Es kann zunächst überraschen, daß der Maler nicht gleich nach

Paris ging, sondern erst den Umweg über Antwerpen machte, wohin

ihn vielleicht mehr das Gefühl innerer Verwandtschaft, die seinen

Heimatboden mit der entfernten flämischen Küste verbindet, als die

Überzeugung hinzog, hier wirklich dem neuen befruchtenden Geist

der Zeit näher kommen zu können. Auch lockte ihn die gerade in den

damaligen Jahren ausgesprochen preußenfeindliche Stimmung wenig,

sogleich die französische Hauptstadt aufzusuchen. Auf jeden Fall aber

bedeutete diese endgültige Abkehr von München einen Akt gewaltsamer

Selbstbefreiung, der sich als ungemein heilsam erwiesen hat. Denn

nicht nur die Tatsache, daß jeden künstlerisch empfindenden Menschen

in solchen Jahren des Reifens die Bekanntschaft fremder Rassen und

Länder von Grund aus erregen und anregen muß, ist auch für unseren

Meister wichtig gewesen, sondern erhöhte Bedeutung hat für ihn der

Umstand, daß sich sein Schritt einem Lande mit kraftvoller Eigenart

und hoher künstlerischer Tradition zuwandte. Die Bekanntschaft der

flämischen Sittenmaler vom Schlage der Brueghel, Teniers u. a.,

vornehmlich aber das Studium eines Rubens und Jordaens haben bewußt die

weitere Entwicklung des Malers stark beeinflußt, stärker als alles,

was ihm vielleicht kurz nachher das moderne Frankreich vermitteln

konnte. Man darf es auch unterstreichen, daß Corinth gerade in dem

Heimatlande dieser Künstler den starken Zusammenhang zwischen dem

eigentlichen Boden dieser Kunst und dem Spezifischen ihres Wesens

sehr schnell erkannt hat und daß ihn angesichts der Werke der alten

Meister das beglückende Empfinden ihrer Bodenständigkeit und der Treue

gegen die eigene Persönlichkeit überkam. Denn wenn sichtbar überhaupt

Einflüsse irgendwelcher Art das Corinthsche Schaffen berührt und in

bestimmte Bahnen hingelenkt haben, so sind es höchstens jene alten,

ihm wesensverwandten Meister gewesen, die ihm zuerst in Antwerpen in

der ganzen Fülle ihres Temperamentes, aber auch als Verkörperer ihrer

Rasse bewußt wurden. Daß Corinth schon in München diese Flamen kennen

gelernt, will gegenüber dem köstlichen Gefühl wenig besagen, das ihn

gefangennahm, als er diese alten Meister erst in ihrem eigenen Lande

wirklich neuentdeckte. Auch wir Nichtkünstler haben ja das gleiche

Gefühl auf unseren Reisen so oft an uns erfahren; es ist vielleicht

die einzige Genugtuung, die einem das Studium der Kunstgeschichte

überhaupt bieten kann, weil es im Geiste die Scheide der Jahrhunderte

wegzieht und dem Blick im Nu die ganze Persönlichkeit eines Malers in

seiner Umwelt als feinen Interpreten auch seiner Zeit enthüllt. Hier

in Antwerpen entstand jener „Othello“, der wie ein Gegenstück zu dem

von Hals gemalten Mulatten der Kasseler Galerie anspricht (Abb. 4).

