl thun. Zu unserer Zeit sind wir gar oft
zum Amselschlag miteinander gegangen. Thut's nur heut' Abend und nehmt
Euch hübsch zusammen. Ihr habt es ja immer gut mit ihm gemacht und könnt
Euch zurückrufen, wie dankbar er war bis zum letzten Augenblick. Das ist
ein Trost, den haben wenig Menschen. Den meisten mögen die bitteren
Stunden, die sie einem Heimgegangenen zugefügt, mitten in den ersten
Schmerz hinein in die Erinnerung kommen. Bei Euch braucht das nicht zu
sein, Gott Lob. Lebt wohl, Ihr guten Mädchen,« sagte das Gomelchen und
schloß eine jede in die Arme. »Lebt wohl und seid recht gelassen, so wie
er es gern sehen würde. Die Blätter fallen nun einmal im Herbste.«
Und immer wieder nahm das Gomelchen Abschied von den Töchtern ihres
alten Freundes. Es war, als wenn sie versuchte, ob nicht das rechte
Trostwort sich vielleicht doch einstellen würde. Auf dem Heimwege war
sie ganz schweigsam. Als sie aber ihre Treppe langsam und matt
hinaufstieg, sagte sie: »Siehst Du, nun ist alles abgethan. Nun lebt von
meinen Guten keiner mehr; mit dem letzten, der sie kannte und liebte,
sind sie mir alle noch einmal gestorben.« Enkelin und Großmutter gingen
miteinander in das sonnige Stübchen. Da legte sie sich nieder und
schaute mit einem so geduldigen, freundlichen Ausdruck vor sich hin, der
tief ergriff. »Die alte, alte Sonne, die scheint unentwegt,« sagte sie
und schaute auf das Lichtgefunkel, das auf den Blättern und Blüten und
auf dem Teppich in Flecken und Ringen spielte. Kein Laut war im Zimmer
zu hören. So blieben sie beide schweigsam.
»Hör einmal,« sagte Frau Gomelchen freundlich, »zieh doch das oberste
Kommodenfach auf und gieb mir einmal das Packet, das rechts liegt,
heraus.«
Die Enkelin that so.
Gomelchen nahm es, öffnete es, da lagen zarte, gelbliche Spitzen in der
Papierhülle. »Die hab ich Dir dieser Tage gekauft, Du hast ja so etwas
gern,« sagte sie liebevoll und faßte die Hand der Enkelin und sah sie
an, so wehmütig, beinahe wie hilfesuchend.
Da schlang diese die Arme um sie, und das Gomelchen fragte freundlich:
»Wenn Du irgend etwas für mich zu thun hast, das gieb nur her und sag
mir nur alles, was Du vorhast und was Du denkst. Das ist mir die
allergrößte Freude.«
»Ach, mein Gomelchen!« flüsterte ihre gute Kameradin unter Thränen und
hatte ganz die rührende, freundliche Seele verstanden.
»Und Ihr seid, der Budang und Du, immer gute Freunde gewesen, von damals
an, als er Euch bei der Eselsgeschichte erwischte, immer gute Freunde
und nie getrennt?« fragte die Enkelin zaghaft nach einer Weile.
