Dort hockten die beiden Rangen auf den Stufen und lasen mit

außerordentlichem Hochgenuß die Herzensgeheimnisse, welche die Damen für

gut erachteten, einander mitzuteilen. Und die Ratsmädchen fanden nichts

auf der Welt so spaßhaft, so belustigend, als die pedantische

Rechenschaft, die eine jede der Freundinnen der anderen von ihrem

augenblicklichen Herzenszustande gab, so genau und ausführlich, daß es

schien, als seien diese Frauenzimmer entschlossen, das Wesen der Liebe

ein für allemal und endgültig zu ergründen.

Röse und Marie wußten aufs genaueste, wie es um Ottilie und August von

Goethe stand. Sie hatten auch einen Brief von Adele an einen Verehrer

befördert und natürlich gelesen, worin Adele zum größten Gaudium der

Ratsmädchen diesem auf einen Heiratsantrag folgendermaßen erwiderte:

»Mein Herz ist nicht mehr frei; wollen Sie mit meinem Verstande vorlieb

nehmen, so bin ich die Ihre.«

Als die Ratsmädel diese Antwort gelesen hatten, gerieten sie auf ihrer

Treppe außer sich vor Vergnügen, und Röse rief: »Du, die ist praktisch;

das sollte man sich merken; aber miserabel ist es doch, und wenn er

darauf hereinfällt, ist er ein Esel, und es geschieht ihm alles recht.«

Zu Rösens außerordentlicher Befriedigung ging er aber nicht auf Adelens

Vorschlag ein. Zu einer solchen behaglichen Stunde auf der

Wittumspalais-Treppe, während welcher Röse und Marie sich mit

Indiskretionen auf das harmloseste vergnügten, wurden sie in ihrem

Treiben von August von Goethe belauscht und an die Pogwischs verraten.

Und jetzt, nachdem diese dem Sermon des jungen Schopenhauer, den er den

beiden Mädchen hielt, gefolgt waren, erachteten sie es auch an der Zeit,

ihrem Herzen Luft zu machen und beschuldigten Rösen und Marien einer

niedrigen und strafbaren Gesinnungsart, so daß diese im Laufe einer

Viertelstunde des Fatalen genug erfuhren und ganz erstaunt und betreten

waren; wie schnell ein Übel dem andern sich anschließen kann.

Die Pogwischs hatten die Freude, die beiden Ratsmädchen, deren

glücklicher Gleichmut den Anschein hatte, als wäre er nicht zu trüben,

betreten und bedrückt vor sich stehen zu sehen. Sie blieben auch den

ganzen übrigen Abend nachdenklich, hatten, wie es sich von ihnen

erwarten ließ, keine Reue, aber einen außerordentlichen Ärger über die

Pogwischs und einen noch größeren über August von Goethe, den Schwätzer.

»Ich möchte den Menschen wahrhaftig sehen, der in solche Zettel, wie wir

sie herumtragen, nicht hineinsieht. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich

ihn bewundern würde, ich mache mir nichts aus solchen widernatürlichen

Dingen; aber der Goethe soll schon merken, daß er geklatscht hat!« sagte

Röse resolut.

August von Goethe brachte diesen Abend die beiden Mädchen nach Hause.

Sie benahmen sich äußerst kühl und gehalten gegen ihn. Er erbat sich

ihre Verzeihung, die sie ihm aber auf das entschiedenste verweigerten.

»Da kämen wir schön durchs Leben,« sagte Marie, »wenn es mit einer

Verzeihung abgethan wäre. Was bringt zu Ehren? -- Sich wehren! Sie

kennen das doch, Herr von Goethe?« sagte Röse und wollte recht

schnippisch sein. »Wenn das bei Ihren Freundinnen, oben bei

Schopenhauers Mode ist, mir nichts, dir nichts zu verzeihen, bei uns ist

es das nicht.«

»Nun, ich möchte doch wissen,« sagte August von Goethe, »ob Ihr auch so

streng mit Euren vielen guten Freunden seid, mit denen man Euch

allerwegen sieht.«

»Viele gute Freunde?« fragte Röse pikiert. »Wir haben drei. Da ist

erstens Budang, zweitens Ernst von Schiller und drittens Franz Horny,

das sind sie.«

»Drei, das ist eine schlimme Zahl, da muß einer traurig abziehen,« sagte

August von Goethe.

