Das wußte die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie
sehr bedacht.
Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in
Liebenswürdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und
Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glücklich, alle ihre
Eigenschaften für andere angenehm gestalten zu können, es mochte wohl
keines unter ihren Mädchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung
durchs ganze Leben geblieben ist.
Wenn sich nach langen, langen Jahren, die über das Grab der Alten
hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Straße begegneten, die
in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genäht und sich vielleicht
seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so
liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam
ihre schöne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun
schon lange nicht mehr gekostet, wehmütig lächelnd entgegen.
Als unsere Röse eine alte, prächtige Frau geworden war, Großmutter und
Urgroßmutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine
wunderschöne Geschichte: »Die Abtei Balderoni«, die die Kummerfelden
stückweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie
war darüber gestorben. Und die Urgroßmutter dachte noch mit Bedauern
daran, daß die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen können.
Die Erzählung, die die junge Röse entflammt, und die Art des Vortrages,
die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, über die ein
reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort,
und sie fühlte sich überströmt von Erinnerungen, die ein paar wenige
noch mit ihr teilten.
Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nähmeisterin auf
ihre Mädchen ausübte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war
immer dabei, ihre Ideen durchzuführen.
So veranstaltete sie Spaziergänge mit ihren jüngsten Schülerinnen, und
zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, während
derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die
Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jäger auf den
Anstand, und lauerte, ob sich etwas Fürstliches zeigen würde, und wenn
sich etwas näherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die
Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unübertrefflichen Knix,
»kautzte so tief«, wie die Mädchen sich ausdrückten, daß sie immer erst
nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte,
sie wiederzusehen, in die Höhe kam, mit einem unnachahmlichen,
würdevollen Ausdruck, als wäre nichts geschehen.
Sie hatte übrigens während ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt
und besonders das, daß die Mädchen sich gewöhnlich ihr Vorbild nicht zu
Herzen genommen und einen äußerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht
hatten.
»Denkt Ihr denn,« sagte sie dann aufgebracht, »daß ich die Knixerei für
mich mache? Daß ich mir zur Übung auf die Herrschaften warte, Ihr
Dummhüte? Das nächste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte
ich mir Gehorsam aus, -- hört Ihr? --! Ich könnte Euch ja auch vor
Stühlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht
für etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, weiß man, wie man
sich benimmt. Also das nächste Mal aufgepaßt!«
Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit
ihrer Schar. Für ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe
Verbeugungen, wie für die Herrschaften in Bereitschaft. »Jedem das
Seine,« sagte sie. »Geistige Größe ist aller Achtung wert, so lange wir
aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, muß sie zurückstehen.«
»Im künftigen Leben ist das dann anders,« versicherte sie ihren
Zuhörerinnen. -- »Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor.
Hier müssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, daß er keine
rechte Auffassung und Würdigung des Lebens hat, weder des irdischen,
noch des himmlischen.
Macht einer hier Verstöße, wird er sie auch dort machen, denn es kommt
alles auf die Klarheit an, daß man die Dinge so ansieht, wie sie sind
und wie sie hier angesehen werden müssen.
Wer das thut, ist ein kluger und anständiger Mensch, gegen den sich
nichts sagen läßt.«
Das waren weise Regeln der Kummerfelden.
Sie war eine nachsichtige Frau und ließ um sich her Dinge geschehen, die
eine andere verpönt haben würde.
Während der Nähstunden trieb sich nämlich vor den Fenstern des
Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.
Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die
Nähe des Fensters immer die jüngsten, den Jahren nach die
unschuldigsten, von denen sie wußte, daß sie noch keine
Liebesgeschichten anzettelten.
Die Ratsmädel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in
Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll
durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den
Ratsmädchen der Besitzerin zugesteckt.
Röse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Sächelchen auf diesem
Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und
Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Düte mit
allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es
unsere beiden noch nicht gebracht. Sie überreichten der Kummerfelden die
schönsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafür bestens bedankte und
selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute
Zähne.
