neuen Spiele sich vergnügte, war unsere Katze glatt und munter wieder
dabei. Nicht gar zu spät trennte man sich, denn die Ratsmädchen durften
die Pastorsleute nicht aus dem Bette holen. Die Gutsbesitzerin trieb die
beiden an, als es Zeit war, zu gehen, lud ihnen ihr Bündelchen auf und
entließ sie mit der Weisung, vernünftig zu sein und dort die Wirtschaft
nicht noch zu verschlimmern. Als sie durch den Pfarrgarten gingen, kam
ihnen ihre frühere Lehrmeisterin entgegen. Sie schien vor dem Hause
etwas zu lustwandeln.
»Da kommt Ihr ja,« rief sie den Mädchen zu. »Ihr müßt aber mit unten
schlafen, hat es Euch die Sperbern schon gesagt?«
»Ja,« erwiderte Marie.
»Nehmt's, wie es ist,« fuhr die Pfarrerin trocken fort. --
Sie traten miteinander in den Hausflur ein; da drang aus einer halb
offenen Thür, aus der ein matter Lichtschein in die Dunkelheit fiel, ein
merkwürdiges Summen, Poltern, Kreischen, Quieken, Schimpfen, Rücken,
Zischen und Huschen.
»Da schlafen die Kinder,« teilte die Pfarrerin mit und öffnete die Thür
vollends. Welcher Anblick! In einem durch eine Öllampe, die mitten im
Zimmer von der Decke herabhing, dämmerig erleuchteten Raume bewegte es
sich auf eine überraschende Weise. Überall schlüpften rosige, weiße
Gestalten. Auf den Betten sprang es, auf der Diele schlüpfte es, und bei
dem ersten Schritte in dieses Reich zupfte es schon von allen Seiten den
Mädchen an den Röcken.
»Daß Euch doch gleich!« rief die Pfarrerin und schwang in demselben
Augenblick einen Stock, den wohl ein guter Geist ihr während ihres
Eintrittes in die Hand gespielt haben mußte, denn kurz vordem wußten
Marie und Röse, daß sie unbewaffnet gewesen war.
»Wollt Ihr wohl!« rief sie, »Ihr Pack, geht in die Betten!«
Erheitert durch diese kräftige Anrede wurde dem Befehle der Pfarrerin
auf schreiende, kreischende Weise nachgekommen. Sie gingen in die
Betten.
Marie und Röse folgten den Bewegungen ihrer früheren Lehrmeisterin, wie
diese sich über das eine und andere Bett bog: in jedem lagen zwei bis
drei Pastorskinder für die Nacht verpackt. Sie sahen, wie die Herrin
dieser Schlafstube Decken energisch feststopfte, bedeutungsvolle Püffe
austeilte und auf alle Weise bemerklich zu machen suchte, daß sie Ruhe
wünsche.
In unklaren, kurzen Redensarten teilte sie, wie es schien, Befehle aus,
wie: »Fort, Du da aus dem Bett, fort da in das Bett! Das Bett bleibt
frei!«
»Der haben sie schon übel mitgespielt,« bemerkte Röse trocken zu Marie
gewendet. »Sieh nur, wie verschlumpt sie ist. Du lieber Gott, sie war
zwar unsere Lehrerin, aber leid thut sie mir doch!«
Es brauchte nur ein armer Sterblicher nach Rösens Meinung das Unglück
gehabt zu haben, Mariens oder ihr Lehrer gewesen zu sein, so schien er
ihnen für eine fühlbare Wiedervergeltung des Jammers, den er ihnen
verursacht hatte, reif genug.
Aber dieses Maß, das über die arme Pfarrerin ausgeschüttet wurde,
erschien selbst Rösen überreichlich.
»Ihr müßt schon hier fürlieb nehmen,« sagte die Frau außer Atem. »Hier
in dem Bett könnt Ihr schlafen.« Sie wies auf ein breites Bett, das
wahrscheinlich drei Pfarrerskinder, die nun enger zu einander gesteckt
waren, den Gästen zuliebe hatten räumen müssen.
»Macht's Euch bequem.« Diesen kühnen Ausspruch in dieser Umgebung that
die Pfarrerin auf eine sonderbare, fast spöttische Weise, als wollte sie
sagen: »Mache es sich hier einer bequem!«
»Na, legt Euch nur hin, sie werden es ja gnädig heut Nacht machen ...
