»So ist's,« sagte die Kummerfelden. »Und nun, Fabian, wenn Du es wissen

willst, nachher mußt Du die Verse dazu machen; Du mußt sagen, wen jedes

Püppchen vorstellen soll, und wie es sich mit jeder verhält.«

»Gott soll mich bewahren!« fuhr die große Frau auf, »das ist aber ene

Zumutung. Verse, die sich gewissermaßen den goethischen müssen an die

Seite stellen lassen, so beim Kaffee 'rauszuschütteln, wo die ganze

Stube, mit Respekt zu sagen, voll weimarischer Gärmichel sitzt, -- ich

danke -- und das sag' ich, wenn ich darauf einginge, was Schlechtes

dürfte Excellenz schon gar nicht kriegen, was sollte der denn von der

Fabian denken?«

»Du darfst 'nauf in meine Stube gehen,« sagte die Kummerfelden, »da

setz' Dich auf den Lehnstuhl vors Bette und bleib ruhig sitzen. Aber Du

wirtschaftest mir dort nirgends herum, nicht wahr? Das kann ich nicht

leiden. Weißt Du was, gehe nur gleich 'nauf. Bleistift und Papier liegen

schon auf der Bettdecke. Du wirst schon was 'rauskriegen, ich weiß ja,

wie Dir's fleckt. Die Ratsmädchen werden auch gleich da sein; die freuen

sich, wenn Du schon dabei sitzest. Proviant bekommst Du mit hinauf. Und

wenn die Not groß ist, kriegst Du, na, Du weißt schon,« die Kummerfelden

zeigte auf ein Schränkchen, in dem sie ihr Schönheitswasser in Flaschen

aufbewahrte. Aber nicht lauter Schönheitswasser allein.

Frau Fabian zog mit ihrer Tasse und einer großen Schnitte Kuchen die

Treppe hinauf, und der ^furor poëticus^ stand schon deutlich auf der

gefurchten Dichterstirn zu lesen.

Unterdessen näherten sich dem Entenfang, so frisch und leicht, wie die

Schneeflocken, unsere zwei in allerbester Laune. Es giebt für junge

Menschen nichts Schöneres, als im dichten Schneefall zu gehen, zu

springen, zu wandeln, zu tollen. Geheimnisvoll, bedeutsam sinkt es

leise, leise nieder, legt sich zart auf Falten und Gewänder und es ist,

als ob vom Himmel Segen niederströme, Erfreuliches, Heiteres,

Hoffnungsgefühle.

Die beiden Lustigen, die dem Entenfange zusteuerten, liefen durch den

Schnee, schürften in der flockenweichen Decke mit den Füßen, daß es

aufsprühte von Eiskrystallen um sie her. Sie überstürzten sich, fielen

mutwillig in die frische, kalte Herrlichkeit der Länge nach hinein. Es

fehlte nur noch, daß sie wie die vergnügten Hunde mit den Nasen in dem

Schnee geschaufelt hätten.

Jetzt schellten sie auch am Entenfang, erst Röse, dann Marie, dann

wieder Röse, wieder Marie, dabei lachend, bis die Kummerfelden sie

einließ und ihnen sagte, indem sie die Mädchen auf die frischen Wangen

klopfte: »Ohne Spielerei und Narrenpossen könnt Ihr doch auf der

Gotteswelt nichts thun.«

Die Mädchen traten jetzt ein. Sie hatten einen Korb mit sich voll Moos

und allerlei Gesparre.

»Ihr habt mich in eine schöne Lage gebracht, Ihr Racker!« rief Frau

Fabian den beiden aus ihrem Lehnstuhl heraus entgegen. »Ich sitz' nun

und schwitze, und das nennt die Kummerfelden einen zum Kaffee einladen.«

Röse und Marie wurden erst reichlich regaliert, dann ging's an die

Arbeit. Das Gärtchen wurde in Angriff genommen.

»Eure Verse sind in guten Händen,« sagte Madame Kummerfelden, »so

borstig die Fabianen auch ist, sie hat ein exquisites Herz, eine

Außerordentlichkeit von einem Herzen. Solche Leute sind für die Poesie.

Beileibe soll man keine Böshaftigen daran lassen, die stiften nichts als

Unheil.«

»Und besser wird's bei Ihnen drum noch lange nicht,« schrie Frau Fabian

von oben herab. »Mit dem erschten wäre ich so weit.«

»Na los!« rief die Kummerfelden ganz erfreut.

