»So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den L

In demselben Verlage sind von _Helene

Böhlau_ weiterhin folgende Werke erschienen:

Herzenswahn. Roman. Ein Band, brosch. 3 Mk. 60 Pf., elegant

gebunden 4 Mk. 60 Pf.

Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Es ist ein feines psychologisches

Gemälde von der zartesten Stimmung.

Schlesische Zeitung: ... Wie ein ergreifendes Gedicht liest sich

denn auch »Herzenswahn«; keuscher und schöner ist kaum die

undeutliche Sehnsucht eines jungen Mädchens nach hingebender,

alles umfassender Liebe gemalt worden, wie in diesem Buche ...

Reines Herzens schuldig. Roman. Ein Band, brosch. 6 Mk., elegant

gebunden 7 Mk.

Illustrierte Frauen-Zeitung: Seit langem hat uns keine Erzählung

so angesprochen, wie diese schlichte sich in dem engen Rahmen

kleinstädtischen Getriebes abspielende Geschichte. Als echte

Dichterin verschmäht H. B. starke Motive und äußerliche

Wirkungen; sie wirkt von innen heraus, von Herzen zu Herzen, und

immer ist der Eindruck nachhaltig und tief.

Im Trosse der Kunst und andere Novellen. Ein Band, broschiert

3 Mk. 60 Pf., elegant gebunden 4 Mk. 60 Pf.

Münchener Neueste Nachrichten: Der Verfasserin muß zugestanden

werden, daß sie die von ihr gewählten Stoffe vortrefflich zu

behandeln versteht; auch ist ihre Diktion fließend, so daß

niemand bereuen wird, der Lektüre dieser Novellen einige Stunden

der Muße gewidmet zu haben.

Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Helene Böhlau besitzt in hohem Maße

die Gabe der Naturwahrheit. Ihre Geschichten sind so fest umrissen,

daß man sich besinnt, ob man nicht den Urbildern schon begegnet sei

... Die Verlagsbuchhandlung hat mit diesem Buche eine sehr

dankenswerte Bereicherung der modernen Litteratur gebracht.

Helene Böhlau.

Ratsmädelgeschichten.

[Illustration: Die Mutter der Rathsmädel. Nach einem Miniaturbild,

gemalt von _Dora Arnd_, Freiburg i./B.]

Ratsmädelgeschichten

von

Helene Böhlau,

Madame al-Raschid Bey.

Sechste Auflage.

J. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W.

Herzogl. Sächsische und Fürstl. Schaumb.-Lippische

Hof-Verlagsbuchhandlung.

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde

Sprachen, vorbehalten.

Hofbuchdruckerei von J. C. C. Bruns, Minden i. W.

Meiner Mutter gewidmet.

Inhalts-Verzeichnis.

Erste Geschichte. Seite.

Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten 1

Freund fürs ganze Leben ein

Zweite Geschichte.

Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen 37

verwundern würde

Dritte Geschichte.

Handelt von der alten Kummerfelden 107

Vierte Geschichte.

Die Ratsmädel laufen einem Herzog in die Arme 137

Fünfte Geschichte.

Das Damengärtchen 155

Sechste Geschichte.

Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die 205

ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte

Letzte Geschichte.

Das Gomelchen 227

Erste Geschichte.

Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten Freund

fürs ganze Leben ein.

Mitten im großen deutschen Reiche liegt ein weit und breit berühmtes

Städtchen, Weimar im Thüringerlande. Da regierte, als meine Großmutter

noch ein Kind war, ein sehr kluger und guter Fürst, der durch seine Güte

und Weisheit große Dichter, die zu jener Zeit lebten, dazu vermocht

hatte, bei ihm in seinem Städtchen zu wohnen. Und da er ein so überaus

kluger Herr war, den jedermann liebte und verehrte, so kamen Dichter und

Gelehrte gerne von allen Seiten, lebten in der Stadt des Fürsten und

schrieben dort so herrliche Dinge, daß alle Welt darüber in Staunen

geriet. Und noch jetzt ist das, was diese Männer damals gedacht und

gedichtet haben, das Schönste, was wir kennen, und wird noch lange,

lange Zeit das Schönste bleiben.

Von diesen Männern ist alles oftmals erzählt und genau beschrieben

worden, und die Menschen werden in Jahrhunderten noch von ihnen reden.

Aber neben ihnen wohnten in jenen Tagen gar viele Leute in der Stadt,

von denen niemand mehr spricht. Die hatten auch ihre Freuden und Leiden,

auch ihre guten Stunden, fühlten und empfanden tief, waren froh und

litten, hatten auch Herzen wie jene. Sie sind gestorben und vergessen.

Ueber viele gute Leute waren damals schwere Zeiten hereingebrochen,

Krieg und Not. Einige wenige leben noch, die von den vergangenen Zeiten

zu erzählen wissen.

Von solchen habe ich es erfahren, daß damals in der engen, winkeligen

Windischengasse in Weimar, die von jung und alt nur Wünschengasse

genannt wurde, in einem hohen, schmalen Hause ein Herr Rat wohnte mit

Frau und Kindern. Es waren zwei Buben, die in der Schule schon in den

oberen Klassen saßen, und zwei jüngere Mädchen, welche Röse und Marie

hießen und von den Nachbarsleuten, von den Gassenbuben und von jedermann

die Ratsmädel genannt wurden. Und in der Wünschengasse und darüber

hinaus war wohl keiner, der die Ratsmädchen nicht kannte und nicht recht

wohl wußte, daß sie ein paar wilde Kreaturen waren, die ihrer Mutter Not

machten. Spielten Röse und Marie mit den Schulbuben auf der Gasse, da

that sich wohl ein Fensterchen in dem Hause auf, vor dem sie gerade ihr

Wesen trieben, und eine Frau in großer Haube oder ein guter, alter

Nachbar, der bedächtig das Wochenblatt las, rief hinaus: »Röse, binde

deine Zöpfe zusammen! Marie, patsche nicht in den Pfützen! Wollt ihr

wohl, Röse und Marie, oder es setzt etwas, wenn's der Vater hört!« An

dergleichen Zurufe von seiten der Nachbarsleute schienen die Ratsmädchen

gewöhnt. Es machte ihnen wenig aus. Im Gegenteil wurden sie desto

lustiger, thaten, was sie wollten, machten ihre Sache in der Schule

schlecht und waren in jeder freien Stunde auf der Gasse oder irgendwo

vor der Stadt zu finden oder auch nicht zu finden. Sie hatten beide

absonderlich dicke Zöpfe, die hingen ihnen schwer am Rücken herunter,

und wenn sie miteinander in ihren Ginghamkleidern über die Straße

schlenderten, und ein Gassenbube wollte mit ihnen Neckereien treiben,

oder sie waren mit ihren guten Freunden in Streit geraten, da langten

sie ihre Zöpfe vor und fuchtelten damit um sich her, daß so ein

Vorwitziger, der mit ihnen angebunden, allen Respekt davor bekam. Denn

ein fester, straff geflochtener Zopf hat schon seine Wucht, wenn er

einem Bengel über Nase und Wangen fährt.