»So, wie meinen Sie das?« fragte Röse. »Wir haben sie alle drei gleich

gern, einen wie den andern.«

»Zum Beispiel verloben könntet Ihr Euch doch nicht mit allen dreien,«

sagte ihr Begleiter.

»Wenn Sie das so meinen,« erwiderte Röse, »das geht freilich nicht; aber

es sieht Ihnen recht ähnlich, daß Sie dergleichen, worauf kein Mensch

kommen würde, denken. Ich möchte Budang sehen, wenn wir ihm das

erzählen; der wird schön bös auf Sie sein; der ist sehr gegen

dergleichen. Wir, Marie und ich, hassen auch Liebe und finden Leute

abgeschmackt, die ewig nichts weiter im Kopfe haben, als das! Es gefällt

uns gar nicht, daß Sie solche Vermutungen aussprechen, gerade von Ihnen

gefällt uns das nicht, weil Sie selbst so viele gute Freundinnen hier

haben.«

»Warten Sie nur, Herr von Goethe,« sagte Marie, »wir haben Ihnen unsere

besten Freunde am Schnürchen hergenannt, damit Sie nicht denken, es

wären ihrer zwanzig. Wir werden Ihnen auch Ihre guten Freundinnen

vorzählen, Sie sollen schon sehen, das werden wir Ihnen zur rechten Zeit

thun.«

»Marie,« sagte Röse, »was meinst Du denn?«

Da zwinkerte Marie ihr zu, auf eine Weise, die Röse den Mut gab, im

vollen Vertrauen auf ihre Schwester, sich Herrn von Goethe lachend

zuzuwenden und mit ihr im Chore zu sagen: »Ja, ja, wir werden Ihnen ein

Weihnachtsgeschenk machen. Nun, gute Nacht, adieu, Herr August von

Goethe!«

Als die Mädchen in ihrer Stube, oben unter dem Dache, angelangt waren,

konnten sie sich vor Lachen und Vergnügen kaum halten; denn Marie hatte

Röse ihren Plan, der ihr auf dem Wege so durch den Kopf gefahren war,

mitgeteilt und hatte von Rösen vollkommene und freudige Zustimmung

erhalten. Es wurde beschlossen, Herrn von Goethe zu Weihnachten mit

einem sonderbaren Geschenk zu überraschen.

Seit langer Zeit waren sie mit keiner glänzenderen Idee beschäftigt

gewesen, und die, welche jetzt in Maries Kopf aufgestiegen war, schien

sie beide vollkommen zu beglücken; sie konnten lange nicht zur Ruhe

kommen und auch deshalb nicht, weil das aufgelöste Haar die größte Mühe

verursachte. Es war über die Maßen verwirrt und zerzaust, und sie mußten

sich beistehen, um es auseinander zu bekommen. Frau Rat durfte beileibe

nicht erfahren, daß man es ihnen wieder aufgeflochten hatte; sie war der

Meinung, daß dieses Lösen und Herumflattern dem Glanz der schönen

Flechten schade; auch liebte sie es nicht, wenn ihre beiden Mädchen sich

als zwei Haarungetüme in der Gesellschaft zeigten.

* * * * *

Es war vor Weihnachten, eine prächtige Winterzeit! Der Schnee lag so

hoch und so beständig, wie er seit Jahren nicht gelegen.

Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet,

wie seit Menschengedenken nicht.

Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Städtchen;

denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewöhnlichen

Wintern nicht auf die Beine gebracht hätte, weil es sich um ein paar

Tage Schneebahn nicht gelohnt hätte, war leidlich ausstaffiert worden,

und so närrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben

hübschen anderen, nagelneuen durch die Straßen. Die Gassenjungen hatten

diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen

zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.

Unten an der Bibliothek, auf dem großen Rutschberge geschahen Wunder und

Zeichen; denn die Käsehütschen, auf denen die Sakramenter, die

Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz

anderen Geschöpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtückisch, in

ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwäne, wie

Schneegänse, von der Bibliothek an fuhren sie über die ganze Reitwiese

weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene

Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es

einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt hätte, daß

ihm eine Käsehütsche mit einem unverschämten Bengel darauf, die, wie vom

Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit

einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straßen wimmelten von Raben und

Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas

Außerordentlichem. Man spürte den erregenden Einfluß eines gewaltigen,

unhemmbaren Elements.