Die große Frau trat vor auf die erste der sieben Stufen.

»Zeigt das Döckchen her mit den zerrissenen Strümpfen, auf die is es,«

rief sie.

Röse hielt das Figürchen in die Höhe, und die Fabianen begann mit

gewaltiger Stimme:

»Meine Liebe ist stets auf den Strümpfen,

Reißt wohl zwanzigmal des Tags ein Loch.

Meine Liebe läßt sich nicht abstümpfen,

Auch verschmäht, lieb ich dich ewig doch!«

»Bravo!« rief die Kummerfelden, »das macht Dir alle Ehre.«

»Wollt ich meinen,« erwiderte Frau Fabian, lachte kurz auf und versank

wieder in den Lehnstuhl.

Inzwischen wurde unten auf das lustigste gegessen und getrunken, geklebt

und gepappt, und es entstand ein allerliebstes Moosgärtchen.

Die Kummerfelden sagte den Ratsmädchen, daß sie und Frau Fabian die

Sache auf die Kappe nehmen würden. »Uns geschieht damit nichts. Ihr

sollt es nur hineintragen und sagen: >Eine schöne Empfehlung von der

Kummerfelden.<«

Nach einer Weile war die Fabian wieder mit einem Vers zu stande gekommen

und donnerte folgendes herab, für die kleine Figur mit dem Löffel:

»Führt der Weg zu Mannes Herz

Durch die Küche ohne Scherz?

Bist Du garstig oder schön,

Mädchen! Du mußt diesen gehn.

Herz, Verstand, für Haus und Küch' --

Und -- die Liebe findet sich.«

»Fabian, Du bist ein herrliches Weib!« rief die Kummerfelden ganz

begeistert der Freundin hinauf. »Es steckt ein Philosoph in ihr, ich

hab' es immer gesagt. Und ein Charakter ist sie, so manchen Groschen

hätte unsere Fabian für Gelegenheitsverse einheimsen können, aber ihr

Lebtag hat sie die Kunst, ohne Lohn zu beanspruchen, geübt, das kann

keiner von all den Großen hier sagen, ja, ja, ne, ne!«

»Dank auch bestens,« rief die Fabian herab, mit einem etwas zerstreuten

Ausdruck, ungefähr, als hätte sie geniest, und die Kummerfelden hätte

ihr Gesundheit gewünscht.

Das sonderbare Weihnachtsgeschenk für Vater und Sohn Goethe kam

allmählich in einer wunderbaren Vollendung zu stande.

Die Mädchen bauten am Gärtchen, die Fabian an den Versen weiter; unter

anderen entstand ein Vers auf zwei Flammen August von Goethes, auf die

Frau eines Kammerrates und die des Polizeidirektors.

Diesen Vers in seiner Kraft, Würze und Knappheit, seiner umfassenden

Keckheit, mit der er zwei Damen mit einmal erledigte und auf den Frau

Fabian besonders stolz war, diesen Vers wollen wir hier nicht übergehen.

Er lautete folgendermaßen:

»Ob Kammer oder Polizei,

Das steht noch zu erfragen,

Wir wollen es nun einmal

Mit allen beiden wagen.«

Man war vollkommen befriedigt; Frau Fabian trank drei bis vier Liköre

zur Stärkung nach ihrer schweren geistigen Anstrengung und bekam eine

außerordentlich gute Laune, eine Laune, wie nur die Fabian sie haben

konnte, so ausdrucksvoll und kräftig, daß es eine Freude war, und daß

der Tisch, an dem man saß, nicht aus dem Schüttern herauskam, teils,

weil alle um ihn her unausgesetzt lachten, und weil die Fabian vor

lauter Lebenskraft zur Bestätigung ihrer Meinung oftmals mit der Faust

zwischen die Tassen schlug.

»I, der Tausend,« sagte Mamsell Muskulus bewundernd, als die Frau einmal

ihre Schultern statt des Tisches getroffen hatte, »wo sie hintrifft, da

wächst kein Gras.«

Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftäußerung immer ganz von

Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftäußerung sich gegen sie

selbst richtete. Die Ratsmädchen schafften das Gärtchen, die Puppen, die

Verse noch an diesem selben Abend in die Wünschengasse, schleppten alles

hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfältig und vergnügten sich

abends, als alles schlief, bei verschlossener Thür damit zu spielen, um

allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Gärtchen endlich mit großem

Stolz und vieler Vorsicht, daß sie von niemandem ertappt würden, am

heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es

unten, in der Leutestube mit einer schönen Empfehlung der Kummerfelden

abzugeben; als sie aber die Hausthür öffneten, da kam ihnen der

Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem

verdeckten Werke stehen und hofften, er würde sie nicht bemerken und an

ihnen vorübergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: »Was bringen denn die

Ratsmädchen da?«

»Excellenz,« sagte Röse, »die Kummerfelden läßt schön grüßen und hier

wäre etwas.«

»Für mich?« fragte Goethe.

