immer noch mit niedergeschlagenen Augen.
»Aber gelesen haben wir nichts, nicht wahr?«
»Nein,« sagten beide einstimmig und entschieden.
»Also durchs Schauspiel? gucke, gucke! Da geht Ihr wohl oft hinein?«
»Ja, Hoheit, immer!«
»Nun, diese Art Bildung muß für Eure Eltern aber doch eine gehörige
Ausgabe sein?«
Da saßen sie beide, feuerrot, und blickten sich ratlos an.
»Hört einmal, Schelme, Diebsgesindel,« sagte der Herzog freundlich,
»haltet Ihr es denn wirklich für möglich, Scherz beiseite, daß man so
Jahre lang immer glücklich mit der größten Regelmäßigkeit sich in das
Theater einschleichen kann, ohne daß sie einen wenigstens einmal
erwischen?«
Die Mädchen blickten sich besorgt und immer noch purpurrot an.
»Ich glaube, Ihr denkt es wahrhaftig! Ist denn Euch nie die Idee
gekommen, daß Ihr von höherer Hand, als von Eurem Flöten-Lobe, auf den
Schleichwegen beschützt wurdet? O! Ihr Schelme! Ihr Diebsgesindel!« rief
der gute Fürst, auf das herzlichste lachend. »Doch laßt es Euch gesagt
sein, Ihr habt Euren Landesherrn mit seiner vollen Bewilligung
hintergangen. Was denkt Ihr denn? Und hintergeht ihn nur ruhig und so
guten Gewissens wie bisher weiter.«
Jetzt, wo ein schöner Dank am Platze war, wußten sie beide nichts
Gescheidtes zu sagen.
»Laßt das, laßt das,« sagte Karl August liebenswürdig. »Macht es nur so
fort, ich und manch anderer haben unsern Spaß gehabt und werden ihn, so
Gott will, noch lange haben, wenn wir Euch Gesindel sitzen sehen. Nehmt
nur Eure Plätze so, daß ich kontrollieren kann, ob Ihr auch wirklich da
seid. Ich sehe Eure vergnügten Gesichter gerne im Theater, auch wenn Ihr
sie auf Schleichwegen und zum Schaden unserer Kasse hineintragt.«
Die drei plauderten noch lange miteinander.
Welch eine liebenswürdige Zeit war es, in die die schönen Jahre der
Ratsmädel fielen! Alle, die damals jung waren, waren gesegnet jung.
Die Ratsmädchen ließen es sich wohlschmecken im römischen Hause.
Karl August zeigte und erklärte ihnen Bilder, die an den Wänden hingen,
und Röse und Marie nahmen Gelegenheit, ihrem Gönner den Kameraden Franz
Horny und dessen Talent zu empfehlen.
»Ihr haltet ihn also für begabt und vielversprechend?« fragte der Fürst
liebenswürdig spöttisch.
»Ja, Hoheit,« sagten die Mädchen einmütig.
»Dann, wenn Ihr ihn dafür haltet, werden wir uns nach dem jungen Mann
umsehen.«
Ein Adjutant machte eine Meldung, und Karl August wendete sich zu seinen
Gästen.
»Wir müssen leider voneinander Abschied nehmen. Meine Räte kommen, jetzt
muß regiert werden,« sagte er lächelnd.
»Lebt wohl, Ihr beiden Prachtmädchen! Nach Eurem Franz Horny will ich
mich einmal umschauen, lebt wohl!«
Wie von einem frischen Winde getrieben, liefen die beiden, als sie die
Stufen des römischen Hauses überschritten, nach Hause, um zu erzählen.
Ob sie Glauben fanden oder nicht, das that nichts zur Sache. Was sie
wußten, wußten sie. Sie waren Manns genug, sich darüber zu freuen, aus
tiefstem Herzen vergnügt zu sein.
Fünfte Geschichte.
Das Damengärtchen.