Das war die Kummerfelden mit ihrer Nähschule, ihrem Verständnis für die
liebe Jugend, ihren kräftigen Ausdrücken und ihrer klugen, freundlichen
Seele.
Durch Madame Kummerfeld hatte Röse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht,
nämlich die des Türmers Kesselring, der mit der Nähmeisterin in
Verwandtschaft stand, und zu dem Röse verschiedene Male auf den Turm
wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und
Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit
dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln
und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Röse verschiedene
Male zu ihren Ausrichtungen benützt. Die hatte sich, wie sie es überall
that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fühlte, auch bei dem Türmer
Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewußt und war auf der
Höhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. --
Der Türmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war
nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleißiger
Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleiße haben mochte, denn es galt,
für ein ganzes Häuflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu
sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten
sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend möglich war,
feierten ihren Weihnachten im Turmstübchen mit aller Festlichkeit, buken
zu Ostern und Pfingsten große Kuchen, die sie durch die Turmwinde
hinabließen, damit sie im Backhause vollendet würden. Sie leierten sie
dann wieder gebacken herauf, daß ihnen der süße Geruch in die Nase
stieg.
Röse, die diese Bekanntschaft merkwürdigerweise allein unterhielt, hatte
bei den Türmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen
Festlichkeiten, auch die Taufe des jüngsten Türmerleins.
Wie merkwürdig geheimnisvoll und für ein junges Gemüt tief anziehend war
ein Weihnachten auf dem Turm!
Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saßen die guten Leute und
der Gast in dem behaglichen Stübchen bei dem brennenden Christbaum und
einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und
verdeckte und überzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten
Lichter durch den Schneenebel, kein Geräusch klang herauf -- alles, was
den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Türmer
Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprühenden
Schnee hinaus.
Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum,
dem einzigen belebten Orte in solcher Höhe! Von Elementen umbraust,
hockte es sich so behaglich da oben. Röse kauerte mit den Kindern in
einer Ecke, und sie sahen dem Erlöschen der Lichter am Baume zu.
Da brannte eins noch hell, das Stümpfchen war verzehrt; es flackerte
auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal
und glimmte dann; ein würziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg
auf, und noch ein Glimmen, und es war verlöscht -- verlöscht für ein
Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezündet wurden, mußte ein Frühjahr
hingehen, ein Sommer, -- ein Herbst, ein langes, langes Leben.
Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rösens Herzen wohl; was
kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen,
und das war so gut, so schön gewesen!
Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die
Karpfen auf Turmeshöhe und auf dem ärmlichen Tisch ausnahmen; so ganz
fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wären es
die schönsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger,
denen man, um ihnen Wichtigkeit für den Magen zu verschaffen, eine
tüchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mußte.
Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten
über alle, die um den Tisch saßen, herrlichste Weihnachtsgefühle, waren
für aller Augen unantastbar vorzügliche Weihnachtskarpfen, an denen zu
kritteln ein Vergehen gewesen wäre. Wie undeutliche, zum Herzen
sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie
Erscheinungen in den rosigen Mündchen der Kinder, um nur Gräten und
angenehme, süße Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles
Wesen zurückzulassen.
Der Pfefferkuchen, die Äpfel, die Nüsse, die unter dem Baume lagen,
waren auch für alle Anwesenden nicht gewöhnlicher Pfefferkuchen -- nicht
gewöhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die
Lebensfreude, die Überfülle bedeuten und gläubig und fröhlich
hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas
Wundervolles!
Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, daß jede Stunde zur
Stadt herab getutet werden mußte, und nicht nur jede volle Stunde,
sondern jede Viertelstunde mit größter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es
noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rösens
Geschmack war.
Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei
Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pünktlich den Lauf der Zeit
der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich
unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der
Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser
Stunden hat ein schöner Mädchenmund vom Turme herab verkündet.
Vierte Geschichte.
Die Ratsmädchen laufen einem Herzog in die Arme.
Frau Rat hielt darauf, daß ihre beiden Mädchen alljährlich in den ersten
Frühlingswochen eine Erholungskur gebrauchten, zur Kräftigung ihrer
Gesundheit und Schönheit.