Das ist nicht der elegante Held der Shakespeareschen Tragödie, sondern

ein vom Schicksal in die belgische Hafenstadt verschlagener Neger,

sicher aber als Porträt eine hervorragende Leistung dieser frühen

Zeit. Indes, für Corinth war die Reise durch Belgien und der kurze

Aufenthalt in Antwerpen im ganzen nur ein Umweg nach Paris, das gerade

damals das Ziel so vieler deutscher Maler gewesen ist, seitdem Millets

Ruhm nach Deutschland gedrungen war, seitdem man in Künstlerkreisen

angefangen hatte, selbst in Manet einen neuen Wegweiser zu sehen,

und man Bastien-Lepage als eine Art Vermittler zwischen den beiden

genannten Künstlern besonders bewunderte. Und in Paris gab es nur

eine Möglichkeit, künstlerisch im Sinne dieser neuen Zeit gebildet

zu werden, das war die Akademie Julian, deren Mitglied Corinth gegen

Ende des Jahres 1884 wird. Er selbst hat den Eintritt bei Bouguereau,

diesem „~fils naturel de Ribera~“, köstlich genug beschrieben: wie die

Schüler sich um den Neuling drängten, als er zum erstenmal das Atelier

betritt, weil er „mit seinem struppigen dunklen Bart und viereckigen

Gesicht bizarr genug von den anderen abstach“, wie er sich zuerst

geniert, seine Nationalität zu verraten, bis er doch das Zugeständnis

machen muß, daß er aus München komme und dabei seinem Kollegen Bachmann

(der wenige Zeit danach in geistiger Umnachtung gestorben ist)

vorgestellt wird, der ihm über die erste etwas peinliche Situation

hinweghilft. Bouguereau aber fand Gefallen an dem „~gros Allemand~“

und ließ ihn seine Anerkennung merken, obwohl er ihm neben anderen

platten Weisheiten auch den Rat gab, mit zarten Pinseln zu arbeiten,

während er selbst die entgegengesetzte Technik handhabte. Umgekehrt

unterwies ihn im nächsten Monat Tony Robert Fleury, ja mit kräftigen

Pinseln zu arbeiten und Farbfleck neben Farbfleck auf die Leinwand zu

setzen, während dieser Meister der Kunst selbst mit kleinen Pinseln

malte und die Töne ängstlich auf die Leinwand strichelte. -- Über seine

Lehrzeit in der Akademie Julian hat Corinth in seiner Selbstbiographie

skizzenhaft umrissene Schilderungen mit einer verblüffenden

Beobachtungsgabe aufgezeichnet, in denen nicht nur der starke Eindruck

widerklingt, den die Stadt, das Leben, die Menschen auf ihn machten,

sondern sich auch manches kulturgeschichtlich interessante Zeitbild

enthüllt. Während der Tag der Arbeit gehörte, durchzog man am Abend im

kleinen Freundeskreis die ~Théâtres variétés~, die ~Cafés chantants~,

besuchte im ~Quartier latin~ den ~bal Bullier~ und andere Lokalitäten,

„aber billig mußte es sein, denn mit besonderen Glücksgütern war keiner

von ihnen gesegnet“.

[Illustration: Abb. 47. Auf der Redoute. 1898.

Im Besitze des Herrn ~Dr.~ von Wilcke, Berlin.]

[Illustration: Abb. 48. Die Gattin des Künstlers. 1902. Im Besitze des

Künstlers. (Zu Seite 72.)]

[Illustration: Abb. 49. Bildnis der Gattin des Künstlers. 1902. Im

Besitze des Künstlers. (Zu Seite 73.)]

[Illustration: Abb. 50. Selbstbildnis. 1903. Im Besitze der Frau O.

Moll. (Zu Seite 73.)]

Sicher ist dieser fast dreijährige Pariser Aufenthalt für den Werdegang

des Meisters von nachhaltigem Einfluß gewesen. Er hat viel und fleißig

gearbeitet, und während das Leben der Großstadt seinen geistigen

Horizont nicht unbeträchtlich erweiterte, gelang es ihm in Paris auch,

die erste öffentliche Anerkennung in Form einer „~mention honorable~“

zu erringen, die seinem „Komplott“ vom Jahre 1884 im Salon des

nächstfolgenden Jahres zuteil wurde. Auch über diesen Erfolg hat uns

Corinth berichtet: von den endlosen Tagen ängstlicher Erwartung, ob

seinem Bilde ein „~admis~“ von seiten der Jury zuteil werden würde, von

der tiefen Erregung, als endlich die sehnsüchtig erwartete Nachricht

eintraf, von dem Irren und Suchen in den Sälen, in denen die tausend

und mehr Bilder oft wie Briefmarken bis oben an die Decke hinaufhingen,

und dem Moment, wo er endlich seine Arbeit hoch oben über einem

Riesenschinken fast völlig unsichtbar wiederfand. Das war eine schlimme

Ernüchterung für den jungen Künstler, der nach der Annahme seines

Bildes so stolz gewesen war. Das Bild selbst ist noch vor dem Einzug

ins Atelier Bouguereaus in München entstanden; es ist in gleicher

Weise typisch für den damals aufkommenden Drang nach realistischer

Vertiefung und die von der Mode bevorzugte Genremalerei. Aber es

hat Qualitäten künstlerischer Art, die es bedeutsam aus dem übrigen

Schaffen dieser Jahre herausheben (Abb. 7). Nicht nur weil die Gruppe

der Verschwörer ungemein lebenswahr gesehen ist, sondern weil hier

auch der erfolgreiche Versuch gemacht ist, das Licht als eigentlichen

Lebensfaktor des Gemäldes zu verwenden. Prachtvoll gelungen ist

besonders der Bernhardiner im Vordergrunde.

