Eine der ganz wenigen großen Erscheinungen unserer Kunst und

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute

nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben

gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch

nicht beeinträchtigt wird.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Nr. 107

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Anderen

begründet von

H. Knackfuß

107

Lovis Corinth

1922

Bielefeld und Leipzig

Verlag von Velhagen & Klasing

Lovis Corinth

von

Dr. Georg Biermann

Mit 140 Abbildungen nach Gemälden,

Zeichnungen usw., darunter acht farbigen

Einschaltbildern ❦ Zweite Auflage

[Illustration]

1922

Bielefeld und Leipzig

Verlag von Velhagen & Klasing

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig

Vorwort zur zweiten Auflage.

Die vorliegende Monographie erschien erstmalig im Jahre 1913. Nach dem

Verlauf von beinahe zehn Jahren muß sie neu aufgelegt werden. Dieser

Zeitraum aber ist für unsere Stellung zu keinem der führenden deutschen

Künstler so entscheidend gewesen wie zu unserem Meister. Einmal, weil

sich Corinths Bedeutung als schöpferische Persönlichkeit fast vom

Tage des Erscheinens dieses Buches an schrittweise immer stärker im

Bewußtsein unserer Zeit durchgesetzt hat, dann aber, weil der Verlauf

gerade der jüngsten expressionistischen Kunstrichtung das Werk des

Künstlers durchaus nicht beeinträchtigt, vielmehr im Gegenteil immer

nachdrücklicher herausgehoben hat. So ist es nicht etwa durch die

Jugend überholt worden, sondern diese hat das wahrhaft Unvergängliche

seiner Kunst bestätigt und die Überlegenheit seines schöpferischen

Könnens immer eindrucksvoller dargetan.

Als dieses Buch zuerst erschien, hatte es zu keinem geringen Teil die

besondere Aufgabe, Einführung in das Werk eines Meisters zu sein,

über dessen Bedeutung damals die Urteile zeitgenössischer Kritik

noch sehr weit auseinandergingen, und damit war auch sein Charakter

im Sinne einer durchaus leidenschaftlichen Werbung für die Größe des

Malers von vornherein bestimmt. Nachdem im Verlauf jener zehn Jahre

die Lage insofern geklärt worden ist, daß wohl bei niemandem ernstlich

Zweifel gegen die kunstgeschichtliche Bedeutsamkeit dieses Werkes mehr

bestehen, galt es nunmehr bei der Neubearbeitung dieser Abhandlung,

von den inzwischen gegebenen Tatsachen aus objektiv die Wertung dieses

Schaffens zu unternehmen, und es ist deshalb selbstverständlich, daß

die Bearbeitung der zweiten Auflage in mancher Beziehung vollkommen

neugestaltet werden mußte. Nicht zuletzt gehören auch die verflossenen

zehn Jahre zu der fruchtbarsten und erfolgreichsten Periode im Leben

des Meisters, und deshalb forderte gerade dieser Abschnitt eine

besondere Behandlung. Dieser entspricht im wesentlichen auch die

illustrative Neugestaltung des Buches, in dem etwa ein Dutzend weniger

wichtiger Arbeiten, die in der ersten Auflage abgebildet waren, fehlen.

Dafür sind zweiundzwanzig neue Wiedergaben aufgenommen worden, die

die Arbeit des Künstlers im letzten Jahrzehnt wenigstens einigermaßen

illustrieren. Über den Graphiker Corinth ist inzwischen im Verlag von

Fritz Gurlitt aus der Feder von ~Dr.~ Karl Schwarz ein sehr zuverlässig

gearbeiteter Katalog erschienen, der diesen Teil der Corinthschen

Lebensarbeit grundlegend umschreibt.

Hannover, im Februar 1922.

=Prof. Georg Biermann.=

[Illustration: Abb. 1. Rudolf Rittner als Florian Geyer. 1908. (Zu S.

93.)

Im Besitze der Frau Carl Toelle, Barmen.]

Lovis Corinth

Corinth, das ist ein starker Eckpfeiler im Tempel deutscher Kunst. Der

trägt in sich Vergangenheit und Zukunft. Denkt ihn euch weg aus den

Jahren der letzten Kunstbewegung, die heute bereits in die Geschichte

eingeordnet, von Klassizität umweht erscheint -- und eine Lücke klafft

auf, in die kein Gleichwertiger treten könnte, weil es keinen gibt.

Corinth, das ist heute ein Begriff der Kunst, ein Wollen, eine Kraft,

ein Temperament, ein Ganzes in sich. Kein Akademiker, der nach Rezepten

malt, keiner, der wie andere bewußt an einem Punkte anknüpft und in

sich Entwicklung im Sinne des allgemeinen Werdens empfand, aber doch

Geist seiner Zeit, Frucht des Bodens, der ihn gezeugt, Bejaher und

Weltverächter in eins, ein Riese nach Können und Temperament, ein Kind

nach Empfindung und Ehrlichkeit. Schwer, die letzte Harmonie seines

Wesens in Worte zu fassen.

[Illustration: Abb. 2. Studienkopf. 1879 in Königsberg entstanden. (Zu

Seite 32.)]

Zu Corinth kam die Kunst wie ein Göttergeschenk. Schon als Knabe, da er

Fetzen bunten Papiers zu mosaikhaften Bildern zusammenklebte, war er

Künstler. Seine kindliche Phantasie irrte in Märchenwelten, und hart

stößt sich der Jüngling, der widerwillig in Königsberg die Schulbank

drückt, an der Realität des Lebens. Bei den Fischern da oben an der

Nehrung wohnt für ihn die Freiheit, da sind Menschen ohne Konvention,

eingespannt in den Kreislauf ihrer trägen Begierden und Leidenschaften.

Mit denen sitzt er tagelang zusammen, versunken in das eintönige

Erleben dieser weltfernen Einsamkeit, ergriffen von der Urkraft der

Schöpfung, die an die Dünen brandet und Mitleid nicht kennt. Die

wächst ihm zum Gleichnis auf für den eigenen Lebensweg. Von hier aus

hat er die Wanderung zum Berge der Kunst angetreten, klaren Auges,

seiner Kraft sich bewußt. Ohne Straucheln, ohne abzuirren, hat er über

vierzig Jahre lang gemalt, in München, in Antwerpen und Paris, in

Königsberg und wiederum in München, bis er spät in Berlin seßhaft wird,

das ihn in entscheidenden Jahren zu den Seinen zählt.

[Illustration: Abb. 3. Akt aus der Löfftz-Schule. 1883.

Im Besitze des Herrn Gerhart Hauptmann. (Zu Seite 34.)]

