In dem lustigen „Bacchanale“ vom Jahre 1896 dagegen, das einstmals

in München, für uns heute unbegreiflich, abgelehnt wurde, enthüllt

sich das Dionysische heiterer Lebenskunst, mythologisch verklärt, in

reinster Form (Abb. 26). Botticellische Frühlingsstimmung paart sich

auf diesem Bilde mit dem tanzfrohen Rhythmus bewegter Gestalten. Derbe

Sinnenfreudigkeit sucht einen Gleichklang in der blumensprießenden

Landschaft. Ein dekorativer Zug beherrscht die Komposition, der später

nur selten ähnlich begegnet. Diesem Werke nahe verwandt ist die auf

eine ähnliche Note gestimmte „Geburt der Venus“, die vielleicht in noch

höherem Maße die Erinnerung an den genannten Meister des ausgehenden

Florentiner Quattrocento wachruft (Abb. 28). Vielleicht darf man in

diesem Bilde auch entfernt Böcklinsche Reminiszenzen vermuten, obwohl

man gerade dieses Meisters Einfluß sonst bei Corinth am wenigsten

feststellen kann; das Verlangen nach dekorativer Wirkung ist auch hier

unverkennbar.

[Illustration: Abb. 61. Joseph vor Pharao. 1892/93. Aus den

„Tragikomödien“. (Zu Seite 80.)]

[Illustration: Abb. 62. Bildnis des Pianisten Conrad Ansorge. 1904. (Zu

S. 77.)

Im Besitze der Sezessionsgalerie in München.]

Eine der bedeutendsten Schöpfungen dieser Münchener Epoche ist das

Dichterbildnis des Grafen Keyserlingk, das Corinth im Jahre 1896 gemalt

hat (Abb. 30). Einfach bis zur Primitivität, legt es den künstlerischen

Nachdruck ganz und gar auf die physiognomische Durchbildung des

Antlitzes. Seltsam beängstigend wirkt der starre Blick des Poeten,

die mehr als Geist, denn als Körper empfundene Gestalt dieses später

erblindeten Dichters, den unsere Literatur mit zu den besten zählt.

Wollte man ein von ähnlicher Durchdringung des Charakters erfülltes

Bild namhaft machen, man käme wie von selbst zu jenem köstlichen

Selbstporträt des Meisters aus dem gleichen Jahre (Abb. 35). Durch das

Atelierfenster irrt der Blick zu den Häusern von Schwabing hin und

das Totengerippe neben dem Künstler mag an die Vergänglichkeit alles

Irdischen mahnen. Ernst und grübelnd sieht der Künstler den Beschauer

an, und man empfindet vor diesem willensstarken Menschen deutlich,

daß nachdenkliche Stunden seinem Leben den wahren Reichtum zugeführt

haben. Vielleicht, daß man eines Tages gerade dieses Selbstbildnis

in eine Reihe mit den berühmten Porträts der Kunstgeschichte stellen

wird, obwohl sich der Meister in den nachfolgenden Jahren wie

Rembrandt gern und oft in wechselnder Erscheinung porträtiert hat.

Diese Selbstbildnisse haben neben dem rein künstlerischen auch ein

biographisches Interesse. Sie sind Belege für Seelenstimmungen und

stellen nie den ganzen Menschen dar, aber alle zusammen spiegeln

sie doch die Vielseitigkeit eines Geistes, der in seinem Verlangen

nach künstlerischer Universalität nicht zu unterschätzen ist. Hier

erscheint Corinth in Reflexionen befangen, dort mit offenen Armen der

frohen Lebenslust zugewandt. Hier ein Draufgänger in mittelalterlicher

Rüstung, so wie er sich später auf dem berühmten „Fahnenträger“

darstellt, dort ganz erfüllt von der Freude an Heim und Familie.

