Aus ungefähr der gleichen Zeit stammt noch jenes wiederum an Grünewald

gemahnende Triptychon, das Corinth für die Kirche seiner kleinen

Heimatstadt Tapiau gemalt hat (Abb. 86, 90 und 91). Mag man auch

über ein Jahrzehnt hinweg unbewußt Beziehungen von diesem Bilde zu

der Kreuzigung in der Kirche von Tölz suchen, so weist doch das

letztgenannte Werk auf den bewußten Abstand malerischer Entwicklung

hin. Etwas Alttestamentarisches ist der neuen Schöpfung eigen, so sehr

sie auch an die neutestamentliche Überlieferung gebunden ist. Mag

der Apostel Paulus z. B., der seiner ganzen Auffassung nach mehr der

Realistik der prophetischen Schilderungen des Alten Testamentes als dem

Typ des ritterlichen Kämpfers angepaßt ist, auf den ersten Augenblick

enttäuschen, so hat seine Erscheinung doch eine von den Mosaiken

Ravennas überkommene Monumentalität. Das Mittelbild aber mit seiner

erschütternden Golgathastimmung sprengt den engen Rahmen der biblischen

Geschichte. Es ist bis zum letzten dramatisch bewegt und durch eine

Stimmungsgewalt ausgezeichnet, die von kaum einer anderen verwandten

Schöpfung der Kunstgeschichte je wieder erreicht wurde. Wirken aber

in der Tat nicht jene Gegensätze, die uns im Schaffen des Meisters

überkommen, herzbeklemmend! Ist es nicht, als ob der Reichtum einer

großgestimmten Menschenseele im Künstler kaum noch seiner Phantasie

und seiner Gestaltungskraft Grenzen setzt. Heute dionysischer Bejaher,

morgen intuitiv schöpfender Gebärer einer neuen Vorstellungswelt, die

nicht mehr an Grenzen gebunden ist und dazwischen auch Untertan seinem

eigenen menschlichen Erleben: was ist es, das uns noch von der höchsten

Bewunderung vor dieser vielseitigen Schaffensfreudigkeit fernhalten

könnte? Erleben wir nicht mit und in dem Werk eines Lovis Corinth

wirklich alle Schönheiten unserer eigenen unbegrenzten künstlerischen

Vorstellung, und darf man einem solchen Schöpfer überhaupt allzu kleine

menschliche oder gelegentliche malerische Schwächen nachrechnen,

der uns in seinem, viele hundert Bilder umspannenden Werke letzten

Endes doch nichts als jene große Menschlichkeit offenbart hat, die

in der Kunst unserer Tage immer seltener wird. Wie nüchtern wirkt

im Hinblick auf diesen Reichtum an Temperament und Phantasie der

ganze übrige Impressionismus der Berliner Sezessionskollegen und

wie souverän steht unser Meister immer vor uns auf, wenn er selbst

diesem nüchternen Wirklichkeitsgebot der Zeit folgt. Ja, auch eine

so innerlich unausgeglichene Arbeit wie die „Schmiede des Vulkan“,

mit der an dieser Stelle die Produktion des Jahres 1910 eingeleitet

sein mag, die weder den Humor früherer ähnlicher Schöpfungen noch

die Wucht des farbigen Ineinanderfügens der Details verrät, bleibt

-- gemessen an der sonstigen Nüchternheit unserer Tage -- immer noch

als Beweis einer ganz und gar dichterisch gewordenen Vorstellungswelt

interessant (Abb. 107). Daß von hier aus allgemeine Beziehungen zur

längst bekannten homerischen Welt hinüberlenken, macht auch dieses Werk

immer wertvoll, so sehr es ihm vielleicht an jener grotesk bezaubernden

Art, die uns von verwandten Schöpfungen her bekannt ist, und an jener

köstlich kräftigen Durchbildung in der malerischen Form gebrechen mag.

