eine Zeit, wo die Jugend wieder aufatmen kann.
So ruhig und bedächtig geht es nicht fort, wie jetzt.
Aus Bewegung, aus Kampf, aus Besorgnis der Erwachsenen, der Alten,
werden ihr wieder unbeaufsichtigte, berückende Freiheitsstunden
erstehen, -- aber wann?
Jetzt zu jener vergangenen Zeit, die den jungen Herzen von damals ihre
Wünsche, ihre Rechte, ihr Streben nach Wundersamem, Bedeutungsvollem im
reichsten Maße erfüllte.
Röse und Marie waren, wie wir aus dem ersten Teil ihrer Abenteuer und
Erlebnisse erfahren haben, noch zur rechten Zeit in die Hände der
Jungfer Concordia geraten und zu der Freundschaft von deren Neffen, des
guten, vortrefflichen Budang, ehe alle Aussicht, daß sie etwas lernten
und ein paar tüchtige Mädchen wurden, bei ihnen verloren war. Ihr Budang
hatte ihnen treulich geholfen, daß sie mit Ach und Krach bis zu einer
höheren Klasse ihrer Schule gekommen waren. Was für ein guter,
prächtiger Junge war doch dieser Budang! Seit die beiden Mädchen ihn
kennen gelernt hatten, schien für sie gesorgt.
Sie arbeiteten unter seiner Leitung, machten mit ihm und seinen Freunden
Streifzüge in die Umgegend. Die Mutter unserer beiden, die Frau Rat,
konnte ruhig ihre Rangen dem ihr als ausgezeichnet bekannten Neffen der
Jungfer Concordia überlassen.
Sie hatte damals mit Bedacht Concordia als Lehrerin ihrer Kinder
ausgewählt und freute sich, wie heimisch Röse und Marie in der
Gassenmühle, in der, wie wir wissen, Concordia mit ihrem Bruder, dem
Müller, und dessen Sohn Budang hauste, geworden waren.
Ich will jetzt wie folgt beginnen:
Im Winter wurde bei Rats eine einzige Stube geheizt. In der stand der
Arbeitstisch des Vaters, in der saßen die Mutter, die Brüder und die
beiden Ratsmädel. -- Alle Geduld miteinander übend, alle auf den Vater
Rücksicht nehmend, alle so still und besonnen wie möglich.
Die Ratskinder waren an diese bedachtsamen Winterstunden gewöhnt, die
ihre starken Lebensgeister zu dem außerordentlichsten respektvollen
Schweigen herabdrückten.
Die Brüder arbeiteten während dieser Zeit. Man hörte das Kritzeln der
Federn von Vater und Söhnen. Die Mutter und die Mädchen waren mit
Näharbeiten beschäftigt.
Ein Flüstern, von dem Marie und Röse einen ausgedehnten Gebrauch
machten, war gestattet.
Die beiden hatten sich unausgesetzt zu erzählen, trotzdem sie alles und
jedes miteinander erlebten, oder gerade deswegen. Sie hatten jede ihre
verschiedenen Auffassungen von den mancherlei Dingen, die sie tagsüber
aufstöberten; denn, gottlob, die würdigen Stunden im Familienzimmer
währten nicht lange, der Vater hatte durch sein Bürgermeisteramt viel
außer dem Hause zu thun, und eine feste Regel war, um fünf Uhr etwa
wurde Schicht gemacht; da drehte er den Schlüssel an seiner
Schreibtischklappe um.
Mit diesem Tone strömten die Lebensgeister zurück in die Gemüter.
Die Augen leuchteten, Röse und Marie legten ihre Näharbeit beiseite,
brachten dem Vater übereifrig den Pelz und Hut, denn der Bürgermeister
machte jetzt seinen ihm zuträglichen Gang um die Stadt, um dann mit
seinem alten Freunde, dem Kupferstecher Müller im »Elephanten« sein
behagliches Stündchen zu verschmauchen.
Kaum aber war er zur Thür hinaus, so langten Röse oder Marie hinter den
großen Ofen; da hatten sie einen Stock, an dem ein weißes Tuch wie ein
Fähnlein befestigt war, den steckten sie zum Fenster hinaus. Das geschah
Abend für Abend und mochte seinen guten Grund haben.