Immer aber überkommt den Betrachter die Empfindung, daß neben den

rein malerischen Aufgaben es in erster Linie psychologische Probleme

gewesen sind, deren er mit Hilfe der Farbe Herr zu werden bemüht

war. Wie schon gesagt wurde, erinnert diese Folge der Selbstporträts

an den großen holländischen Meister, dessen Menschenschicksal

nirgends so unmittelbar vor unser Bewußtsein tritt wie auf den

jubilierenden Bildnissen der glücklichen Saskiazeit und im Gegensatz

dazu erschütternd auf jenen Selbstporträts seiner Spätzeit, die ganz

Weltabkehr und Resignation geworden sind. Psychologisch verwandte

Momente zeigen auch die Corinthschen Schöpfungen dieser Art, allen

voran das eben erwähnte Selbstbildnis mit dem Skelett.

[Illustration: Abb. 63. Grölender Bacchant. 1905.

Im Besitze der Kunsthandlung Carl Nicolai, Charlottenburg. (Zu Seite

81.)]

[Illustration: Abb. 64. Mutter und Kind. 1905.

Im Besitze des Herrn Konrad Meyer, Königsberg i. P. (Zu Seite 83.)]

[Illustration: Abb. 65. Bildnis des Malers Hans Olde. 1904.

Im Besitze des Herrn Ernst Zaeslein, Grunewald. (Zu Seite 76.)]

[Illustration: Abb. 66. Hände mit Blumen. 1907. Im Besitze des

Direktors Stern, Berlin. (Zu Seite 91.)]

[Illustration: Abb. 67. Des Künstlers Gattin mit Kätzchen. 1904.]

Aus dem folgenden Jahre stammen zwei Bilder, die Corinth wiederum von

einer neuen Seite kennen lehren und doch an früher gekennzeichneten

Punkten anknüpfen, denen der Meister auch in seiner Selbstbiographie

bedeutsam genug Erwähnung getan hat. Man erinnere sich an die

Königsberger Zeit, wie er mit dem Onkel Fleischer den Schlachthof

zu besuchen und hier nach den Tieren zu zeichnen pflegte. Bei der

Schilderung des Pariser Lebens aber verweilt Corinth auch bei

dem schönen malerischen Eindruck, den die Schlächterläden der

französischen Hauptstadt auf ihn gemacht haben. Solche Reminiszenzen

mögen für ihn bei der Entstehung jenes ersten bedeutenden

„Fleischerladens“ mitgewirkt haben, den er bei einem Besuch in

Unterschäftlarn an der Isar 1897 gemalt hat (Abb. 32). Es ist ein

malerisch ungemein feines, koloristisch in seinen weiß-roten Tönen

stark vertieftes Bild, auf dem die Wirkung des Lichtes wiederum eine

hervorragende Rolle spielt. Etwas skizzenhafter ist das „Stallinnere“

gegeben, bei dem man entfernt an Zügelsche Motive denken könnte, wenn

nicht die malerische Handschrift auf einen so viel ursprünglicheren

Künstler hinwiese, der hier seinem Stoffgebiet ein neues, ziemlich

vereinzelt gebliebenes Thema anzugliedern bemüht ist (Abb. 33).