[Illustration: Abb. 51. Gertrud Eysoldt in Wildes „Salome“. 1903.

Im Besitze des Herrn Ernst Zaeslein, Grunewald. (Zu Seite 66 u. 73.)]

[Illustration: Abb. 52. Fluch auf Saul. 1902. (Zu Seite 73.)]

Andere Arbeiten führen unmittelbar zum Atelier der Akademie Julian hin,

so der weibliche Akt (Abb. 5 u. 6), während die hier wiedergegebene

Komposition unter dem Titel die „Falschspieler“ (Abb. 9) wie das

vorher genannte „Komplott“ in stärkerem Maße für die damals bevorzugte

Kunstrichtung als solche charakteristisch ist. Das Bild existiert

leider nicht mehr. Es ist später in Berlin einmal abgelehnt worden,

und da mag es der Meister in einem Moment des Unmuts zerstört haben.

Und doch wird man gerade diesen Verlust im Hinblick auf die überhaupt

spärlichen Proben aus der Frühzeit doppelt bedauern. Denn Corinth hat

hier bereits mit selbstherrlicher Meisterschaft eine höchst dramatische

Szene wundervoll darzustellen vermocht, wie auch das ganze Milieu

dieser Apachenkneipe als Kulturdokument besonders wertvoll ist. Die

Gruppe der in Zwist geratenen Menschen hebt sich scharf von dem von

außen in die Kaffeeschenke hereinflutenden Licht ab, und jede Bewegung

ist hier mit fast photographischer Treue erfaßt.

[Illustration: Abb. 53. Gerhart Hauptmann. 1904. Im Besitze des Herrn

Fritz Gurlitt, Berlin. (Zu Seite 76.)]

Darf man daher im ganzen die Frucht der Pariser Lehrjahre für Corinth

nicht gering einschätzen, so bedeutet der nach seiner Rückkehr 1887

beginnende erneute Aufenthalt des Meisters in Königsberg nicht minder

eine Zeit künstlerischer Festigung. Ob er damals in Wirklichkeit daran

gedacht hat, in der nüchternen ostpreußischen Hauptstadt dauernd sein

Zelt aufzuschlagen -- was nach den Erfahrungen seiner Jugend immerhin

einigermaßen verwunderlich wäre -- entzieht sich unserer Kenntnis.

Vielleicht ist in erster Linie die Anhänglichkeit an seine Familie,

insonderheit an seinen stammesechten Vater die Veranlassung gewesen,

sich seiner Heimat wieder zuzuwenden, und so gering auch der Zahl nach

die Frucht dieser nur von wenigen Reisen unterbrochenen Königsberger

Zeit gewesen ist, wir danken ihr doch einige wenige Meisterstücke,

die auch heute noch im Rahmen des Lebenswerkes einen erhöhten Rang

beanspruchen dürfen. Ja, diese Bilder zeigen den Künstler zum erstenmal

in voller Selbständigkeit und zum Teil auf neuen Wegen. Allen Arbeiten

voran ist aus dieser kurzen Epoche das ausgezeichnete Bildnis des

Vaters zu nennen (Abb. 8), das sich noch heute im Besitz des Malers

befindet und in seinem von dem durch das Fenster hereinbrechenden

Lichte bestimmten bläulich-weißen Gesamtton als erste starke

impressionistische Leistung gewertet werden muß. Daneben ist es als

reine Porträtmalerei im Erfassen dieses stämmisch-starken Charakters so

individuell wie nur irgendein Porträt dieser Zeit. Sehr vielsagend für

das innige Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist der dem Alten in die

