Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“

Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger

stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur

Zelebrierung des Hochamtes angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der

Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den

Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als

Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet,

begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums,

wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe,

gleichsam zum Schutz.

Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior

auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen

Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar.

Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum

Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im

ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes

zusammenrief.

Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie.

Der Prior am Hochaltare stimmte das „Kredo“ an, das dann der Musikchor

zu Ende sang.

Nun trat Schweigen im Dome ein. Tiefes, feierliches Schweigen.

Aus der Sakristei kam der Zug der Stiftsherren, paarweise, voran die

jüngsten Patres, dann die älteren, die alten mit dem Schnee auf dem

Haupte oder kahlköpfig; alle bekleidet mit dem weiten, faltigen,

schwarzen Ordenskleide mit Kapuze, zuletzt schritt der Abt mit goldenem

Brustkreuz an schwerer Kette, auf dem Haupte die Mitra, in der Hand den

silbernen Stab.

Im Presbyterium bildeten die Patres Spalier, durch das der Abt mit

seinem Zeremoniar schritt. Dann betrat der Abt die Stufen des

Hochaltars und nahm Platz auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle.

Der Prior mit seiner Assistenz stand auf der Epistelseite vor den

Sitzen.

Nun waltete der Spiritual seines Amtes, indem er Nonnosus, der die

Pergamentrolle in der zitternden Rechten trug, zum Abte geleitete. Hier

kniete Nonnosus nieder und reichte die Urkunde entfaltet dem Abte, der

sie entgegennahm und dem Profitenten zum Ablesen vorhielt.

Nonnosus bekreuzte sich und las den lateinischen Text der Profeßformel

mit dem Schlusse: „_In huius rei testimonium praesentem schedulam manu

propria scripsi._“ (Zum Zeugnis dessen hab ich gegenwärtige Urkunde mit

eigener Hand geschrieben.)

Langsam und würdevoll sprach der Abt: „_Haec tibi servanti vitam

aeternam promitto!_“ (Wenn du dies beobachtest, verspreche ich dir das

ewige Leben.)

Nonnosus stand auf, trug die Urkunde zur Epistelseite des Hochaltars.

Dann kehrte er zum Stuhle des Abtes zurück und kniete wieder nieder.

Abt Beda sprach ein Gebet über den Profitenten, erhob sich von seinem

Sitze und blieb stehen, bis der vom Spiritual geleitete Nonnosus das

Ende des Presbyteriums erreichte. Hier knieten beide nieder und sangen

den Psalmvers: „_Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam,

et non confundas me ab expectatione mea._“

Der ganze Konvent, alle Patres sangen diesen Vers im gleichen Tone nach.

Nun standen Nonnosus und der Spiritual auf, gingen bis in die Mitte des

Presbyteriums, knieten hier nieder und sangen den Vers um einen Ton

höher.

Der Konvent wiederholte den Vers gleichfalls in erhöhtem Tone. Der

Spiritual führte den Profitenten nun bis zur untersten Stufe des

Hochaltars, wo zum drittenmal und wieder um einen Ton höher der Vers

gesungen, vom Konvent dann wiederholt wurde. Und ergreifend klang

der vom ganzen Kapitel gesungene Schluß: „_Gloria Patri et Filio et

Spiritui sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in

saecula saeculorum. Amen._“

Nochmal segnete der Abt den vor dem Hochaltare knienden Profitenten

und sprach über ihn Gebete. Dann schritt Abt Beda zur Epistelseite und

weihte die dort niedergelegten neuen Ordenskleider für den Profitenten.

Hierauf kniete der Abt auf der obersten Stufe des Altares nieder und

stimmte den Hymnus an: „_Veni creator spiritus_“. Der Musikchor sang

den Hymnus weiter.

Feierlich gestaltete sich die Abnahme des bisherigen Skapuliers

und Bekleidung des Profitenten mit einem neuen, _ad hoc_ geweihten

Skapulier seitens des Abtes, der dann Nonnosus die Hand reichte und ihm

auf beide Wangen den Bruderkuß gab. Während der Abt mit Mitra und Stab

in der Mitte des Altares stehenblieb, vollzog sich die Zeremonie des

Bruderkusses, indem Nonnosus mit dem Pater Prior und allen Kapitularen

den Kuß tauschte.

Laienbrüder trugen ein schwarzes Bahrtuch in das Presbyterium und

breiteten es in der Mitte des Presbyteriums aus, just an der Stelle,

unter der sich die Totengruft des Konventes befindet. Auf das Bahrtuch

gegen den Altar zu wurde ein schwarzes Kissen gelegt.

Nonnosus küßte den jüngsten Pater und schritt dann langsam zum

Bahrtuch, zog die Kapuze über den Kopf und legte sich der Länge nach

auf das schwarze Tuch, drückte das blasse Gesicht auf das Kissen und

blieb regungslos liegen.

Im selben Augenblick ertönte die große Sterbeglocke dumpf in schweren

Schlägen, ernst und feierlich, mahnend, daß der auf dem Bahrtuche und

so nahe der Totengruft liegende Profitent nun der Welt abgestorben sein

soll und muß...

Ein schwaches Zucken lief durch den Körper des Pater Nonnosus, der die

zum Gebet gefalteten Hände fester aneinanderpreßte. Kam ihm doch in

diesem erschütternden Moment so recht zum Bewußtsein, daß jetzt der

Abschied von der Welt sich für immer vollzogen hat...

Helle Klingeltöne verkündeten das Sanktus. Der eine Diakon verließ

den Hochaltar und schritt zum Bahrtuche. Und er berührte mit dem Fuße

leicht den Profitenten und sprach: „_Surge qui dormis et exurge a

mortuis, et illuminabit te Christus!_“ (Erhebe dich, der du ruhest, und

steh auf von den Toten, erleuchten wird dich Christus.)

Nonnosus erhob sich langsam und zog die Kapuze vom Haupte. Kalkig waren

seine Wangen. In den Augen glühte das Feuer der Begeisterung für den

Beruf.

Nonnosus begab sich in den Chorstuhl, wo er niederkniete. Der Diakon

kehrte an den Altar zurück.

Nach der Kommunion des zelebrierenden Priors schritt Nonnosus zum

Altar, aus der Hand des Priors empfing er das hl. Abendmahl, worauf er

zu seinem Stuhle zurückkehrte.

Zum Schlusse des Hochamtes ging Nonnosus zum letztenmal an den Altar,

auf der untersten Stufe kniend empfing er den besonderen Segen des

Priors. Und hier blieb er dann allein, versunken in Gebete, nachdem der

Prior samt Assistenz die Kirche verlassen hatte.

Aufgenommen als gleichberechtigter Konventual, aber allein, um

Gelegenheit zu haben, Gott zu danken...

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 32 / 60 题