Jene Gesellschaft lebenslustiger und gefeierter Mädchen, von denen
unsere beiden geplaudert, während sie ihrem Herzog in die Arme liefen,
hatten sie bei der alten Kummerfelden kennen gelernt. Als sie eines
Tages bei der Nähmeisterin eintraten, gewahrten sie zu ihrem höchsten
Erstaunen Personen versammelt, die sie nie dort zu sehen erwartet
hätten, die »ganze heilige Klerisei«, mit welcher Bezeichnung sie den
Bekanntenkreis einer älteren Cousine beehrt hatten. Zu diesem Kreise
gehörten unter andern: Ulrike von Pogwisch, Ottilie von Pogwisch, Adele
Schopenhauer, lauter geistreiche Frauenzimmer, die bei den Ratsmädchen
eben deshalb nicht in allzu großer Achtung standen. Sie waren sich beide
vollkommen darüber klar, daß es bei weitem schönere Amüsements auf Erden
gäbe, als in verteilten Rollen zu lesen oder an geistreiche Freunde
geistreiche Briefe zu schreiben, oder als »^in corpore^«, wie sie in
Weimar sagen, für den Besitzer einer schönen Seele zu schwärmen. Röse
besonders machte sich nicht viel aus dieser Gesellschaft und wich den
Mädchen, wenn sie bei der Cousine waren, aus, wie sie nur immer konnte.
So war es den beiden eine fatale Überraschung, diese Herrschaften bei
der Kummerfelden anzutreffen. Röse blieb einen Augenblick ganz verblüfft
in der Thür stehen. »Marie,« flüsterte sie, »da wird's Ernst. Sie wollen
sich verloben. Umsonst thun die es nicht, daß sie in ihren alten Tagen
noch nähen lernen.« Die Mitglieder der geistreichen Gesellschaft waren
so ein fünf bis sechs Jahre älter, als unsere Ratsmädel, und erschienen
daher Röse und Marie als bedauernswert alte Geschöpfe. »Sie haben
Goethens August jetzt fest, das sollst Du sehen!« flüsterte Röse weiter,
als sie eingetreten waren und Platz genommen hatten, »oder sonst einen
von ihren Schöngeistern. Da wird nun drauf und dran nähen gelernt. Es
ist ein Skandal, und wenn sie auch etwas wegkriegen, in einem Jahr haben
sie's sicher wieder vergessen. Dann sitzt August Goethe, oder wen sie
jetzt haben, da und kann zusehen, wer ihm seine Sachen flickt. Die,« sie
blickte geringschätzend auf die von ihr besprochenen Mädchen, »die
thun's nicht, sie werden sich hüten.«
»Sie werden ihn ja doch nicht alle heiraten!« sagte Marie.
»Nein, sie dürfen's nicht,« erwiderte Röse trocken; »aber verliebt sind
sie alle. Alle, wie sie da sitzen, das ist bei ihnen eine
Heidenwirtschaft. Meinetwegen!«
Ottilie von Pogwisch rief Röse und Marie so von oben herab zu:
»Na, was macht Ihr denn?«
»Hohlsäume,« schmetterte Röse.
»Kommt nur,« rief Ottilie, »und setzt Euch mit zu uns.«
»Gut,« sagte Marie, und beide setzten sich unter die andern.
»Aber was wollt Ihr denn eigentlich hier?« fragte Marie, als sie sich
niedergelassen hatten.
»Wir, wir wollen Eure Kummerfelden studieren,« erwiderte Adele
Schopenhauer ziemlich ungeniert laut, da sie von der Schwerhörigkeit der
Meisterin überzeugt war. »Wir sind vollkommen objektiv hier.«
»Das wird soviel heißen,« erwiderte Röse, die es drängte, auf dieses
geheimnisvolle Wort hin etwas Verständnisvolles zu entgegnen, »daß Ihr
nichts lernen wollt hier?«
»Gewissermaßen, ja,« bekam sie zur Antwort. »Es ist wenigstens
Nebensache.« Adele zog ein Heftchen aus ihrer Tasche, sie hatte schon
damals ihre schriftstellerischen Anwandlungen, und sagte: »Wir sind auf
Jagd nach Originalen; sie sollen jetzt mehr und mehr aussterben. Hier,«
sie schlug mit der flachen Hand auf ihr Büchlein, »hier wird
eingetragen, was sie auch thun und sagen mag, das tollste Zeug. Wir
wollen Eure Kummerfelden verewigen. Wenn Ihr es versteht, sie zum
Schwätzen zu bringen, dann thut's; je mehr, je besser!«
Die Kummerfelden, oben auf ihrem Sitz, hielt sich mäuschenstill, und
Röse antwortete: »Pfui, schämt Euch, das ist ja miserabel, herzukommen,
um sich über sie lustig zu machen; das leiden wir nicht, das ist
betrügerisch. Lernt lieber etwas bei ihr, das ist gescheidter.«
Die Kummerfelden hörte den Mädchen von ihrer Höhe herab behaglich zu und
schob eine Haubenklappe etwas vom Ohr, um noch besser zu lauschen. Röse
räsonnierte auf das heftigste und verwarf das Vorhaben der gefeierten
Mädchen als ganz abscheulich.
