Zwölftes Kapitel

Einer Herzensregung folgend, besuchte die Fürstin das vom Tisch

verbannte Fräulein von Gussitsch. Wider Absicht und Willen klagte die

Fürstin leisen Tones darüber, daß der Sohn so gar kein Faserchen Mut

besitze, wohl auch nie lernen werde, sich selbst zu überwinden. Ob Emil

je die Mannesfestigkeit erringen werde? Jenen stahlharten Willen, der

allein es ermöglicht, aufrecht durch das Erdenleben zu gehen?

Die Fürstin hielt im Sprechen inne, erwartete von Martina Antwort,

vielleicht auch ein Trosteswort. Das arme Hoffräulein rang nach Worten

und fand keines.

„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen,

Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts

weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie

das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“

Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz

Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann

wird guter Wein daraus!“

„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein!

Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung!

In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit diesen

Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn

er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein

Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! -- Doch nun wollen wir von

Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja --? Und es

bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll

begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll

Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht

sprechen!“

Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand.

Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den

Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche

des Prinzen Coburg in Schladming bat.

„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“

„Zu dienen!“

„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen

Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu

entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist

das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber

Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich

nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch

nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“

„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte

freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde.

„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“

„Viel Vergnügen! Und Weidmannsheil!“

Mit Handkuß verabschiedete sich der alte Hausmarschall.

Das Versehen verspätet gutgemacht zu haben, gewährte der Fürstin eine

gewisse Befriedigung. Aber einen Stachel hatte sie doch in der Brust,

so sie an Emil, an seine Gleichgültigkeit gegen Wild und Jagd dachte.

Und sie flüsterte: „Bin aber nicht auch ich gleichgültig geworden? Ist

in mir nicht auch jegliches Jagdinteresse erstorben? Eben weil Emil

sich nicht dafür interessiert!“ Und Sophie wünschte sich, es möge der

Sohn sich einen stahlharten Willen erwerben.

*

Einen Tag später lauerte Prinz Emil im kleinen Bahnhofe zu Admont wie

die Spinne auf eine Fliege im Netz auf den Pfarrer Pater Wilfrid,

der mit einem Zuge von Selztal zurückkommen sollte. So hatte der

Klosterpförtner berichtet, aber nicht zu sagen gewußt, wann der Pater

Gastmeister heimkommen werde.

Da nun Emil den Hofpfarrer in finanzieller Angelegenheit unter

allen Umständen sprechen wollte, wartete der geldhungrige Prinz von

vormittag neun Uhr ab auf jeden Zug aus der Richtung von Selztal.

Die Zwischenzeit vertrieb er sich mit Bummeln, leistete sich im

Stiftskeller, der für Laiengäste offenstand, auch ein Fläschchen

Edelweines aus der Luttenberger Gegend; doch prompt fand Emil sich

wieder im Bahnhofe ein, wenn ein Zug fällig war. Gegen Mittag kreuzten

zwei Züge aus Süd und Nord in Admont. Der Erwartete kam nicht. Aber

dem Zuge aus dem Süden entstieg eine junge Dame, deren wundersame

Erscheinung Emil Herzklopfen verursachte. Tannenschlank die Gestalt,

fein geschnitten das Gesicht, gebräunt die Wangen von südlicher Sonne.

Dunkle, feurige und große Augen. Welscher Typus aus Norditalien wohl,

gemildert etwas durch germanischen Einschlag. Elegante Toilette,

sicheres Auftreten der befehlgewohnten Aristokratin, deren Stimme wie

ein Silberglöckchen klang, als die junge Dame nach einem Gepäckträger

rief. Und zwar vergeblich, da es in dem Miniaturbahnhofe trotz des

starken Verkehrs keine Diener und Träger gab.

Das Köfferchen und die Lederhandtasche verrieten wie die Gestalt

höchste Eleganz.

Betroffen stand die junge Dame am Zuge und guckte nach einem

dienstbaren Geist, indes die Passagiere hastig den Zug verließen,

andere Fahrgäste aber einstiegen.

