Die munteren Fünkchen, welche sprühten und knisterten und vergingen, das

waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war

eben -- »das Schulmeisterlein«.

Frau Rat lachte hell auf bei Röses Bemerkung, schloß das Kind in die

Arme und küßte es, und alle drei waren seelenvergnügt. --

Um diese Zeit begab es sich, daß der Großherzog Karl August aus Wien von

dem großen Kongreß, der den verworrenen Streit der Völker schlichten

sollte, zurückkehrte.

Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmückten

ihre Häuser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schützengilde, die

Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so

wichtiges und emsiges Treiben im Städtchen, als sollten die

Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des

ganzen Reiches schaffen und erwägen.

Der Bürgermeister, unserer Ratsmädel Vater, hatte alle Hände voll zu

thun. Frau Rat nähte für die beiden Kinder neue, weiße Kleider. Ihre

Mädchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Fürsten in Gesellschaft

noch anderer hübscher Geschöpfe Blumen und Lorbeerkränze von einer

niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, während er vorüberritt.

Die Stadtverordneten, die Schützengilden, die Feuerwehr, die Innungen,

die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, daß die weißgekleideten

Mädchen mit offenem Haar und in Kränzen den Fürsten begrüßen sollten.

Die Ratsmädchen, weil sie so gut zu einander paßten und so hübsch

nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Röse war das Amt

überkommen, einen wunderschönen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den

Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr

mit dem Degen zu schwer würde.

Es war eine außerordentliche Ehre für sie, das sah sie selbst ein und

that sich etwas zu gute darauf. Das Wetter am Einzugstage war schön und

klar, die Luft kräftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom

Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grün von allen Häusern herab,

vor jeder Thür. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den

verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff,

trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straßen, daß es

eine wahre Freude war. Die weißgekleideten Mädchen versammelten sich wie

Züge weißer Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien,

wie sie die Fahnen regte, auch die Gemüter munter zu bewegen. Man war so

lustig, so ganz feiertäglich und erwartungsvoll gestimmt.

Die Mädchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem,

braunem Haar, in weißen, duftigen Falten, wehte über der hübschen Schar

hin, wie über ein blühendes Feld, etwa wie über ein Mohnfeld, das in

weißen, rosigen Farbentönen steht.

Alle Glocken begannen zu läuten, voll und schön. Die weimarischen

Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im

Dreißigjährigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her.

Freudenschüsse klangen dumpf dazwischen. Da näherte sich der Zug. Den

Mädchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr

feierlich.

Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.

Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten

sich alle Hälse. »Du, Marie,« rief Röse, »da reitet ja der Ottokar Thon

neben ihm, -- gucke, gucke! Marie, sieh doch!« rief Röse, ganz bewegt

von allem Festjubel, »das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er

ist jetzt Adjutant, das muß er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht

gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Lützowscher

Jäger, -- Du weißt doch?« --

»Ja, ja,« sagte die Schwester etwas gedankenlos.

»Höre, Marie,« rief Röse wieder, als die beiden Reiter herangekommen

waren, »ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.«

»Du bist verrückt,« sagte Marie, »da könntest Du in eine schöne

Bredouille kommen -- der Lorbeer ist für den Herzog.«

»I gar,« sagte Röse.

Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mädchen jubelten hoch

auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher

schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rösen und Marien das lange Haar,

das sie so einhüllte, daß man nur ein Streifchen ihrer weißen Kleider

sah, wie goldene Fahnen über die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz,

als hätte es sich der Wind so ausgedacht.

Das mochte ein sonderbar hübscher Anblick sein; denn Karl August schaute

lächelnd und nickte zu den Mädchen hinauf, hielt sein Pferd an und

sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.

In dem Augenblick flog Rösens Lorbeerkranz auf Karl August zu und

richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarsträhnen über das Gesicht

geflogen waren, daß sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an

dem Degenknauf des jungen Adjutanten hängen.

Da lächelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den

Kranz loslösen wollte, um ihn dem zu überreichen, dem er bestimmt war,

da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: »Da, wo er

ankam, laßt ihn nur.«

Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wußte nicht, was er mit

dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der

schönen Ehre. Er lächelte ihr zu und schaute sie an -- und erkannte sie,

die er, als sie ein kleines Mädchen war, in der Wünschengasse oft

gesehen hatte.

Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenüber gewohnt, und er

erinnerte sich Rösens und Mariens wieder.

»Herrjeh,« sagte Röse ganz glücklich. »Nun seht nur, jetzt reitet er mit

meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!«

»Na freilich,« bestätigte Marie.

»Und wie er aussah! -- nein, wie er aussah! -- Früher haben wir ihn gar

nicht groß angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrüßt. Hast Du bemerkt,

wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht

träumen lassen, daß er so einen großen Lorbeer bekommen würde. Und hast

Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!«

»Ja, ja!« sagte Marie ganz lustig. »Du hast gut getroffen!«

»Höre, Marie,« begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern,

dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. »So, wie der Ottokar

Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat

mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,« wiederholte sie ernst. »Er

gehört zu den Lützowschen Jägern,« sagte sie noch einmal -- »weißt Du?

Aber wie streng er aussah.«

Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt,

den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort

mitzuteilen.

Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie

sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei

dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt

hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.

Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das

erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer

schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte

angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; »denn

damals«, sagte sie, »wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als

jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören

würden.« Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten

Bande.

Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter

Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer

tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem

Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg

noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.

Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen

und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es

nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland

erhoben werden könne, niedergeschrieben.

Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt

geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses

jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und

sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen

ist.

Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh

Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.

Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit,

seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen

Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an

jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: »Wie unheimlich

erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung

neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.«

Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde

hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit

Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit

ihren Kräften haus.

Denke man sich einen schönen, mächtigen Wald, unübersehbar; göttliche

Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt für sich, eine herrliche

Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, daß unzählige große und

kräftige und geringe Bäume, ungezählte Daseinskräfte, mächtige und

zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen

Begriff, der alles einzelne in sich begräbt.

So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung

zu schaffen, gehören Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten,

die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.

Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so würde

der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben können, der

erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glückliche nicht den des

Glückes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.

Ungezählte mußten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte;

Millionen mußten glücklich gewesen sein, ehe das Bild des Glückes,

Millionen mußten sündigen, ehe das Bild der Sünde entstand.

Ein Begriff ist der große Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein

Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezählte mußten in

Jugend erblühen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer

Glückseligkeit reden konnten.

Das Wort, der Begriff »Jugend« ist das Grab, in das Jugend aus

Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte überließ, so daß es

Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem

Wundervollen, das je gefühlt ist, zu überschütten.

Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter

kein Ziel, als das: dem reichgeschmückten Worte, an dessen Pracht und

Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein

schimmerndes Flitterchen mehr anzufügen.

Letzte Geschichte.

Das Gomelchen.

Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmädel sind alte

Mütterchen. Ihre lustigen Spießgesellen sind alle dahin!

Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glücklich

verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun

auch schon heimgegangen, nur Röse erlebt es, daß ihr die Urenkel in die

sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.

Ich habe schon, da Röse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar

ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der

junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte:

»Hört einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, daß

es so fortgeht; werdet gütig und mitleidig; schwätzt nicht; seid fleißig

und sparsam, damit es später nicht allzu übel um Euch stehe.«

Ich habe auch erzählt, daß Röse vollkommen damit einverstanden war und

das Benehmen des jungen, düsteren, närrischen Philosophen nicht gerade

abgeschmackt fand. »Abgeschmackt« war ein Lieblingsausdruck der

Ratsmädel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun

Schopenhauer, der viel Geschmähte, viel Verehrte und Mißverstandene,

daran schuld, daß zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten,

so soll er gelobt sein -- hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu

stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas,

wofür man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, daß dem Alter der

Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, daß es so übel mit dem

Altwerden nicht ist; daß das Alter anmutig sein kann; daß es Freunde,

Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben,

grünen Jugend zutraut. Der Name »Gomelchen« ist der alten Frau, die

früher das Ratsmädel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an

ihr haften geblieben. Aus Großmama wurde Gomama, aus Gomama Gomo --

Gomelchen. Von den Lippen ihres ältesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst

gehört, und es war beinahe das erste Wörtchen, das dies Enkelkind

sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er

geblieben, dieser Name -- ein Leben lang immer in Liebe, immer in

Zärtlichkeit ausgesprochen.

Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer

wieder zu sagen, daß sie Gomelchen heißt -- und vergesse ganz, daß

dieser Name für andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er

mir sagt.

Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche

Welle über mein Herz hin, als würde es behaglicher, wärmer im Zimmer;

einen zarten Duft von Thee und schöner Sahne und Reseda und Hyacinthen

meine ich zu spüren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung

erfüllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn,

ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thränen treten mir in

die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflösen.

Wie lange ist es nun schon her, daß ich sie nicht sah, daß ich nicht mit

ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich

wieder zu ihr führt. Aber ich will von ihr erzählen, nicht von ihr

träumen.

Ich will von ihr erzählen, darum, weil ich von den lustigen

Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts

Schöneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie

das Schicksal es freundlich zuläßt, daß einer glückseligen Jugend ein

kräftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.

Es wäre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen

könnte, daß aus meinen beiden prächtigen Ratsmädeln ein paar verkümmerte

oder geschwätzige oder sonst unliebenswürdige, alte Weiber geworden

wären -- oder wenn es schöner klingt: »alte Damen«. Denn wie selten

stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft könnte man sich entsetzen,

würde man das Zukunftsbild eines hübschen Mädchens voraussehen!

Um gut und würdig und schön zu altern, muß man schon etwas an sich

haben, was man genial nennt. Ich weiß, was ich damit sagen will. Man muß

ein großes Teil Liebe und Güte besitzen, ein so großes Teil, daß, wenn

es vermessen werden könnte, vernünftige Leute meinen müßten, es wäre ein

sträflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberühmten

Menschen, der auf der Gotteswelt nichts Besonderes gethan hat, so üppig

auszurüsten, und gar ein Weib -- das wäre genug, um einen Fürsten

auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Nützliches damit hätte stiften

können, Hospitäler, Besserungshäuser, Waisenhäuser, Vereine aller Art,

Witwenkassen, Pensionen, Zuchthäuser, Nachtherbergen, Kaffee- und

Theestuben und Armenküchen.

Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, daß es sein Lebtag alle

Schicksalsschläge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne

Bitterkeit, Ungeduld und Härte über sich ergehen läßt, braucht es so

viel an Liebe und Güte, daß Tausende sonst vortrefflicher Leute, die

sich mit einem gebräuchlichen Anteil von Liebe begnügen, daran genug

hätten.

Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein großer

Dichter oder Künstler, so selten wie ein großer Philosoph. Die Natur hat

sich, wenn man die Legionen der Geschöpfe überschaut, die erwähnte

Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst würde die

Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, daß es nicht in der

Ordnung sei, wenn mit einer so großen Begabung an Liebe und Wohlwollen,

die das so ausgezeichnete Geschöpf in die Reihe der Genies stellt, nicht

weiter erreicht wird, als würdig, gut und freundlich zu altern. Das ist

scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, daß die große Masse

der Menschheit mit verkrüppelten, verhärteten Herzen Abschied von der

Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Böses

weichherzig ohne Sträuben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht

die, die dem Leben eckig und sparrig gegenüberstehen.

Nun kurz und gut. -- Als unser Ratsmädel, die Röse, eine alte Frau

geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und

hat da den oberen Stock inne. Ein Stübchen besonders, das ist so hell

und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein großes Fenster scheint

die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen

gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem

Gewächshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glänzenden Blüten

und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmädel, das

Gomelchen, seit das Alter über sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen

sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spüren. Und was

eigentlich heißt alt sein, sehr alt sein? Es heißt in tausend und

millionen Fällen wohl nur: müde und mürbe gerüttelt sein vom Leben,

abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewöhnt an die Eingriffe

des Todes, gewöhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf

Erden dargestellt werden, sind für die Alten gar zu oft gegeben worden;

die jammervollsten rühren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr,

die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle

wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: »Es wäre nun Zeit, daß die

Welt unterginge!«

Sehr alt sein heißt, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben.

Alle guten Freunde, die von uns wußten, wie schön, wie jung, wie

lebensvoll wir waren, die von uns wußten, wie wir litten und was uns

Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr

da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen

Geschlechter mit uns zu thun? -- Sie meinen, die vor ihnen waren, die

gälten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Träume. Ach, sie

sehen ja nichts, was war, was gewesen! -- Das sieht der Alte ganz allein

-- ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die übrigen nicht

gewahr werden.

Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt

Sehnsucht und Wehmut. Was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht

Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf

beschäftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, -- lauter

Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.

Körperliches Leiden und körperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit

bedrücken die Lebenskräfte; Verschlossenheit und Übellaunigkeit bringt

es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt,

wird immer weiter und weiter.