Corinth, das ist die letzte Einheit aus Persönlichkeit und

künstlerischer Kraft, die Synthese aus innerem Erleben und malerischem

Gefühl. In seiner Frühzeit, als er u. a. das lebensstarke Bildnis

seines Vaters malt, liegt ihm noch ein Schuß reinen Akademikertums

im Blute (von Königsberg her, wo er die erste technische Schulung

erhielt), aber das hält nicht lange vor. Das Beispiel der Alten, die

ihm wesensverwandt sind, der Rubens und Hals vor allem, läßt ihn

schnell gesunden -- und so sehr ihn auch der Geschmack des Tages in

Versuchung führt und zu billigen Erfolgen lockt, er verharrt standhaft

und fest, malt lieber überhaupt nicht, als daß er jenen Modemalern ein

Zugeständnis machen möchte -- und er bleibt so, was er immer gewesen --

Corinth.

[Illustration: Abb. 4. Othello. 1884.

Im Besitze von Brakls Kunsthandlung, München. (Zu Seite 40.)]

Wie wenige Künstler haben damals ähnlich an ihrer Persönlichkeit

festgehalten, wie wenige den Mut der Konsequenz besessen. An Talenten

war gewiß kein Mangel, wie späte Entdeckungen längst dargetan, aber

sie sind weggespült worden von der breiten Woge jenes schlimmen

künstlerischen Banausentums, das die öffentliche Meinung beherrschte,

das billigen Eintagserfolgen nachhing, das in jenen Tagen -- man kann

es heute ruhig aussprechen -- speziell das Schicksal der süddeutschen

Kunst gewesen ist. Corinth erkannte fast zu spät, daß in München seines

Bleibens nicht mehr sei -- das war der Augenblick seiner letzten

Befreiung.

[Illustration: Studie vom Jahre 1887. (Zu Seite 46.)

Abb. 5.]

Berlin hat ihm raschen Erfolg auch nicht gebracht. Aber es stellte

ihn an der Seite der Leistikow und Liebermann mitten hinein in den

Kampf, der oft aussichtslos erscheinen mochte und doch der Nährsaft

seines Temperamentes geworden ist. Denn diese Kraft brauchte zu ihrer

Entfaltung den Widerstand, brauchte die Reibung, brauchte den von

Überlieferung unbeschwerten Boden riesenhafter Dimension, an deren

Peripherie erst langsam die Morgenröte neuzeitlicher Kultur aufdämmert.

[Illustration: Abb. 6. Halbakt. Paris 1886. (Zu Seite 46.)]

[Illustration: Abb. 7. Komplott. 1884. Im Besitze des Herrn Paul

Cassirer, Berlin. (Zu Seite 44.)]

Heute ist Corinth, der Sechzigjährige, Gemeingut des künstlerischen

Deutschlands. Mag vieles von dem in kommenden Zeiten vergehen und vor

der Kritik nicht mehr standhalten, was Tagesmeinung und Geschmack

auf scheinbar unerreichte Höhe emporgehoben haben, Corinth wird

bleiben, wird wie ein einsam ragender Fels in der Geschichte unserer

Zeit immer bestehen. Weil das Beste seines Werkes, das sich nicht

in übersprudelndem Reichtum der Welt mitteilte, die einsame Größe

unzeitlicher Bedingtheit besitzt. Wer Bilder wie den Florian Geyer

oder die Totenklage, wer die Kreuzabnahme oder die Blendung Simsons im

Geiste sieht (um nur wenige Beispiele zu nennen), der fühlt zugleich,

daß in solchen Werken, unabhängig von Schlagworten gewisser Richtungen,

Ewigkeitswerte verschlossen sind, die neben dem Besten aus den großen

Kunstepochen der Vergangenheit bestehen und auch die Zukunft überdauern

müssen, weil sie zeitenlos im Gefühl, die starke innere Leidenschaft

haben, ohne die höchste Kunst nicht zu denken ist. Auf solchen und

ähnlichen Bildern hat sich menschliche Empfindung ein Symbol für

Ewigkeiten geformt. Und solche Dinge wuchsen auf aus der Reinheit

einer Kraft, die nichts wollte als reine Kunst. Form-Erleben und

malerisches Gestalten gaben die Mittel des künstlerischen Schaffens,

aber die Quelle desselben sprang auf, sprudelte hervor aus jener

höheren Geistigkeit, die die Seele des Künstlers überströmen läßt aus

der Fülle innerer Gesichte. Die sind in Corinths Lebenswerk immer

greifbar und offensichtlich, mag er auch als lachender Demokrit der

Erbärmlichkeiten dieser Welt spotten oder in den Göttern Homers mit

herzerquickendem Humor Gleichnisse bannen, die aller Prüderie zum

Trotz die Lacher auf seine Seite ziehen. Und dann die Radierungen,

Zeichnungen und Lithographien: Das sind die täglichen Bekenntnisse

dieser reichen Imagination, die immer der Realität spottete, so sehr

auf Leben eingestellt, auch rein äußerlich ihre Vorwürfe zum Teil

ansprechen. Ohne diese Schöpfungen, die des Künstlers Meisterschaft

im Technischen verraten, wäre der Blick in die letzten Winkel dieser

Künstlerseele doch verschlossen. Darum vor allem sind gerade sie uns

teuer -- ungeachtet ihres reichen künstlerischen Gehaltes, weil sie

einmal die Grundlagen für die Wertung des Menschen sind, der restlos

auch den Künstler offenbart, daneben aber im Sinne der allgemeinen

Kunstentwicklung zu Momenten historischer Betrachtung hinüberleiten,

die ihrerseits wiederum Corinths Stellung im Rahmen der gesamten

Kunstgeschichte deutlich und vielsagend unterstreichen.

[Illustration: Abb. 8. Bildnis des Vaters des Künstlers. 1887. Im

Besitze des Künstlers. (Zu Seite 47.)]

[Illustration: Abb. 9. Falschspieler. 1887. (Zu Seite 46.)]

Corinth, das ist der Künstler und sein Werk. Das ist Einfühlung in

das zeitlich unbegrenzte Kapitel des rein Menschlichen. Gewiß ist

der Meister ein Kind unserer Zeit. Tiefe Religiosität, ein Erbteil

seiner urgermanischen Rasse, durchweht, erhöht hier und dort sogar

mit den Strahlen Grünewaldscher Imagination sein Werk, aber zeitlich

ist er doch nur ganz bedingt zu verstehen. Wenn nach hundert Jahren

sich gegenüber der gegenwärtigen Kunst der große Prozeß der Umwertung

vollzogen haben wird, wenn das Zufällig-Menschliche versunken ist und

nur die künstlerische Leistung als solche noch zurückbleibt, dann erst

wird man erkennen, wie dieser Künstler als ein Riese in seiner Zeit

stand, stark, knorrig, oftmals herb, aber immer unbeirrt im Drange

seines reinen Künstlertums, und wie die deutsche Kunst der letzten

fünfzig Jahre nie einen Größeren besessen hat als Lovis Corinth.

[Illustration: Abb. 10. Sonntagsfrieden. 1887.

