Platze stehen.
»Ich will ihn heute noch einmal sehen,« sagte Franz Horny leise zu den
Mädchen. »Wir wollen hier warten.« Und sie warteten. Ernst von Schiller
hatte sich auch noch zu ihnen gefunden. Bald gingen sie einer mächtigen,
schön schreitenden Gestalt nach, die in einen weiten Mantel gehüllt war;
alle schweigend.
Sie gingen durch die Esplanade, die Frauenthorstraße und folgten der
Spur des größten Menschen.
Sie sahen ihn die Stufen zu seinem Hause ruhig hinanschreiten. Sie sahen
ihn eintreten und blickten hinauf nach den erleuchteten Fenstern.
So standen sie eine Zeitlang.
Marie sagte: »Hört einmal, weil alles jetzt gar so schön war, da wollen
wir auch einmal etwas thun: in Wielands Garten blühen jetzt die Lilien,
die ganze Partie um die Kaffeeküche ist voll davon. Von Iris haben sie
auch ganze Klumpen in Blüte -- und was man sonst noch findet. Ihr,« sie
wies auf die Kameraden, »Ihr sollt übersteigen und zusehen, was Ihr
bekommen könnt. Wir sagen es Wielands einmal, oder sagen es auch nicht,
wie es sich macht. Es wächst dort wie Unkraut. Die Blumen binden wir
dann in zwei große Büschel an die Kettensteine hier vor der Treppe. Er
wird sie morgen schon sehen, aber es müssen tüchtige Büschel sein, viel
Grünes dazu. Bast zum Binden, daß wir sie an den Steinen festbekommen,
der hängt in Wielands Kaffeeküche, links am Haken, hinter der Thür.«
Die Freunde waren einverstanden und machten sich in aller Begeisterung
auf, um unschuldsvoll in Wielands Garten einzubrechen.
Ernst von Schiller, Budang und Horny kletterten glücklich über, warfen
den Mädchen ganze Ladungen der frischesten, tauigsten Blumen zu und
Zweige Bandgrasbüschel -- Röse und Marie rafften und banden mit
brennenden Wangen, was ihnen zufiel, zusammen -- und ehe die drei
glücklichen Diebe wieder zurückgestiegen waren, standen die Mädchen
schon bereit, jedes mit einem Riesenwerk von einem sommerlichen Strauß
in dem Arme.
»Der Tausend, so viel haben wir gelangt?« rief Budang erstaunt.
So zogen sie denn wieder beladen zurück. Und bald duftete es um die
Prellsteine an den breiten Stufen, die zur Hausthür führten, von dem
Blumenopfer, das die begeisterten, von Lebensgenuß und Jugendkraft
durchdrungenen Diebe gebracht hatten.
Während Röse sich noch an ihrem Strauß etwas zu schaffen machte, sagte
sie: »Übrigens ist es kein Wunder, wenn es ihm,« sie zeigte hinauf nach
dem Fenster, »so gelingt. Wenn man einmal ein großer Mensch von Natur
ist, da braucht man nur zu leben, und es macht sich von selbst, gerade
so, wie sich bei uns nichts macht. Mir thut Ernsten sein Vater leid, daß
er so früh hat sterben müssen.«
Ohne daß sie noch ein Wort dazu sprach, steckte sie eine Knospe, die sie
aus dem großen Blumenreichtum brach, ihrem guten Freunde an die Brust.
Jetzt brachten die drei Kameraden die Mädchen nach Hause, und über die
schönen Erlebnisse des Tages sanken die Träume.
Dritte Geschichte.
Handelt von der alten Kummerfelden.
So ungebunden das Leben unserer Ratsmädel sich gestaltete, so geschah es
doch, daß sie hin und wieder ernstlich angehalten wurden, etwas
Vernünftiges zu treiben.
