Leider ist die hier abgebildete, nicht ohne einen Stich ins Burleske

gegebene Komposition „Venus und Mars“ in diesem ursprünglichen Zustand

nicht mehr erhalten, da der fettleibige, vielleicht doch gar zu

unhellenisch wiedergegebene Kriegsgott später der Zerstörungswut des

Künstlers zum Opfer gefallen ist (Abb. 72). -- Dagegen ist der hier

abgebildete Fächer, den Corinth für Frau Mauthner in Berlin gemalt

hat, als Beweis für das gelegentlich von ihm versuchte Übergreifen

auf rein dekorativ kunstgewerbliche Gebiete (dem auch seine seltenen

Theaterentwürfe für Reinhardt beizurechnen sind) (Abb. 55) gewiß

nicht ohne Interesse, obwohl gerade die hier gegebene Darstellung der

tanzenden Salome in ihrer starken Anlehnung an archaistische Vorbilder

viel unpersönlicher anspricht als alle zuletzt behandelten Arbeiten

(Abb. 76). Auf einem Selbstporträt des nächstfolgenden Jahres (1907)

erscheint Corinth mit entblößtem Oberkörper, das Glas Wasser in der

Hand, auf dem Haupte ein lang herunterhängendes Tuch gewissermaßen als

„~ouvrier par excellence~“. Und doch webt gerade in diesem Antlitz ein

nachdenklicher Ernst, eine verhaltene Energie, die der etwas derben

Physiognomie eine Art höherer Vergeistigung verleiht (Abb. 75). Ist

es vielleicht auch nicht das sympathischste unter seinen zahlreichen

Selbstbildnissen, so sicherlich doch eines des besten, was malerische

Verve und starke Charakteristik anlangt. Technisch spielt auf diesem

Bilde der Spachtel eine Hauptrolle, der noch stärker auf einem anderen

Werke des gleichen Jahres, dem in der Dresdner Sammlung Rothermundt

befindlichen „Urteil des Paris“ in die Erscheinung tritt (Abb. 80).

Setzt das Bild im Thema die Reihe der schon bekannten, der homerischen

Götterwelt entnommenen Szenen fort, so steht es eben in der technischen

Behandlung sehr im Gegensatz zu allen früher erwähnten Werken dieser

Art; denn es ist kräftiger in der Betonung der farbigen Valeurs und

dabei im ganzen doch auf eine seltsam transzendentale Note gestimmt,

so daß man fast den Eindruck bekommt, als spiele sich diese entzückend

naive Szene hinter einem ganz feinen, kaum fühlbaren Nebelschleier ab.

Dadurch wird die Illusion bedeutend erhöht, und das Wirklichkeitsmoment

zugunsten einer gewollten Verklärung merklich zurückgedrängt. Das Bild

atmet in jeder Beziehung eine fast arkadische Heiterkeit. Die Freiheit

der Komposition, die durch den schönen Akt der Liebesgöttin in sich

zusammengehalten wird, berührt ebenso wohltuend wie das Gegenüber der

beteiligten Gruppen, links der Göttinnen, rechts des Paris mit seinen

Schafen und des im Hintergrunde harrenden und doch der Szene nicht sehr

diskret beiwohnenden olympischen Sendboten. Besonders fein ist auch

der Ausblick auf das Meer gegeben, das hinter der göttlichen Venus

sichtbar wird wie ein feiner Hinweis auf die Geburt der Anadyomene.

In sich aber ist die Gruppe durch die Handlung zu einer köstlichen

Konzentration gekommen. Wie die beiden Göttinnen neiderfüllt der

nackten Aphrodite zuschauen, wie Paris halb noch zögernd den Apfel wägt

und doch bereits durch das Versprechen der Verführerin gelockt wird,

das ist alles sehr fein und diskret, aber auch mit einer meisterhaften

Überlegenheit angedeutet.

[Illustration: Abb. 94. Susanna im Bade. 1909. In Berliner

Privatbesitz. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 95. Gott Bacchus. 1909. Im Besitze des Museums zu

Königsberg i. P. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 96. Bildnis des Anatomen Edinger. 1909. (Zu Seite

97.)]

Dieser heiteren dionysischen Welt stehen zwei andere Schöpfungen aus

dem gleichen Jahre mit einem fast zu brutalen Realismus gegenüber.