»Ja, für Euere Excellenz.«

»So tragt es hinauf, Ihr schönen Kinder, ich komme mit Euch.«

Goethe ließ sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe

hinangehen. Als sie oben angelangt waren, öffnete er ihnen selbst die

Thüre, ließ sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es

war schon dämmerig, und Röse und Marie war es doch recht beklommen zu

Mute.

»Da haben wir's,« dachte Röse, »es ist doch, als kämen wir zum lieben

Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer würde es auch nicht

sein, glaub ich.« --

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bücher lagen, frei. »So,«

sagte er, »da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch

abheben?«

Marie enthüllte das Werk, und als Goethe das Gärtchen sah und die

Überschrift über dem Thore gelesen hatte, lächelte er; es war noch eine

Aufschrift hinzugekommen, die besagte, daß hier schöne Damen versammelt

seien, daß Schönheit und Geist zwar angenehm, daß man aber die

nützlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten möge.

»Das ist ja eine artige Idee,« rief Goethe.

Und als er eins der Püppchen in die Höhe genommen und den Zettel gelesen

hatte, welcher demselben an das kleine Maul befestigt war, lachte er,

daß Röse und Marie ihn ganz verblüfft ansahen, denn nie hatten sie sich

vorgestellt, daß der Goethe lachen könnte. Er war ihnen immer als ein

majestätischer, etwas steifer, alter Herr erschienen.

»Nun, Kinder, sagt mir,« fragte er, »wer die Verse gemacht hat.«

»Die Fabianen,« antwortete Röse. »Hier nennen die Leute sie die

Rabenmutter!«

»Ah die!« sagte Goethe. »Da könnt Ihr berichten, daß ich mich

allerbestens bedanke für ihre artigen Verse.«

Er hielt eben das Figürchen mit den zerrissenen Strümpfen und das

Hausmütterchen in der Hand und betrachtete beide.

»Ich werde das allerliebste Ding meinem Sohne heut' mitbescheren.«

Röses und Maries Achtung vor ihrem Kunstwerke war wieder sehr gestiegen,

und sie fanden, daß es in Wahrheit ein wundervolles Gärtchen sei, und

daß Goethens August seinen hübschen Ärger darüber haben würde.

Mit Frankfurter Brenden beschenkt, wurden sie von Goethe aufs

freundlichste entlassen und liefen seelenvergnügt nach Hause.

Da ist noch viel Wunderbares passiert; aber wir wollen es hier von der

alten Kummerfelden genug sein lassen. Ich hab noch so manches von ihr

und der Rabenmutter geschrieben -- in einem zweiten und wohl auch

dritten Band der neuen Ratsmädel- und altweimarischen Geschichten -- was

mir mein liebes Gomelchen, das Ratsmädel, die Röse, von sich und andern

Leuten, die zu der schönen, guten, altweimarischen Zeit lebten, erzählt

hat. Ich hab da eine lustige Geschichte, wie die Ratsmädchen und die

Kummerfelden von einem alten, sonderbaren Herrn Rat in seinem

geheimnisvollen Garten geküßt worden sind und zwar, weil er alle drei

nicht ausstehen konnte, und weiter: Wie sich die Kummerfelden einen

alten Franzosen mit seiner Frau in dem Entenfang einlogiert hat und was

die getrieben haben und dann: Wie Röse und Marie sich verliebt und

verlobt haben und wie sie mit ihren Freunden Budang, Horny und Schiller

bei Nacht und Sturm ausgezogen sind, um die Göchhausen spuken zu sehen,

und eine düstere, rührende Geschichte von zwei Schwestern, die oben im

alten Rödchen bei Weimar sich abgespielt hat; -- und von Apothekers und

Frau Rat Tiburtius und der Lawine -- und die Geschichte vom ehrbußlichen

Weiblein, das oben über Goethens Garten in einem Sommerhaus mit ihrem

brummigen Gatten wohnte und diesem einen schlimmen Streich spielte --

und von den behaglichen, spielerischen Leuten in der Marschallstraße,

die in allen Dingen dem Schicksal über waren, und zuguterletzt, wie die

Enkelin der Ratsmädchen zum Blaustrumpf wurde. --

Nun wollen wir hier nur noch erwähnen, daß die Fabian sehr entrüstet

gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, daß der August von Goethe

ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem

eigenen Geschmacke und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der

Rabenmutter gewählt hat.