Daß Ihr mir die Mädchen nicht stört!« rief die Pfarrerin mit
Feldherrnstimme. »Hier den Fritze,« sie zeigte nach einem Bette, »den
laßt nur ruhig, der hat den Keuchhusten. Er macht es mit sich allein ab,
das ist das beste. Schlafet wohl, ich muß hinauf zu den zwei kleinen
Schreihälsen, wenn das nicht wäre, da hätte ich es anders mit Euch
eingerichtet.«
Die Pfarrerin ging und ließ die beiden Mädchen mit der heimtückischen
Gesellschaft allein. Kinder, die mit blinzelnden Augen warten, bis die
Mutter glücklich zur Thür hinaus ist, um dann unter den Decken
vorzuschlüpfen und einen Hexensabbath nach ihrer Art zu feiern, sind das
heimtückischste, was man sich vorstellen kann.
Noch blieben sie ruhig, und die Mädchen begannen, sich auszuschälen,
vorsichtig, lautlos, denn es verlangte sie durchaus nicht danach, das
Schauspiel von vorhin, als sie eintraten, wiederholt zu sehen.
Sie saßen miteinander in ihren Röckchen auf dem Bettrand und flochten
sich die Zopfenden fester; da regte es sich hinter ihnen, zwei Burschen
und ein Schwesterlein huckten da, befühlten die Zöpfe der Gäste, und der
kleinste Bube krabbelte vorsichtig mit den Fingerchen über Rösens Hals.
--
»Da sind sie,« sagte Marie seufzend, die sich durchaus nicht gern um
ihren Schlaf bringen ließ.
Ja, da waren sie. Jetzt noch schweigsam, vorsichtig, etwas scheu; aber
schon wichen diese mildernden Umstände. Das Bübchen, das zaghaft über
Rösens Hals hingetippt hatte, schlug jetzt, in erwachendem
Sicherheitsgefühl, mit der flachen Hand auf ihr weißes Fellchen los.
Die machte kurzen Prozeß, langte sich den kleinen Schelm vor und zog ihm
ein paar Tüchtige über, denn sie fand es für vorteilhaft, sogleich ein
Exempel zu statuieren. Statt der erwarteten Wirkung aber trat eine
allgemeine Begeisterung über Rösens Handlungsweise ein.
Sie sprangen wie auf ein gegebenes Zeichen aus den Betten und bestrebten
sich allesamt und sonders, auf das Lager der armen, müden Dinger zu
gelangen. Sie überpurzelten sich, die größeren stießen die kleinen
herab, die kleinen kniffen und bissen die größeren in die Beine.
Schon hatten einige der kleinen Gestalten ihre weißen Lümpchen verloren
und umkrochen, umpurzelten, über und über rosig, die beiden guten,
ratlosen Ratsmädchen.
Es schien bei Pfarrers, wie bei den alten Römern, Sitte zu sein, in der
höchsten Regung der Begeisterung, wenn ein Schauspiel zum vollen Beifall
aufforderte, ein Kleidungsstück nach dem andern in die Höhe zu werfen,
bis die Begeisterung befriedigt, und die Kleider ein Ende erreicht
hatten.
Hier war das Ende schnell erreicht. Eines nach dem andern warf sein
Hemdchen den Mädchen an die Köpfe und freute sich seiner Nacktheit ganz
augenscheinlich.
Der Lärm wuchs, die Lage der Mädchen wurde wahrhaft bedrohlich, denn es
zerrte und riß an ihnen von allen Seiten.
Mit einem Male fing Fritzens Husten an. Der unglückliche Schlingel
huckte sich an einem Bettpfosten nieder und würgte und keuchte zum
Erbarmen. Marie machte sich von dem zudringlichen Schwarm los, wickelte
den armen Jungen in ein Kittelchen ein, setzte ihn auf eine Bettdecke,
daß er doch etwas Behaglichkeit hatte und ging zurück, Rösen zur Hülfe,
die eben einen ungefähr achtjährigen Ruhestörer in der Mache hatte, ihn
mit Schlapps und Bengel auf das freigiebigste traktierte. »Schlapps«
schien den Pfarrerskindern ein neues, verheißungsvolles Wort zu sein,
denn im Chor wurde es freudig wiederholt. »Ihr seid selbst ein
Schlapps!« rief ein kleiner Dicker, zu den Mädchen gewendet.