Mit geheimem Behagen sah man die Schneewälle, die an den beiden Seiten

der schmalen Wegbahnen sich auftürmten, höher und höher werden. Es gab

in Weimar Wohnungen und Häuschen, die buchstäblich eingeschneit waren.

So lustig und unternehmend das Leben auf den Straßen war, so behaglich

und angenehm befand man sich in den vier Wänden. Es wurde geheizt »auf

Teufelsholen«, wie man sich in Weimar ausdrückt, und es ging mächtig an

die Holzvorräte.

Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in

den Familien waren wunderhübsch, und die Weihnachtserwartungen schöner

als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemütlichkeit mit

herabgekommen zu sein.

An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum

Empfang von Gästen vor. Unten in der Stube, in der die Schülerinnen am

Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in

ihrem hellen, geblümten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine

Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die

in ihr Schlafgemach führte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem

Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Löffel, stach mit der

Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt,

trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken

herbeigeschleppt, schüttete endlich auch frischen Tabak in die

Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem

gestrickten Beutel über ihrem Bette wurden Äpfel gelangt, und im warmen

Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.

»Nun könnten sie kommen, es wäre alles so weit,« sagte die Kummerfelden

und ließ sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hände um die

Kniee und saß da wie der liebe Herrgott am siebenten Schöpfungstage,

mußte aber so länger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gäste kamen

nicht ganz pünktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.

Und während die Kummerfelden saß und lauerte, tappte bedächtig zwischen

den hohen Schneewällen durch die Schützengasse, die damals noch »das

Pförtchen« hieß, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse

ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Kähnen machten,

in denen die große Frau sich behaglich, ohne daß sie sich selbst dabei

anzustrengen hatte, fortschaffen ließ. Die Filzschuhe führten sie durch

den wieder neugefallenen Schnee weich und geräuschlos, wie es sich von

solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein

frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels,

ohne sie in Schwung bringen zu können. Der Mantel hätte seinem Schnitte,

seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den Überkragen

für einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben können. Gott

weiß, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der

Unvergänglichkeit. Die große Frau, die schwer und leise, in Wollmassen

gehüllt, durch den Schnee geht, heißt Fabian, aber ihr Name, unter dem

man sie in den weimarischen Gassen und Straßen kennt, ist nicht dieser

ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngießers Fabian trägt;

sondern für jung und alt heißt sie die Rabenmutter; nicht wegen eines

hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich

deshalb, weil sie Winter für Winter hinaus auf den Ettersberg wandert,

um den Raben Futter auszustreuen.

Sie war, wie große, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind.

Das wußte jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in

Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.

Sie liebte es, sich für andere zu plagen, verstand es, mit allem und

jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und

Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wußte zu einem Prozesse

oder sonstigen Rechtshändeln zuzureden oder abzureden, auch mit

Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und

strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Briefträgers an,

der einen Neujahrswunsch seinen Kunden überbringen wollte, bald zur

Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfaßte Bettelbriefe für

Bedürftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit

Freuden und in bester Laune ihre Kräfte für die Menschheit.

Während wir über sie berichten, kommt sie, umtanzt von großen Flocken,

ihrem Ziele näher. Sie geht jetzt über den schmalen Steg, der über den

Wassergraben führt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden

sitzt und lauert.

Jetzt steht Frau Fabian vor dem Häuschen und lugt in das Fenster hinein.

Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und

da das Warten ein saures Geschäft ist, so sieht sie griesgrämig aus.

»Na,« brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, »was

fehlt ihr denn?« Die große Frau fährt unter dem Mantel vor mit der Hand,

die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich

durchgearbeitet hat, so gründlich, daß der Handschuh seine Spitze

vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsäumten Strumpf

hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die große Frau mit aller Wucht

gegen die Fensterscheiben, so daß die Kummerfelden auffährt und mit

beiden Händen vor Schreck nach ihrer Haube greift.

