„Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr
Hartlieb!“ Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg
und lief im Trab davon.
Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie
es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren...
Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister
aufzusuchen.
Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr
nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade
gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend
fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe.
„Ich bitte darum!“ Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein
Gefängnis für sie geworden ist.
Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um
Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber
wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame
Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte
aber Emil nicht. Und groß staunte er, als nach der Mitteilung, daß
nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten
werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil
schriftlich um Verzeihung bitten.
Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun
behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu
machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch
größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat
ein: „Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!“
Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad
zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite
fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen
war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem
Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie
immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene
Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise
erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil
mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen.
Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von
Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen
grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes
erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders
groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein
einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater
Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen,
durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid stand zu hoffen,
daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter
keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen.
Über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf
noch nicht.
Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte
Emil am Hotel „Zur Post“ zu seiner freudigsten Überraschung seinen
Adjutanten Baron Wolffsegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief
Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an.
Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte,
nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf.
Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen
Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der
Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten.
Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant
sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat.
Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber
doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei,
nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer.
Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. „Wollte
soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten
Herrschaften!“
Emil lachte: „Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich
freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen!
Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!“
„Zu dienen, Durchlaucht!“
Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den Busch mit der Frage, ob
sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe.
„Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist
es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den
Luxus einer Liebesheirat leisten kann!“
„Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig!
Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?“
„Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank
deponiert!“
„Alles?“
„Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?“
„Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden
mit Diskretion, sein wollen!“
„Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert
Kronen entbehren!“
„Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme
Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!“
„Selbstverständlich!“
Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche.
„Wann soll ich den Dienst antreten?“
„Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen
wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!“
„Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere...!“
„Die Jagd interessiert mich nicht!“
„Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also
demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in
Ihren Revieren jagen?“
„Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb,
den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!“
Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte
in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der
Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend.
Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil
zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte
nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu
treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum
Diner mußte er im Jagdschlößl sein.
Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte
Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch
Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil
der Mann schweigen kann.
Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen.
Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom
Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch
gemacht habe und plötzlich abgereist sei.
Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des
Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend,
bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage
belästigt zu haben.
Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der
Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich
im Faulenzen übe...
Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter.
Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den
Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich
rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung
Gebrauch zu machen.