Sie hatte da einen harmlosen Kräuterthee von dem Vetter Apotheker
ausgekundschaftet, den filtrierte sie in frühester Morgenstunde ihren
beiden Schelmen ein und ließ sie danach in den frischen Morgen laufen.
Sie war nicht dafür, daß man erst abwarte, bis Krankheit den Menschen
überkommen und sich gar eingenistet habe, ehe man etwas zur Stärkung
thue, sondern hielt es für klüger, dem Übel vorzubeugen, und fuhr auch
gut dabei: denn ihre Mädchen gediehen zu ihrer vollen Zufriedenheit, und
die jährliche Frühlingskur schlug vorzüglich bei ihnen an, sei das nun
dem schönen Morgengenuß zuzuschreiben oder dem guten Appetit, den die
beiden sich auf ihren Spaziergängen holten. Trotz der Einfachheit des
Lebens bei Rats und mancher ärmlichen Einrichtung wurden unsere beiden
in vielen Dingen auf das vorsichtigste gepflegt und behütet.
Frau Rat wußte die Schönheit ihrer Kinder zu schätzen und bestrebte
sich, sie ihnen für eine gute Dauer zu kräftigen.
Denn diese Schönheit war deren einziges Erbteil, und Frau Rat wußte aus
Erfahrung, welche Ruhe und Heiterkeit aus andauernder Schönheit
entspringt.
So wurden unsere beiden von frühester Jugend an mit Bedacht gestriegelt
und gebadet, wie zwei wertvolle Pferdchen. Die Mutter hat die Pflege des
wunderbaren Haares ihrer beiden eigens übernommen, flocht und kämmte es
selbst und wusch es ihnen regelmäßig mit Salzwasser, und das war kein
kleines Opfer, das die vielbeschäftigte Frau brachte; aber sie hätte um
keinen Preis die Pflege dieses großen Schatzes den leichtsinnigen,
unverständigen Dingern selbst überlassen.
So geschah es durch die Fürsorge und Liebe ihrer guten Mutter, daß es
eine Freude war, die wohlversorgten Kreaturen anzusehen, trotzdem sie
sich auf Straßen und Gassen herumtrieben, mit allerlei Volk verkehrten,
ein Leben führten wie ein paar lustige Buben und von jedermann als
Ausbünde angesehen wurden, die wenig gelernt und so wenig behalten von
aller Weisheit, die man in sie einzufüllen bestrebt gewesen war, daß es
eine Schande blieb. Die Mädchen verdankten ihren Morgenspaziergängen
mancherlei Gutes, das sie in ihrer Faulheit, wenn die Mutter sie nicht
hinausgetrieben hätte, wohl schwerlich erfahren haben würden.
Während dieser Gänge tauchten sie beide in der Stille der unberührten
Frühlingsherrlichkeit wahrhaft unter und wurden von der Reinheit der neu
erwachten Natur durchdrungen. Sie lernten so das Schöne und Stille
lieben, und die gute, sorgsame Frau Rat hätte die beiden Töchter nächst
der Jungfer Concordia und der Madame Kummerfelden in keine bessere
Schule schicken können, als in die frühe Stunde, die ein erlauchter
Lehrer, der Frühling selbst, hielt. Sie kamen immer in einer etwas
gesänftigten Stimmung zurück, von der sich Gutes hoffen ließ, und hatten
noch dazu von außerordentlichen Erlebnissen, die andern Sterblichen
selten oder nie begegneten, zu berichten. Fanden sie auch für ihre
Mitteilungen meist wenig Glauben, so ließen sie sich doch durchaus nicht
stören, ihre gemeinschaftlichen Gänge zu einem Quell für Wahrheit und
Dichtung werden zu lassen; bald war ihnen, als sie mitten im Grünen
saßen, ein wildes Karnickel in den großen Hut gelaufen, der neben ihnen
lag, bald sonst sehr Ungewöhnliches passiert. Einmal, und das ist eine
Geschichte, solcher unartigen Geschöpfe wert, da hatten sie, da sie
nichts Besseres zu thun wußten, sich mit ihren Haaren zusammengeflochten
und zwar so fest, dicht und verzwickt, daß sie sich schließlich nicht
wieder auseinander bekamen und einen alten Herrn, der an ihnen
vorüberging, bitten mußten, ihnen behilflich zu sein.