Indes für sich gesehen, ist jedes Detail auf diesem Bilde, so die

prachtvollen Putten im Vordergrunde, bemerkenswert genug, auch wenn es

im ganzen nicht entfernt an eine ähnliche Schöpfung des gleichen Jahres

heranreichen kann, wie sie in den „Waffen des Mars“ vor unsere Augen

tritt (Abb. 108). Das künstlerische Merkmal dieser Arbeit ist ihre

wundervolle Geschlossenheit und die Schönheit der Linien, der kräftige

Strich der Akte. Venus scheint sich zum Auszug des Kriegsgottes zu

schmücken, Putten schleppen die Waffen herbei. Des Künstlers Sohn

Thomas hält das breite Schwert in seinen Kinderfäusten. Eitel Glanz

und Frühlingsahnen weben auf dem Bilde, und der Reiz dieser Stimmung

wird noch durch die im Hintergrunde angedeutete Landschaft erhöht. --

Diesem Werke ist aus dem gleichen Jahre das prachtvolle Selbstbildnis

in Rüstung anzuschließen, das unter dem Titel „Der Sieger“ bekannt

geworden und hier farbig wiedergegeben ist (Abb. 102). Ernst, ja fast

mißmutig schaut der Künstler hier den Betrachter an, als gelte es

eine nahe Entscheidung. An seine Brust gelehnt steht vor ihm, mit dem

Lorbeerkranz des kommenden Sieges im Arm, eine blühend schöne Frau, die

die Züge der Gattin trägt. Sie ist in ein loses Gewand gehüllt, in dem

wenige blaue, gelbe und grüne Töne wie der Glanz eines üppigen Emails

schillern, und gibt die Büste frei. Als gelte es diesen kostbaren

Besitz gegen irgendeinen unsichtbaren Feind zu verteidigen, hat der

Ritter die erzgepanzerte Faust auf ihre Schulter gelegt, während seine

Linke die Lanze entschlossen umfaßt hält. Wundervoll geschlossen aber

steht diese Gruppe vor dem bräunlichhellen Hintergrund wie ein Symbol,

dessen Bedeutung man nur von ungefähr errät. Malerisch ist hier jeder

Ton in eine bezwingende Gesamtharmonie eingebettet, die dieses Werk

zu einem der besten aus dem reichen Schaffen des Meisters stempelt.

-- Besonders vielsagend wirkt gegenüber der psychologischen Note

des zuletzt genannten Gemäldes ein zweites ähnliches Selbstbildnis

in Rüstung, das dem Jahre 1911 entstammt und unter dem Titel der

„Fahnenträger“ hier abgebildet ist (Abb. 101). Fast will es scheinen,

als sei das Werk wenige Stunden oder Tage nach dem „Sieger“ entstanden;

denn der psychologische Moment zeigt im ganzen eine bewußte Steigerung

dem ersterwähnten Bilde gegenüber, das weniger eine Heimkehr des

Siegers, als einen Auszug zum Kampf zu verkörpern scheint. Anders der

„Fahnenträger“. Das ist der vom Schlachtfeld heimgekehrte Kämpfer,

der das siegreiche Banner über der Schulter trägt und mit trotzigem

Selbstgefühl nach vollbrachter Tat den vom Helm befreiten Schädel dem

Betrachter weist. Und als wenn auch in der Malerei jenes frohlockende

Siegesbewußtsein hätte zum Ausdruck kommen sollen, spielen weiße

Glanzlichter auf dem bläulichen Stahl der Rüstung. Hier atmet der Trotz

des mittelalterlichen Rittertums, aber mehr noch vielleicht der viel

köstlichere Trotz eines Meisters, der der Welt und der Mode der Zeit

niemals Konzessionen gemacht hat. Hier begegnet uns Lovis Corinth auf

der Höhe seines Lebens als der furchtlose Typ seines Geschlechtes,

als urgermanische Vollkraft, als zäher Trotz und verhaltene Energie.

Hier hat sich die Persönlichkeit in ihrem eigensten Wesen belauscht,

in einer jener glücklichen Minuten, wo er ganz er selbst gewesen ist.

Vielleicht mag man darum mit Recht gerade dieses Selbstporträt das

menschlich sympathischste nennen, wie es künstlerisch fraglos eine

der gelungensten Schöpfungen darstellt. „Sieger“ und „Fahnenträger“

aber stehen als Ausdruck der Persönlichkeit innerlich unbedingt

nebeneinander, weil sie sich psychologisch ergänzen und den inneren

Menschen von zwei verschiedenen Seiten erkennen lassen.

