Elftes Kapitel

Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine

wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die

Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt,

indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der

Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die

ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank

einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde.

Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der

Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig

den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte

Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde.

„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich

sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der

Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern

hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen!

Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten

wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir

das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft

einhändigen!“

„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich

bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich

auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte

mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft.

Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die

Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die

am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach:

„Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau

sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als

Haushaltsvorstand befehle ich das!“

Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda.

Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der

Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang

dieses Lachen der Geringschätzung.

Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart

in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende

Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“

Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den

geballten Händen auf ihre Knie.

Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt

fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu

vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie

wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes,

eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch

veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken.

„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede

Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt

werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch

weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste

entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den

Ernst der Situation zu erfassen!“

Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei

Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen

werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das

Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst

bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen

er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem

Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“

„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich

habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch

meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein

und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir

jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung

nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“

Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die

Folgen sein werden?“

„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und

nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen.

Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda

das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht

eben schön sei, wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das

angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei

geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein

gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden.

Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte:

„Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du

vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des

Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen

und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat

über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen

und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“

„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die

Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“

„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß

die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben,

sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien

ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich

glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen

würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten

kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch

verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus

Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“

„Na ja, meinetwegen!“

„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die

bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner

Bestrebungen erreicht, die Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch

etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt,

daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft

boykottiert werden muß!“

„Wieso?“

„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird

die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener

dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“

„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz

ruiniert!“

„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit,

Weiberl!“

„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß

ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall

schon weit genug entfernt!“

„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher

Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar

nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“

Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu

übermitteln habe.

„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt,

zur Krämerin zu gehen!“

„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu

beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung

macht!“

„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt

willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die

Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht

recht!“

„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche!

Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben

genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen

aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die

Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch

leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die

Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los

ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme

ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen

tropfen!“

„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und

daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“

„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“

Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr

zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte

Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung

der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung

der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen

weiteragitieren.

Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich

wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung

gegenüber einnehme.

Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht.

„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung,

ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das

Familienleben!“ Dann zeterte die rabiate Krämerin davon, daß der

Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit

Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen

bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei

der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben

sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib,

wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen

gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen

uns gepredigt hat!“

Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die

Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung.

„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die

hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit!

Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder

Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“

„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der

Fürstin?“

„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die

Krämerin und schnipste mit den Fingern.

„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht

schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones.

„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“

„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der

Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen

beziehen! Und sämtlichen Beamten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen

Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen -- -- --!“

„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach!

Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät!

Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas -- Mariand --

Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist

der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“

„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung

Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die

‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit

aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die

Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott

über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“

„Jess -- Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären!

Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin

ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen,

von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ

und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar

kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin

ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den

Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum

Geschäftsruin!“

„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die

Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst

um -- --!“

„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt!

So dumm bin ich nicht, daß ich mich für andere Leute opfere, gegen

den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm

bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein

werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament

die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu

überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin

von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“

„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“

„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit!

Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete!

Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“

„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau

genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte.

„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“

„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen

der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation

nunmehr meidet!“

„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten

Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“

Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer

erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda

lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei

längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.

Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte

sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß

mit der Krämerin war erquickend gewesen...

*

Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der

feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes

vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender

Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken

des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig;

aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse,

küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen

Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete

den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in

seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben.

Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute

erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch

treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben

immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele,

wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf.

Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer

und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich

Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die _Vota solemnia_

ablegen... Ohne Mißton in der Seele!

Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und

darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus

abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte;

dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden

mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine

Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem

großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit

kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich

der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar

erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre:

„Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit

befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll

zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig!

Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die

Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem

Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in

Sehnsucht zum Altare treten...!“

Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals

gab Kraft und Mut.

Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom

Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten

Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit

ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!

Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die

von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen,

die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet.

Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.

Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den

Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein

mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden

blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der

Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer

Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche,

zur Ablegung der _Vota solemnia_ bereit sei. Ein forschender Blick auf

den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des

Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.

Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen

Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die

Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.

Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins

Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende

Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.

„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“

Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen

Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein

Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen

hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 31 / 60 题