Das groteske, „Martyrium“ genannte Werk aus dem Besitze des Künstlers

will nicht als Kreuzigung im Sinne der Bibel verstanden sein. Hier mag

Corinth in erster Linie die Anatomie dieses von einem Kreuzesstamm

hängenden Körpers zur Darstellung gereizt haben, die ja in der Tat auch

mit einer unvergleichlichen Könnerschaft ergründet worden ist (Abb.

78). Der Meister hat dem Schreiber dieser Zeilen erzählt, wie er sich

zu dem Zweck einen Athleten bestellt hatte, der im Atelier immer für

einige Minuten -- solange er es überhaupt ertragen konnte -- an einem

Pfosten in die Höhe gezogen wurde und wie er seine Helfer bei dem

etwas grausigen Handwerk gleich mit auf dem Bild verewigt habe. So ist

diese etwas blutrünstige Szene entstanden, die letzten Endes doch nur

dartut, wie reiner künstlerischer Wissensdurst der Antrieb zu dieser

Schöpfung gewesen ist. -- Auf einen verwandten Ton ist die ebenfalls

im Jahre 1907 entstandene „Blendung Simsons“ (heute als Stiftung von

Alfred Ganz in der Mainzer Galerie befindlich) gestimmt, die Corinth

selbst einmal als sein bestes Werk bezeichnet hat (Abb. 77). Und diese

hohe Wertung kann kaum überraschen. Mag man unwillkürlich vielleicht

auch vor diesem Bilde an Rembrandts Gemälde im Frankfurter Städelschen

Institut erinnert werden, weil hier wie dort das Hinstürzen eines

athletischen Menschen das Leitmotiv der bildlichen Verkörperung ist, so

unterscheidet sich doch Corinths Darstellung in jeder Beziehung von dem

älteren Vorbilde. Dort ist alles auf den Effekt des silbrig-bläulichen

Lichtes hingearbeitet, der der Komposition entfernt etwas von

Theaterpathos gibt; hier dagegen handelt es sich fast ausschließlich

um die Anatomie des Künstlerischen, d. h. um die Bewältigung dieses

vor Wut aufbrüllenden Riesen. Wie der Körper diagonal im Raum steht,

wie der Kerl rechts sich mit der Masse seines Gewichtes auf den

überwundenen Feind geworfen, wie Simson mit der Linken den Kriegsknecht

am Halse würgt, selbst wie Delila im Hintergrund, über die Bettlehne

gebeugt, ihrem verräterischen Triumph beiwohnt, das ist von einer die

ganze Szene erfüllenden dramatischen Leidenschaft, die auch in einem

so reichen Lebenswerk einzig ist. Und fast möchte man sagen, daß die

malerische Technik auch von der Vehemenz der Handlung durchdrungen sei,

so hat der Spachtel besonders im unteren Teile mit breit hingemauerten

Farbflecken gearbeitet. Aber vor diesem hervorragenden Meisterstück

wird einem der eigentlich für jedes große künstlerische Schaffen

Geltung habende Satz wieder zum Bewußtsein gebracht, daß nämlich immer

nur in wenigen Arbeiten dem Genius der große Wurf gelingt, daß oftmals

zehn, auch zwanzig Bilder mittleren Ranges (wobei man diesen Ausdruck

im Sinne der an sich hohen Qualität des Corinthschen Schaffens nicht

mißverstehen darf!) notwendig sind, um die Kräfte eines Künstlers

ganz für eine Hauptschöpfung seines Lebens reif werden zu lassen.

Denn so hoch auch an sich gerade die malerische Produktion des Jahres

1907 im Schaffen unseres Meisters steht, so wenig reichen doch andere

Arbeiten dieser Zeit an die „Blendung Simsons“ heran. Das gilt bei

aller augenfälligen malerischen Schönheit, die hier helle sonnengehöhte

Töne sucht, ebenso von den „Händen mit Blumen“, einem delikaten, fast

stillebenhaft anmutenden Bildnis der Gattin (Abb. 66), wie von dem im

ersten Augenblick sehr fremdartig wirkenden Porträt des Schriftstellers

Alfred Kerr (Abb. 88). Aber gerade an diesem Gemälde stellen wir die

schon oft betonte souveräne Art fest, mit der Corinth einem geistig

verwandten männlichen Modell gegenübersteht. -- Als eine der seltenen

Proben für die Landschaftsmalerei des Künstlers aus dieser Zeit sei

endlich noch die flott hingesetzte „Eisbahn“ erwähnt. Das Motiv zu

diesem Bilde lieferte das winterliche Treiben auf dem Neuen See im

Tiergarten zu Berlin (Abb. 73).