Die Zöpfe haben den beiden manchen Spaß eingebracht.

Röse und Marie konnten sich in ihr bräunlich blondes Haar, wenn sie es

aufflochten, wie in einen Mantel wickeln. Und eine vornehme Dame, die

Prinzeß Karoline, die den Herrn Rat und auch die Kinder kannte, ließ die

beiden munteren Mädchen manchmal zu sich auf das Schloß kommen und hatte

sie eines schönen Tages, um sich mit ihnen zu vergnügen, sich auf zwei

Schemelchen setzen lassen, ihnen das Haar aufgeflochten und um sie

herumgekämmt, daß es ihnen auch die Gesichter überdeckte, auch die

Kleider und Füße und noch ein gut Stück auf der Erde hin lag. Darauf

hatte sie allerlei vornehme Leute hereingerufen und sie raten lassen,

was für wunderbare, glänzende Geschöpfe da vor ihnen kauerten. Der

Anblick mochte ganz eigentümlich gewesen sein, so daß niemand recht

wußte, was er davon halten sollte, bis die Ratsmädel verlegen aufstanden

und sich das Haar aus den heißen Gesichtern strichen.

Die Ratsmädel, das wissen wir nun schon, waren ein paar lose Vögel. Sie

hatten aber auch in der wunderlichen Zeit Dinge erlebt, von denen

heutzutage kein noch so wilder Junge sich eine Vorstellung machen kann;

von einem Mädchen gar nicht zu reden. -- Eine gute Weile lang sah man

täglich fremdes Kriegsvolk durch die Straßen ziehen und hörte Kanonen

und schwerrollende Pulverwagen über das Pflaster fahren. Mit Herzklopfen

lauschten die Leute im Städtchen auf den dumpfen Kanonendonner, der bis

nach Weimar dröhnte, als bei Jena die furchtbare Schlacht geschlagen

wurde, in der Napoleon den Sieg errang.

Und später, da gab es in der Wünschengasse oftmals russische Soldaten,

Kosacken, die hatten dort ihr Lager aufgeschlagen. Die kauerten des

Nachts auf Stroh und schnarchten, und ihre Pferde standen neben ihnen

und ließen die Köpfe hangen. Damals haben die Ratsmädchen auch

Plünderung mit erlebt. Als die Franzosen in Weimar wirtschafteten, haben

sie gesehen, wie mir nichts, dir nichts, die Franzosen nahmen, was sie

fassen konnten; -- wie sie aus des Vaters Hause kamen und die schönen

Schinken aus der Vorratskammer forttrugen, und diese Schinken hatten sie

gar an rosa und blaue Schärpenbänder gehängt und so über die Schultern

geworfen. Die Schärpenbänder aber waren die, welche die Mutter den

Mädchen sonst Sonntags um die Kleider geknüpft hatte! Als Röse und Marie

das vom Fenster aus gesehen, da kamen sie weinend zu ihrer armen Mutter

gelaufen, die bleich im Lehnstuhl am Ofen saß, während der Vater sich

draußen mit den Franzosen abplagen mußte.

An demselben Tage, an dem dies geschehen war, hockten die beiden wieder

auf dem Fensterbrett. Sie waren allein im Zimmer. Da sahen sie, wie ein

paar Franzosen in dem Konditorladen, der Rats gegenüber lag, sich zu

schaffen machten. Dieser Konditorladen war den Mädchen von jeher als das

Verlockendste erschienen, was es auf der Welt geben konnte. Er gehörte

einer alten Frau Ortelli, und die Mädchen schauten mit Spannung durch

die Scheiben, was die lärmenden, schwadronierenden Franzosen wohl

vorhätten. Da sahen sie, und der Atem stockte ihnen, wie die Soldaten

aus einem Kasten die schönsten Figürchen, bunte Männerchen und allerhand

farbiges Viehzeug, »hast du nicht gesehen«, mit vollen Fäusten zur Thüre

hinauswarfen, dabei lachten und schrieen.

Daß so etwas überhaupt möglich sei, hatten die Mädchen sich nicht

träumen lassen. Ohne etwas darüber zu reden, sprangen sie beide wieder

von ihrem Fensterbrett; Röse nahm ein blau-getupftes Tragkörbchen, das

ihrer beider Eigentum war und hinter dem Ofen stand, und sie liefen

stumm und eilig einmütig miteinander die Treppe hinab und sammelten

unten die Zuckerfigürchen. Da war schon von den Herrlichkeiten manches

von vorüberziehenden Soldaten und Pferden zerstampft und zertreten

worden, aber wie Röse und Marie über dem Sammeln waren, half ihnen ein

freundlicher Franzose, ein Soldat, dabei.

Sie hatten solche und andere ganz unglaubliche Dinge erlebt. Ein alter

Kosack, der bei ihnen im Quartier lag und dem diese Mädchen gut

gefielen, wollte ihnen einmal einen Spaß machen und hatte sie in seinem

zweirädrigen Wagen, den er »Kibitka« nannte, mit über Land genommen; und

das war eine Fahrt gewesen, die sie ihr Lebtag nicht vergessen konnten.

Das ging wie der Wind, wie der Blitz!

Der alte Kosack in seinem Pelzrocke hieb auf die Pferde ein, daß sie nur

so rasten und daß die Funken sprühten; -- so fahren die Kosacken! -- und

der zweirädrige Wagen stieß und flog, und die Mädchen klammerten sich an

dem schmalen Holzsitze fest, und der Atem verging ihnen, so schnitt

ihnen der Wind bei der Schnelligkeit, mit der sie fuhren, an den

Gesichtern hin. Der alte Kosack lachte und sagte immer: »Nix, nix!« und

fuhr weiter und weiter, und die Bäume und Felder schwirrten nur so an

ihnen vorüber, so schnell ging es, wie noch kein Mensch in Deutschland

je gefahren war. Und als der Kosack sie endlich vor ihrem Hause

abgesetzt hatte, da zitterten sie noch.

Dann einmal hatten ihre Brüder von einem anderen Kosacken ein Pferd um

achtzehn Pfennige gekauft, das hatte der durstige Kerl los werden

wollen, da er es wegen Futtermangels doch nicht behalten konnte. Wie die

Brüder aber das Pferd mit heimbrachten, da gab es Zank bei Rats, und die

armen Buben mußten ihren Gaul mit schwerem Herzen wieder fortschaffen.