Dagegen begegnen in den beiden anderen Hauptbildern dieses Jahres,

den „Hexen“ und der prachtvollen „Kreuzigung“ in der Kirche von Tölz,

von früher her bekannte Motive, so neu auch die Themen im einzelnen

sind. Das erstgenannte Werk zeigt in drastisch derber Auffassung eine

genreartige, aber doch stark realistische Szene Münchener Lebens,

wie etwa ein hübsches Modell für die Redoute vorbereitet wird und

wie die neugierigen Gevatterinnen aus der Nachbarschaft baß erstaunt

sind über die frische, vielleicht ein wenig zu üppige Schönheit der

jungen Hexe, die eben ihre Toilette beendet und kommenden Freuden des

Abends entgegenlacht (Abb. 36). Das Bild hat in dem Gegensatz von

Hell und Dunkel und speziell in der Gruppe der alten Weiber Momente,

die entfernt an Velazquez gemahnen könnten, so gesucht auch dieser

Vergleich hier anmuten mag. Hat Corinth hier dem Leben eine etwas

indiskrete Szene abgelauscht, so erschüttert der tragische Ernst

jener ersten großen Kreuzigungsgruppe, die später von andrer Seite

der Kirche in Tölz geschenkt worden ist (Abb. 38). Hier ist nichts,

was nicht von der höchsten Meisterschaft des Könnens kündet, und so

grausam realistisch auch alle Gebärden dieser Schöpfung sein mögen, so

überwältigend ist doch die furchtbare Klage der vier Menschen, die den

verscheidenden Heiland umstehen, dessen Erscheinung wie jener Christus

am Kreuz von Grünewald im Museum zu Kolmar die Züge des Duldens mit

dem göttlich hohen Erlösergedanken verwebt. Prachtvoll ist die Gestalt

der klagenden Magdalena, wunderbar echt der tiefe fragende Schmerz,

der sich im Antlitz des Johannes spiegelt, welcher die in Ohnmacht

dahinsinkende Gottesmutter stützt. Vielleicht, daß ohne die Grimassen

schneidenden Gesichter der beiden Schächer das künstlerische Moment

dieses Bildes noch besser zum Durchbruch käme -- vielleicht, daß

sich erst im Gegensatz zu diesen brutal realistischen Gesellen die

erschütternde Tragik, von der die Gruppe der Klagenden erfüllt ist,

voll empfinden läßt. Einerlei, das Werk gehört -- so wie es ist -- in

die vorderste Reihe jener Kreuzigungsgruppen, die uns von den ganz

großen Meistern der Kunstgeschichte geschenkt worden sind, und es

ist durchaus nicht nebensächlich, im besonderen darauf hinzuweisen,

daß sich Corinth in der religiösen Inbrunst seines Gefühles hier dem

deutschesten aller Maler, dem Meister des Kolmarer Altares nähert. Aber

es muß auch an dieser Stelle gesagt werden, daß diese „Kreuzigung“

schlechthin als +das+ Bild seiner Münchener Zeit angesprochen

werden darf, ähnlich wie die früher genannte, in Königsberg gemalte

Pietà im Magdeburger Museum +das+ Werk seiner ersten selbständigen

Periode ist. Vielleicht, daß man überhaupt -- auch in der Folge --

dem Künstler Corinth in seiner wahren Größe nie ähnlich nahe kommt

wie auf jenen religiösen Schöpfungen, auf denen sich das Wesensstarke

-- man möchte sagen -- Urgermanische seiner Art am unverfälschtesten

ausgesprochen hat. Sie kennzeichnen schlechthin die eine große,

künstlerisch impulsiv gestaltende Seite seines Wesens, die nie den

Ernst und die große Menschlichkeit verleugnen kann, wie die arkadisch

heiteren mythologischen Bilder ihrerseits der kräftigen Lebensfreude

ein Denkmal setzen. Zwischen diesen beiden Polen, die den Weltweisen

und Lebenskünstler in sich begreifen, scheint das ganze Schaffen des

Meisters eingeschlossen.

[Illustration: Abb. 68. Unter dem Kronleuchter. 1905. Im Besitze des

Herrn Eduard Krüger, Berlin. (Zu Seite 82.)]

[Illustration: Abb. 69. Im Fleischerladen. 1906. In rheinischem

Privatbesitz.]

[Illustration: Abb. 70. Hektor. 1905. In Wiener Privatbesitz. (Zu Seite

81.)]