Denn nicht lange währte es, da hörten die lauschenden Mädchen von ferne
einen munteren, rhythmischen Pfiff, so energisch, so lustig, so voller
Leben.
Es war eine charaktervolle Art zu pfeifen und immer gleichbleibend, nie
mit einem Tone von der gewohnten Art abweichend. Mit diesem Pfiffe
kündigte sich Budang an, der treue Kamerad.
Vorsichtig und freundlich steckte Budang, wenn das Signal gegeben war,
den blonden Ruschelkopf zur Thüre hinein, um sich erst zu überzeugen, ob
das Feld auch rein sei, das heißt, ob der Herr Rat auch wirklich nicht
mehr an seinem Arbeitstische sitze.
»Nun komm nur,« rief ihm dann die Mutter entgegen, und die Mädchen
standen schon bereit, ihn zu empfangen. Darauf machte Budang, ehe er
noch eintrat, ein Zeichen nach der Treppe zu, und zwei seiner Kameraden,
die auf einer der oberen Stufen auf seinen Wink lauerten, traten mit ihm
ein.
Der eine war Franz Horny, ein bildschöner Junge von siebzehn Jahren. Er
wohnte an der Ecke der Wünschengasse und war von jeher ein guter Freund
der Ratsmädel gewesen, bei denen er auch in Achtung stand. Sie hielten
beide viel von seiner Fertigkeit im Zeichnen, hatten darin auch nicht
unrecht und bewiesen Geschmack; denn Franz Horny bildete sich in der
Folge zu einem guten Künstler aus, der in Amalfi in bester Jugend starb.
Sein Bild hängt sonderbarerweise dort in einer Kapelle und wird als
Heiligtum verehrt. Es mag aus Zufall dahin gekommen sein oder durch
irgend ein wunderliches Geschick.
Man erzählt sich, daß der schöne, liebenswürdige Künstler in dem Orte,
in dem er gestorben, eine abgöttische Verehrung von der Bevölkerung
erfahren habe. Er soll ein merkwürdiger und einnehmender Mensch gewesen
sein, dessen Schönheit und Talent auffallend waren. Dies habe ich von
Friedrich Preller, dem Maler der Odyssee und dem Jugendfreunde Hornys.
Zu der Zeit, als er mit seinen Kameraden die Winterabende bei den
Ratsmädchen sich vergnügte, war er ein träumerischer, sanfter Junge, der
von allen gern gesehen wurde.
Der zweite Gefährte, den Budang mitbrachte, war Schillers jüngster Sohn
Ernst, frisch im Aussehen und Wesen, der seine freie Zeit gar zu gern in
Rats behaglichem Familienzimmer verbrachte. Das erste, nachdem die
Begrüßung vorüber, war, daß Budang sich zu seinen Gefährten wendete, die
sogleich mit den Mädchen in ein lustiges Plaudern kommen wollten, und
sagte: »Erst müssen sie zeigen, daß sie mit ihren Arbeiten fertig
geworden sind.«
Budang war seiner, von Jungfer Concordia erhaltenen Aufgabe, die Mädchen
zu überwachen, treu geblieben. Röse und Marie mußten ihm ihre Arbeiten
bringen. Sie thaten es auch, wie etwas, was sich von selbst versteht,
mit allem Ernste.
Nun setzte er sich, nahm die Hefte vor, und war etwas nach seiner
Meinung gar zu unmöglich geraten, so mußten sich die beiden Faulpelze
daran machen und unter seiner und Ernst von Schillers Leitung die Sache
noch einmal schreiben.
Unangenehm war es für alle Teile, wenn sie ihr Pensum, wie die Arbeiten
der Ratsmädel gelehrt benannt wurden, schlecht gelernt hatten. Da gab es
ein äußerst langweiliges Überhören ohne Ende, ehe man an die beliebte
Abendunterhaltung kam, und die Mädchen wurden von Budang hart
angelassen. In einer Ecke mühte sich Ernst von Schiller, abwechselnd mit
Budang, an Röse ab, die das Auswendiglernen so schwer zu stande brachte,
daß es ein Skandal war, wie Röses Freunde sich über diesen Mangel
ausdrückten.