[Illustration: Abb. 107. In der Schmiede des Vulkan. 1910. (Zu Seite

101.)]

[Illustration: Abb. 108. Die Waffen des Mars. 1910. Im Besitze der

Galerie Arnold, Dresden. (Zu Seite 101.)]

Im übrigen sind gerade die beiden Jahre, in denen die zuletzt

erwähnten Werke entstanden, von einer Produktionsfreudigkeit

sondergleichen erfüllt gewesen. Was bildlich an dieser Stelle daher

von dem reichen Schaffen sonst mitgeteilt wird, gibt immer nur wenige

Stichproben. So mag die fast ganz skizzenhaft behandelte Darstellung

des „Heiligen Michael“ mehr als Vorstudie zu einer größeren, nicht

ausgeführten Komposition von Wert sein, wie sie technisch eine auf

äußerste Knappheit der Mittel reduzierte Handschrift verrät (Abb.

110). Was Corinth im Sinne eines reinen Impressionismus kann, lehrt

vielleicht am sinnfälligsten ein Blick auf die kostbare „Ansicht der

Elbe bei Altona“, die er in Lichtwarks Auftrag für die Kunsthalle

in Hamburg gemalt hat (Abb. 79). Wie von einer hohen Warte aus ist

hier das buntbewegte Elbpanorama mit wenigen Farben festgehalten,

und bei allem Eingehen aufs Detail ist doch gerade diesem Bilde, als

einem in dieser Zeit seltenen Beispiel für die Landschaftskunst des

Meisters, eine bezwingende malerische Geschlossenheit eigen. Es gehört

in die Reihe jener Schöpfungen, auf denen der neue Geist unseres

technisch-industriellen Zeitalters zu Worte gekommen ist. Bis weit an

den fernen Horizont schweift der Blick des Beschauers über die von

Dampfern und Seglern bewegten Wasserflächen, über die Schlote der

Fabriken am Ufer.

[Illustration: Abb. 109. Photographische Aufnahme des Künstlers von H.

Boll, Berlin. 1911. (Zu Seite 107.)]

[Illustration: Abb. 110. Der heilige Michael. Im Besitze der Modernen

Galerie Thannhauser, München.

(Zu Seite 101.)]

Vor allem aber verlangt gerade an dieser Stelle die bisher nur

flüchtig berührte Stillebenmalerei, der sich Corinth überhaupt erst

seit 1910 nachhaltiger zugewandt hat, nach eingehender Erörterung.

Drei große Stilleben aus dem Jahre 1911 sind diesem Buche als Proben

dieses Stoffgebietes beigefügt, allen voran das farbig wiedergegebene

Rosenstilleben (Abb. 120). Für Corinth bedeutet Stilleben Malerei an

sich. Hier verlangt die künstlerische Interpretation Eingehen auf die

Wesensart der Pflanzen und Blumen und eine im ganzen ausgeglichene

Gesamtharmonie, aus der heraus die Gegenstände ihr durch Licht und

Atmosphäre bedingtes höheres Leben gewinnen. Aber so sehr man auch vor

jedem dieser Stilleben die Liebe empfindet, mit der der Meister die

Arbeit seines Pinsels, oft auch des Spachtels, jeder Einzelerscheinung

untergeordnet hat, so überzeugend groß ist immer der Gesamteindruck

solcher Kompositionen. An die Wand gehängt, sind diese Bilder Inbegriff

der in Buntheit sprühenden Gottesnatur, strahlender Sonnenglanz, der

den Blumen ihre köstliche Pracht verleiht. Hin und wieder hat der

Meister auch derartige Themen erweitert, ganz im Geiste der Holländer

Figürliches hinzugenommen oder gar die Früchte und Blumen um Wildbret

und Gläser bereichert, wie wir es auf dem großen Stilleben mit

weiblicher Figur sehen (Abb. 105). Auch das dritte hier wiedergegebene

Stilleben variiert das Thema sehr merklich, indem es vor einem

Blütenkranz von Zweigen üppige Früchte, Trauben, Äpfel, Pfirsiche u. a.

aufbaut (Abb. 106). Aber immer spricht aus solchen, rein aus der Freude

am Malerischen heraus entstandenen Bildern der Vollblutinstinkt eines

geborenen Meisters der Farbe, und auch hier spiegelt sich etwas von

der üppigen Daseinsfreudigkeit wider, die das Zeichen des gesamten

Corinthschen Schaffens ist. Wie überlegen der Meister aber im Laufe der

Zeit alle technischen Mittel zu beherrschen gelernt hat, das erkennt

man vielleicht nirgends besser als hier, wo jedes malerische Sehen in

die Sprache der Farbe umgesetzt ist.