Von alledem aber, was hier steht und was ganz natürlich und

unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei

dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.

Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man »Würde« nennen möchte,

die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus

dem Unvermögen, sich lebendig zu rühren, aus dem Bewußtsein der eigenen

Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu _der_

Würde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfällige

Kutsche für die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem

niederlassen und umherfahren können, und auf der zuvorderst ein kleiner

Postillon sitzt und in sein Hörnchen bläst: »Vor dem grauen Haupte

sollst Du aufstehen und das Alter ehren.« Nicht einmal dazu hat sie es

gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist,

es zu schaffen.

»Laßt das nur, laßt das nur, das besorge ich; ich springe hinüber und

bringe es in Ordnung!« Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus,

langt nach ihrem Schlüsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit

dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, -- ehe man ihr

Kommen merkt, hört man ihr Glöckchen schon -- hat sie den Schlüsselbund,

so schlägt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schönen

Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrätin ziemte, den

läßt sie hängen, wo er hängt -- und macht so im Mützchen und

Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.

Sie ist eben immer noch das Ratsmädel; so wenig es der jungen, lustigen

Röse in den Kopf gekommen wäre, eine Sammetmantille umzuhängen, um zu

Madame Ortelli, die Bürgermeisters schräg gegenüber wohnte, zu laufen,

so wenig fällt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen

pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie näht

und häkelt, wie sie die Hand giebt und einem über Wangen und Stirn

streicht und wie sie die Treppen hinabläuft, das ist alles so lebendig,

so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so

zu bewillkommnen, wie sie.

Wenn wir Kinder verreist waren und zurückkamen, und der Wagen unten vor

der Thür hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf

heraus, mit einem Spitzenhäubchen umgeben und bräunlich blonden,

aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und

ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthür eingetreten waren, da

stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit

ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flügel hätte und damit flatterte

-- so blieb sie stehen, und solche liebevoll glückselige Küsse und

zärtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gespürt, wie die,

die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.

Wenn ich daran denke, daß ich wieder so von ihr empfangen werden könnte,

so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten,

wunderschönen Frühlingstag. Soviel ich weiß, habe ich sie nie mißlaunig,

nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleißig und beschäftigt. Ich

weiß auch nicht, daß sie je müde und angegriffen sich gezeigt hätte.

Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, daß die Krankheit

gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und

Anspruchslosigkeit.

Das Gomelchen ist die Jüngste im Haus, so heißt es immer. Sie ist es,

die alle Augenblicke etwas vor hat. Bald geht sie ins Theater und thut

es beinahe so begeistert und eifrig wie zu ihrer Ratsmädelzeit.

Einschleichen freilich, das geht nicht mehr; dafür ist sie jetzt

abonniert, vergißt aber regelmäßig, ihr Billet mitzunehmen, jedenfalls

in Erinnerung an jene Zeiten, wo sie die Herrlichkeiten auch ohne Billet

zu genießen verstand. -- Ist es das Theater nicht, so geht sie zu guten

Freunden oder sieht gute Freunde bei sich, oder fährt ein wenig über

Land, um ihren Kaffee auswärts zu trinken. Gar oft spaziert sie so ganz

allein und bringt dann immer etwas mit heim, einen Büschel schönes Gras,

einen Strauß Feldblumen oder einen herbstlich bunten Zweig. Wie manchmal

hat sie einer Enkelin solch einen selbstgepflückten Blumenschmuck in das

Zimmer gestellt!

Wenn man hört, ein altes Mütterchen macht einen Gang in die Felder

hinaus, spürt dort allerlei schönen Dingen nach und kommt mit Mohn und

Kornblumen ganz beladen nach Hause, so scheint das absonderlich und

erstaunlich zu sein. Bei dem Gomelchen aber ist dies ganz natürlich, es

fällt niemandem auf, es wundert sich niemand darüber. Wenn sie einen mit

ihren frischen, freundlichen Augen anschaut, vergißt man, daß sie eine

alte Frau ist, daß sie alles Leiden, das auf der Menschheit liegt, wie

andere alte Leute auch, durchkostet hat, daß sie alle teuren

Zeitgenossen verloren und jetzt vereinsamt mit ihren Erinnerungen

dasteht.

Ratsmädelgeschichten · 第 10 / 12 段