Am Abend schrieb die Kummerfelden in ihr Tagebuch: »Ob ich das Honorar,
das die Frau Großmama (die Frau Großmama war die Gräfin Henkel) den
beiden Pogwischs ausgesetzt hat, annehmen soll, ist mir zweifelhaft, da
die Mädchens, und ebenso die Adele nichts profitieren werden.« Von den
Ratsmädchen aber schrieb sie folgendermaßen:
»Gott behüte die freundlichen, wenn auch oft unartigen Geschöpfe.
Wahrheit ist Vornehmheit. Herz und Mund auf dem rechten Flecke haben,
ist Glück für sich und andere. Gesundheit ist Schönheit und Frische
Segen. Das sind meine Lieblinge!«
Durch den Verkehr bei der Kummerfelden wurden die Ratsmädchen in dem
Hause bei Schopenhauers heimisch und fühlten sich auch dort wohl und
zufrieden. Johanna Schopenhauer, die Mutter Adelens, schien unsere
beiden für zwei allerliebste Figuren anzusehen, die ihren Salon zierten,
in dem sich allabendlich bedeutende und berühmte Gäste einfanden.
So ließ sie die beiden oft durch Adele zu sich einladen, bald mit, bald
ohne Rats, bat die Mädchen, ihr bei dem Umherreichen von Thee und
Backwerk behilflich zu sein und erntete von allen Seiten Lob, daß sie
die beiden Pagen sich zugelegt hatte.
So waren sie eines Abends auch zu Schopenhauers eingeladen; ihre
Gönnerin hatte angeordnet, daß sie in weißen Kleidern kommen sollten,
und als sie zu der ihnen bestimmten Stunde erschienen, wurden sie von
Madame Schopenhauer und Adele in deren gemeinschaftliches Schlafzimmer
geführt. Dort lösten sie ihnen die prächtigen Haare auf. Jedem von den
Mädchen drückten sie einen dichten Rosenkranz, aus den schönsten Rosen,
tief in die Stirne, und so verwandelten sich die zwei in Genien, wie sie
nicht anmutiger gedacht werden konnten.
Adele war ganz hingenommen von dem reizenden Anblick und zeigte sich
rückhaltlos liebenswürdig.
Während sie sich damit beschäftigte, die Reize der beiden Mädchen schön
hervorzuheben, behandelte sie Röse und Marie in einer Art
Schaffensfreude wie zwei Kunstwerke, die aus ihrer Hand hervorgegangen
waren.
»So, jetzt sind sie fertig!« sagte Madame Schopenhauer, als Adele sie
ihr zur Prüfung vorgeführt hatte. »Nun stelle sie hinaus und sieh zu,
wie es gelingt.«
Den beiden Mädchen wurde jetzt die Anweisung gegeben, draußen auf der
erleuchteten Treppe Goethe zu erwarten, der nach längerer Zeit zum
ersten Male wieder den Abend bei Madame Schopenhauer verbringen wollte.
Das fuhr den beiden doch etwas in die Glieder.
»Ach, du großer Gott!« rief Röse in einem wahren Schreckenston.
»Hört einmal,« antwortete Adele, »seid nicht dumm und verderbt uns
unseren schönen Plan nicht. Ihr stellt Euch draußen auf die Treppe hin
und wartet. Das könnt Ihr doch? Und wenn er kommt, sprecht Ihr kein
Wort, faßt ruhig seine Hände und führt ihn zu uns herein und nehmt ihm
erst vor der Thür seinen Mantel und Hut ab. Alles ganz ruhig und still;
und wenn er mit Euch spricht, so antwortet ohne Scheu, Ihr seid ja nicht
auf den Mund gefallen. Und nun allons, es wird nicht lange dauern!«
Damit nahm sie Marie an der Hand; Röse folgte, und sie führte beide zur
Thüre hinaus.