»Immer gute Freunde und nie getrennt, heut' zum ersten Male getrennt,«
wiederholte das Gomelchen. »Als Student war er ein paar Jahr auswärts;
einen Katzensprung weit, in Jena; aber da kam er alle Nasen lang. Es hat
ihn nie in die Fremde gezogen. Ich reise erst nach meinem Tode, sagte er
immer, wenn das Gepäck leichter ist -- und ich glaube,« fügte Frau
Gomelchen lächelnd hinzu, »er reist jetzt -- denn er hat stets
durchgesetzt, was er wollte. Es war ein närrischer Kerl, ein ganz
närrischer Kerl.« Versunken in Erinnerung schaute sie vor sich hin. »Ein
guter Jugendfreund, der einem durchs ganze Leben treu war, ist das
beste, was es giebt. Da bleibt das Dasein uns immer heimisch; der weiß
alles, kannte alles, hat alles mit erlebt; Du kannst Dir gar nicht
denken, was für ein Trost es alten Leuten ist, wenn sie einen guten
Freund fragen können: Weißt Du denn auch noch, wie damals der und der
und die und die aussah -- und was sie sagten und was sie thaten, und
weißt Du denn auch noch, als die Häuser an der Ackerwand noch nicht
standen, und unten der ganze Park Feld und Gestrüpp war, und wie sie in
der Esplanade unter den alten Bäumen die Wäsche trockneten, und wo
jetzt, auch in der Esplanade, der Goldschmied wohnt, als da noch der
uralte Turm stand, in dem der Hufschmied steckte? Und erinnerst Du Dich
noch an Mamsell Muskulusen, ihren Veilchenhut und an das großgeblümte
Kleid der Kummerfelden und an Adele Schopenhauers Gesicht, wenn der
Geist über sie kam, und an den Brunnenkopf, den alten Löwen, der ihr so
ähnelte? Gott gebe Dir,« sagte das Gomelchen, »daß Du einen guten
Freund, ein gutes Herz Dein lebelang Dir nahe hast, dann ist das
Altwerden so schlimm nicht.«
»Habt Ihr Euch denn nie miteinander verzürnt und habt nie Streit
miteinander gehabt?« fragte die Enkelin.
»Daß ich nicht wüßte,« erwiderte das Gomelchen treuherzig. »Von dem Tage
bei der Jungfer Concordia an, wo wir ihn zuerst länger sprachen, haben
wir ihn, Marie und ich, immer ästimiert und voller Respekt behandelt. Zu
Streit und Ärger hätte es nie mit ihm kommen können. Das ging alles so
ruhig hin, man wußte nicht wie.«
»Und hat er denn nicht einmal zu einer von den Ratsmädchen eine
wirkliche Liebe gefaßt?« fragte die Enkelin.
»I, gar!« antwortete das Gomelchen, genau in dem Ton, als sagte dies die
junge Röse. »Er ist immer unser guter Freund geblieben; als wir uns
verlobten, war er zwar nicht sehr erbaut davon, aber nur aus dem Grunde
nicht, weil er uns noch für erschrecklich dumm hielt und weil er meinte,
wir hätten noch mit dem »Unsinn« warten können. Mein Mann und er sind
dann ganz gute Freunde geworden, so daß der Budang oft sagte: Siehst Du,
Röse, nun bin ich doch für die viele Mühe, die ich mir mit Euch gab,
belohnt worden. Er wäre für meinen Mann ins Feuer gegangen!«
Da leuchteten Gomelchens Augen von Liebe und Stolz auf.
»Und hat denn der Budang nie eine Dummheit gemacht, ist denn sonst nie
etwas zwischen Euch gekommen?«
»Das mag schon sein -- ich werde mich schon manchmal über ihn geärgert
haben; aber das vergißt sich, und ich habe immer über die Freundschaft
meine eigenen Gedanken gehabt und die will ich Dir sagen, die kannst Du
Dir merken. Siehst Du, man muß gegen einen Freund zu allererst
wohlwollend sein, wohlwollend in jeder Hinsicht -- Ärger darf gar nicht
Platz greifen. -- Wenn Du Dir vorstellst, jemand, den Du lieb hast, habe
irgend eine Angewohnheit, die Dir nicht recht ist, und stellst Dir vor,