Die Mutter sah ihre Kinder als vollgiltige Geschöpfe an, deren Willen
und Neigungen man berücksichtigen mußte. Gegen das Erlernen von fremden
Sprachen und Musik hegten sie von früh an, wie gegen etwas völlig
Überflüssiges und Zeitverderbendes, einen heftigen, unüberwindlichen
Widerwillen, der nach manchem Versuch, die Mädchen anders zu überzeugen,
geachtet worden war. Man hatte sie in der stark ausgesprochenen Neigung,
ihren Geist von jenem Ballast frei zu halten, schließlich nicht mehr
gehindert.
Frau Rat war der ruhigen Überzeugung, daß ihre Mädchen mit gesundem
Menschenverstand genügend versorgt seien, so daß sie das Darum und Daran
zur Not entbehren konnten, ja, daß man kaum bemerken würde, daß ihnen
etwas, worauf andere großen Wert legen, abgehe. Sie dankte ihrem Gott
dafür, daß die beiden Rangen zu Handarbeiten einige Neigung zeigten, und
war froh, daß es sich mit ihnen so und nicht anders gestaltet hatte,
denn hätten sie in Musik und Sprachen bis über die Ohren gesteckt und
dabei ihrer Hände Arbeit verächtlich von oben herab behandelt, so wären
sie für Frau Rat ein paar rechte Sorgenkinder geworden, denn diese baute
alle Hoffnung für eines Mädchens Glück und Zufriedenheit auf deren
Fleiß, Ordnungsliebe und kluge Selbstthätigkeit im Hause, mochte das
Mädchen dann sein, wie es wollte, es würde sich sicher als Frau dem
Manne doppelt nützlich machen, denn wo auch Schönheit, Leidenschaft
vergeht, bleiben Ordnung, Behagen, Fleiß als liebgewordene Gewohnheit
zurück und treten in volle Rechte ein. -- Und Frau Rat erkannte bei
allem Übermute und aller Unart ihrer Mädchen dennoch einen guten,
vertrauenerweckenden Kern in ihnen. In guter Einsicht hatte sie neben
dem kärglichen Schulunterricht, den die beiden genossen, für tüchtige
Kräfte gesorgt, die ihnen Anweisung in der Kunst weiblicher Handarbeit
erteilen sollten. -- Da war zuerst die Jungfer Concordia, die mit aller
Liebenswürdigkeit ihrer sanften Person auf unsere beiden eingewirkt
hatte und ihnen auch mit mancherlei Kenntnissen unvermerkt beigekommen
war.
Als Jungfer Concordia von Kränklichkeit oft heimgesucht wurde und die
Mädchen nicht immer um sich haben konnte, riet dieselbe der Mutter, Röse
und Marie zu der alten Kummerfelden zu thun, die in jeder Weise eine
vertrauenerweckende Persönlichkeit sei.
Und so geschah es; unser Kapitel soll von der alten, wunderlichen
Kummerfelden handeln und ihrer damals weit berühmten Nähschule. Die
besagte Madame Kummerfelden war, wie männiglich bekannt, früher
Schauspielerin gewesen und zwar eine große Künstlerin, vortreffliche
Darstellerin der Julia und Ophelia. In Hamburg, Frankfurt, Leipzig und
Weimar hatte sie einen guten Namen gehabt. Jetzt saß sie in einem
kleinen Häuschen, das sie in Weimar den Entenfang nannten. »Entenfang«,
weil es an einem Wassergraben lag, in dem die Enten der Flederwischmühle
ihr Wesen trieben und vor einer Schleuse in der Nähe des Häuschens Halt
machen mußten.
Die Schleuse, die in einem versteckten, von dichtem Buschwerk
überwachsenen Winkel lag, hatte den Müller schon um manchen fetten
Braten gebracht, denn verdächtiges Gesindel wußte von diesem Versteck
aus die Enten, die sich dort gern aufhielten, da sich daselbst allerlei
Vorzügliches für ihren Geschmack staute, zu beschleichen und
wegzukapern.