Im Nebenzimmer waren schon Gäste versammelt. Man hörte eine lebhafte
Unterhaltung. Als Marie und Röse draußen auf der Treppe standen,
blickten sie sich verdutzt an.
»Du großer Gott!« murmelte Röse noch einmal. Marie zeigte sich
vollkommen gefaßt. »Er mag nur kommen,« sagte sie so ruhig, etwa wie ein
Jäger, der sich bereit gemacht hat, einen Bären gehörig zu empfangen.
Jetzt ging die Hausthür. »Das ist er!« flüsterte Röse.
Ungemein leichte, elastische Schritte hörten sie auf der Treppe. Der
Ankommende mochte wohl zwei Stufen auf einmal nehmen.
»Das ist er nicht,« sagten sie.
»Das muß Schopenhauers Kater sein,« meinte Röse leise. »Paß auf! Daß er
heute auch kommt, wundert mich!«
Der Ankommende war Arthur Schopenhauer, der Sohn Johannas und der Bruder
Adeles.
Ein närrischer Gast, der mit aller Welt so übel wie möglich stand. Wenn
er sich in den Gesellschaften seiner Mutter sehen ließ, gab er die
sonderbarste Figur ab und brachte die gute, formgewandte Frau während
seines Aufenthaltes in ihrem Salon aus aller geistreichen Würde und
Fassung durch Paradoxen, unartige Angewohnheiten, beißende Urteile und
Kritiken und berührte ihre an Almanachszartheit gewöhnte Seele durch
aufrührerische Aussprüche auf das unangenehmste. Dieser Störenfried der
schöngeistigen Theeabende seiner Mutter stürmte die Treppe herauf,
prallte um ein Haar mit den Ratsmädchen zusammen, sah auf, starrte sie
wie aus einem Traum erwacht an und sagte: »Bei Brahma! was ist denn
los?«
»Wir sollen Goethe erwarten,« antwortete Marie schüchtern.
»Das ist echte Weiberart! Können sie denn nicht aufhören drinn, den
Alten zu beschwindeln?« polterte Frau Johannas Sohn. »Wozu die Allotria?
Es ist ihnen nicht Einhalt zu thun, den Weibern! Sind sie mit Gottes
Hilfe soweit gekommen, daß sie unschädlich geworden sind, da suchen sie
Krücken und Stützen, exerzieren sich ein Vikariat ein, um zu
beschwindeln. So lernt's auch nur beizeiten, Ihr Schippchen!« damit war
er an den beiden Mädchen vorübergestürzt.
»Grobian,« sagte Marie.
»Grobian,« wiederholte Röse, »hör mal, grob ist er, mir aber lieber, als
alle zusammen drinnen mit ihrem Gethue, und garstig ist er auch, aber,
flink und behende, und seine Augen sind nicht übel.«
»Mein Geschmack ist er nicht,« erwiderte Marie kurz, »und ich kann nicht
sagen, daß es mir recht wäre, wenn Du Dich in den gerade vergucktest.«
»Schaf, wer redet davon,« war Rösens kräftige Antwort. Da ging die
Hausthür unten wieder.
»Herrjes, das könnte er aber sein!« flüsterte Röse.
Es bewegte sich ruhig, mächtig, majestätisch die Treppe hinauf, das
waren andere Fußtritte, eine andere Gangart, als die heftige, stürzende
des unliebenswürdigen Gastes von vorhin.
Röse hatte recht gehabt, er war es, Goethe war es.
Mit klopfendem Herzen standen die beiden schönen Geschöpfe auf der
obersten Treppenstufe und blickten auf ihn, wie er langsam und bedächtig
die Treppe herauf geschritten kam, den Schlapphut auf dem Kopf, um die
mächtigen Schultern einen dunklen, faltenreichen Mantel.