Im Besitze des Herrn Julius Freund, Berlin. (Zu Seite 48.)]

⛝ ⛝ ⛝

Dies ist ein zusammenfassendes Bekenntnis zu Corinth und seinem

Werk, das einmal an anderer Stelle veröffentlicht, trotzdem diesem

Buch den Auftakt geben soll, um den Blick des Lesers zunächst auf

das Gesamtwerk und die Einheit von Schöpfung und Persönlichkeit

hinzulenken. Denn nachdem gerade das letzte Jahrzehnt unzweideutig

erwiesen hat, daß die moderne deutsche Kunst kaum über eine malerische

und zeichnerische Begabung verfügt, die an Bedeutung derjenigen von

Corinth gleichkäme, ist es notwendig, diese Tatsache ihrem ganzen

Umfang nach allem übrigen vorauszustellen, so sehr es auch immer Zweck

dieses Buches bleibt, sie im einzelnen zu begründen. Heute steht das

Werk auch nicht mehr wie damals, als die erste Auflage dieses Buches

erschien, im Mittelpunkt kunstkritischer Gegensätze. Es ist allmählich

in die Zeit hineingewachsen und fast schon historisch geworden. Erst

wenn man Corinths stattliches Lebenswerk ganz unabhängig von allen

äußeren Berührungspunkten mit dem Werden der Zeit betrachtet, wenn man

empfindet, wie sich auf all diesen Proben seines vielseitigen Könnens

auch der Mensch im Künstler restlos offenbart hat, wie hier in einer

selten erlebten Treue gegen sich selbst alles innerer Notwendigkeit,

ja man kann sagen, einer ausgeglichenen Weltanschauung entsprungen

ist, erst dann erscheinen auch die einzelnen Proben seiner Kunst als

Teile einer großen Gesamtharmonie, die trotz mancher Unausgeglichenheit

im einzelnen immer wieder zur Bewunderung zwingt. Allein der

Persönlichkeitswert gibt der Corinthschen Kunst seine besondere Note

im Rahmen der Kunstgeschichte überhaupt; der stellt ihn im Nu auch

über hundert andere malende und vielleicht nicht minder bekannte

Zeitgenossen; der wird auch noch nach drei und mehr Jahrzehnten

berechtigen, den Meister modern zu nennen, so modern wie Rembrandt

oder Hals sind oder alle Künstler der Vergangenheit und Gegenwart,

die das Kapitel der Kunst durch sich bedeutend erweitern und der

Geschichte neue Gedanken vermitteln konnten, die vordem noch nicht zur

harmonischen Erfüllung gekommen waren.

[Illustration: Abb. 11. Der Schnapsriecher. 1889.

Im Besitze von Brakls Kunsthandlung, München. (Zu Seite 48.)]

[Illustration: Abb. 12. Das Frühstück. 1890. (Zu Seite 48.)]

Man hat den Meister gar oft mit einigen der großen Künstler aus der

Vergangenheit in Beziehung gebracht, ohne daß auch nur einer dieser

Vergleiche das Wesensverwandte zu erschöpfen vermöchte. An Rubens z. B.

erinnert vielfach die beiden Malern innewohnende starke Sinnlichkeit,

ihre Freude am menschlichen Körper, ihr Hang zu vielfigurigen,

von arkadischem Geist erfüllten Kompositionen. Und doch sind der

bewegliche Flame und der schwerblütige Ostpreuße im Innersten so

weit voneinander entfernt wie die Anschauungen zweier verschiedener

Welten, die mehr noch als durch die Jahrhunderte selbst, durch innere

Gegensätze voneinander getrennt sind. Näher kommt der Eigenart unseres

Meisters der Hinweis auf den lustigen Maler von Haarlem, Franz Hals,

wenn man an das Milieu denkt, in dem beide aufgewachsen sind, an die

dem Leben entnommenen Motive (die bei Corinth nur einen Teil seines

Schaffens umschreiben), in denen sich soviel frohe Daseinsbejahung

und Ursprünglichkeit der Empfindung widerspiegeln -- und wenn man

nicht zuletzt auch an die technische Entwicklung beider Künstler

erinnert, die sich aus einer feinen koloristischen Art der malerischen

Behandlung langsam zu jenem höchsten impressionistischen Pinselstrich

emporentwickelt hat, bei dem man die Malerei selbst nur noch als die

souveräne Kunst empfindet, mit den denkbar geringsten und bis zum

äußersten eingeschränkten Mitteln die größtmöglichen Wirkungen zu

erzielen. Aber auch dieser Vergleich stimmt nur von ungefähr, genau

wie ein ähnlicher Hinweis auf Grünewald, den Meister des Isenheimer

Altares, den man gern genannt hat, um den Grad der ernsten und herben,

fast katholischen Wirklichkeitsmalerei anzudeuten, die einem vor den

religiösen Szenen eines Corinth zum Bewußtsein kommt. Wie wenig aber

letzten Endes alle diese zur alten Kunst gesuchten Beziehungen im

einzelnen das Charakteristische der Corinthschen Art zu erschöpfen

vermögen, im ganzen gesehen bringen sie uns doch dem Sinn seines

Wollens sehr nahe.

[Illustration: Abb. 13. Pietà. 1889. Im Besitze des Kaiser

Friedrich-Museums zu Magdeburg. (Zu Seite 48.)]

[Illustration: Abb. 14. Corinth im Atelier.

Nach einem Gemälde von Carl Bublitz aus dem Jahre 1890. Ausschnitt.

(Zu Seite 49.)]

Denn eine so einfache und unkomplizierte Natur, als die Corinth auf

diesem oder jenem Bilde wohl erscheint, ist der Künstler beileibe

nicht. Hat er schon als bestes Erbe seiner ostpreußischen Abstammung

eine gewisse auf die Wirklichkeit eingestellte Art der Lebensanschauung

übernommen, so ist er auf der anderen Seite doch auch ein Poet von

stärkster Innerlichkeit. Und wie er als Mensch eine fast seltsame

Mischung von bullenhaftem Kraftgefühl und einer fast kindlichen

Gutmütigkeit ist, so als Künstler heute in all seinen Vorstellungen

der Wirklichkeit verbunden und morgen ein phantasiebeschwingter

Dichter, der mit überlegenem Humor zum klassischen Sagenschatz oder mit

bitterem Ernst zu den Legenden des Neuen Testamentes greift. Heute ein

Kämpfer für Recht und Wahrheit, wenn es darauf ankommt, dem Fortschritt

in der Kunst die Wege zu ebnen, morgen ein stiller Träumer, der sich

ganz in das weite Reich seiner Phantasie verliert. Immer aber als

Mensch und Künstler gleich sympathisch, weil er eine ungewöhnliche

Erscheinung ist, die sich das stolze Recht ihrer Individualität im

Kampfe und unter Verzicht auf die früher üblichen äußeren Ehren und die

landläufige Anerkennung der Welt erobert hat.