[Illustration: Abb. 111. Der Wasserfall. 1911. Im Besitze des Herrn

Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 107.)]

An dieser Stelle mag endlich noch aus den zahlreichen Arbeiten des

Jahres 1911 ein Bild herausgegriffen werden, das zweifellos im Rahmen

der bisher immer nur spärlich gepflegten Landschaftsmalerei unseres

Künstlers eine besondere Stellung beanspruchen darf. Es ist der große

„Wasserfall“, den Corinth nach einem Motiv des Grödnertals bei Bozen

gemalt hat (Abb. 111). Man hat die Empfindung, als habe der Künstler

dies Bild nicht so sehr seiner Gesamterscheinung wegen gemalt, sondern

vielmehr um der Einzelheiten willen. Wie die Felsblöcke inmitten des

tosenden Elementes gesehen und herausgemeißelt sind, wie die ganze

Natur einen Zug ins Monumentale bekommt, wie hier an entlegener

Stelle etwas dramatisch Ungestümes widerklingt, das geht weniger auf

Kosten des Motives als auf die persönliche künstlerische Art seiner

malerischen Bewältigung.

[Illustration: Abb. 112. Skizze zum Gemälde „Das Paradies“. 1912. (Zu

Seite 109.)]

[Illustration: Abb. 113. Das Paradies. 1912. (Zu Seite 109.)]

Ein diesen Zeilen eingestreutes Bildnis zeigt den Meister nach einer

Photographie vor der Staffelei sitzend an dem früher erwähnten

„Heiligen Michael“ arbeitend (Abb. 109). Es ist vor jener schweren

Krankheit aufgenommen, der der Meister gegen Ende des Jahres 1911

anheimfiel und die ihm für einige Monate Pinsel und Palette aus der

Hand genommen hat. Aber kaum halb genesen, hat er seine Arbeit neu

begonnen und inzwischen um ein weiteres Jahrzehnt fortgeführt. Fast

noch auf dem Krankenbette sind einige der hier dem Text eingefügten

köstlichen Zeichnungen entstanden. Als er Genesung suchend an der

Riviera, in Bordighera, unter der Pflege der Gattin weilte und später

den Sommer 1912 in Bernried am Starnberger See verbrachte, ist er

unausgesetzt tätig gewesen, getrieben von einer Schaffensfreudigkeit,

die geradezu wundernimmt. An der Riviera entstand z. B. jene einzige

„Meeresstimmung“, auf der das bewegte Element mit höchster technischer

Bravour gestaltet wurde (Abb. 124), während ähnlich eine Reihe

prachtvoller, zum Teil mit farbigen Stiften hingeschriebener Studien

die Erinnerung an diesen Aufenthalt an der italienischen Küste noch

vertiefen (Abb. 125). So die in Tusche hingesetzte Frauenhand, vor

der man an Rembrandtsche Studien denken möchte (Abb. 92), so auch die

Lithographie mit der auf dem Stuhl sitzenden Frau, wo im Hintergrunde

mit wenigen Strichen der südliche Schauplatz angedeutet ist (Abb. 122).

Das sind nur wenige Beispiele für die hohe Wertschätzung, die man auch

den zeichnerischen Arbeiten unseres Meisters zuteil werden lassen muß,

die leider nur spärlich diesen Text durchflechten können. Man sehe aus

dieser Zeit z. B. den Männerakt (Abb. 123), wie groß erscheint hier

allein die Herrschaft über die Anatomie des Körpers. Hunderte solcher

Zeichnungen sind im Laufe der Jahre entstanden und zum großen Teil in

den Besitz von Sammlern übergegangen. Für das Verständnis Corinthscher

Kunst sind (wie eigentlich im Schaffen eines jeden großen Meisters)

solche Skizzen nicht zu umgehen. Sie haben aber noch den besonderen

Vorzug, daß sie gewissermaßen für sich immer auch die malerische

Produktion erklärend vertiefen und daß sie besonders wichtig sind, wenn

man an die unerhörte Fruchtbarkeit denkt, die Corinth vornehmlich im

letzten Jahrzehnt als Graphiker entfaltet hat.

