Also hier sitzt die Familie mit ihren Gästen in Wohlsein beisammen, und

man denkt mit Behagen an die beiden armen Sünder; die stecken

miteinander in dem gar festen Stübchen, zu dem keine menschliche Hilfe

mehr dringt.

Es liegt hoch oben in dem düstern Hause, das zu Strafe und Zucht der

frechen, unklugen, unglücklichen und infamen menschlichen Kreatur, die

sich nicht erziehen lassen will, erbaut wurde. Jetzt, in unseren Tagen,

ist das Haus in ein ehrenwertes Landesgericht umgewandelt, und statt der

Spitzbuben sitzen würdige Männer darin, ehrenwerte Landräte und

Landrichter, die frei und fröhlich ein und aus gehen können, die mit

Behagen die Sonne, ganz wie die seligen Spitzbuben einst, durch die

vergitterten Fenster scheinen fühlen, die leben, atmen, ganz wie diese,

nur daß sie durch ihre kluge und würdige Lebenswahl freie, angesehene

Leute geblieben sind und bewahrt wurden vor straffälligen, verpönten,

unklugen Sünden und Thorheiten, wie sie nur ein Unsinniger, ein

Verzweifelnder fertig bringt.

Die beiden Spitzbuben aber, Becher und Sommer, saßen im Hause, als es

noch seine Leute hinter Schloß und Riegel hielt; die Wolken zogen

darüber hin und zogen auch über den Galgen, der auf zwei baumelnde

Gestalten in aller Gemütsruhe wartete. Die beiden Spitzbuben kannten

Weimars Umgegend, kannten den Galgen, sahen sich zappeln, sahen sich

baumeln. Das Haar stand ihnen zu Berge, die Kniee schlotterten ihnen,

die Zunge klebte am Gaumen, das Herz stieß und klopfte. Die Hände waren

naß von kaltem Schweiß, und die Apothekergesellschaft dachte ihrer in

Behagen bei dem Heften der Bogen, die den Tod, die letzte kommende Qual

der armen Burschen schon schilderten; und als unsere Gesellschaft gerade

im besten Heften und Kleben sich befand, jeder auch schon bei seinem

zweiten und dritten Stück Kirschkuchen angelangt war, bei gutem Appetit,

den muntere Arbeit förderte, da öffnete sich die Thüre, die von dem

Zimmer aus direkt auf die Treppe führte, und herein trat vorsichtig, den

Kopf zuerst durch die Thürspalte steckend, der unheimliche Geselle unten

aus der Apotheke.

»Diener, meine Herrschaften,« sagte er mit seiner knarrigen Stimme und

grüßte mit der dürren Hand, die aus einem allzu kurzen Ärmel sonderbar

hervorstand. »Ich wollte nur oben vermelden, daß es diesmal mit den

Büchern nichts ist. Sie haben den einen begnadigt. 's bleibt nur bei

Sommern.« Wie aus einem tiefen Traum plötzlich erweckt, starrte die

Gesellschaft sprachlos den gefürchteten Todesverkünder an, der heute

ausnahmsweise seine Rolle geändert und, wenn man recht gehört hatte, der

Verkünder eines erfreulichen Ereignisses geworden war. Aber man mochte

wohl nicht recht gehört haben, denn es war nach der Botschaft des

Gehilfen ein augenscheinlicher, ungemütlicher Druck bei einigen Gliedern

der Gesellschaft zu konstatieren, und zwar gehörten diese Glieder

durchweg der Familie des Kupferstechers an. Die erste, die sich

sammelte, war Fräulein von Knebel; die fragte den Gehilfen, der noch in

der Thür stand: »Nun sag' Er mal, wie ist das denn gekommen, und gerade

Bechern?«

Der Gehilfe zuckte, wie es seine Art war, die Achseln und blickte

spöttisch auf die Gäste, ohne etwas zu erwidern.

Nach einer Weile sagte er trocken: »Gesegnete Mahlzeit!« und wendete der

Gesellschaft langsam den Rücken, um aus der Thüre zu gehen.