Als er auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, blieb er stehen,
blickte auf und gewahrte die beiden schönen Botinnen, die ihn
erwarteten. Der Anblick erstaunte ihn. Er verharrte einige Momente im
Anschauen der Mädchen.
»Artig! Anmutig, sehr anmutig!« rief er aus.
Die Genien gingen ihm ein paar Stufen entgegen und, als wäre der Teufel
in sie gefahren, so waren sie mit einem Mal verändert. Ihre
Schüchternheit, ihre Angst war gewichen, jede Bewegung wurde begeisterte
Hingebung und Grazie -- und sie empfanden, als flögen sie Goethe selig
entgegen.
Als sie die Arme ausstreckten, um seine Hände scheu zu fassen, schaute
Goethe wie ergriffen auf die jugendlichen Gestalten und sagte mit
eigentümlich mächtiger Betonung:
Dunkle Augen seh ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze!
Darauf ergriff er die Hände der Mädchen, nickte ihnen freundlich zu und
ließ sich hinauf geleiten.
Als er mit den beiden schönen Gestalten in das Zimmer seiner Freundin zu
den Gästen eintrat, war bemerkbar, daß dieses Eintreten auf die
Anwesenden eine wunderbare Wirkung hatte.
»Wie schön Sie Ihre Gäste empfangen, Frau Johanna.« Mit diesen Worten
begrüßte Goethe die Frau des Hauses. »Haben Sie Dank dafür.«
Das Zimmer, in das sie eintraten, war langgestreckt, fast ein Saal zu
nennen, vierfenstrig. Die Wände mit der sonderbarsten Tapete bekleidet,
welche die Geschichte des Joseph in Egypten grau in grau darstellte. Die
Grube, in die die bösen Brüder ihren jüngsten gesteckt hatten, die
Käufer des guten, verwöhnten Knaben, die Träume des Pharao, das
Wiedersehen mit dem alten Vater, all dies war an den Wänden des Salons
der Frau Johanna zu sehen. Der Saal ist unverändert geblieben noch bis
vor einigen Jahren. Jetzt dient er einer Restauration, und die bösen
Brüder, der alte Vater, der gute Joseph, die alle in dem Salon der
Madame Schopenhauer auf die berühmten Leute, die sich dort bewegt haben,
herabgeblickt hatten, sind mit rosa Ölfarbe übertüncht.
Diesen Abend wurden die Ratsmädchen außerordentlich gefeiert. Sie
bewegten sich unter den berühmten und geistreichen Leuten wohlgemut und
hörten von allen Seiten Artigkeiten. Goethe setzte sich eine Weile
während einer kleinen Aufführung, die Adele, die Pogwischs und August
von Goethe veranstalteten, zwischen die beiden Schwestern. Er erzählte
ihnen, daß er sie gar wohl kenne und schon oft Freude an ihnen gehabt
habe.
»Welche Fülle,« sagte er und strich Marie über die goldschimmernde
Haarflut, die reizend an ihrer schlanken Gestalt hinabfloß.
Röse und Marie bemerkten, daß Arthur Schopenhauer und Goethe an diesem
Abend auf das eifrigste miteinander sich unterhielten.
»Du, Dein Kater sprüht Funken,« sagte Marie zu Röse und zeigte auf
Arthur Schopenhauer, aus dessen Zügen das Leben, während er sprach,
wahrhaft leuchtete.
»Ich hab's immer gesagt: das ist auch ein großes Tier,« meinte Röse; »da
wird ja wohl auch die Schopenhauerin einmal mit ihm zufrieden sein, wenn
er sich mit Goethen so niedlich macht. Die Adele hat's von mir zu hören
bekommen, daß ich es unausstehlich finde, wenn sie an ihrem Bruder ewig
herumnörgelt.«
Die beiden Damen Schopenhauer waren, wie stadtbekannt, in einer
unausgesetzten Unzufriedenheit mit dem Sohne und Bruder Arthur,
mißtrauten ihm in allen Dingen; seine Neigung zur Philosophie, sein
Aufgehen darin erschien ihnen höchst sonderbar und wenig versprechend.