Für Marie, deren Gedächtnis vorteilhafter ausgestattet sein mochte,
genügte einfache Hilfe. Sie war ein für allemal Franz Horny zugewiesen,
der sich seinem Amte mit Geduld und Bewunderung für das schöne Geschöpf
unterzog.
Die Ratsmädel glichen zwei Knospen von lebensvollster Frische und Kraft.
An ihnen mochte nichts Angekränkeltes sein, nichts, was nicht ebenmäßig
sich entfaltet hatte, und nichts, was nicht auf eine noch viel
lieblichere Vollendung hindeutete. Sie schienen mehr, als man gewöhnlich
unter jugendfrisch versteht. Sie waren urwüchsig, eigenartig und
harmlos, wie es junge, von Menschen unbehelligte Tiere sind.
Und unbehelligt waren sie, von aller Welt gern gesehen, die Freude der
Wünschengasse; wer blickte ihnen nicht nach, wenn sie mit ihren langen,
schweren Zöpfen, die noch vor kurzem so manchem Gassenbuben um die Ohren
gesaust waren, die Straße hinabgingen? Sie bildeten den Stolz der
Untergebenen ihres Vaters, »die Ratsmädel«, denen man allen Respekt
erzeigen mußte.
Ja, ihr Ruf war bis ins Schloß gedrungen, wie wir wissen. Überall aber
fühlten sie sich gleich wohl, gleich sicher, ob auf den Gassen, ob im
Schloß, ob unter den würdigen Bekannten ihres Vaters, oder unter ihren
guten Freunden und steckten bis über den Kopf in Wohlbehagen. Die
urgesunden Geschöpfe! Wer aber hatte auch solche Freunde, wie unsere
beiden?
Hatten sie die unumgängliche Überhörungsstunde, den Anfang der schönen
Winterabende, hinter sich, und blickten Budangs Augen unter den dicken,
blonden Locken nicht mehr so strenge auf Beantwortung seiner Fragen
dringend, die den beiden oft sauer genug wurde, dann begannen die
behaglichen, unvergeßlichen Stunden. Was aber thaten, was unternahmen
sie an solch einem Abend? Sie spielten Lotto. Sie saßen eng aneinander
gedrängt, die Mutter, die Brüder, die Mädchen, die Freunde und spielten
Lotto um Pfeffernüsse vom Konditor Ortelli, den die Franzosen damals
ausgeplündert hatten; aber mit welchem Eifer wurde gespielt, mit welchem
Feuer! und wie wurde gelacht! Worüber sie wohl lachten? Über unschuldige
Scherze, über eine Anekdote aus dem Leben der drei braven Jungen, über
einen Ausspruch Rösens, die groß war in trocknen, vielsagenden
Bemerkungen; darüber, daß Budang eine Locke über das Auge gefallen war,
und er gerade durch den Ringel blickte. Dergleichen konnte Röse und
Marie außer Rand und Band vor Lachen bringen, so daß die Mutter sie
manchmal ermahnte, ja, sie aus dem Zimmer steckte, damit sie sich
draußen in der Dunkelheit und Kälte einmal erst wieder auf sich selbst
besinnen sollten. Sie kamen dann jedesmal in unverminderter Heiterkeit
wieder herein und immer mit einer guten Idee, die ihnen wahrscheinlich
bei der Abkühlung gekommen war.
Sie schlugen eine Verkleidung vor, einen Tanz. Sie kamen mit der Bitte
zurück, die Freunde und Brüder sollten sie im Stuhlschlitten fahren.
Durch solch einen lebensvollen Vorschlag entstanden die schönsten
Stunden. Er schien so ganz aus dem Herzen zu kommen, aus dem innersten
Verlangen heraus, und wie er von Herzen kam, so ging er zu Herzen, so
wurde er ausgeführt, so wurde er auch von der Mutter gestattet, die eine
liebevolle Frau war und wohl wissen mochte, wie göttlich, wie
unwiederbringlich, wie leichthinschwindend die Jugend ist.