»Das ist aber schrecklich!« rief Anne Müller, die jüngste der

Kupferstecherkinder, in enttäuschtem Ton, »da wird's nun nichts.«

»Seht mir das blutdürstige Geschöpf an,« sagte der Apotheker

schmunzelnd. »Na, Anne,« und er klopfte ihr auf die Schulter, da drangen

dicke Thränen in Annas Augen und rannen ihr über die roten, runden

Wangen.

»Teufel auch, was hat sie denn?« fragte der Apotheker und blickte die

Glieder der Kupferstecherfamilie der Reihe nach an. »Na, was habt Ihr

denn?« fragte er noch einmal; denn auch die andern Müllerskinder und

selbst der behagliche, rundliche Freund Kupferstecher konnte eine

gewisse Niedergeschlagenheit nicht verbergen. »Was habt Ihr denn mit

Bechern gehabt, daß Euch seine Begnadigung so zu Herzen geht; das ist

mir ja etwas ganz Neues, erzählt doch! -- Kennt Ihr ihn denn?«

»I, bewahre,« sagte der Kupferstecher, »das ist den Kindern ihre Sache;

Anne, wollen wir's sagen?« wendete er sich an seine Tochter, deren

Thränen noch immer reichlich flossen; »aber das merke Dir: Wer den

Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Erzähle!«

Anne blickte unter Thränen auf ihre Geschwister, die beide übellaunig

und verdrossen dasaßen.

»Der Vater hatte mir's geschenkt,« begann Anne schluchzend und blieb im

Anfange stecken, denn ihre Thränen machten ihr zu schaffen.

»Na,« ermunterte sie der Vater. Anne war aber jetzt erst recht ins

Weinen gekommen und schenkte der Aufforderung fortzufahren kein Gehör,

so daß der Kupferstecher selbst das Wort nahm und sagte: »Man muß immer

auf das junge Volk bedacht sein, das will sich bald so vergnügen, bald

so. Ein armer Vater hat seine liebe Not! Vor ein Wochner sechse verehre

ich meiner Anne zu ihrem Geburtstag die beiden kleinen Zeichnungen,« der

Kupferstecher schlug mit der Hand auf eins der Heftchen, »und sagte

Anne, was ich damit vorhab, daß sie in Kupfer gestochen werden sollen u.

s. w., und daß der Erlös, den ich damals dem armen Tierchen im voraus

verehrte, zu einer Partie nach Schwarzburg bestimmt sei. Nun haben wir's

gehabt,« sagte er und schlug sich auf die runden Kniee. »Jetzt können

wir den ganzen Schwindel einpacken, und die armen Kinder sind um ihr

Sommervergnügen gekommen.«

»Das weiß der liebe Himmel,« rief die Apothekerin mitleidig und bewegt.

»Wenn von oben etwas gethan wird, Gott sei's geklagt, daß es immer am

unrechten Platze geschieht!« Anne heulte unaufhaltsam, und die beiden

älteren Geschwister versanken in einen unergründlichen Mißmut.

Der Kupferstecher war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder,

hatte die Hände in der Erregung über dem Bäuchlein gefaltet und

schnippte mit den Daumen. Fräulein von Knebel hatte sich ganz der

christlichen Pflicht zu trösten hingegeben und karessierte Annen auf

alle Weise, indessen die übrige Gesellschaft nachdenklich auf die Hefte

blickte, die mit einem Male wert- und bedeutungslos vor ihnen lagen.

Der Kupferstecher blieb nach längerem Aufundniedergehen stehen und sagte

mit einer komischen und bittersauren Miene: »Ich bleibe dabei, es hätte

dem Kerl nichts geschadet, wenn sie ihn morgen mitsamt dem andern ins

Jenseits spediert hätten.« Er schnippte mit der Hand in der Luft. »Da

haben wir uns hineingerannt, allein das Papier vier Reichsthaler,

Druckkosten und dergleichen gar nicht gerechnet.«

»Ja, ja, ja,« sagte der Apotheker und schüttete ein Glas süßen Weins

hinunter.

Die Gesellschaft hatte ein stilles und bedrücktes Aussehen angenommen.

Da klang plötzlich die helle, frische Stimme unseres guten Ratsmädels,

der Röse. »Ich wüßte schon, wie man es machen könnte,« sagte sie ruhig.

»Na?« fragte der Apotheker.