Sie konnten das Benehmen ihres Retters aus dieser Not gar nicht
sonderbar und grotesk genug beschreiben, wie er den gewaltigen Knäuel,
der die goldene Haarflut Mariens und die bräunlich-blond glänzende
Rösens zusammenfaßte, verwundert und bedenklich in der Hand gewogen; wie
er die beiden von oben bis unten betrachtet habe, wie wenn er sich
vergewissern wolle, ob es auch bei ihnen ganz richtig sei. Röse
berichtete auf das genaueste, wie der Herr neben ihnen gestanden. Sie
hatten ihre Köpfe so eng aneinander geflochten, daß sie sich, als sie
sich erhoben, kaum bewegen konnten, und sie erzählten lachend, wie er
nach längerem, verwundertem Schweigen gesagt haben sollte: »Nun teilen
mir die beiden holden Kinder aber mit, wie sie zu dem artigen, sie
werden mir verzeihen, dummen Streich gekommen sind? Denn, bei Gott, es
ist keine Kleinigkeit für ungeübte Hände, solch einen allerliebsten
Knäuel auseinander zu bringen.«
Röse schnitt damit wohl etwas auf, daß sie darauf erwidert habe: »Man
kommt auf die eine Dummheit geradeso wie auf alle andern auch, ich weiß
nicht, wodurch eigentlich, mein Herr.« Da habe der alte Herr, der eine
gelbe Weste trug und ein rundes, weißes Gesicht hatte, sehr gelacht.
»Fremd war er,« sagte Röse, »sonst hätten wir ihn gekannt. Jedenfalls
mußte er irgend ein durchreisendes Licht sein, davon kommen ja
gewöhnlich welche an. Ich machte auch so eine Andeutung, und nach seinem
Gesicht, das er zog, zu schließen, werde ich nicht fehlgegriffen haben.
Unser alter Herr hat übrigens gut daran gemußt, bis er die »Wirrschette«
(wie sie in Weimar sagen) einigermaßen auseinander bekam, und wir
konnten uns nicht rühren, ohne daß er zauste, und er hatte geächzt und
gelächelt und gestöhnt und um Vergebung gebeten ohne Ende.«
»Ei, was dem Menschen für sonderbare Dinge passieren können,« hat er in
allen Ausdrücken wiederholt.
»Wird es mir einer glauben, was mir hier auf meinem harmlosen
Spaziergange passiert ist? Ich möchte mir von den beiden Demoisellen ein
Beglaubigungsschreiben über das Begebnis überreichen lassen.«
»Das ist doch so merkwürdig nicht,« hat Röse gesagt.
»So, so, so,« murmelte der Fremde. »Was seid Ihr denn für schlimme
Nixen, bringt Spaziergänger in Verlegenheit, alte, würdige Herren in
Bedrängnis?«
»I bewahre,« bekam er von Marie zur Antwort, »wie hätten wir sonst nach
Hause kommen sollen?«
»Macht nicht solches dummes Zeug, Ihr Mädchens,« hat sie der Herr in der
gelben Weste ermahnt, »Ihr könnt ja in Teufels Küche kommen!«
Wie viel und wie wenig Glauben ihre Geschichtchen fanden, kümmerte sie
beide nicht; sie erzählten sie dem, der sie hören wollte und nie kam es
vor, daß eine die andere Lügen strafte. Sie hielten zusammen, und was
die eine sagte, vertrat ohne weiteres die andere. Ob es wahr oder nicht
wahr sein mochte, das stand in zweiter Linie, darauf kam es nicht an.