[Illustration: Abb. 15. Susanna im Bade. 1890. (Zu Seite 49.)]

[Illustration: Abb. 16. Schwimmanstalt in Königsberg. 1890. In Berliner

Privatbesitz. (Zu Seite 49.)]

[Illustration: Abb. 17. Wirtshausgarten am Pregel. 1893. (Zu Seite 49.)]

Es muß schon an dieser Stelle vorgreifend daran erinnert werden,

daß Corinth auch als Künstler eine Doppelerscheinung ist, Maler und

+Literat+. Der wurde er nicht durch Zufall, sondern genau wie es

den Knaben schon zum Malerhandwerk trieb, aus innerer Notwendigkeit.

Ein neuer Delacroix also, wenn man durchaus wiederum einen Hinweis bei

jenem kleinen Kreis älterer Künstler suchen muß, die neben dem Pinsel

auch die Feder zu führen verstanden haben. Nur mit dem Unterschied,

daß Delacroix’ Kunst immer für sich bestehen wird und durch seine

künstlerischen Abhandlungen keine Vertiefung erfährt, während der

Literat Corinth -- sicher unbewußt -- auch das Verständnis des

Menschen und Künstlers erleichtert. Man weiß, daß er im Jahre 1910 die

Monographie seines Freundes und Kampfgenossen, des zu früh verstorbenen

Walter Leistikow, veröffentlicht hat, ein Buch echter Freundschaft,

das später einmal auch als Kulturdokument unserer Zeit wertvoll sein

wird. Denn diese Schrift ist im Grunde die Geschichte der Sezession und

gibt damit ein bedeutsames Stück Berliner Kulturgeschichte, die von

einem ihrer hervorragendsten Vorkämpfer aufgezeichnet wurde. Wir haben

von Corinth ferner neben einem Dutzend in Zeitschriften verstreuter

Aufsätze über alte und moderne Kunst, die nicht minder vielsagend für

den Künstler sind, ein Lehrbuch der Malerei, dessen starker Erfolg

unbedingt auch für seine pädagogische Begabung spricht und nicht

zuletzt jene wundervollen „Legenden aus dem Künstlerleben“, die als

Selbstbiographie authentischen Wert besitzen und die uns deshalb auch

hier besonders willkommen sein müssen, wo es sich darum handelt, der

Jugendentwicklung des Meisters nachzugehen. Gerade diese Geschichte

des jungen Heinrich Stiemer, der das Pseudonym des Verfassers ist,

führt zugleich tief hinein in die Seele des Künstlers. Hier sind alle

Voraussetzungen aufgezeichnet für die Entwicklung, die der Maler in

späteren Jahren genommen hat, und es ist nicht der schlechteste Beweis

für die originale Gestaltungskraft des Literaten, wenn einem in diesem

Buche wie von ungefähr ein Stück allgemeinen Menschenschicksals zu

begegnen scheint, wenn man dies kleine Kapitel aus dem Leben eines

Künstlers verallgemeinernd ein Künstlerleben überhaupt nennen darf.

Was aber an dem Literaten Corinth im besonderen überrascht, ist die

Tatsache, daß der oft als ungeschlacht gescholtene Kraftmensch sich

als ein zarter Meister der Stimmung, als ein Künstler auch des Wortes

erweist. Freilich, wer Corinth seinem wirklichen Wesen nach kennt und

liebt, findet ihn hier nicht anders wie auf all seinen Schöpfungen:

als eine Persönlichkeit von innerer Harmonie, als einen humorvollen

Beobachter des Lebens, dessen derbes Lachen herzerfrischend auf uns

eindringt, als einen überlegenen Demokrit, der der kleinen Umwelt

von Grund aus spottet. Alles in allem, man muß den Literaten Corinth

kennen gelernt haben, bevor man dem Künstler wirklich so gerecht

werden kann, wie es heute Pflicht ist. Sind schon die „Legenden aus

dem Künstlerleben“ an sich eines der entzückendsten Künstlerbücher

aller Zeiten, so wird dies Buch für Corinth als Selbstbekenntnis immer

der Ausgangspunkt sein, von dem aus man sich am ehesten auch seinem

malerischen Schaffen nähern darf. Corinths gesammelte Schriften sind

übrigens 1921 von Fritz Gurlitt-Berlin in einer ebenso reichhaltigen

wie typographisch vorbildlichen Publikation herausgegeben worden.

[Illustration: Abb. 18. Kiefer am Wasser. 1892. (Zu Seite 51.)]

Für die richtige Einstellung gegenüber dem Meister erscheint noch

ein zweites Moment besonders vielsagend, das auch hier allgemein

vorweggenommen werden soll: die Vielseitigkeit der künstlerischen

Arbeit selbst. Dabei ist zunächst noch nicht an den Reichtum

der sprudelnden Künstlerphantasie gedacht, die gleich souverän

Wirklichkeit, mythologische Götterwelt und die Überlieferungen der

Bibel durchschreitet und bildlich festhält -- auch nicht daran, wie

auf diesen verschiedenen Stoffgebieten immer wieder der Mensch selbst

nach einem Ausdruck seiner Weltanschauung ringt, sondern vielmehr

an die mannigfache Betätigung im Technischen. Man kann Corinth

ebensosehr einen Maler wie einen Graphiker nennen, man wird sogar

dem Buchillustrator ein besonderes Kapitel widmen müssen und darf

daran erinnern, daß er in den Anfängen der Reinhardtschen Bühne sogar

für das Theater gearbeitet hat und eine seiner letzten Arbeiten auf

diesem Gebiet die Faustinszenierung für das Lessingtheater gewesen

ist. Aber auch in dieser seltenen Vielseitigkeit spricht sich doch nur

jenes jedem großen und echten Künstler eingeborene Verlangen aus, die

Welt mit allen nur erdenklichen Mitteln in den besonderen Kreis der

persönlichen Vorstellung einzuzwingen, sie künstlerisch zu überwinden

und zu neuen Formen umzudeuten. Aber selbst der Maler allein verfügt

wiederum über eine ähnliche Vielseitigkeit. Corinth ist Porträtist,

Landschafter, Stillebenmaler, Schilderer der Antike und der Legende,

aber überall doch unverkennbar als Schöpfer seiner Bilder, weil sich

nirgends die Persönlichkeit verleugnet, der Strich seines Pinsels und

die Freude am Gestalten, da er immer innerlich voll Figur ist -- um mit

Dürer zu reden.

[Illustration: Abb. 19. Diogenes, Menschen suchend. 1892. Im Besitze

der Frau Moll, Berlin. (Zu Seite 51.)]

Eine der ganz wenigen großen Erscheinungen unserer Kunst und

der Kunstgeschichte überhaupt -- ein Meister, dessen technische

Könnerschaft längst über jede Kritik erhaben ist, der einen auch in

kleinen Schöpfungen immer in den Bann zieht, einerlei, ob man in ihnen

ein Stück erlebten allgemeinen Menschenschicksals erkennen will oder

nur den zufällig von Künstlerlaune gestalteten Ausdruck bewegten,

unvergänglichen Lebens.