[Illustration: Abb. 97. Totenklage. 1908. Im Kestner-Museum zu

Hannover. (Zu Seite 96.)]

[Illustration: Abb. 98. Pferdestall.]

Nach dieser kleinen Auswahl von Werken aus der reichen Ernte des

Jahres 1907 kann man vielleicht sagen, Corinth habe damals schon

die Höhe seines Schaffens erklommen. Denn in der Fülle der Gesichte

lebt eine Farbenfreudigkeit auf, die alles Bisherige in Schatten

stellt. Wir sehen den Meister im Vollbesitz aller Mittel, die ihm die

Herrschaft über die Form sichern, wir sehen ihn in seiner Arbeit bis

an die Grenzen höchsten monumentalen Wollens vorwärts getrieben, und

doch bleibt auch in der Folge noch unendlich viel, was mindestens auf

der gleichen Höhe steht, im einzelnen sogar sein Schaffen menschlich

noch mehr vertieft. Aber im Vergleich zu dem übrigen deutschen

künstlerischen Mühen dieser Jahre erscheint die Persönlichkeit unseres

Meisters fast singulär. Während der sogenannte Impressionismus (eine

Kennzeichnung der Richtung, die auf Corinths Schaffen im ganzen

vielleicht überhaupt nicht zutrifft) sonst in Deutschland beinahe schon

zu einer Art Rezeptmalerei geworden ist, bricht er aus Corinths Seele

mächtig und impulsiv hervor, und kein Bild entsteht von ihm, das man

nicht unter Hunderten des übrigen zeitgenössischen Schaffens durch

die Handschrift des Meisters sofort erkennen würde. Dem Blick des

Betrachters aber öffnen sich auf diesen Werken alle Tiefen einer von

starker Leidenschaft gehöhten Gedankenwelt; überall empfindet man das

nachhaltige innere Erlebnis, das in der Farbe nach Ausdruck ringt, und

dieses Moment charakterisiert auch alle Schöpfungen der nachfolgenden

Jahre.

[Illustration: Abb. 99. Reiter. 1911. Im Besitze des Herrn Rittmeisters

von Wrede, Hannover.]