»Streicht doch den Bechern aus und verkauft nur Sommer, das schadet ja

nichts, wenn Becher mit daran hängen bleibt.«

»Teufelsmädchen!« rief der Kupferstecher überrascht. »Das läßt sich

hören! Ja, wenn man Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat!«

»Hoch Röse!« rief der Apotheker und schwang sein Gläschen. Neues Leben

fuhr in die Gesellschaft. Blaustifte wurden geholt, es wurde gestrichen,

gestrichen, gestrichen, der Begnadete wurde von dem Verurteilten, dem

armen, geschieden, wie das ja überall auf Erden der Fall ist.

Die Geschwister blickten wieder munter ihrer Sommerpartie entgegen, die

ihnen der Tod des armen Burschen, aller Berechnung nach, einbringen

sollte. Nur Anne sagte als Nachklang ihrer Schwermut mit weinerlicher

Stimme: »Wenn sie den andern nur nicht auch begnadigen.«

Röse wurde an diesem Abend außerordentlich gefeiert.

»Ein heller Kopf ist etwas wert,« sang der Apotheker in allerlei

schelmischen Melodieen und Variationen ihr zu. Röse war sein ganz

besonderer Liebling.

Als am Abend die Gesellschaft nach Hause ging, mußten sie an dem Gerüste

vorüber, auf welchem über dem armen Schelme Sommer der Stab am andern

Morgen in aller Frühe gebrochen werden sollte.

Als die lustigen Leute in der unheimlichen Nähe standen, da wurden sie

alle still und bedenklich.

Röse, die am Arme Budangs ging, sagte, indem sie sich fester an ihn

hing: »Morgen wird Sommer doch auch, wie damals der andere, auf einer

Kuhhaut nach dem Galgen geschleift?«

»Ja,« sagte Budang.

»Ach, Budang,« fuhr Röse nach einer Weile fort, »ich will wirklich immer

recht gut sein!«

»Ja, das denke ich,« sagte Budang lächelnd; »aber Du bist müde,« fügte

er hinzu, »Du hängst Dich ja ganz schwer an meinen Arm. Paß auf, ich

will Dir noch etwas sagen.«

»Na,« fragte Röse.

»Die Schillers-Mädchen und Ernst, Ihr, Horny und ich, wir sind

miteinander zu Sperbers aufs Gut eingeladen. Wir wollen es jetzt noch

auf dem Weg bereden.«

»So?« sagte Röse, »das ist vom alten Sperber vernünftig, daß er endlich

sich entschlossen hat.«

»Was hast Du denn zu versäumen?« fragte Budang.

»Ich, daß ich nicht wüßte! Ich kann nur solch ein Zaudern nicht leiden.

Vor vier Wochen läßt er es bei uns durch die Butterfrau sagen, und

nichts wird dann wieder von ihm gehört.«

»Ernst,« rief Budang, »wartet einmal.« Ernst, Marie und Horny gingen

vorauf und blieben auf Budangs Ruf stehen.

»Ihr seid wohl auch gerade im Sprechen?« fragte Röse. »Wie machen wir es

denn mit Sperbers?«

»Wir gehen, natürlich gehen wir,« sagte Ernst von Schiller. »Wir wollten

es nur oben bei Apothekers nicht bereden. Es paßt doch nicht, wenn wir

halb Weimar dem alten Sperber auf den Hals bringen, und Müllers wären

ruhig mitgegangen, die machen alles mit. Nein, wir wollen unter uns

bleiben. Die Schwestern sind natürlich bereit und lassen Euch sagen, Ihr

sollt Eure rotpunktierten, hellen Kleider mitnehmen. Sie machen es auch

so.«

»Nun, und wann gehen wir?« fragte Röse.

»Heut' haben wir Freitag,« erwiderte Marie, »da dächte ich, wir setzten

Montag fest, da kommen wir um die Kirche, denn Sperber würde uns auf

alle Fälle hineinstecken, der hält's nun einmal mit seinem Pfarrer.«

»Und wir müssen so schon bei Pastors schlafen,« fuhr Röse dazwischen.

»Wir wissen es, wie es dort ist, nicht, Du?« sagte sie lachend zu Marie.

»Ja, schade, daß Ihr nicht bei Sperbers unterkommen könnt,« meinte

Budang.

