Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine
wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die
Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt,
indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der
Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die
ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank
einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde.
Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der
Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig
den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte
Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde.
„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich
sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der
Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern
hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen!
Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten
wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir
das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft
einhändigen!“
„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich
bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich
auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte
mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft.
Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die
Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die
am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach:
„Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau
sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als
Haushaltsvorstand befehle ich das!“
Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda.
Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der
Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang
dieses Lachen der Geringschätzung.
Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart
in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende
Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“
Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den
geballten Händen auf ihre Knie.
Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt
fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu
vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie
wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes,
eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch
veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken.
„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede
Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt
werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch
weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste
entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den
Ernst der Situation zu erfassen!“
Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei
Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen
werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das
Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst
bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen
er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem
Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“
„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich
habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch
meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein
und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir
jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung
nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“
Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die
Folgen sein werden?“
„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und
nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen.
Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda
das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht
eben schön sei, wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das
angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei
geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein
gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden.
Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte:
„Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du
vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des
Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen
und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat
über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen
und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“
„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die
Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“
„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß
die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben,
sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien
ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich
glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen
würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten
kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch
verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus
Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“
„Na ja, meinetwegen!“
„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die
bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner
Bestrebungen erreicht, die Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch
etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt,
daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft
boykottiert werden muß!“
„Wieso?“
„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird
die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener
dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“
„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz
ruiniert!“
„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit,
Weiberl!“
„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß
ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall
schon weit genug entfernt!“
„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher
Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar
nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“
Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu
übermitteln habe.
„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt,
zur Krämerin zu gehen!“
„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu
beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung
macht!“
„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt
willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die
Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht
recht!“
„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche!
Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben
genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen
aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die
Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch
leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die
Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los
ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme
ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen
tropfen!“
„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und
daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“
„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“
Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr
zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte
Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung
der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung
der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen
weiteragitieren.
Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich
wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung
gegenüber einnehme.
Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht.
„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung,
ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das
Familienleben!“ Dann zeterte die rabiate Krämerin davon, daß der
Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit
Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen
bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei
der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben
sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib,
wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen
gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen
uns gepredigt hat!“
Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die
Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung.
„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die
hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit!
Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder
Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“
„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der
Fürstin?“
„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die
Krämerin und schnipste mit den Fingern.
„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht
schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones.
„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“
„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der
Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen
beziehen! Und sämtlichen Beamten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen
Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen -- -- --!“
„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach!
Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät!
Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas -- Mariand --
Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist
der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“
„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung
Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die
‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit
aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die
Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott
über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“
„Jess -- Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären!
Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin
ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen,
von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ
und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar
kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin
ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den
Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum
Geschäftsruin!“
„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die
Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst
um -- --!“
„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt!
So dumm bin ich nicht, daß ich mich für andere Leute opfere, gegen
den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm
bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein
werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament
die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu
überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin
von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“
„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“
„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit!
Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete!
Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“
„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau
genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte.
„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“
„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen
der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation
nunmehr meidet!“
„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten
Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“
Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer
erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda
lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei
längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.
Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte
sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß
mit der Krämerin war erquickend gewesen...
*
Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der
feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes
vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender
Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken
des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig;
aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse,
küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen
Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete
den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in
seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben.
Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute
erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch
treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben
immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele,
wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf.
Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer
und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich
Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die _Vota solemnia_
ablegen... Ohne Mißton in der Seele!
Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und
darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus
abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte;
dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden
mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine
Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem
großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit
kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich
der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar
erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre:
„Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit
befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll
zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig!
Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die
Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem
Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in
Sehnsucht zum Altare treten...!“
Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals
gab Kraft und Mut.
Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom
Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten
Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit
ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!
Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die
von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen,
die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet.
Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.
Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den
Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein
mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden
blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der
Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer
Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche,
zur Ablegung der _Vota solemnia_ bereit sei. Ein forschender Blick auf
den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des
Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.
Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen
Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die
Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.
Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins
Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende
Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.
„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“
Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen
Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein
Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen
hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.