Emil ging auf die Dame zu und bot seine Dienste mit ritterlicher

Galanterie und mit einem Humor an, der das Fräulein lachen machte. Emil

sagte nämlich: „Dem Beruf nach bin ich zwar kein Packträger, aber recht

viel mehr Intelligenz besitze ich auch nicht! Schönes Fräulein, darf

ich’s wagen, Ihnen meine Dienste anzutragen? Auf Trinkgeld verzichte

ich!“

„Ah, Herr Faust! _Con piacere, ecco!_“ Ohne weiteres deutete die junge

Dame auf die Gepäckstücke, und lächelnd rief sie Emil zu: „Rasch zu

einem Wagen!“

Prinz Schwarzenstein mußte mitteilen, daß es keine Wagen gab im kleinen

Admont und nur der Omnibus des Posthotels am Bahnhofe stehe.

Im Befehlstone, doch liebenswürdig lächelnd, sprach die junge Dame:

„Dann besorgen Sie einen Wagen, aber rasch! Ich habe Eile!“

„Zu dienen! Aber Gnädigste können doch inzwischen nicht allein und

schutzlos hier warten, bis ich mit dem requirierten Wagen komme!

Gnädigste wollen mich ins Städtle begleiten!“

„Ob Herr Doktor Faust der richtige ‚Schutz‘ und Führer sein wird,

steht denn doch zu bezweifeln! Besonders vertrauenerweckend sieht

er nicht aus, der Herr Doktor Faust!“ Die junge Dame musterte mit

drollig forschendem Blicke den Prinzen, der inzwischen das Handgepäck

aufgenommen hatte.

„Oh, oh! Gnädigste können mir ruhig volles Vertrauen schenken, denn ich

bin nicht Doktor Faust! Und Gnädigste sehen nicht -- gretchenhaft aus,

werden also auch nicht à la Gretchen einitappen!“

Das Fräulein kicherte belustigt und folgte dem seltsamen

„Gepäckträger“, der nun vorschlug, den Hotelomnibus zu benutzen und im

Hotel „Post“ einen Privatwagen zu mieten.

Es befremdete die junge Dame, daß Emil gleich ihr in den Hotelomnibus

stieg. „Ich danke für Ihre Gefälligkeit, bedarf aber Ihrer Dienste

nicht weiter!“

„Doch! Ich muß ja behilflich sein, damit Gnädigste rasch den

gewünschten Wagen im Hotel bekommen! Deshalb fahre ich mit!

Furierdienst ist meine Spezialität! Besserer Brettlhupfer!“

„So! Vermutlich im Dienst der Fürstin von Schwarzenstein, was?“

Für einen Moment stutzte Emil; es überraschte ihn, daß das fremde

Fräulein Kenntnis von der Existenz der Schwarzensteins hatte. Die

Lust an Abenteuern war aber so groß, daß er keck und verwegen log und

schwindelte, frischweg behauptete, der Privatsekretär der Fürstin zu

sein.

„Ah! Da sind Sie ja des Vertrauens würdig! Und falls Sie gleich mir

nach Hall fahren wollen, lade ich Sie ein, mich zu begleiten!“

„Mit größtem Vergnügen! Also Gnädigste wünschen, nach Hall zu fahren!

Darf ich fragen: Hall Dorf, Forsthaus oder Jagdschlößl?“

„Für einen Geheimsekretär sind Sie ein bissel -- neugierig!“ stichelte

das elegante und bildhübsche Fräulein.

„Stimmt! Böse Beispiele verderben gute Sitten! Man lernt das

Neugierigsein von den Dienern und Vertrauenspersonen! Ich will nicht

fragen, wer Gnädigste sind!“

„Sehr löblich von Ihnen! Ich will aber freiwillig den Schleier des

Geheimnisses lüften: ich bin die -- Schwester des Oberförsters!“

Emil machte ein wahrhaftiges Schafsgesicht. Und verblüfft stotterte er:

„Nicht möglich! Hartlieb hat ja gar keine Schwester!“

Der Omnibus hielt vor dem Gasthofe „Post“. Hotelgäste vermutend

stürzten der Eigentümer, der „Herr Ober“, ein Kellner und der

langohrige Pikkolo dienstbereit herbei.