Sechste Geschichte.

Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten

Liebesbriefe ihrer Töchter dachte.

Wie zwei Vögel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die

wunderbarsten Seltenheiten grünen, blühen und Früchte tragen, so lebten

die beiden jungen Mädchen, Röse und Marie, in Weimar. Welche Wunder,

welche Außerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie

erachteten das überreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes,

so wenig sie über ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der

Ordnung, daß gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehörig in Gang kam.

Sie hatten ihre Freude daran, daß es in Weimar so viel zu sehen und zu

erfahren gab, daß im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter

allen Umständen sehen mußte, zur Aufführung kam, daß Budang ihnen hin

und wieder erklärte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf

Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden würde.

Das war den Ratsmädchen angenehm zu hören und trug das Seinige zu ihrem

Selbstbewußtsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schöne Atmosphäre

um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der

weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir

es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten

sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehörigen, den Müllersleuten,

und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der

Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frühester

Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, daß sich ihnen in den

verschiedensten Verhältnissen darbot, in vollen Zügen.

Durch diese kluge, freie Erziehung spürten sie im freundschaftlichen

Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen

überall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhältnisse

verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen

Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, daß unsere beiden, wenn sie nach Hause zurückkehrten, von

einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft

oder vom Markte, sie nicht erfüllt von der Freundlichkeit der Menschen

waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den

Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe

selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit

und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die für alle

herhalten mußte.

Frau Rat hatte darüber ihre Freude. Sie war es, die so zu fühlen ihren

beiden kleinen Gerechten gewünscht, die sie darauf hingeleitet hatte,

und war dankbar, als sie ihre Wünsche sich erfüllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenuß nennt, und alle

guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen

Pflichterfüllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, Überwindung als etwas

Nützlicheres, Beglückenderes und Schöneres an; statt aber gegen den

verpönten Lebensgenuß zu eifern und überzeugungstreu zu predigen, sollte

man der Menschheit zurufen: Genießt den Tag, genießt jedes Wort der

Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wärme, verzeiht über jedes Maß, um

friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil

ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet -- nein, nur um friedlich

und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist

schön, es ist göttlich, zu leben, nicht grübeln, was danach kommt.

Dunkle Frage an ein unverbrüchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu

leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn' unser Dazuthun. Die Sünd' mit

glänzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit,

Pflichterfüllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein

vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten für die Tugend zu werben. Und man

wirbt auch damit. Ob es oft glückt? Ich weiß es nicht. Die aber, welche

kräftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im

innersten Herzen unberührt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde;

ist uns der Boden günstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungünstig,

wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die größte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schönen Kindern

zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter.

»Überwindet Widerwärtiges,« sagte sie ihnen, »nicht, weil es überwunden

sein muß, sondern weil Ihr wißt, daß alles hier auf Erden wechselt und

nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig,

wenn wir uns von etwas ganz unterdrücken lassen. Die Ereignisse haben

nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie können es eigentlich gar nicht.«

Und weiter: »Strebt danach, alles schön zu thun, das ist besser, als

gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts;

eine gute That kann mürrisch und unliebenswürdig gethan werden. Thut,

was Ihr thut, liebenswürdig und schön, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich

Euch doch die Liebe zur Schönheit in die Herzen pflanzen könnte für alle

Zeit, dann ließ ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur

Schönheit ist _die_ Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen läßt,

die allerunschuldigste, denn sie läßt vieles, wie Überhebung, dummen

Stolz, Härte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften,

die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein;

da ist die Frömmigkeit, die bringt im Nu Überhebung. Man hat es oft, daß

soviel Frömmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der

Nichtfrommen.«

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mädchen die Liebe zur Schönheit an als

moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mütter Frau Rat verstehen würden und die anspruchslose

Weisheit in sich aufnehmen könnten, ein heiteres, gutartiges,

freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schönheit ist

nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewußt und unbewußt ganz durchdrungen von dieser

leisen Liebe zur Schönheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von

einer schönen Blume, ein Geschöpf, das man sich nur gepflegt, behütet,

angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schönen

Dingen umgeben, verwöhnt, verhätschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen

älteren, überernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von früh bis spät, das war

ihr Schicksal.

Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie

ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblüht. Ihre beiden Mädchen

hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verständen sie die

unbesiegbare Schönheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem

Wort noch lag, als Müdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfäden in das

Haar und Fältchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine

Schönheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Röse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft

gebändigt.

Sie wurden wegen einer häßlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit

bestraft, während man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen

ließ. Freiheit war ihnen in reichem Maße zugemessen; aber im gegebenen

Augenblick hatten sie sich zu fügen und zwar in aller Liebenswürdigkeit.

Da war die wunderschöne Zeit herangekommen, die den Ratsmädchen die

»ersten Liebesbriefchen« einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon

geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst

»Botengängerinnen« gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen

zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glühenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem

jungen Rheinländer erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar

aufhielt und von dem schönen Mädchen sich ganz bezaubert fühlte. Rösen

hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes

behandelte, den ein holder Jüngling, der Verfasser der Verse, ihr bei

einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus

Vergeßlichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein

paar tiefgefühlte Reime Luft zu machen.

Beide, Röse wie Marie, waren über die ihnen zugedachte Sendung

außerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, ließen

ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, daß Budang die

Angelegenheit sehr kühl und von oben herab behandelte.

»Hört einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, daß Ihr

damit anfangt, was fällt Euch denn ein?«

»So,« sagten Marie und Röse, »ich dächte, es wäre nun Zeit. Es giebt

Mädchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.«

»Jesus,« rief Budang ganz erregt, »das fehlte noch! Jetzt denken die an

so etwas! Ihr solltet Euch schämen!«

Röse und Marie aber lächelten, und Röse sagte ruhig: »Nein, das ist

jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Fälle heiraten, das haben wir

miteinander besprochen. Früher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns

aber, als wir abends in der Wünschengasse auf und nieder gingen, darüber

miteinander beraten. Marie will schon in allernächster Zeit sich

verloben, sagte sie mir. Sie hält das für gut und hübsch, es sehr früh

zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie

hat recht.«

»So albern wie heute,« unterbrach Budang sie, »seid Ihr mir noch nicht

vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hübsch vernünftig und

ordentlich Ihr nach aller Mühe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die

beiden Esel hätten wahrhaftig etwas Besseres thun können, als Euch die

Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, daß es

Euch nicht noch mehr die Köpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es

Euch auf.«

»I, Gott bewahre,« sagte Röse, »die Briefe bleiben bei uns in unserm

Schränkchen.«

»Meinetwegen!« brummte Budang.

Die Ratsmädchen besaßen jedes ein Schränkchen, braun gestrichen, aus

Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen

Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande

brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so daß sie

außerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den

Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Näscherei, ein

Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wünschenswert erschien,

die Schränkchen in sicherer Nähe zu haben. In diese Schränkchen also

wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine

Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsüber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich

gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie

erboste schließlich Rösen; sie hatte ihr gesagt, daß das Gedicht auf den

Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die

Vorzüge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemüte

geführt, so daß Röse mißlaunig wurde, und beide in eine Zänkerei

verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat,

sagte sie ruhig: »Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?« Sie sahen ganz

verwildert aus, und Röse rief: »Die Marie hat einen Liebesbrief im

Schränkchen!«

»Herrgott!« rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, »die Klatsche!

Die hat auch einen!«

»So,« sagte Frau Rat, »zeigt sie mir.«

Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. »So, nun

schließt sie auf.«

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den

Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.

Diese gebot Rösen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick

in die Zettel, die sie in der Hand hielt.

Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien über die Wangen, die

ihr von der Zänkerei glühend rot geworden waren.

Als Röse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den

Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lächelnd, die Briefchen über die

Flamme.

Die beiden Mädchen schauten nun still zu, wie so merkwürdige Dinger

verbrannten. -- Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch

fallen ließ, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Röse und

Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das

letzte Fünkchen verlosch, sagte Röse: »Jetzt ist das Schulmeisterlein

hinausgegangen.«

Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten

Papierknäuel verlöschen zu sehen.

Ratsmädelgeschichten · 第 9 / 12 段