So haben die Ratsmädel herrliche Winterfahrten gemacht, bei
Sonnenuntergang, bei Mondschein; jede in einem Stuhlschlitten, Bruder
und Freunde hinter sich, die sie in Windeseile durch die Straßen der
Stadt fuhren. So zog das leichte, lustige, vergängliche Gesindel auch an
dem Hause vorüber, in dem _der_ lebte, der für die Ewigkeit schuf.
Sie fuhren über die hellen Lichtscheine, die aus den Fenstern Goethes
auf den Schnee fielen, und dachten sich nichts dabei, wußten wohl kaum,
daß sie vorübergefahren.
Was kümmerten sich unsere Ratsmädchen um »die großen Leute« in Weimar.
Mochten die thun und schreiben, was sie wollten, die Ratsmädchen hätten
nie und nimmer mit ihnen tauschen mögen! So im Schlitten sitzen, von
lieben Freunden geschoben zu werden, daß es ist, als sprühten Funken,
und hinaus in den Mondenschein, unter bereiften Bäumen, auf glatter
Schneebahn hinzufliegen, das ist Seligkeit, das ist Glück!
Und welche Streiche spielten sie, über die man jetzt Ach und Weh
schreien würde, steckten Budang in Mädchenkleider und gingen mit ihm
spazieren. Weshalb sie das thaten? Gott weiß es! Sie wußten es
jedenfalls selbst nicht, thaten es grundlos, vergnügten sich herrlich,
hatten alle dreie das Bewußtsein eines wunderbaren Geheimnisses, wollten
sich über jeden, der ihnen begegnete, totlachen, brachten harmlose
Spaziergänger durch ihr Gelächter in Verlegenheit, kauften sich bei
Ortelli Kuchen, den sie, nachdem Budang zu Hause sich wieder ausgeschält
hatte bei einem Täßchen Kaffee, das ihnen warm gestellt worden,
verzehrten, im süßen Bewußtsein, eine Heldenthat ausgeführt zu haben.
In einem alten weimarischen Hause hatten sie zu jeder Zeit Zutritt,
konnten dahin mitbringen, wen sie mitbringen wollten, und blieben immer
willkommen, das war die Apotheke am Markte.
Der Apotheker stand mit Rats in Verwandtschaft. Er war ein gelehrter
Herr, mit dem Titel Professor, und zu der weimarischen Apotheke durch
seine Heirat gekommen; die Frau war Witwe des früheren Apothekers und
hatte ihrem zweiten Manne das blühende Geschäft zugebracht.
Zu diesen Leuten gingen die Mädchen mit Vorliebe. Die Vettern und Basen
im Hause paßten zu ihnen, und sie konnten immer sicher sein, dort eine
wohlgemute Gesellschaft zu treffen. Die Frau Professor hatte die
Genugthuung, wegen ihrer Kochkunst in der ganzen Bekanntschaft berühmt
zu sein; so gab es auch für die beiden Schleckermäuler, die zu Gaste
kamen, immer etwas Gutes zu schnabulieren, was ihnen zu jeder Zeit
gelegen war; denn bei Rats ging es nicht hoch her.
Und was war diese Apotheke für ein sonderbares Haus! Ein alter,
reichverzierter Erker schmückte es, den ein steinernes, verzwicktes
Weiblein auf seinem Nacken zu tragen schien. Das alte Weib war unsern
beiden von jeher rätselhaft und unheimlich erschienen. Ein
langgestrecktes Gewölbe diente zum Apothekerladen. Dies Gewölbe war
außerordentlich finster. Nur soweit die niedere Glasthür und das einzige
Fenster Licht einließen, machte es einen behaglichen, wohlthuenden
Eindruck; nur so weit schienen die verschiedentlichen Düfte, die aus
ungezählten Büchsen und Büchschen, aus unendlichen Schiebkästen
aufstiegen, angenehm und zuträglich zu sein. Die Mädchen hielten es für
ausnehmend gesund, in der Apotheke tief Atem zu holen; und wenn einem
der Apothekerkinder etwas fehlte, setzte es sich hinunter zu den
Gehilfen und atmete fleißig.