Prinz Schwarzenstein half der Dame aussteigen und bestellte sofort

einen Wagen zur Fahrt nach Hall-Forsthaus. Dann bot er dem Fräulein ein

Frühstück an, das jedoch dankend abgelehnt wurde. Ziemlich abgekühlt,

überlegte Emil, ob er nicht guttun würde, sich zu drücken. Ist das

verdammt hübsche Fräulein wirklich die Schwester Hartliebs, dann heißt

es für den Prinzen: _Hands off!_

Das schelmische, spitzbübische Lachen im Auge der Dame brachte ihn

auf den Gedanken, daß das Fräulein genau so wie er ulkt, daß die

Dame sowenig Hartliebs Schwester ist, wie Emil der Geheimsekretär

der Fürstin. Und dieser Gedanke veranlaßte ihn, den Scherz nach

Möglichkeit bis zur Aufklärung der drolligen Situation fortzusetzen.

Ulkig fragte er, ob Papa oder Mama Hartlieb welscher Abkunft gewesen

sei.

„Warum denn?“

„Weil Sie unverkennbar romanisches Blut haben müssen! Halb deutsch,

halb italienisch! Welsche Schönheit!“ sprach Emil in italienischem

Idiom der horchenden Leute wegen.

In reinem Toskanisch scherzte die junge Dame, daß die Großmutter eine

gebürtige Olona gewesen sei, verwandt mit den Familien Masnago-Laveno;

daher habe der Oberförster den welschen Typ.

„Donnerwetter! Die Namen Olona, Masnago-Laveno kommen mir aber bekannt

vor, sehr bekannt! Es muß die Fürstin davon gesprochen haben...!“

„Hat die Fürstin längere Zeit in Mailand verbracht?“

„Ja, vor einigen Jahren! -- Aber da ist der Wagen! Darf ich bitten!

Apropos: ist Herr Hartlieb von Ihrer Ankunft verständigt?“

„Nein, ich komme überraschend!“ lachte glockenhell das Fräulein.

„Stimmt! Denn ich bin sehr überrascht! _Che bellezza!_“

„Für einen fürstlichen Geheimsekretär sind Sie ein besonderer

Frechdachs! Fast möchte ich bezweifeln, daß Sie sich in dieser Stellung

befinden!“

Während der raschen Fahrt nach Hall schwätzte Emil der jungen Dame

schier die zierlichen Ohren weg und guckte ihr möglichst oft und tief

in die schönen Augen. Doch hielt er unwillkürlich eine gewisse Grenze

ein im Empfinden, daß das Fräulein nicht die Schwester Hartliebs sei,

von erheblich höherer Abkunft sein müsse. Aber nett und lieb, zum

Anbeißen nett. Distinguiert und doch nicht prüde.

„Als Hofbeamter müssen Sie den Grafen Thurn kennen! Ist der

Hausmarschall zu Hause?“

Diese Frage brachte Emil auf die richtige Spur. Frohlockend rief er:

„Gnädigste haben sich jetzt verraten! Mit dem Inkognito ist es aus!

Gnädigster Komtesse lege ich verehrungsvollsten Respekt zu Füßen!“

„Wie dumm von mir! Aber Sie sind auch nicht der Hofsekretär! Darauf

getraue ich mir meinen Kopf zu wetten!“

„Was soll ich zum Einsatz geben? Wer soll ich denn sein?“

Komtesse Isotta Thurn wandte den hübschen Kopf zu Emil und blickte

ihn voll und prüfend an. „Nach Papas Schilderungen sind Sie der Prinz

Schwarzenstein! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Durchlaucht so