Dionysisch im besten Sinne des Wortes ist der „Bacchantenzug“ vom Jahre

1898, der auf der ersten Berliner Sezessionsausstellung zum ersten Male

öffentlich gezeigt wurde (Abb. 27). Gewiß denkt man vor diesem Bilde

ohne weiteres an Rubens, aber in der Art, wie hier die weinseligen

Gestalten direkt vor einem rötlich aufflammenden Abendhimmel gesehen

sind, wie gerade das Licht die Körper modelliert, ist es doch ein

Beleg jener vom Pleinairismus bestimmten neueren Kunstanschauung. --

Nach der Tölzer Kreuzigungsgruppe hat sich Corinth übrigens bewußt

für längere Zeit von den Bildern großen Formates ferngehalten, weil

bei ihnen die Verkaufsmöglichkeiten zu gering waren, und sicher ist

diese mit Recht geübte Enthaltsamkeit der Entwicklung seines Talentes

zustatten gekommen. Aufträge waren damals im ganzen für unseren Meister

noch große Seltenheiten, und seine Bilder fanden nur zu sehr billigen

Preisen Käufer. Unter den Werken der letzten Münchener Jahre verdient

noch ein Bild besonders erwähnt zu werden. Es ist das Bild des Pfarrers

Moser vom Jahre 1899, das sich in Frankfurter Privatbesitz befindet

(Abb. 37). Ein männlich starkes, geistig vertieftes Porträt, das den

gottesgelahrten Herrn ungemein charakteristisch erfaßt hat. Wie hier

alles Gewicht auf den bedeutenden Kopf gelegt ist, demgegenüber

das knapp angedeutete Milieu nur skizzenhaft umrissen erscheint,

das läßt wiederum an eines jener unvergänglichen Halsschen Porträts

wie das Bild des zu seiner Zeit berühmten Herrn Caspar Sibelius von

Deventer (heute in der Sammlung Borden in Neuyork) denken. Auch ist

es berechtigt, gerade vor einem solchen Werke darauf hinzuweisen,

wie die malerische Technik des Corinthschen Pinsels sich immer mehr

auf Knappheit reduziert, wie die Breite der Pinselstriche zunimmt

und wie doch auch ein sichtlich gesteigerter malerischer Geschmack

die Valeurs zusammenfügt. Rein als Studie ist in diesem Sinne der

prächtig modellierte Frauenakt desselben Jahres interessant, den das

Museum zu Königsberg verwahrt und bei dem das Schwarz der in breiten

Strichen hingemalten Haare sehr hübsch gegen den weichen Schmelz des

Körpers kontrastiert (Abb. 39), während das psychologisch ungemein

ansprechende Bildnis Liebermanns, das Corinth im gleichen Jahre gemalt

hat, in der Reihe der Männerporträts immer einen hervorragenden Rang

beanspruchen darf (Abb. 40). Es bedeutet im Leben unseres Meisters

fast den ersten Übergang von dem Münchener Aufenthalt in die herbere

Atmosphäre der Reichshauptstadt. Denn es kündet zuerst von den

Beziehungen, die Corinth mit dem kleinen Kreise jener fortschrittlich

gesinnten Künstler Berlins verband, die später seine Kollegen und

Mitkämpfer in der Sezession geworden sind. Ob nachher auch noch

dieses oder jenes Werk in München entstand -- in dem Augenblick, wo

Corinth das Porträt Liebermanns während eines längeren Aufenthaltes

in der Reichshauptstadt gemalt hat, ist innerlich auch sein Entschluß

gefaßt, München dauernd den Rücken zu kehren. Wie er selbst über

die etwas vermoderte Luft gedacht hat, in der sich das offizielle

künstlerische Leben in der süddeutschen Residenz abspielte, wissen

wir nur zu gut aus den der „Allotria“ und dem Simplizissimuskreise

gewidmeten Kapiteln seiner Selbstbiographie, und fast will es scheinen,

als hätten wir allen Grund, jenen Augenblick zu preisen, in dem der

längst erwogene Entschluß zur Tat wurde. Denn mag man die durch

Paris-Königsberg-München bisher umschriebenen Stufen seiner Entwicklung

auch nicht gering schätzen, weil jede für sich einen Zuwachs an Kräften

bedeutet, so brachte doch erst Berlin die letzte entscheidende Wendung

in sein Leben, eine Wendung, die man doppelt freudig begrüßen muß,

weil sie das im Grunde stark norddeutsch ausgeprägte Temperament des

Künstlers zu einem wesensverwandten Boden hingeführt und mehr: weil es

ihn in einen großen künstlerischen Kampf gestellt hat, der seine Kräfte

erst vollends entfalten mußte.

[Illustration: Abb. 71. Die Kindheit des Zeus. 1905. In Berliner

Privatbesitz. (Zu Seite 81.)]

[Illustration: Abb. 72. Venus und Mars. 1906. (Zu Seite 86.)]