Hand gegebene, eben eröffnete Brief des Jungen, auf dem man deutlich

die Unterschrift „Lovis Corinth“ lesen kann, gewissermaßen als Signatur

im Sinne mancher alten Meister. -- Genremalerei im reinen Sinne ist

ein zweites hier wiedergegebenes Bild aus dem gleichen Jahre unter dem

Titel „Sonntagsfrieden“ (Abb. 10), wo die Alte mit dem Hündchen neben

sich, vom hellen Licht getroffen, auf der Bank sitzt und andächtig in

der Bibel liest. Fast zu weich und sentimental ist dieses Bild für die

sonst so kraftstrotzende Art des Künstlers, aber es mag von einer jener

Stimmungen angeregt sein, die uns alle in Augenblicken überfallen, wo

man die Lebensnöte dieser Welt erkennt. Malerisch hat dieses entfernt

an Leibl gemahnende Stück prachtvolle Qualitäten, die im Sinne der

kommenden Entwicklung besonders hervorgehoben werden müssen.

In der genremäßigen Auffassung erscheint der „Schnapsriecher“ vom

Jahre 1889 dem zuletzt genannten Bilde nahe verwandt (Abb. 11). Auch

dieses Stück ist nicht ohne besondere malerische Note und entfernt aus

Halsschem Geiste geboren. Aber es steht doch bedeutend zurück hinter

der im selben Jahre entstandenen ergreifenden „Pietà“, die heute das

Magdeburger Museum sein eigen nennt (Abb. 13). Hier begegnet uns zum

erstenmal ein Thema, das im Schaffen Corinths seine hervorragende

Bedeutung hat, und es mag an dieser Stelle zurückgreifend auch an die

Einschätzung erinnert werden, die einleitend bereits dem Meister als

religiösem Maler kurz zuteil wurde. Unter allen Beweinungen, die die

christliche Kunstgeschichte geschaffen hat, wird man dieses Bild eines

unserer Modernsten so leicht nicht vergessen. Denn es ist nicht nur

von ergreifender Stimmungsgewalt, sondern in der diagonal gefaßten

Komposition, in der meisterhaften Behandlung des toten Körpers eine der

stärksten Talentproben dieser Jahre. Und was bei späteren Schöpfungen

an allzu kräftig aufgetragenem Realismus der Auffassung leicht

verwirrt, ist hier völlig ausgeschaltet. Das von bläulich-weißem Ton

bestimmte, mit Asphalt gemalte Bild wirkt gerade durch die diskrete

Behandlung dieser schmerzerfüllten Szene so ungemein wohltuend, und

etwas Bezwingendes hat die Art, wie hier das Licht, das voll auf die

ausgebreitete Leinwand trifft und die Körper mit hellen Reflexen trifft

oder tiefe Schatten webt, die Gesamtkomposition in Harmonie verstrickt.

Wer aber dem Meister gern seine auf ähnlichen Szenen allzu realistische

Art vorhält, vergesse nicht, daß er hier als Dreißigjähriger eine

Schöpfung gegeben hat, die -- wie wir wissen -- ganz aus einem tiefen

Gefühl, aus einer bis zur Weichheit gestimmten Seele heraus geformt

wurde.

[Illustration: Abb. 54. Odysseus im Kampfe mit dem Bettler. 1903. (Zu

Seite 74.)]

Gegenüber diesem Meisterwerke aber treten -- was Inbrunst der

Empfindung anlangt -- alle übrigen Bilder dieser Königsberger Jahre

bescheiden zurück, obwohl sie im einzelnen deutlich genug ein

Ausgreifen der künstlerischen Kräfte nach den verschiedensten Seiten

hin dartun. Das gilt vor allem für das 1890 gemalte, zum Teil schon in

breiten Pinselstrichen hingesetzte „Frühstück“, bei dem der Hauptakzent

wiederum auf die durch das Licht bedingte malerische Behandlung

gelegt ist. Wundervoll ist hier die farbige Apostrophierung des

Stillebens auf dem Tisch, nicht weniger auch der ganz skizzenhaft

gegebene Köter im Vordergrunde (Abb. 12). Dagegen ist die im

gleichen Jahre gemalte „Susanna im Bade“ mehr als Studie, d. h. als

Versuch, einen Frauenakt belebt vor einem indifferenten Hintergrund

aufzuzeichnen, denn als geschlossene Komposition interessant (Abb.