Sie hielten nicht viel von seinen Bestrebungen, drängten sich ihm als
Vorbilder auf und behandelten ihn nur als ^enfant terrible^. »Alles an
ihm ist beängstigend, selbst seine Wahrheitsliebe, mit der er einem wie
mit einer Bürste unter die Nase fährt,« sagte seine Mutter von ihm, und
derlei Aussprüche der Mutter mochten wohl mit schuld daran sein, daß man
ihm in ihren Gesellschaften wenig liebenswürdig entgegenkam. Er saß
gewöhnlich allein und unbeachtet, auf das sonderbarste in einen Stuhl
hineingeräkelt, und schien sich um niemanden zu kümmern.
An dem Abend aber, als er die Ratsmädchen auf der Treppe beinahe
umgerannt hatte, näherte er sich ihnen: »Nun, Ihr Haareulen,« sagte er,
»wie geht's? -- Wie steht's? Ihr seid ja gut ausstaffiert, sorgt nur
dafür, daß es nachher, wenn Ihr eingefangen habt, was Ihr einfangen
werdet, und die goldenen Fahnen davon geflattert sind,« er schnippte
leicht in Rösens Haar mit dem Finger, »daß es dann nicht gar zu übel um
Euch und die, die mit Euch leben müssen, steht. In der Jugend geht alles
an, die hat ihre Zwecke, da mag es sein; aber pfui Teufel, alte Weiber,
da hat es seine Gefahr, da kann alles unerträglich sein. Denkt daran,
daß Ihr alte Weiber werdet, und sorgt schon jetzt vor, daß es dann
leidlich mit Euch auszuhalten sei. Schwatzt nicht, und wenn es jetzt
noch so niedlich klingt, später ist es das nicht mehr, -- ist
unausstehlich, horrend! Seid anspruchslos, des Alters wegen.
Anspruchsvolle alte Weiber, -- grauenhaft! Soviel wie ein altes Weib
geben kann, auf soviel hat sie Anspruch im Entgegennehmen, versteht Ihr?
Verflucht wenig!« Die Ratsmädchen hörten ihm verwundert und lächelnd zu.
»Versucht«, brummte er, »ob Ihr es fertig bringt, Euer lebelang
freundlich zu bleiben und mitleidig! Diese zwei Dinge können versöhnen.
Nebenbei sparsam und fleißig. Was ich Euch hier sage, ist vernünftig und
klug, wenn es Euch auch dumm vorkommt. Hört auf einen, der klüger ist,
als der übrige Haufe, und Ihr bekommt's nicht alle Tage zu hören! Mit
der Jugend nimmt's rasch ein Ende. Heut seid Ihr vierzehn und fünfzehn
und nächstes Jahr sechzehn, dann kommt langsam siebzehn, achtzehn,
neunzehn. Seid Ihr erst zwanzig, dann geht es mit Riesenschritten:
fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig -- fünfzig, hu!« und der kleine
Mensch mit dem großen Kopf schnitt eine greuliche Fratze.
»Unrecht hat er nicht,« sagte Röse, als er wieder von ihnen gegangen
war. »Aber wenn man sich denkt, daß es ein junger Mann ist, der so
spricht, dann kommt einem die Sache doch närrisch vor.«
»Abgeschmackt,« urteilte Marie.
»I gar, das nicht,« bemerkte Röse tiefsinnig.
Und sie hatte sich die Worte des wunderlichen Menschen fürs Leben wohl
gemerkt. Als die Jugend von ihr gewichen war, die goldenen Fahnen
eingezogen, da blieb die reine Freundlichkeit, Anspruchslosigkeit
zurück, eine unerschöpfliche Güte, mit der sie bis in das hohe Alter
Haus und Familie, Kind und Kindeskinder, beglückte und rührte. Es blieb
ein Wesen zurück, aus lauter Liebe gestaltet. Ich weiß nicht, wie ich es
nennen soll, ein altes Weib wurde unsere Röse nie; sie wurde so wenig
alt, als Güte und Anspruchslosigkeit je alt werden können. Wir nennen
sie noch heute unser »Gomelchen«. Der Name ist gekommen, ich weiß nicht
wie. Er entstand, um etwas zu benennen, für das sich kein Name
eingestellt hatte, für etwas, das lauter Heiterkeit, Liebe,
Liebenswürdigkeit, Innigkeit, Frische und die Güte selbst ist. Sie wurde
ein »Gomelchen«, wie schon gesagt, nie alt, kein Mütterchen, »ein
Gomelchen«, nichts anderes. Der Philosoph hatte den herrlichen Mädchen
wohl, weil er Mitleid mit ihnen fühlte, einen Zauberspruch fürs Leben
mitgegeben, der sie vor dem Alter schützen sollte; diesen Spruch: »Immer
an das alte Weib denken«, hat Röse zu jeder Zeit wohl im Herzen
behalten.