»Ja, sie sind Schläppse!« rief es von allen Seiten. »Das sind
Schläppse!«
»Ihr seid ein unerhörtes Volk,« räsonnierte Röse dazwischen; »das ist ja
eine miserable Wirtschaft bei Euch.«
»Ja, Schlapps! Ja, Schläppse!« schrie es wieder durcheinander, quikend,
lachend, sprudelnd.
Jetzt schien der Höhepunkt, der diese Nacht unter den obwaltenden
Verhältnissen zu erreichen war, erreicht zu sein. Der arme Fritz
hustete, weinte und lamentierte aus vollem Halse, und die von
menschlichen Leiden unbehelligten Bälger trieben ihre Ausgelassenheiten
und Frechheiten unentwegt weiter, und zum Überfluß entwischten noch
zwei, liefen zur Thür hinaus in den monddurchschienenen Garten. Röse
ging ganz erschreckt in ihrem Röckchen den beiden Flüchtlingen nach,
durch den Mondschein, über den großen Rasen im Garten. Der Tau rann ihr
über die bloßen Füße, das Unbehagen, so nachts im Pfarrgarten zu stehen,
trieb sie, umzukehren, ohne die Ausreißer mitzubringen, die sie wie
Gespensterchen im Mondschein zwischen den Büschen hüpfen und
aufschimmern sah. Sie war noch nicht lange wieder eingetreten und hatte
kaum auf dem Bette neben Marien Platz genommen, als die Thür aufging und
eine mächtige, gespenstische Gestalt in einem dunklen, faltigen Mantel
und einer Schirmmütze eintrat. Neben dieser Gestalt tauchten in
derselben Thür die beiden Ausreißer auf.
»Marsch, in die Betten,« sagte das Gespenst in ruhigem, sachgemäßem Tone
und auf eine Weise, als wäre es ihm nichts Neues, um diese Stunde hier
ein und aus zu gehen. »Allons, allons, wird's bald, Ihr boshaftes Volk!«
»Du, das ist der Nachtwächter,« sagte Röse, »da hat er ja sein Horn.«
»Herr Jesses, ja,« flüsterte Marie und schlüpfte unter die Decke.
Als alles in Frieden lag, wendete sich der Nachtwächter, der vollkommen
unterrichtet zu sein schien, an Röse und Marie und sagte: »Die Jungfern
sind da in etwas Schönes hineingeraten. Ich dachte mir es gleich, daß es
heute Nacht schön hergehen würde und bin darum schon zeitig gekommen.
Ich sah vorhin die Jungfer auch im Garten stehen und wußte schon, wie es
hier zuging.«
»Kommt er denn jede Nacht herein?« fragte Röse.
»Ja, ja,« sagte der Nachtwächter, »sonst ging's wohl nicht. Ich komme
gar oft und schaue nach, Stunde für Stunde; aber nichts für ungut, ich
werde mich schon vorsehen, daß die Jungfern jetzt schlafen können.«
So zog der Nachtwächter ab, und die Pfarrerskinder versanken in einen
respektvollen Schlaf, den ihnen die würdige Erscheinung der hohen
Obrigkeit eingeflößt hatte. Und auch Marie und Röse fanden endlich Ruhe
und bemerkten nicht, wie allstündlich, bis die Sonne aufging, der
Nachtwächter die Runde durch das große Schlafzimmer machte, die Decken
der Pfarrerskinder zurechtrückte, wie er auch vor dem Bette der
Ratsmädchen stehen blieb und wohlgefällig auf sie hinblickte. Sie hörten
auch nicht, wie er jedesmal, wenn er aus dem Hause trat, in sein Horn
tutete und sein Lied absang. Das war Bestimmung des Pfarrerpaares, das
dadurch des Nachtwächters Umschau im Schlafzimmer kontrollieren konnte.
Er tutete aber auch an keiner Stelle des Dorfes mit der Befriedigung und
dem schönen Bewußtsein der Pflichterfüllung, wie in dem Garten des
Pfarrers.