So waren sie bis vor Röses und Maries Haus gekommen. Großer Abschied,

und die Mädchen tappten miteinander die dunklen Treppen hinauf.

Am andern Morgen sah die Mutter mit ihnen die rotpunktierten Kleider

durch; beide bestürmten sie auf das innigste, liebenswürdigste und

überzeugendste, sie wollten ein neues Band auf ihre großen Hüte, und sie

bekamen es und waren glücklich.

Mittlerweile war der unglückliche Sommer auf seiner Kuhhaut dem Tode

zugeschleift worden, und der Galgen trug seine Zierde zum letztenmal,

denn Sommer war Weimars letzter Gehenkter.

Am Montag, himmelfrüh, brach von der Wünschengasse die Gesellschaft auf,

unsere fünf guten Freunde, die beiden Schillerschen Töchter und ein

kleines, mageres Pferdchen, das mit Ernst von Schiller in Beziehung

stand, da es von ihm schon zu manchem Spazierritt gemietet worden war,

wenn er einmal Lust bekam, auf Pferdesrücken sich dem Leben und seinen

Gefühlen hinzugeben.

Jetzt war es mit Shawls, mit Päckchen und Körben beladen. Die

rotpunktierten Kleider von den Ratsmädchen und den Schillerschen waren

sorgsam dem guten Tiere anvertraut worden, und Ernst bekam von den

Schwestern und von Röse und Marie wahrhaft begeisterte Erklärungen, die

seine Klugheit, seinen ausgezeichneten Verstand betrafen.

Er hatte nämlich die Gesellschaft mit der Idee und deren Ausführung, das

Pferdchen zu engagieren, überrascht. So zogen sie durch die morgenstille

Stadt, dem langgestreckten Ettersberge zu, nach dem Gute des alten

Sperber.

Welch schöne Verbindung von erster Jugend, herrlicher Morgenfrische,

Aussicht auf ein paar gute Tage, allseitigem Wohlgefallen aneinander und

Sorglosigkeit gab unsere Gesellschaft ab!

Sie hatten einen tüchtigen Marsch bis zum Gute des Herrn Sperber vor

sich, und ein gutes Stück mußten sie über Felder, über schattenlose Wege

gehen; aber ein frischer Wind wehte den ganzen Tag. Das Korn stand in

Blüte und duftete, und die Sonne ließ die Wangen höher glühen; sie ließ

die Züge der schönen Mädchen noch weicher, lebensvoller als sonst

erscheinen.

Budang, ein großer Botaniker, war bemüht, die Gesellschaft auf allerlei

Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen, und es dauerte nicht lange, so

hatte das Pferdchen eine kleine Naturaliensammlung auf dem Rücken, und

die Mädchen rote Mohnkränze auf den Köpfen.

Die Wege auf dem Ettersberg gaben dem Sammler reiche Ausbeute an

allerlei Versteinerungen, und die Mädchen wußten es schon, es gab für

alle zu schleppen, wenn sie mit Budang dort lustwandelten.

Gegen Abend erst gelangten sie zu ihrem Ziele, denn der Weg war durch

allerliebste Aufenthalte, kleine Mahlzeiten, so viel als möglich

verlängert worden.

Vor dem Gutsthore kam ihnen eine wohlbekannte Gestalt entgegen. Das war

die Gutsbesitzerin selbst, die lustige, kleine Alte mit der großen, rosa

Schürze, dem Schlüsselbunde, den nickenden Bändern an der Haube. Ein

Windzug bewegte ihr die weite Schürze und ließ sie, bestrahlt von der

Abendsonne, flattern und in unerhört Rosa-Farben-Tönen leuchten.

Die wartende Gestalt mochte auf die ankommenden Gäste einen

verheißungsvollen Eindruck machen; denn mit Jubel und Winken und

heiteren Lauten, mit noch durch die Entfernung unverständlichen Zurufen

näherte man sich ihr.