Aber so darunter und darüber ging es dazumal her, daß die Schuljungen

für ein paar Pfennige zu einem Pferde kommen konnten, für soviel, wie

sie jetzt wohl für ein Dutzend Schußkugeln anwenden.

Mit dem Essen und Trinken hingegen war es schlimmer bestellt, das nahm

ihnen die Einquartierung vor der Nase weg. -- Es gab, wenn die Soldaten

im Hause lagen und mit am Tische aßen, eine braune Mehlbrühe, in die

waren Fleischstücke und Brotstücke hineingeschnitten, die sich einander

an Größe gleichkamen, aber es wurde damit wie folgt gehalten: die

Fleischstücke für die Soldaten, die Brotstücke für Eltern und Kinder. --

Das waren böse Zeiten! Die Mutter hatte den Kopf voller Sorgen und hatte

Not und immer Not, das Essen zu schaffen, und wußte nicht, wo sie die

Kleider hernehmen sollte; denn mit dem Gelde ging es knapp zu. Sie

konnte auch nicht immer nach den Kindern sehen, wie sie es sonst wohl

gethan hätte und konnte nicht nachkommen, ob es mit ihnen in der Schule

gut stände.

So war es geschehen, daß die Mädchen ein bißchen wild aufwuchsen. Auch

als die Zeiten wieder ruhiger wurden, blieben sie noch immer ein paar

rechte Rangen, schwänzten die Stunden, so oft es sich thun ließ; wurden

von dem Lehrer ihrer Faulheit wegen tüchtig abgestraft, machten sich

aber wenig daraus; spielten in einem Wäldchen, das das Schänzchen heißt

und nahe bei der Stadt liegt, die lustigsten Spiele mit allerlei

Kindervolk; schrieen und lärmten und hatten nichts im Kopf, als wie sie

ihre Tage recht munter hinbringen könnten. In dem Wäldchen war es eine

Lust, wie sie lebten. Da gab es Gruben und Höhlen, dichtes Buschwerk und

tausend Verstecke; dort hatten sie sich eingenistet und spielten Räuber

nach Herzenslust, hatten dort ihre Schlösser und Burgen. Da gab es Krieg

und Verteidigung, es wurde gefangen genommen und befreit, und Röse und

Marie waren immer dabei. Eine Schande aber blieb es, wie wenig sie

lernten, und daß sie sich nicht die geringste Sorge um ihre Faulheit

machten.

Da wohnte in der Wünschengasse eine Jüdin, welche die Kinder unter dem

Namen die dicke Nanni kannten. Sie hieß Nanni Veit und war eine ältliche

Person, die sich um alles kümmerte, was die Nachbarn thaten. Sie war im

ganzen gutmütig, nur etwas neugierig und schwatzhaft und stand in dem

Rufe, reich und geizig zu sein. Die war auf die Ratsmädchen nicht gut zu

sprechen; denn sie kannte auch Mariens und Rösens Lehrer. Und als sie

wieder einmal eines schönen Tages ganz besonders ihren Aerger über die

Mädchen gehabt hatte, da war sie zu der Frau Rat hinübergegangen. Die

Frau Rat hatte die Jungfer in die gute Stube geführt, und Röse und

Marie, denen es aus guten Gründen gar nicht recht wohl ums Herz war, daß

die dicke Nanni bei der Mutter saß, lauschten an der Thüre und stießen

sich gegenseitig vom Schlüsselloch weg. Was sie aber erlauschten, das

waren schlimme Dinge.

Die dicke Nanni sagte, nachdem sie ihre Meinung über das Wetter

ausgesprochen und bemerkt hatte, daß den Fruchtknospen nach heuer wenig

Obst zu erwarten sei, »ja, Frau Rat, das ist nun so, und wenn Ihr es

nicht übelnehmen wollt, da möchte ich Euch mit meines Herzens Meinung

kommen. Da Ihr es nicht zu wissen scheint, daß Röse und Marie die Schule

schwänzen, so wäre es gut, dächte ich, wenn Ihr es wüßtet, und deshalb

habe ich mich heraufgemacht. -- Ihr stellt Euch das nicht so vor, aber

der Lehrer weiß sich nicht mehr zu helfen; da ist kein Auskommen. Ich

sage Euch, Frau Rat« -- so ging es fort. Die Jungfer redete der guten

Nachbarin zu, ein strengeres Regiment zu führen. »Die Mädchens würden

nun zu groß.«

Bald mußten Röse und Marie vom Schlüsselloche weghuschen, denn der Vater

kam die Treppe herauf und ging ernst und gemessen, wie es seine Art war,

an den beiden vorüber, die sich ganz harmlos an das Fenster gestellt

hatten, und ging auch in das Zimmer hinein. Nun wagten sie nicht wieder,

zum Lauschen an die Thüre zu schleichen.

Sie gingen in ihr Kämmerchen, das eine Treppe höher lag, setzten sich

miteinander auf Rösens Bett und kamen überein, daß es die dicke Nanni

unten durchaus nichts anginge, wie sie es mit der Schule hielten, und

daß es von ihr heimtückisch wäre, sie in eine so dumme Verlegenheit zu

bringen. »So eine alte Klatsche!« sagte Röse. Da hörten sie unten die

Thüre gehen, faßten sich ein Herz und schlichen sachte oben die Treppe

herab, so weit nur, um zu hören, was es gäbe, ohne daß man sie bemerken

könnte. Und sie hörten, wie die Mutter mit ihrer eigentümlich weichen

Stimme sagte, und jetzt klang die Stimme leise zitternd: »Ich danke Euch

noch einmal, Jungfer Veit. Ihr meint es gut, und ich nehme es auch gut

auf. Es sind böse Zeiten gewesen, und man hat noch schwer daran zu

tragen. Ihr habt mir einen guten Rat mit der Concordia Loisette gegeben,

ich werde es mir überlegen.«

»Was denn?« sagte Röse zu Marien. »Was wollen sie denn mit der Jungfer

Loisette?« »Gar nichts!« flüsterte Marie und atmete tief auf. Noch nie

war die Stimme der Mutter Rösen und Marien so zu Herzen gedrungen, wie

eben jetzt. Sie hatte geweint!

»Daran ist die alte Nanni schuld!« dachte Marie und bog sich etwas über

das Geländer. Da hörte sie, wie die Nanni sagte, etwas schnarrend, wie

es ihre Art war: »Da habe ich heute eine Eile, kaum daß ich mir den Weg

zu Euch, Frau Rat, absparen konnte; muß ich jetzt noch mit meiner

Dorothee das Korn in die Mühle tragen, was denkt Ihr, und habe vorher

noch die Wäsche zum Einsprengen zu bringen!«

»Geizdrache!« rief Marie leise hinunter.