Wie die Eysoldt als Salome, so erinnert das 1908 gemalte Porträt

der Frau Tilla Durieux als spanische Tänzerin wiederum an

bühnenmäßige Eindrücke (Abb. 87), wie sie sich stärker noch in jenem

unvergleichlichen Bildnis Rudolf Rittners als Florian Geyer zu einem

Ewigkeitssymbol verdichtet haben (Abb. 1). Vielleicht daß dieses

heute in der Galerie Toelle befindliche Werk überhaupt den nie wieder

erreichten Höhepunkt moderner Porträtmalerei bezeichnet, vielleicht

daß der Eindruck nur auf uns, die wir im Banne der Hauptmannschen

Dichtergröße stehen, so unaussprechlich bezwingend wirkt. Aber das

eine muß solchen Erwägungen gegenüber doch betont werden, daß diese

Schöpfung in nichts mehr an der bloßen theatergemäßen Reminiszenz

klebt. Mag es Rudolf Rittner, der unerreichte Verkörperer der

Hauptmannschen Gestalt sein oder sonstwer, vor dem Ahnen dieses

mutigen und doch halb verzweifelten Draufgängertums, das uns,

einerlei in welches Gewand es auch gekleidet sein mag, fabelhaft

echt, ja symbolisch anspricht, tritt der Gedanke an den Darsteller

und die Darstellungskunst von selbst zurück. Auf diesem Bilde ist

das ganze Mittelalter, die Tragödie des Rittertums im besonderen,

Fleisch und Blut geworden. Hier hat ein Gedanke Form gewonnen, der

ähnlich bezwingend nur in Verrocchios Colleoni lebt, diesem höchsten

Denkmal mittelalterlichen Kondottierentums. Wer nach hundert Jahren

dies Bild sehen wird, muß erstaunt sein über die gottbegnadete

Kraft eines Menschen, der im zwanzigsten Jahrhundert noch so echte

Töne für den damals die Weltgeschichte bestimmenden Gedanken längst

verklungener Zeiten gefunden hat. Aber vielleicht sind es überhaupt

nicht historische Dinge, die hier Gestalt geworden sind; vielleicht

wird auch die nachfolgende Epoche immer das in diesem Meisterwerk

empfinden, was seine Erscheinung gar nicht mehr an Zeitgrenzen kettet,

das allgemein Menschliche, das überall mit dem Tragischen verschwistert

ist, den Kampf des Mannes schlechthin gegen die dräuenden Gefahren der

Welt, das Schicksal eines jeden von uns, das uns mit jedem neuen Tag

dem Streit entgegenführt, auch wenn wir nicht das blanke Schwert in

der Rechten und die zerfetzte Fahne in der Linken tragen. Gerade die

geistige Verklärung dieses Florian Geyer ist so bezwingend stark,

daß das Bild wie von selbst auch über die eng gestellte Spanne, wo

es zunächst aktuell gewesen, hinauswächst; ja man möchte behaupten,

daß hier gar nicht Rudolf Rittner porträtiert wurde, sondern daß sich

in diesem Bilde der Künstler selbst wiedergefunden hat. So steht das

Bild gewissermaßen auch als Symbol über dem Leben und künstlerischen

Werden unseres Meisters, wie sich ein jeder darin entdecken mag,

dem hier vertraute Klänge begegnen. Malerisch ist der Florian Geyer

zweifellos eins der besten Werke des Künstlers. Der stahlblaue Ton der

Rüstung beherrscht wundervoll die ins bräunlich Warme verklingende

Gesamtharmonie, und die Durchbildung des Kopfes mit seinen Furchen

und einer vor Ingrimm verhaltenen Leidenschaft spottet jeglicher

Beschreibung.

[Illustration: Abb. 100. ~Donna gravida.~ 1909. Im Besitze der

Kunsthandlung Carl Nicolai, Charlottenburg. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 101. Der Fahnenträger. 1911. Im Besitze des Herrn

Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 102.)]

Vielleicht wird es schwer, nach diesem neuen Höhepunkt, den die Kunst

unseres Meisters erklommen, noch die Fühlung mit dem übrigen Schaffen

des Jahres 1908 zu gewinnen, obwohl uns eine ganze Anzahl ähnlich

meisterhafter Schöpfungen gerade in diesem Zeitabschnitt begegnen. An

erster Stelle sei hier ein wenn auch nur indirekt biblisch anmutendes

Thema genannt, das Corinth in seiner „Totenklage“ zu gestalten versucht

hat, heute im Besitz des Kestner-Museums in Hannover (Abb. 97). Bei

diesem Werke liegt der Nachdruck ähnlich wie bei der „Blendung Simsons“

auf der kompositionellen Vertiefung, die in der kauernden Gestalt

des Mittelgrundes ihren starken Pol besitzt. Wie die athletische

Erscheinung dieses Körpers und des erschlagenen Jünglings vom Licht

umspielt ist, wie sich alle Gestalten beinahe riesengroß von dem

leuchtenden Abendhimmel abheben, das ist von suggestiver Gewalt und

einer unerhört großen monumentalen Pracht. Sie leidet auch nicht unter

der vielleicht zu theatralisch akzentuierten Klage um den Gefallenen,

noch weniger unter dem bizarren Gefühlsausdruck der die Haare

raufenden Mutter rechts im Hintergrunde. Bedeutsam allein bleibt das

Michelangeleske der Hauptgruppe, das ganz von selbst zum Bewußtsein

kommt.

Als Komposition großen Stiles, als eine von Rubensschem Geist erfüllte

Szene, die im letzten trotzdem des älteren Vorbildes spottet, mag

hier die große Darstellung der „Versuchung des heiligen Antonius“

vom gleichen Jahre angeschlossen sein (Abb. 85). Das Bild wirkt wie

eine Orgie der Sinnlichkeit und ist zugleich eines der am stärksten

dekorativ empfundenen Werke dieser Epoche. Ganz wundervoll ist dem

Gewirr der linken Bildfläche mit ihren lebensvollen Frauenakten die

fast von klassischer Ruhe erfüllte rechte Hälfte gegenübergestellt.