»Das ist die Fabianen,« ruft sie und läuft, noch ganz desparat von dem

Schreck, nach der Thüre, um zu öffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt,

schellt es draußen, daß es der Ärmsten durch Mark und Bein dringt.

»Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lärm genug gemacht

hätte!« murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thür geöffnet, da

steht ihr Gast großmächtig vor ihr und schüttelt den Schnee von der

Kappe, von den Schultern, aus den Falten.

»Weeß Gott, en paar Schaufeln voll!« sagte sie mit ihrer dicken,

rollenden Stimme.

»Komm nur herein,« ermahnt die Kummerfelden, »Du läßt mir ja die ganze

Kälte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?«

»Na ob,« bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprühregen von Eisstückchen,

Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schüttelte ihr Lori aus,

wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so

ein vier-, fünfmal um den Hals geschlungen trug, so daß ihr Hals dadurch

ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

»Läufst Du denn immer noch herauf und fütterst die Raben?« fragte die

Kummerfelden und kehrte in die Stube zurück, um dadurch ihren Gast zu

veranlassen, ihr zu folgen.

»Ja wohl,« sagte diese und trat in die Wärme ein, »ja wohl. Über das

arme Viehzeug! Dies Jahr sieht's wahrhaftig elend genug aus.«

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn über einen Stuhl am Ofen und

stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. »Gucke! -- Gucke!«

sagte sie und hauchte in die roten Hände und betrachtete den

Kaffeetisch. »Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von draußen komme,

wo das Gevögel wegen eines verschimmelten Häppchens um sich hacken muß

wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch

unsereins, weiß Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme

Vieh!« wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fuße auf den

andern, daß das Haus schütterte. Sie wollte sich den Frost aus den Füßen

trampeln, wie es schien. Ihre großen Filzschuhe aber hatte sie

manierlich draußen vor die Thür gestellt.

»Wenn die hohe Justiz,« sagte sie immerfort trampelnd, »wenn die hohe

Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen hätte! Ich bin doch

überzeugt, daß sie irgend so einen armen Sünder sitzen haben, so einen

Totschläger, Brudermörder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, daß sie

die nun jetzt richten thäten, wo sie noch Nutzen stiften können! Nä, da

warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thäten -- hängen

lassen würden sie se doch nicht. Wir kennen die Justiz, nicht den

Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen

Verständnis von nichts!«

Die Kummerfelden sagte: »Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein

rechter Husar in Deinen Ansichten.«

Frau Fabian beunruhigte sich darüber nicht, sondern sprang weiter von

einem Fuße auf den andern, daß es der Kummerfelden schließlich

schwindelnd wurde. Währenddem huschte draußen im Schnee und im Gestöber

eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu.

Sie huschte wie ein Rättchen so scheu, und hinter ihr her durch die

Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren

Schneebälle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer

hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal

ein huschendes, altes Persönchen nie in Ruhe lassen können. Es ist

schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wußte die

kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz außer Atem zog sie

endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

»Das ist die Jungfer Muskulus,« sagte die Kummerfelden, »die zieht

anders als Du, Fabian.«

»Hat seine Richtigkeit,« erwiderte diese.

Sie saß schon über dem Kaffee und brockte; denn sie hatte nach ihrer

Tour Appetit bekommen.

»Hat seine Richtigkeit,« wiederholte sie noch einmal wohlgefällig, um

gerade eine Pause im Schlucken auszufüllen. »Ene Frau,« sagte sie,

während die Kummerfelden die Jungfer hereinließ, »ene Frau,« sie sprach

so laut, daß die Kummerfelden es draußen auch hören konnte, »ene Frau,

die acht Kinder hat und en unmündigen Mann, hörst Du, Kummerfelden, die

acht Kinder un en unmündigen Mann ... Ach Herrjes, was sag' ich da?«

lacht sie voll und laut, »die zieht anders an der Schelle wie eine

Jungfer. Übrigens,« rief Frau Fabian unter Lachen und Schlucken, »es ist

nicht so ohne! Man könnte so manches Mal sagen: acht Kinder un en

unmündigen Mann. Es könnte es jede Frau sagen, wenn auch nicht immer

acht Kinder!«

Die Kummerfelden fuhr mit mißbilligender Kopfbewegung zwischen diese

Betrachtung. »Schrei doch nicht so, Du kannst es mir ja nachher sagen.«

Sie war damit beschäftigt, die Jungfer aus ihrer beschneiten Umhüllung

zu wickeln.