respektwidrig behandelt habe! Zugleich danke ich aber auch für die

ritterliche und liebenswürdige Hilfeleistung!“

„Keine Ursache, Komtesse! Aber Sie irren sich in meiner Person...“

„Unmöglich! Es stimmt die Beschreibung, die mir Papa gegeben hat,

als er mich das letztemal in der Pension zu Lausanne besuchte!“ Und

schalkhaft lachend, fügte Isotta bei: „Es stimmt aber auch bezüglich

Ihres Auftretens!“

„Wieso denn?“

„Hofsekretäre sind niemals -- Frechdachse! Oh, bitte untertänigst um

Verzeihung!“

„Warum soll denn ein junger Sekretär, den keine Sorgen drücken, einer

bildhübschen jungen -- ‚Oberförstersschwester‘ gegenüber nicht als --

Frechdachs auftreten? Hätte ich gewußt, daß Gnädigste die Komtesse

Thurn sind, würde ich allerdings bescheidener mich verhalten haben! Um

Verzeihung muß also ich bitten, untertänigst und gehorsamst! Und ganz

besonders herzlichst bitte ich um Diskretion! Denn wenn Graf Thurn

erfährt, wie frech ich mit seiner Tochter angebandelt habe, fangt er

mich füri!“

„Diskretion wird sicher gewahrt! Aber das Versteckenspielen müssen Sie

nun aufgeben! Mit einem simplen Sekretär kann und darf die Komtesse

Thurn sich nicht weiter beschäftigen...! Das werden Sie doch begreifen!“

„Will sich die Komtesse mit dem Prinzen Schwarzenstein ‚beschäftigen‘?“

Isotta erglühte und schwieg.

Emil ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann bat er, es

wolle die Komtesse, da Papa Thurn auf zwei Tage verreist sei, Quartier

im Jagdschlößl nehmen.

„Danke vielmals! Aber wo Papa wohnt, wird das Quartier auch der Tochter

genügen! Und jede Belästigung der Fürstin muß vermieden werden!“

„Ach wo! Im Forsthause können Sie, Komtesse, nicht bleiben, in

Abwesenheit Ihres Papas schon gar nicht; es fehlt ja auch an jeder

Bedienung!“ Emil richtete sich auf, markierte Energie und sprach

gebieterisch: „Ich befehle, daß Sie Quartier im Jagdschlößl nehmen!“

„Huhu! Durchlaucht befehlen!“ lachte Isotta spitzbübisch.

„Gel, das imponiert Ihnen, was?“

„Und wie? Zwingt zu ersterbender Ehrfurcht! Hihi! Regieren Durchlaucht

immer so energisch und scharf?“

„Spotten Sie nur zu! Die Hauptsache ist der Gehorsam! Bitte, teuerste

Komtesse, nehmen Sie Quartier bei uns! Es wäre nett, entzückend,

himmlisch, wenn wir ein Dach über uns hätten!“

Wieder erglühte Isotta. Und sie wehrte ab: „Aber, Prinz! Was wird die

Fürstin denken?“

„Mama wird sicher auch finden, daß die Komtesse Thurn ein entzückendes

Frauenzimmerl ist!“

„Nun ist’s aber genug der Schmeichelei! Ein Mischmasch-Komtessel bin

ich, halb deutsch, halb welsch!“

„Oh, ich bin sehr für den Mischmasch! Besonders, wenn das

Mischmasch-Komtessel so himmlisch nett und lieb ist! -- Holla! Dort

wimmelt Mama spazoren, und zwar ausnahmsweise allein! Der Fall ist

günstig! He, Kutscher, halten!“

Isotta wehrte sich vergeblich. Sie mußte raus und mit Emil der Fürstin

entgegengehen, die nicht wenig staunte, den Sohn mit einer eleganten

jungen Dame anmarschieren zu sehen.

Auf Distanz von zwölf Schritt rief Emil lebhaft: „Mama, Mama! Denk dir,

ich habe Komtesse Thurn unterwegs aufgegabelt! Sie wollte den Papa

überraschen, das ist ihr aber mißglückt, denn Graf Thurn ist abwesend!“

Durch diesen Zuruf schwand das Befremden sofort; jetzt angenehm

berührt, kam Fürstin Sophie mit raschen Schritten heran, und freudig

begrüßte sie die Tochter des alten Hausmarschalls. Mama genehmigte auch

alle Vorschläge Emils wegen des Quartiers im Jagdschlößl, vorbehaltlich

der Zustimmung Thurns.