Orientalisches mischt sich mit jener derb zugreifenden Sinnenlust,

die im Körper des Büßers alle Pulse in Bewegung bringt und dem fast

schreckerfüllten Ahnen seines Unterliegens eine tragische Weihe

verleiht. Indes gerade auf dieser Schöpfung tritt das Thema bescheiden

hinter seiner eigentlichen malerischen Gestaltung zurück. Wie in einem

funkelnden Mosaik spielen alle Klänge der Palette gegeneinander, die

Wucht des Pinsels mauert hier unter dem Eindruck des Lichtes die

höchsten farbigen Werte, und das Ungewollte, völlig Unakademische der

Komposition (wann wäre der Meister einmal auch nur entfernt akademisch

gewesen!) sichert dem Ganzen den Ausdruck starker Monumentalität.

Diesem Bilde lassen sich noch andere, auf den gleichen Ton gestimmte

Schöpfungen angliedern, die hier illustrativ leider nur zum Teil

behandelt werden können. Dagegen sind das Bildnis des Malers Paul

Baum, den Corinth in dessen eigentlichem Milieu, in Sluys in Holland,

porträtiert hat (Abb. 81) und ebenso die Studie nach einer deutschen

Eiche doch nur Beweise einer stets bereiten, alle Erscheinungen des

Lebens beherrschenden Gestaltungskunst (Abb. 82).

[Illustration: Abb. 102. Der Sieger. 1910. (Zu Seite 102.)

Im Besitze der Kunsthandlung J. Caspari, München.]

Näher kommt dem bezwingend Menschlichen, das im Schaffen unseres

Meisters ewig neu nach Ausdruck ringt, ein Bild wie die 1909 gemalte

„Kreuztragung“, die in mancher Beziehung an frühere Darstellungen

ähnlicher Art erinnert und trotzdem weder die tragische Wucht eines

biblisch erschütternden Vorganges noch kompositionell jene von jeher

bewährte Geschlossenheit der Szene besitzt (Abb. 89). Gegenüber dem

künstlich markierten Gesichtsausdruck der klagenden Gruppe rechts

wirken weder der Schmerz des Heilands noch die perfide Schadenfreude

der Kriegsknechte überzeugend, aber das Bild ist in Einzelheiten

doch voll starker, malerischer Eindringlichkeit. Weitaus besser (weil

als Komposition geschlossener) mutet die auf drei Personen beschränkte

„Susanna im Bade“ an, die sich in Berliner Privatbesitz befindet

(Abb. 94). Auch dieses Bild ist in der Hauptsache Spachtelmalerei,

aber das Ganze ist doch von einer buntschillernden Farbigkeit, und

namentlich der Akt hat alle Vorzüge jenes köstlichen Duftes, in dem

der Fleischmaler Corinth von jeher, wenn es sich um einen lebenswarmen

Körper handelte, ein echter Nachfahre des alten Rubens war.

Aus diesem Jahre stammt noch ein hier nicht abgebildetes Hauptwerk

unseres Künstlers, jenes köstliche, vielleicht allzu deutliche Bild

unter dem Titel „Homerisches Gelächter“. Wie kaum eine andere Arbeit

ist gerade dieses Stück vielsagend in dem Sinne, wie Corinth die

mythologische Götterwelt als Gleichnis unseres Lebens benutzt. Denn

diese Szene mit der lockeren Liebesgöttin, die den hinkenden Hephästus

nur zu schnell vergessen hat und den Göttern des Olymps (so wie es

Ovid in einem seiner Gesänge schildert) in ihrer Sünden Maienblüte

vorgeführt wird, ist ein lustiges Symbol auf jene leichtfertigen

Ehefrauen, denen im Gegensatze zu Schiller die Treue in der Tat nur ein

leerer Wahn ist. Die suffisante Miene eines gleichsam aus Offenbachs

Burlesken entnommenen Jupiters ist ebenso erfrischend wie der stille

Liebreiz jener mit ihrem Galan überraschten himmlischen Beauté, die

von den metallenen Netzen ihres Herrn Gemahls eingesponnen, in einer

heikeln Situation zur Augenweide den Göttern des Olymp vorgeführt wird,

die ihrerseits mit dem Ausdruck ihres „~tout comprendre, c’est tout

pardonner~“ nicht zurückhalten. Und während Corinth gerade in diesem

Jahre alle Höhen und Tiefen seiner antikischen Welt als ein Mensch

des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Vollgefühl echter Menschlichkeit