15), während die prächtige Schwimmanstalt vom Jahre 1890, die noch in

Königsberg entstand und nach einem Motiv des Pregels gemalt wurde,

zum erstenmal den Meister ganz im Banne des Pleinairismus zeigt (Abb.

16). Wie das Sonnenlicht die malerische Wirkung des Bildes bestimmt,

wie man hier das Widerspiel des atmosphärischen Lebens empfindet, wie

das Ganze rein zufällig gesehen zu sein scheint, das greift in der

Tat bereits bemerkenswert einem großen Kapitel neuer Kunstgeschichte

voraus, die die hier vorgetragenen Lehren zu ihrem ureigenen Evangelium

gemacht hat. Wundervoll ist auch hier die malerische Durchbildung der

menschlichen Gestalten, wie ja Corinth von jeher ein Meister in der

Herrschaft über die Anatomie des Körpers gewesen ist.

An diese Königsberger Zeit erinnert endlich der hier wiedergegebene

Ausschnitt aus einem Gemälde seines damaligen Freundes und Kollegen

Karl Bublitz, der den Meister im Atelier vor dem Bilde der eben

erwähnten Susanna gemalt hat (Abb. 14). Corinth seinerseits hat

dem Schöpfer dieses Bildes gelegentlich eines späteren Besuches in

seiner ostpreußischen Heimat (im Jahre 1893) zurückgegeben, was er

von ihm empfangen hat. Der „Wirtshausgarten am Pregel“ zeigt Bublitz

nachdenklich vor einem Glase Bier sitzend, interessiert hinausblickend

auf das bewegte Leben des Flusses. Es ist hier fast die gleiche

Örtlichkeit festgehalten wie in der erwähnten Schwimmanstalt (Abb. 17).

⛝ ⛝ ⛝

Das Jahr 1890 brachte in Corinths Leben abermals eine entscheidende

Wendung. Königsberg mit seiner zwar ostpreußisch echten, aber doch im

Grunde kunstfremden Atmosphäre konnte auf die Dauer den Ehrgeiz unseres

Künstlers nicht befriedigen, und da er schon als deutscher Maler

gewertet zu werden wünschte, zog es ihn zum zweitenmal -- diesmal für

fast volle zehn Jahre -- in die süddeutsche Kunstmetropole München.

Der Entschluß zur Übersiedlung mag Corinth leicht geworden sein, wenn

er auch immer gern bekennt, wie ihn gerade die etwas modrige Luft des

Münchener Kunstbetriebes in der Folge stark ernüchtert hat. Aber er

wollte durchaus vorwärtskommen und innerhalb des großen Wettstreites

junger Kräfte entsprechend anerkannt sein. Und hat ihm auch München

als Milieu entscheidende Anregungen selbst kaum vermittelt -- wie

ja überhaupt die bei anderen Künstlern so oft bestimmenden äußeren

Einflüsse an ihm fast spurlos vorübergingen -- so zeigt doch gerade die

auf diesem Boden in den nächsten Jahren geleistete Arbeit eine stetige

Aufwärtsentwicklung seiner Kräfte, so wenig diese auch damals schon zur

vollen Freiheit gelangt sind. Die Erfüllung seiner Kunst wurde erst

der Boden der Reichshauptstadt, aber auf diesem sollte er leider erst

verhältnismäßig spät seine Wirksamkeit finden.

In den bereits mehrfach zitierten „Legenden aus dem Künstlerleben“

finden sich einige Kapitel, die Corinth in Erinnerung an seinen

zehnjährigen Münchener Aufenthalt geschrieben hat. Schilderungen

sarkastischer Art, in denen er z. B. den im Allotria-Kreise üblichen

Götzendienst und Firlefanz wunderbar verspottet; Skizzen von einer

derben Ursprünglichkeit, die niemand ungelesen lassen sollte, den die

Persönlichkeit unseres Meisters wirklich interessiert. Prächtig z. B.