So wohnte die Kummerfelden im Entenfang, und im Entenfang hielt sie ihre
vielbesuchten Nähstunden. -- Das kleine Haus, es steht noch, hatte sich
jedenfalls ein närrischer Kauz vor langen Jahren nach seinem Behagen und
Geschmack erbaut, und der Geschmack bewies, daß der Erbauer desselben
einiges überflüssiges Geld besessen, denn auf die sonderbarste Manier
hatte er an unmotivierte Stellen und Ecken des Häuschens kleine Säulen,
die nichts trugen und stützten, anbringen lassen. Wo es ihm beliebt
hatte, klebte an der Wand, auf einem Konsol oder irgend einem Vorsprung,
ein Säulchen, auch über den Thüren standen sie zu dreien und vieren;
alle hatte man, wie die Wände, gleichmäßig gelb übertüncht, und sie
waren der Ärger der Kummerfelden, solange dieselbe das Häuschen
bewohnte.
Sie hatte in einer erbosten Stunde berechnet, daß an die dreihundert
Reichsthaler durch die verwünschten Säulen und Säulchen an den Wänden
und in den Ecken verbaut waren, und dieser tote Schatz war ihrem
praktischen Sinn ein wahrer Ekel.
Was ihr Haus aber lieb und wert machte, mochte eine Einrichtung sein,
die sie für ihre Zwecke gar nicht besser wünschen konnte -- und von der
sie sich nicht ausreden ließ, daß der Erbauer des Häuschens diese schon
in der Vorahnung ihrer künftigen Existenz darin habe treffen müssen.
Denn auch die Kummerfelden, wie jeder gute Sterbliche, hielt ihr eigenes
Dasein für den Punkt, auf den alle Linien zuliefen. Die Einrichtung, die
sie so erfreute und die allerdings großen Einfluß auf ihre Art zu leben
und zu wirken hatte, war folgende: Die beiden Hauptzimmer des Hauses,
ein größeres und ein kleines, lagen wohl nebeneinander, wie das
gebräuchlich ist, aber sie lagen nicht auf gleichem Niveau, sondern von
der kleinen Stube führten breite Stufen in das große Zimmer hinab. --
Das war eine verzwickte Bauart -- aber, wie es sich herausstellen wird,
für die Zwecke unserer Kummerfelden wie erfunden.
Die Alte hatte in dem oberen kleinen Zimmer ihr Bett, das ein
rotgeblümter Vorhang umschloß, und einen Schrank voll Raritäten; darüber
hingen ihre Lorbeerkränze, die glückliche Jahre ihr eingebracht hatten,
wie Erntekränze von der Decke herab.
Ferner hatte sie in diesem oberen Reich ihre Destillation. -- Sie war
die Erfinderin des Kummerfeldschen Wasch- und Schönheitswassers, das bis
heute noch in jeder Apotheke Deutschlands und weit über Deutschland
hinaus zu haben ist. -- Und die Alte war der lebende Beweis, daß ihrer
Erfindung zu trauen sei, denn trotz ihrer Jahre hatte sie ein frisches,
blühendes Aussehen und hielt viel auf sich. Sie trug eine Haube mit
Ohrenklappen und mächtigen Bändern, wie außer der ihren keine weiter im
Städtchen anzutreffen sein mochte. Ihre Kleidung war von altem,
bewährtem Schnitt, der von allerlei leichtfertigen Erfindungen längst
überholt war, dem sie aber mit vollem Selbstbewußtsein treu blieb. Das
Muster ihrer Kleidung mußte stets ein geblümtes sein; sie liebte es,
einen freundlichen Eindruck zu machen, und ein geblümtes Kleid war ihr
das erste Erfordernis, um solch einen Eindruck hervorzubringen.
Die Möbel der Kummerfelden verrieten samt und sonders, daß sie einer
praktischen, zugleich lebhaften Person, die es mit dem Leben leicht
nahm, angehörten. Die Kommode zum Beispiel gab Zeugnis davon. Diese
stand auf drei Kugelbeinen, das vierte ersetzte seit einer Reihe von
Jahren ein vorzüglich passender, roter, irdener Blumentopf und genügte
beiden, der Kommode und der Kummerfelden, auf das beste. An einer lila
Schnur, die mit einem Nagel an dem Kommodenrand befestigt war, hing eine
zweizinkige Gabel herab, die als Brecheisen und Hebel dienen mußte, um
den Schlüssel zu ersetzen.