Emil strahlte vor Freude. Und übermütig erzählte er, daß Komtesse sich

weigerte, daß er aber befohlen habe, Quartier im Schlößl zu nehmen.

Mit feiner Ironie sprach die Mama: „Der Prinz Schwarzenstein kann

gegebenenfalls dem Hausmarschall Befehle erteilen, niemals aber dessen

Tochter. Ich bitte Komtesse, bei uns zu bleiben als lieber Gast! Und

nun wollen wir heimkehren!“

Emil schickte den Wagen mit dem Gepäck voraus. Auf dem Wege zur Villa

mußte er den stummen Begleiter spielen, denn Mama sprach ausschließlich

mit Komtesse Isotta.

In böse Verlegenheit brachte ihn die Frage der Fürstin, wo er die

Komtesse aufgegabelt habe. „Meines Wissens hast du doch die Komtesse

bisher nie gesehen!“

Rasch gefaßt, antwortete Isotta an Emils Stelle, daß sie im

Bahnhofe Admont den ihr unbekannten Prinzen um Auskunft über eine

Fahrgelegenheit zum Forsthause Hall gebeten und sich hernach als

Tochter des Hausmarschalls vorgestellt habe. Worauf Prinz Emil

mitgefahren sei.

„Ach so!“ Mit einigem Mißtrauen fragte die Fürstin den Sohn: „Was

hattest denn du auf dem Bahnhof zu tun? Noch dazu zur Zeit, da wir

speisen?“

„Verzeihung, Mama! Ich konnte nicht rechtzeitig um Dispens vom Lunch

bitten! Auf dem Bahnhof wollte ich Pater Wilfrid erwarten, der aber

nicht kam! Ein Glück, daß ich anwesend war, der Komtesse behilflich

sein konnte!“

Zwei Blicke des Einverständnisses der jungen Leute kreuzten sich.

Optische Warnungen vor Verplapperung. Besonders Isottas Blick mahnte

zur Vorsicht.

Wonne und Glückseligkeit empfand Emil, daß die Komtesse sich so tapfer

auf seine Seite stellte und so brillant lügen konnte, um das Geheimnis

der Bekanntschaft zu wahren. Ein schneidiges Mädel, höchst sympathisch,

nett zum Anbeißen! Dazu Gräfin, also...

Als Quartier bekam Komtesse Thurn ein Zimmer ähnlich dem

Hoffräuleingemache, klein, doch zweckentsprechend eingerichtet. Die

Räumlichkeiten waren im Jagdschlößl beschränkt, nur für Jagdgäste zu

kurzem Aufenthalt bemessen.

Die Fürstin machte Isotta mit der Hausordnung bekannt, stellte Fräulein

von Gussitsch vor und beauftragte die Dienerschaft, dem Gaste alle

Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Liebenswürdigkeit konnte jedoch die

Komtesse darüber nicht täuschen, daß die Fürstin irgendein Mißtrauen

hegte. Auch fiel es Isotta auf, wie scharf die Mama den Sohn bei Tisch

überwachte.

Davon merkte Emil anscheinend nichts, er gab sich keine Mühe, die

Freude über die Anwesenheit der ihm höchst sympathischen Komtesse zu

verbergen, und widmete ihr seine Aufmerksamkeit. Ohne Übertreibung,

ohne Draufgängerei. Freilich glänzten seine Augen seltsam.

Die Hofdame war bei Tisch nur Staffage, es hatte Martina reichlich

Gelegenheit zu stillen Beobachtungen, und sie war sich sehr rasch

darüber klar, daß Prinz Emil jetzt ernstlich Feuer gefangen habe, und

daß die Fürstin die Situation erfaßte und keineswegs einverstanden

war. Das Abschwenken Emils konnte Martina nur willkommen sein, die

Ignorierung ihrer Person verbürgte Ruhe. Aber neugierig war Martina

doch auf die Entwicklung der fühlbar gespannten Situation.