Auch Röse und Marie hatten schon öfters solch eine Kur sich
vorgeschrieben; aber sie hielten sich nur da auf, soweit das Tageslicht,
unverfälscht durch Dämmerung, die sich weiter nach hinten in dem Raume
ausbreitete, eindrang.
Das Gewölbe war an seinem letzten Ende fast dunkel. Bei dem Scheine
eines Lämpchens hantierte dort ein widerwärtiger Gehilfe, vor dem Röse
und Marie ebenso wie ihre Vettern und Basen eine außerordentliche Scheu
hegten.
Aus seiner finstern Ecke drangen scharfe Gerüche, die durchaus nicht
heilkräftig sein mochten. Der Gehilfe rieb, stieß im Mörser und rührte
in mächtigen, weißen Schalen, die aus der Dämmerung gespenstisch
herausleuchteten. Um diesen ältlichen Gesellen, der einen gar
sonderbaren Blick hatte, spannen sich allerlei Sagen und Gerüchte. Man
erzählte sich, daß dieser unheimliche Bursche in seinem kleinen,
wackeligen Schreibpult, das im Gewölbe stand, ein Buch bewahre, in dem
er den Sterbetag so manchen guten Weimaraners vierzehn Tage, bevor
derselbe einträte, sich notiere, wie man sich seine Hemden auf den
Wäschezettel aufschreibt.
Dies Verfahren des Gesellen hatte ihn mit einem furchterregenden Nimbus
umgeben.
Unter den weimarischen Leuten würde sich ein jeder geweigert haben, das
Medizinfläschchen oder Pulver, das er abzuholen kam, aus der Hand des
fatalen Gehilfen in Empfang zu nehmen, denn man sagte, daß er es, ehe
man hinter seine Schliche gekommen sei, mit einem unheilbringenden
Lächeln überreicht habe. Was an dem Treiben des Gehilfen wahr sein
mochte, hat wohl schwerlich jemand erfahren; denn ich weiß nicht, ob das
Buch der dem Tode geweihten Weimaraner, das in der Apotheke geführt
wurde, je zum Vorschein gekommen ist.
Der Gehilfe hatte jedenfalls ein einsames, unbehelligtes Leben. Wohl
möglich, daß dies seiner Natur zusagte; es giebt ja sonderbare Käuze
genug auf Erden.
Er hatte unbedingt etwas Hämisches, Spöttisches in seinem Wesen, machte
den kleineren Apothekerskindern Grimassen, wenn er an ihnen vorüberging,
und versteckte der ganzen jungen Gesellschaft den Syrup, nach dem sie
allerseits großes Verlangen trugen, in die Giftkammer. Das verhinderte
die Apothekerskinder durchaus nicht, mit Gästen und ohne Gäste auch dort
ihren Syrup aufzuspüren und sich eine Güte daran zu thun. Sie wurden bei
ihrem Treiben in der verhängnisvollen Kammer von dem Gehilfen im stillen
beobachtet, und die unartige Bande bemerkte das gar wohl, und jedes
dachte bei sich: »Da kann er lange warten, bis wir uns einmal
vergreifen, der Esel.« Sie kannten ihren Syrupstopf, ^Syrupus simplex^!
Bei all und jeder Gelegenheit ging es im Apothekerhause festlich zu. War
das Geschäft besonders gut und einträglich, das heißt, war das gute
Weimar eine hübsche Zeit lang von irgend einer Krankheit gründlich
heimgesucht, so lebten sie bei Apothekers besonders reichlich. Dann saß
die Familie mit Kind und Kegel vergnügt und hilfreich bei einander, wenn
zur Zeit irgend einer Epidemie mehr Hände im Geschäft gebraucht wurden,
als gewöhnlich, um Papier zu Pulverpäckchen und zu den roten
Flaschenkäppchen zuzuschneiden und allerlei nach Bedarf zu mörsern und
zu reiben. Sie thaten das mit ganz besonderem Behagen, und schwerlich
konnte man den braven Leuten nachsagen, sie hätten die guten Bissen mit
dem Bewußtsein zu sich genommen, daß sie ihre vorzügliche Nahrung aus
dem Verderben ihrer Mitbrüder zögen, wie die Bienen Honig aus den
Giftblumen. Sie dachten so wenig über den Grund ihres Wohlstandes nach,
wie es Millionen andere auch nicht thun, die sich durch das Elend und
den Tod ihrer Mitgeschöpfe nähren. Wohin sollte unsere Ehrbarkeit, Würde
und Vortrefflichkeit geraten, wenn wir darüber simulieren wollten! Gott
behüte uns davor!