Als der Nachtwächter nach seinem ersten Rundgange auf die Landstraße
trat, stand der Mond in vollster Klarheit am Himmel, schimmerte über die
Felder und über das Dörfchen, das in sanfter Ruhe im Silberlichte lag,
in dem jetzt auch das unruhigste Haus, das dem Frieden des guten Dorfes
Abbruch gethan, durch den Nachtwächter beruhigt und eingeschüchtert
worden war.
* * * * *
Am frühen Morgen schlüpften die beiden Mädchen in die Kleider als hätten
sie gestohlen und machten sich eiligst aus dem Staube, ehe alles im Haus
zum Leben erwachte. Sie banden sich die Schuhe in ihrer Hast auf der
Dorfstraße zu. Als sie in den Gutshof traten, kam ihnen Budang entgegen.
»Na, wie habt Ihr denn geschlafen?« rief er.
»Da schlaf' einer,« bekam er von Röse zur Antwort, »das sind ja
miserable Zustände dort!« Jetzt kam auch der alte Sperber auf sie zu,
schlug die Mädels zum Morgengruß auf die runden Schultern:
»Pastors Kinder und Müllers Vieh
Gedeihen selten, -- oder nie.«
fügte er belehrend hinzu.
»Das muß wahr sein,« brummte Röse.
»Wenn das so bekannt ist, daß man sogar einen Vers darauf gemacht hat,
da sollten die Pfarrer doch wahrhaftig lieber keine Kinder haben,
wenigstens nicht so viele, wie Deiner drüben.«
»Da bin ich ganz Deiner Meinung,« nickte der Gutsbesitzer nachdenklich.
»Ja, aber mit dem Vers, Röse, wenn Du wüßtest, wie wenig es nützt, ob
auf das Ding ein Vers gemacht ist oder nicht. -- Da unten, Eure
Gesellschaft, frag sie nur, was es der Welt nützt, daß sie solche
strafbare Massen zusammenschreiben -- in dem verruchten Nest! Sie werden
selbst sagen, wenn sie noch einen Tropfen gesunden Verstand übrig
behalten haben, daß alles beim Alten bleiben wird. Was schwarz und weiß
dasteht, hilft verflucht wenig; nur die Dinge sind die wahren, die aus
den Tages- und Nachtstunden, wie aus ihrem Erdreiche selbst
herauswachsen. Das andere Zeugs taugt nichts! Es ist gut, daß wir einmal
darauf kommen, ich muß sagen, mir ist's lieb, daß zwischen mir und Eurem
verdrehten Weimar der gute, alte Ettersberg liegt. Bei Euch ist mir die
Wirtschaft mit der Dichtersbagage nachgerade zu überschwenglich
geworden! Das geht ja über unsereins hinweg, als wären wir bis aufs
letzte im Preise gesunken! Na, mich hat Weimar lange nicht gesehen;
fragt einmal, was dazumal, ehe der Schwindel bei Euch losging, der alte
Sperber in Weimar galt, fragt einmal, ob er nicht überall der erste
gewesen ist. Ja, das waren damals noch Zeiten! -- Du lieber Gott!« --
Der Gutsbesitzer ging gedankenversunken zwischen den beiden Mädchen.
»Na,« sagte Röse begütigend, »wie die Zeit für den Herrn Paten bei uns
vergangen ist, so vergeht sie auch für die andern.«
»Nur mit dem Unterschiede,« setzte der Gutsbesitzer hinzu, »den alten
Sperber haben sie bei Lebzeiten schon vergessen. Mit denen jetzt werden
sie's anders halten.«
»'s ist auch natürlich, Pate,« meinte Röse. »Die haben auch ihren
redlichen Plack gehabt, bis sie so weit gekommen sind. Wir wollen's
ihnen gönnen, du lieber Himmel, und wenn ich dächte, ich sollte mein
lebelang wie unsere Weimarischen arbeiten, um schließlich berühmt zu
werden. Proste Mahlzeit, ich würde mich bedanken!«
»Hör' einmal, Röse,« unterbrach Budang sie, »laß Horny so etwas hören,
der hat so wie so gesagt, daß wir dich das nächste Mal nicht mit ins
Theater nehmen, weil Du so unartig und unverschämt sprichst, und dann
will ich den Jammer nicht sehen.«
»Wenn Ihr Röse nicht mitnehmt, geh ich auch nicht,« bekam Budang von
Marie zur Antwort, und die Sache war erledigt.
