In dem Jahre 1902, in dem Corinth das Porträt des Peter Hille gemalt

hat, begegnet uns zum erstenmal in seinem Schaffen jene Frau, die die

Gefährtin seines Lebens, die Mutter seiner beiden prächtigen Kinder

geworden ist, Charlotte Berend, die er als Schülerin kennengelernt

und die sich inzwischen zu einer Künstlerin von ausgesprochener

Eigenart entwickelt hat. Das erste Bildnis zeigt sie als Braut des

Meisters mit dem Blütenzweig in der Hand, koloristisch sehr fein

abgewogen, stehend vor grauem Hintergrund mit seitwärts gewandtem

Kopf, der ein kräftig markiertes Profil erkennen läßt (Abb. 48). Wenn

Corinth sich auf der Signatur noch als „der Herr Lehrer“ bezeichnet,

so weist das humorvoll auf jenen rein äußerlichen Zufall, der den

Hagestolzen spät der Ehe zugeführt hat. Ein etwas später, aber

noch im gleichen Jahre entstandenes zweites Bildnis, das in jeder

Beziehung ungleich intimer und persönlicher anspricht, zeigt die

junge Gattin sitzend im Lehnstuhl, vollgetroffen von dem von außen

durch das Fenster hereinbrechenden Tageslicht (Abb. 49). Wie hier das

Antlitz in stille Beschaulichkeit versunken ist und das Licht die

Fleischpartien modelliert und wie man die Empfindung hat, daß hier

das Bewußtsein jungen Glückes dem Künstler bei seiner Arbeit helfend

zur Seite gestanden, das gibt gerade diesem weiblichen Porträtstück

einen unvergleichlichen Reiz und hebt es turmhoch über alle ähnlichen

Frauenbildnisse, die Corinth im Auftrag irgendwelcher Besteller gemalt

hat. Ein Denkmal dieser neuen beruhigten Stimmung, die das Schaffen

des Künstlers in jenem Augenblick häuslichen Glückes überkommt, ist

auch das dritte Bild, auf dem er sich ein Jahr später mit der Gattin

im Arm selbstporträtiert hat, das von fern an das üppige Doppelbildnis

Rembrandts mit Saskia in Dresden erinnert (Abb. 50). Vor einem Tisch

mit Früchten und Wein sitzt der Künstler, das gefüllte Glas dem

Beschauer darbringend. Frohe Sinnlichkeit atmet in diesem Werke,

und auch die Farbe, das halb Visionäre des Bildes unterstreicht

bewußt, aber auch mildernd, die auf Lebensbejahung und Daseinsfreude

eingestellte Note der Szene, die man im Rahmen des Biographischen

besonders gern willkommen heißt. -- Das hier abgebildete Gemälde unter

dem Titel „Fluch auf Saul“, das noch im Jahre 1902 entstand, existiert

heute nur noch in einem Bruchstück. So köstlich die Erscheinung des

Alten festgehalten ist, so wenig glücklich und gelöst spricht die

Komposition an, und diese Erkenntnis wird auch den Meister veranlaßt

haben, sein Bild später zu zerstören (Abb. 52). Dagegen zählt das unter

dem Eindruck einer Aufführung von Oskar Wildes „Salome“ entstandene

Porträt der Frau Eysoldt unbedingt zu den stärksten Leistungen auf

dem Gebiet weiblicher Bildnismalerei, die Corinth gelungen sind. Die

tierisch perverse Art dieser Salome ist ausgezeichnet getroffen, der

skizzenhafte Schmiß täuscht bewußt über die abstoßenden Details der

Szene hinweg, aber im ganzen wird man gerade diesem Bilde das Lob

psychologischen Durchdringens im Motiv nicht vorenthalten können (Abb.