Und ebenso schien sie erfreut zu sein, als die mit rotem Mohn bekränzten

Mädchen, das Pferdchen, die drei Kameraden herankamen, denn sie schlug

einmal über das andere Mal die Hände zusammen, man sah sie schon von

weitem lachen, und als die Gäste so nahe waren, daß man wagen konnte,

die Begrüßungsformeln etwas detaillierter und augenscheinlicher machen

zu können, schwenkte die kleine, runde Frau ihr Schlüsselbund in der

Luft und ließ es klingen und that dies mit außerordentlicher

Geschicklichkeit, bog sich dabei mit dem Oberkörper hin und her, im

Takte, je nachdem sie mit dem Schlüsselbunde, das sie wie eine

Castagnette handhabte, klirrte und klapperte.

Die Gäste kamen schließlich laufend auf ihre Wirtin zu, und auch das

Pferdchen wurde dazu veranlaßt, einen gelinden Trapp anzuschlagen. Nun

allerausführlichste Begrüßung, Umarmung, jedes bekam seinen festen Kuß

von der Frau Gutsbesitzerin.

»Nun, mein Alter wird Augen machen, wenn er Euch in den Kränzen sieht,«

sagte sie und betrachtete die Mädchen. »Seht nur einer, Klatschrosen!

Ja, die Jugend! Die liebe Jugend! Die verdammten Klatschrosen! Und hier

machen sie sich, ja, alles hat seinen Zweck auf Erden!«

Sie klopfte Röse auf die Wangen. »Aber habt Ihr denn gesehn,« sie wies

auf Rösens Kranz, »was das Zeugs dies Jahr gediehen ist? Da stecken ja

die Felder voll zum Erbarmen. Na, der Alte wird Augen machen,« schloß

sie wieder. »Wo habt Ihr denn den Klepper her?« begann sie aufs neue und

klopfte dem Pferdchen auf die Schenkel, »der soll sich wundern, wie es

ihm diese Tage gehen wird. Du alter Häckselsack,« und wieder bekam das

magere Viehchen einen freundlichen Klapps von seiner Wirtin, der

gleichbedeutend war mit einer Anweisung auf ein paar tüchtige Metzen

Hafer. Jetzt traten sie in den Gutshof ein.

Das war ein Gutshof! Jeder Mensch, dem Gott wohl will, sollte in schönen

Jugendtagen einmal auf solch einem Gutshof ein paar Tage, ein paar

Wochen gewesen sein, damit er wenigstens weiß, was Behagen, was Fülle,

was Sauberkeit, Nützlichkeit, was gesunder, kräftiger Geruch, was

schönes Vieh in gut gepflegten Ställen, was Wohlhabenheit und

Stattlichkeit ist; damit er erst begreifen lernt, welche Harmonie

zwischen dem schön geschichteten Misthaufen und der hohen, breiten Linde

auf solch einem Hofe besteht, wie sie beide miteinander ein Ganzes

bilden, einen einzigen Eindruck.

»Da kommt er ja, mein Alter,« rief die muntere Herrin des schönen

Hauses, und richtig, aus dem Laubengang, der um das Wohnhaus führte,

trat der alte Sperber, der wunderlich gut zu seinem Frauchen paßte.

Auch er war eine kurze, rundliche Gestalt, wie es schien, behende, denn

auch er bewillkommnete die Gäste schon von weitem mit den lebhaftesten

Bewegungen, und wie die Frau das Schlüsselbund, so schwenkte er die

große Tabakspfeife. Sein Gesicht hatte eine stark rötliche Färbung und

leuchtete vor Behagen.

»Da kommt ja die Gesellschaft!« rief der alte Sperber, als er schon

unter der Bande stand. »Ihr habt's gut gemacht, daß Ihr Euch Zeit

genommen, unser Jochen Henner hat Euch ja vor so ein sieben Stündchen in

Lützendorf getroffen, danach erwarteten wir Euch um eins, zwei herum.«

Der behagliche Alte zog seine dicke Uhr und hielt sie Budang unter die

Nase. »Und was zeigt's jetzt? Jetzt geht's stark auf achte. Ihr mußtet

dem Klepper wohl oft zureden, he? oder was habt Ihr denn eigentlich

gemacht? Das ist ein miserables Vieh, wie kommt Ihr denn dazu?«

»Das ist Ernst sein Reitpferd,« sagte Röse einigermaßen pikiert. Sie

fand, daß das Pferdchen gar so übel nicht war, und daß sich Ernst oft

sehr stattlich, wenn man nur den rechten Standpunkt hatte, darauf

ausnahm.