Mit dieser stach die Kummerfelden mit einer ausgezeichneten, nie
fehlenden Sicherheit in die drei Fächer hinein, ohne das Möbel jemals
lebensgefährlich zu beschädigen, und jedes Fach zeigte, was dem
Verfahren nach natürlich war, eine Stichfläche, ähnlich der, die den
linken Zeigefinger einer fleißigen Näherin kennzeichnet.
Als Schmuck des Zimmers schien die Künstlerin ihre geblümten Gewänder zu
betrachten, die in aller Unschuld und Fröhlichkeit an den Wänden umher
hingen. Das machte den Eindruck, als liebe die Kummerfelden sie um sich
versammelt zu sehen. Der einzige Stuhl des Zimmers stand vor dem
Himmelbette, war ein Lehnstuhl mit großen Ohren und hatte ein
außerordentlich freundschaftliches und gutmütiges Aussehen. Über dem
Bette, von dem Himmel herab, hingen die auserwähltesten Lorbeerkränze,
mit gewaltigen Schleifen, die jedenfalls aus tiefen Gründen diesen
Ehrenplatz erhalten hatten. Außerdem aber hing über dem Bette ein
rotseidener, verblichener Beutel, der das Schnupftuch für die Nacht
barg, eine Ledertasche, in der sich zu jeder Zeit Zwieback und ein
stärkendes Schlückchen befand. Die Kummerfelden litt, wie viele alte
Damen, an momentanen Schwächezufällen, die zu Zeiten in merkwürdig
kurzen Pausen wiederkehrten.
In einem anderen Beutel über dem Kopfkissen, der an einer Schnur sich
bis auf das Bett herabziehen ließ, lag ein Gebetbuch und das Testament
der alten Künstlerin.
In das Gebetbuch, an der Stelle, wo die Stoßgebete für das letzte
Stündlein standen, hatte sie, der Vorsorge wegen, eine dicke Schnur
gelegt, daß, wenn es einmal unvermutet ans Sterben kommen sollte, sie
sich mit leichter Mühe zurecht finden und einigermaßen Trost verschaffen
konnte.
Einsame Menschen müssen sich für die Nachtzeit in allen Dingen vorsehen,
denn es lebt und stirbt sich beschwerlich allein, und die sonderbarsten,
bequemsten und vorteilhaftesten Einrichtungen ersetzen zu manchen
Stunden die kärglichste Gesellschaft nicht.
In dem oberen Stübchen blieb sie allein Herrin, kein fremder Fuß durfte
es betreten, in dem unteren hingegen war das Reich ihrer Schülerinnen,
ihrer Elevinnen, wie sie dieselben vorzugsweise gern benannte.
Da wurde genäht, gestickt, gestrickt und gestopft und endlos geplaudert.
Die Kummerfelden saß während der Unterrichtszeit auf der zweitobersten
Stufe der Treppe, welche die beiden Zimmer miteinander verband, und
hatte sich dort einen höchst behaglichen Sitz eingerichtet, mit Kissen
und Polstern. Das Stück Stufe, das ihr zum Sitz diente, war von ihr
selbst, um es sicher und bequem zu haben, etwas verlängert worden durch
ein festgenageltes Brett; und von diesem Throne herab überwachte sie
ihre Mädchen, von da herab tönten ihr munteres Lachen, ihre Verweise,
ihre Aufforderung zu einem Gange ins Freie, wunderbare Erzählungen aus
ihrem bewegten Künstlerleben. Von hier aus las sie ihnen vor,
deklamierte sie ihre alten Rollen. Es war ein ganz prächtiger Platz, um
die Schülerinnen zu überblicken. Die Kummerfelden hatte scharfe Augen,
so leicht entging ihnen nichts. Sie kannte ihre Mädchen. Außerdem hatte
sie eine ganz besondere Schlauheit angewendet, um genau zu wissen, was
vorging. Sie hatte sich von jeher als schwerhörig angestellt, damit die
unten ungestört alles und jedes laut miteinander plaudern konnten in dem
Glauben, ihre Meisterin verstände nichts. Dabei waren aber die Ohren der
Alten unter der Mütze wie Luchsohren so scharf, und sie lachte sich ins
Fäustchen, wenn die von ihr Getäuschten ganz ungeniert und laut Dinge
sprachen, die sonst wohl gar nicht in ihrer Nähe oder doch im Flüsterton
verhandelt worden wären.