Das erste Bedingnis blieb, daß sie einander beistanden wie ein paar
echte, rechte Spießgesellen. Dies Vertrauen, das eine zur anderen hatte,
mochte wohl auch der Grund sein, daß sie sich miteinander so wohl und
sicher fühlten.
Da war es einmal, daß ein unbeschreiblicher Maimorgen über der Erde
ausgebreitet lag, Nachtigallen schlugen im weimarischen Park, der
Hollunder duftete, das junge Laub strömte sanfte, würzige Gerüche und
strahlendes Farbenlicht aus. Auf den taufeuchten Wegen lag es wie ein
Frühlingshauch, so daß sie unbetreten erschienen.
Auf den Wiesen an der Ilm schimmerte noch ein leichter Frühnebel, aber
schon wärmte die Sonne und teilte all der zarten Frühlingspracht Kraft
zum Ausdauern mit.
Auf dem breiten Parkweg laufen unsere beiden Frühaufsteher, Hand in
Hand, und da sie sich immer und überall auf ihre Art vergnügen müssen,
so laufen sie jetzt, da ihnen nichts Besseres einfällt, _rückwärts_ wie
die Krebse, dem wohlbekannten römischen Hause zu, das sonnbeschienen,
weißbeleuchtet, von einem dunkeln Lebensbaum beschattet, säulengetragen,
an des Parkes Hauptweg liegt. So trotten sie hin in allem Behagen und
mit dem ganzen Eifer, den sie für jede Thorheit, auch für die geringste,
anzuwenden gewohnt sind.
In dieser Morgenstunde sind sie vollends alleinige Herrinnen des Parkes
und können thun und treiben, was ihnen beliebt.
Sie unterhalten sich über das Benehmen einer Gesellschaft Mädchen, die
damals mitten darin im weimarschen Leben steckten, älter als die
Ratsmädel waren und diese zu allerlei Vertraulichkeiten, zu Botengängen
u. dergl. sich herangezogen hatten.
Wir werden von dieser Gesellschaft noch erfahren.
Jetzt plauderten unsere beiden über die Mädchen und räsonnierten über
sie und ihre Liebeshändel, in die sie durch ihr Amt als Botengängerinnen
manch einen Blick gethan hatten, und übten eine scharfe Kritik an allem,
was diese Schönen betraf und was sie von ihnen erfahren und erlauscht
hatten. Und wie sie so rückwärts mit auffallender Sicherheit, jedenfalls
durch lange Übung errungen, klatschend und plaudernd hineilten, fühlten
sie mit einem Male einen mächtigen Widerstand. Sie erschraken, guckten
mit großen Augen und fanden sich in den ausgebreiteten Armen eines
stämmigen Mannes, in den Armen ihres Landesherrn Karl August, der sie,
als er sie so eifrig dahertraben sah, aufgefangen hatte.
»Schönen guten Morgen,« sagte er ihnen, indem er sie festhielt, »Ihr
seid mir schöne Kerle, Euren Herzog umzurennen. Wenn ich nun nicht so
fest auf den Füßen stände, jetzt läge ich da, und Ihr kämt für die Unart
direkt ins Zuchthaus. Donnerwetter, steht es denn mit Euch noch immer so
schlimm? Ich hörte, Ihr wäret vernünftiger geworden?«
»Bis sieben Uhr ist das unser Park, Hoheit,« erwiderte Röse schelmisch
befangen, als Karl August sie frei gelassen, und beide knixten tief und
^a tempo^ nach dem Rezepte der alten Kummerfelden. Zum Glück waren sie
nicht zusammengeflochten.
»I der Tausend, sind wir hübsch und schlau geworden. Gute Gaben für
junge Frauenzimmer. Aus der Schule nun endlich?«
»Ja, bald, Hoheit!«
»Gratuliere! Das soll ja für Euch eine böse Zeit gewesen sein?
Kondoliere noch nachträglich.«
»Wie man's nimmt,« meinte Röse. »Sie war so schlimm auch wieder nicht.