Bevor indes die Geschichte dieses Künstlerschicksals und das Werden

dieser Kunst im einzelnen aufgezeichnet werden soll, sei zum besseren

Verständnis jener Stellung, die Corinth im großen Rahmen aller

Kunstentfaltung auch heute schon beanspruchen darf, rückwärtsschauend

kurz noch der Blick auf das Wesensstarke früherer Zeiten hingelenkt.

[Illustration: Abb. 20. Bildnis des Freiherrn von Geyling als

Georgsritter. 1893. (Zu Seite 53.)]

Jener Schar von Künstlern nämlich, die dem Geist ihrer Zeit ein

Denkmal gesetzt haben, indem sie aus der Sehnsucht ihres Jahrhunderts

heraus den höchsten Ausdruck der Kunst erfanden und die Ideen jener

Generation, der sie angehörten, in sich aufsogen und neugeformt auf die

Leinwand bannten, steht eine andere Art von Malern gegenüber, deren

Werk allein der Wirklichkeit entwachsen ist. Beide Richtungen sind in

der Kunstgeschichte in wechselnder Folge feststellbar. Ihre Wertung

vollzieht sich dabei immer im Verhältnis der inneren Beziehungen, die

die Gegenwart zu ihnen unterhält, und wenn wir heute z. B. wieder

stärker den großen Primitiven frühmittelalterlicher Kunst zugewendet

sind, so bedeutet das noch längst nicht, daß Rembrandt und Velazquez

rein künstlerisch weniger zu bedeuten haben. Da aber unsere Gegenwart

zweifellos dem inneren Sein gegenüber dem äußeren Schein den Vorzug

gibt, wird man vieles von dem, was auch Corinth geschaffen, heute

weniger seiner technischen Bravour wegen, sondern mehr als Ausdruck und

Bekenntnis des inneren Menschen werten. In diesem Sinne eben ist seine

Modernität unabhängig von dem Geschmack und der Vorliebe der Zeit. Denn

gerade die besten Schöpfungen dieses Meisters bleiben als Bekenntnisse

der Persönlichkeit, die oft den Blick nach innen gekehrt hält, so

unvergänglich wie jede große Kunst, die nicht der Alltäglichkeit

erwachsen ist.

[Illustration: Abb. 21. Bildnis des Malers Walter Leistikow. 1893. (Zu

Seite 52.)]

Darf deshalb in diesem Sinne von der Modernität der Corinthschen Kunst

gesprochen werden, weil ihr, ganz unabhängig von den Motiven, ein

unerhört starkes malerisches Bewußtsein und zugleich Bekennertum eigen

ist, so verdichtet sich der Begriff noch in dem Gefühl, wie gerade

das Werk dieses Meisters reine Kunst verschließt, die an Zeitgrenzen

überhaupt nicht gebunden ist. Man wird einige seiner Porträts sehen,

z. B. den Florian Geyer, die des literarischen Entstehungsgedankens

längst spotten, die etwa wie der Ritter Willem von Heythusen der

Brüsseler Galerie, den wir einem Frans Hals danken, weniger den

Ausdruck eines individuellen Menschenschicksals als vielmehr einen

Menschen in seiner Potenz -- als Typ im allgemein Menschlichen

festgehalten haben. Und ganz ähnlich ergeht es uns vor anderen Werken

des Meisters, die wie die Szenen der „Kreuzigung“ oder selbst die

burleske „Erziehung des Zeus“ unserem Geschlecht über die Spanne

der Jahrhunderte hinaus Gedanken schlechthin vermittelt haben, die

immerfort symbolisch sein werden. Ja solche Bilder sind gerade bei

Corinth fast ohne jede Voraussetzung, die sonst wohl die Tradition

gibt, geworden. Sie sind nur das Ergebnis der schöpferischen

Persönlichkeit. Und das Neue liegt bei ihnen weniger im Motiv als

in der Art, wie die künstlerische Phantasie den Blick auf allgemein

menschliche Dinge hinlenkt.

[Illustration: Abb. 22. Trifolium. 1895. Darmstadt, Museum. (Zu Seite

54.)]

Wollte man aber -- wie es schon einmal angedeutet wurde -- Corinth

selbst auf irgendeine Linie einstellen, die aus der Vergangenheit

heraus mit sicheren Polen in die Gegenwart weist, man würde ihm

bitteres Unrecht tun und seine Persönlichkeit nutzlos verkleinern,

einerlei ob man ihn zu Rubens oder Hals in Beziehung bringen wollte.

Für andere Künstler besteht in viel höherem Maße der Satz zu Recht,

daß sie irgendwo eine früher gegebene Anknüpfung aufgegriffen und

weiter entwickelt haben, ja ganze Kunstepochen sind nur durch den engen

Anschluß an Vergangenes geworden (Manets Beziehungen zu Velazquez

-- die deutsche impressionistische Landschaft in ihrem Zusammenhang

mit den alten Holländern); Corinth aber ist nur durch sich selbst,

seine Malerei nur aus seinem Temperament heraus geworden, und darum

ist auch seine Stellung im Rahmen der modernen Kunst durchaus

ungewöhnlich, viel mehr als die eines Liebermann, der überall fremde

Einflüsse aufgegriffen und verarbeitet hat, der bei Menzel, Munkacsy,

Israels und zuletzt bei den Franzosen in die Schule ging und in der

Tat oft nur die Anregungen jener Künstler mit der ihm eigenen Routine

persönlich umformte. Damit soll nicht gesagt sein, daß Corinth nicht

auch von den Lehrern der Vergangenheit befruchtet worden ist, aber

diese Einflüsse verschwinden wie von selbst unter dem Eindruck des

absolut Eigenen und Neuen, unter dem zwingenden Gefühl, daß er in jedem

Bilde ein Stück von sich selbst gestaltet hat, unter der Bewunderung

vor der großen Ehrlichkeit und Ursprünglichkeit seines Wollens. Die

Folgerichtigkeit seiner künstlerischen Entwicklung ist deshalb auch der

beste Teil seines interessanten und vielseitigen Lebenswerkes, und die

Empfindung, daß diese Kunst fast unabhängig von der übrigen Entfaltung

der neuzeitlichen Malerei eigenwillig und stark geworden ist und so

werden mußte, wie sie sich heute darstellt, stempelt ihn selbst als

Persönlichkeit im Rahmen unserer Zeit zu einem Typ für sich, der ohne

Parallele ist.

[Illustration: Abb. 23. Loge „In Treue fest“. 1895. Im Besitze der

Münchner Loge. (Zu Seite 53.)]