Und die Mutter sagte zu Nanni: »Ja, Jungfer Veiten, das solltet Ihr

nicht thun, wozu haben denn die Müller die Ställe voll Esel? Ihr solltet

doch das Korn nicht selber tragen.«

»Ja, ja, Frau Rat, wo es einen Groschen zu sparen giebt, da sollte man

es wohl thun.« Das sagte sie so etwas anzüglich, wie es ihre Art war.

Und Röse und Marie hatten einen rechten Aerger auf sie; sie setzten sich

nebeneinander auf der Treppenstufe zurecht und trauten sich nicht,

hinunterzugehen.

In Weimar gab es zu jener Zeit gar viele Mühlen. Da war die Burgmühle,

die Federwischmühle, die Lottenmühle, die Gassenmühle und noch manche

andere. Damals kauften sich die Leute nicht fertiges Mehl, sondern

ungemahlenes Korn, das die Bauern Markttags in die Stadt einfuhren, und

jede Familie ließ sich des Jahres ein paarmal ihr Korn in einer jener

Mühlen mahlen und bestellte sich den Müllerknappen, daß er das Korn

abhole. Der kam dann und lud den Kornsack auf seinen Esel. Das war

natürlich für die Kinder jedesmal ein Fest.

»So ein Geizdrache!« sagte Röse wieder. »Schleppt das Korn selbst! Man

sollte ihr doch einmal einen Streich spielen und ihr alle Esel über den

Hals schicken.«

»Du bist klug,« meinte Marie, »das möchte ich sehen, wie das anginge?«

»Wir bestellen sie,« sagte Röse; »das soll keine Menschenseele verraten,

daß wir sie bestellt haben.«

Da rückten die beiden Mädchen eng aneinander und flüsterten und

zischelten und kniffen sich vor Freude in die Finger. Eine wurde

übermütiger als die andere, und es dauerte nicht lange, da schlichen sie

die Treppe hinab bis hinunter in den Hausflur und in dem Hausflur

stießen sie sich vor lauter Unternehmungslust ein paarmal gegen die

Thürpfosten; das war so ihre Art, sich miteinander zu vergnügen. Darauf

liefen sie in bester Laune die Gasse hinunter auf den Markt und hatten

alle Not und Sorge vergessen. Dort trafen sie einen Jungen, der ihr

guter Freund war, den nahmen sie mit und vertrauten ihm alles. Dann

schickten sie ihn in die Federwischmühle und warteten draußen vor der

Thüre und ließen ihn dem Müller sagen: »Die Jungfer Veit in der

Wünschengasse will um sechs Uhr mahlen lassen, einsäckiges Korn, und der

Esel möchte kommen.« Dann gingen sie in die Lottenmühle, in die

Burgmühle, und überall mußte der Junge dieselbe Ausrichtung machen. Als

sie aber vor der Gassenmühle standen, da sagte der Junge, er wolle

lieber nicht hineingehen, denn es hätte mit Budang neulich etwas

gesetzt, und da hätte er es abgekriegt. -- Budang war der Sohn des

Müllers, und der Müller hieß Loisette; dessen Vater war französischer

Mundkoch am Hofe gewesen. Der Sohn hieß Heinrich und wurde von Jungen

und Mädchen Budang genannt; weshalb, das war nicht recht bekannt.

Wahrscheinlich hatten sie ihm einen französischen Namen geben wollen und

kannten nur ein einziges Wort, das ihnen französisch vorkam, das war

Pudding, das Gute, Süße, die Seltenheit, die mancher nur dem Namen nach

kannte. So mochte wohl aus Pudding »Budang« unter ihnen entstanden sein,

denn sie sprachen alle sehr schlecht miteinander, gerade so, wie es auf

den Weimarischen Gassen noch heute Mode ist.

Die Gassenmühle war ein wunderliches Haus, hatte den Giebel nach der

Straße zu, die sehr abschüssig ist und der Bornberg heißt. In einen ganz

kleinen, dunklen Hof führte ein schmales Pförtchen. Durch den Hof aber

floß ein klarer Bach, der ein großes, düsteres Mühlrad trieb.

Die Gassenmühle hatte ein geheimnisvolles Aussehen, und man glaubte, daß

es darin spuke.

In der Mühle wohnte der Müller Loisette mit seiner Schwester Concordia

und dem Sohne Heinrich, der auf der Gasse Budang genannt wurde. Der war

ein hübscher Junge und etwas älter, als die Ratsmädel, sehr zierlich,

mit krausem Haar und dunklen Augen. Er hatte sich den Schulbuben und

Mädchen gegenüber in Respekt gesetzt; wodurch, wußten sie auch nicht

recht, aber sie hatten Respekt vor ihm. Er war ein vorzüglicher Schüler,

ließ sich nichts zu Schulden kommen und wußte, wenn es darauf ankam,

eine tüchtige Faust zu führen, so daß manche von ihm schon etwas

verspürt hatten.

Er gehörte aber nicht zu dem Volke, das in dem Wäldchen sein Wesen

trieb.

Jetzt standen also Röse, Marie und der Junge vor der Mühle und keines

wagte sich hinein. Da kam der Mühlknappe aus dem feuchten, kühlen Hofe

und stellte sich breitspurig vor die Pforte, um eine Pfeife zu rauchen.

Röse trieb den Jungen an, seine Ausrichtung zu machen, so daß er wohl

oder übel gehen mußte, um seinen Spruch dem Knappen zu sagen.

»Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will mahlen lassen, einsäckiges

Korn, und Ihr möchtet ihr einen Esel schicken, um sechs.«

»Jawohl,« sagte der Knappe, »heute um sechs.«

Da schaute aber Budang zum Fenster heraus und guckte ein bißchen in die

Luft und sah, ganz ohne etwas zu denken, die Ratsmädel stehen, erkannte

den Jungen, dem er etwas aufgeblitzt hatte, und nickte ihm zu, als

wollte er sagen: »Wir kennen uns schon.«

»Das war dumm, daß Budang guckte,« sagte Marie. Und sie gingen nun

langsam in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wieder zurück.