51). Koloristisch ist das Stück ganz auf einen kalten grau-weißen Ton

gestimmt, von dem sich hier und dort die malerisch kräftig nuancierten

Valeurs abheben. Vorgreifend mag gegenüber dieser Schöpfung weiter

angedeutet sein, daß das literarische Schaffen der Zeit Corinth

in der Folge mehr als einmal befruchtet hat; man denke nur an den

später zu wertenden prachtvollen Florian Geyer, an das Bildnis der

Frau Tilla Durieux und anderes mehr. Ja, ist nicht im Letzten die

Vorstellungswelt gerade des bildenden Künstlers oft dem Theatralischen

überhaupt verwandt! Von Rembrandt wissen wir, wie ganz bestimmte

Szenen seiner Bilder und Radierungen den Eindrücken des Theaters

seiner Zeit entsprungen sind, wie ihm der Bühneneindruck mit seinen

festbestimmten Kulissendistanzen oft den Rahmen seiner Kompositionen

gegeben hat, wie die visionäre Kraft seines Goldlichtes an dem durch

die Bühnenbeleuchtung hervorgerufenen Widerspiel von Licht und Schatten

entzündet wurde. Und auch in Corinths Schaffen wirkt eine so drastisch

derbe Szene wie der hier farbig abgebildete „Kampf des Odysseus mit

dem Bettler“, ebenfalls vom Jahre 1903, wie die Darstellung einer vor

Zuschauern gegebenen Burleske. Denn hier ist alles auf den Betrachter

hin orientiert, der Ansprung des „göttlichen Dulders“, der mit derber

Faust seinem Gegner ins Antlitz greift, der Chorus der applaudierenden

Männer und Weiber und das Geschlossene dieser Komposition überhaupt

(Abb. 54). Hier begegnet der Meister uns aber auch so ursprünglich

in seinem Temperament wie auf nur wenigen Schöpfungen dieser Jahre.

Der Humor dieser Szene ist wirklich drollig, und wenn wir ehrlich

sind, müssen wir auch gestehen, daß Corinth seinen Homer im Grunde

viel besser verstanden hat, als jene oft klassisch verbildeten

Philologen, die uns in unserer Jugend vor allem Derben und moralisch

irgendwie Verletzenden behutsam durch Überspringen einiger Verse zu

schützen suchten. So skizzenhaft übrigens das Bild -- ausgenommen

die Hauptgruppe -- angelegt ist, so fein abgewogen ist es gerade in

seinen koloristischen Werten. Dies warme Ziegelrot, das mit dem kühlen

Silbergrau hier und dort kontrastiert, hebt sich aus der bräunlichen

Gesamtharmonie fein heraus, so daß wir malerisch das Werk unbedenklich

als eine der besten Leistungen bezeichnen dürfen. Von geradezu

fabelhafter suggestiver Gewalt ist die Gruppe der Streitenden. Diese

Akte sind in ihrer Bewegung meisterhaft erfaßt und bis ins letzte

durchmodelliert. Hier spricht eine Könnerschaft, die immer exzeptionell

bleibt und zeichnerische Schwierigkeiten überhaupt nicht mehr kennt.

Dieses Bild aber steht als Mittelglied zwischen dem in München gemalten

„Diogenes“ und allen nachfolgenden, von der griechischen Mythologie

angeregten Szenen, die nicht immer ähnlich ursprünglich gesehen,

meistens aber doch von derselben frohen Lust erfüllt sind und alles

klassisch Verklärte mit Bewußtsein meiden. -- Wie ein Bruder jenes

Bettlers auf dem Odysseusbilde mutet der in dem von reicher Produktion

gekrönten Jahre 1904 entstandene „Tanzende Derwisch“ an, der ganz als

Skizze behandelt ist, aber was Meisterschaft in der Bewältigung eines

vom derben Tanz bewegten Körpers anlangt, seinesgleichen sucht (Abb.

57). Als Beweis für die souveräne zeichnerische Könnerschaft unseres

Künstlers verdient er darum auch an dieser Stelle hervorgehoben zu

werden.

[Illustration: Abb. 81. Paul Baum. 1908. Im Besitze der Galerie Arnold,

Dresden. (Zu Seite 96.)]

Vielleicht leitet er unbewußt zu einer größeren Komposition über, die

einer ähnlichen Freude am menschlichen Akt ihre Entstehung verdankt,

jener köstlichen Haremsszene, heute bei Generaldirektor ~Dr. h. c.~

Ganz in Luzern, die ganz wie ein hohes Lied üppiger Sinnlichkeit

verstanden sein will (Abb. 58). Ich glaube sogar, daß es einem Rubens

(und wen packte nicht gerade vor einem solchen Werke die Erinnerung

an den großen Flamen!) kaum besser gelungen ist, das Fleisch eines

Frauenkörpers in seiner stolzen Üppigkeit so sinnfällig zu machen, wie

man es hier empfindet. Dabei ist gerade dieses Bild voll von einer

reinen künstlerischen Schönheit, wenn man sieht, wie aus dem Licht

heraus die malerischen Werte entwickelt sind, wie wunderbar weich z. B.

der Rückenakt modelliert ist und wie die Skala engverwandter Töne in

der Erscheinung des Haremswächters ihren letzten Ausklang erlebt. Auch

dieses Bild hat daher den Anspruch als eines der Hauptwerke im Rahmen

des Corinthschen Schaffens gewertet zu werden.