durchschreitet, eine Menschlichkeit, die sich ganz ähnlich auf dem

Königsberger Bacchanten-Bild, dieser von Licht und Luft gehöhten

köstlichen dithyrambischen Szene, Ausdruck schafft (Abb. 95), greifen

sein eigenes Familienleben, das persönliche Glücksgefühl auch in seinem

Schaffen wieder in die Motive des ihn umgebenden Alltags hinein. In

diesem Sinne ist jene „~Donna gravida~“, die Gattin, die die kleine

ostpreußisch urwüchsige Mine unter dem Herzen trägt, wiederum ein Stück

echter Lebensbeichte. Ergreifend ist der Ausdruck dieser von banger

Hoffnung erfüllten Mutter festgehalten (Abb. 100). So lapidar wie das

Gefühl dieser Minute, ist auch die malerische Handschrift des nur mit

zwei Tönen hingesetzten Bildes. Unter den männlichen Porträts dieses

Jahres steht dagegen das Bildnis des Anatomen Edinger obenan (Abb. 96).

Es hat kaum die geistige Prägnanz früherer Stücke dieser Art, ist dafür

aber malerisch unter Zuhilfenahme des reichen Milieus sehr glücklich

vertieft. Man möchte diesem Bildnis gleich hier das zwei Jahre später

entstandene andere Gelehrtenporträt, den Professor Ed. Meyer von der

Berliner Universität, gegenüberstellen, das zwar nach seiner ganzen

Anlage von dem erstgenannten Werke sehr verschieden ist, sich aber doch

im Geistigen unmittelbar mit jenem berührt (Abb. 103). Alfred Lichtwark

hat mit klugem Blick das Gemälde für die Hamburger Kunsthalle erworben,

die überhaupt einige der besten Werke aus der letzten Schaffenszeit

des Künstlers, darunter auch das Hagenbeck-Porträt mit dem mächtigen

Walroß (Abb. 104), ihr eigen nennt. Meisterhaft ist auf dem Bildnis

des Professors Meyer der von früher her überlieferte malerische Gedanke

wiederaufgenommen, den Dargestellten mitten vor das Fenster zu stellen,

durch das er vom Licht eines winterlichen Tages getroffen wird. Hier

spielen darum alle Reflexe auf dem dunkelblauen Talar, und der etwas

grobe, aber doch nicht uninteressante Gelehrtenkopf erhält unter dem

Eindruck desselben Lichtes den Schein geistigen Fluidums. Als Gegensatz

dazu betrachte man das noch im Jahre 1909 vollendete große Bild mit der

Familie des Künstlers, das heute dem Kestner-Museum in Hannover gehört

(Abb. 83). Wie die Örtlichkeit und die erhobene Palette in der Rechten

des Malers andeuten, ist es damals im Atelier des Künstlers entstanden.

Der kleine Thomas links ist im Laufe der Jahre schon zu einem sehr

geweckten Jungen herangewachsen, der seinen Herrn Papa nur mit Lovis

anzureden pflegt, während die kleine Mine, die dem Vater so ähnlich

sieht wie Thomas seiner Mutter, kaum die ersten Wiegenmonate hinter

sich gebracht hat. Frau Charlotte Berend aber -- die Gattin unseres

Künstlers -- ist in bezaubernder Mütterlichkeit gesehen, während der

Meister selbst sich nur unfreiwillig in die Rolle als Familienvater zu

schicken scheint. Prachtvoll sind auch auf diesem Bilde die malerischen

Gegensätze von Warm und Dunkel gegeben.

[Illustration: Abb. 103. Bildnis des Professors Ed. Meyer. 1911.

Im Besitze der Hamburger Kunsthalle. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 104. Aus Hagenbecks Tierpark. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 105. Stilleben mit Figur. 1911. Im Besitze des

Herrn Artur Kraft, Berlin. (Zu Seite 106.)]

[Illustration: Abb. 106. Stilleben. 1911. Im Besitze des Herrn Fritz

Gurlitt, Berlin. (Zu Seite 106.)]

Lovis Corinth · 第 5 / 7 段