Als sie die Treppe hinauf stiegen, rief die Mutter gerade nach ihnen,

und sie antworteten etwas kleinlaut. »Kommt gleich herauf und geht in

die Stube,« sagte die Mutter. Sie hatte eine Schüssel in der Hand und

mochte wohl in der Küche noch zu thun haben. »Geht nur, ich komme

gleich,« sagte sie, als die Mädchen noch standen und unentschlossen auf

die Schüssel blickten. Im Zimmer war niemand, und Röse und Marie

drückten sich, etwas unbehaglich gestimmt, am Fenster herum. Röse

spielte mit dem Fingerhut der Mutter, ließ ihn auf dem Fensterbrett hin

und her rollen, bis er hinunterfiel, und Marie schnippte mit der Schere

einen festen, schönen Zwirnfaden in kleine Endchen. Es wurde ihnen mit

der Zeit beklommen zu Mute. Da kam endlich die Mutter herein und sagte:

»Ich bin recht bekümmert Euretwegen. Ihr seid doch schon große Mädchen

und solltet verstehen, daß es Eurer Mutter manchmal sauer wird, mit

allem fertig zu werden; aber da müssen mir fremde Leute sagen, was für

faule, ungeratene Kinder ich habe. Ihr macht mir das Herz recht schwer.«

Röse und Marie, als wären sie bis dahin blind gewesen, sahen mit einem

Male, wie ihre Mutter so blaß war, und wie sich schon ein paar graue

Fädchen durch ihr dichtes Haar zogen, und das bewegte sie. Sie sahen

auch, daß ihre Augen rot geweint waren. Keine wagte etwas zu erwidern,

aber beiden klopfte das Herz, und sie wünschten in diesem Augenblicke

nichts weiter, als die Mutter möge nicht so traurig aussehen. Lieber

hätten sie vom Vater einen gehörigen Sermon bekommen, der würde ihnen

das Herz nicht so beschwert haben, wie die wenigen, ruhigen Worte der

Mutter, die dieser so ganz aus der Seele kamen.

»Morgen,« sagte die Frau Rat, »werdet Ihr zu der Jungfer Concordia

Loisette gehen, die wird Euch Nähstunden geben und zweimal die Woche

einen französischen Unterricht. Ich ermahne Euch zu nichts. Macht, was

Ihr wollt! denn wenn Euch Euer Herz nicht sagt, was Ihr von heute ab zu

thun habt, ist jede Rede unnütz.« Damit ging die Mutter wieder an ihre

Geschäfte.

»So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den Loisettens,«

sagte Röse und sah Marie bedenklich an. »Das hat uns die Veiten gut

eingebrockt.« Da schlug die Wanduhr in der Stube halb sechs, und beide

sahen vor sich hin und schwiegen.

»Marie,« sagte Röse kleinlaut, »in einer halben Stunde sind die Esel

da.« Wie sie Marien anblickte, sah sie, daß diese eine erbärmliche Miene

zog, und daß ihr eine Thräne schon bis herunter an das runde Kinn

gelaufen war. »Hast Du Angst?« fragte Röse mit etwas unsicherer Stimme.

»Ja!« sagte Marie schwer bedrückt, denn es war ein böses

Zusammentreffen, der Mutter bedeutungsvolle Mahnung, die Aussicht, schon

am nächsten Tage in der Gassenmühle zu Jungfer Loisette gehen zu müssen,

und der Unfug, den sie gegen die Jüdin eingeleitet hatten. Wie bald

konnten sie nun erwarten, daß die Müller von allen Seiten der Stadt sich

in der Gasse vor dem Hause der Jungfer versammeln würden, und daß es da

Hallo gäbe, das war vorauszusehen.

Röse, die eine ruhigere Gemütsart als ihre Schwester hatte und sich

nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ, sagte: »Ach was!

herauskommen wird es schon nicht, und was wird denn Großes dabei sein,

einmal einen solchen Drachen zu ärgern. Wir gehen jetzt gleich hinauf zu

Corniceliusens,« das waren Beutlersleute, die der Jüdin gerade gegenüber

wohnten, »und wenn es losgeht,« fuhr die leichtsinnige Röse fort, »dann

laufen wir hinunter in die Thorfahrt und gucken durch die Spalte.« Sie

machten sich also schnell auf die Beine, um noch hinüber zu den Nachbarn

zu kommen. Diese freuten sich, als die Ratsmädchen bei ihnen eintraten,

denn sie standen auf sehr gutem Fuße miteinander, und der Beutlermeister

sagte zu seiner Frau: »Geh und hole doch von den Backpflaumen!«

Die Ratsmädchen waren schon oft so regaliert worden; aber heute konnten

sie sich auch nicht zu einer einzigen entschließen; denn vor lauter

Aufregung und Angst wurde ihnen das Schlucken schwer, und sie

betrachteten die guten Pflaumen, als wären es Kieselsteine. Sie wagten

nicht, an das Fenster zu treten, und stellten sich beide neben den

Meister Cornicelius, der an einer Bauern-Lederhose arbeitete, mit seiner

kurzen, festen Nadel und dem blankgewichsten Faden ausholte und in das

Leder einstach, stetig und unaufhaltsam, als wäre er durch ein Uhrwerk

aufgezogen und könnte erst aufhören, wenn dieses abgelaufen sei.

»Ja, ja, ja!« sagte der Beutler und schaute während seiner Arbeit mit

einem freundlichen Blick zu den Mädchen auf, die neben ihm standen und

zusahen. »Für wen wird denn die Lederhose?« fragte Röse, die es für

nötig fand, etwas zu reden.

»Die ist auf Vorrat, Röschen,« erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.

»Ja, was ist denn das?« rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat

ans Fenster. »Kinder, kommt schnell einmal her!« Den Ratsmädchen aber

wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der

Thüre der dicken Nanni waren die Müller mit samt den Eseln angelangt;

die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lärm

ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Straße

war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Müller und

Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter

ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weißes Linnen über dem Arme hängen,

und die große Haube saß ihr schief auf dem Ohre.

Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer

nur den Mund aufthat, ohne daß er ausgesprochen, seine Antwort und zwar

eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin öffnete jetzt das

Fenster und drängte die Mädchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz

vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Höhe und stellte sich mit

eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmädchen gefangen

und mußten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie

angerichtet hatten. Sie hätten es sich noch vor zwei Stunden nicht

besser wünschen können. Jetzt aber hätten sie sich am liebsten

verkriechen mögen. Die Herzen waren ihnen ganz gehörig schwer; denn so

einen Straßenlärm veranlaßt zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so

viel hörten sie aus all dem Zank unten heraus, daß die Jüdin sich von

den Müllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes

Gewissen gegen die Müller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte

bestehen, sie hörte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft

gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es

ihre Art war, tüchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die

Thüre hinter sich zu. Nun räsonnierten die Müller noch eine Weile

untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknäuel unter dem

Fenster lichter; die Müller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief

sich.

»Da geht auch Budang!« sagte Marie schüchtern zu Röse.

»Ja!« sagte Röse.