[Illustration: Abb. 82. Deutsche Eiche. 1908. Im Besitze des Herrn Paul

Cassirer, Berlin. (Zu Seite 96).]

[Illustration: Abb. 83. Die Familie des Künstlers. 1909. Im Besitze des

Kestner-Museums zu Hannover. (Zu Seite 98.)]

Das überaus fruchtbare Jahr 1904 erhält eine besondere Bedeutung auch

durch die imponierende Zahl zeitgenössischer männlicher Porträts, die

mittelbar die engen Zusammenhänge unseres Meisters mit dem übrigen

geistig-künstlerischen Leben seiner Epoche dartun. Allen voran ist

hier das einfach erfaßte, aber von hoher geistiger Kraft und starker

Charakteristik erfüllte Bildnis des Malerkollegen Hans Olde zu nennen,

dem Corinth von der Löfftzschule her befreundet gewesen ist (Abb.

65). Daneben fesselt das auf den ersten Blick vielleicht ein wenig

fremdartig ansprechende Bildnis des Dichters Gerhart Hauptmann, der

-- wie wir sehen werden -- mittelbar durch sein Schaffen in die

künstlerische Entwicklung Corinths mehr als einmal eingegriffen hat.

Dieses Hauptmann-Porträt versucht mit aller Energie das geistig

Bedeutsame des interessanten Kopfes auszudrücken, und man darf

sagen, daß in diesem Antlitz wirklich ein Widerschein jener Stunden

aufzuleuchten scheint, die uns die „Versunkene Glocke“, den „Florian

Geyer“ und so vieles andere geschenkt haben (Abb. 53). Als malerische

Leistung erscheint das ebenfalls in diesem Jahre gemalte Bildnis

des Pianisten Conrad Ansorge (heute im Besitze der Sezessionsgalerie

in München) ungleich bedeutender (Abb. 62). Aber auch dieses

Porträtstück kann die Höhe einer der geistigen Größe des Dargestellten

gleichwertigen Potenz im Künstlerischen nicht verleugnen. Wie hier der

Pianist ganz zufällig in seinem Garten sitzt -- der für sich betrachtet

ein köstliches Landschaftsbild darbietet -- wie aber trotzdem das

durchfurchte Antlitz, hinter dem eine echte Leidenschaft zu schlummern

scheint, das Auge des Betrachters immer wieder in seinen Bann zieht,

das zeugt von einer selbstverständlichen Größe des Einfühlens in das

Wesensstarke des Dargestellten, die staunen macht, die mehr noch die

Diskretion in der Bewältigung einer so schwierigen Aufgabe, wie sie

nur der höchsten Könnerschaft zu lösen vergönnt ist, bewundern läßt.

Man darf sagen, daß Corinth auch in späteren Jahren über diese Summe

künstlerischer Intuition bei Porträtaufgaben nicht hinausgekommen ist,

vielleicht weil ihm fast nie wieder ähnliche Menschen begegnet sind,

die ihn um ihrer Bedeutung willen innerlich in gleichem Maße erregt

haben; es sei denn, daß man ihn selbst mit seinen Selbstbildnissen in

eine Parallele dazu stellen will.

[Illustration: Abb. 84. Stilleben mit Porzellanfigur. 1912. Im Besitze

der Galerie Arnold, Dresden.]

Aus dem fruchtbaren Jahre 1904 stammt noch die prächtige Szene

unter dem Titel „Frauenräuber“, die ähnlich monumental empfunden

ist wie das früher genannte Gemälde „Perseus und Andromeda“,

das als eines der ersten vorbildlichen Werke auf Berliner Boden

gewertet wurde. Beide Bilder stehen in Thema und Behandlung wie zwei

Geschwister nebeneinander, und was jenem zuerst erwähnten Werke im

besonderen nachgerühmt werden konnte, trifft unbedingt auch auf die

zuletztgenannte Schöpfung zu. Dagegen ist der „Blühende Garten“ vom

gleichen Jahre auch in diesem Zusammenhang nicht zu übersehen, weil er

wieder einmal ein Beispiel reiner Landschaftsmalerei ist, der Corinth

eigentlich erst in den letzten zehn Jahren in wahrhaft großem und alles

überragenden Stil nachgegangen ist (Abb. 56).