Man muß die Dinge nicht schwer nehmen; dann sind sie nicht schwer.«
»So, Ihr betrügt den lieben Herrgott, Ihr Tausendsapperloter? Dann
macht's nur so fort. Seht Ihr, da sind wir ja schon.« Sie standen vor
dem römischen Haus.
»Habt Ihr schon gefrühstückt?«
»Noch nicht, Hoheit, wir haben erst Gesundheitsthee getrunken!«
»So fehlt Euch etwas? Wart Ihr krank?«
»Nein, uns fehlt gar nichts, wir trinken nur so.«
»Das läßt sich hören,« sagte Karl August lachend. »Kommt mit und
frühstückt bei mir.«
Die Mädchen sahen sich bedeutungsvoll an, ungefähr mit dem Ausdrucke,
als wollten sie sagen: Da hätten wir ja wieder einmal etwas zu erzählen;
aber dieser einverständliche Blick verhinderte sie nicht, sich wieder
unterthänigst und vollendet zu verneigen und damit ihre Bereitwilligkeit
anzudeuten, daß sie mit Vergnügen die Ehre annehmen würden.
»Dann also vorwärts; ich bin hungrig, bin auch solch ein Frühauf wie
Ihr.«
Und sie gingen miteinander, der Fürst zwischen den beiden schönen
Kindern, die Stufen zu dem weißen, in der Sonne leuchtenden Hause
hinauf.
»Wir haben uns recht lange nicht gesprochen, dächte ich,« fuhr er fort;
»mein Gott, was das junge Volk heranwächst. Schade, daß es mit allen
Dingen so schnell zu Ende geht, und es giebt Schönes! Kinder, es giebt
Schönes auf Erden!«
Als sie miteinander bei dem Frühstück saßen, das Karl August seinen
jungen Gästen zuliebe hatte durch allerlei Leckerbissen vervollständigen
lassen, fragte er, nachdem sein Blick lange wohlgefällig auf den beiden
geruht:
»Hat Goethe Euch kürzlich gesehen? Der hat auch seine Freude an den
beiden Rangen. Darauf könnt Ihr Euch etwas zu gute thun.
Übrigens vortrefflich, daß ich daran denke. Ihr verderbt mir meine
Gitterthür an der Wilhelmsallee; was fällt Euch denn ein; was macht Ihr
denn da? Seid Ihr denn nicht klug, Euch dort zu schaukeln?« Röse und
Marie wurden feuerrot. »Dort haben wir Euch kürzlich vom Schlosse aus
beobachtet. Goethe hat das Opernglas dazu benützt; er wollte wissen, was
für zwei schöne Mädchen solche Gassenbubenstreiche ausführen. Schämt Ihr
Euch denn gar nicht, ist denn das Thor zum Schaukeln da?«
Vor den Fenstern des Schlosses, da liegt eine schönbogige Brücke, die
über die Ilm führt und die an ihrem Ende durch ein schmiedeeisernes Thor
abgeschlossen werden kann.
»Unser Garten liegt ja gleich hinter dem Thor, Hoheit,« entschuldigte
Marie sich, rot übergossen, »da müssen wir manchmal auf den Schlüssel
warten, wenn der Vater erst noch etwas zu thun hat, und was sollen wir
dann solange machen? Wir haben uns von jeher dort am Gitterthor
geschaukelt.«
»Meinetwegen thut's auch weiter,« sagte Karl August lachend. »Ich sehe
es mir gerne an, besonders, wenn Ihr die weißen Kleider mit den blauen
Schleifen anhabt, da macht es sich artig. Ein Ende muß es ja doch einmal
nehmen.«
»Ach, das war neulich, am Sonntag Nachmittag,« sagte Röse zu Marie
gewendet. »Vollends Sonntag Nachmittag, da schaukeln wir uns oft dort,
da weiß man so wie so nicht, was man anfangen soll.«
»Lesen thut Ihr wohl nie etwas?« fragte Karl August.
Beide Mädchen blickten verlegen nieder.
»Kennt Ihr denn so einiges, was meine Leute hier zu stande bringen?«