Als die Mädchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu

laufen, da stand, als sie aus der Thüre traten, Budang da, trat auf sie

zu und sagte: »Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt

hier am Fenster und vorhin. Schämen solltet Ihr Euch!« Jetzt trat er

ihnen noch einen Schritt näher. »Wenn Ihr Jungens wär't,« sagte er mit

zorniger, leiser Stimme, »da setzte es jetzt etwas; darauf könnt Ihr

Euch verlassen!«

Damit ließ Budang sie stehen. Er sah nur noch, daß Marien die Thränen in

den Augen standen, und es auch Röse schon um den Mund zuckte, aber was

ging ihn das an.

Die Mädchen waren sehr betroffen, es hätte ihnen gar nichts Schlimmeres

passieren können, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie

hatten nur immer ihren Ärger gehabt, daß er es nicht mit ihnen hielt.

Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie

gegen sie gezeigt hatte.

In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der

wurde ihnen ganz unerträglich, so daß sie am liebsten laut geweint

hätten, als bei Tische die Brüder von der Eselgeschichte erzählten und

ihren Spaß daran hatten. Die Brüder bekamen aber von dem Vater einen

starken Verweis. Er wolle nicht, daß seine Söhne sich an solchen

Rüpeleien vergnügten, sagte er, und so etwas von Scham und Ärger, wie

die Mädchen jetzt fühlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So früh

es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag

sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mühle gehen und würden Budang

begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele.

Sie konnten darüber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor

lauter Angst zu Rösen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so

schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu

müde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.

Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der

Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Näharbeit ausgerüstet, zu der

Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmühle standen

und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, daß etwas

geschehen würde, um sie zu retten. Röse hatte vor lauter Angst und Scham

grausame Ideen, daß es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mühle mitsamt

der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wäre. --

Aber was half's; sie mußten sich entschließen. Zaghaft gingen sie durch

das kleine Höfchen. Über das mächtige Rad rauschte der kalte, klare

Mühlbach, und sie hörten das Mahlwerk klopfen und hämmern. Als sie in

die Mühle traten, fühlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle

Räder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub,

und das ganze Haus roch kräftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war

rein und sauber, die Treppen schneeweiß, und die Mehl- und Kornsäcke

lagen rings an den Wänden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit

klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf,

wo die Müllersleute wohnten. Röse faßte Mut und klopfte. »Herein!« rief

es. Röse öffnete, und sie traten beide in eine große, niedere Stube. Da

kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines

Persönchen, sehr klein und schmächtig. Röse war fast schon größer, als

sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue

Augen.

»Nun, da kommt Ihr,« sagte sie, »da wollen wir einmal sehen, wie es um

Eure Näherei steht!« Die Ratsmädchen aber achteten kaum auf das, was die

Mamsell sagte, denn in der großen Stube am Ofen saß Budang an einem

Tischchen und drehte ihnen den Rücken zu. Er nahm keinerlei Notiz von

ihrem Eintreten.

Die Jungfer Concordia sah sich die beiden Ratsmädchen, die demütig und

geduckt nebeneinander standen, lächelnd an und sagte, indem sie sich an

Röse wendete: »Nun, wie ist es denn gekommen, daß sie Euch so Hals über

Kopf hierher geschickt haben? Ihr habt es wohl ein bißchen arg

getrieben?«

Da wurden die beiden rot bis hinter die Ohren und erwiderten nichts.

Concordia hatte sie in einem scherzenden, lustigen Tone gefragt, der

ihnen gut gefiel, und sie bekamen gleich eine gute Meinung von der

Jungfer.

Concordia deckte den Tisch und setzte hübsche, bunte Tassen darauf, die

große Kaffeekanne und ein Stück selbstgebackenen Kuchen.

»Das ist zum Schulanfang,« sagte sie.

Daß es so zugehen könne, hatten die beiden armen Sünderlein sich nicht

vorgestellt. Dann nahm Concordia noch ein Glas mit drei frischen Rosen,

das im Fenster stand, und setzte es neben den Kuchen auf das weiße Tuch.

Den Mädchen wurde es ganz feierlich zu Mute.

Alle nahmen ihre Stühle, auch Budang, und setzten sich um den Tisch. Als

die Jungfer eben eingießen wollte, da fiel eine von den drei Rosen aus.

Sie hatte daran gestoßen, und die schönen rosa Blättchen lagen auf dem

weißen Linnen. Die Jungfer nahm ein paar davon und streute sie in Rösens

und Mariens Tassen, that ein Stückchen Zucker dazu, goß Milch darauf und

sagte: »Das ist etwas sehr Gutes, dergleichen bekommt man nicht alle

Tage. Nehmt Ihr auch ein Tröpfchen Kaffee dazu?« Da nickten die beiden,

und es gefiel ihnen trotz der Verlegenheit, in der sie sich befanden,

außerordentlich.

Als Budang sah, daß seine liebe Tante Concordia so sehr freundlich mit

den Mädchen war, stimmte ihn das gegen die Rangen auch milder, und er

rückte ihnen die Kuchenschüssel hin. Da sahen sie ihn bedenklich an und

wurden rot. Sie trauten ihm nicht recht. Die Jungfer aber, der diese

Feier unversehens zu groß geworden war, sagte: »Eure Lehrer sollen ja

recht unzufrieden mit Euch sein. Die Jungfer Veit sagte mir, daß ihr die

Schule schwänzt und am faulsten von allen seid --? Ist das wahr?«

Da nickte Marie, und der gute Bissen blieb ihr im Munde stecken. »Nun,

ich will Euch einmal etwas sagen,« begann die Jungfer nach einer Weile

und hatte eine Stimme, so hell, wie ein Glöckchen, »das geht nicht mehr,

daß Ihr so faul seid; denn sehr bald werdet Ihr ganz große Mädchen.

Zeigt doch dem Heinrich manchmal Eure Arbeiten; der weiß, ob sie

schlecht sind oder gut. -- Nicht, Heinrich?« wendete sie sich an ihn.

»Das thätest Du? Du siehst den beiden ihre Sachen manchmal nach?« Da

fühlte Heinrich sich geehrt und sagte: »Ja!«, machte aber eine kühle und

gleichgültige Miene dazu.

Nun saßen sie mit der Lehrmeisterin über der Arbeit, und Budang war

hinausgegangen, und sie hatten allerlei verfängliche Fragen betreffs des

französischen Unterrichts, den sie bei der Jungfer beginnen sollten, zu

bestehen. Als die Stunde zu Ende war und sie die Treppe hinuntergingen,

da rief ihnen die Jungfer Concordia nach: »Geht nur, und laßt Euch von

Heinrich sein Marmottchen zeigen; er wartet unten im Eselstalle.«

Richtig, da stand Budang und sagte ziemlich mürrisch: »Kommt nur herein,

da ist etwas!« Schüchtern folgten ihm die Mädchen. Das war eine

Herrlichkeit in dem Eselstalle. Sechs Esel und ein kleines Eselchen mit

einem lockigen, dicken Kopf, das ihnen über alle Maßen verrückt und

fidel entgegensprang. -- Was war doch der Budang für ein glücklicher

Junge!