⛝ ⛝ ⛝

Lovis Corinth ist am 21. Juli 1858 in dem ostpreußischen Flecken Tapiau

geboren und entstammt einer wohlhabenden Bauernfamilie, die ihren

Stammbaum bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückverfolgen kann. Der

Vater des Künstlers, Franz Heinrich, war der Sohn eines Gutsbesitzers

zu Neuendorf und dessen Gattin Luise Stiemer (deren Familiennamen

Corinth als Pseudonym in der oben erwähnten Selbstbiographie übernahm).

Er hat eine Zeitlang in Pregelswalde gewohnt, bis er nach Tapiau

übersiedelte. Hier wurde er am 2. Oktober 1857 mit der Witwe des

Lohgerbermeisters Fr. Wilh. Opitz, die elf Jahre älter als er war,

getraut; sie brachte ihm außer einer Lohgerbermühle auch noch einige

Söhne mit in die Ehe. Dieser ungleichen Vereinigung ist Lovis Corinth

entsprungen, ein nachdenklicher, unter allzu strenger Erziehung etwas

verschüchterter Knabe, von dem in seiner Jugend wohl niemand angenommen

hätte, daß er als Künstler eines Tages den guten altpreußischen

Namen seiner Familie zu hohen Ehren bringen sollte. -- Was in diesen

Mitteilungen besonders interessant erscheint, ist die Tatsache, daß

es echtes, gesundes Bauernblut war, dem unser Meister entstammt, ein

bodenständiges Geschlecht, das nie die besonderen Merkmale seiner Rasse

verleugnet hat. Von seiner im ganzen freudlosen Kindheit inmitten

eines ihm widerwärtig und roh erscheinenden Milieus hat Corinth selbst

meisterhaft erzählt. Wie die Einöde des Ortes etwas Beängstigendes

hatte, wie die langen Winterabende mühsam dahinschlichen, wie hin

und wieder nur die derben Späße der Knechte und Mägde den Knaben

nachdenklich aufhorchen ließen, wie im ganzen Strenge und Gottesfurcht

das Zeichen dieses Hauses waren und der Knabe oftmals fröstelnd im

leichten Hemde auf dem von niedrigen Gebäuden eingefaßten Hofe stand,

in dem die roten Blutpfützen von noch triefenden Ochsenfellen seltsam

bunte Flecken auf den Boden malten. Manches jener Gespräche, das der

Vater feilschend mit dem Schlächter führte, ist ihm in der Erinnerung

haften geblieben, und auch daß er dem Zimmermann Bekmann, der des

jungen Heinrich Stiemer besonderer Freund war, im Grunde -- wenn man

so sagen kann -- die ersten, freilich recht primitiven künstlerischen

Anregungen verdankte. Dieser Meister Bekmann kam oft an Winterabenden

zu den befreundeten Nachbarn herüber und er scheint an dem Jungen

ein besonderes Gefallen gefunden zu haben, weil er ihm immer Tiere

aufzeichnete, auch zuweilen Menschenfresser und anderes spukhaftes

Zeug, das die Phantasie des Knaben mächtig erregte. Und während der

Vater, der inzwischen Ratsherr geworden war, gern die Gelegenheit

solchen Besuches benutzte, um nach dem nahen Wirtshaus zu entschlüpfen,

wo er mit den übrigen Honoratioren der Stadt seine Partie Boston

oder Whist spielte, spann die Mutter einsam in der Stube unermüdlich

und fleißig ihr Pensum zu Ende, bis auch sie die Ruhe suchte, die der

Knabe, in dessen Phantasie Onkel Bekmanns Zeichnungen weiterlebten, so

bald nicht finden sollte.

[Illustration: Abb. 24.

Studie zur nebenstehenden Kreuzabnahme.]

[Illustration: Abb. 25. Kreuzabnahme. 1895. Im Besitze des

Staatssekretärs a. D. Dernburg. (Zu Seite 54.)]

[Illustration: Abb. 26. Bacchanale. 1896. Im Besitze des Herrn E.

Kirchner, München. (Zu Seite 55.)]

[Illustration: Abb. 27. Bacchantenzug. 1898. Im Besitze des Herrn Ernst

Zaeslein, Grunewald. (Zu Seite 62.)]

[Illustration: Abb. 28. Geburt der Venus. 1896. Im Besitze des

Künstlers. (Zu Seite 55.)]

[Illustration: Abb. 29. Herbstblumen. 1895.]