Jetzt traten sie miteinander ein. Die Jungfer Muskulus trug eine

schwarze Lockenperücke, die sie bis tief in die Stirne hineinzuziehen

für gut fand, und jahraus jahrein einen Hut, geschmückt mit dem

enormsten Veilchenkranz, so groß, daß er kaum hätte größer sein können.

Jetzt hingen Schneestücke in den seidenen Veilchen; die Gassenjungen

hatten sie ihr zugerichtet.

»In einer Weile werden die Ratsmädchen da sein,« sagte die Kummerfelden.

»Na,« fragte die Fabian, »was wollen denn die?«

»Ja,« lachte die Kummerfelden, »wegen denen seid Ihr eingeladen. Ihr

sollt mir Euren Kaffee gründlich verdienen. Die Mädchen wollen Euch

allerschönstens bitten, daß Ihr ihnen bei einer Angelegenheit helfen

sollt.«

»Was ist denn los?« fragte die Frau Fabian, »das wird eine schöne

Pastete sein.«

»Es ist Ehre dabei einzulegen; es soll etwas zu Goethens kommen,« bekam

sie zur Antwort.

»Na nu?« rief Fabian.

Nun schnitt die Kummerfelden ein geheimnisvolles Gesicht und that, als

sei sie selbst nicht recht mit der Geschichte einverstanden.

Aber bald verriet sie sich, und es zeigte sich, daß sie Feuer und Flamme

für den Plan war, -- ganz wie die dummen Ratsmädel, und sie teilte mit,

daß es sich darum handle, einen kleinen Garten zu fabrizieren aus Moos

und mit einem Staket darum und einer Laube darin, gerade so einen

Garten, wie die Jungfer Muskulus jeden Weihnachten welche geliefert

habe, aber statt der Watteschäfchen, die sie hineinzustellen gewohnt

sei, sollten Frauenzimmer in das Moos gesteckt werden.

»Diese Frauenzimmer ... wartet,« sagte die Kummerfelden, fuhr aber in

ihrem Bericht nicht fort, sondern tappte die Treppe nach ihrem Heiligtum

hinauf, kam mit einem Kästchen wieder zum Vorschein und stellte es vor

die beiden Weiber hin.

Frau Fabian nahm den Deckel ab. »Potztausend!« rief sie, »was sollen

denn die? Das sind ja Puppen! -- Püppchen!«

»Na, na, na!« rief die Jungfer Muskulus, »darauf lasse ich mich nicht

ein, das scheint mir denn doch bedenklich!« Dabei rückte sie sich ihre

dicke schwarze Perücke zurecht und machte eine auffallend mißtrauische

Miene: »Das ist ja frevelhaft, Kummerfelden, Sie wollen doch nicht Ihren

Spott mit der alten Excellenz treiben?«

»Sie sein ä Schaf, Muskulusen,« antwortete die Kummerfelden, die, von

Frau Fabian hingerissen, auch in das beglückende weimarische Idiom zu

verfallen drohte.

»Wie werd' ich einen Spott treiben? Vergessen Sie, was ich bin, ich bin

Künstlerin.«

»Man vergißt das bei Dir vollkommen, das sei zu Deiner Ehre gesagt,«

brummte Frau Fabian.

»Die Muskulusen ist und bleibt ein Grünschnabel,« fuhr die Kummerfelden

fort, »und hat auch in nichts kein Einsehen, wie Du vorhin von der

Justiz bemerktest, Fabian.«

»Das is mit den ledigen Frauenzimmern und wenn se auch ene Perücke

tragen, so dick, wie en Fußsack, es is doch ewig was Halbes,« bemerkte

Frau Fabian gedankenvoll. »Nä, der Kummerfelden so was zuzumuten, daß

sie de alte Excellenz nicht respektieren thäte!«

Jungfer Muskulus war unter ihrer Perücke feuerrot geworden.

»Na, nu, 's is gut,« sagte Frau Fabian. »Was kann ens dafür, wenn es

unverehelicht ist? Es kann auch ens nichts dafür, wenn es en Buckel hat.