* * * * *
Ein überreichliches Frühstück versammelte die ganze Gesellschaft.
Währenddem wurde beraten, was man weiter beginnen wollte, und schon im
voraus gab der Tag, da alle Wünsche betreffs der Unternehmungen
zusammenfielen, das heiterste und anmutigste Bild. Es war für den
Nachmittag ein Gang auf des Paten große Wiesen verabredet, auf denen
gerade Heuernte gehalten wurde. Sie zogen nach Tisch aus; die
Gutsbesitzerin hatte ihnen einen Korb voll verlockender Gegenstände
gepackt, die Ernst Schillers Reitpferd aufgeladen wurden. Das gute Tier
mußte seine Motion haben.
Dieser fröhlichen Heufahrt, als sie am Nachmittage zur Ausführung kam,
gab Röse einen ganz besonderen, interessanten Beigeschmack.
Auf des Paten Wiese war ein großer Teich, an dessen Ufer die
Gesellschaft sich gelagert hatte.
Röse war wie besessen vor Vergnügen über das schöne Wasser, hatte sich
platt an das Ufer gelegt und die Arme in den Teich gehängt, und diese
hübschen, festen Arme »Fisch« spielen lassen. -- Zu dieser Vorstellung
verlangte sie, daß alle zusehen müßten. -- »Nun seht doch, seht doch!«
rief sie. »Wie sie in den Grund fahren, die beiden großen Hechte -- da
wird wohl etwas für ihren Schnabel stecken; -- da, und nun sind sie
wieder oben und plätschern.« Und während sie das erklärte, spritzte sie
um sich her, daß die hellen Wasserfunken über sie und die Zuschauer
hinfuhren. Darauf sprang sie in die Höhe -- um sich irgend eine andere
Vergnüglichkeit auszudenken. Und nach unendlichem Gaukeln und Tollen
platschte Röse von einem Steg, der zum Schöpfen in den Teich
hinausgebaut war, wie es kaum anders zu erwarten stand, endlich ins
Wasser.
Es wurde, während sie noch darin steckte, von Marie statistisch
bewiesen, daß es das siebente Mal in Röses Leben war, daß man sie aus
dem Wasser ziehen mußte. Marie litt auch nicht, daß einer der Kameraden
sich hineinstürzte, um die Schwester zu retten.
»Wartet nur, ich will es schon sagen, wenn es nötig ist. Es wäre ja
schade um die Anzüge.«
»Röse, stehst Du, hast Du denn Grund?«
»Ja,« prustete Röse, die tüchtig getaucht war, und der das Wasser bis an
das Kinn ging.
»Dann tapp vorwärts,« kommandierte Marie mit aller Kaltblütigkeit. Die
beiden hatten Routine und benahmen sich bei solchen Gelegenheiten
tadellos.
»Hier ist verdammter Schlick am Boden! Pfui Kuckuck!« schimpfte Röse.
»Warum bist Du 'rein gefallen!« gab die Schwester zur Antwort.
»Vorwärts!«
Budang und Ernst von Schiller zogen den Fisch schließlich zum Ufer
hinauf.
»Nehmt Euch in acht, nehmt einen Stock, daß sie Euch nicht so sehr
anfaßt!« ermahnte Marie bei dieser Prozedur fortwährend. »Ihr habt keine
Wäsche weiter mit.«
Da stand nun der arme Schelm, die Röse, in der warmen Sonne lebendig
zwar, aber triefend und tropfend. Um die allerliebste Gestalt lag das
dünne Kattunkleidchen wie ein Schleier, aus den Zöpfen rannen
Wasserbächlein.
Ernst von Schiller war auf seinem geschmähten Reitpferd davon
galoppiert, um ihr vom Gute Kleider zu holen.
Franz Horny, der zukünftige Maler blickte wie versunken auf Röse hin und
sagte ruhig und träumerisch, wie es seine Art war, zu Budang: »Giebt es
etwas Hübscheres, als unsere beiden Mädchen?« Budang nickte ihm zu.