So streng auch sonst die Erziehung des kleinen im Sinne der Mutter

spätgeborenen Nachkömmlings war, so sehr scheinen doch die Eltern

und ganz besonders der Vater an dem Jungen gehangen zu haben. Die

älteren Stiefbrüder waren alle Handwerker geworden; er, der Jüngste,

der vielleicht dem väterlichen Stolz wie „von höherer Art“ erschien,

sollte wie Rembrandt, des Müllers Sohn von Leiden, das gelehrte

Studium ergreifen, und so kam der Junge mit dem achten Lebensjahre

auf das Gymnasium nach Königsberg. Er wurde bei einer Schustersfrau,

der Schwester seiner Mutter, untergebracht und trat nun -- reichlich

verschüchtert -- in diese neue Welt ein. „Alles war dem kleinen Jungen

neu: die feinen Jungens in der Klasse, das ewige Hochdeutschsprechen

und die fortwährenden Nörgeleien über seine falsche Aussprache, endlich

die vielen großen Häuser. In seinem Kopf ging ein ganzes Räderwerk

herum, wogegen die Lohmühle zu Hause nichts war. Am besten gefiel

es ihm noch beim Ohm am Schustertisch. Hier konnte er, ganz ernst

mit dem Ohm und den Gesellen, ebenfalls auf einem Dreibein sitzend,

hölzerne Speilen in Reste von Sohlenstücken hineinhämmern.“ So erzählt

Corinth selbst von den Eindrücken dieser neuen Umgebung, und er hat

in diesem Kapitel seines Buches ein Bild unverwüstlich humorvoller

Wirklichkeitsmalerei gegeben, das wie ein Gemälde des alten Jan Steen

anmutet. Leider starb der gute Onkel schon wenige Monate nach der

Ankunft des jungen Lovis, und nun begann eine schwere Zeit für den

Knaben. „Die Schusterstühle und der Tritt und die Glaskugel, die so

komisch hell machen konnte, wurden weggeholt --. Das Leben mit der

Tante wurde einförmig. Sie knauserte an allen Ecken und Kanten.“ Mit

köstlichem Humor schildert Corinth, wie er Einkäufe machen mußte, beim

Fleischer z. B. „für anderthalb Dittchen Karbonade“ einholte, die ihm

die Ladnerin aus reinem Mitleid verkaufte, da der Vater wohl von der

Fabrik sei. Wie er sich vor den Kameraden aus der Klasse schämte, wenn

er die selbst gekneteten Brote zum Backen in den Laden des Bäckers

bringen mußte, und wie er endlich gegen die Tante zu revoltieren

begann, als er Eimer von der Bleiche nach Hause tragen mußte. In

diesen Momenten packte ihn bitteres Heimweh, Tränen stürzten ihm aus

den Augen, aber er mußte aushalten. -- Während bei der Tante der gute

Familienklatsch an Sonntagnachmittagen umgeht, sitzt Lovis still

dabei und zeichnet. Das besorgt er auch, wenn die Tante glaubt, daß

er Schularbeiten mache; es ist sein einziger Trost, „denn längst war

ihm die Schule und ebenso die Wohnung der Tante zum Greuel geworden.“

Aber das Leben am Pregel interessiert ihn gewaltig, und die vielen

Schiffe und Kähne, die in seiner Einbildung nach fernen Ländern, zu

Menschenfressern, Indianern und Malaien hinsteuern, erregen seine

Phantasie, und so ist auch Königsberg mit seinem bunten Durcheinander,

das wie ein kleines Amsterdam im fernen Osten anmutet, nicht ohne

Einfluß auf die künstlerische Entwicklung des Knaben gewesen. Am

Schloßberg sah er die Soldaten exerzieren und an der Fischerbrücke

hörte er die Händlerinnen ihre Waren laut anpreisen. Die Tante zog

eines Tages fort aus ihrer Wohnung am Pregel zu ihrem Schwiegersohn.

Der Knabe zog mit. Aber in der Schule wollte es durchaus nicht glücken.

Der Ordinarius berichtete dem Vater nach Hause, daß der Junge immer

mehr auf Abwege gerate, doch das änderte wenig an der Tatsache, daß dem

jungen Menschen „der Bücherranzen immer schwerer und die Schulbänke

immer härter wurden“.

[Illustration: Abb. 30. Graf Keyserlingk. 1896. Im Nachlaß des

Dichters. (Zu Seite 55.)]

[Illustration: Abb. 31. Studie. Im Besitze von J. Caspers Kunstsalon,

Berlin.]

[Illustration: Abb. 32. Fleischerladen. 1897. Im Besitze des Herrn

Ernst Zaeslein, Grunewald. (Zu Seite 58.)]

[Illustration: Abb. 33. Stallinneres. 1897. Im Besitze der Modernen

Galerie Thannhauser, München. (Zu Seite 58.)]

Endlich gelangte Lovis aber doch in den Besitz des

Berechtigungsscheines zum einjährigen Dienst, und nun willigte auch der

Vater darein, daß er von der Schule abgehen und Maler werden durfte, so

schwer dem alten Manne auch die Enttäuschung war, daß sein Sohn kein

Studierter werden wollte.

Corinth bezog zunächst die Akademie in Königsberg. In dem kleinen

Verein der jungen Akademiker sang man, wie der Meister weiter erzählt,

wohl spottend:

„Der Storch steht oben auf dem Haus,

Der Stiemer sieht sehr dammlich aus.“ --

[Illustration: Abb. 34. Umschlagzeichnung zu Corinths Selbstbiographie.]

[Illustration: Abb. 35. Selbstbildnis von 1896. Im Besitze des Herrn

Dr. A. Ulrich, Leipzig. (Zu Seite 56.)]

Aber er machte sich wenig daraus, da sein Innerstes voller Ideen

steckte. Und obwohl er all seinen Kameraden an Können weit überlegen

war, nahm er doch den Akademiebetrieb nicht sonderlich ernst.

Gern verbrachte er seine Zeit bei einem seiner Verwandten, einem

Fleischermeister, der ihn oft mit ins Schlachthaus nahm, wo der

angehende Künstler trotz dem Unwillen der hier beschäftigten Leute

gern malte. Ist auch aus dieser frühen Zeit von solchen Bildern nichts

erhalten, so wird man doch diese Eindrücke nicht gering veranschlagen,

da Corinth später oftmals und gern die Fleischerläden gemalt hat, die

ihn malerisch ebenso lockten wie Rembrandt oder Ostade die Erscheinung

eines aufgespannten toten Ochsen. Ja, man kann sogar weiter gehen und

behaupten, daß in der Art, wie Corinth schon in diesen akademischen

Lehrjahren unbewußt das Leben überall an seinen ursprünglichen

Punkten aufsucht, vorgreifend ein Teil seiner späteren künstlerischen

Entwicklung angedeutet ist.

[Illustration: Abb. 36. Die Hexen. 1897. Im Besitze des Herrn ~Dr.~ A.

Ulrich, Leipzig. (Zu Seite 58.)]

Wer wissen will, wie Corinth im übrigen diese akademischen Lehrjahre

verbracht hat, lese die oft etwas derb-drastischen Kapitel in

den „Legenden aus dem Künstlerleben“ nach, wo sich überall eine

unübertreffliche Beobachtung der Wirklichkeit mit der Kunst

meisterhafter, knapp und charakteristisch gehaltener Schilderung eint.

Einer der prächtigsten Abschnitte dieses Buches gilt dem Leben in dem

Fischerdorf Buxtehude auf der Frischen Nehrung, wo Corinth damals

einen Sommer in süßem Nichtstun verbrachte. Jede Zeile ist hier ein

Bild derber Ursprünglichkeit, wie es vor Jahrhunderten ähnlich die

Steen, Hals, Ostade und Teniers im Holland des siebzehnten Jahrhunderts

malerisch festgehalten haben, und man mag nur bedauern, daß uns

gerade aus diesen Monaten der Maler Corinth sehr im Gegensatz zum

Literaten nichts mitgeteilt hat. Die Erklärung dafür gibt der Meister

selbst an einer Stelle, wo er von einem Zwiegespräch mit einem frisch

angekommenen Kollegen berichtet, der neugierig nach seinen Werken

fragt. „Meistens“ -- so erzählt er -- „habe ich die Zeit verbracht,

indem ich den Charakter der hiesigen Fischer studierte, was ja

auch seinen Reiz hat. Mit geschenktem Schnaps werden sie alle recht

mitteilsam und zutraulich, und so habe ich vor lauter Studieren und

Trinken keine Zeit gehabt, zu malen.“

[Illustration: Abb. 37. Pfarrer Moser. 1899. In Frankfurter

Privatbesitz. (Zu Seite 62.)]

Mit dieser Schilderung aber von dem Leben und Treiben in dem Dorfe

an der Nehrung schließt auch der erste Teil seiner prächtigen

Selbstbiographie, die im nächsten Kapitel den Leser gleich hineinführt

in das Bouguereau-Atelier der Akademie Julian, in dem Corinth seine

akademische Lehrzeit beenden sollte.

⛝ ⛝ ⛝

Als eine seltene Probe seiner akademischen Lernjahre in Königsberg ist

der männliche Studienkopf des Jahres 1879 zu bezeichnen, der in der

Malschule von Prof. Günther nach einem der üblichen Modelle gemalt ist.

Als Arbeit eines Anfängers wird man sie nicht gering bewerten dürfen,

so unpersönlich sie auch im ganzen anspricht (Abb. 2).