Auffällig war, daß die Fürstin sich nach dem abendlichen Diner nicht

wie üblich zurückzog, sondern im Speisezimmer blieb und Martina um

etwas Musik bat. Fräulein von Gussitsch mußte das im Empfangssalon

stehende Pianino bearbeiten, vermutlich nur zum Zwecke, daß Prinz Emil

der Komtesse nicht die Cour schneiden konnte und zur Schweigsamkeit

gezwungen war. Eine lange Stunde hindurch mußte Martina Musik machen.

Dann wurde kurz dafür gedankt und Schluß befohlen. Kurzer Abschied,

rascher Rückzug.

Auf seiner Bude konnte Emil sich mopsen nach Belieben. Auch das schöne

Liedchen summen: „Du bist mir nah und doch so fern.“ Wie sehr er sich

für Isotta interessierte, bewies die Tatsache, daß für diesen Abend

kein Schlummerpunsch in sein Kämmerlein kam, das verliebte Prinzlein

völlig nüchtern in die Federn kroch und langmächtig und wahrhaftig

maikäferte.

Mehrere Enttäuschungen brachte der nächste Tag für Emil. Nicht für

ein Viertelstündchen war es möglich, mit Komtesse Isotta ohne Zeugen

zu sprechen; Mama belegte sie ständig, ging mit ihr spazieren,

beschäftigte sie fortwährend, bis es Zeit wurde, für den Grafen Thurn

den Wagen zum Admonter Bahnhof zu senden. Isotta wurde es freigestellt,

den Papa abzuholen, und für diesen Fall war Fräulein von Gussitsch zur

Begleitung befohlen. Wie dies Emil hörte, verzichtete er sofort auf die

Mitfahrt.

Die Komtesse hingegen wollte um die Erlaubnis bitten, Papa im

Forsthause erwarten zu dürfen, fügte sich aber der Anordnung und fuhr

mit Martina weg.

Zwei Stunden später kam Fräulein von Gussitsch allein zurück und

meldete der Fürstin dienstlich, daß Graf Thurn vorerst mit seiner

Tochter im Forsthause eine Aussprache pflegen wolle und sodann ins

Jagdschlößl kommen werde, um wegen der unangenehmen Überraschung

Durchlaucht untertänigst um Entschuldigung zu bitten.

Fürstin Sophie nickte nur. Und das Lächeln einer gewissen Befriedigung

huschte über ihre Lippen. Sie schien die Handlungsweise des allzeit

streng korrekten Hofchefs erwartet zu haben.

In der Wohnung Thurns entlud sich ein böses Ungewitter über das

schöne Töchterlein. Graf Thurn rüffelte Isotta wegen der leichtsinnig

unternommenen Soloreise, ganz besonders aber ob der schweren

Belästigung der Fürstin durch die geradezu unverschämte Einquartierung

in das Schlößl.

Isotta wehrte sich mit dem Hinweise, daß man sie ja genötigt habe,

Quartier im Jagdschlößl zu nehmen.

„Ach was! Wenn man überraschend kommt und einem ins Haus plumpst,

bleibt den hohen Herrschaften nichts anderes übrig, als gute Miene

zum bösen Spiel zu machen und den Eindringling willkommen zu heißen!

Traurig genug, daß die Tochter des Hofchefs nicht soviel Lebensart hat,

um einen skandalösen Überfall zu vermeiden!“

„Aber, Papa! Ich versichere dir, daß ich gezwungen worden bin!“

„Wer hat dich gezwungen?“

„Prinz Emil!“

Die Stirne runzelnd rief Graf Thurn: „Unmöglich! Den Prinzen kennst du

ja gar nicht! Wie kann Prinz Emil dazu kommen, dich einzuladen!“

Der Ärger über den Rüffel verleitete Isotta zu einer unvorsichtigen

Beichte, wie sie den netten und liebenswürdigen Prinzen kennengelernt

hatte, ganz zufällig, und dann selbstverständlich mit ihm zum

Forsthause gefahren sei. Und hierauf habe der Prinz sie der zufällig

auf einem Spaziergange herbeigekommenen Fürstin vorgestellt.