Inzwischen hatten sie Rösen ein Kämmerchen aus duftendem Heu
aufgeschichtet, in dem sie aus ihren nassen Kleidern in trockene
kriechen konnte, die durch Ernst von Schillers Bemühen und durch des
Pferdchens Anstrengung schnell genug da sein mußten. Und so schnell, wie
es sich irgend erwarten ließ, kam er auch angesprengt und schwenkte das
punktierte Kleid lustig, wie eine Fahne. Als er Marie alles überreichte,
sagte er in der lebendigen Erregung des schnellen Rittes: »Famos ist es,
was für Unsinn die Leute sagen, wenn man mit einer unverhofften
Nachricht kommt. Die Patin steht in der Thür, und ich rufe: Röse steckt
im Wasser bis über die Ohren! Herr Jeß! schreit die Patin: Da ist sie
gewiß naß? Damit war sie aber schon in vollem Trab ins Haus hinein und
nach den Kleidern.«
Marie reichte der Schwester die Sachen in das Heukämmerchen von oben
hinein. Und es dauerte nicht lange, da bohrte sich Röses
freudestrahlendes Gesicht durch die duftende Wand.
»Ich bin jetzt schon ganz hübsch trocken!« versicherte sie der
Gesellschaft. »Es dauert gar nicht mehr lange, aber es geht so schwer,
ich muß mich auf den Knieen anziehen, sonst gucke ich oben übers Heu
heraus!«
»Na, mach nur,« rief Marie, »und trödle nicht!«
Als Röse nun wieder im Schmucke des punktierten Gewandes, heiter und
lustig wie ein Morgenstern, durch ihre Heumauer kroch, stieg die
prächtige Laune höher und höher. Sie sprachen dem Äpfelwein der Patin
auf das lebhafteste zu, verzehrten, was sich von ihrem Vorrat verzehren
ließ, alles, bis auf Gläser und Teller, und verabredeten für den andern
Tag abends einen Rettungsball zu Rösens Ehre. Die Volontäre auf dem Gute
wollten sie veranlassen, noch einige Freunde und Mädchen aufzufordern,
denn die Sache sollte außerordentlich werden.
* * * * *
Und es kam zu diesem Balle. Es kam zu allem Glanze dieses Balles, es kam
noch zu den schönsten Stunden.
Die blumengeschmückten, hübschen Kinder tanzten bis in die stille Nacht
mit ihren lieben Kameraden, schienen die fremden Gäste nur deshalb
gewünscht zu haben, um desto ungestörter mit den Freunden zusammen sein
zu können, und es war ihnen eine Erhöhung des Vergnügens, daß sich außer
ihnen noch mehr festliche Gestalten im Garten und Haus bewegten. Durch
ihre frohen Gäste bekamen sie wohl unbewußt die Bestätigung, daß das
Leben wirklich schön, wirklich überreich sei. Was that es den
Ratsmädchen, daß sie aus dem lustigen Treiben am späten Abend in das
Schlafzimmer der Pfarrerskinder schlüpfen mußten, daß sie dort
nachtsüber allerlei Abenteuer durchzumachen hatten, allerlei sonderbares
Zeug und viel Geschrei und Gezänk.
Sie hatten sich auch bald in Respekt gesetzt durch tüchtige Püffe, die
sie am Morgen von ihrem Bette aus, halb im Schlaf, jedem versetzten, der
sich ihnen nähern wollte, und sie blieben unbehelligter.
* * * * *
Tagelang hatten sie schon auf dem Gute die Zeit überdauert, die sie
anfangs bleiben wollten, da kam eines Morgens Franz Horny in den
Pfarrersgarten gelaufen und pfiff vor dem Fenster des großen
Schlafzimmers.
Die Mädchen hörten es und schlüpften eiligst in ihre Kleider und standen
bald erwartungsvoll draußen vor der Thür.
»Macht Euch fertig,« rief Franz Horny, mit der Miene, als käme er, etwas
Herrliches zu verkünden. »Macht Euch fertig, wir gehen heut' alle
miteinander hinunter nach Weimar ins Theater. Wir wollen uns schon
hineindrängeln, da seid ohne Sorge. Sie geben ein neues Stück von
Goethe, den >Tasso<.«
»Wir sind dabei,« meinte Marie. »Und wer wollte Rösen erst nicht
mitnehmen?«
»Laß sein! Die kommt natürlich mit. Flöten-Lobe wird uns schon wieder
einlassen!«
»Flöten-Lobe?« fragte Röse gedankenlos.