daß er auf lange Zeit totkrank wird, Du fürchtest ihn zu verlieren, --
da aber mit einem Male ist die Gefahr vorüber -- er wird gesund, und Du
hörst ihn zum ersten Male wieder so recht nach Herzenslust schnaufen,
oder was er gerade für eine Art, die Leute zu ärgern, an sich hat -- Du
aber fühlst nur: Gott sei Dank, er schnauft wieder! und da hast Du auch
keine Spur von Ärger darüber. So muß es sein. Du mußt, wenn Du jemanden
liebst, immer im vollen Bewußtsein Deiner Liebe und der Sorge, ihn zu
verlieren, leben, dann lässest Du nichts in Dir aufkommen, was Ärger und
Unwille und Ungerechtigkeit ist.«
»Ach, Du liebes Gomelchen, wer ist noch so gut wie Du!« rief die Enkelin
und küßte ihr die Hände. »Das ist wahr, in Deiner Liebe zu den Menschen
ist auch nicht ein Fünkchen Ärger mit hineingemischt; da ist wohl kein
Schlingel schlimm genug, der nicht bei Dir Trost fände, wenn er zu Dir
käme. Ich habe oft gedacht: Bei Dir giebt es Gute und Böse gar nicht,
sondern nur Leute, mit denen man freundlich und hilfreich sein muß. Bist
Du denn immer so gewesen, auch früher so gut?«
»Hör einmal, Du,« sagte das Gomelchen, »Du bist eine rechte
Schmeichelkatze, was hast Du denn mit Deiner Alten? Von der ist
überhaupt nicht zu reden. Was machst Du denn für ein Aufhebens! Wenn ein
altes Weib nicht so lieben dürfte, wie es die Leute lieben will, wer
möchte da ein altes Weib sein! ich gewiß nicht!« sagte das Gomelchen.
»Wir Alten, Gott Lob, können lieben, wie wir wollen. Wir suchen auf
Erden nichts mehr, glaub mir, keine Wichtigkeit mehr, auch keine
Gerechtigkeit, nichts -- gar nichts. Glaubst Du, der liebe Herrgott oben
weiß etwas von Gerechtigkeit, von Härte, von Liebe, von Lieblosigkeit,
von Würde oder von Vortrefflichkeit? Bei ihm da oben hört das dumme Zeug
auf, der ganze Wirrwarr, alles Gezerre, aller Streit. Da ist ewige Ruhe
und Stille. Und die Seele kommt zu ihm ganz unschuldig, wie der Wind und
der Blitz. Nicht wahr, der Blitz ist doch unschuldig, wenn er in einen
Baum gefahren ist, und der Wind ist unschuldig, wenn er im Meere
gewirtschaftet hat? Oder ist er ein böser Blitz oder ein ungerechter
Blitz -- oder irgend etwas dergleichen? Wenn alles, was menschlich ist,
von der Seele zurückgelassen, ist auch alles, was man so oder so nennt,
von ihr fortgenommen, alles, was böse oder gut ist. Siehst Du, und wir
alten Leute haben schon das meiste zurückgelassen. Die Seele ist schon
freier in uns -- das ist's -- und hin und wieder fühlt man's auch ganz
klar, in glückseligen oder schmerzlichen Augenblicken. Ach, mein
Herzenskind,« sagte das Gomelchen, »die ganze Welt steckt so voller
Ungerechtigkeit, voller Zank und Streit, voller Wichtigthun und
Widerstand, voller Verwirrung und Irrtum und Mißverständnis, daß ein
armer Mensch bei seinem Freunde, zu dem er in Liebe und Vertrauen kommt,
nichts finden soll als eine weiche Ruhe und Stille, wie die Seele sie
bei ihrem Gott findet, bei dem das nicht ist, was wir gut und böse
nennen -- Frieden -- Frieden. Nicht dasselbe Spiel, das überall
getrieben wird, soll dem Armen auch bei dem Freund bereitet sein -- auch
nicht ein klein wenig davon. Mein Liebling, merke Dir das, denke nie,
nimm Dir nie vor, daß Du Deinen guten Freund durch Deine Weisheit und
Vortrefflichkeit bessern oder beeinflussen willst. Laß das den
Lehrmeistern, den Gouvernanten, und wie all die ernsten Leute heißen;
sei Du klüger. Das Leben macht seine Sache ganz ohne Dein Zuthun.