Denn wenn einer von unseren modernen deutschen Künstlern eine geborene

Kämpfernatur ist, dann ist es Corinth. Indem er sich mit seinem

Schaffen von Anbeginn auf die Seite jener kleinen mutigen Schar

stellte, deren Ehrgeiz niemals nach offizieller Anerkennung gedurstet

hat, wurde er eine der Hauptstützen der Berliner Sezession, die ihn

auch heute noch als eigentlichen Führer anerkennt. Freilich hat

Corinth auch für die Folge seine alten, langjährigen Beziehungen zu

München nicht verleugnet. Die dortige Sezession hat ihm stets eine

ehrende Aufnahme bereitet, und er ist gern und oft auch zu längerem

und kürzerem Besuch nach München zurückgekehrt. Bei einer solchen

Gelegenheit sind z. B. das Bild der Familie des Dichters Max Halbe

(Abb. 44) und ein Porträt der anmutigen Gattin Halbes entstanden. Vor

allem aber war es der Aufenthalt an den bayrischen Seen, der Corinth

immer wieder nach dem Süden geführt hat.

[Illustration: Abb. 73. Eisbahn. 1907. Im Besitze der Galerie Arnold,

Dresden. (Zu Seite 91.)]

Trotzdem aber bezeichnet die im Jahre 1900 erfolgte Übersiedlung

des Meisters nach Berlin den wichtigsten Wendepunkt in seinem

Leben, und es ist ganz augenfällig, wie von nun an nicht nur seine

Produktionsfreudigkeit im großen zunimmt, sondern wie sich auch

die künstlerischen Kräfte immer freier entfalten. In der Beziehung

mutet die gegen Ende 1899 gemalte große „Salome“ im Besitz der Frau

Carl Toelle in Barmen wie ein erster Auftakt auch zu einem neuen

koloristischen Stil an, nicht nur weil die Farbigkeit rhythmisch

mehr gesteigert ist, als auf früheren Bildern dieser Art, sondern

weil auch der Pinselstrich an kaum verkennbarem Schmiß gewonnen hat.

Aber auf diesem Werke überrascht auf der anderen Seite nicht minder

auch die Diskretion, mit der Corinth hier eines der blutrünstigsten

Themata der Kunstgeschichte behandelt hat. Nichts wild Perverses

schlummert in dieser Salome, sondern -- sähe man nicht den Kopf des

Täufers -- so käme man fast auf die Vermutung, Corinth habe hier eine

jener morgenländisch heiteren Szenen aus „Tausendundeiner Nacht“

gestaltet, als sei es ein lustiges Spiel, den Vorstellungen eines

fernen Traumlandes entnommen, was sich hier vor unseren Augen enthüllt

(Abb. 46). Mehr Hauptaktrice in der Johannestragödie im wahrsten Sinne

des Wortes als diese mit einem Unterton des Dekorativen inmitten einer

orientalischen Szene behandelte blutdürstige Königstochter ist jene

Eysoldt als Salome, die er später nach dem Leben gemalt hat (Abb. 51).

Berlin aber schenkte ihm vor allem einen Kreis innerlich verwandter

Kollegen; es hat dem Hagestolzen sogar die viel jüngere sympathische

Gattin in der Gestalt der begabten Malerin Charlotte Berend zugeführt,

die eine Zeitlang seine Schülerin gewesen ist. Nur in Berlin ist

Corinth auch als Lehrer denkbar gewesen, weil diese alles Neue begierig

suchende Stadt auch mit Sicherheit der rechte Nährboden für einen

stolzen künstlerischen Nachwuchs sein mußte. Und so ist auf diesem

Boden des Meisters Schaffen nicht nur selbst ungeheuer reich gewesen,

sondern es hat auch in höchstem Maße fruchtbar und anregend auf die

jüngere Generation gewirkt.

[Illustration: Abb. 74. Kreuzabnahme. 1906. Im Besitze des Museums zu

Leipzig. (Zu Seite 83.)]