[Illustration: Abb. 85. Die Versuchung des heiligen Antonius. 1908. Im

Besitze des Herrn Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 96.)]

Im ganzen aber haben die hier behandelten Beispiele seiner Kunst

unzweifelhaft dargetan, daß Corinth auf dem Boden der Reichshauptstadt

einen Auftrieb seiner künstlerischen Kräfte erlebt hat, der nicht

zu verkennen ist. Nicht nur weil die glückliche Wendung seines

äußeren Lebens ihr Teil dazu beigetragen hat, ihm wirkliche

Schaffensfreudigkeit zu geben, sondern weil das hastende Gebrause

einer Weltstadt ihn innerlich mehr als einmal ergreifen mußte. Wir

sehen ihn geradezu als einen Repräsentanten dieser neuen Zeit, und

die Geschichte der Sezession beweist, daß er nicht minder auch einer

ihrer besten Vorkämpfer gewesen ist. Künstlerisch greift sein Schaffen

immer weiter aus. Während er der Malerei seine Hauptarbeit widmet,

werden seine radierten Blätter, seine Zeichnungen und Lithographien

zu Zeugnissen besonderer Art, die vereinzelt sogar noch vernehmlicher

von seiner hohen Menschlichkeit künden. Diesem Teil seiner Tätigkeit

wird der Biograph zwar späterhin noch in besonderer Weise gerecht

werden müssen, aber trotzdem mögen an dieser Stelle schon jene frühen

Arbeiten gewertet werden, die leider nur noch in zwei Exemplaren

vorhanden sind, in Wien und Hamburg, und dennoch den kleinen Zyklus von

„Tragikomödien“, der im Jahre 1894 begonnen wurde, unter Kennern sehr

berühmt gemacht haben.

Denn in der Tat sind diese Blätter Zeugnisse von einer unverwüstlichen

und weitausgreifenden künstlerischen Phantasie, der sich -- so oft sie

nur will -- auch Episoden der Geschichte durchaus modern offenbaren.

In diese kleine Folge spukt alles hinein: Heidentum und Christentum,

Vorgeschichtliches und historisch Überliefertes; den Ausschlag aber

gibt für die Beurteilung einzig und allein der Grad von Können, der

diesem Meister des Stiftes eigen ist. Ich habe bei einem flüchtigen

Besuch der Wiener Albertina das eine vollständige Exemplar dieser

Tragikomödien eingesehen und einige lose Notizen aufgezeichnet, die

ihren Inhalt näher umschreiben: Auf dem Titelblatt sieht man eine

Frauenbüste, darüber einen Schweinskopf, eine Arbeit, die, wenn sie

nicht von Corinth wäre, nur Felicien Rops zum Urheber haben könnte.

Das erste Blatt der Folge zeigt das Auge Gottes, eine auf einem Faun

reitende Frau und daneben einen fetten Kerl. In der Mitte hält ein

riesiger Arm ein Herz auf der Wage. Was Corinth hier verspotten wollte,

bedarf kaum einer Erklärung. Auf dem zweiten Blatt sieht man den Auszug

der Weiber von Weinsberg, mit der mittelalterlichen Stadtsilhouette

im Hintergrunde (Abb. 59). Eine berückend stilechte Schilderung der

Zeit von köstlicher Komik. Wie die hageren Männer ihren Ehehälften

auf dem Rücken sitzen, wie die Soldaten staunend dem Auszug dieser

viel zu mutigen Weiber zuschauen, das ist von einer so eindringlichen

Drastik, daß man kaum noch den Sinn dieser Sage anzudeuten braucht. Das

dritte Blatt schildert mit einem fast allzu stark betonten Realismus

den Gang der Königin Marie Antoinette zum Schafott unter Trommelwirbel

und dem Gekreisch der Marktweiber (Abb. 60). Auf einem weiteren Blatt

versucht mit spöttisch-überlegenem Geist der Künstler seinen Übermut an

der Legende von der Versuchung des heiligen Antonius zu kühlen. Hier

sieht man ein Weib auf den Schultern eines Faunes reiten als Symbol

für den Kampf christlicher Moral gegen die Sinnenlust des Fleisches,

während das nächste Blatt in den Personen von Alexander dem Großen und

Diogenes die Paradoxe des ruhmseligen Tatendranges und sogenannter

Alltagsweisheit verkörpert. Köstlich ist auch die auf dem sechsten

Blatt festgehaltene Parodie, wie Joseph dem Pharao seine Träume deutet,

diese Mischung jüdischer Geschwätzigkeit und eines archaistisch,

fast stilecht gesehenen altägyptischen Milieus (Abb. 61), dem das

Schlußblatt einer chaotischen Walpurgisnacht mit ungeheuerer Turbulenz

gegenübersteht.