[Illustration: Abb. 114. Venus mit Spiegel und Amor. 1915.

(Zu Seite 123.)]

Gerade das Jahr, das unmittelbar auf die schwere Erkrankung folgte,

ist von einer erstaunlichen Schaffensfreudigkeit erfüllt gewesen, und

technisch sind gerade die Arbeiten dieser Zeit in mancher Hinsicht von

denen der früheren Epoche verschieden. Wir erleben eine Steigerung im

Malerischen, einen Ausdruck höchster Farbigkeit, dem manchmal selbst

die Konzentration der Form geopfert wird. Wuchtig und breit werden die

Pinselstriche auf die Leinwand hingesetzt. Es ist, als wenn die Kraft

des Künstlers alle Lichter seines reich bewegten Innenlebens auch auf

diese Bilder überträgt. Daß der Meister auch das rein Formale sicher

beherrscht, beweist schlagend die hier abgebildete Szene „Das Paradies“

(Abb. 113).

[Illustration: Abb. 115. Bacchantin. 1913. (Zu Seite 123.)]

Zu dieser lebensgroßen Schöpfung gibt es eine kleine Vorstudie, die

der Meister dem Schreiber dieser Zeilen als seinem „l. Biographen“

gewidmet hat, und wenn das Lob des eigenen Besitzes gerade an dieser

Stelle gestattet sei, dann darf gesagt werden, daß jene vielleicht

nur in wenigen Minuten auf die Leinwand hingeworfene Skizze alles an

sprudelndem Reichtum der Phantasie, an einer großartigen malerischen

Verve enthält, was auf der kartonartigen, monumental gedachten

Vergrößerung der Mittelgruppe gar nicht ähnlich in Erscheinung tritt

(Abb. 112). Dieser skizzenhafte, aber darum gerade so ursprünglich

behandelte Entwurf eines mit allen Mitteln jener nie versagenden

künstlerischen Phantasie gefügten szenischen Vorganges ist für die

Kunst unseres Meisters vielleicht wie kaum eine zweite Arbeit ähnlich

charakteristisch. Über einem niedrigen Hügel im Hintergrunde geht die

Sonne auf. Links stehen Flamingos mit langgestreckten Hälsen, nach

Nahrung suchend, im Wasser. Dahinter ein weiter Ausblick auf einen

neuen, von Tieren belebten See. Ganz im Vordergrunde sieht man zwischen

Adam und Eva, von denen der erstere fast geblendet vom Glanz dieser

Frühmorgenstimmung die Hände über die Augen hält, um in die Weite

zu spähen, zwei Rehe, und rechts und links traben Wolf und Elefant

heran (der letztere mit seinem plumpen Dröhnen und mit erhobenem

Rüssel gar köstlich gesehen), während rechts, ganz im Vordergrunde,

ein Tiger seine Glieder im nassen Tau der Wiese reckt und in den

Zweigen Affen ihr munteres Spiel treiben. Wie der Glanz des Lichtes,

das auf dem Hügel im Hintergrund in feurigen Bündeln entzündet ist,

die Erscheinung der Lebewesen -- Mensch und Tier -- malerisch höht,

wie es die Umrisse der Körper weich und aufsaugend modelliert und wie

das Ganze wirklich nur mit wenigen Pinselstrichen hingeschrieben

worden ist, das ist von höchster impressionistischer Meisterschaft.

Die in der endgültigen Ausführung überlebensgroß und monumental

behandelte Mittelgruppe hat die genannte Studie ins Dekorativ-Erhabene

gesteigert und besitzt vornehmlich in der überlegenen Durchbildung des

Anatomisch-Zeichnerischen ihre Hauptvorzüge. Aber interessant gerade in

einem solchen Falle der Gegensatz zwischen dem ursprünglich Gesehenen

und seiner endlichen Verkörperung, weil er wie von selbst auch den

Blick in die eigentliche Werkstatt des Schaffenden öffnet.