Doch habe ich jetzt fünf, sechs, sieben Jahrzehnte vorgegriffen, in
Zeiten hinein, die den Ratsmädchen an jenem schönen Abend bei Johanna
Schopenhauer unendlich ferne lagen, in Zeiten hinein, in denen Enkel und
Urenkel der beiden schönen Kinder ihr Wesen treiben. Die Unterhaltung
aber des widerhaarigen Sohnes der geistreichen Mutter, die im Leben der
Ratsmädel die besten Früchte getragen, diese Unterhaltung hat ihnen am
selbigen Abend noch einen rechten Ärger gebracht. Sie waren während der
Standrede, die ihnen der Philosoph gehalten, belauscht und zwar von
Ottilie von Pogwisch und August von Goethe und wurden von beiden, die in
vertraulichem Einverständnis zu sein schienen, gehörig damit gehänselt.
»Der hat Euch gut zugerichtet, das ist recht,« sagte Ottilie. »Wenn's
nach mir ginge, er müßte Euch alle Tage predigen: >Ihr habt es
vonnöten<.«
»So,« sagte Röse und wurde dunkelrot vor Ärger. »Und Ihr? Wer soll denn
Euch thun?«
Sie hatte auf Ottilie von Pogwisch von jeher einen Ärger, sie brauchten
nur in ein Gespräch miteinander zu kommen, so schwoll Rösen der Kamm.
»Ich habe übrigens mit Euch ein Hühnchen zu pflücken und die Adele auch,
kommt einmal mit, Ihr Galgenvögel,« sagte Ottilie gutlaunig.
Sie ging voraus, und die Ratsmädchen folgten ihr. August von Goethe
flüsterte ihnen zu: »Laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen, ich habe etwas
verraten, was Ihr angerichtet habt, daß Ihr's nur wißt.«
Es stellte sich eine sonderbare Thatsache heraus, daß nämlich die
leichtsinnigen Ratsmädchen eine geringe Achtung vor der Unantastbarkeit
eines wohlverwahrten Briefes hatten, ja, daß gerade die Verschlossenheit
eines solchen Briefchens eine unwiderstehliche Aufforderung an sie
enthielt, es zu öffnen.
Die geistreichen und unausgesetzt in schriftlichem Verkehr miteinander
stehenden jungen Damen, die Pogwischs, die Schopenhauer und deren
Freundinnen hatten Röse und Marie hin und wieder ein solches
wohlverwahrtes Briefchen mitgegeben, das sie da oder dort abliefern
sollten.
Diese Briefchen aber wurden von den beiden regelmäßig in dem wenig
belebten Durchgang des Wittumspalais gelesen.
Was für ein sonderbares Gemäuer war dieser alte Durchgang und ist es
noch, denn er wird wohl kaum seit jener Zeit eine Veränderung erlebt
haben.
Von der Esplanade, der jetzigen Schillerstraße, die damals von alten,
schönen Linden beschattet war, führte eine breite Treppe mit eisernem
Geländer zu einer Gruppe tiefliegender Häuser hinab. Neben dieser Treppe
in einem schattigen Gärtchen wächst ein schöner Muskateller-Birnbaum,
der wie kein anderer voll blüht und voll trägt. Er stand schon damals
und steht noch heute. Auf der Treppe fanden und finden die Schulkinder
an frischen Julimorgen manch goldgelbes, zersprungenes Birnlein liegen,
das der Wind über Nacht von dem Baum geweht hat.
Diese Treppe führte zu dem dunkeln Gang, der durch ein Nebengebäude des
Wittumspalais geht und der wie geschaffen ist zum Lauern und Schlüpfen
für Liebespärchen und Gassenbuben.