[Illustration: Abb. 86. Der Apostel Paulus.

Flügelbildnis vom Altargemälde „Golgatha“. In der Kirche von Tapiau.

(Zu Seite 98.)]

Alles in allem begegnet uns gerade auf diesem, leider fast völlig

unbekannt gebliebenen Zyklus von Radierungen die Überlegenheit einer

Weltanschauung im Verein mit dem sprudelnden Reichtum einer echten

Künstlerphantasie, die an keinerlei Grenzen mehr gebunden zu sein

scheint, und vielleicht hat sich auch die Ursprünglichkeit dieses

Temperamentes nirgends ein ähnlich überzeugendes Denkmal gesetzt, denkt

man nicht an jene künstlerisch allerdings ungleich stärkeren Zyklen der

letzten Jahre wie den „Götz“ oder „Luther“.

⛝ ⛝ ⛝

Nach dieser im Hinblick auf das malerische Schaffen notwendigen

kurzen Ablenkung soll das nun anhebende Kapitel ausschließlich der

künstlerischen Produktion des Jahres 1905 gewidmet sein.

Ein weiteres Selbstbildnis des Meisters, auf dem er sich als

„grölender Bacchant“ karikiert hat, mag den Auftakt geben. Es ist

für sich wiederum ein Beweis von jener dionysischen Lebenslust,

die in Augenblicken das Schaffen Corinths verklärt hat und für die

wir ohne Mühe in den Werken alter Meister Gleichnisse finden. So

denkt man vor diesem Bilde an Brouwer, an den Simson, der an seinen

Ketten rüttelt, so wie ihn Jan Steen geschildert hat, und an vieles

andere, was mit Worten einfach nicht zu erschöpfen ist. Mag das

Gemälde auch für sich einer noch so übermütigen Laune des Augenblicks

entsprungen sein, malerisch ist es eine Leistung von unvergleichlich

hohem Range. Wie hier die derbe Grimasse mit wenigen kräftigen

Pinselstrichen festgehalten, wie alles nur skizzenhaft und doch von

einer ursprünglichen Wucht des künstlerischen Temperamentes umrissen

ist, das gibt dieser kleinen Probe malerischen Könnens seinen einzig

dastehenden Wert (Abb. 62). In der Technik nähert sich gerade dieses

Bild schon ganz den Spätwerken eines Hals. Denn jeder Pinselstrich ist

mit dem Spachtel hingemeißelt. Wie das Weinlaub im Haar nur mit zwei,

drei vom Lichte gehöhten Farbflecken angedeutet ist, so sind auch die

Furchen des Antlitzes beinahe plastisch aus der Farbe herausmodelliert

worden. -- Technisch steht dem Bilde das prächtige Porträt eines Hundes

nahe, das Corinth für einen Wiener Bekannten gemalt hat und das als

Stück bravouröser Malerei einen hohen Rang beanspruchen darf (Abb. 70).

Trübner hat ähnlich einmal eine Dogge gemalt, aber an Verve ist er doch

mit seinem Hunde hinter dieser Corinthschen Bestie zurückgeblieben.

