In großer Erregung schritt Sophie auf und ab und hielt zwei Depeschen
in der rechten Hand. Bei jeder Bewegung knisterte das Papier. Schwer
atmend sprach die Fürstin, mühsam nach einem Entschlusse ringend: „Die
Reise werden wir absagen müssen, wir würden ja doch zu spät kommen...!
Sorgen Sie dafür, daß Pater Wilfrid unverzüglich hierherkommt, ich
muß ihn sprechen in dringender Angelegenheit! Fahren Sie, bitte, nach
Admont und bringen Sie mir den Pfarrer, unverzüglich, so rasch als
möglich!“
„Zu Befehl, Durchlaucht!“ sprach Martina und wandte sich zum Gehen.
Und wies den Gedanken zurück, der schmerzerfüllten Gebieterin jetzt
Mitteilungen persönlicher Art zu machen.
Die Fürstin holte tief Atem. „Noch einen Augenblick, liebe Gussitsch!
Sie müssen ja doch wissen, um was es sich handelt! Der Kummer will
nicht enden in meinem Hause! Ein Sorgenkind ist mein Sohn! Erst die
unglückselige Affäre Emils mit -- meiner Hofdame, dann die Flucht,
und jetzt teilt mir mein Sohn mit, daß er sich mit Komtesse Isotta
Thurn gegen den Willen des Vaters verlobt habe! Emil erbittet meine
Zustimmung, Graf Thurn hingegen bittet um sofortige Entlassung! Herr
des Himmels, was soll ich tun in dieser Situation! Es ist mir peinlich,
den Pater Wilfrid belästigen zu müssen, aber ich benötige seinen Rat!
Was denken Sie, liebe Martina, über den schmerzlichen Fall, über Emils
unbegreifliches Verhalten und Vorgehen? Bitte, sagen Sie offen Ihre
ehrliche Meinung!“
Martina zögerte.
Doch die Fürstin bat flehentlich in ihrer Bedrängnis. „Vielleicht,
nein: gewiß findet der Frauensinn, das weibliche Empfinden den
richtigen Weg besser als jeder Mann! Ich bitte Sie, liebe Martina,
herzlich um Bekanntgabe Ihrer Auffassung!“
Nun mußte das Hoffräulein wohl oder übel der Bitte, die einem Befehl
glich, nachkommen. Martina machte aufmerksam, daß es sich nun um eine
ernste Angelegenheit handle, daß eine Verweigerung der erbetenen
Zustimmung den energisch gewordenen Prinzen auf einen Weg drängen
werde, der zu einer gewalttätigen Durchsetzung seines Willens führt.
„Nach meiner allerdings unmaßgeblichen Meinung scheint Prinz Emil fest
entschlossen zu sein, die Komtesse Thurn zu ehelichen, auch gegen den
Willen der Fürstinmutter und des Grafen Thurn! In diesem Entschlusse
liegt die Gefahr einer kompromittierenden Gewalttat! Es zeugt von
Liebe, daß Prinz Emil die Mama um Zustimmung bittet...!“
Ächzend rief die Fürstin: „Die telegraphische Bitte kann aber ebensogut
als eine Nötigung, als ein Ultimatum aufgefaßt werden!“
„Allerdings! Unzweifelhaft ist Prinz Emil zum Äußersten entschlossen!
Er wird seinen Willen unter allen Umständen durchsetzen! Wird die
erbetene Zustimmung verweigert, so gestaltet sich die Situation erst
recht mißlich, der Protest bleibt wirkungslos, ebenso eine etwaige
Androhung der Enterbung!“
„Emil besitzt ja keine Mittel, er kann doch gar nicht heiraten! Und
die Komtesse muß doch so vernünftig sein, zu erkennen, daß diese
unglückselige Heirat einem Sprung ins Dunkle, ins Elend gleichkommt!“
„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht,
geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod!
Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher
diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse
anzukämpfen! -- Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt,
so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch
Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird
Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche
Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus
den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen
verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung,
der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich
empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen
durch Gewährung der Bitte...!“
„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend
sprach die Fürstin diese Worte.
„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer
bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen
Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert,
ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes
Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend
wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene
Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer
sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles,
sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe,
größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Weibes zum Manne,
denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie
ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer
aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die
Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in
der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte
sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen.
Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein
die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das
Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch
erschütterten Frau.
Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich,
legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz
an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen
Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren,
durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie
mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann
diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung
mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission.
Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte
das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke
Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den
Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina
nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben.
Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen
Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es
nicht...