Sehr vieles wird im Laufe dieser Ausführungen noch hervorgehoben werden

müssen, was im guten Sinne der Einfluß des oft zu Unrecht verkannten

Berliner Kunstbetriebes, mehr vielleicht noch die imponierende junge

Größe dieser Stadt, ihr starker Rhythmus innerlichen Lebens dem Meister

vermittelt haben, und nicht minder scheint es begründet, gerade im

Zusammenhang hiermit darauf hinzuweisen, daß die Lebensenergie dieser

kosmopolitisch bewegten Zentrale überhaupt der deutschen Moderne den

weitaus größten Wertzuwachs gegeben hat. Gerade im Geiste des in jenen

Jahren anhebenden künstlerischen Kampfes, der mit der Begründung der

Sezession einsetzt, erscheint das immer mächtiger sich entfaltende

Schaffen Corinths doppelt erstaunlich. Es ist im letzten getragen

und vorwärts getrieben von dem Rhythmus einer neuen Zeit, die den

Persönlichkeitswert wieder zu schätzen weiß und mehr denn je nach

ausgesprochenen Kämpfernaturen verlangt. Schade nur, daß uns für diese

mehr als zwanzigjährige Entwicklung nicht auch autobiographische

Notizen unseres Meisters zu Gebote stehen wie für seine Jugendzeit;

man würde dann besser noch empfinden, was diese starke Persönlichkeit

an das Leben gekettet hat, was ihren Kräften den unerhörten Auftrieb

gab, dem wir fortan begegnen -- und was den Kämpfer im Innersten mit

seiner kleinen Sezessionsgemeinde verband. Etwas von diesen nicht zu

entbehrenden Aufklärungen klingt in der schon erwähnten köstlichen

Biographie seines Freundes Walter Leistikow wieder, die Corinth 1910

veröffentlicht hat, deren Wert daher immer wieder hervorgehoben werden

muß. Aber gerade hier begegnen uns immer nur vereinzelte Momente, bei

denen wohl die allgemeine Stimmung durchzittert, indes von sich selbst

erzählt Corinth leider nur zu wenig.

[Illustration: Abb. 75. Selbstbildnis. 1907. Im Besitze der Kunsthalle

zu Mannheim. (Zu Seite 86.)]

[Illustration: Abb. 76. Fächer mit der Darstellung der tanzenden

Salome. 1906. Im Besitze von Frau Mauthner, Berlin. (Zu Seite 86.)]

[Illustration: Abb. 77. Die Blendung Simsons. 1907. In Mainzer Galerie.

(Zu Seite 89.)]

[Illustration: Abb. 78. Martyrium. 1907. Im Besitze des Künstlers. (Zu

Seite 88.)]