Derartige Schöpfungen wollen im Sinne dieser biographischen Darstellung

weniger neue Belege für das längst begründete Können unseres Künstlers,

als vielmehr Beispiele seiner umfassenden malerischen Begabung

vermitteln, während andere Werke aus dieser Zeit sicher unmittelbarer

den Blick zur Werkstatt des Künstlers hinlenken und seiner Sinnesart

einen weitaus besseren Ausdruck gewähren. Als ein solches Bild sei

an dieser Stelle die „Kindheit des Zeus“ notiert, die dem „Kampf

des Odysseus“ sehr nahe steht und doch im Sinne der Komposition von

jenem wiederum stark verschieden ist (Abb. 71). Nicht nur, weil eine

größere Freiheit der Bewegung diese durchweg gleichmäßig behandelten

Gestalten beherrscht, sondern weil auch die Landschaft hier bei der

Komposition wesentlich mitspricht und das Burlesk-Dionysische kräftig

unterstreicht. Das ist ein echtes Stück mythologischen Lebens, so wie

es die Kunstanschauung eines reinen Naturvolkes erfunden und gestaltet

hat, und es ist wichtig, auch an dieser Stelle wiederum zu betonen,

daß der kräftige Realismus solcher und ähnlicher Szenen besser jene

ursprüngliche Note trifft als alles, was die Kunst vor solchen Motiven

mit dem Kulturgehalt unserer Zeit und einem fein abgewogenen, aber doch

wohl meist unechten Sentiment erfüllt hat. Vielleicht erkennt man den

Menschen Corinth nirgends besser als auf derartigen Schöpfungen, wo

seiner Phantasie keine Grenzen gezogen sind, aber seiner ursprünglichen

und stammesechten Art die schönsten Möglichkeiten zum künstlerischen

Ausleben dargeboten werden. Im übrigen braucht man an die malerischen

Vorzüge, an die zeichnerische Pracht eines solchen Bildes kaum

noch besonders zu erinnern, weil der artistische Reiz mit völliger

Selbstverständlichkeit vor unser Bewußtsein tritt.

[Illustration: Abb. 87. Tilla Durieux als spanische Tänzerin. 1908. (Zu

Seite 93.)]

Aus dem gleichen Jahre stammt noch das hier abgebildete Gemälde „Unter

dem Kronleuchter“, das in einem köstlichen Farbenmosaik das Flackernde

des Kronleuchters, den Glanz von Gläsern und Tellern eingefangen und

im ganzen eine Interieurstimmung von äußerst intimem Reiz festgehalten

hat (Abb. 68). Ferner muß in diesem Zusammenhang das gleichfalls 1905

unter dem Titel „Mutter und Kind“ gemalte Bild genannt werden, das

wiederum ein kleines Stück persönlicher Lebensbeichte bedeutet, da die

Dargestellte die Gattin des Meisters und der nackte kleine Kerl auf

ihrem Schoße der Erstgeborene des Künstlers, sein Sohn Thomas ist (Abb.

64).

[Illustration: Abb. 88. Bildnis des Schriftstellers Kerr. 1907. Im

Besitze des Künstlers.

(Zu Seite 91.)]

[Illustration: Abb. 89. Kreuztragung. 1909. Im Besitze des Künstlers.

(Zu Seite 96.)]

[Illustration: Abb. 90. Golgatha. Altargemälde. In der Kirche zu

Tapiau. Mit Erlaubnis von Paul Cassirer, Berlin. (Zu Seite 98.)]

Unter den zahlreichen Werken des folgenden Jahres steht die heute im

Leipziger Museum befindliche „Kreuzabnahme“ obenan (Abb. 74). Ja,

man kann sagen, wenn der Satz, daß die reine Kunst überhaupt mit dem

Motiv nichts zu schaffen habe, vor einem einzigen Bilde zu erhärten

wäre, man hier die Probe aufs Exempel machen könnte. Denn hier ist

alles groß gesehen, die malerische Komposition, die in der Mitte durch

den Kreuzesstamm ihre Achse erhält, die Art, wie die Gruppe vor den

Abendhimmel gestellt ist, wodurch dem Licht wiederum die Rolle des

eigentlichen Lebensfaktors zuerteilt wurde, das Gedankenvolle auf den

einzelnen Gesichtern der Menschen und die Verschiedenartigkeit ihrer

Temperamente, der Gegensatz zwischen dem von hinten gesehenen, derb

und teilnahmlos dreinschauenden Kriegsknecht und der schmerzerfüllten

Frauengruppe der rechten Hälfte. Nichts ist auf diesem Bilde

übertrieben, das Großartigste an malerisch zeichnerischem Können

bedeutet aber doch der vom Kreuze herabgeholte Heiland, dessen müdes

Dahinsinken ganz meisterhaft gesehen ist. Das Leipziger Museum darf

sich zu diesem von einem Kunstfreunde gestifteten Werke aufrichtig

beglückwünschen.

[Illustration: Abb. 91. Studie zur Kreuztragung. (Zu Seite 98.)]

[Illustration: Abb. 92. Federzeichnung nach einer Frauenhand. (Zu Seite

108.)]

[Illustration: Abb. 93. Mutter und Kind. Radierung.]

Lovis Corinth · 第 4 / 7 段