-- und vielleicht von keinem Literaten übertroffen -- ist der Abschnitt

über „Thomas Theodor Heine und Münchens Künstlerleben am Ende des

vorigen Jahrhunderts“, und bitter verdacht haben ihm seine Kollegen

jenes andere Kapitel, in dem die Erinnerungen an den Allotria-Kreis

aufgezeichnet sind. Die haben sogar zu einer kleinen Polemik geführt,

aus der Corinth ganz zweifellos als Sieger hervorgegangen ist, nicht

nur weil er dank seiner haarscharfen Dialektik die Lacher auf seiner

Seite hatte, sondern weil man deutlich empfand, wie peinlich auch

den herrschenden Herren in der Münchener Künstlerrepublik diese der

Wirklichkeit abgelauschten Schilderungen sein mußten.

[Illustration: Abb. 55. Figurine zu Minna von Barnhelm. 1903.

(Zu Seite 86.)]

Der zehnjährige Münchener Aufenthalt aber hat die Kunst unseres Malers

weniger in der Breite entwickelt (weil numerisch gesehen die Zahl der

in jener Epoche entstandenen Gemälde kaum an ein einziges Berliner

Jahr heranreicht) als seine Persönlichkeit -- vielleicht sogar im

bewußten Gegensatz zu dem übrigen anerkannten Münchener Kunstschaffen

-- innerlich gefestigt. Vor allem aber erweitert sich der Stoffkreis

seiner Kunst zusehends. Mehr denn je steht das Porträt im Vordergrunde

seiner künstlerischen Betätigung und wir werden sehen, wie er gerade in

München eine Reihe jener selbstbewußten Männerbildnisse geschaffen hat,

die seinen Namen als einen der ersten Porträtisten unserer Zeit längst

in das Buch der Kunstgeschichte eingeschrieben haben. Prinzipiell

mag an dieser Stelle betont sein, daß unserem Meister überhaupt als

Objekt der Mann -- wo er geistige Potenz ist -- weitaus besser liegt

als die Frau. Ausnahmen sind in diesem Sinne nur die Bilder seiner

späteren Gattin, der begabten Malerin Charlotte Berend, die daran

anknüpfenden Familienbilder, die auch eine Art Lebensbeichte sind, und

jene Bildnisse von Schauspielerinnen, auf denen das Buntschillernde

eines besonderen Milieus mit der ganzen ihm eigenen Farbenfreudigkeit

oder aber die bewußte geistige Überlegenheit über den Durchschnitt des

edlen Geschlechtes suggestiv eingefangen ist. Neben den Porträts wendet

sich Corinth mehr als bisher auch der Landschaft zu, die seinem nach

impressionistischer Gestaltung drängenden Betätigungstrieb besonders

liegt, und daneben widmet er sich gleichfalls gern auch vielfigurigen

Kompositionen, einerlei ob diese ihre Motive der Wirklichkeit, der

biblischen Geschichte oder gar der klassischen Mythologie entlehnen.

Das letztgenannte Stoffgebiet ist ja -- wie man weiß -- eine

Lieblingsdomäne des Corinthschen Schaffens geworden, und gerade in

seinen Beziehungen zur griechischen Götterwelt und zu den Sagen Homers

hat sich der Mensch im Künstler vielleicht von seiner interessantesten

Seite enthüllt.

[Illustration: Abb. 56. Blühender Garten. 1904. Im Besitze des Herrn

Ernst Zaeslein, Grunewald. (Zu Seite 78.)]

[Illustration: Abb. 57. Tanzender Derwisch. 1904. Im Besitze der Frau

von Nibelschütz. (Zu Seite 75.)]

[Illustration: Abb. 58. Der Harem. 1904. In Privatbesitz. (Zu Seite

75.)]