»Da seht die Esel,« sagte er etwas spitzig und sah die Mädchen leicht

spöttisch von der Seite an.

»Budang,« begann Röse und nahm sich zusammen, »wir waren's.«

Budang antwortete nichts. Das war den Ratsmädchen eigentlich sehr

rätselhaft und etwas unheimlich. Aber er zeigte ihnen einen lebenden

Hamster, den er im Eselstall in einer Kiste hatte und den er das

»Marmottchen« nannte und sagte ihnen, das sei ein französischer Name und

hieße auf deutsch das »Murmeltier«. Er ließ sich das Hamsterchen in den

Ärmel kriechen, aber er erlaubte nicht, daß Marie und Röse das Tier

anfaßten, und alle drei machten im Eselstalle miteinander ab, daß Röse

und Marie den nächsten Aufsatz mit Budang zusammen arbeiten wollten und

bestimmten die Stunde dazu. Und wirklich half ihnen Budang so treulich

dabei, daß Röse, die nebenbei gesagt, eine miserable Schrift hatte, vom

Lehrer darunter gesetzt bekam: »Gut gedacht, aber schlecht geschrieben.«

Das war ihr nicht ganz angenehm, denn sie mußte Budang die Unterschrift

zeigen. Budang lachte aber darüber.

So saßen die dreie, des Müllers Heinrich und die Ratsmädchen, wie es

sich gerade traf, oben bei Rats im Dachstübchen, oder in der großen

Stube bei der Jungfer Loisette miteinander und arbeiteten. Das ging

anders wie früher, wo den Mädchen die Schule und alles, was damit

zusammenhing, ein rechtes Ärgernis war. Budang hatte eine

außerordentliche Lust zum Arbeiten, es ging ihm leicht von der Hand, und

es machte Rösen und Marien den Eindruck, als vergnüge er sich damit. Nie

war er schlechter Laune dabei und immer eigentümlich liebenswürdig. Die

Ratsmädchen waren über diese Erfahrung erstaunt und sahen in Budang eine

Merkwürdigkeit, von der sie nicht recht wußten, was sie davon halten

sollten.

Einmal, als die Mädchen mit Budang über dem Arbeiten saßen, betrachtete

sich Röse den Freund, der sich mit seinem Lockenkopf über das Buch

gebeugt hatte, ernsthaft und kaute an der Feder. Budang saß ihr

gegenüber, da fuhr sie mit ihrem Finger leise in sein dickes, blondes

Haar, so daß er mitten in seinem Eifer aufblickte. »Budang,« sagte sie

noch immer nachdenklich, »Du willst wohl so ein großes Tier werden, wie

wir hier so viele haben?« Damit meinte Röse, die sich mit Vorliebe

schlecht auszudrücken pflegte, die weltberühmten Dichter, von denen ich

im Anfang erzählt habe und die zu jener Zeit in der Stadt wohnten.

Budang verstand sie, denn er war an derlei Redensarten von ihr gewöhnt

und sagte ernsthaft: »Ja, wer das könnte! -- So dumm zu fragen. Du

fragst doch manchmal wirklich dumm. -- Ich werde Arzt!« fügte er hinzu;

und er wurde es später auch. »So?« sagten die Mädchen, und wieder einmal

erschien ihnen der Freund in einem anderen Lichte und außerordentlich

verständig, daß er schon mit aller Ernsthaftigkeit vorsorgte und über

Dinge bestimmt hatte, die ihn heute und auch morgen noch nichts

angingen.

Budang war den Mädchen ein guter Lehrmeister, denn da er kaum älter war,

als sie, trat ihnen sein Ernst, seine Güte, sein heitrer Fleiß recht

nahe, und es kam ihnen vor, als wenn sich diese Dinge gut mit ihren

Jahren vertrügen, denn bis jetzt hatten sie gemeint, mit ernster Arbeit

und was damit zusammenhängt, habe es bei ihnen noch völlig Zeit. Von

Budang hatten sie, ohne daß sie es recht wußten, mehr gelernt, als ihr

lebelang vorher, und sie waren jetzt bald daran, aus zwei wilden, faulen

Nichtsnutzen ein paar allerliebste Mädchen zu werden.

So ging der Sommer hin.

Anfang August wurde in Weimar, wie wohl auch anderwärts, ein Volksfest

gefeiert, das Schützenfest. Auf einer Wiese vor der Stadt da waren

Schaubuden errichtet, und in jeder war etwas Merkwürdiges und Närrisches

zu sehen. Schon wochenlang vorher hatten die Herrlichkeiten, die es zu

betrachten geben würde, die Gedanken der Ratsmädchen beschäftigt. Als

endlich der Tag herankam, da holten sie die frisch gewaschenen weißen

Kleider aus dem Schrank, die Mutter half ihnen bei dem Anziehen, und

statt ihrer schwarzen Lederschuhe setzte sie ihnen grüne nagelneue

Stiefelchen auf den Tisch und flocht ihnen in die langen Zöpfe grüne

seidene Bänder.

So aufgeputzt stolzierten sie miteinander über den Markt, zunächst der

Gassenmühle zu, mit der sie sich längst ausgesöhnt hatten. Budang guckte

schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: »Kommt rasch herauf

zur Tante Concordia, rasch! -- Und Ihr habt ja grüne Bänder und habt

auch grüne Schuhe!« Da lachten die beiden über das ganze Gesicht, denn

sie wußten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schönen

Schuhwerk überrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und fröhlich ums

Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt

zwei Kränze in die Höhe, die waren prächtig voll gebunden aus schönen

rosa Malven.

Da rief Röse auf den ersten Blick: »Die Malven hat der Budang stibitzt!

Ich weiß auch, wo er sie her hat. Über Goethes Garten, da stehen

welche.«

»Dummes Zeug!« sagte Jungfer Concordia. -- Aber ich glaube beinahe, es

war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. -- Die Jungfer

führte sie vor den Spiegel und drückte ihnen die Kränze fest in die

Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: »Ihr seid doch

prächtige Mädel, Ihr Ratsmädchen, und nun macht, daß Ihr auf das

Schützenfest kommt!«

Auf der Vogelwiese war ein Gedränge, es schnurrte, lärmte und schrie von

allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee

hinaufgingen und noch nicht recht wußten, wo sie ihren Groschen

anbringen sollten, da sahen sie zwei Männer kommen: der eine, klein und

untersetzt, auf der Brust einen prächtigen Stern, der andere von

mächtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte

den Männern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmädchen wußten gar

wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und

weise Fürst, Großherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter.