Doch hatte sie diesen Betrug nicht aus Bosheit, sondern aus wahrem
Interesse an ihren Zöglingen ausgespielt und lachte manchmal in sich
hinein über die närrische Welt, denn jede neue Generation, die auf ein
Jährlein oder zwei bei ihr eingethan wurde, um zu lernen, benahm sich
genau wie die vorhergehende. Eine jede behandelte mit unerhörter
Wichtigkeit Dinge, von denen man der Art nach, wie die Mädels darüber
sprachen, annehmen mußte, daß diese Dinge überhaupt zum allerersten und
unwiderruflich letzten Male auf Erden stattfinden würden.
»Hört einmal, Ihr Sakramenter,« rief die Kummerfelden von ihrem Throne
herab eines Tages, als sie es ihr da unten zu toll trieben, es war zur
Zeit, als auch die Ratsmädchen bei ihr saßen. »Hört einmal, Ihr da
unterhaltet Euch doch nicht etwa von Liebesgeschichten? -- Ihr macht mir
gerade solche Gesichter.«
»I bewahre,« rief eine Schülerin lustig, »was denkt die Madame!«
»Ei Du!« murmelte die Alte in ihre große Haubenschleife hinein, »daß
Dich doch! -- Das lügt nun einmal, so lange die Welt steht!« Damit
beruhigte sich die Kummerfelden wieder, da sie doch nichts an der Welt
ändern konnte.
»Aber,« sagte sie, »im Falle Ihr einmal von Liebesgeschichten sprechen
solltet, und weil wir einmal darauf gekommen sind, will ich Euch doch
meine Geschichte mit dem Schauspieler Krakow erzählen. Es ist zwar nicht
viel daran, aber doch genug, um zu sehen, daß man auf alles gewärtig
sein muß im Leben.«
Und mit wahrer Herzenslust legte sie los und erzählte dies und das und
von Hamburg und von Bremen und sprach eifrig: »Also denkt Euch! Ich
verlobe mich mit besagtem Herrn Schauspieler. Er war ein recht schöner
Mensch von guten Gaben, war auch nichts gegen ihn einzuwenden, daß ich
wüßte. Zurückgelegt hatte er noch nichts, das hatte ich gethan und alles
schien so leidlich in Ordnung.
Mir war von ihm ein goldener Ansteckekamm verehrt worden, und ich gab
ihm eine perlengestrickte Börse. Sie liegt noch oben in meinem
Schrankkasten, denn er mußte mir, wie er das einem anständigen
Frauenzimmer nicht verweigern konnte, bei der Auflösung unserer
Verbindung die Börse zurückgeben, und unsere Verlobung löste sich, durch
Gottes Schickung, folgendermaßen:
Mein Verlobter übersandte mir zu meinem Geburtstag ein Körbchen mit
Mandeln und Rosinen, dazu ein Verschen, über das Ihr staunen werdet, da
es bis jetzo noch nicht zutrifft und recht zeigt, was für ein
verräterischer und verleumderischer Mensch mein Verlobter war. Schickt
mir also das Körbchen, und der Vers war so:
»Runzlich zwar, doch süße;
Nimm sie und iß se.«
Diesen Vers, wenn man das abgeschmackte Ding so nennen kann, verehrte er
mir.