In München entsteht als eines der ersten überlieferten Bilder jene

Landschaft mit den „Kiefern am Wasser“ (Abb. 18). Ein anspruchsloses

Motiv aus Bernried und doch in der künstlerischen Wiedergabe voll

von einer weichen, getragenen atmosphärischen Stimmung. In der

gleichen Zeit aber arbeitet Corinth auch an seiner ersten dem Altertum

entlehnten Szene, dem „Diogenes“ vom Jahre 1892 (Abb. 19). Auf die

Echtheit des antiken Milieus ist hier kein besonderer Wert gelegt, denn

sonst würde auf diesem Bilde als neugierige Alte die gute Hauswirtin

des Meisters nicht mit dem modernen Marktkorbe erscheinen und noch

weniger der Alte im Hintergrund, dessen Haupt ein schlecht gebügelter

Filzhut bedeckt. Aber die Akte sind zeichnerisch groß gesehen, und die

humorvolle Erscheinung des Philosophen entschädigt reichlich für das

gänzlich Unklassische dieser Szene. -- Originell im besten Sinne des

Wortes ist das Porträt von Walter Leistikow, das der Meister ein Jahr

später malte (Abb. 21). Der Künstler, dessen Monographie Corinth nach

dessen beklagenswertem Tode geschrieben hat, war ein alter Bekannter

aus Königsberg. In Dachau hatte man sich zufällig wiedergefunden, und

seit diesem Tage sollten die beiden späteren Vorkämpfer der Sezession

in enger Freundschaft miteinander verbunden bleiben, ja Leistikow und

kein anderer ist es gewesen, der Corinth später zur Übersiedelung nach

Berlin veranlaßt hat. Man kann dem ganz im Profil gesehenen Bildnis

des Grunewaldmalers größere malerische Werte wohl kaum nachrühmen; es

stört auch die zu forcierte Haltung des Modells, aber der Kopf weist

doch unverkennbare charakteristische Züge und den nachdenklichen Ernst

dieses Naturpoeten auf, der zuzeiten einer der ganz überlegenen Kämpfer

mit der Feder sein konnte. Anzuschließen ist an dieser Stelle das

Bildnis des Freiherrn von Geyling als Georgsritter, das ebenfalls 1893

entstanden ist und kunstgeschichtlich wie von selbst vielleicht einen

interessanten Vergleich zu dem berühmten Halsschen Kavalier Wilhelm

von Heythusen der Liechtensteingalerie gestattet, weil hier wie dort

typisches Zeitkolorit gegeben ist und auch die aristokratische Geste

mit derselben malerischen Könnerschaft festgehalten wurde (Abb. 20).

Entfernt mag unbewußt an den Maler von Haarlem, den berühmten Schöpfer

jener unerreicht großen Schützenbilder, auch das nächstfolgende Stück

erinnern, obwohl dieses Festmahl der Logenbrüder den Abstand der

Jahrhunderte im Vergleich zu jenen Werken des alten Holländers kaum

verleugnet (Abb. 23). Ja an die selbstverständliche Meisterschaft

der Halsschen Gruppenbildnisse reicht es nicht entfernt heran, weil

die Komposition im ganzen zu wenig Konzentration zeigt und die

Porträts fast durchweg etwas Gewaltsames haben, obwohl einzelne dieser

preußischen, in München vereinten Logenbrüder individuell sehr gut

erfaßt sind. Aber im Vergleich mit späteren Schöpfungen verwandter Art

kann man vor diesem 1895 gemalten Bilde beinahe von einem Stillstand

sprechen, von einer Verbeugung vor dem Konventionellen, das auch dem

lieblichen „Trifolium“ der Darmstädter Galerie eigen ist, so schön an

sich der Rhythmus des bewegten, von blauen und grünen Tönen gehöhten

Bildes sein mag (Abb. 22). Indes, gerade solchen Arbeiten gegenüber

spricht die prachtvolle „Kreuzabnahme“ desselben Jahres, die sich

heute im Besitz des Staatssekretärs Dernburg befindet, wie eine

fast revolutionäre Befreiung aus einer in der Münchener Atmosphäre

latenten Gefahr an. Denn hier ist alles neu: der großartige Verismus

der Auffassung, die knappe, zusammengedrängte Komposition, der

Grünewaldsche Ernst, der vorausgreifend schon das Charakteristische

späterer Schöpfungen dieser Art umschließt. Vor einem solchen Werke

kann man in der Tat nur noch an den Meister des Isenheimer Altares

denken, so sehr ist der Schmerz der Totenklage auf einen einzigen Ton

gestimmt (Abb. 24 u. 25). Nebenbei mag hier angemerkt sein, daß die

Gottesmutter nach der Zugeherin des Künstlers gemalt ist, die uns

vordem schon auf dem Diogenesbilde begegnete.

[Illustration: Abb. 59. Die Weiber von Weinsberg. 1892/93. Aus den

„Tragikomödien“. (Zu Seite 80.)]

[Illustration: Abb. 60. Maria Antoinette. 1892/93. Aus den

„Tragikomödien“. (Zu Seite 80.)]

Lovis Corinth · 第 2 / 7 段