Jetzt rügte Thurn das Gebaren der Tochter erst recht scharf und als

skandalöse Aufdringlichkeit. Nicht weniger die empörenden Mängel der

Schulerziehung. Wenn schon nicht Verstand und Vernunft, so doch das

weibliche Gefühl hätte derlei Taktlosigkeiten verhindern müssen.

Unerhört, wie sich eine Komtesse Thurn dem Prinzen geradezu an den Hals

werfen konnte. Blamiert bis auf die Knochen sei der Hofchef und Vater.

Und was die Fürstin sich denken werde! „Dein Verhalten zwingt mich,

die Konsequenzen zu ziehen! Die erste Folge ist, daß ich um sofortigen

Urlaub bitten werde, um dich morgen zu Verwandten nach Mailand zu

bringen! Zum zweiten bin ich genötigt, meine Entlassung zu erbitten!

Das Schlößl betrittst du nicht mehr! Du nächtigst bei mir! Dein Gepäck

werde ich holen lassen! So, und nun hast du Zimmerarrest! Ich gehe

indessen zur Fürstin!“ Kurz entschlossen sperrte Graf Thurn die Tochter

im Zimmer ein und steckte den Schlüssel zu sich. Und eilig ging er zum

Jagdschlößl.

In außerordentlicher Audienz stimmte Fürstin Sophie zu, daß Graf Thurn

Urlaub nach Italien nehme, die Bitte um Entlassung hingegen lehnte sie

ab, weil kein Grund dazu vorhanden sei. Und leisen Tones fügte sie

hinzu: „Es liegt auch nicht alle Schuld auf der anderen Seite! Mein

Sohn dürfte ebenfalls -- hm -- inkorrekt vorgegangen sein, er wird

seine Strafe schon noch bekommen! Jedenfalls ist Ihre und der Komtesse

Abreise wünschenswert! Der Wagen für morgen früh steht zur Verfügung,

wollen Sie selbst den Kutscher verständigen! Norbert soll das Gepäck

der Komtesse nach dem Forsthause bringen! Gute Reise, lieber Graf!“

„Untertänigsten Dank, Durchlaucht!“

„Nehmen Sie die Sache nicht zu schwer! Trübe Stunden bleiben den

Eltern nie erspart, weder in der Hütte noch in einem Palast! Und die

sorgsamste Erziehung schützt nicht vor dummen Streichen der mündig,

aber nicht reif gewordenen Kinder! Adieu, lieber Graf! Wir bleiben in

Freundschaft die alten!“

Ein Handkuß, dann verließ Thurn mit zusammengepreßten Lippen das

Wohngemach.

Ahnungslos von alledem stand Emil, mit Martina plaudernd, im

Speisesaale, auf Mama und Komtesse Isotta wartend. Und angelegentlich

hatte sich Prinz Emil erkundigt, wo denn eigentlich die gräfliche

Familie Thurn ihren Hauptsitz habe.

Des Umstandes froh, daß der Prinz ein verhältnismäßig harmloses

Thema berührte, gab Martina Auskunft, soviel sie konnte, dahin, daß

die Thurn-Valsassina de Villalta und Spessa von einem Napoleone

della Torre, Signore di Milano abstammen und um die Mitte des 16.

Jahrhunderts Reichsgrafen wurden.

„Also wird Mailand der Wohnort der Familie sein?“ meinte Emil.

„Das kann stimmen!“

Der Eintritt der Fürstin beendigte das Gespräch.

Die Mitteilung Mamas, daß die Thurns am Diner nicht teilnehmen, da der

Graf sehr ermüdet sei, überraschte Emil. Aber er wagte keine Bemerkung.

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 33 / 60 题