Gewöhnlich,« fuhr Frau Fabian fort, »haben die Kindsmädchen so ens

fallen lassen; man kann nicht genug dahinter her sein. Na, was hast Du

denn nun aber mit den Döckchen vor?«

»Das handelt sich nun eigentlich,« sagte die Kummerfelden, »nicht um die

alte Excellenz, sondern schon mehr um den jungen, um August von Goethe.«

»Na, sag' ich's nich,« rief Frau Fabian, »die Kummerfelden macht sich in

keiner Weise enes Verstoßes schuldig. Wenn's auf August geht, dem thut's

nichts und schadet's nichts, im Gegenteil. Er treibt's zu arg, sag ich,

und mit den Puppen, da scheint Ihr mir aufs rechte anzuspielen, auf die

Frauenzimmer, meine ich.«

»Das ist's,« bemerkte die Kummerfelden, »ich möchte der Excellenz so

ganz verblümt zu verstehen geben, daß es an der Zeit wäre, seinem August

eine Frau auszusuchen, die dem gehörig auf dem Dache sitzt; denn das

thut Not, wie wir wissen. Aber eine Geistreiche darf's nicht sein; von

der Eigenschaft haben sie genug hier.«

Frau Fabian fügte hinzu: »Nur nichts Scharfes mehr in die Lauge, meinte

jene Köchin, die die Sauce versalzen hatte.«

»Fabian, mit Deinen Redensarten fährst Du einem immer dazwischen,« rief

die Kummerfelden ungeduldig. »Ich will Excellenz Goethe zu verstehen

geben, daß er eine Frau wählen soll, die auf gute Wäsche hält, die

sparsam ist, die nicht mit dreinredet und, wie gesagt, August gehörig --

-- --« Hier zwinkerte die Kummerfelden mit den Augen. »Das sind die

Ratsmädchen, die mich darauf gebracht haben, die hatten die Idee, August

von Goethe ein Gärtchen mit allen seinen guten Freundinnen

auszustaffieren. Ich weiß nicht, aber sie müssen etwas mit ihm gehabt

haben -- das schien mir so.«

»Die Krawatschen!« rief Frau Fabian wohlgefällig, »und die Püppchens

haben die Mädchen wohl selbst genäht?«

»Freilich,« sagte die Kummerfelden lebhaft, »und die Hemden haben alle

Zwickel, alles regelrecht.«

Jetzt packte Frau Fabian die Puppen aus. »Na nu, seht eins an, wer ist

denn die?«

Sie hielt ein Püppchen in die Höhe, das ein rosa Kleid, dabei aber ganz

zerrissene Strümpfe an hatte.

»Das ist ja die ... na, Ihr wißt schon, das Mädchen hat ewig zerrissene

Strümpfe an. Die Löcher gucken ihr über den Rand von ihren Schuhen, wie

hier genau zu sehen ist. So eine Frau bringt Unglück ins Haus und wenn

sie so schön wie ein Engel wäre und klug wie eine Schlange.«

»Und die Lange, mit der kleinen Feder in der Hand?« fragte Jungfer

Muskulus bescheiden.

»Das ist die Schopenhauern, die Adele,« fuhr Frau Fabian sie an, »das

sieht doch jeder klar. Mit der hat's keine Gefahr nicht. Häßlichkeit

entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer. Mein Schatz wär se

nich, die Schopenhauern. Na, nu die beiden Madams?« Sie hielt zwei

Püppchen in der Hand. »Das sind zwei verehelichte; wie das die

Rackersmädchen herausgekriegt haben! Das ist die Madame so und so und

das die Madame die und die. Wir kennen Euch! Wir wissen Gott Lob, wer

Ihr sein sollt.« Währenddem sie sprach, hielt sie beide Figürchen sich

selbst nahe hin und redete so auf sie ein und drohte ihnen mit dem

Zeigefinger. »Und die is wohl die rechte Braut, wie sie im Märchen

sagen.«

Sie hob ein Püppchen in die Höhe, das, in einer weißen Schürze und mit

einem Kochlöffel in der Hand, ein hausmütterliches Aussehen hatte.

Ratsmädelgeschichten · 第 8 / 12 段