Budang zog die Mütze und sagte: »Da kommen sie!«

Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mädchen standen und

knixten, und Budang wußte nicht, was für ein Gesicht er machen sollte,

als Karl August Röse und Marie an die Hand faßte und sagte: »Ei, da seid

Ihr ja auch, Ihr Mädchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch

mitkommen!« wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg.

Am Wege unter den Bäumen stand die kleine, grüne Jagddroschke von Karl

August, die jedermann kannte. Der Großherzog rief den Kutscher und ließ

die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Röse in den Wagen

und nickte ihr zu. »Nun zu!« rief er. »Nun fahr Er die Bälge einmal

tüchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher!« Ganz so sagte

er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berühmten Droschke

über die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und

die Mädchen freuten sich, daß Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn

lieb und wußten, daß er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten

sich an den Händen, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen

machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saßen geputzt

nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das

war ein herrlicher Tag.

Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten

der glücklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.

Und das alles hat mir meine Großmutter erzählt, und da ist kein Wort

hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmädel, die Röse,

ist meine liebe, gute Großmama.

Zweite Geschichte.

Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen verwundern

würde.

Das war eine schöne, urwüchsige Zeit, in der man zu Weimar lebte. Von

allen vier Windseiten ging Frische, die ganz Deutschland durchwehte,

auch über das kleine Nest.

Es war kurze Zeit nach Beendigung des Freiheitskrieges, kurze Zeit nach

des großen Napoleons Sturz, und die Befriedigung, etwas erreicht und

errungen zu haben, lag wie eine gute, gesunde Luft, die jeder zu seinem

Wohl, zur Stärkung seiner Menschenwürde und Kraft einatmen konnte, über

den Landen ausgebreitet. Den Gemütern, die jahrelang unter Druck und Not

gelitten, die um ihr Hab und Gut und ihre Sicherheit sich geängstigt

hatten, war in dieser Zeit, von der ich rede, auch der Rausch des

Befreitseins und der Begeisterung geschwunden und hatte sich in das

Gefühl einer allgemeinen Genesung umgewandelt. Und welche Frische,

welche Hoffnungskraft erhebt sich in einem Menschen, der nach langer

Trübsal, nach schwerem Drucke gesundend aufatmet! und ein ganzes Volk,

das zu Leben wieder erwacht, welcher Reichtum, welche Überfülle an

Freude, an Heiterkeit, an Leichtsinn entfaltet sich da!

Der Ausdruck von Elend, von Aufruhr, der einstimmig aus den Völkern sich

erhebt, ist die gewaltige Sprache, die das Menschengeschlecht mit dem

Schicksale spricht. Kein Donner der Elemente ist so großartig drohend,

wie die einige Stimme des murrenden und in Elend gesunkenen Volkes. Und

kein Ausdruck der Freude ist so mächtig, so herzerquickend, wie das

Aufleben des zu neuem Behagen erwachenden Volkes.

Kein Sonnentag gleicht der heiteren, lebendigen Ruhe, die nach Angst und

Kampf über Dörfern und Städten liegt; das Unbedeutendste ist in solcher

Zeit Träger und Verkünder einer großen Errungenschaft.

Jede frohe Scene zeigt uns das Gedeihen von Generationen, zeigt uns,

daß die alte, bewährte, auf hohe Ziele deutende Kraft des

Menschengeschlechts wieder siegreich durchgedrungen ist.

In der kleinen Stadt Weimar aber hatte diese Kraft gerade in den Jahren

der Bedrängnis ihre höchste Offenbarung gegeben; ungestört von den

tiefgreifenden Unruhen ihrer Nation lebten in den Mauern des Städtchens

die hervorragenden Menschen, die durch ihr Leben und ihr Wirken

verkündeten, daß die Sterblichen Schöpfermacht in sich tragen, daß sie

dem, was wir göttlich nennen, verwandt sind.

Aber nicht jene Großen sind es, von denen ich erzählen will, sondern

denen wende ich mich von neuem zu, die, während die Gewaltigen für

Ewigkeit und Ruhm lebten, unscheinbar sich ihres unscheinbaren Daseins

freuten; denen neige ich mich zu, die vergessen sind; denen, deren

Lieblichkeit, Hoffen und Träumen wie Blütenregen niedersank, im

Niederfallen schon vergehend. Die beiden »Ratsmädel« sind es, die Röse

und Marie, mit den dicken Zöpfen, die aus jener vergangenen Zeit wieder

auftauchen sollen, die beiden schelmischen Kinder, die in den

Kriegsunruhen aufgewachsen sind, die in ihrer Kindheit, in der

Wünschengasse, vor ihrem Hause die Franzosen haben kampieren sehen, die

mit dem Kosacken, der bei ihnen im Quartier lag, in seiner Kibitka über

die guten deutschen Felder in Weimars Umgebung geflogen, gesaust und

gerasselt sind, denen die Plünderung des Städtchens zu allerlei

merkwürdigen Erlebnissen verhalf -- die beiden Mädchen, die in der

unruhigen, sorgenvollen Zeit eine überschwänglich lustige, freie

Kindheit erlebt hatten, die das Glück genossen, weniger, als es in

ruhigeren Jahren der Fall gewesen wäre, erzogen, beobachtet und gebildet

worden zu sein.

Zu welch einer fröhlichen, gesegneten Generation gehörten die beiden

Ratsmädel, die mit ihren Kameraden und Kameradinnen ein sorgenloses,

unbedrücktes Leben führten!

In aller Harmlosigkeit schwänzten sie die Schule und trieben ihren

Schabernack, wie wir wissen, mit Nachbarn und Nachbarinnen.

Wie bedrückt und unfrei erscheint die Jugend in unseren Tagen, der das

Harmloseste als Vergehen, jeder Freiheitsdrang, der sie einmal von ihrem

ehrbaren Wege ablenkt, als schwer strafbar gekennzeichnet wird.

O, du arme heutige Jugend! Ahntest du, welchen Reichtum »Jugend« im

Anfange jenes Jahrhunderts umschloß, welchen Überschwall von Leben! Du

könntest dich bitter beklagen, gekränkt und betrogen würdest du dir

erscheinen, von Anfang an gealtert, in Pflichten eingezwängt! Welchen

trübseligen Eindruck würden deine kärglichen Freiheitsstunden dir geben,

die man klug und berechnend wie eine Medizin, nach Überanstrengung dir

zugemessen hat, wenn du vergleichen könntest! Wenn du wüßtest, was ich

weiß!

Ja, ein unbefangenes, menschenfreundliches Auge findet, trotz aller

weisen, sachgemäßen Widerlegung, daß es dir, o Jugend, übel in unseren

Tagen ergeht!

Ratsmädelgeschichten · 第 1 / 12 段