[Illustration: Abb. 38. Kreuzigung. 1897. In der Kirche zu Tölz. (Zu

Seite 59.)]

[Illustration: Abb. 39. Aktstudie. 1899. Im Besitze des Museums zu

Königsberg. (Zu Seite 63.)]

[Illustration: Abb. 40. Bildnis Max Liebermanns. 1899.

Im Besitze der Kunsthandlung Carl Nicolai, Charlottenburg. (Zu Seite

64.)]

Zwischen dem Weggang von Königsberg und dem in der Selbstbiographie

anschließenden Pariser Aufenthalt liegen die Jahre von 1880 bis 1884,

die Corinth in München verbrachte, wo er außerdem Gelegenheit hatte,

als Soldat sein Jahr abzudienen. Es kann nicht überraschen, daß es den

starrnackigen Ostpreußen damals nach der süddeutschen Residenz hinzog,

weil der Ruf Münchens als Kunststadt nie höher gewertet worden ist als

vielleicht gerade in jenen Jahren. Und mit Recht. Denn hier hat sich in

der Tat die Erneuerung der modernen deutschen Kunst vorbereitet. Nicht

weil Leibl und Trübner hier wirkten, die damals noch völlig unbekannte

Größen waren, sondern weil gerade der akademische Betrieb hier eine

-- man kann sagen -- im übrigen deutschen Kunstschaffen unbekannte

Freiheit -- eine der Natur zustrebende Art der Betätigung hatte,

aus der so viele unserer besten Meister als starke und eigenwillige

Individualitäten hervorgegangen sind. Es sei nur an die Verdienste

des alten Piloty erinnert, der, selbst noch in traditioneller

Kunstanschauung völlig befangen, als Lehrer den Jungen jene

prachtvolle Dosis Selbstbewußtsein, ja jene neuen Lehren vermittelt

hat, die unmittelbar dem Aufschwung der deutschen Malerei vorgearbeitet

haben. Desgleichen an Wilhelm von Diez und Ludwig Löfftz, in dessen

Schule Corinth -- wie so viele seiner damaligen Kollegen -- eintrat.

Aus dieser Münchener Zeit sind uns ebenfalls nur sehr spärliche Proben

seines Könnens erhalten, so der Akt, der einen der Schächer einer

Kreuzigungsgruppe darstellen soll und zweifellos nach einem Thema,

das der Lehrer gestellt hat, gemalt ist. Sehr bedeutsam treten bei

diesem im Besitz von Gerhart Hauptmann befindlichen Bild der Sinn

für die Plastik des menschlichen Körpers und doch auch ein gewisses

selbstsicheres Können hervor, wenn die Arbeit sonst auch noch keinen

Blick in die Zukunft gestattet (Abb. 3). Im ganzen aber ist Corinth

auch in dieser Zeit noch wenig produktiv gewesen, wie es überhaupt als

besondere Eigenart seines sich entwickelnden Talentes -- sogar noch im

Verlaufe der nächsten zehn Jahre -- betont werden muß, daß er überall

lieber in sich aufgenommen als künstlerisch produziert hat. Vielleicht

sind von keinem Maler der Moderne so wenige Frühwerke festzustellen

und nachzuweisen wie von unserem Meister, und sicher ist es auch kein

schlechtes Zeichen seiner erwachenden Könnerschaft, daß er gerade in

seiner Jugend mit seinen Kräften so sorgsam hausgehalten hat. Viel

mag zu dieser Sparsamkeit der Betätigung auch ein gewisses mangelndes

Selbstvertrauen beigetragen haben, das nur der etwas schwerfälligen

Art des Ostpreußen entsprach, ja es scheint psychologisch durchaus

begründet, daß Corinth eigentlich erst auf dem Boden Berlins, in

dieser von echter Kampfesstimmung gehöhten Atmosphäre, später ganz

aus sich herausging, als ihn das Beispiel der Kollegen und die

bittere Notwendigkeit des Tages dazu zwangen. Einmal frei geworden

aber in dieser neuen Umgebung, hat er versucht, alle Versäumnisse der

früheren Jahre doppelt wett zu machen und der Fülle der Gesichte, dem

sprudelnden Reichtum seiner Phantasie wirklich freie Bahn zu schaffen.

Die akademische Lehrzeit in München dagegen verschwindet in ein Nichts,

empfände man nicht unbewußt, daß der Einfluß von Löfftz auch für ihn

sein Gutes gehabt hat und daß gerade er ihn vorbereitend schon auf jene

Themen hingelenkt hat, in denen er später wirklich ein Meister werden

sollte.

[Illustration: Abb. 41. Perseus und Andromeda. 1901. Im Besitze der

Galerie H. B. Simms, Hamburg. (Zu Seite 72.)]

[Illustration: Abb. 42. In der Hölle. 1901. Im Besitze von Frau O.

Moll.]

[Illustration: Abb. 43. Der Dichter Peter Hille. 1902.

Im Besitze der Bremer Kunsthalle. (Zu Seite 72.)]

In München war damals die sogenannte Anekdotenmalerei besonders in

der Mode; die Technik schöpfte vornehmlich von den alten Meistern,

aber als ein beliebtes und billiges Mittel wurde auch viel mit Asphalt

gemalt, weil sich dadurch die Lichtwirkung erhöhte. Im ganzen schwammen

die Probleme der neuen Zeit doch erst auf der Oberfläche, und gerade

bei Corinth kann man feststellen, wie sie sich mehr in äußerlichen

Dingen erschöpften und im Grunde immer noch akademisch waren. Es wurde

nach Modellen gemalt und skizziert, aber die Themen waren in sich

konventionell, und so ist es auch verständlich, daß er im ganzen leer

ausging und sich lieber in eine andere, wirklich neue Welt fortsehnte,

von der aus seltsame Kunde nach dem deutschen Süden drang. Belgien und

Frankreich importierten in jenen Jahren hauptsächlich nach Deutschland.

Die modernen Flamen, speziell Leys und Gallait, hatten eine siegreiche

Invasion versucht, und in der Tat waren sie ja die Vermittler zwischen

einem neuen Realismus und jener halb noch idealistisch befangenen

Kunstanschauung, von der zum mindesten die deutschen Akademiker noch

nicht losgekommen waren. Das erklärt, warum Corinths nächstes Ziel

Antwerpen war, freilich ein Ziel ohne Erfüllung.

[Illustration: Abb. 44. Familienbild. 1902. Im Besitze des Herrn Max

Halbe. (Zu Seite 65.)]

[Illustration: Abb. 45. Frauenräuber. Radierung.

Im Verlage von Paul Cassirer, Berlin.]

[Illustration: Abb. 46. Salome. Um 1899. (Zu S. 66.)

Im Besitze der Frau Carl Toelle, Barmen.]

Lovis Corinth · 第 1 / 7 段