Natürlich ist das »runzlich, doch süße« eine Anspielung auf meine Person
gewesen. Ich war damals die jüngste nicht mehr und Witwe, doch weit
entfernt von dergleichen, was er andeutete; was Ihr mir glauben werdet,
wenn Ihr bedenkt, wie ich jetzt, nachdem so viele Jahre darüber
vergangen sind, noch aussehe.«
»Aber weiter,« sagte die Kummerfelden: »Ich konnte natürlich die
Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen und schrieb ihm den Absagebrief,
wie es einem anständigen Frauenzimmer geziemt. Er hat ihn auch ohne
weiteres angenommen und ist kurze Zeit darauf mit der Soubrette
durchgegangen, so daß die ganze Angelegenheit den Anschein einer rechten
Verräterei trug. Mir hatte das Schicksal in diesem Falle wohlgewollt,
wenn man bedenkt, daß er sich später sein Lebtag mit der Soubrette
geprügelt hat und daß er alles durchbrachte, was irgend sich
durchbringen ließ. Ihr seht,« fuhr sie fort, »daß es mit
Liebesgeschichten seinen Haken hat. Schwatzt nicht soviel darüber, das
lockt das Böse an. Nehmt's, wie es kommt und grämt Euch nicht, wenn es
nichts wird, der ganze Handel ist des Aufhebens nicht wert, das man
darum macht. Nehmt Euch ein Exempel an mir, wie ich es mit dem
Schauspieler Krakow machte. Alles kurz und bündig und keine Zerrerei,
wenn es nichts wird. Kommt Ihr zu einer Heirat, mir soll's recht sein;
aber besser ist es allemal, es kommt nicht dazu; das heißt, wenn man ein
resolutes Frauenzimmer ist und weiß, was man will. Und ich bin eine
Verheiratete und sag das; merkt's Euch: kein solch Ding von einer
Jungfer, die von Angelegenheiten schnackt, die sie nicht kennt.«
Ob Madame Kummerfeld durch ihre Erzählung und ihre Ermahnungen in
Wahrheit glaubte, Eindruck auf die übervollen Herzen um sie her zu
machen? Wohl schwerlich.
Sie war zu sehr durch langjährige Erfahrungen von der
Unverbesserlichkeit ihrer Schülerinnen überzeugt. Es mochte ein launiger
Einfall sein, der sie dazu veranlaßt hatte, und übrigens stimmte sie mit
den Schülerinnen im Grunde des Herzens überein; auch sie fand, daß es
eine schöne Sache um das Lieben und Geliebtsein sei. Sie hatte auch das
Ihre genossen, war aber seit lange vollkommen mit ihrer Herzensruhe
einverstanden, wünschte es nicht besser und hatte ihren Spaß an denen,
die noch mitten darin steckten oder gar eben erst begannen. Diesen
liebte sie es, ein paar herbe Bissen, wie eben jetzt, vorzuwerfen.
Was brauchen die Mädchen zu wissen! Sie würden es schon erfahren!
Eine dumme, alte Gans, die es jungen Dingern läpperig macht!
Solcher Art waren die Ansichten der Kummerfelden.
Ja, man sollte sie einmal hören, wie unterschiedlich sie mit einem
Mädchen sprach kurz vor dessen Hochzeit, und mit einem, bei dem
vorderhand noch nichts in Aussicht stand. --
Die Kummerfelden war, wie alle klugen, liebevollen Leute, doppelzüngig
im guten Sinn, und richtete deshalb im Verkehr mit den Mädchen gar wenig
Unheil an; trotz ihrer Geschwätzigkeit.
Sie hatte für ihre Schülerinnen eine warme und teilnehmende Liebe,
führte auch in ihrem Tagebuch für jedes der Mädchen eine Rubrik, in die
sie ihre Wahrnehmungen und ihr Urteil über die Betreffende eintrug. Da
standen auch die Ratsmädel kurz und bündig als ihre Lieblinge
verzeichnet, ohne jeden weiteren Zusatz; den hielt die Kummerfelden in
dem Falle, in welchem sie ihren höchsten Ehrentitel gab, für unnötig.
Was für liebenswerte Schuleinrichtungen und Gesetze hatte die prächtige
Frau für ihre Mädchen gut geheißen und erfunden!