»I, der Tausend, wohnt bei Euch in der Stadt ein närrisches Volk, wenn

man das ein Reitpferd nennt! Meinetwegen!«

Er rief einen Knecht herbei und befahl ihm, »das Reitpferd« in den Stall

zu führen und abzuladen, und ging mit seinen frischen Gästen dem Hause

zu.

»Schade, das ganze Gesindel kann nicht bei uns unterkommen, wir haben

Euch beide, da -- Euch beide« -- er wies auf Röse und Marie. »Ihr müßt

eben zum Pfarrer, weil Ihr die Frau kennt; schlimm genug für Euch.« Das

murmelte er in den Bart und paffte blaue Wölkchen aus seinem

Pfeifenkopf. »Sapperlotsches Volk, die Pastors,« brummte er. »Aber jetzt

wollen wir erst bei einander sitzen. Übrigens seid Ihr nur für die Nacht

dort untergebracht. Am Tage werde ich mich hüten, Euch drüben zu lassen

in dem Gewirre. -- Teufel auch, es ist kein Spaß, dort unterkriechen zu

müssen.«

»Uns macht es nichts aus, und wenn sie dort noch mehr hätten,«

versicherten die Mädchen. Es handelte sich hier um den großen

Kindersegen des Pfarrhauses, das durch diesen Umstand für den

Gutsbesitzer Sperber, der über alles seine Behaglichkeit und Ruhe

liebte, etwas Unheimliches hatte.

Er verehrte den würdigen Pfarrherrn. Er war ihm ein angenehmer

Begleiter, um mit ihm über Land zu gehen.

Sie spielten Tarok miteinander; doch bei allem, was er mit dem Pfarrer

vornahm, mußte dieser durchaus von den Seinen isoliert sein. Ja, der

alte Sperber vermied es sorgfältig -- nur in den dringendsten Fällen

machte er eine Ausnahme -- sich nach des Pfarrers Frau und Kindern zu

erkundigen. Er bestritt auch auf das heftigste und wiederholt gegen

seine eigene Frau, daß er wisse, ob der Pfarrer zehn, dreizehn oder

siebzehn Kinder habe, trotzdem er von der kleinen Gutsbesitzerin mit der

Anzahl dieser armen Kinder auf das nachdrücklichste und eindringlichste,

so oft er fragte, bekannt gemacht worden war. Er wollte es nicht wissen

und damit basta!

Der Pfarrer hatte nach dem Tode seiner ersten Frau zur Lebensgefährtin

eine Elementarlehrerin gewählt, die auch unsere Ratsmädel einmal unter

der Fuchtel gehabt und die sich jetzt zur Beherbergung ihrer beiden

früheren Zöglinge erboten hatte.

Als der Pfarrer dem Gutsbesitzer vor einigen Jahren seine in Aussicht

stehende Verbindung mit dieser würdigen Person anzeigte, mit besonderer

Hervorhebung eben dieser Eigenschaft, »der Würde«, sah der Gutsbesitzer

ihn gleichgültig an, sagte: »^Bon^«, pfiff ein Stückchen, um vielleicht

anzudeuten, daß der gegenwärtige Augenblick ihm von außerordentlicher

Gleichgültigkeit sei.

Das Gutsbesitzerpaar hatte den einzigen Sohn in der Kriegszeit verloren.

Er war fürs Vaterland gefallen, und die beiden Alten hatten den Verlust

tapfer getragen. Das schöne Gut war ohne Erben; aber sie zeigten sich

beide gelassen darüber, hatten ihre Einrichtungen getroffen, Stiftungen

bedacht und trugen ihren Kummer nicht zur Schau, hatten sich wohl auch

damit auf eine gottergebene Weise abgefunden und lebten in Wohlgefallen

aneinander ganz behaglich.

Das Abendessen, das die junge Gesellschaft bei ihren Wirten erwartete,

zeugte von ländlichem Überfluß an den Dingen, womit die Leute unten in

Weimar sparsam umgehen mußten.

Röse und Marie hatten seit jeher den Eindruck von dem Gute des alten

Sperber gehabt, als wäre in Wahrheit hier das Land, in dem Milch und

Honig fließt.