Übrigens erkennt man vielleicht auch nirgends die Schnellebigkeit

unserer Zeit so klar wie in jenem verhältnismäßig doch sehr kurzen

Kapitel Berliner Sezessionsgeschichte. Daß diese heute unbedingt ein

Stück Historie ist, daß die an jener Stätte gezeigten Werke zum großen

Teil bereits Besitz klassischer deutscher Kunst geworden sind, gibt

nicht wenig zu denken, nicht minder auch, wie das schnelle Emporkommen

gerade der Jüngsten das Tempo unseres Zeitalters auch künstlerisch

kennzeichnet. Es mag bei dieser Gelegenheit deshalb daran erinnert

werden, daß diese Zeit darum auch andere Menschen und eine neue Spezies

von Künstlernaturen verlangt, deren Überzeugung aus dem Gefühl unserer

Tage herausgewachsen ist, ja daß die ganze Vielgestaltigkeit unseres

Zeitalters neue Menschen braucht, die den Mut des Bekennertums von

Hause aus mit sich bringen. Für diese neue Zeit erscheint gerade

Corinth als ein prachtvoll-vorbildlicher Typ. Er ist unbeirrt seinen

künstlerischen Zielen mit einer selten wieder erlebten Treue gegen

sich selbst nachgegangen, die staunen macht, und er hat die ihm von

Natur angeborene geistige Überlegenheit auch im Dienste seiner Kunst

wohl zu verwerten gewußt. Das macht ihn als Menschen und Künstler

so prachtvoll groß, das wird unabhängig von der Qualität seiner

malerischen Arbeit seiner Persönlichkeit immerfort einen hervorragenden

Platz in der Geschichte unseres Jahrhunderts sichern. Es wäre verkehrt,

von ihm zu sagen, daß er -- kunsthistorisch gesehen -- irgendeine

Entwicklungslinie fortgesetzt und zu einem Endpunkt geführt habe, wie

man es bei anderen Meistern unserer Zeit mit philologischer Akribie so

gerne zu beweisen sucht, sondern bei ihm ist eine große Dosis echter

Menschlichkeit, die in der bahnbrechenden Kunst alter Jahrhunderte

lebt, in ein neues Gefäß gefüllt worden, und aus diesem Gefäß heraus

hat sich der Zauber seiner Schöpfungen enthüllt. Vielleicht, daß

man diesen letzten Reiz seinen Werken nur ablauschen kann, wenn man

den Menschen kennen und lieben gelernt hat, diesen prächtig starken

Geist, der um seiner herzgewinnenden Ehrlichkeit willen jeden, der

das Glück hatte, ihm innerlich nahezutreten, in seinen Bann zieht.

Man hat diesen Künstler Jahre hindurch verkannt und gering gewertet.

Daran hatte er weniger Schuld als die Nüchternheit eines Jahrhunderts,

der er die königliche Fülle seiner Phantasie schenkte. Man hat seinen

Humor falsch gedeutet und den scheinbaren Realismus seiner Schöpfungen

aus Empfindungen heraus verkehrt verstanden, die ganz und gar mit dem

Künstlerischen nichts zu tun haben.

⛝ ⛝ ⛝

Eine der ersten großen Schöpfungen der Berliner Jahre ist das Gemälde

„Perseus und Andromeda“ (Abb. 41). Das Bild ist 1901 gemalt und

gibt einen bedeutsamen Auftakt zu späteren Werken aus verwandtem

Stoffgebiet. Und doch wird es immer für sich gewertet werden müssen,

weil es eines der wenigen Gemälde ist, die wahrhaft monumental

ansprechen. Wenn man durchaus kunstgeschichtliche Reminiszenzen

hören will, dann kann man sagen, daß es über die Jahrhunderte hinweg

unbedingt neben Pisanellos „Heiligem Georg“ in St. Anastasia zu

Verona steht, jenem Bilde, auf dem sich das romantische italienische

Mittelalter ein unvergleichliches Denkmal gesetzt hat. Mythologie

(antik oder christlich bleibt eins) hier wie dort. Die etwas kokette

Erscheinung der befreiten Schönen, der in mittelalterlicher Rüstung

verkleidete Don Juan der antiken Göttergeschichte, alles ist hier mit

modernen Augen gesehen, modern auch mit leuchtendem Kolorismus gemalt

und voll der inneren souveränen Größe eines Künstlers, der fortan im

Technischen nirgends mehr zaghaft erscheint. Nur wenige kräftige Linien

geben der Komposition ihren Raumgehalt; ein taufrischer Humor hat die

Szene verklärt.

Daß die Kräfte Corinths gerade in jenen Jahren seiner Berliner Frühzeit

gewaltig gereift sind, ist unverkennbar. Immer mehr wird er zu einem

Virtuosen des Pinsels, wenn das ominöse Wort gestattet sein mag. Aber

innerlich stark steht er Porträtaufträgen doch nur dann gegenüber, wenn

sie ihn -- wie man das beim Bildnis des Dichters Peter Hille (heute im

Besitz der Bremer Kunsthalle) deutlich genug empfindet -- bedeutenden

Persönlichkeiten nahebringen (Abb. 43). Dieses Bildnis steht in einer

Linie mit dem Pfarrer Moser und dem Grafen Keyserlingk.

[Illustration: Abb. 79. Blick auf die Elbe bei Altona. (Zu Seite 104.)

Im Besitze der Kunsthalle zu Hamburg.]

[Illustration: Abb. 80. Das Urteil des Paris. 1907. Im Besitze der

Sammlung Rothermundt, Dresden. (Zu Seite 86.)]

Lovis Corinth · 第 3 / 7 段