Einrichtungen, die so ganz dem Empfinden der Jugend angepaßt waren. Da
gab es einen Lohn, der das lobenswerte Geschöpf, dem er zuerteilt wurde,
mit heiligem Schauer überrieselte. Wer ganz vorzüglich gearbeitet und
dies ununterbrochen eine Zeitlang durchgeführt hatte, diese Auserwählte
durfte während einer Unterrichtsstunde in den weißen Schuhen der Julia,
Shakespeares Julia, auf den Treppenstufen erhöht sitzen. Diese Schuhe
hatte die Kummerfelden in ihrer guten Zeit als Julia im Sarge getragen.
Keines der Mädchen konnte sich etwas Geheimnisvolleres als diese weißen,
immer noch unverbrauchten Atlasschuhe denken, und die Glückliche, die
sie tragen durfte, fühlte sich durch dieselben und durch die Art, wie
die Kummerfelden sie ihr feierlich anlegte, aus den profanen
Lebenskreisen gehoben. Mit den Schuhen der Julia an den Füßen, war dem
Mädchen der Vorhang, der ihm noch vor der Welt des Schönen hing, ein
wenig eingerissen. Julias Zauber, Julias Liebe, Julias selige Sprache
sank auf sie nieder, und sie fühlte sich geweiht und allem anderen
entrückt. Die Kummerfelden hatte die Schülerinnen wohl eingeführt in die
Bedeutung dieser Attribute.
Sie hatte ihnen, von ihrem Sitzplatze auf der Treppe aus, ihre alte
Rolle wiederholt deklamiert, so wie sie es sonst in ihren jungen,
begeisterungsvollen Jahren gethan.
Und die Julia in der großen Haube mit Ohrenklappen, in dem geblümten
Kleide, hatte die Zuhörerinnen ganz hingenommen und zu Thränen gerührt
und tief erschüttert.
Welche zaubervollen Stunden verstand die Gute den Mädchen zu bringen,
und wäre sie noch sonderbarer, noch bei weitem grotesker und
befremdender gewesen, ihr gutes, reines Herz, ihre freundliche
Gesinnung, ihr heller Geist wäre durch alles durchgedrungen und hätte
sich durch jedes Hindernis hindurch offenbart.
Ein weiterer Ansporn für Fleiß und Betragen war von den Schülerinnen
selbst ersonnen, von der Meisterin gut geheißen und hatte sich als
Tradition von einer Klassengeneration auf die andere fortgeerbt. Die
Mädchen waren immer mit Eifer dahinter her, daß soviel Hemden wie
möglich zu gleicher Zeit fertig wurden. Das Zuschneiden und vollendete
Nähen dieser wichtigen Kleidungsstücke lehrte die Kummerfelden mit Weihe
und Gesetzesstrenge, denn es erschien ihr als oberstes und erstes
Erfordernis weiblicher Bildung die untadelhafte Vollendung eines Hemdes.
Ein Mädchen, das in dieser Wissenschaft nicht auf erwünschter Höhe
stand, schien ihr ein Greuel, deshalb war es ihr recht, daß sich aus dem
Empfinden der munteren Geschöpfe selbst eine Art Feier, die die
Vollendung eines solchen Meisterwerkes begrüßte, herausgebildet hatte.
Die Mädchen sorgten nämlich dafür, wie schon gesagt, daß soviel Hemden
wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden und richteten dies aus kluger
Berechnung ein, damit jede nach der Lehrstunde ihr neues Hemd über das
Kleid ziehen konnte, und alle miteinander zogen dann derart ausstaffiert
im Zug durch die Straßen auf Umwegen nach Hause.
Wenn die weißangethane Schar, im Gefühle ihres Fleißes und einer schönen
Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese
wohlwollend nach und freute sich über die Hemden, die sie übergezogen
hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schülerinnen kam ein Zweifel auf, ob
dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich
bewegte. Die Mädchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke
unangefochten dahin, hörten, wie ein paar verständnisvolle Frauen, an
denen sie vorüberkamen, sagten: »Herrjes, da sind die Kummerfeldschen
schon wieder mit ihren Hemden fertig!« Die Gassenbuben riefen ihnen
nach:
»Kummerfeldsche Hemdenmätze!«
Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefällig.
Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte
angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt
jedermann Verständnis und Achtung.