Bis in die Baumblüte hinein erhielt die Frau Gutsbesitzerin die besten

Äpfelsorten noch so frisch und schmackhaft wie um Weihnachten und konnte

ihren Gästen immer Überraschendes, Ausgesuchtes vorsetzen. Die alte

Sperber hatte ihre ganz besonderen Geheimnisse, hinter die sie niemanden

so leicht kommen ließ. Sie buck berühmte Kuchen, und in welchen

scheinbar unvertilgbaren Massen! Rats hatten so manche Kiste,

vollgepackt mit verlockenden Dingen, zu allerlei Festen und zur Kirmeß

von der Frau Pate, wie die Gutsbesitzerin in der Wünschengasse benannt

wurde, geschickt bekommen.

Und das Bild der Frau Pate stand Marie und Röse vor der Seele, stets

umgeben von den verlockendsten Produkten ländlicher Koch- und

Gartenbaukunst.

Während des Abendessens war man äußerst heiter, der Abendglanz des

sonnigen Tages, den die junge Gesellschaft in aller Muße im Freien

zugebracht hatte, in sorglosem Behagen, lag noch über den Gesichtern

ausgebreitet, und die Stimmung aller schien wie von klarer Sommersonne

durchdrungen.

Nachdem sie allen Herrlichkeiten gründlich zugesprochen, spielten sie in

der großen Laube vor dem Hause Pfänderspiele; zwei junge Leute, die auf

dem Sperberschen Gute ihre Lehrjahre durchmachten, fanden sich noch zu

den übrigen, und mitten unter der ausgelassenen Jugend vergnügte sich

das Gutsbesitzerpaar auf das beste.

Die beiden Ratsmädel befanden sich in einem Taumel von Vergnügen. Der

Gutsbesitzer that mit, als gehörte er zu dem jungen Volke und gewann bei

den Pfändern auch wohl einen Kuß von den Mädchen.

Röse, der Schelm, war hellsehend genug, ihre Küßchen keineswegs für

etwas Gleichgültiges zu halten.

Bei einer Gelegenheit, wo es zweifelhaft erschien, ob der Wirt solch

einen artigen Gewinn gemacht hatte oder nicht, und man sich darüber

stritt, sagte Röse, um die es sich handelte, zu Budang und Franz Horny:

»Das nehmen wir bei dem guten Sperberchen nicht so genau, Ihr seid mir

die Rechten, so zu streiten,« damit sprang Röse auf und fiel dem alten

Gutsbesitzer um den Hals und küßte ihn auf das anmutigste. »Du

Prachtmädchen, Du,« sagte der gute Sperber und drückte das liebe

Geschöpf gerührt an sich. »Ja, so ein Töchterchen zu haben!« murmelte er

und strich Röse über das dichte blonde Haar. »Ja, meine Alte!« und er

nickte seiner Frau mit feuchten Augen zu.

Als Röse zu Marie und Budang trat, blickte die Schwester sie unzufrieden

an. »Siehst Du, Röse,« sagte sie, »was mußt Du denn den Leuten die Nase

lang machen. Ich glaub's wohl, daß sie sich für ihr Gut ein paar Mädchen

wünschen oder auch ein paar Jungen. Nun hast Du den beiden das Herz

schwer gemacht.«

»I, gar. Na, Budang,« sagte Röse mit schon von Thränen unsicherer

Stimme, »nun siehst Du einmal, wie Marie sein kann.«

Damit wendete sich Röse ab und huckte sich neben die Gutsbesitzerin auf

ein Fußbänkchen, das dort stand, legte ihren Kopf auf die Kniee der

kleinen Frau und ließ sich wie eine Katze streicheln und im blonden Haar

krauen und knurrte dabei vor Behagen; vielleicht, um damit zu beweisen,

daß sie sich trotz des Ärgers außerordentlich wohl befände.

»So macht sie's,« sagte Marie zu den drei Kameraden, »da mag zu Hause

geschehen, was da will, und wenn sie eine um die Ohren gekriegt hat. Wir

kennen das schon.«

Franz Horny fragte: »Dauert's lange bei ihr?«

»Bewahre,« teilte Marie ihm mit, »wenn wir irgend etwas Neues jetzt

anfangen, da ist alles vorbei; aber hört nur!«

Ratsmädelgeschichten · 第 3 / 12 段