[Illustration: Abb. 116. Orientalischer Teppichhändler.

(Zu Seite 123.)]

⛝ ⛝ ⛝

In diesen Jahren neu beginnender Schaffensfreudigkeit erfährt auch

das graphische Werk des Meisters eine ungeheure Bereicherung, und

wie erste Vorboten auf die überraschende Vielseitigkeit, die Corinth

gerade im letzten Jahrzehnt auf diesem Gebiet entfaltet hat, müssen

aus dem Jahre 1910 zwei wichtige Proben reiner Buchillustrationen

erwähnt werden, die er im Auftrag der von Paul Cassirer begründeten

„Pan-Presse“ vollendete. Unter dem Gesamttitel „Bücher der Bibel in

der Übersetzung Martin Luthers“ hat Corinth hier zwei bibliophile

Ausgaben herausgebracht; zuerst im Jahre 1910 das Buch Judith, dem im

nächstfolgenden Jahre das Hohe Lied folgte. -- Beide Publikationen

haben einen wahrhaft monumentalen Charakter. Und zu ihm stimmen jene

köstlichen Lithographien, die der Meister als Randleisten, Vignetten

und ganzseitige Illustrationen beigesteuert hat, die ihn wiederum

als Persönlichkeit künstlerisch in engster Beziehung zu einem Stoff

offenbaren, der seiner eigenen Seele in beiden Fällen durchaus verwandt

ist (Abb. 118, 119 u. 121). Freilich derart, daß die Stoffe dieser

beiden Gedichtbücher des Alten Testamentes weniger eine geschichtlich

getreue Wiedergabe ihres der Zeit angemessenen Kolorits, als vielmehr

eine menschlich tiefe, von starker Leidenschaft erfüllte Darstellung

verlangten, die dem Wesen unseres Meisters entsprach. Aber wer

überhaupt in diesen von höchster künstlerischer Phantasie erfüllten

Schöpfungen das über die Jahrhunderte hinaus ewig geltende moderne

Element sucht, wer in dieser von Blut und Kampf erfüllten Schilderung

des Buches Judith ein allgemein menschliches Drama empfindet, so wie

einen im Hohen Lied das süß-schmerzliche Bewußtsein einer nicht an

Zeiten geketteten Liebesglut gefangennimmt, der muß sagen, daß die

hohe Könnerschaft unseres Meisters hier in Form und Ausdruck rein

Symbolisches gestaltet hat. Um das zu verstehen, muß man zunächst

den Text des Buches Judith lesen, der ein in vorgeschichtlicher Zeit

sich abspielendes Drama erzählt. Ein mächtiger Eroberer zieht aus, um

Völker zu unterjochen, um gegen die geheiligte Religion einer Rasse

zu kämpfen, die dem Wege ihres Gottes bisher, allen Schicksalsschlägen

zum Trotz, gefolgt ist. Der Sieg begleitet seine Schritte; schwüle,

kaum verhaltene Sinnlichkeit verklärt den Triumph seines Erfolges,

bis er dem letzten, dem höchsten Glanz seines siegreichen Vordringens

begegnen soll, der seinen Gott über den der Feinde stellen wird. Da

tritt ihm ein Weib entgegen, schön wie der Morgentau, verführerisch

wie der Schein der Sonne, und an dem menschlich Allzumenschlichen

geht seine ganze Genialität zugrunde. Er unterliegt ihrem Zauber,

wird ein Opfer seiner eigenen Wollust, und Judith, das hebräische

Weib, die keusche Witib zieht heim, das Haupt des erschlagenen

Holofernes unter dem Arme! Ein Buch der Lebensweisheit ist diese

Dichtung, eine der höchsten dichterischen Offenbarungen, die uns aus

alter Zeit überkommen sind. Wie aber hat Corinth das Thema gestaltet!