Apothekers verstanden es, festlich zu leben, und wohl den Kindern und
Vettern und Basen, denen das Schicksal solch ein Haus zugänglich gemacht
hat! Die können einer munteren Jugend gewiß sein.
Eines Nachmittags in der allerschönsten Zeit, in der das Pfund Kirschen
zwei Pfennige kostete, war bei den guten Leuten die ganze Gesellschaft
versammelt, Röse und Marie mit ihren drei Freunden Budang, Horny und
Schiller, ferner die Wirte mit allen Kindern, der alte Kupferstecher
Müller mit drei erwachsenen Sprößlingen, Müllersch Lotte, Müllersch
Ernst und Müllersch Heinrich.
Die einstige Gouvernante des Prinzen Konstantin, eines Sohnes Karl
Augusts, war auch zugegen. Die hielt mit der Apothekerin, die früher bei
Prinzeß Karoline Kammerfrau gewesen, gute Freundschaft und war eine
muntere, alte Person, die es sich nicht zweimal sagen ließ, wenn es
irgendwo eine Feierlichkeit gab, bei der man sie gebrauchen konnte. Die
Dame war ein Fräulein von Knebel.
Sie war bei Hofe und in der ganzen Stadt durch eine artige Geschichte,
die man allenthalben von ihr erzählte, zu einer gewissen Berühmtheit
gelangt.
Eine drollige Geschichte stirbt so leicht nicht aus, und Fräulein von
Knebel hatte sich mit guter Manier darin gefunden, die Heldin einer
Anekdote zu sein, die man nicht müde wurde, immer wieder bei guter
Gelegenheit anzubringen.
Ihr Zögling, Prinz Konstantin, war einst in eine solenne Hofgesellschaft
aus irgend einer knabenhaften Laune mit einem Purzelbaum zur Thür
hereingekommen und hatte allgemeines Entsetzen erregt. Seine Erzieherin,
die ihm folgte, war von dem etikettelosen Benehmen ihres Zöglings bis
ins Innerste erstarrt, und die Herzogin Luise, die Mutter des kleinen
Übelthäters, ging mit einem äußerst ungnädigen Blick auf Fräulein von
Knebel zu, richtete ein paar das Benehmen des Prinzen rügende Worte an
sie und erhielt von ihr mit pathetischer, unschuldsreiner Stimme zur
Antwort: »Hoheit, von _mir_ hat er das nicht gelernt!«
Man denke sich!
Und wer die tiefempfundene Antwort gehört hatte, dachte sich jedenfalls
das ehrbare, würdige Fräulein als Vorbild des unartigen Prinzen, daher
eine unbezwingliche Heiterkeit und die Langlebigkeit der kleinen
Geschichte. So ist Fräulein von Knebel bei jung und alt, hoch und
niedrig bekannt geworden. Sie war überall gern gesehen, konnte einen
Spaß vertragen und ging selbst nicht allzu zart und respektvoll mit
ihrer eigenen Persönlichkeit um.
An diesem Nachmittage war die Gesellschaft bei Apothekers eigentümlich
beschäftigt. Auf dem großen Tisch stand ein Korb mit kleinen, losen
Heften, die von den Anwesenden geklebt oder genäht wurden. Die
weiblichen Hände befestigten die losen Blätter mit ein paar Stichen
ineinander und die männlichen klebten schmale rote, blaue oder grüne
Papierstreifen um den Rücken der kleinen Broschüren.
Was aber enthielten diese Bogen, daß man sie in so heiterer Vereinigung
bei Wein und Kirschkuchen vergnüglichst miteinander heftete?