Freunde sind nur da, um das, was das Leben anrichtet, vergessen zu
lassen. Gott gebe Dir, daß Du verstehst, beglückend zu lieben.«
Da faßte das Gomelchen den Kopf der Enkelin mit beiden Händen und zog
sie zu sich nieder, und in den Augen glänzten ihr helle Thränen:
»Lieben, geliebt werden, mein Herz, ist das einzige Glück auf Erden.
Meine selige Mutter wußte wohl, was sie meinte, als sie sagte: >Liebt
das Schöne mehr, als das Gute.< Sie konnte die würdigen Leute nicht
leiden. >Alle vortrefflichen Leute wissen, daß sie vortrefflich sind,
und sind deshalb hart und hochfahrend und bösartig, weil sie glauben,
die ganze Welt strafen zu müssen,< sagte sie; sei Du klüger. Meine
Mutter hatte recht, anmutig die Thorheiten thun, die man nun einmal im
Leben thun muß, ist besser, als daß man sie würdig und vortrefflich
thut. Anmut läßt keine Herzensbosheit, keine Wut, kein Wichtigthun
aufkommen. Gott behüte Dich, mein Kind ... Weißt Du,« sagte Frau
Gomelchen, »Du könntest heute den Thee bei mir trinken, mir ist so
vereinsamt zu Mute. Herr, mein Gott, ich weiß gar nicht, ob ich Dir es
wünschen soll, alt zu werden. Das Abschiednehmen von den teuern Lieben,
einer geht -- und wieder einer geht -- und wieder einer -- und wieder
einer -- und der letzte geht -- 's gar zu jämmerlich. Mir ist's grad',
als wäre ich die Hausherrin, die Wirtin; alle meine lieben Gäste, die so
heiter waren, empfehlen sich, und ich bleib allein im Haus, und die
Lichter gehen aus -- und es wird öde und Nacht -- und still.«
»Mein Gomelchen,« rief die Enkelin bewegt. »Wir sind bei Dir! -- Ich bin
bei Dir, mit mir rede von alten Zeiten.«
»Ja freilich, mein Herz,« sagte das Gomelchen und lächelte unter
Thränen, »ich bin ein recht undankbares, altes Weib; aber es ist doch
so; es wird zu viel im Leben dem Herzen wieder abgefordert, gar zu viel.
Gottlob, daß es Freuden und Freunde giebt, die sich unmerklich
vergessen. Das Leben ist eigentlich für unbegabtere, gefühllosere
Geschöpfe, als wir sind, berechnet, oder für göttliche Geschöpfe, die
über allem stehen, über dem Dasein selbst, über Tod und Abschied, über
jeder Not und Qual; für solche mag es ein gutes Leben sein; aber die
arme Mittelsorte! für solche Leutchen wie du und ich, für die ist's
schlimm, die haben mehr als die einen, und weniger, als die andern, und
wissen sich nicht zu helfen, wenn's auch so ausschaut, als wüßten sie's.
Nun geh nur, und laß es unten sagen, daß Du Deinen Thee bei mir trinken
wirst, und komme auch gleich wieder.«
Und wie gerne kam die Enkelin! Eine Theestunde bei Gomelchen hat die
Eigenschaft, Sorgen und Trauer weich mit Behagen zu überdecken. Zu
dieser Stunde wagt sich kein Leid der Welt in das blumenduftende,
hübsche Zimmer herein, in dem der Theekessel summt, und in dem das
freundlichste Herz seine Gäste bewillkommnet, ein Herz, das jeden
Schmerz, bis in das hohe Alter hinein, wie ein Kind ohne Bitterkeit
überwinden kann, nicht düster, nicht verschlossen, ein Herz, das bis in
das hohe Alter die Augen im selben Augenblick weinen und lächeln läßt.
Als die Enkelin wieder hereintrat, fand sie die liebe Frau gelassen,
doch mit zitternder Hand damit beschäftigt, den Theetisch für sich und
ihren Gast zu ordnen. Aus einer Büchse nahm sie Eingemachtes und füllte
es in eine kleine Krystallschale, die sie der Enkelin vor ihren Platz
stellte mit einer Miene, der man es ansah, wie gerne sie jemandem etwas
zu gute that.