»Ja doch,« antwortete Horny.
Daß es jedermann genau wisse: Etliche Thüren und Pförtlein im Theater
wurden besonders geschlossen, und ein junger Musiker hatte die Aufsicht,
er hieß Lobe, blies die Flöte, folglich »Flöten-Lobe«.
Diesen verband eine warme Freundschaft mit unseren Helden, und diese
Freundschaft vermochte ihn, der Kasse des Theaters ein Schnippchen zu
schlagen, so daß die leichtsinnige Gesellschaft auf Schleichwegen ihre
Kunstgenüsse umsonst hatte, was bei einem Kunstgenuß von schöner und
bedeutungsvoller Wirkung ist.
Wären die Ratsmädel auf bezahlte Theaterplätze angewiesen geblieben, da
hätte es windig damit ausgesehen; aber deshalb, weil sie zwei schlimme
Schmeichelkatzen waren und mit aller Welt anbanden, und weil sie so
viele gute Freunde hatten, saßen sie im Theater, wann sie Lust spürten,
hörten die herrlichsten Dinge, sahen vielberühmte Menschen -- und gaben
nie einen Heller dafür aus.
Heute also wurde >Tasso< gegeben. Das war unsern beiden recht. Besonders
wohl weil sie fürs Leben gern etwas Neues sahen.
So verabschiedete sich die Gesellschaft mit tausend Dank und dem
Versprechen, sehr bald zurückzukehren, von ihren Wirten und zog mit dem
gepackten Pferdchen den Ettersberg hinab, Weimar zu, einem neuen Genusse
entgegen. --
Frau Rat empfing ihre Kinder auf das liebevollste und zärtlichste, ging
gern auf ihren Theaterplan ein, hatte dies und das an ihren Fähnchen
auszubessern, denn so ein paar übermütige Tage nehmen den Sommerstaat
ausgelassener Mädchen stark mit, und Frau Rat wollte, wenn die Kinder
auch auf Hintertreppen und Schleichwegen ins Theater gelangten, daß sie
ihr, wenn sie glücklich darin säßen, wenigstens keine Schande machten.
Sei Du gepriesen, Frau Rat!
Es soll Dich niemand schelten, der sich klüger dünkt und in rechtlichen
Dingen korrekter zu denken gewohnt ist, als Du!
Budang und Franz holten die Mädchen ab, und die Mutter ermahnte noch zur
Vorsicht, wegen des Erwischtwerdens.
»Da seien Sie außer Sorge, Frau Rat,« sagte Budang, einigermaßen in
seiner Ehre gekränkt. »Wenn die Mädchen mit uns sind, geschieht ihnen
nichts. Wir haben sie noch jedes Mal durchgebracht.«
Und es ging auch diesmal vortrefflich. Flöten-Lobe hatte die Thüren
aufgelassen, die zum Einschlüpfen erforderlich waren, und bald standen
sie in dem heiligen Raume, zuerst sehr bescheiden in einem Eckchen; aber
schon mit dem Vorhaben, sobald es thunlich, ein paar recht gute Plätze
zu erwischen.
»Da ist er schon,« sagte Franz Horny und blickte nach Goethes kleiner,
düsteren Loge, unter der herzoglichen. Dort in der Dämmerung saß er.
Der Vorhang ging auf, und Schönheit, Reinheit und Vollendung strömte
über die Seelen hin. Weihe umhüllte alle, andächtiges Schweigen erfüllte
den Raum, und die Herzen der Schauenden schlugen in erhöhtem Leben. Die
ernste Gestalt in der kleinen, dämmerigen Loge verschwand zu Zeiten, war
dann wieder gegenwärtig. Welch ein Abend war dies, welch ein Empfinden,
den Schöpfer solcher Größe, solcher Schönheit nahe zu wissen! Über
unsere guten Freunde war alles Große, was sie hörten, erhebend, mächtig
gekommen.
Sie waren alle verschönt und gaben ein Bild beseligter Jugend ab. Sie
sprachen kein Wort, aber sie hatten das einige Gefühl, daß sie
miteinander genossen und das Vertrauen zu einander, daß jeder verstand
und jeder entrückt war.
* * * * *