Er gab das Tumultuarische der Masseninszenierung, gab das Brutale

kriegerischer Stimmung, den tosenden Kampf der Rosse und der Streiter,

die imponierende Allmacht des mächtigen Feldherrn und die Angst der

Juden, die in der höchsten Not zu ihrem Gotte sich bekennen. Er gab ein

Drama typischen Menschenschicksals, das immer wiederkehrt. Aber daneben

erzählte er die Geschichte jenes israelitischen Weibes, das sich ihrer

Schönheit wohlbewußt ist und trotzdem den Zauber ihrer Keuschheit

kennt. Er stellte der grausamen Wirklichkeit den Duft zarter lyrischer

Stimmung gegenüber und faßte auch sie ganz aus dem männlichen Instinkt

heraus, der alle Reflexionen verneint, wo der Preis des Kampfes so

real empfunden ist wie hier. Er wurde in seinen Gestalten archaisch,

assyrisch-babylonisch und hat sich trotzdem nie einen Augenblick von

der Gegenwart, von dem Empfinden unserer Zeit entfernt. Weil er nichts

als reine Menschlichkeit gab und weitentlegene Dinge mit dem Maßstab

ewiger Gebote gemessen hat.

[Illustration: Abb. 117. Bildnis des Malers R. Sieger. 1912.

(Zu Seite 123.)]

Gerade dieser Stoff, der auf jeder Seite des Buches von einer neuen

Leidenschaft entzündet ist, hat das Wesensverwandte in der Seele seines

Interpreten berührt. Es werden hier längst bekannte Klänge laut, die

ebensosehr von den früher behandelten mythologischen Szenen wie von

der großartigen Inbrunst seiner religiösen Darstellungen herübertönen

und die doch letzten Endes immer Bekenntnisse der wesensstarken

menschlichen Eigenart ihres Schöpfers sind. Technisch hat Corinth

gerade mit diesen Lithographien wiederum glänzend bewiesen, wie

er auch die Behandlung eines Themas ihren äußeren künstlerischen

Gesetzen anzupassen vermag. Überall sind die Momente mit wenigen

charakteristischen Farben umrissen, die dem rein Zeichnerischen ebenso

wie dem Malerischen gerecht werden.

[Illustration: Abb. 118. Aus dem Hohen Lied. Lithographie.

Verlag von Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 110.)]

[Illustration: Abb. 119. Schlußstück aus dem Hohen Lied. Lithographie.

Verlag von Paul Cassirer, Berlin. (Zu S. 110.)]

Und was von diesem Buch Judith gilt, hat vielleicht noch in höherem

Maße für die zweite buchkünstlerische Arbeit, das Hohe Lied Salomonis

Geltung, deren Illustrationen ebenfalls lithographiert sind. Um den

etwas schwülen Zauber dieser Dichtung zu verstehen, mag daran erinnert

werden, daß hier verliebte Ekstase nach einem fast übersinnlichen

Ausdruck gesucht hat. Diesen zu formen, lehnt Corinth ab. Dafür

aber sieht er um so schärfer hinter der süßen Rede die Realität der

Tatsachen, und für ihn verkörpert diese Gärtnerin im Weinberg, die

nicht nur mit der Seele ihren Geliebten sucht, schlechthin den Typ des

verliebten Weibes, das einmal höchster Raserei verfallen ist. Man kann

dem Hohen Lied Salomonis gewiß nicht nachsagen, daß es die tragische

Wucht jenes Buches Judith besitzt. Aber was in dieser Dichtung der

realen Vorstellungswelt Möglichkeiten der Darstellung preisgibt, hat

Corinth auch in diesem Werke wunderbar gestaltet, und zwar mit einer

Diskretion, die seinen künstlerischen Absichten in der Tat alle Ehre

macht.

[Illustration: Abb. 120. Rosen. 1911. Im Besitze des Herrn Buchenau,

Niendorf. (Zu Seite 105.)]

[Illustration: Abb. 121. Aus dem Buch Judith. 1911. Lithographie.

Verlag von Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 110.)]

[Illustration: Abb. 122. Lithographie. 1912. (Zu Seite 108.)]

[Illustration: Abb. 123. Skizze.]

[Illustration: Abb. 124. Meeresstimmung. 1912.

Im Besitze des Herrn ~Dr.~ Victor Klinkhardt, Leipzig. (Zu Seite 108.)]

[Illustration: Abb. 125. Auf der Veranda in Bordighera. 1912. (Zu Seite

108.)]

Lovis Corinth · 第 6 / 7 段