Sie enthielten nichts Geringeres, als ein getreues Konterfei in
Kupferstich von zwei berüchtigten Spießgesellen, Niklas Sommer und
William Becher, nebst deren kurz und bündig gefaßter Lebensbeschreibung,
zu Nutz und Frommen für alle, die dieses Heftchen kaufen und lesen
würden. Der alte Müller hatte die Porträts selbst in Kupfer gestochen,
die Lebensbilder selbst verfaßt, Papier- und Druckkosten selbst
getragen, und morgen sollten sie auf dem Markte, während über die
genannten Delinquenten der Stab auf einem Gerüst, das jetzt schon stand,
gebrochen wurde, zum Verkauf ausgeboten werden.
Der Kupferstecher war mit seiner Arbeit mit knapper Not halbwegs bis zum
bestimmten Termin fertig geworden und hatte noch, um das Werk zu
vollenden, die Hilfe seiner Nachbarn, der Apothekersleute und deren
Freunde und Verwandte in Anspruch nehmen müssen.
So saß die Gesellschaft und heftete unter Lachen und in allerbester
Stimmung schmausend die Lebensbeschreibung der beiden armen Tröpfe, die
ihrem letzten Stündlein entgegensahen. Damals war die gute Zeit, in der
man sich über gar viele Dinge weit weniger Skrupel machte, als in der
unsern; das, was in aller Ordnung vor sich ging, wurde harmlos und
unkritisch entgegengenommen. Man glaubte z. B. in der Wünschengasse
allgemein, daß aus den Brotkrumen, die in den Honigtopf fielen, Ameisen
entständen, und hütete sich deshalb natürlich, Brotkrumen hineinfallen
zu lassen. Man glaubte tausend solche Dinge und befand sich wohl dabei.
Die beiden schlimmen Kerle waren von dem hochlöblichen Gericht
verurteilt und mußten wohl oder übel den Lohn für ihre Thaten, den Tod,
erleiden. Dagegen konnte nichts einzuwenden sein, es war eine
abgemachte, durchaus erledigte Sache, die einfach und naturgemäß aussah,
so daß hierbei nicht angebracht sein mochte, sich andern Gefühlen
hinzugeben, als einem angenehmen Gruseln, das über diesen und jenen bei
der munteren Arbeit wohl einmal hinlief. Bedenken über Todesstrafe oder
sonstige humane Bestrebungen hatten die Apothekersleute und ihre Gäste
wohl schwerlich berührt. Auch der Kontrast, der zwischen den beiden
machtlosen Schelmen, die der Tod schon am Wickel hatte, und die ihre
kurze Galgenfrist in einem von Gott und der Welt verlassenen Raume, von
allem Troste und Verkehr abgesperrt verbrachten, und der lebensfrohen
Sicherheit und Behaglichkeit, in der man hier beisammen saß, kam wohl
keinem recht zu Sinnen.
Ernst von Schiller blätterte in dem Büchelchen und war mit des
Kupferstechers Darstellung von William Bechers Gefangennahme nicht
einverstanden. »Das soll ja eine tolle Geschichte gewesen sein, er muß
sich verzweifelt gewehrt haben! Sie haben das ein bißchen kurz gehalten,
und so etwas gefällt gerade.«
»Ja, das schreibe einer,« sagte der alte Müller; »der Becher war ein
Prachtskerl, das läßt sich nicht so leicht berichten, dazu gehört
einer!« Sie sprachen schon in der Zeitform, die das Vergangene
beherrscht, von den noch für eine Weile, wahrscheinlich bis zum Übermaß
bewußt Lebenden. Aber was gehen eine so allerliebste, unschuldige
Gesellschaft die letzten Stunden, die Todesfurcht und alles menschliche
Weh zweier armen, so gut wie schon gerichteten Sünder an!
Man lachte über den Eifer des Fräulein von Knebel, die mit einer wahren
Vehemenz heftete und einen ganz erklecklichen Haufen der Diebs- und
Mordsgeschichte vor sich aufgestapelt hatte, den sie eifersüchtig
bewachte, daß nicht etwa eins oder das andere Heft entwendet wurde, um
ihr den Ruhm zu nehmen, die größte Zahl gefertigt zu haben.
Fräulein von Knebel war eine Person, die alles und jedes mit ganzer
Kraft betrieb.